Unterwelten by Uwe Schütte - Read Online
Unterwelten
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Leben und Werk eines der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit.Mit seinen Romanzyklen "Orkus" und "Die Archive des Schweigens" hat Gerhard Roth sich als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erwiesen. Seine literarische Arbeit hat er drei Jahrzehnte lang dem Kampf gegen das Verschweigen historischer Schuld gewidmet, wie er sich auch immer wieder engagiert in politische Debatten eingemischt hat.

Uwe Schüttes Dossier verschafft einen aufschlussreichen Einblick in Roths umfangreiches Gesamtwerk und macht es als künstlerische Spurensuche im Dunkel der Vergangenheit begreifbar - als Projekt, das immer auch als Gegenentwurf zur offiziellen Geschichte lesbar ist, als vielschichtiges Werk, das den Verfolgten, Vergessenen und Ausgegrenzten eine Stimme gibt.
Published: Residenz Verlag on
ISBN: 9783701743674
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Unterwelten - Uwe Schütte

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Erster Teil Die Biografie

Die Fiktion ist für mich eine Form der Realität. Schreiben heißt

fiktive Wahrheit erzeugen. Insofern ist die Fiktion nur eine andere

Form der Realität und die Realität eine andere Form der Fiktion.

Gerhard Roth

Gerhard Roth ist ein Autor, der den Widerspruch nicht inszeniert, ihn aber in mancher Hinsicht verkörpert. Als er mit Anfang 30 die literarische Bühne seiner Heimatstadt Graz betrat, da fiel gerade dies vielen Beobachtern auf: der Widerspruch zwischen den psychische Extremzustände auslotenden Texten, mit denen er sich um 1972/73 schlagartig einen Namen machte, und seinem unauffälligen, bescheidenen Auftreten. Unvereinbar schien auch seine Existenz als dreifacher Familienvater und Leiter der Organisationsabteilung des Grazer Computerrechenzentrums, kurzum: seine bürgerliche Lebensform, mit der hedonistischen Bohème-Existenz seiner Grazer Autorenkollegen, die nicht nur die Literatur auf den Kopf stellten, sondern auch traditionelle Vorstellungen von dem, was und wie ein Schriftsteller zu sein hat.

Wer Roth persönlich kennenlernt, dem wiederum wird nicht der Kontrast entgehen zwischen der bärenhaften Gestalt des fast zwei Meter großen Mannes, der sich in der Öffentlichkeit mit nicht selten furioser Streitlust in die politischen Geschicke seines Heimatlandes einmischt, und seinem privaten Auftreten, das von entwaffnender Herzlichkeit und oft sogar von verletzlich erscheinender Zärtlichkeit ist. Roth sei »ein scheuer, diskreter, leiser Mensch, ein Einzelgänger«,¹ schrieb eine Journalistin in einem 1998 entstandenen Porträt des Schriftstellers.

Roth hat sich ein eigentümliches, eigenwilliges Werk erarbeitet, das außer den zahlreichen Büchern, die neben einer stilistisch vielschichtigen Erzählprosa auch essayistische und dokumentarische Schreibweisen umfassen, ebenso aus einem umfangreichen Pool an Fotografien besteht und eine ansehnliche Zahl an Filmen inkludiert. Das Kernstück seines literarischen Schaffens bildet dabei der in über drei Jahrzehnten währender Arbeit entstandene Doppelzyklus aus den beiden Heptalogien Die Archive des Schweigens und Orkus. Beide sind so gearbeitet, dass jeder Band einerseits als Werk für sich gelesen werden und solchermaßen als Zugang zum gesamten Zyklus funktionieren kann, andererseits aber auch an einem ganz bestimmten Platz in der logischen Abfolge des Werks steht.

Das gleich einer Doppelhelix miteinander verknüpfte Gebilde ist ein veritabler Solitär im Korpus der Weltliteratur, in dem Roth seine nicht selten energiezehrenden Expeditionen in das Innere von Österreich und in die Tiefenschichten der menschlichen Existenz dokumentiert. Wie ein Gerichtsmediziner hat er den politischen Wahnsinn des zwanzigsten Jahrhunderts seziert, um so dem fatalen Magnetismus auf die Spur zu kommen, der den Menschen zum Verbrecherischen hinzieht. Mit diesem aufklärerischen Impetus einher geht das ethische Bestreben, jenen eine Stimme zu geben, die ausgegrenzt, zum Schweigen verurteilt und ermordet wurden. Es ist diese Verknüpfung, die seinem Schreiben eine besondere moralische wie politische Signatur verleiht.

Beendet ist sein Werk nun, nach Abschluss des Doppelzyklus, noch lange nicht. Das Schreiben, so Roth, ist für ihn wie ein Zwang und nicht selten eine Last. Dennoch ist es an der Zeit, einmal Rückschau zu halten auf Gerhard Roths literarische Forschungsreisen in die Unterwelten des eigenen wie des kollektiven Unbewussten, der österreichischen Geschichte und der europäischen Kultur.

»Ich war nach der Geburt unsäglich dick, ein Riesenbaby von comichaftem Aussehen, eine Stopfgans in Babygestalt« (AZ 122) – so beschreibt er sich, zweifellos mit einer Prise ironischer Negativstilisierung, in seiner Kindheits- und Jugendautobiografie Das Alphabet der Zeit. An deren Anfang steht die früheste Erinnerung: Im Jänner 1945 flieht die Mutter mit Roth und seinen Brüdern, dem älteren Paul und dem jüngeren Helmut, vor der Roten Armee aus Graz in Richtung Deutschland. Der Vater war dort in Unterfranken als Stabsarzt in einem Lazarett stationiert und wollte seine Familie in Sicherheit bringen. Als der Zug mit den Flüchtenden jedoch die Stadt Mautern passierte, kam es zu einem Tieffliegerangriff durch die Royal Air Force.

In Panik fliehen die Passagiere aufs Feld, das Kleinkind spürt die ungeheure Angst der Mutter, sieht die überall einschlagenden Geschoße und erblickt seinen ersten Toten. Nach einer Ruhepause geht es am nächsten Tag weiter und als sich die Mutter im Laufe der chaotischen Reise einmal weigert, in einen Zug einzusteigen, erweist sich ihr Instinkt als richtig: Wie man später erfährt, ist dieser Zug, der über Linz nach Würzburg fahren sollte, im Bahnhof von Nürnberg bei einem Bombenangriff getroffen worden. Es gab Hunderte Todesopfer, darunter viele Mitreisende der Familie Roth.

Schon in frühester Kindheit verdankt Roth so dem Handeln seiner Mutter das Leben; auch sein Vater, den er beim Wiedersehen in Würzburg wie einen Fremden empfindet, wird es ihm später noch mehrmals retten. Bis Ende 1945 bleibt die zusammengeführte Familie in Bayern, bevor sie nach Österreich zurückfährt, das nun von der britischen Armee kontrolliert wird. In die Wohnung am Geidorfgürtel im Grazer Universitätsviertel aber darf sie nicht mehr zurückkehren, da diese von den Militärbehörden beschlagnahmt wurde.

Daher sucht die Familie zunächst Unterschlupf bei den Eltern der Mutter, die in einer Zimmer-Küche-Wohnung am Kirchweg 9 im Grazer Vorort Gösting wohnen. Neun Monate halten alle in der überfüllten Unterkunft aus, bevor die Familie schließlich eine eigene Wohnung am Weidweg 9 in Gösting findet. Als ehemaligem »Nazi-Parteigenossen« und aus Siebenbürgen stammendem »Staatenlosen« ist dem Vater eine Aufnahme in den öffentlichen Gesundheitsdienst zunächst verwehrt. Daher praktiziert er sozusagen heimlich in der Privatwohnung. Da allerdings viele der Patienten kein Geld haben, fallen für die Familie zumeist nur Naturalien an – »Zwetschgen und Eier, eingelegte Gurken oder ein paar Blumen« (AZ 75) sind die karge Gegenleistung für die medizinische Betreuung.

Durch die ärztliche Tätigkeit des Vaters wird Roth so früh schon mit Unfallwunden, schweren Krankheiten und Beschwerden aller Art konfrontiert. Die medizinischen Lehrbücher wiederum, die er insgeheim durchblättert, halten für das Kind ein wahres Horrorszenario an Verletzungen und körperlichen Abnormitäten bereit. Oftmals darf das Kind assistieren, da der Vater sich wünscht, dass sein Sohn einmal ebenfalls Arzt wird. Roth erlebt als Kind und Jugendlicher die Gebrechlichkeit des Körpers aber auch an sich selbst: »Auf eine Krankheit folgte eine Genesungsphase, auf eine Genesungsphase ein Unfall und so fort. Die Serie an Unglücken, Ansteckungen und selbst verschuldeten Unfällen hörte nie auf, nur die Abstände zwischen den Ereignissen wurden, als ich erwachsen wurde, größer und die Schwere nahm ab.« (AZ 144f)

Es ist also kein Wunder, dass Roth für das Phänomen der Krankheit zeitlebens Interesse hegt, wie seine Bücher nur allzu deutlich zeigen. Das betrifft vor allem die Welt der Geisteskrankheiten. Mit ihr gerät er erstmals in Berührung, als er mit seiner Mutter in die ›Irrenanstalt‹ am Feldhof geht, um »Onkel Fritzl«, den verrückten Cousin seiner Mutter, zu besuchen. Dessen merkwürdiges Verhalten irritiert das Kind. Auch ein wunderlicher Mann in der Göstinger Nachbarschaft schürt die Faszination für Menschen, die von der sogenannten Norm abweichen. Später wird Roth den Begriff des ›Normopathen‹ benutzen, um damit zu kennzeichnen, dass vielmehr die Einhaltung vorgegebener Verhaltensweisen eine Form der Pathologie ist, während die Geisteskranken, mit deren Kunst er sich ab den siebziger Jahren intensiv zu beschäftigen beginnt, eine Verbindung eröffnen zu dem, was die Gesellschaft aus Furcht verdrängt.

Für das Kind ist das Leben in Gösting geradezu ein Abenteuer: Die Eisenbahngleise des Rangierbahnhofs befinden sich in unmittelbarer Nähe, daneben steht ein Sägewerk, gegenüber liegt eine große Müllhalde, während im Garten aus unerfindlichen Gründen ein ausrangierter Rotkreuzwagen der englischen Armee steht. Die nahe gelegene Endstation der Straßenbahn ermöglicht später Ausflüge in die Stadt. Für die Eltern hingegen ist das Leben gegenüber der Mülldeponie, deren Gestank »bei Föhn oder einem Sturm in alle Poren einzudringen und den Körper zu vergiften« (AZ 78) schien, eine arge soziale Deklassierung, zumal die Jahre in Gösting auch eine Zeit wirtschaftlicher Not sind. »In der Stadt gab es alles, am Weidweg nur die Hölle, wie meine Mutter weinend sagte.« (AZ 88)

Der Krieg ist vorbei, hat aber seine Spuren in den Menschen hinterlassen, auf die das Kind in der Siedlung an der Peripherie stieß. »Damals begegnete man auf der Straße häufig Kindern und Erwachsenen mit Kriegsschäden – fehlenden Armen, Beinen – und auch Blinden« (AZ 105), aber, besonders am Land, auch Schwachsinnigen und Geisteskranken, von denen sich der junge Gerhard besonders fasziniert zeigt. Es kursieren Gerüchte über Nachbarn, die sich an Kriegsverbrechen beteiligt haben sollen, und wenn im Radio der Name Adolf Hitler genannt wird, heißt es nur kurzangebunden, dieser sei »ein Mörder« gewesen. Der Nationalsozialismus bildet so den schemenhaften Hintergrund der Zeit als ein Geheimnis, das die Erwachsenen von Gerhard und seinen Brüdern fernhalten.

Offen hingegen kämpfen die Eltern darum, die Streifzüge und Ausflüge ihrer Kinder in der nicht ungefährlichen Umgebung zu kontrollieren. Nichtsdestotrotz kommt es beispielsweise zu unerlaubten Exkursionen auf die Müllhalde, wo man nach brauchbarem »Spielzeug« und anderem Abfallmaterial sucht. Aus den Vorräten des Sägewerks entwenden die Kinder Holzscheite, um sich Spielzeuggewehre zu basteln, während man auf den Eisenbahngleisen lebensgefährliche Spiele mit den vorbeifahrenden Zügen treibt. Dabei wäre Roth einmal fast überfahren worden, hätte sein älterer Bruder ihn nicht im letzten Augenblick zurückgezogen.

Ein zentraler Einschnitt in Roths Leben vollzieht sich durch die Ankunft der Großmutter väterlicherseits. Nach dem Tod ihres Ehemannes – Roths Großvater, den Gerhard nie kennengelernt hat –, übersiedelt sie im Jahre 1947 aus Siebenbürgen nach Gösting. Die alte Frau erschreckt das Kind zunächst, denn sie leidet an einer Form des Tourette-Syndroms und daher an Gesichtszuckungen, außerdem gibt sie mit den Lippen »Schnalzlaute« von sich. »Sie war gleichzeitig sie selbst und ihre eigene Karikatur« (AZ 204), erinnert sich Roth. Schnell jedoch schlägt das Widerstreben gegen die sich bizarr verhaltende Großmutter in große Zuneigung um. Sie verteidigt den kleinen Gerhard gegen den Tadel der Eltern und erzählt ihm ausschweifende Geschichten, »mit Vorliebe vom österreichischen Kaiser Franz Joseph, dem guten Herrscher, und von der großen österreichischen Monarchie, dem Land, das für immer untergegangen sei«. (AZ 207)

Später weckt sie Roths Interesse für ferne Länder und seine Passion für Landkarten, sie zeichnet und entwirft mit ihm Pläne von Fantasiereichen oder erzählt ihm vom Ausbruch des Vulkans Vesuv und vom Schicksal der Stadt Pompeji – alles Dinge, die Spuren im Werk Roths hinterlassen werden, insbesondere im Roman Winterreise. Darin verarbeitet er nicht nur seine Besteigung des Vesuv, sondern auch den Besuch der Phlegräischen Felder, die rund 20 Kilometer westlich liegen und heute wegen verstärkter unterirdischer Aktivität gesperrt sind. (Später wird Roth noch drei weitere Vulkane – den Ätna sowie in Japan den Aso und den Sakurajima – besuchen.)

Der Großmutter, die selbst Gedichte schreibt, kommt vor allem das Verdienst zu, Roth auf die Spur des Künstlertums gesetzt zu haben. Zusammen basteln sie ›Bücher‹, der Enkel erfindet nach ihrem Vorbild fantastische Geschichten, die dann von ihr niedergeschrieben und illustriert werden. Sie begeistert sich für die rege Fantasie des Enkels, der im Prozess des Erzählens selbst Erlebtes mit frei Erfundenem vermischt, so »dass sie am Schluss bewundernd ausrief, ich sei ein ›Künstler‹! Diesen Satz wiederholte sie von da an immer wieder. […] Hatte ich etwas Schweres in Händen, rief sie sofort: ›Du darfst nichts tragen! Das ist zu schwer für dich!‹, und fügte hinzu: ›Du bist ein Künstler!‹« (AZ 217f) Im Laufe der Zeit entsteht so eine kleine ›Bibliothek‹ – das eigentliche ›Frühwerk‹ Gerhard Roths. Dieses ist zwar verloren gegangen, der schriftstellerische Auftakt jedenfalls war unwiderruflich gemacht: »Plötzlich wurden meine geheimen Gedanken, geschützt durch eine erfundene Geschichte, hörbar, und gerade sie erregten die Bewunderung meiner Großmutter.« (AZ 229)

Eine wichtige Bezugsperson ist auch der Großvater mütterlicherseits, der als Glasbläser gearbeitet hat. Er kam in Istanbul auf die Welt, weil sein Vater dort im selben Beruf als ›Gastarbeiter‹ tätig war. Der Großvater beeindruckt den Enkel durch die Erzählungen vom größten Abenteuer seines Lebens, der großen Walz, die ihn von Graz über Prag nach Bremen und von Deutschland aus durch fast ganz Europa geführt hat. Als blinder Passagier versuchte er sich nach Amerika einzuschiffen, ging aber in Cardiff an Land, im Glauben, die USA erreicht zu haben. Von Wales aus schiffte er sich mit Komplikationen wieder ein und bereiste das Meer von Norwegen bis Nordafrika auf dem Frachtschiff Anna. »Großmutter und Großvater waren die beiden Erzähler meiner Kindheit und – wenn sie Zeit hatte – auch meine Mutter, während mein Vater nichts von sich preisgab.« (AZ 276)

Seine Volksschulzeit hat Roth »nur als quälende Zeitverschwendung in Erinnerung« (AZ 311), dennoch ist er ein guter Schüler. Ein Lichtblick ist überdies die Klassenlehrerin Frau Prangl, zu welcher Gerhard eine unerfüllte Liebe entwickelt. Erotisch angezogen von ihr, stiehlt er eine Brosche seiner Großmutter, um sie der angehimmelten Lehrerin zu schenken. Die Angelegenheit nimmt später ein kurioses Ende. Als Roth ihr nach seiner Matura einen Besuch in der Volksschule Gösting abstattet, trägt Frau Prangl die Brosche.

Eine entscheidende Wendung in seinem Leben tritt ein, als die Mutter ihre ursprüngliche Wohnung am Geidorfgürtel im Universitätsviertel zurückerhält. Für die Großmutter ist dort nämlich kein Platz, sodass es zu einer räumlichen Trennung von ihr kommt, die sich im Laufe der Zeit zu einer emotionalen Distanz entwickelt. Roth selbst ist in der neuen Umgebung nicht unbedingt glücklicher und empfindet den Umzug als Entwurzelung und insofern auch als biografischen Bruch, der den Umschwung von der Kindheit zur Jugend markiert.

Nach der Übersiedlung, in der 4. Klasse Volksschule, leidet Roth auch unter einem neuen autoritären, autokratischen Lehrer, der seine Schüler schlägt und schikaniert. Es ist dies der angsteinflößende Oberlehrer Scherrer, »ein glatzköpfiger Dämon, der im Jähzorn, laut nach Atem ringend wie ein Erstickender, seine Schüler an den Haaren riss, bis ganze Büschel auf den Pulten lagen«. (AZ 417) Selbstmordgedanken bestimmen so nicht selten die Geistesverfassung des Schülers Roth.

Auch die Mittelschule wird als Tortur empfunden. Er ist jetzt ein entsprechend schlechter Schüler, wobei die Erniedrigungen und Verfolgungen durch verrohte Mitschüler in der Unterstufe eine wesentliche Rolle spielen. Wenngleich er sich als Jugendlicher für Philatelie und, wie schon als Kind, fürs Mikroskopieren interessiert, erweist sich Roth in seiner Schulzeit aber in jeder Hinsicht als ein begeisterter Sportler. Nicht nur spielt er jetzt bei Vereinen Fußball und Basketball, er geht mit dem Vater oftmals ins Fußballstadion und wird zu einem lebenslangen Fan des SK-Sturm Graz, dessen Spiele er nunmehr seit über sechzig Jahren unverbrüchlich besucht.

Der Konflikt mit den Eltern wird mit fortschreitendem Alter ausgeprägter, nachdem Roth Mitte der fünfziger Jahre zufällig im Grazer Opernkino durch einen Dokumentarfilm über den Nürnberger Prozess das ganze Ausmaß der Verbrechen des Nationalsozialismus erfährt. Der Anblick der Leichenberge auf der Leinwand ist für ihn ein veritabler Schock. Irritiert suchte der Jugendliche in der Folge nach Fluchträumen jenseits der Wirklichkeit. Er findet sie zunächst im Kino, das er mit Hingabe besucht, die rigide kontrollierten Altersbeschränkungen dabei geschickt umgehend. Später entdeckt Roth dann den Rock’n’Roll als emanzipierende Macht gegen den Muff der Zeit:

Die Musik stellte meine Bücher, Filme, Zeitschriften und den Sport eine Zeitlang in den Schatten, sie schlug in mein Dasein ein wie ein Blitz […] Es war eine Energietransfusion, wie ich sie erst Jahre später wieder durch die Literatur erfahren sollte, und gleichzeitig die Bestätigung, dass ich mit meinem Unglück nicht allein war. (AZ 610)

Parallel zu diesen zeittypischen Auflehnungsversuchen läuft die Entdeckung der Sexualität, die sich unter den moralisch restriktiven Bedingungen der fünfziger Jahre weitgehend im Geheimen abspielen muss. Das hat Folgen: Mit 16 lernt er die um drei Jahre ältere Schauspielschülerin Erika Wolfgruber kennen, die von ihm ein Jahr später schwanger wird. Drei Tage vor seinem 18. Geburtstag wird Roth zum ersten Mal Vater. Zwar hat er die Unterstützung seiner Eltern, im sozialen Umfeld aber gilt die Geburt der Tochter Eva als Skandal und zieht etwa Schikanen des Lateinprofessors nach sich, der hinterhältig die Absolvierung der Matura verzögert.

Dem Wehrdienst entkommt Roth, wenn auch nicht ohne Komplikationen, durch Ausmusterung aufgrund gesundheitlicher Probleme. Entgegen seiner Neigung zur Literatur und seinem Berufswunsch Schauspielerei, den er durch Statistenrollen am Stadttheater auslebt, muss sich Roth angesichts seiner abhängigen Lage dem Druck des Vaters fügen und inskribiert Medizin an der Universität Graz. Er verfolgt das Studium jedoch nur halbherzig; seine eigentliche Passion gehört der Kunst. Roth hält Kontakte zur Grazer Kunstszene und schreibt seit circa 1965 an einem Manuskript, das den evokativen Titel Aufzeichnungen eines überflüssigen Menschen trägt.

Wie der Abdruck des ersten Kapitels im Studentenmagazin der Grazer Universität von 1967 zeigt, war der Text deutlich von Knut Hamsuns Hunger (1890) beeinflusst, in dem der Verfall eines jungen Schriftstellers geschildert wird. Lieber als im Studentenmagazin hätte Roth den Abdruck in der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte gesehen, für Roth damals das A & O der Literatur. Dort jedoch lehnte man den Text ab. Zu sehr stand er noch im Schatten der realistischen Erzählnormen des neunzehnten Jahrhunderts, die man im Umfeld der Grazer Gruppe mit allen Mitteln zu überwinden trachtete.

Unter den weiteren Texten, die er bis Ende der sechziger Jahre im Studentenmagazin veröffentlicht, befindet sich ein Essay über Henry Miller. Dessen Bücher Der Wendekreis des Krebses (1934) und Der Wendekreis des Steinbocks (1939) waren damals in den Buchhandlungen nur erhältlich, wenn man mit seiner Unterschrift auf einem beigelegten Formular bestätigte, älter als 21 Jahre und mithin nach damaligen Gesetzen großjährig zu sein. Roth zeigte sich in seinem Aufsatz fasziniert von der Offenheit, mit welcher der amerikanische Autor die Sexualität behandelte. Sie erschien ihm wie ein Protest gegen die als bedrückend erfahrene moralische Enge seiner Zeit. Später verarbeitete Roth in Winterreise auf seine Weise die Lektüre der »Wendekreis«-Romane.

1967 bricht er sein Medizinstudium schließlich nach zwölf Semestern ab, noch bevor er das erste Rigorosum abgelegt hat. Es ist ein Befreiungsschlag, doch die Zwänge bleiben: Da nach der Heirat mit Erika Wolfgruber (1963) noch zwei weitere Kinder geboren werden – die Tochter Petra und der Sohn Thomas –, muss Roth eine schließlich fünfköpfige Familie ernähren. Er nimmt daher eine Stelle als Operator im Grazer Rechenzentrum an. Die Arbeit dort erlebt Roth als anstrengend, entfremdend und konfliktreich. Er sieht, welche privaten Folgen die Umstände eines Erwerbslebens, etwa der rigide Schichtbetrieb, haben. Dennoch machte er im Rechenzentrum schnell Karriere und wird schon 1968/69 zum Abteilungsleiter befördert. So steigerte er durch ein innovatives Ablaufverfahren die Effizienz der Organisationsvorgänge und führte noch weitere, kostbare Computerzeit sparende Reformen ein.

Für sein literarisches Werk waren die knapp zehn Jahre im Rechenzentrum durchaus eine Art Propädeutikum: Die Datenverarbeitung etwa erwies sich als eine Schule der Genauigkeit und eine Anleitung zur Vermeidung von Redundanz. Im Kontext seiner Arbeit mit dem Riesenrechner lernt Roth die Schriften von Norbert Wiener über Kybernetik kennen, beschäftigt sich mit binärer Mathematik und verfasst 1971 mit seinem Kollegen Bernhard Lernpeiss eine Einführung in die elektronische Datenverarbeitung – seine erste Buchveröffentlichung.

Doch Roth hat anderes im Sinn als ein vom Großrechner diktiertes Leben: Neben der Brotarbeit, an Wochenenden und in der Nacht, schreibt er weiter an den Aufzeichnungen eines überflüssigen Menschen. Literarisch fruchtbar werden diese Ausgangsfaktoren nach einem (un)glücklichen Zufall: Ein Wasserrohrbruch beschädigt 1967 das Manuskript in weiten Teilen. Roth reagierte auf diesen Rückschlag mit einer Mischung aus Rekonstruktion und Neuansatz. Erhalten gebliebene Fragmente ergeben überraschende Verknüpfungen. Anstatt die nun bestehenden Lücken zu füllen, probierte er neue Schreibformen aus, um dem Thema der Andersartigkeit und den dargestellten Fremdheitsgefühlen eine formal innovative Gestalt zu geben. Das Manuskript wurde so geradezu revolutioniert.

Ein Kollege im Rechenzentrum, Fritz Königshofer, schickt das Manuskript der gänzlich überarbeiteten Version, die nun den Titel die autobiographie des albert einstein trägt, ohne Roths Wissen an den Suhrkamp Verlag. Dieser nimmt es prompt zur Publikation an. Unverhofft erfüllt sich so 1972 sein großer Wunsch – Roth dankt es dem Vermittler, indem er dessen Namen als Hommage sowohl im Debüt wie späteren Texten en passant einfließen lässt. Bis zum Status des freien Schriftstellers ist es aber noch ein steiniger Weg.

Auf den Vertrag mit Suhrkamp ergibt sich ein weiterer Erfolg, der Roth ebenso viel bedeutet: Die bewunderten manuskripte drucken noch vor Erscheinen seines ersten Buches den Text Künstel ab. Er war damit in den Kreis der Grazer Gruppe aufgenommen, empfindet sich aber trotzdem eher als Einzelgänger denn als Gruppenmitglied. Zugleich ermöglicht sein erstes, von der Landesregierung Steiermark verliehenes Stipendium eine Reise in die USA, die er zusammen mit Wolfgang Bauer unternimmt. Die erstmalige Begegnung mit Amerika legt den Grundstock für weitere Reisen dorthin