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Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung

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Holocaust-Revisionismus · Aktion Troja · Völkermord nicht gleich Völkermord · Deutschland verletzt Meinungsfreiheit
Inhaltliche Voraussetzungen: Vorgehensweise: Mit Ausnahme anonym zugesandter Beiträge VffG, Jahrgang 1, Nr. 3, September 1997, 90 Seiten: bald wieder erhältlich!
Themengebiete: Geschichte, insbesondere Zeitgeschichte; werden Korrekturbögen nach Erfassung zugesandt, ein Pseudohumanistische Heuchler · Holocaust: Dieselmotorabgase töten langsam · Revisionisten haben Luftüber-
daneben auch Meinungs- und Forschungsfreiheit. Nach Recht auf Abdruck entsteht dadurch nicht. Das eventuelle legenheit · Auschwitz-Kronzeuge Dr. Münch im Gespräch · „Wissenschaftler“ am Werk · A. Bomba, der Friseur von Treblinka
Möglichkeit neuartige, bisher unveröffentlichte Berichte, Erscheinungsdatum behält sich die Redaktion vor. Ein · Auschwitz: Die Paradoxie der Erlebnisse · Geschichtliche Korrekturen · Über die Feigheit des Establishments · Über den Mut
Übersichtsartikel bzw. Forschungsergebnisse; Autorenhonorar wird nur gezahlt, falls der Autor unter von Einzelgängern · Grundlagen zur Zeitgeschichte: Gutachterliche Stellungnahme · Ziviler Ungehorsam in der Justiz?
Stil: systematischer Aufbau; sachlich; Belegung von Tat- gesellschaftlicher und/oder staatlicher Verfolgung wegen VffG, Jahrgang 1, Nr. 4, Dezember 1997, 82 Seiten: bald wieder erhältlich!
sachenbehauptungen; merkliche Trennung von Meinung und seinen Meinungsäußerungen leidet. Es wird jeweils nur ein Rudolf Gutachten: »gefährlich« · Technik deutscher Gasschutzbunker · Sauna ein »Verbrechen«? · Was
Tatsachenbehauptungen. Belegexemplar versandt. Auf ausdrücklichen Wunsch können geschah den aus Frankreich deportierten Juden? · Juden von Kaszony · Wieviel Gefangene wurden nach Auschwitz gebracht ? ·
bis zu fünf Belegexemplare zugesandt werden. Himmler-Befehl zum Vergasung-Stop · NS-Sprache gegenüber Juden · Ch. Browning: unwissender Experte · Deutscher Soldat
Äußere Voraussetzungen: Aus naheliegenden Gründen drucken in Auschwitz und Buchenwald · Die Ignoranz der deutschen Elite · Menschenrechtsorganisationen und Revisionismus
wir Beiträge gegebenfalls auch unter Pseudonymen ab, die Daten: Wir bevorzugen Daten auf Diskette (PC, evtl. auch VffG, Jahrgang 2, Nr. 1, März 1998, 82 Seiten
wir selbstverständlich streng vertraulich behandeln. Anonym MAC, 3,5”/1,44MB und ZIP/100 oder 250 MB). Die Datei- Grundwasser in Auschwitz-Birkenau · Die »Gasprüfer« von Auschwitz · Zweimal Dachau · Irren-Offensive
zugesandte Beiträge, die ebenfalls willkommen sind, können formate der üblichen Textverarbeitungsprogramme können in · Ein Australier in Auschwitz · Die Affäre Papon-Jouffa-Faurisson · Maurice Papon und Yves Jouffa: zweierlei Maß? · Milli-
nur veröffentlicht werden, wenn sie inhaltlich annähernd der Regel alle verarbeitet werden, vorteilhaft sind jedoch aus arden Franc den Juden geraubt… oder von Marschall Pétain? · Büchervernichter und ihre Opfer · 451 Grad Fahrenheit · Vom
druckreif sind. Gründen der Portabilität Dateien des Formats *.rtf (Rich Text Holocaust Museum ausgeladen: Schriftsteller spricht beim Nationalen Presseclub
Es besteht keine Umfangsbeschränkung für eingereichte Format). Wir selbst verwenden bevorzugt MS Word97/2000 VffG, Jahrgang 2, Nr. 2, Juni 1998, 82 Seiten
Appell an unsere Unterstützer · Kurzwellen-Entlausungsanlagen in Auschwitz · ›Gaskammern‹ von Majdanek
Beiträge. Beiträge, die merklich 10 Seiten in unserer Zeitschrift sowie PageMaker 6.5/InDesign (MS Publisher und Quark · »Ein Kommentar ist Stelle überflüssig« · Auschwitz: Krema-Zerstörung als Propaganda-Bremse · Das Detail · »Gaskammer«
überschreiten (etwa 50.000 Zeichen, bzw. 9.000 Wörter), Express können gelesen werden). Bitte senden Sie Ihre von Auschwitz I · Wiedergutmachung: Korrektur eines Fehlurteils · Der Mythos von der Vernichtung Homosexueller im Drit-
müssen damit rechnen, in mehrere Teile zerlegt in aufein- Manusripte nicht per Fax, da dies ein automatische Erfassung ten Reich · Guido Knopp: Meister der Gehirnwäsche · Deutschland und seine Neurosen · Zweifeln verboten, fragen verboten,
anderfolgenden Ausgaben publiziert zu werden. In solchen (OCR) erschwert. Bilder können sowohl in allen gängigen zitieren verboten!
Fällen ist dafür zu sorgen, daß der Beitrag eine Gliederung Bildformaten auf Diskette als auch im Original zugesandt VffG, Jahrgang 2, Nr. 3, September 1998, 82 Seiten
aufweist, die eine solche Teilung erlaubt. werden. »Schlüsseldokument« ist Fälschung · Dokumentation eines Massenmordes · Verdrängte Schiffskatastrophen · Vatikan und
»Holocaust«: »Komplizenschaft« zurückgewiesen · R. Graham und Revisionismus · Lügen über Waffen-SS-Division · Auschwitz
Beiträge von zwei Seiten Länge oder mehr sollten mit 3,5”-Disketten sowie unverlangte Manuskripte werden Sterbebücher · Auschwitz-Überleben · Kriegsgerüchte · »Vor dem Lesen vernichten!« · Falsche Erinnerungen überall – nur nicht
Abbildungen versehen sein, um den Text aufzulockern nicht zurückgesandt, verlangte Original-Manuskripte und in der Zeitgeschichte · J. W. Goethe knapp BRD-Zensur entgangen · Ein Schritt zurück in polizeistaatliche Intoleranz.
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Inhalt

Das Jüngste Gericht .................................................................................................................................................................122


Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf
Naher Osten: Die Lunte am Pulverfaß...................................................................................................................................125
Von Frank Weidenfeld
Geopolitische Aspekte des Afghanistankrieges......................................................................................................................128
Von Sven Schiszler
Der 11. September 2001 ...........................................................................................................................................................131
Von Ernst Manon
Die Helden von Bethlehem.......................................................................................................................................................134
Von Israel Shamir
Viktor Frankl über Auschwitz ................................................................................................................................................137
Von Theodor O’Keefe
Die „Entdeckung“ des „Bunkers 1“ von Birkenau: alte und neue Betrügereien................................................................139
Von Carlo Mattogno
Die Kosten von Auschwitz .......................................................................................................................................................146
Von Dipl.-Ing. Manfred Gerner, Dipl.-Ing. Michael Gärtner und Dr.-Ing. Hans Jürgen Nowak
Rückblick auf den GULag .......................................................................................................................................................159
Von Dan Michaels
Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg .............................................................................................................165
Von Oliver Kaiser
Antigermanismus als Todesurteil des Abendlandes ..............................................................................................................167
Von Philippe Gautier
Manche velwechsern rinks und lechts ....................................................................................................................................169
Von Ernst Manon
Totalitarismus in der Springer-Presse....................................................................................................................................175
Von Karl-Peter Schlor
Gutachten im Asylverfahren von Germar Rudolf.................................................................................................................176
Dr. jur. Dipl.-sc.pol. Günther Herzogenrath-Amelung
Geistesfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland ..............................................................................................................190
Von Dr. Claus Nordbruch
Aus der Forschung
Japan knackte US-Funkverkehr schon im Sommer 1941, von Richard Rausch.....................................................................209
Hitler ohne Völkermordprogramm gegen Slawen, von Theodore O’Keefe ...........................................................................210
Zionismus in Dänemark, von Dr. Christian Lindtner.............................................................................................................211
Ausgrabungen in Sobibor?, von Jean-François Beaulieu .....................................................................................................211
Sir Henry Strakosch, Churchill und der Zweite Weltkrieg, von Prof. Dr. Arthur R. Butz......................................................212
Bücherschau
Unnütze Pflichtübung, von Samuel Crowell...........................................................................................................................215
Im Namen des Holocaust, von Daniel Michaels ....................................................................................................................217
Fleckfieber und Cholera, Nationalsozialisten und Juden, von Samuel Crowell ....................................................................220
Die Russen in Berlin anno 1945, von Ernst Gauss ................................................................................................................222
Hitlers jüdische Soldaten, von Jörg Berger ...........................................................................................................................223
Krieg in Deutsch-Südwestafrika, von Barbara Hirsch...........................................................................................................224
Die unglaublichen Erlebnisse einer ungarischen Jüdin in Auschwitz, von Wolfgang Pfitzner..............................................226
Die „sexuelle Revolution“ als Mittel der Kontrolle, von Dr. M. Raphael Johnson ...............................................................228
Leserbriefe ................................................................................................................................................................................231
In Kürze ....................................................................................................................................................................................236

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 121


Das Jüngste Gericht
Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf
Amerika ist anders. Ich lebe hier nun seit über zwei Jahren, Kleider seines Vaters. Da weiß er: die Johannes-Offenbarung
und dennoch werde ich von den Seltsamkeiten und Absurditä- hat recht, und von da ab glaubt auch er an Jesus und schließt
ten dieses Landes immer wieder überrascht. Lassen Sie mich sich den Christen an.
dies an einem Beispiel aufzeigen, das ganz trivial auf familiä- Der Rest der Filme ist weniger originell: In den sieben fol-
rer Ebene begann, sich aber schnell in schwindelnde Höhe genden Jahren vor dem Jüngsten Gericht kommt es zur welt-
schraubte. weiten totalitären „Diktatur“ des Antichristen, der eine welt-
An einem Sonntag Ende März begab es sich, daß meine Braut weite Christenverfolgung auslöst.
in der Bibliothek ihrer Kirchengemeinde einige Videos aus- Freilich konnte ich mir den einen oder anderen Kommentar
lieh, um diese während der kommenden Woche mit mir und zu diesen Filmen nicht ersparen, wie etwa, daß die Juden in
ihren Töchtern anzuschauen. Zwei dieser Filme setzen die Israel bestimmt nicht die schuldlosen Opfer sind, als die sie in
Prophezeiungen, wie sie sich in der Johannes-Offenbarung den Filmen dargestellt werden. Als ich die von Gott fein säu-
des Neuen Testaments befinden, in Spielfilme um, wobei frei- berlich gefalteten Kleider sah, die all jene überall hinterlie-
lich fleißig interpretiert und extrapoliert wird. In diesen Fil- ßen, die plötzlich zum Himmel aufstiegen, mußte ich spontan
men geht es um die Endzeit und das Jüngste Gericht. Wer von lachen: Gott denkt wirklich an alles, sogar daran, die Klamot-
uns hat nicht davon gehört? Die Handlungen beider Filme ten der Heimgeholten zu reinigen und zu falten. Insbesondere
spielen sich etwa in folgendem Rahmen ab: jene vermoderten Kleider des seit Jahren verwesten Vaters im
Die von Johannes erwähnte „Schlacht von Armageddon“ Grab des oben erwähnten Reporters. Nun, so ist das eben:
bahnt sich an, indem es zwischen der arabischen Welt und christlich-biblische, dreifaltige Dramaturgie für die einfälti-
deren Verbündeten (vor allem China) und dem Westen zu gen Geister, dachte ich.
einem eskalierenden Konflikt um die Existenz des Staates Freilich hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Kriti-
Israel kommt. Millionenstarke Armeen ziehen im Nahen sche, sparsam angebrachte Kommentare wurden von meiner
Osten auf, Massenvernichtungswaffen werden in Stellung Braut und ihren Kindern ja gerade noch toleriert. Als ich aber
gebracht, und es kommt schließlich zum Krieg der Kriege. wegen der Kleider auflachen mußte, war es um deren Geduld
In den Filmen kämpfen selbstverständlich die bösen Araber geschehen.
und Chinesen gegen das auserwählte, ständig verfolgte, un- »Du darfst Gott nicht auslachen! Weißt du denn nicht, daß
schuldige und wieder mal von totaler Vernichtung bedrohte das alles in der Bibel steht? Das ist alles wahr!«
jüdische Volk, das von den USA und Europa unterstützt Hoppla! In welches Wespennest hatte ich denn da hineinge-
wird. Doch bevor es zum weltweiten nuklearen Holocaust stochen?
kommt, greift Gott ein. Er läßt alle sich in der Luft und am An den Film ergab sich anschließend eine Diskussion, in der
Boden befindenden Massenvernichtungswaffen ins Nichts ich versuchte, das Dargestellte einer sachlichen und logischen
verschwinden, und all jene gläubigen Christen, die an Jesus Analyse zu unterziehen. Aber da war Nichts zu machen, denn
Christus unseren Herrn und Erlöser glauben, verschwinden was ich auch immer einwandte, meine Braut erwidert:
von einem Augenblick auf den anderen von dieser Welt, »Es spielt keine Rolle, ob uns das logisch oder verständlich
denn Gott hat sie alle zu sich geholt. (Die Amis nennen die- erscheint. Wir werden nie alles Begreifen, was Gottes Wille
ses Ereignis „Rapture“). Wo vorher noch der gläubige ist und warum. Wir müssen Vertrauen und Glauben haben.
christliche Busfahrer saß, ist im nächsten Moment nur ein Alles, was in der Bibel steht, ist wahr. Wenn es uns wider-
leerer Fahrersitz, auf dem die Kleidung des Busfahrers fein sprüchlich, unlogisch, unverständlich oder widersinnig er-
säuberlich gefalteten liegt. Der führerlose Bus rast in eine scheint, dann liegt das nur an unserer mangelnden Ein-
Mauer, und alle, die das Pech haben, nicht an Jesus zu glau- sicht.«
ben, sterben im Flammenmeer des explodierenden Busses. Am nächsten Abend war großes Fischessen bei den Schwie-
Ähnliches geschieht überall auf der Welt. Ein Jesus- gereltern in spe angesagt. Während des Mahles erwähnte
gläubiger Passant auf dem Bürgersteig ist plötzlich weg, auf meine Braut dann, wie furchterregend ähnlich der zur
dem Gehweg übrig bleiben seine fein säuberlich gefalteten „Schlacht von Armageddon“ gekürte Konflikt im besagten
Kleider. Ein Flugzeugpilot löst sich ins nichts auf, Autofah- Film der heutigen tatsächlichen Lage im Nahen Osten ähnlich
rer verschwinden von ihren Sitzen (immer die fein säuber- sei, und daß sie glaube, es komme demnächst wohl tatsächlich
lich gefalteten Klamotten zurücklassend), wodurch es über- zum Krieg aller Kriege und zum Jüngsten Gericht. Ihre Eltern
all zu Unfällen und Katastrophen kommt. Familie werden erwiderten daraufhin im Chor, sie würden doch schwer hof-
auseinandergerissen, denn nur die, die wirklich treugläubig fen, daß das nicht der Fall wäre.
sind, werden zu Gott gerufen, alle anderen müssen ab sofort »Doch, doch, aber das wollen wir doch alle, daß wir end-
um ihre vermißten Familienangehörigen trauern. Weltweites lich in den Himmel zu unserem Retter Jesus Christus auf-
Chaos und allgemeine Verwirrung sind die Folge. fahren können!«
Ein junger Familienvater und Reporter zum Beispiel, der erwiderte meine Braut, und ihre beiden Kinder stimmten eif-
nicht so recht an Jesus glaubte, „verlor“ seine Frau und zwei rig zu. Ich glaubte, mich in einem intellektuellen Alptraum zu
kleinen Kinder. Voller Schmerz fängt er an zu recherchieren. befinden.
Schließlich gräbt er sogar den Sarg seines vor Jahren verstor- Am nächsten Morgen war mit der ganzen Familie Kirchgang
benen gläubigen Vaters aus, um zu überprüfen, ob auch die angesagt. Meine Braut ist Mitglied in der größten Baptisten-
Toten verschwunden sind. Und siehe da, im Sarg befinden Gemeinde vor Ort, in der sich die weiße High Society von
sich lediglich die fein säuberlich gereinigten und gefalteten Huntsville tummelt. Die Predigt des Pastors drehte sich unter

122 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


anderem auch um den Nahost-Konflikt, der Ende März/An- fang befindliche Ideologen, unter denen die aggressiv missio-
fang April zu eskalieren drohte. nierenden fundamentalistischen Christen die „besten“ sind.
»Zur Zeit treffen sich die arabischen Führer, um darüber zu Unter diesen Umständen sind die kirchlich geführten Privat-
beraten, was mit dem Staat Israel geschehen solle«, so die schulen wiederum der Zufluchtsort eines guten Teils jener
Worte des Pastors. Amerikaner, die etwas mehr Geld haben und aus dem öffent-
„Es kann durchaus sein, daß es im Nahen Osten zum Krieg lichen Schulsystem ausbrechen können. Aber auch diese
um die Existenz Israels kommt, zur Schlachten aller Schulen selektieren nicht nach Intelligenz, nur nach Geld und
Schlachten, der Schlacht von Armageddon. Was das für „Glaube“.
uns alle bedeutet, wissen wir ja. Aber wir brauchen uns Fährt man hier im Süden der USA durch eine x-beliebige
nicht allzu sehr darüber Sorgen zu machen, denn wir sind Stadt, so könnte man stellenweise meinen, es gäbe dort mehr
ja bereits gerettet durch Jesus Christus unsern Herrn und Kirchen als Wohnhäuser. Die Größe und der Wohlstand der
Erlöser.« hiesigen Kirchengemeinden ist in der Tat beeindruckend,
Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Offenbar war meine wenn man es mit den schrumpfenden und ums Überlebenden
Braut nicht die Einzige auf diesem Wahnsinnstrip in den kämpfenden Gemeinden in Europa vergleicht. Kaum jemand
Weltuntergang. 53% aller Huntsviller gehören den sogenann- bleibt Sonntags zu Hause, und nach dem Gottesdienst geht es
ten Südlichen Baptisten an, einer besonders konservativen, häufig noch zur Sonntagsschule in die Bibelstunde, manchmal
fundamentalistischen und strikt bibelgläubigen Form der Bap- gar zusätzlich noch einmal abends in der Woche. Alles ist fest
tisten. Einen weiteren erheblichen Prozentsatz machen andere im Griff der vorwiegend protestantischen Christen.
ebenfalls fundamentalistische Protestanten aus, wie etwa die Der buchstabengetreue Glaube in die Bibel führt zu solch ab-
Pfingstgemeinde, eine aggressive missionarische protestanti- surden Erscheinungen wie einer stetig wachsenden Bewegung
sche überkonfessionelle Bewegung, die laut eigenen Angaben gegen die Erkenntnisse von Astronomie, Geologie und Biolo-
seit ihrer Gründung vor etwa 100 Jahren inzwischen zur gie, oder kurz ausgedrückt: Laut Bibel wurde die Erde und al-
weltweit zweitgrößten christlichen Konfession anwuchs, les Leben vor 5000 Jahren geschaffen, daher sind alle Be-
gleich nach den Katholiken. hauptungen vom Alter des Universums und der Erde, sowie
Wenn Religion Privatsache wäre, wäre mir das ja alles noch dem Werden und der Entwicklung des Lebens gemäß der
ziemlich egal. Aber dem ist in den USA leider bei weitem Evolutionstheorie a priori falsch. Alle Beweise müssen ge-
nicht so. Die Kirchen spielen im Leben des Durchschnittsa- fälscht oder falsch interpretiert sein, weil sie der Bibel wider-
merikaners eine kaum zu überschätzende Rolle, völlig anders sprechen. So übrigens auch meine Braut, die sich strikt wei-
als in Europa, wo die Kirchen im Prinzip an den Rand der gerte, mit mir zu einer Diskussion zwischen einem Evoluti-
Gesellschaft gedrängt wurden. In den USA hingegen, wo es onsanhänger und einem Gegner (noch ein protestantischer
weder eine Sport- oder Freizeit-Vereinsstruktur gibt noch Freund von mir) zu gehen:
Bürgersteige, Wald- oder Feldwege, Spazier- oder Wander- »Wozu soll das gut sein? Es kann ja gar keine Beweise für
wege, also nur sehr begrenzte Möglichkeiten, jenseits von die Evolution geben, weil es ja der Bibel widerspricht!«
Autofahren die Freizeit sinnvoll zu gestalten, sind die Frei- Meine Braut ist eine Krankenschwester, die selbstverständlich
zeit- und Bildungsanlagen der Kirchen häufig die einzigen alle Forschungsergebnisse akzeptiert, sofern sie ihrem Beruf
Orte, die sich der Durchschnittsamerikaner leisten kann. nachgeht, ob sie nun Aussagen der Bibel widersprechen oder
Dazu kommt, daß das öffentli-
che Bildungswesen der USA
eine absolute Katastrophe ist.
Laut Gesetz hat jeder das
„Recht“ auf die gleiche Schul-
bildung. Amerika ist stolz dar-
auf, eine „radikal-egalitaristi-
sche Gesellschaft“ zu sein:
„Alle Menschen sind gleich
dumm, und wer es noch nicht
ist, den machen wir gleich
dumm!“. Demgemäß werden
alle Schüler in die gleiche Oben: Der Felsendom in Jerusalem versinkt
Schule gepreßt, und da das in den Fluten
schwächste Glied die Stärke Rechts: Palästinensische Intifada-
Jugendliche und israelische Soldaten wer-
der Kette definiert, gib es in den von einer zehn Meter hohen Flutwelle
der USA qualitätsmäßig gese- verschlungen.
hen nur Hauptschulen. Freilich Die Zweite Sintflut
werden 70-80% aller Schüler
Angesichts des im Nahen Osten herrschen-
dort unterfordert, und das Bil-
den massenmordenden religiösen Fanatis-
dungsniveau des Durchschnitt-
mus’ auf beiden Seiten kommt die Satire-
samerikaners ist von einer Gü-
Website „The Onion“ (Die Zwiebel) auf die
te, daß es einer Sau graust.
glorreiche Idee, Gott solle den Nahen Osten
Dementsprechend sind die
erneut mit einer Sintflut überschwemmen
meisten Amerikaner leichte
und mit den dortigen Gotteslästerern gründ-
Beute für allerlei auf Seelen- http://www.theonion.com/onion3816/ lich aufräumen: Juden wie Arabern.
god_re-floods_middle_east.html

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 123


nicht. Aber wenn es darum geht, das im Beruf Gelernte und mer wieder Worte, die die momentane Nahost-Krise nach be-
erfolgreich Angewandte in einen größeren Kontext zu stellen kanntem Muster beschreiben: Die Araber als Agenten des An-
oder auf Privates jenseits der Arbeitswelt zu übertragen, dann tichristen, und die Notwendigkeit zu einer Schlacht von Ar-
bockt sie völlig, „weil nicht sein kann was nicht sein darf.“ mageddon gegen die dunklen Mächte, die Israel zerstören
Wie es die USA trotz dieses Desasters schaffen, in Forschung wollen.
und Entwicklung Weltspitze zu sein, kann man nur begreifen, Natürlich lehnen diese fanatischen Christen jede andere Art
wenn man einerseits die Einwanderungszahlen hochqualifi- von Endzeithysterie und Heiligem Krieg ab, wenn sie von an-
zierter Fachleute aus aller Welt betrachtet: Forschung und deren Kulturen, Ideologien oder Religionen gepredigt werden
Entwicklung werden letztlich aus aller Welt „gekauft“, indem oder auch nur zu anderen Zeiten. Denn alle historischen Vor-
man die hellen Geister aus Europa und Asien importiert. An- bilder der jetzigen Hysterie werden selbstverständlich als das
dererseits gibt es natürlich die teuren und qualitativ guten Pri- erkannt, was sie waren, selbst wenn sie einen christlichen
vatschulen und -universitäten, die sich freilich nur jene leisten Hintergrund hatten. Nur den Balken im eigenen Auge will
können, die viel Geld haben. Amerika ist daher das krasse man heute nicht sehen. Da riskieren die Führer der mächtig-
Gegenteil einer permissiven Gesellschaft: Geld kann nur ver- sten Nation der Erde sehenden Auges einen Krieg, der den
dienen, wer eine gute Bildung bekommt, und eine gute Bil- Tod von ungezählten Millionen oder gar Milliarden heraufbe-
dung kann nur bekommen, wessen Eltern Geld haben – frei- schwören kann, und nehmen dies mit einem Schulterzucken
lich immer von Ausnahmen abgesehen. hin: „Was soll’s? Wenn Gott es so vorbestimmt hat, dann
Meinetwegen könnte das ganze Land hier mitsamt den egali- muß es so sein. Wir aber sind gerettet und müssen nichts
taristischen Extremisten, geistigen Tieffliegern und funda- fürchten, zum Teufel mit dem Rest der Welt!“
mentalistischen, fanatischen Christen den Bach runter gehen, Diese Einstellung hat schon ungezählten unschuldigen Men-
und es würde mich kaum jucken, wenn da nicht ein Aspekt schen in den letzten zwei Jahrtausenden ihr Leben gekostet.
der strickten Bibelgläubigkeit wäre, der dann doch arges in- Und nun fängt alles wieder von vorne an: Gott wird als Recht-
ternationales Bauchgrimmen bereitet: Die im Alten Testament fertigung für Krise, Konflikt, Krieg und Untergang vorge-
beschriebene Auserwähltheit des jüdischen Volkes und die schoben. Wenn es ihn denn gibt, so weiß ich bestimmt, wen
Verheißung des Gelobten Landes, woraus sich offensichtlich er verwerfen würde und wen retten, wenn er es denn über-
erst die Probleme ergeben, mit denen die Welt im Nahen haupt tut.
Osten zu kämpfen hat. Amerika liegt im Fieberwahn protestantisch-fundamentalisti-
Konsequentes Christentum müßte auf dem Standpunkt stehen, scher Verblendung, angeheizt durch jüdischen Radikal-Zio-
daß mit der Frohen Botschaft Gottes an alle Menschen vor nismus und übersteigert durch allgemeine Holocaust-Hysterie
2000 Jahren der Auserwähltheitsstatus der Juden eben gerade und -Gehirnwäsche. Daraus ergibt sich eine Endzeitstimmung,
endete, so daß es für die Juden auch keine Verheißung auf ir- kombiniert mit einem Kreuzzugswahn, wie ihn die Welt seit
gend etwas mehr gibt. Das Alte Testament ist Geschichte und den mittelalterlichen Kreuzzügen nicht mehr gesehen hat. Alle
daher überholt. Aber so einfach ist es freilich nicht, denn die Zeichen stehen auf Sturm. Wenn dem nicht bald ein Riegel
Heilige Bibel ist in all ihren Teilen heilig und wahr, und über vorgeschoben wird, wird dies ein böses Ende nehmen.
diese Hintertür erhält die Auserwähltheit und das Verheißene Ein Ende genommen hat bei all dem Konfliktstoff bereits et-
Land dann doch wieder Einzug ins Christentum, insbesondere was anderes, nämlich meine Verlobung mit einer jener fun-
angesichts der Tatsache, daß Kritik am Judentum ja seit dem damentalistisch-fanatischen Christen, die eine kritische und
„Holocaust“ unmöglich ist. analytische Annäherung an die Bibel partout nicht tolerieren
Tatsächlich sind die meisten der fundamentalistischen ameri- kann. Nach verschiedenen Forderungen ihrerseits an mich,
kanischen Christen zugleich auch mehr oder weniger fanati- wie etwa, daß ich an alles wörtlich zu glauben hätte, was in
sche Zionisten. Die Auswirkungen kann man sich denken. der Bibel steht (einschließlich Jonas im Wal), was ich ver-
Hier in Huntsville zum Beispiel befindet sich die intellektuel- weigerte, hat mir ihr Fabulieren von der hoffentlich bevorste-
le Elite der hochmodernen Waffenentwicklung. Was einst den henden Schlacht von Armageddon und dem ersehnten Ende
deutschen Raketenwissenschaftlern um Wernher von Braun der Welt dann den letzten Rest gegeben. Nach meinem am
zur Ehre gereichte – NASA’s Entwicklungszentrum liegt hier nächsten Tag gehaltenen einstündigen Vortrag über meine
in Huntsville, das daher auch Rocket City oder Wernher von Ansichten zur Beziehung zwischen der Bibel und der histori-
Braun City genannt wird – hat sich inzwischen in eine High- schen und wissenschaftlichen Wahrheit, insbesondere aus phi-
Tech Waffenschmiede gewandelt: Raketen, Raketenabwehr, losophischer und erkenntnistheoretischer Sicht, zum ethischen
Laserwaffen, alles, was auf dem Rüstungsmarkt teuer und Minderwert des jüdischen Glaubens und zu den potentiell ka-
modern ist. Huntsville ist seit Jahren die am schnellsten tastrophalen politischen Konsequenzen und der moralischen
wachsende und eine der reicheren Gegenden Amerikas, 100% Minderwertigkeit der von ihr geteilten religiösen Endzeiter-
finanziert von den Rüstungsausgaben der US-Regierung. wartungshaltung hat sie mich schließlich als „Ungläubigen“
Und 80% der dortigen Waffenschmiede, der Elite der ameri- bezeichnet, der beim Jüngsten Gericht nicht erlöst werden
kanischen Massenmordproduzenten, sind mehr oder weniger wird. Und da ich unter diesen Umständen nicht mit ihr ins
fundamentalistische und zionistische Protestanten. Schaut ewige Himmelreich eingehen würde, möchte sie mich auch
man sich die jetzige US-Regierung an, so handelt es sich da- nicht heiraten. Punktum.
bei nur um ein Spiegelbild dessen, was sich hier in Huntsville Die tatsächlichen Gründe für das Scheitern dieser Beziehung
abspielt: Der gesamte Bush-Klan kommt aus Texas, wo der liegen freilich wesentlich tiefer als in diesem dümmlichen re-
südlich-protestantische Fundamentalismus ebenso dominiert. ligiösen Gefasel, das nur Ausdruck einer wesentlich tieferen
Bush gehört der Pfingstbewegung an, wie auch der US-Gene- seelischen Verwirrung ist, die meine Ex-Verlobte in den letz-
ralanwalt Ashcroft und viele weitere Mitglieder seines Kabi- ten Monaten noch zu ganz anderen Kapriolen trieb, die zu be-
netts. Ashcroft ist Laienprediger, und als solcher führt er im- schreiben mir hier der Anstand verbietet.

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Emotional hat diese Trennung sicherlich geschmerzt, aber in- Auseinandersetzung wird sich also noch über einen längeren
tellektuell gesehen war dies, als sei eine ungeheure Last von Zeitraum hinziehen.
mit genommen worden. Hätte ich diese Dame geheiratet, wäre Im Internet wurde ich von Linksextremisten übrigens schon
ich wahrscheinlich geistig verkümmert – ganz abgesehen da- beschuldigt, die Geschichte von meiner (nun geplatzten) Ro-
von, daß mein gesamtes Engagement für den Geschichtsrevi- manze nur deshalb in VffG breitgetreten zu haben, um Bewei-
sionismus über kurz oder lang völlig zum Stillstand gekom- se zu schaffen, mit denen ich die hiesigen Einwanderungsbe-
men wäre. hörden von der Echtheit meiner romantischen Beziehung be-
Statt dessen geht alles nun den umgekehrten Weg. Mit uner- eindrucken kann, da ich als Ehemann einer US-Bürgerin
wartetem neuen Schub haben sich mir in den letzten Wochen selbst dann eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten kann,
Zugänge zu Informationen eröffnet, die sehr vielversprechend wenn ich in meinem Asylverfahren unterliege. Die Ereignisse
sind. Leider sind sie auch sehr desillusionierend, denn sie ge- haben diese Denunzianten wieder mal Lügen gestraft. Ich ha-
ben mir einen noch tieferen Einblick in die inneren Verhält- be es gar nicht nötig, irgendwelche Beweise zu schaffen, denn
nisse dieses Landes „der Freien und Mutigen“. Nach allem, die Eintrittskarte ins Land der unmöglichen Beschränktheiten
was ich hier in der Kürze dieses Artikels bereits über die Ver- ist so wertvoll nicht, daß ich deswegen in Sachen Liebe einen
einigten Staaten ausführte, kann man sich denken, daß es Kompromiß einginge.
wirklich langsam unausstehlich wird, wenn die Dinge tatsäch- Freilich sind die Zukunftsaussichten nun wieder grau. Ich ha-
lich noch schlimmer sind. Nun, es kommt alles darauf an, von be daher noch keinerlei Ahnung, wie es hier auf Dauer mit
welcher Perspektive aus man es betrachtet. Der Durchschnitt- mir und entsprechend mit allem weitergeht, was die Viertel-
samerikaner kennt nichts anderes und weiß auch nichts von jahreshefte für freie Geschichtsforschung und den Verlag
dem, was sich jenseits seines Froschhorizonts abspielt. Für Castle Hill Publishers anbelangt. Ich habe alle Hebel in Be-
ihn ist die Welt im wesentlichen in Ordnung. Für jemanden wegung gesetzt, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Aber
mit einer wesentlich weiteren, kosmopolitischen Perspektive, wenn ich eine solch fanatische Ideologin wie meine ehemali-
einer guten Allgemeinbildung und dem Wissen, wie es sein ge Verlobte heiraten würde, dann müßte ich alles aufgeben,
könnte, wenn man es anders, besser machte, wird es manch- was mich als denkenden Menschen und als Revisionisten
mal zur geistig-intellektuellen Folter, sich in diesem Land ausmacht, und da gehe ich doch lieber zehn Jahre in ein deut-
überhaupt aufhalten zu müssen. sches Gefängnis. Und wenn ich die USA letztlich verlassen
Was mich zum nächsten Thema bringt, nämlich meinem müßte, um zu versuchen, anderswo Zuflucht zu finden, so
Asylverfahren. Die US-Einwanderungsbehörde hat die ur- werden meine Tränen nicht in allzu dicken Strömen fließen.
sprünglich für den 30. April anberaumte Verkündung der Ent- Wer wird sich schon nach Sodom und Gomorrha umdrehen
scheidung in meinem Fall nun zum zweiten Mal verschoben, wollen?
diesmal auf unbestimmte Zeit. Über die Gründe kann man Alles, was ich und Sie darüber hinaus jetzt tun können, ist
vorerst nur spekulieren. Ich mache mir aber keine Illusionen abwarten, hoffen und, wer seinen Glauben noch nicht verlo-
darüber, daß mein Antrag mit hoher Wahrscheinlichkeit abge- ren hat, beten, wobei die Bitte, die US-Bürger oder zumindest
lehnt werden wird. Aber selbst wenn er durchgeht, so ist da- die US-Regierung mögen zur Vernunft kommen, wohl wich-
mit das Ende dieses Falles auf keinen Fall erreicht, denn bei- tiger ist als alles, was mit mir passiert.
de Seiten haben bereits angekündigt, im Falle einer Niederla- Und um darauf zurückzukommen: An ein weltliches Jüngstes
ge Berufung beim zuständigen US-Gericht einzulegen. Diese Gericht jedenfalls glaube ich nicht. Ƒ

Naher Osten: Die Lunte am Pulverfaß


Von Frank Weidenfeld
»Sie sind verflucht im Himmel und auf Erden. Sie waren mischen, aber die Vorsehung rettete ihn vor ihrer Treulo-
verflucht von dem Tag an, als die Menschen geschaffen sigkeit und ihren Verbrechen. Allah verfluchte sie, als sie
wurden und von dem Tag an, als sie von ihrer Mutter ge- das kriminelle Massaker an den friedlichen Palästinensern
boren wurden. Sie sind auch verflucht, weil sie die Prophe- in Sabra und Shatilla durchführten.
ten ermordeten. Sie ermordeten den Propheten Johannes Sie sind bis zum Jüngsten Gericht verflucht, sie, ihre Väter
den Täufer und überbrachten der Sängerin und Tänzerin und ihre Vorväter […], Weil sie mit ihren entweihten, drek-
Salome seinen Kopf auf einem goldenen Tablett. Allah hat kigen Füßen in die Al-Aqsa Moschee einbrachen und deren
sie auch mit Tausend Flüchen verflucht, als sie seiner Heiligkeit verletzten.
Wahrheit widersprachen und sich ihr widersetzten, den Schließlich sind sie deshalb grundlegend verflucht, weil sie
Propheten Moses betrogen und das Goldene Kalb anbete- die Plage der Generationen und der Bazillus aller Zeiten
ten, daß sie mit ihren eigenen Händen geschaffen hatten! sind. Ihre Geschichte war und wird auf ewig mit Verräte-
Diese Verfluchten sind eine Katastrophe für die Mensch- rei, Falschheit und Lügen beschmutzt sein. Geschichtliche
heit. Sie sind der Virus der Generationen, bis zum Jüngsten Dokumente beweisen dies.
Gericht zu einem Leben in Erbärmlichkeit und Erniedri- Darum sind die Juden verflucht – die Juden unserer Zeit,
gung und verdammt. Sie sind auch deshalb verflucht, weil diejenigen, die ihnen vorausgingen, und diejenigen, die ih-
sie wiederholt versuchten, den Propheten Mohammed zu nen folgen werden, falls es noch welche geben wird.
ermorden. Sie warfen mit Steinen nach ihm, aber verfehlten Bezüglich des Holocaust-Betruges […]. Viele französische
ihn. Ein anderes Mal versuchten sie, Gift in sein Essen zu Studien haben bewiesen, daß dies nichts weiter als eine

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Fälschung ist, eine Lüge, ein Betrug!! Das heißt, es ist ein Auf der anderen Seite befinden sich die US-Medien und der
„Szenario“, ein maßvoll zurecht geschusterter Komplott US-Kongreß. Erstere unterrichten die US-Bevölkerung fleißig
unter Verwendung einiger gefälschter Fotos die in keinem über die nächsten geplanten Schritte im „Kampf gegen den
Zusammenhang mit der Wahrheit stehen. Ja, es ist ein Terrorismus“, also gegen welche Staaten der nächste Krieg
Spielfilm, nicht mehr und nicht weniger. Hitler selbst, den vom Zaun gebrochen wird: Irak, Iran, Sudan, Libyen, Nord-
sie des Nazismus beschuldigen, ist in meinen Augen nichts Korea… Afghanistan ist von der Liste verschwunden, denn
weiter als ein moderater „Schüler“ in der Welt des Mor- wie die US-Medien es so schön ausdrücken: „Das Problem
dens und Blutvergießens. Bezüglich des Vorwurfs, sie in haben wir gelöst. Nun können wir uns anderen widmen.“
der Hölle seines falschen Holocausts gebraten zu haben, ist Zur Zeit, als US-Präsident Bush und sein Außenminister Po-
er völlig unschuldig!! well versuchten, die Israelis zum Rückzug vom Westufer des
Wie viele französische und britische Wissenschaftler und Jordans zu bewegen, verabschiedete der US-Kongreß be-
Forscher bewiesen haben, ist dies nichts weiter als eine gi- kanntlich eine Resolution, die mit überwältigender Mehrheit
gantische israelische Verschwörung, die auf die Erpres- die bedingungslose Unterstützung Israels forderte, da Israels
sung der deutschen Regierung im besonderen und der eu- Kampf der gleiche Anti-Terrorismus-Krieg sei, den auch die
ropäischen Länder im allgemeinen gerichtet ist. Angesichts USA führe.8 Präsident Bush kommentierte diese Resolution
dieses imaginären Märchens beschwere ich mich aller- als »wenig hilfreich«.
dings persönlich bei Hitler, ja ich rufe zu ihm vom Grunde Noch weniger hilfreich waren die Ausführungen, die der
meines Herzens: „Wenn du es doch bloß getan hättest, Fraktionsvorsitzender der Republikaner im US-Parlament,
Bruder, wenn es doch bloß wirklich geschehen wäre, damit Dick Armey, Anfang Mai während eines Interviews mit Chris
die Welt vor Erleichterung von ihrem Übel und ihrer Sünde Matthews in der MSNBC-Nachrichtensendung Hardball
aufatmen könnte.“ machte:9
Seit ihrer Geburt haben die Juden gegen die Moslems Haß Armey: »Es ist mir recht, wenn sich Israel das ganze
und Feindschaft angehäuft. Sie haben den Moslems immer- Westufer unter den Nagel reißt.«
zu Fallen gestellt, Verschwörungen und Verbrechen gegen Matthews: »Nun, aber wo gründen Sie dann den palästinen-
sie geplant und waren immerzu voreingenommen zugun- sischen Staat? In Norwegen?«
sten ihrer Feinde und Besatzer. […] Armey: »Es gibt viele arabische Nationen, die Hundert-
Sie versuchen immerzu, alles Gerechte und Schöne zu ver- tausende Hektar Land, Boden, Grundstücke und
biegen und verzerren!! Im Prinzip sind sie das Vorbild mo- die Möglichkeit haben, einen palästinensischen
ralischer Häßlichkeit, Minderwertigkeit und Degeneration. Staat zu gründen.«
Wenn Allah sie doch immer mehr verfluchen würde, bis ans Matthew: »Glauben Sie, daß die Palästinenser, die jetzt am
Ende aller Generationen. Amen.« Westufer leben, da raus sollen?«
Dieser von Fatma Abdallah Mahmoud verfaßte Artikel erschien Armey: »Ja.«
am 1. Mai 2002 in der offiziellen ägyptischen Tageszeitung Al- Obwohl Matthew Armey wiederholt Gelegenheit gab, diesen
Akhbar,1 wenige Tage nach dem Höhepunkt der israelischen Aufruf zur Vertreibung der Palästinenser zurückzunehmen,
Massaker in Palästina. Obwohl dieser Artikel ein extremes Bei- blieb Armey standhaft bei seiner Auffassung. Die Entrüstung
spiel sein mag, so ist er doch kennzeichnend für die Stim- in der arabischen Welt und bei der arabischen Minderheit in
mungslage in der islamischen Welt. Andere jüngst veröffent- den USA kann man sich vorstellen.
lichte Äußerungen aus ähnlich berufenem Munde sind: In einer Stellungnahme ließ Armey dann am 2. Mai verlautba-
– Christlich-arabische Geistliche, so z.B. Bischof George ren, er habe nicht den Eindruck erwecken wollen, als rede er
Saliba der assyrisch-orthodoxen Kirche von Berg Libanon einer ethnischen Säuberung das Wort, er habe lediglich aus-
und Tripoli, bezeichneten die Juden öffentlich als „sata- drücken wollen, Israel solle nur dann besetzte Territorien zu-
nisch“, wobei er sich auf Jesu Worte bezog;2 rückgeben, wenn seine Sicherheit garantiert werde, und daß
– Dr. Umayma Ahmad Al-Jalahma von der König Faisal Personen, die den Terrorismus unterstützen, ins Exil verbannt
Universität schrieb am 10. März 2002 in der offiziellen werden mögen.10 Wer freilich Augen hat und lesen kann, vgl.
saudischen Tageszeitung Al-Riyadh, Juden bräuch-
ten zur Durchführung ihrer Opferrituale zum Pu-
rim-Fest das Blut nichtjüdischer Jugendlicher;3
– Dr. Khalil Ibrahim Al-Sa’adat pries in der saudi-
schen Zeitung Al-Jazirah den Selbstmordattentäter,
der sich zum Pascha-Fest im Hotel Netanya in die
Luft sprengte;4
– nicht nur hochrangige Regierungsangehörige und
prominente islamische Kolumnisten behaupten, daß
Juden die Anschläge vom 11.9.2001 durchführten,5
sondern sogar der Iman des New Yorker Islami-
schen Zentrums;6
– Der Vorsitzende der Arabischen Psychiatrischen
Vereinigung in Ägypten, Dr. Adel Sadeq, äußerte
seine enthusiastische Unterstützung für die Selbst-
mordattentäter, bezeichnete Bush als »dummen
Idioten« und versprach, daß die arabischen Natio-
nen »Israel ins Meer treiben werden«.7

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obigen Auszug, der weiß, daß dieses Dementi eine
Lüge ist.
Festzuhalten ist, daß der Holocaust-Revisionismus
sich in der islamischen Welt wie ein Buschfeuer aus-
breitet, und zwar mit unverhohlen demagogischen
Zügen und vermischt mit den anti-jüdischen Ansich-
ten, Urteilen, Vorurteilen, Legenden und Wahrheiten
vieler Jahrhunderte.
Auf der anderen Seite stehen die Vereinigten Staaten
von Amerika, die in ähnlicher Verblendung unkri-
tisch alles unterstützen, was Israel unternimmt, und
deren Medien jeder jüdisch-proisraelischen Meinung
uneingeschränkte Publizität gewähren, kritische Stim-
men aber erfolgreich ausgrenzen.
Da die Eliten beider Seiten nun offen von einer ethni-
schen Säuberung der jeweils anderen Seite sprechen
– die Araber wollen die Israelis aus Palästina vertrei-
ben und die Israelis die Araber – scheint sich alles Bush: »Dieses Gemetzel und diese Zerstörung müssen aufhören!«
auf einen bewaffneten Konflikt zuzuspitzen, der, Sharon: »Ich bin froh, daß du hier bist… Wir brauchen mehr Waffen.«
wenn er denn wirklich ausbricht, fast unausweichlich Und natürlich haben sie mehr Waffen bekommen…
mit der Anwendung von Massenvernichtungswaffen
zu eskalieren droht. Angesicht des Massenmordes von Jenin Israel mit Waffenge-
Der Irrgaube, Israel sei die einzige Macht, die im Nahen walt zu drohen, falls es wagen sollte, seine arabischen Nach-
Osten derlei Waffen besitze, kann zu einem bösen Erwachen barn anzugreifen: »Jerusalem wird glühen in der Nacht«...
führen. Pakistan ist bekanntlich schon seit Jahrzehnten eine freilich werden solche Sprüche nur hinter verschlossener Tü-
Nuklearmacht und war zudem lange Zeit ein Unterstützer der re, im dunklen Keller und in Abwesenheit aller Juden ge-
Taliban. Zwar wird es von Indien im wesentlichen in Schach macht. Angesichts der wirtschaftlichen, politischen und psy-
gehalten, aber Indien ist eine Supermacht, die bisher wenig chologischen Gefangenschaft, in der sich alle europäischen
empfänglich war für jüdische Manipulationen und Drohun- Nationen befinden, sind derlei kurze Zornausbrüche selbst-
gen. Und wer in diesem Zusammenhang Ägypten übersieht, verständlich leere Drohungen, aber es zeigt, wie sehr die
das die mit Abstand bevölkerungsreichste Nation im Nahen Stimmung in Europa bereits umgeschwungen ist. Israel kann
Osten ist und seit seinem Friedensschluß mit Israel im diplo- sich also nurmehr der bedingten Solidarität Europas sicher
matischen Windschatten der USA dank ausgedehnter US- sein.
Finanz- und -Militärhilfen massiv aufgerüstet hat, der würde Und fragen Sie mich bitte nicht, woher ich weiß, was in kei-
die Rechnung ohne den Wirt machen. Ägypten hat seit lan- nen Medien der Welt steht. Solange niemand erfährt, warum
gem Massenvernichtungswaffen, wenn auch nicht atomare. ich es weiß, werden meine Informationskanäle offen bleiben.
Darauf wird Israel Gift nehmen können!
In diesem Zusammenhang ist auch die Mission des saudi- Anmerkungen
schen Scheichs zu sehen, der Anfang Mai im Auftrag aller 1 www.worldnetdaily.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=27493; die
großen islamischen Nationen des Nahen Ostens nach Wa- Übersetzung stammt vom israelischen Middle East Media Research Insti-
shington kam. Zum ersten Mal überhaupt sprachen Saudi- 2 tute (www.memri.org/) und ist daher mit Vorsicht zu genießen.
Arabien, Ägypten, Libyen, Syrien, Jordanien, der Irak und 3 www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=27454
www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=26802
Iran mit einer Stimme! Die tatsächlichen Gesprächsinhalte 4 www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=27213
dieses Treffens während des Besuches des saudischen 5
www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=25995
Scheichs in den USA wurden von der US-Regierung wie auch 6 www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=24956
7
von den Medien fein unter den Teppich gekehrt. Tatsächlich 8 www.wnd.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=27441
Vgl. www.cnsnews.com/Politics/archive/200205/POL20020502c.html
hatte der Scheich Bush die deutliche Nachricht überbracht, 9 Jim Burns, »Arab Groups Demand Armey Apology for Remarks About
daß es von seiten aller OPEC-Staaten zu einem totalen Öl- Palestinians«, CNSNews.com, 3.5.2002,
boykott gegen die USA kommen werde, wenn Israel sich www.cnsnews.com/ViewPolitics.asp?Page=\ Politics\archive\
nicht aus den Westgebieten zurückzieht. Die offizielle Stel- 200205\POL20020503b.html:
Armey: »I’m content to have Israel grab the entire West Bank.«;
lungnahmen Washingtons hingegen sagten das genaue Gegen-
Matthews: »Well, where do you put the Palestinian state, in Norway?«
teil aus – ein Ölboykott würde es auf gar keinen Fall geben. Armey: »There are many Arab nations that have many hundreds of
Es wurde wieder einmal gelogen, und zwar diesmal schlicht thousands of acres of land and soil and property and opportunity to
deshalb, weil man der Auto-abhängigen US-Bevölkerung ge- create a Palestinian state.« Matthews: »Do you believe the Palestinians
genüber nicht zugeben wollte, eine Fortsetzung der bisherigen who are now living on the West Bank should get out of there?«; Armey:
»Yes.«
US-Politik könnte zu einer Verdopplung oder Verdreifachung 10 Ebenda:
der Benzinpreise führen. Das hätte zu Panik und zu einer »In my exchange with Chris Matthews, I left the impression that I belie-
massiven Rezension führen können. ve peaceful Palestinian civilians should be forcibly expelled from the
Auch in Europa hat sich einiges geändert, wenn auch vorerst West Bank and Gaza Strip. This does not reflect my views. I was merely
trying to convey my strong belief that Israel should yield no further ter-
nur hinter den Kulissen. Man ist hier nun wesentliche kriti- ritory until its security is assured and that the individuals who support
scher gegenüber Israel, und Frankreich wagte es sogar, im terrorist acts may properly be exiled from the area.«

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Geopolitische Aspekte des Afghanistankrieges
Von Sven Schiszler
Bei den verheerenden Anschlägen auf das World Trade Cen- Daraufhin ließ Bush über den amerikanischen UNO-Bot-
ter und das Pentagon vom 11. September 2001 mit ihren Tau- schafter Negroponte mitteilen, daß die USA nun »ihr Recht
senden Todesopfern handelte es sich nicht um einen Anschlag auf Selbstverteidigung wahrnehmen« würden.
auf die gesamte „westliche Zivilisation“, sondern um einen Die Aufenthaltsländer der mutmaßlichen Attentats-Draht-
Anschlag auf Symbole des weltumspannenden, US-amerika- zieher in Schutt und Asche zu bomben und den Rachefeldzug
nischen Hegemonialstrebens. Das World Trade Center als auch noch »Grenzenlose Gerechtigkeit« (infinite justice) zu
Symbol des globalen und rücksichtslosen Turbokapitalismus, nennen, ist inszenierte Heuchelei, deren Widerwärtigkeit noch
das Pentagon als Symbol der weltweit agierenden und inter- dadurch zunimmt, daß nahezu sämtliche Medien sich der un-
venierenden amerikanischen Streitkräfte, das State Departe- sichtbaren aber nicht minder wirksamen Regie und Sprachre-
ment als Symbol der arrogant und anmaßend auftretenden gelung unterwerfen.
amerikanischen Außenpolitik. Weltweite Militärpräsenz der Was die verhängnisvolle Qualifizierung des Kriegsgegners
USA, wirtschaftliche Beherrschung des gesamten Globus auf moralischer Ebene anbelangt, hat der um markige Worte
durch internationale Finanzinstitutionen (IWF), die von den nie verlegene amerikanische Präsident im Zuge der ersten
USA dominiert (und wohl auch instrumentalisiert) werden Bombenabwürfe auf Afghanistan demonstriert, wohin dies
und amerikanischer Kulturimperialismus sind nach Zbigniew führt. Da war nicht etwa von harten, aber notwendigen Ge-
Brzezinski die tragenden Säulen der US-Weltmacht. Daß die waltmaßnahmen die Rede, sondern davon, daß »man die Ter-
Skrupellosigkeit, mit der die USA als einzig verbliebene Su- roristen in ihren Höhlen so lange ausräuchern werde, bis sie
permacht ihre globale Hegemonie durchzusetzen gedenken, die Bestie Osama Bin Laden ausspeihen«. Wenn selbst der
nicht nur Freunde schafft, sondern auch erbitterten Wider- oberste Befehlshaber − sich seiner Verantwortung voll be-
stand, ja Feindschaft entfacht, dürfte auf der Hand liegen. Die wußt − eine Wortwahl gebraucht, die die Gegner eher als Tie-
Etikettierung des gnadenlosen Machtpokers und Interventio- re denn als Menschen erscheinen läßt, welcher Art wird dann
nismus als friedensstiftende Maßnahmen oder Demokratisie- das Verhalten der kämpfenden Truppen gegenüber der afgha-
rung im Sinne der „westlichen Gesellschaft“ ist die Krönung nischen Bevölkerung und etwaigen Kriegsgefangenen sein?
anmaßender Schein-Moral. Insbesondere solchen, die man als Köpfe des terroristischen
Netzwerks mutmaßt?
Krieg und Moral
Moralische Kategorien, die an Deutlichkeit nichts zu wün- Propagandakrieg
schen übrigließen, wurden vom Präsidenten des betroffenen Mit erstaunlicher Offenheit wurde dieser Tage in den Abend-
Landes unmittelbar nach den schrecklichen Attentaten einge- nachrichten des österreichischen Fernsehens festgestellt, was
führt. George W. Bush sprach von einem »monumentalen an sich fast jedermann klar sein dürfte, aber um so erstaunli-
Kampf des Guten gegen das Böse« und zitierte aus den altte- cher ist, wenn es sogar bis in die Redaktionen des Rundfunks
stamentarischen Psalmen. Biblische Wortwahl eines Kreuzrit- vorgedrungen ist: Längst ist dieser Krieg auch ein Propagan-
ters für grenzenlose Freiheit und Demokratie auf Erden? dakrieg geworden. Das sind mutige Worte, doch um aus die-
Zeitgleich bestand auch keine Sekunde Zweifel darüber, wel- ser Erkenntnis die notwendige Konsequenz zu ziehen, dazu
cher Art die Maßnahmen sein sollten, die man als Antwort auf fehlt es dann doch am Schneid. Eigentlich aber verständlich,
die verheerenden Anschläge zu geben gewillt war. Es wird denn schließlich hätte das nichts anderes bedeutet, als einzu-
harte Vergeltungsschläge geben, hieß es aus dem Weißen gestehen, daß man selber in erster Linie am Informationstropf
Haus. Völlig ignoriert wurde dabei − und keinem europäi- des geheimdienstlich zensierten amerikanischen Senders
schen oder sonstigen Spitzenpolitiker wollte das auffallen? −, CNN hängt. Brav wird geschluckt, was man von dort als In-
was der amerikanische Völkerrechtler Francis Boyle in einem formationshäppchen zugeworfen bekommt − oder sollte man
Interview mit dem Spiegel online klar feststellte: Die An- besser sagen Desinformationshäppchen? Daß das Ergebnis
schläge des 11.09.2001 waren »eindeutig terroristische Ak- geheimdienstzensierter „Nachrichten“ ebenso wie der Ausfluß
te«, Gewalt nichtstaatlicher Akteure gegen zivile Objekte kriegsverherrlichender Informationspolitik schlicht nichts an-
oder Zivilisten. Die Montreal-Konvention von 1971 zur »Be- deres sein kann als Kriegspropaganda, ist allerdings eine Bin-
kämpfung widerrechtlicher Handlungen gegen die Sicherheit senweisheit, die unseren emsigen Berichterstattern schon frü-
der Zivilluftfahrt« (sowohl von den USA als auch von Afgha- her hätte dämmern können.
nistan unterzeichnet) oder das »Übereinkommen zur Bekämp- Informationspolitisch bedeutet der Afghanistankrieg des Jah-
fung der Finanzierung des Terrorismus« von 1999 bieten res 2001 für die „westliche Wertegemeinschaft“ nur die kon-
»einen exzellenten juristischen Rahmen, um auf diese An- sequente Fortsetzung der Golfkriegs- oder Kosovokriegs-
schläge zu reagieren«. Doch George Bush, der die Anschläge Berichterstattung. Das Szenario in Afghanistan durch diese
selbst am 11.09. noch als »eindeutig terroristische Akte« be- „Fernseh-Brille“ betrachtet ergibt dann tatsächlich das Bild
zeichnet hatte, bezeichnete diese nach Absprache mit Au- der sich fernab der Heimat heldenhaft aufopfernden Ameri-
ßenminister Powell plötzlich nur mehr noch als »act of war«, kaner, die in Asien einen verbissenen Kampf gegen den Hort
als Kriegshandlung, um vom Kongreß die Zustimmung für des Bösen führen. Aus derart einseitiger Wahrnehmung der
den Einsatz militärischer Mittel zu erlangen, die er auch be- Verhältnisse speisen sich Aussprüche bundesdeutscher Spit-
kam. Nicht aber vom UNO-Sicherheitsrat, der der Verab- zenpolitiker, die von »bedingungsloser Treue«(!) schwadro-
schiedung einer Kriegs-Resolution auf zweimaliges Drängen nieren und verkünden, daß »wir jetzt alle Amerikaner sind«.
Bushs unter Verweis auf die Rechtslage nicht nachkam. – Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die sich üb-

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licherweise in permanenter Bußkultur ergehenden Politiker es Sowjetunion nur verdeckt möglich war, findet seit dem Ende
geradezu genießen, endlich einmal ungestraft pathetische und des Ostblocks ganz offen statt. Seit Ende 2001 geschieht dies
kriegerische Töne anschlagen zu dürfen. Bezeichnenderweise auf eine Weise, die zwar mit dem vorgeblichen Kampf gegen
stammt die Aussage von der »bedingungslosen Treue« − was den Terrorismus bemäntelt wird, mit dem Bombenhagel auf
nichts anderes darstellt als einen Freibrief für sämtliche ame- afghanische Städte in Wirklichkeit aber auch nichts anderes
rikanische Forderungen, Taten und Untaten − aus dem Munde ist als Terror, wenn er auch von einer kriegshysterischen
eines Sozialdemokraten. „westlichen Wertegesellschaft“ bejubelt und bedingungslos
unterstützt wird.
Verschwiegene Hintergründe Interessant sind die Staaten um das Kaspische Meer und dar-
Ausgespart bleibt bei soviel Bedingungslosigkeit die Frage über hinaus vor allem aus drei Gründen: Als Transitländer,
nach den Hintergründen des Afghanistankrieges. durch die Öl-Pipelines gebaut werden sollen, die der russi-
Unbestritten waren die Attentate vom 11.9.2001 eine unge- schen Kontrolle völlig entzogen sind. Als sicherheitspoliti-
heuerliche Provokation der einzig verbliebenen Weltmacht. scher Gürtel, der um Chinas Westgrenze gelegt ist, und nicht
Es scheint noch bis zu einem gewissen Grad verständlich − zuletzt wegen der enormen Erdöl- und Erdgasvorkommen, die
sieht man mal von rechtlichen oder gar ethischen Aspekten ab nach Schätzungen von Experten jene Saudi Arabiens oder
−, wenn die USA aus rein machtpolitischen Gründen nicht Kuwaits noch übertreffen sollen. Aus diesen Gründen werden
gewillt sind, diesen Schlag ins Gesicht hinzunehmen. Doch auf diese Staaten nicht nur vom SU-Nachlaßverwalter Ruß-
die Genugtuung für diesen hingeworfenen Fehdehandschuh land, sondern auch von den USA begehrliche Blicke gewor-
ließe sich mit weitaus weniger Aufwand an Menschen, Mate- fen.
rial und Millionen bewerkstelligen. Eine ebenso nüchterne
wie politisch unkorrekte Frage: Wäre es nicht das Begleichen Gekonnter Schachzug
einer Rechnung in der selben Währung, wenn die USA in Das Geniale am derzeitigen amerikanischen Anti-Terror-
Kommandoaktion die bedeutendste Moschee des radikalisla- Krieg gegen einen sogenannten „Schurkenstaat“ ist, daß die
mischen Gottestaates Afghanistan in die Luft jagen würden USA ganz offen und unter den Augen der Weltöffentlichkeit,
und durch eine Sprengung den überlebenswichtigen Kyberpaß ja großenteils sogar mit deren Unterstützung, ihre Truppen
über den Hindukusch nach Pakistan unpassierbar machten? geostrategisch entscheidend positionieren können und Mos-
Daß die Gefährdung ziviler Menschenleben ein Hinderungs- kau nichts anderes übrigbleibt, als gute Miene zum bösen
grund für ein solches Vorgehen wäre, kann definitiv ausge- Spiel zu machen, will es nicht als indirekter Hilfesteller des
schlossen werden, was sich an der geschehenen Bombardie- Terrorismus gelten. Im Gegensatz zu den europäischen
rung eines Krankenhauses in diesen Tagen ablesen läßt. NATO-Vasallen (so die Bezeichnung der europäischen „Part-
Selbst die Außenministerin einer demokratischen Regierung ner“ durch einen amerikanischen Strategen) sind dem starken
Clinton äußerte einst auf die Frage, ob die infolge des Irak- Mann im Kreml die Implikationen der laufenden amerikani-
Embargos verhungerten 500.000 Kinder nicht ein zu hoher schen Operation durchaus bewußt. Rußland als geopolitischer
Preis für die Maßregelung eines unbotmäßigen Staates wären, Nachfolger der Sowjetunion und tonangebende Macht in der
sinngemäß, daß diese Opfer durchaus im Rahmen des Einge- GUS kann die Präsenz amerikanischer Truppen in den asiati-
planten seien. schen Mitgliedern dieses Bündnisses nur als Provokation
Geopolitisch betrachtet macht der enorme Aufwand, die Mo- empfinden. Der amerikanische Besen kehrt vor Rußlands geo-
bilmachung der gesamten US-Kriegsmaschinerie einschließ- politischer Haustür. Im Jahre 1996 formulierte ein namhafter
lich europäischer Vasallentruppen, der Milliarden an Kosten russischer Politiker:1
verursacht, schon mehr Sinn. Geopolitisch betrachtet ist Af- »Die Spezifik unserer [der russischen] Lage besteht darin,
ghanistan für die USA auch alles andere als ein neuer Akti- daß die derzeitigen Grenzen der Russischen Föderation
onsraum. Seit über zwei Jahrzehnten ist man um hegemoniale nicht mit ihrem militärstrategischen Raum, der das ganze
Ausdehnung im mittelasiatischen Raum bemüht. Nach dem Territorium der UdSSR umfaßt, identisch sind«
Rückzug der Sowjets aus Afghanistan im Februar 1989 und »Doch die Einbeziehung der Republiken der einstigen So-
vor allem nach dem Zerfall der Sowjetunion und der folgen- wjetunion in dieses Programm [der sog. Partnerschaft für
den Verselbständigung ihrer asiatischen Teilrepubliken hat den Frieden] stellt nichts anderes dar als die Umwandlung
sich in Mittelasien ein weitreichendes Operationsfeld geopoli- eines Teils des russischen militärstrategischen Raums in
tischer Einflußnahme und informeller Machtausübung erge- eine westliche Einflußsphäre.«
ben.
Moskau reagiert
Eurasischer Balkan Putin versucht aus dieser Situation noch das Beste zu machen
Den neu entstanden multiethnischen Staaten Zentralasiens und ist − ganz die Zeichen der Zeit erkennend − auf den fah-
sowie ihren alten Nachbarn ist vor allem ein Merkmal ge- renden Zug des Kampfes gegen den internationalen Terroris-
meinsam: politische Instabilität. Diese zeichnet − in unter- mus aufgesprungen. Das kriegerische Vorgehen der Amerika-
schiedlichem Grad − sowohl die ehemals sozialistischen So- ner gegen die radikalislamischen Taliban in Afghanistan läßt
wjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und Putins Krieg gegen die islamische Kaukasusrepublik Tschet-
Tadschikistan als auch ihre Nachbarn Iran, Afghanistan und schenien plötzlich in einem anderen Licht dastehen. Zumal an
Pakistan aus. Ein Umstand, der der Großregion in geopoliti- der tschetschenischen Urheberschaft der im Sommer 1999
schen Kreisen auch den Namen „Eurasischer Balkan“ eintrug durchgeführten Terroranschläge auf Moskauer Hochhäuser
und die Staaten − trotz ihrer beachtlichen Größe − zu geopoli- kaum Zweifel bestehen. Als Putin am 25. September seine aus
tischen Objekten degradiert. Die amerikanische Einflußnah- vielerlei Gründen beachtenswerte Rede im deutschen Bundes-
me, die, um nicht offen zu provozieren, bis zum Zerfall der tag hielt, war dieses Kalkül aufgegangen: Kanzler Schröder

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 129


ließ wenig später verlauten, daß er seit dieser Rede Putins den ten oder die Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung der
Tschetschenienkrieg anders sehe. Vergessen hat Schröder da- Frau stand nicht zur Debatte. Die Ziele waren vielmehr wirt-
bei, daß seine bis dahin geäußerte Kritik den eklatanten Men- schaftlicher Natur. Das geopolitisch-ökonomische Interesse
schenrechtsverletzungen galt, nicht etwa der geopolitischen der USA galt einem von Sowjets befreiten Afghanistan mit
Illegitimität des russischen Vorgehens im Kaukasus − und stabilen Verhältnissen, das eine störungsfreie Umsetzung der
diese werden auch durch eine neugewonnene Sichtweise des energiewirtschaftlichen Konzeption für den Eurasischen Bal-
Krieges nicht ungeschehen gemacht. kan garantieren sollte. Menschenrechte oder Frauenrechte wa-
ren bei diesem Unternehmen nicht einmal zweitrangig, denn
Schauplatz Afghanistan der verläßlichste antikommunistische Partner schienen den
Wenn man auch getrost unterstellen darf, daß die USA keines- USA die islamischen Mudjahedin. Robert Gates, CIA-
wegs in den Afghanistankrieg hineingeschlittert sind, sondern Direktor, bekannte in seinen unlängst erschienenen Memoi-
vielmehr von strategischen Überlegungen geleitet waren, so ist ren, daß »amerikanische Geheimdienste den afghanischen
damit allerdings noch lange nicht gewährleistet, daß die Pläne Mudjahedin sechs Monate vor[!] der sowjetischen Interventi-
auch so umgesetzt werden können, wie man es im Pentagon on zu helfen begonnen haben«.3 Und auch der amerikanische
und State Departement oder anderen Gremien ausgeheckt hat. Geopolitiker Zbigniew Brzezinski bestätigte, daß der US-
Selbst die einzig verbliebene Weltmacht Präsident Carter bereits am 3. Juli 1979
unseres Planeten ist bei ihren Aktionen eine Direktive zur Unterstützung der is-
nicht vor Entwicklungen gefeit, die in lamischen Mudjahedin erlassen hatte −
den Planspielen keine Berücksichtigung mit dem Ziel, die prosowjetische Regie-
gefunden haben und somit kurzfristige rung in Kabul zu stürzen. Dem KGB ist
Überraschungen zeitigen können, auf die diese Provokation nicht unbekannt ge-
es dann − mehr oder weniger geschickt − blieben: Brzezinski:
zu reagieren gilt. »Wir haben die Russen nicht ge-
Die Sowjetunion hatte sich in Afghani- drängt zu intervenieren, aber wir ha-
stan in einem nahezu zehn Jahre wäh- ben die Möglichkeit, daß sie es tun,
renden Krieg eine blutige Nase geholt. wissentlich erhöht.«
Als im Februar 1989 die damalige Während sich die Amerikaner in der
Noch-Supermacht ihren Rückzug aus UNO und in der internationalen Presse
dem islamischen Vielvölkerstaat antrat, über den Einmarsch der Sowjets in Af-
mündete die zehnjährige Intervention ghanistan empörten, zog der US-
beinahe nahtlos in den Untergang des Geheimdienst vor Ort längst die Fäden
kommunistischen Riesenreiches. Ein- amerikanischer Machtpolitik − mit den
marschiert waren die Sowjets in das Mudjahedin als Marionetten.
unwirtliche gebirgige Land, das doppelt Ihre Aufgabe haben die Mudjahedin al-
so groß ist wie die BRD, im Dezember lerdings nur teilweise erfüllt. Zwar
1979. Im Jahr zuvor erlangten die af- mußte sich die Sowjetunion nach zehn-
ghanischen Kommunisten durch einen jährigem Guerillakrieg aus Afghanistan
Putsch die Macht, stießen aber durch zurückziehen, das prosowjetische Re-
die Radikalität, mit der sie die Sowjeti- gime in Kabul unter Präsident Nadji-
sierung des Landes durchführen woll- bullah konnte sich aber trotz des Ab-
ten, auf erbitterten Widerstand der Be- Die verbotene Wahrheit: Die Verstrik- zugs der Roten Armee halten. Die in
völkerung. Die Partei stand schließlich kung der USA mit Osama bin Laden: zahlreiche islamische Parteien gespalte-
kurz vor der Spaltung. Ironie dabei: Be- Obwohl im wesentlichen vor dem 11. nen Mudjahedin mit ihrer pakistani-
reits Josef Stalin − vor 1917 jahrelang September 2001 verfaßt, erhielt dieses schen Exilregierung versuchten vergeb-
Buch der französischen Geheimdienstler
in Aserbeidschan ansässig − geißelte Jean-Charles Brisard und Guillaume
lich, die Regierung zu stürzen und mili-
einst »die oftmals in grobe Taktlosigkeit Dasquié eine unerwartet hoch Aktualität. tärisch vollendete Tatsachen zu schaf-
ausartende Hast, die manche Genossen (Pendo-Vlg., Zürich, 284 S., €18,90) fen. Als die Mudjahedin 1992 infolge
bei der Sowjetisierung der Randgebiete einer „Palastrevolution“ die Regie-
an den Tag legen«, denn »wenn diese Genossen in Gebieten, rungsgewalt in Afghanistan übernahmen, waren sie nicht fä-
die nun eine ganze geschichtliche Periode hinter Zentralruß- hig, das Land zu befrieden oder gar zu regieren. Die inneris-
land zurückgeblieben sind, in Gebieten, in denen die mittelal- lamischen Konflikte ließen den Bürgerkrieg mit allen verhee-
terlichen Lebensformen noch nicht völlig liquidiert sind, sich renden Folgen für die Zivilbevölkerung weitertoben, wobei
entschließen, „heroische Anstrengungen“ zur Durchführung sich zu den verschiedenen religiösen und politischen Konflik-
des reinen Kommunismus zu machen, dann kann man mit Si- ten noch ethnische Komponenten mischten.
cherheit sagen, daß aus solch einem „Husarenritt“ nichts Die Unfähigkeit der Mudjahedin, in Afghanistan sichere
Gutes herauskommen wird.«2 Transitbedingungen für eine amerikanische Pipeline vom
Kaspischen Meer-Anrainer Turkmenistan zum Indischen
US-Geheimdienste seit 1979 in Afghanistan Ozean zu schaffen, ließ sie in westliche Ungnade fallen. Zu-
Anders als die Sowjets verfolgten die Amerikaner in Afghani- dem hatte sich einer der maßgeblichen Mudjahedinführer,
stan überhaupt keine gesellschaftspolitisch relevanten Ziele, Gulbuddin Hekmatyar, während des Golfkrieges zu lautstark
wie etwa die Liquidierung mittelalterlicher Lebensformen. für Saddam Hussein begeistert. Rüstungslieferungen und die
Auch die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrech- bekanntlich nicht stinkenden Geldflüsse wurden gestoppt.

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„Geburtsstunde der Taliban“ fanatisierte „Heilige Krieger“. Daß man sich im Falle eines
Nach Ausführungen des in Marburg/Lahn am Lehrstuhl für militärischen Sieges nicht mehr auf das Risiko einer aus lan-
Internationale Politik tätigen Matin Baraki war dies die Ge- deseigenen Kräften rekrutierten Stellvertreter-Regierung ein-
burtsstunde der Taliban, die bereits Ende der achtziger Jahre lassen will, zeigte der jüngste amerikanische Vorstoß, der ei-
im Nordosten Afghanistans aufgestellt und mit pakistanischer ne UNO-Verwaltung für Afghanistan forderte. Sollte die In-
Hilfe ausgebildet worden sein soll. Die Taliban sollte den stallierung einer solchen Landesverwaltung gelingen, wäre
Auftrag ausführen, an dem die Mudjahedin gescheitert waren: den USA ein strategisch bedeutsamer Schachzug gelungen.
das Land befrieden. Eine militärische Lösung schien den Daß vom großen geopolitischen Tisch für die afghanische
USA realistischerweise schneller und effektiver als der Ver- Bevölkerung wenigstens ein paar Brosamen des Friedens ab-
such, unter islamischen Bürgerkriegsparteien Frieden zu stif- fallen werden, darf bezweifelt werden. Saima Karim, Vertre-
ten. Es schienen die Aussichten nicht zu schlecht, als die Ta- terin der Frauenvereinigung RAWA (Revolutionary Associa-
liban im September 1996 die Hauptstadt Kabul einnahmen. tion of the Women of Afghanistan), bewies eine nüchterne
»Jedoch unabhängig von der territorialen Ausdehnung ih- Einschätzung der amerikanischen Politik:4
rer Herrschaft haben die Taliban nicht die Bedingungen »Bis gestern haben die USA und ihre Verbündeten ohne die
schaffen können, um die Realisierung der ökonomischen geringste Rücksicht auf das Schicksal der Demokratie in
Vorhaben ihrer ausländischen Mentoren abzusichern.« Afghanistan die Politik der fundamentalistischen Gottes-
(Matin Baraki) krieger unterstützt, heute schärfen sie das Schwert der
Das hatte zur Folge, daß die Unocal Corporation, mit 54% am Nordallianz.«
amerikanisch-saudischem Konsortium Centgas beteiligt, den Wer möchte da noch von „grenzenloser Gerechtigkeit“ spre-
Plan der Transafghanistan-Pipeline verwarf und die Taliban chen?
ihre strategische Funktion verloren hat.
Mit den Bombardements vom Oktober 2001 ist nun eine neue Anmerkungen
Situation entstanden. Die amerikanischen Ölkonzerne hoffen 1
Alexander Ruzkoi, Vom Reich, Verlag der Freunde, Berlin 1996, S. 178
auf eine baldige Befriedung Afghanistans durch US-Truppen, u. 181.
2
die man zur Bekämpfung des Terrorismus in die nördlichen Josef W. Stalin, Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage,
Anrainerstaaten herangeführt hatte. Unterstützt wird nun die Dietz-Verlag, Berlin 1952, S. 124.
3
Zit.nach Matin Baraki, »Ursachen, Verlauf und Perspektive des Afgha-
gegen die Taliban kämpfende Nordallianz. Für die Zukunft nistan-Konflikts«, in: Kalaschnikow - Das Politmagazin, Ausgabe 13,
stellt sich die Frage, ob den USA gelingen wird, was der So- Heft 2/99, S. 85ff.
wjetunion nicht gelang, nämlich ein militärischer Sieg gegen 4
Zit. nach Die Furche, Nr. 43, 25.10.2001, S. 2.

Der 11. September 2001


Von Ernst Manon
»Aus unerfindlichen Gründen betrachten sich die Vereinigten gegen nicht einmal, wo die entsprechenden Länder auf der
Staaten als Vertreter Gottes auf Erden«, meinte der jüdische Landkarte liegen. […] Nur weil wir unsere Gegner dämo-
Biochemiker und Pionier der Genforschung Erwin Chargaff nisieren, können wir all diese Kriege führen – seit 1945
1999:1 sind es rund dreihundert. Seit Pearl Harbor hat uns kein
»Das unter Korruption, Verbrechen und technischer Voll- Staat überfallen. Wir haben gegen andere Länder immer
kommenheit erstickende Land maßt sich an, die Welt zu als erste losgeschlagen.«
verwalten, wenn auch die – gerne anonyme – Macht »Gegen wen kämpft Amerika?« fragte kurz zuvor Arundhati
[Chargaff kann es sich wohl mit 96 Jahren erlauben, sich Roy, die für viele die wichtigste Schriftstellerin und politische
einen Verschwörungstheoretiker nennen zu lassen], die es Aktivistin Indiens ist. Während Präsident Bush die Feinde
aus dem Hintergrund lenkt, andere und weltlichere Ziele Amerikas als »Feinde der Freiheit« bezeichnete, meint sie:3
verfolgt. […] Seit der Implosion der Sowjetunion, des „evil »Könnte es sein, daß die finstere Wut, die zu den Anschlä-
empire“, haben die Vereinigten Staaten nach Feinden ge- gen führte, nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun hat,
lechzt.« sondern damit, daß amerikanische Regierungen genau das
Jetzt ist es wieder mal soweit. Amerika führt Krieg. Gore Vi- Gegenteil unterstützt haben – militärischen und wirtschaft-
dal, einer der schärfsten Kritiker unter den Amerikanern und lichen Terrorismus, Konterrevolution, Militärdiktaturen,
Vetter siebten Grades von Al Gore, auch er Jude, meinte an- religiöse Bigotterie und unvorstellbaren Genozid? [außer-
gesichts der Kriegshandlungen gegen Afghanistan:2 halb Amerikas…] Die Amerikaner sollten wissen, daß der
»Die amerikanische Bevölkerung will keine Kriege. Die Haß nicht ihnen gilt, sondern der Politik ihrer Regierung.
Führung der Vereinigten Staaten, die Eigentümer dieses An der heutigen Lage in Afghanistan war Amerika übri-
Landes müssen jedoch Kriege führen, sonst bekommen sie gens in nicht geringem Maße beteiligt. Im Jahr 1979, nach
nicht das nötige Geld für das Pentagon, Summen, die dann der sowjetischen Invasion, begannen die CIA und der paki-
an Boeing und Lockheed weitergereicht werden. Es ist also stanische Militärgeheimdienst ISI die größte verdeckte
sehr wichtig, daß wir Feinde haben. Deshalb erschaffen Operation in der Geschichte der CIA. […] Im Laufe der
wir immer wieder neue. Das amerikanische Volk weiß da- Jahre rekrutierte und unterstützte die CIA fast 100 000 ra-

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 131


dikale Mudschahedin aus vierzig islamischen Ländern für »Will der Diktator eines kleinen Landes lange in Amt und
den amerikanischen Stellvertreterkrieg. Diese Leute wuß- Würden bleiben, scheint es die beste Methode zu sein, die
ten nicht, daß sie ihren Dschihad für Uncle Sam führten. Vereinigten Staaten dazu zu provozieren, ihn Führer eines
(Welche Ironie, daß die Amerikaner ebensowenig wußten, Schurkenstaates und eine Bedrohung für den globalen
daß sie ihre späteren Feinde finanzierten!) Frieden zu nennen.«
Jedes Land der Dritten Welt mit einer schwachen Wirt- Eine weitere Version geht davon aus, daß der israelische Ge-
schaft und einem unruhigen sozialen Fundament müßte heimdienst Mossad hinter dem Attentat steckt. Am 10. Sep-
wissen, daß eine Einladung an eine Supermacht wie die tember, also einen Tag vor dem Attentat, soll die Washington
Vereinigten Staaten fast so ist, als würde ein Autofahrer Times einen Bericht gebracht haben, in dem Teilnehmer der
darum bitten, ihm einen Stein in die Windschutzscheibe zu U.S. Army‘s School of Advanced Studies zitiert werden. Die-
werfen. se seien davon überzeugt, daß der Mossad die Möglichkeit
Die Millionen Toten in Korea, Vietnam und Kambodscha, hätte, amerikanische Ziele anzugreifen und es den Arabern in
die 17 500 Toten, als Israel (mit Unterstützung Amerikas) die Schuhe zu schieben. Am nächsten Tag geschah eben dies!
1982 im Libanon einmarschierte, die 200 000 Iraker, die Bei uns wäre es aber nicht angebracht, eine derart abscheuli-
bei der Operation Wüstensturm starben, die Tausende Pa- che Verschwörungstheorie zu vertreten!
lästinenser, die im Kampf gegen die israelische Besetzung Der serbische Lyriker Charles Simic, der seit vierzig Jahren
des Westjordanlandes den Tod fanden. Und die Millionen, in den Vereinigten Staaten lebt, stellte fest:7
die in Jugoslawien, Somalia, Haiti, Chile, Nikaragua, El »Nun sieht plötzlich ein Teil New Yorks aus wie Dresden
Salvador, Panama, in der Dominikanischen Republik star- im Jahre 1945.«
ben, ermordet von all den Terroristen, Diktatoren und Der Rechtsanwalt Dr. Dr. Thor von Waldstein schreibt:8
Massenmördern, die amerikanische Regierungen unter- »Es ist einfach nicht redlich, über Jahre hinweg die hun-
stützt, ausgebildet, finanziert und mit Waffen versorgt ha- derttausenden Toten der US-amerikanischen Hunger- und
ben. Und diese Aufzählung ist keineswegs vollständig.« Bombenkriege in Serbien, Irak, Libyen, Somalia, Sudan,
Da wäre etwa die massive Unterstützung der Sowjetunion im Afghanistan und und und, als „Kollateralschäden“ abzu-
Zweiten Weltkrieg zu nennen, die von der Lieferung komplet- tun und medial in die Schweigespirale zu nehmen, um dann
ter, kriegswichtiger Industriebetriebe bis hin zum Uniform- für jeden im Word Trade Center umgekommenen Broker
knopf reichte:4 ein telegenes Kerzen- und Blumenmeer zu inszenieren.«
»Amerika suchte und erwartete diesen Krieg. Seit Deutsch- Abgesehen von dem Kerzen- und Blumenmeer stimmten beim
lands Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 hatten die Trauergottesdienst in der National Cathedral in Washington
Vereinigten Staaten Moskau mit kriegswichtigen Hilfsliefe- wie auch in der St. Paul’s Cathedral in London alle ein in das
rungen unterstützt.« Lied, das mit dem Vers beginnt: »Mine eyes have seen the
Anschließend war der Kriegsverbündete für ein knappes hal- glory of the Lord«. »The Battle Hymn of the Republic« ist der
bes Jahrhundert das »Reich des Bösen«. berühmteste Schlachtgesang des amerikanischen Bürgerkrie-
Gehen wir noch weiter zurück, so wäre das Beispiel Kuba zu ges. Alle Bilder der Verstümmelten, der Verblutenten, der
studieren. Der Krieg Amerikas gegen Spanien begann, nach- Toten sind nichts gegen das Bild der kommenden Herrlichkeit
dem ein amerikanisches Kriegsschiff in Havanna in die Luft des Herrn. Die Ankunft des Herrn ist ein innerweltliches Ge-
flog. Spanien verlor fast alle seine kolonialen Besitzungen. schehen, und diejenigen, die es sehen, treiben es voran. (Das
Später wurde bekannt, daß die Amerikaner die Bombe selbst hört sich recht kabbalistisch an.) Mit jedem Tritt der mar-
gelegt hatten, um einen Kriegsgrund zu schaffen. Nun aber schierenden Sänger kommt der Herr einen Schritt näher, ver-
zurück nach New York. kündet vor dem Refrain »Glory, Glory, Hallelujah« der letzte
»Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich?« fragt Arundhati Vers jeder Strophe »Our God is marching on«. Die Wirkung
Roy weiter. dieses Liedes, dessen Text von der Unitarierin Julia Ward
»Ich möchte es anders formulieren: Was ist Usama Bin Howe stammt, beruht darauf, daß es den Bildern des Alten
Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist Testaments eine Körperlichkeit verleiht, die nicht daran den-
der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsiden- ken lassen, es seien bloß Metaphern seelischer Vorgänge.
ten.« Wenn der christliche Krieger fällt, wird seine Christusnachfolge
Die jüdische Schriftstellerin Susan Sontag gab bereits wenige augenfällig. Die fünfte Strophe lautet: »As he died to make men
Tage nach dem Anschlag zu bedenken:5 holy, let us die to make men free.« Soweit nach Patrick Bah-
»Wo ist das Eingeständnis, daß es sich nicht um einen „fei- ners.9 Wer sich über dieses martialische Gottesverständnis
gen“ Angriff auf die „Zivilisation“, die „Freiheit“, die wundert, möge in Exodus 15,3 nachlesen:
„Menschlichkeit“ oder die „freie Welt“ gehandelt hat, son- »Der HERR ist der rechte Kriegsmann; HERR ist sein Name.«
dern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die „Herr“ ist natürlich kein Name. Luther hat meist „JHWH“ mit
einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen An- „HERR“ übersetzt; so lautet die Stelle wörtlich:10
griff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Hand- »JHWH ist Kriegsmann; JHWH ist sein Name.«
lungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde? Wie Und »Hallelujah« heißt übrigens nichts anderes als »Gelobt
vielen Amerikanern ist bewußt, daß die Amerikaner immer sei Jehovah«. Die Endsilbe »jah« ist eine Kurzform von Je-
noch Bomben auf den Irak werfen?« hovah.
Samuel P. Huntington schrieb schon 1999:6 Nach Meinungsumfragen aus dem Jahre 1999 glauben rund
»Während die Vereinigten Staaten regelmäßig verschiede- 44 Prozent aller amerikanischen Bürger an die alttestamentli-
ne Länder als „Schurkenstaaten“ bezeichnen, werden sie che Darstellung von der Erschaffung der Erde.11 Das Denken
selbst nach Ansicht vieler Länder zu einer Schurken- in Bildern des Alten Testaments im allgemeinen dürfte nicht
Supermacht.« weniger verbreitet sein.

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Nicht im Haß auf den Westen, sondern im Haß auf die Juden gleich ist dem Samen der Pferde.“ Israel, das am Berge
und Amerika als dem einzigen Land der Welt, das den Juden in Sinai gereinigt worden ist, hat all seine Unreinigkeit verlo-
Israel beisteht, sieht David Gelernter das Motiv der Terroristen ren; daher kann es beide [vorher erwähnten] Stufen zu glei-
vom 11. September. Der jüdische Computerwissenschaftler an cher Zeit erreichen, während es schwer ist, einem überge-
der Yale Universität war vor Jahren selbst das Opfer eines tretenen Nichtjuden, sogar noch über die dritte Generation
Briefbombenanschlages, des sog. Una-Bombers. Zur Begrün- hinaus, die Unreinheit zu nehmen. Daher lehrt uns die
dung seiner These bezieht er sich auf antijüdische Äußerungen mündliche Überlieferung, daß selbst der Beste unter den
von arabischer Seite bis zurück ins Jahr 1913, wie etwa diese:12 Nichtjuden den Tod verdiene.«
»Die Juden, das schwächste und geringste aller Völker, Die Schriften des eingangs zitierten Erwin Chargaff hatten in
machen uns unser Land streitig; wie können wir da weiter- den 1980er Jahren die deutsche Friedensbewegung nachhaltig
schlafen?« beeinflußt. Mahatma Gandhi galt damals als Vorbild und das
Nun heißt es ja bereits in der Bibel: Motto »Schwerter zu Pflugscharen« aus Micha 4 verband mit
»[…] daß er vertriebe vor dir her große Völker und stärke- der Friedensbewegung der damaligen DDR, was viele nicht
re, denn du bist, und dich hineinbrächte, daß er dir ihr hinderte, in marxistisch inspirierter Abneigung gegen die ei-
Land gäbe zum Erbteil, wie es heutigestages steht.« Deu- gene Seite zum Straßenkämpfer zu werden. Doktrinärer Mar-
teronomium 4,38 xismus spiele heute bei den Grünen keine Rolle mehr,
»Wenn dich der HERR, dein Gott, in das Land bringt, dar- schreibt Konrad Schuller:18
ein du kommen wirst, es einzunehmen, und ausgerottet vie- »Heute wächst statt dessen ein „politischer Pazifismus“
le Völker vor dir her […]« Deuteronomium 7,1 heran, der Militärgewalt dann duldet, wenn sie sich als
»Und der HERR wird dich zum Haupt machen und nicht Schritt zu einer kommenden Welt-Friedensordnung, zu ei-
zum Schwanz […]« Deuteronomium 28,13, usw. usf. nem „Kosmopolis“ mit eigenem Gewaltmonopol deuten
Auch Rußland befindet sich im Krieg – ohne den Beschluß läßt.«
des Föderationsrates. Der 7. Oktober 2001, als die Kriegs- Vordenker sei der sozialdemokratische Friedensaktivist Er-
handlungen begannen, sei für die Welt dasselbe wie der 1. hard Eppler, nach dem Militär und Pazifismus aufeinander
September 1939: der Beginn des neuen Weltkrieges, heißt es angewiesen seien. Es komme zu dem, »was das grüne Herz
in der Iswestija vom 9. Oktober 2001.13 Auch die Russen immer geliebt hat: zur großen Synthese aus linker Diktion
wollen keinen Krieg, schreibt Sonja Margolina und spricht und pazifistischer Utopie. „Staaten aller Kontinente“, so
einen notorisch antiamerikanischen Affekt bei Millionen von hieß es kürzlich in der tageszeitung, „vereinigt euch!“« (wie
Russen an, der auf dem Neid auf das reiche, selbstzufriedene oben)
und oft taktlose Amerika beruhe. Das hatte Lenin auch schon gesagt:19
Der Vorsitzende des Außenausschusses der Duma, Dmitrij »Das Ziel des Sozialismus [sei] nicht nur die Abschaffung
Rogosin, meinte in der Zeitschrift Trud vom 11.10.2001:13 der gegenwärtigen Teilung der Menschheit in kleine Staa-
»Wenn die Lage bei unseren Nachbarn im Süden außer ten […] sondern sie zu verschmelzen.«
Kontrolle gerät, müßten wir und nicht die Amerikaner ei- Der Faschismus aber sei auch im postmarxistischen Denken
nen Ausweg aus dem Schlamassel suchen.« der Erzfeind geblieben, lesen wir noch bei Schuller. Den
Auch wir wollen keinen Krieg und würden gerne unseren ei- braucht man auch, und da es keine Leute mehr gibt, die sich
genen Weg aus dem „Schlamassel“ – übrigens ein Begriff aus selbst so nennen, kann man jeden, der einem nicht paßt, einen
der jüdischen Vulgärsprache – suchen, anstatt mit den Faschisten nennen. Lenin paraphrasierte einmal einen20
Amerikanern für Jehovah zu kämpfen. Dazu müßten wir aber »tiefgründigen Satz von Marx: Der revolutionäre Fort-
nicht nur die Emanzipation von den Amerikanern anstreben, schritt bricht sich Bahn in der Erzeugung einer geschlosse-
sondern auch von Jehovah. nen und mächtigen Konterrevolution, d.h. indem er den
Der jüdische Autor J. G. Burg schrieb:14 Gegner zwingt, sich zu seiner Verteidigung immer extreme-
»Gewisse Stellen im Talmud lassen auch die Ansicht zu, rer Mittel zu bedienen, und so immer machtvollere Mittel
nicht Jehova habe die Hebräer zum Auserwählten Volk des Angriffs entwickelt.«
auserkoren, sondern die Hebräer hätten sich Jehova als ih- Bei Marx selbst heißt es:21
ren Gott ausgewählt.« »in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämp-
Jeshajahu Leibowitz, der 1994 verstorbene israelische Philo- fung erst die Umsturzpartei zu einer wirklichen revolutio-
soph, der »Selbstkritik des Judentums auf höchstem Niveau« nären Partei heranreifte.«
betrieb,15 sah es ähnlich:16 »Immerhin war der Marxismus eine erste leidenschaftliche
»Über den Satz des Jesaja (Jes. 43,12) „Ihr seid meine und bedingungslose Affirmation der Globalisierung«,
Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott“ wagt der Mi- schreibt Florian Rötzer,22 und auch für Joschka Fischer ist
drasch [homiletische, erzählerische und rechtliche Ausle- »diese großartige Passage, der erste Teil des Kommunisti-
gung der hebräischen Bibel] zu sagen: „Wenn ihr meine schen Manifests, der Apotheose der Globalisierung« Gegen-
Zeugen seid, bin ich Gott; wenn ihr nicht meine Zeugen stand der Bewunderung.23 Früher sprach man statt von Globa-
seid, bin ich sozusagen – nicht Gott“.« lisierung von Internationalisierung, von Welthandel, Freihan-
So einfach wäre es also, sich loszusagen, den angeblichen del usw. All dies gab es natürlich schon immer in der jeweils
Bund vom Sinai zu lösen, bei dem der angebliche Vertrags- bekannten Welt. Was sich geändert hat, sind die Größenord-
partner ohnehin nicht mit am Tische saß. Im Sohar (auch Zo- nungen und die offenen oder versteckten Zielsetzungen.
har), dem Buch des „Glanzes“, dem klassischen Hauptwerk Karl Marx hatte es am 9. Januar 1849 in Brüssel in einer Re-
der Kabbala heißt es:17 de so formuliert:
»Über die nichtjüdischen Völker lehrt die Schrift: „Deren »Das Freihandelssystem wirkt zerstörend. Es zersetzt die
Fleisch gleich ist dem Fleische der Esel, deren Samen früheren Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen

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Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, »Armes Deutschland. Vielleicht hatte Marx doch nicht
das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale ganz unrecht, als er mit Blick auf seine Landsleute bissig
Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne stim- reimte: „In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt schwei-
me ich für den Freihandel.« gend das deutsche Publikum.“«
Wie die Bestätigung einer dieser üblen Verschwörungstheori- © 28. November 2001
en mutet es an, wenn uns Razeen Sally von der London
School of Economics versichert: Anmerkungen
»Der Terror hat die WTO gerettet.« 1
»Aufschrei des einzelnen – Die Schlacht- und Schießgesellschaft« in:
Die Proteste der Globalisierungsgegner seien leiser gewor- 2
FAZ vom 15. Mai 1999, S. 41.
»Amerika braucht Feinde« in: FAZ vom 18. Oktober 2001, S. 51. Auch
den, und die Beschleunigung des weltwirtschaftlichen Ab- der Überfall auf Pearl Harbor war provoziert, wie man längst weiß.
3
schwungs seit dem 11. September habe dazu beigetragen, die 4
»Wut ist der Schlüssel« in: FAZ vom 28. September 2001, S. 49.
Gedanken der Beteiligten auf das Wesentliche zu konzentrie- David Gelernter: »Warum Amerika?« in: FAZ vom 27. Oktober 2001, S.
39.
ren. Ohne den 11. September hätte es die neue Handelsrunde 5
»Feige waren die Mörder nicht« in: FAZ vom 15. September 2001, S.
von Doha nicht gegeben.24 Welch ein Glück im Unglück! 6
45.
»The Lonely Superpower« in: Foreign Affairs, vol. 78, no. 2,
Massel im Schlamassel! WTC kaputt – WTO gerettet! Märch/April 1999, S. 42/39.
7
Vor dem weiter oben genannten Vers aus Micha 4 heißt es: »Der Geruch des Gemetzels« in: FAZ vom 17. September 2001, S. 53.
8
»Die Idee Deutschland im postamerikanischen Jahrhundert«
»Kommt, laßt uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und in: Staatsbriefe 9-10/2001, S. 17.
9
zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege 10
»Amerikas Trompete« in: FAZ vom 17. September 2001, S. 62.
Interlinearbibel, Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1989 und 1997.
und wir auf seiner Straße wandeln! Denn aus Zion wird 11
FAZ vom 28. August 1999, S. 10.
12
das Gesetz ausgehen und des HERRN Wort aus Jerusalem. »Warum Amerika? – Bin Ladins Haß ist Judenhaß« in: FAZ vom 27.
Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden Oktober 2001, S. 39.
13
Sonja Margolina: »Wo das eigene Haus steht« in: FAZ vom 19. Oktober
strafen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu 2001, S. 54.
14
Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird Schuld und Schicksal; Damm, München 1965, S. 188.
15
Rudolf Kreis, »Zur Beantwortung der Frage, ob Ernst Nolte oder Nietz-
kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben und wer- sche mit dem Judentum „in die Irre“ ging«; in: Aschkenas, 2. Jg., 1992,
den nicht mehr kriegen lernen.« S. 307, Anm. 99.
16
Gespräche über Gott und die Welt; Dvorah, Frankfurt am Main 1990, S.
Und dann: 133.
17
»Darum mache dich auf und drisch, du Tochter Zion! Denn Sepher ha-Zohar, Doctrine esoterique des Israélites, übertragen von
Jean de Pauly, (nach Gershom Scholem ein pathologischer Schwindler),
ich will dir eiserne Hörner und eherne Klauen machen, Paris 1970, Nachdruck der Ausgabe von 1906-1911, Bd. 5, S. 42.
18
und sollst viel Völker zermalmen; so will ich ihr Gut dem »Saulus-Erlebnis vor Sarajevo« in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszei-
HERRN verbannen und ihre Habe dem Herrscher der gan- tung vom 25. November 2001, S. 6.
19
Polnoje sobranie sotschinenij, 5. Aufl., Moskau 1958-65, Bd. 27, S.
zen Welt.« (Micha 4,13) 256, nach Robert Conquest: Ernte des Todes, Ullstein, Frankfurt/M
Wer denkt hier an eine Verschwörung? Definitionsgemäß ist 1991.
20
Werke, Bd. 11, S. 158.
eine Verschwörung eine geheime, besonders gegen den Staat 21
MEW, Bd. 7, S. 11; nach Bastiaan Wielenga: Lenins Weg zur Revolution
gerichtete Verbindung oder Verabredung. Ein nichtgeheimer, – Eine Konfrontation mit Sergej Bulgakov und Petr Struve im Interesse
einer theologischen Besinnung, Chr. Kaiser, München 1971, S. 211.
ein offenkundiger Umsturzplan ist also eigentlich keine Ver- 22
Das Kommunistische Manifest - 150 Jahre danach; Sonderdruck Suhr-
schwörung. Der französische Diplomat, Politiker und Publi- kamp; Internet.
23
»Wer nur den lieben Gott läßt würfeln« in: FAZ vom 17. Februar 2001,
zist André François-Poincet meinte einmal:25 S. 43.
24
»Wer über seine Absichten den Gegner täuschen will, »Der Terror hat die WTO gerettet« in: Frankfurter Allgemeine Sonn-
tagszeitung vom 25. November 2001, S. 36.
braucht nur die Wahrheit zu sagen.« 25
Mitteilung an Karl Lange; in Karl Lange: Hitlers unbeachtete Maximen;
Prof. Konrad Löw meinte einmal in einem Leserbrief, wenn 26
Kohlhammer, Stuttgart u.a. 1968, S. 145.
auch in einem etwas anderen Zusammenhang:26 »Marx-Megalomanie in mehr als hundert Bänden« in: FAZ vom 24. Ok-
tober 1998, S. 11.

Die Helden von Bethlehem


Von Israel Shamir
Die orthodoxe Kirche im Nahen Osten feierte Ostern dieses Das Osterfest aber brachte ihnen ein Wunder unter der Ab-
Jahr erst im Mai, lange nach dem Ostern des Westens. Es kürzung ISM.
gab jedoch wenig Anlaß zu feierlicher Stimmung, da die Was ist ISM? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir
Geburtskirche zu Bethlehem seit Monaten von der israeli- uns einige Hundert Meter von der Kirche entfernen, zu jener
schen Armee belagert war. Hungernde Priester und Laien- breiten Terrasse, von der aus man die sanft absteigenden Hü-
prediger befanden sich in der Grotte, wo die Jungfrau Maria gel zum Toten Meer überblicken kann. Dort befindet sich ei-
Jesus Christus geboren haben soll; die Leichen von Polizi- ne kleine byzantinische Sakristei neben einer Wasserzisterne.
sten, die von israelischen Scharfschützen erschossen worden Der Ostwind hat dort eine Lage Wüstenstaub auf das Boden-
waren, stapelten sich unter dem Golden Baum des Jesse- mosaik geweht, und die sprichwörtlichen Dornen sind durch
Mosaiks. Die Belagerer schossen immer wieder Brandge- des Mosaiks rote Kreuze durchgebrochen. Diese Zisterne hat
schosse auf das hölzerne Dach der Basilika und beobachte- einen aquatischen Charakter, wie viele historische Gebäude
ten die immer schwächer werdenden Versuche der ausge- im „Heiligen Land“. Ihr Name ist Bir Daoud (Davids Brun-
hungerten Verteidiger, die entstehenden Feuer zu löschen. nen), in Erinnerung an eine legendäre Heldentat.
134 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2
Einst erklärten die Armeen der Städte in der Ebene dem aus zentrationslager deportierten, Hunderte Männer, Frauen und
den Bergdörfern kommenden Terror den Krieg. Sie versuch- Kinder in den Flüchtlingslagern von Jenin und Nablus dahin-
ten, einen bestimmten Mann zu fangen, den palästinensischen schlachteten. Als Israels Moloch nach Bethlehem eindrang,
Terroristenführer Daoud, der die Städte wiederholt angegrif- suchten über zweihundert Menschen Zuflucht in der dortigen
fen hatte. Aber seine Anhänger, ein kunterbunter Haufen, for- Geburtskirche.
derten die Eindringlinge heraus. Sie griffen Straßenkontrollen Diese Zufluchtstradition ist tatsächlich älter als das Christen-
an, umgingen Sicherheitsmaßnahmen, sickerten in die Städte tum. Sie war der Menschheit seit der Dämmerung der Zivili-
des Tales ein, und es gelang ihnen sogar gegen allen Wider- sation bekannt. Kirchen waren immer schon ein Ort der Zu-
stand, aus dem Brunnen von Bethlehem Wasser zum belager- flucht, wovon Victor Hugos Glöckner von Notre Dame ein
ten Daoud durchzubringen, oder König David, wie er heute neueres Zeugnis ablegte. In Lateinamerika verbargen sich
genannt wird. verfolgte Menschen wie auch illegale Immigranten und Ar-
Jahrtausende vergingen, bevor diese Heldentat in einer neuen beiterführer wiederholt erfolgreich in Kirchen, wie auch viele
Fassung durch König Davids Lehrlinge wiederholt wurde, der Juden während des Zweiten Weltkrieges Zuflucht in christli-
Internationalen Solidaritätsbewegung (International Solidarity chen Kirchen und Klostern fanden. Aus diesem Grunde
Movement), abgekürzt ISM. Palästina ist der Schauplatz der glaubten die Menschen von Bethlehem auch, sie wären hinter
dramatischsten Konfrontation und internationalen Spannun- den dicken Mauern der ältesten Kirche der Christenheit si-
gen geworden wie seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten cher.
nicht mehr. Junge europäische und amerikanische Männer Die Geburtskirche von Bethlehem wurde im Jahre 325 n.Chr.
und Frauen schlossen sich der ISM an und begaben sich zu errichtet und hat als einziges der drei ehemals großartigen
den grünen Hügeln von Bethlehem und Hebron. Sie kamen zu christlichen Gebäude im Heiligen Land bis heute überlebt. Ih-
einer unruhigen Zeit: Israelische Führer hatten einen sorgsa- re turbulente Geschichte ist von glücklichen Umständen ge-
men Plan zur Vertreibung und Vernichtung der Palästinenser prägt: im Jahr 614 verweigerten sich die eindringenden Perser
ausgearbeitet, um ein Land zu schaffen, das so jüdisch sein dem Zerstörungsbefehl ihrer jüdischen Kommissare, wie auch
würde, wie einst Deutschland arisch sein wollte. Die ISM- die Sarazenen im Jahr 1009 einen ähnlichen Befehl des ver-
Freiwilligen haben diesen Plan durch ihre schlichte Anwesen- rückten ägyptischen Kalifen Hakim ignorierten, während die
heit zum Entgleisen gebracht und die örtlichen Bauern vor der Grabeskirche zu Jerusalem in beiden Fällen in Brand gesteckt
ihnen drohenden Zerstörung und Vertreibung gerettet. Sie und zerstört wurde. Anno 1099 vernahm Tancred, der spätere
lebten gefährlich: indem sie bei den Bauern in der verteidi- Prinz von Galiläa, daß der Feind plane, die Geburtskirche zu
gungslosen Stadt blieben, spielten sie Katz und Maus mit den zerstören. Er ritt daher an der Spitze seiner Kreuzritter durch
israelischen Exterminatoren und Scharfschützen. 50 Kilometer feindlich besetzten Landes und befreite die Kir-
Obwohl einige der ISM-Freiwillige jüdische Eltern haben, che.
lehnen sie alle das separatistische Schlagwort „Nur für Juden“ Die Kreuzfahrerkönige von Jerusalem wurden in der Ge-
ab, das von den Zionisten verbreitet wird. Sie stehen für burtskirche gekrönt, und jener Zeit sandten die Könige von
Gleichheit, für die „Internationale der wohlwollenden Men- England und Frankreich zum Erzbistum Jerusalem ihre kost-
schen“, wie Isaac Babel sagen würde. Sie kamen aus dem barsten Geschenke. Seit 1145 verziert ein herrliches Mosaik
Lande Folke Bernadottes, aus dem Lande Abe Lincolns und die Wände der Kirche, das noch heute den Stammbaum Jesse,
aus dem Lande T.E. Lawrences. Einige der ISM-Freiwilligen den Lebensbaum und die Szene des zweifelnden Thomas
waren schon aus Seattle, Göteborg und Genua protesterprobt, zeigt, wie er die Wunden Christi berührt. 1932 entdeckten die
wo sie den doppelköpfigen Drachen von Globalisierung und Briten das wunderschöne Bodenmosaik aus den 4. Jahrhun-
Zionismus herausgefordert hatten. Andere wiederum kamen dert, und im Jahr 2000 ordnete Yassir Arafat die Wiederer-
im April 2002 ins „Heilige Land“, gerade rechtzeitig zur richtung des Krippenplatzes vor der Basilika an. Die Kirche
„Osteroffensive“, als Sharons willige Henker Häuser planier- wurde über die Jahrhunderte hinweg von Millionen von
ten, Olivenbäume ausrissen, Tausende Palästinenser in Kon- Gläubigen bewundert, was dazu beitrug, daß die Menschen in
Bethlehem glaubten, sie seien im Schutz
dieser Kirche sicher.
Aber die Juden kümmern sich einen
feuchten Kehricht um die Heiligkeit von
Kirchen. Es gibt zugegebenermaßen
abweichende Ansichten: Die zionisti-
schen Schüler von Rabbi Kook, der
Hauptkonfession Israels, glauben, daß
alle Kirchen so schnell wie möglich zer-
stört werden müssen, und zwar noch vor
den Moscheen. Für sie ist die Aus-
löschung des Christentums wichtiger als
die Vernichtung der Palästinenser. Ihre
traditionalistischen Gegner sind der An-
sicht, es eile nicht und dies solle durch
den jüdischen Messias der Rache erle-
digt werden, wann auch immer dieser
komme. Die verweltlichten Juden hin-
gegen sind daran nicht interessiert. Aus
Die Geburtskirche von Bethlehem im Januar 2000

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 135


diesem Grunde hatte die jüdische Armee keine Skrupel, die Mary Kelly (Irland), Nauman Zaidi (USA), Stefan Coster
Geburtskirche zu umstellen und die grausamste Belagerung (Schweden), and Robert O’Neill (USA), sowie derjenigen,
ihrer langen Geschichte durchzuführen. die ihre Freiheit opferten, indem sie ein Ablenkungsmanöver
Zusammen mit den zweihundert Flüchtlingen verblieben vier- inszenierten und deshalb gefangen genommen wurden: Jeff
zig Mönche und Priester in der Kirche und erfüllten ihre Kingham (USA), Jo Harrison (England), Johannes Wahlstrom
Pflicht. Einen Monat lang verboten die Israelis, daß Lebens- (Schweden), James Hanna (USA), Kate Thomas (England),
mittel in die belagerte Kirche gebracht wurden. Wie zu Zeiten Marcia Tubbs (England), John Caruso (USA), Nathan Mussel-
mittelalterlicher Belagerungen fingen die Menschen in der man (USA), Nathan Mauger (USA), Trevor Baumgartner
Kirche an zu hungern und zu verdursten. Sie destillierten (USA), Thomas Kootsoukos (USA), Ida Fasten (Schweden),
Wasser aus Zitronenschalen und Gras. Der Gestank verwe- Huwaida Arraf (USA).
sender Leichen und schwärender Wunden erfüllte die Kirche. Die Ablenkungsgruppe wurde aufgrund des entsetzlichen
Ausgerüstet mit hochmodernen Sichtgeräten versteckten sich Kriegsverbrechens verhaftet, den hungernden Flüchtlingen zu
Scharfschützen in der unmittelbaren Nähe der Kirche und Ostern Lebensmittel überbracht zu haben. Zunächst wurden
schossen auf alles, was sich bewegte. Sie erschossen Mönche, die Männer von den Frauen getrennt und zur illegalen jüdi-
Priester und Flüchtlinge. Sogar noch vor Beginn der Belage- schen Siedlung Etzion gebracht. Die Frauen wurden nach Je-
rung erschossen sie den Chorknaben Johnny, und gerade heu- rusalem gebracht und vor Gericht gestellt, wo die meisten zur
te am 4. Mai, da ich diese Zeilen niederschreibe, haben sie ei- sofortigen Abschiebung außer Landes verurteilt wurden. Auf
nen weiteren Kirchenmann erschossen. All dies geschieht un- ihrem Weg zum Gefängnistransport sprangen die englischen
gesühnt, denn die Israelis haben mächtige Verbündete in den jungen Frauen aus den Fahrzeugen und entkamen ihren Be-
Medien des Westens. Der dänische Märchenautor Hans Chri- wachern. Eine von ihnen wurde von einem israelischen Zivili-
stian Andersen schrieb einst über den Spiegel der Schneekö- sten gefangen, der nicht zögerte, die junge Frau mit einem
nigin, der alles ins Gegenteil verzerrt, aus Häßlichem Schönes Messer zu bedrohen. Die beiden anderen befinden sich mit
macht und umgekehrt. Im Wunderspiegel des US-Nachrich- dem schwedischen Mädel Ida auf der Flucht.
tenkanals CNN mutierte diese älteste aller Kirchen zu »einem Die ISM-Freiwilligen haben vorgemacht, was wirklicher zivi-
Ort, von dem einige Christen glauben, Jesus sei dort geboren ler Ungehorsam ist, wie eine gewaltlose humanitäre Aktion
worden«. Die Flüchtlinge mutierten zu »Terroristen«. Die sogar unter den brutalen Verhältnissen der israelischen Besat-
Mönche und Priester wurden zu »Geiseln« im Zerrspiegel der zung etwas bewirken kann. Die Männer wurden einige Zeit
Schneekönigin. Die Schreie der Belagerten gelangten nicht in im besetzten Hebron im Gefängnis durch fanatische Siedler
die israelisch-kontrollierten westlichen Medien. festgehalten. Obwohl sie auf dem Territorium Israels kein
In der dunkelsten Stunde der Belagerten ritten die Retter des Verbrechen begangen hatten, wurde sie zur sofortigen Ab-
ISM herbei. Als sich das Heilige Land auf den Karfreitag schiebung verurteilt sowie mit einem Einreiseverbot nach Is-
vorbereitete (die meisten Christen Palästinas gehören der rael für zehn Jahre belegt. Man kann nur hoffen, daß der
Griechisch-Orthodoxen Kirche an), teilten sich die zwei Dut- Apartheidstaat „Israel“ nicht mehr so lange bestehen wird. Ih-
zend ISM-Freiwilligen in zwei Gruppen auf: die eine Hälfte re Verurteilung zeigt auch, daß das legale Konzept der „palä-
inszenierte ein Ablenkungsmanöver in der besten Tradition stinensischen Territorien“ für die israelischen Behörden eine
von Alistair McLeans Guns of Navarone. Während sich Isra- Fiktion ist, die immer dann beachtet wird, wenn es ihnen in
els mutige Soldaten an die Fersen der Ablenkungsgruppe hef- den Kram paßt. Wir könnten das gleiche machen und Gleich-
teten, um sie gefangen zu nehmen, kam die zweite Gruppe heit für alle in ganz Palästina fordern, für Juden wie für
hervor und gelangte durch den Haupteingang ins Innere der Nichtjuden.
Kirche. Sie brachten den belagerten Flüchtlingen Lebensmit- Als professioneller Journalist bedaure ich, daß das Beste die-
tel und Wasser, eine wahre Ostergabe. Die Geschichtsschrei- ses spannungsgeladene Dramas von Belagerung, Durchbruch,
bung wird dies womöglich einst die
Osterrettung nennen.
Wenn die Zionisten einst überwunden
sein werden, werden die Namen dieser
mutigen Männer und Frauen einst in die
Wände der Geburtskirche eingraviert
werden. In der Sakristei, nahe dem
Schwert von Godfrey de Bouillon, dem
Verteidiger der Grabeskirche (Führer
des ersten Kreuzzuges, der eine Krö-
nung ablehnte, aber zumindest den
Adelstitel akzeptierte), werden einst die
Baseballmützen und Turnschuhe der
Verteidiger der Geburtskirche ausge-
stellt werden, die in die Kirche eindran-
gen, um den Hunger und die Gefahren
der Belagerung zu teilen: Alistair Hill-
man (England), Allan Lindgaard (Dä-
nemark), Erik Algers (Schweden),
Jacqueline Soohen (Kanada) Kristen
Schurr (USA), Larry Hales (USA), 10. Mai 2002: Das Ende der Belagerung.
Orthodoxe Priester kehren in die Kirche zurück

136 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Das Innere der Geburtskirche in Bethlehem
Ablenkung, Entlastung, Rettung, Verhaftung, Flucht und jetzt haben sie uns voneinander getrennt. Zudem wurde ih-
Konfrontation zum Osterfest im Schatten dieser großartigen nen von den israelischen Behörden mitgeteilt, daß Nathan
Kirche nicht die Massen in Europa und Amerika erreichte, Musselman für weitere Verhöre durch die israelische Si-
zumal die Medien des Westens dieses Drama nicht verbreite- cherheitseinheit Shabak zurückgehalten würde. Sowohl die
ten. UNO wie auch verschiedene Menschenrechtsvereinigungen
Aber dieses Bedauern verringert nicht meine Freude an dem haben dokumentarische Beweise, daß die Israelis Folter
Ereignis, zumal einer der jungen Leute, die die Belagerung meinen, wenn sie vorgeben, einen Palästinenser für „Ver-
durchbrachen, mein eigener Sohn Johannes Wahlstrom- höre“ zu verhaften. […]
Shamir war. Er wurde am 6. Mai zurück nach Schweden de- Das US-Außenministerium und die US-Botschaft in Israel
portiert. waren nicht sehr hilfreich. Sie behaupten weiterhin, Trevor
Am 19. Mai erhielt ich schließlich eine alarmierende Nach- und die anderen Inhaftierten könnten das Land verlassen
richt von Huwaida Arraf, einer der jungen Frauen aus der Ge- wann immer sie wollen, daß sie aber im Gefängnis seien,
burtskirche. Sie erinnerte uns daran, daß immer noch einige weil dies ihr Wille sei. Dies ist freilich nicht wahr. Sie wür-
Amerikaner der ISM in den Gefängnissen der Zionisten stek- den Israel schon gerne verlassen, bloß sitzen sie leider hin-
ken. Darunter befinden sich auch Kristen und Trevor aus Se- ter Schloß und Riegel.
attle. Die Bürger Seattles sollten Briefe und Emails schreiben Die neueren Inhaftierten sind jene Mitglieder der Interna-
mit der Aufforderung an die Israelis: »Let My People Go!« tional Solidarity Movement (ISM), die am 2. Mai mit Le-
Unter jenen, die sich Mitte Mai immer noch in Haft befanden, bensmitteln zu den Hungernden und Durstenden in die Ge-
waren u.a.: Trevor Baumgartner, Nathan Mauger, Nathan burtskirche gelangten. […] Alle zehn wurden verhaftet, als
Musselman, Thomas Koutsoukos und Kristen Schurr. Linda die israelischen Militärs in die Kirche eindrangen und die
Bevis, eine Freundin von Trevor (lindabevis@yahoo.com) Belagerung beendeten. Die meisten von ihnen wurden de-
schrieb: portiert, aber einige sind immer noch inhaftiert.
»Trevor hat gestern einen Freund in New York und seine Die einzige noch nicht freigelassene Frau ist Kristin
Mutter angerufen. Seine Gesundheit macht ihm zu schaffen. Schurr. […] Sie berichtet, sie sei während ihrer Verhaftung
Zusammen mit anderen neueren Inhaftierten der ISM ha- geschlagen, herumgestoßen und angeschrien worden und
ben alle vier Männer ihren Wunsch geäußert, nach Hause habe sich wiederholt zur Leibesvisitation ausziehen müs-
zurückzukehren. […] Sie sind alle noch im Gefängnis, und sen. […]«

Viktor Frankl über Auschwitz


Wurde der berühmte Holocaust-Überlebende vergast?
Von Theodor O’Keefe
In einem unlängst erschienenen Artikel wurde enthüllt, daß Staatlichen Auschwitz-Museums bezüglich Frankls Aufent-
Viktor Frankl, der berühmte Psychiater und rätselhafte Au- halt in Auschwitz unter die Lupe nimmt: Wurde Viktor
schwitz-Überlebende, seinen kurzen Aufenthalt in Au- Frankl in jenem Lager vergast?
schwitz reichlich ausgeschmückt hat. Diese Nachricht er- Nur wenigen ehemaligen Häftlingen deutscher Konzentrati-
weckt Zweifel am Wahrheitsgehalt von Frankls bekannten onslager ist soviel Beifall zuteil geworden wie Frankl. Die-
Memoiren Man’s Search for Meaning (Die Suche des Men- ser, ein aus Wien gebürtiger, 1997 verstorbener Psychiater
schen nach dem Sinn). Noch interessanter ist jedoch eine erwarb durch die Theorien der geistigen Gesundheit, die er
Frage, die sich aufdrängt, wenn man die Unterlagen des durch seine psychiatrische Schule, die Logotherapie, ver-

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 137


breitete, internationalen Ruhm. Untrennbar verbunden mit haftigkeit der offiziellen Lagergeschichte ergeben, geht aus
Frankls Renommee, Lehre und moralischer Autorität war Unterlagen, die der – die Ausrottungsthese verfechtende –
seine Erfahrung über die deutschen Konzentrationslager, Theresienstädter Forscher H.G. Adler sowie das Staatliche
insbesondere von Auschwitz, die er in seinem 1959 erschie- Auschwitz-Museum zusammengestellt haben, klar folgendes
nenen Man’s Search for Meaning beschrieben hat. Dieses hervor: Wenn Frankl am 20. Oktober 1944 in Auschwitz
Werk wurde zu einem weltweiten Bestseller; die Library of ankam, dann muß er Theresienstadt zusammen mit 1500
Congress hat es als eines der zehn einflußreichsten Bücher anderen Häftlingen in einem Zug mit dem Kennzeichen
des 20. Jahrhunderts eingestuft. „Es“ verlassen haben. In Danuta Czechs Kalendarium liest
In seinen Erinnerungen schildert Frankl seinen Aufenthalt in man zu diesem Zug:2
Auschwitz, als habe er eine Ewigkeit gedauert. Doch nun »Mit einem Transport des RSHA wurden 1500 jüdische
teilt uns Timothy Pytell, ein Geschichtsprofessor bei der Männer, Frauen und Kinder aus dem Ghetto in Theresi-
Cooper Union in New York, anhand seiner im Hinblick auf enstadt eingeliefert. Nach der Selektion wurden 169
eine intellektuelle Biographie Frankls unternommenen For- Frauen in das Durchgangslager und 173 Männer als
schungen mit, daß der gefeierte Überlebende höchstens drei Häftlinge in das Lager eingewiesen. Die Männer erhalten
Tage in Auschwitz verbracht hat, und zwar auf dem Transit die Nummern B-13307 bis B-13479. Die übrigen 1158
vom tschechischen Theresienstadt nach einem Nebenlager Menschen wurden in der Gaskammer des Krematoriums
von Dachau im Oktober 1944.1 III getötet.«
Wie Pytell bemerkt, wäre ein Leser von Man’s Search for Während Frankl in seinen Memoiren mit kaum zu bremsen-
Meaning »sehr überrascht zu erfahren, daß Frankl nur ein der Wortgewalt über seine Ankunft in Auschwitz berichtet
paar Tage in Auschwitz verbracht hat«. In seinem Buch (einschließlich des obligatorischen Wortwechsels mit Dr.
widmet der Psychiater jenem Lager med. Josef Mengele), verliert er kein
rund dreißig Seiten. Neben seinen Er- Sterbenswörtchen darüber, registriert,
innerungen an seine Ankunft und die mit einer Häftlingsnummer versehen,
darauffolgenden Prozeduren (Rasie- tätowiert oder ins Stammlager Au-
ren, Duschen, Entlausung etc.) stellt er schwitz eingewiesen worden zu sein.
Betrachtungen über das Los der Häft- Man kann daraus nur schließen, daß er
linge an, die darauf hinzuweisen nicht in den Lagerbestand aufgenom-
scheinen, daß er zumindest Monate men worden ist. Im Kalendarium steht
und nicht nur Tage in Auschwitz ver- nichts von unregistrierten, überleben-
bracht hat. (»Wir mußten dieselben den Häftlingen aus diesem Transport.
Hemden ein halbes Jahr lang tragen, Demnach muß nach dem Kalendarium
bis sie jegliche Ähnlichkeit mit Hem- sowie den Quellen, auf denen dieses
den verloren hatten.«) Pytell schreibt zu fußen behauptet, Viktor Frankl fast
hinsichtlich Frankls Schilderung seiner 53 Jahre vor seinem im September
Zeit in Auschwitz: 1997 weltweit bekanntgegebenen Tode
»Doch um die Wahrheit zu sagen, ist in Auschwitz vergast worden sein.
Frankls Darstellung widersprüch- Wer war dann der Mann, der Au-
lich und zutiefst betrügerisch.« schwitz ein paar Tage nach dem Ein-
Pytell hebt hervor, daß Frankl am 19. treffen des Transports aus Theresien-
Oktober 1944 von Theresienstadt stadt verließ und später all die vielen
überstellt wurde, in einem Zug, der Bücher schrieb?
1500 Gefangene nach Auschwitz Wie Robert Faurisson, Carlo Matto-
Viktor Frankl
brachte, und daß er laut dem Häft- gno, Enrique Aynat Eknes, Jürgen
lingsregister von Kaufering III, einem Nebenlager von Graf und andere revisionistische Forscher klargestellt ha-
Dachau, am 25. Oktober 1944 dort eintraf. Tatsächlich hat ben, gibt es einen Ausweg aus dieser scheinbaren Sackgas-
Frankl selbst dem amerikanischen Evangelisten Robert se. Das Überleben Frankls, genau wie jenes zahlloser ande-
Schuller mitgeteilt, was dann in Schullers Zeitschrift Possi- rer von den Historikern des Auschwitz Museums für tot er-
bilities (März/April 1944) erschien: klärten Personen – von denen die frühere französische Ge-
»Ich war nur drei oder vier Tage in Auschwitz […] Ich sundheitsministerin und Präsidentin des Europäischen Par-
wurde in eine Baracke geschickt, und wir wurden alle in laments Simone Veil die prominenteste ist –, geht nicht auf
ein Lager in Bayern überstellt.« irgendein Wunder, sondern auf die schlampigen und unehr-
Somit ist die Glaubwürdigkeit eines weiteren Starüberle- lichen Recherchen der Verantwortlichen des Auschwitz-
benden gewogen und zu leicht befunden worden. Wie die Museums zurück. Trotz unlängst vorgenommenen Korrektu-
Zeugenaussagen von Miklos Nyiszli, Filip Müller, Rudolf ren im Kalendarium, die das Überleben einiger nichtregi-
Vrba, Mel Mermelstein sowie Heerscharen anderer zu unan- strierter Insassen des Lagers einräumen, wird in diesem
tastbaren Wahrheiten verklärten Augenzeugenberichten Standardwerk weiterhin mehr oder weniger automatisch be-
stellen Viktor Frankls Geschichten über Auschwitz nun eine hauptet, nicht in den Lagerbestand aufgenommene Neuan-
Belastung für die Holocaust-Industrie statt eine Anklage kömmlinge seien in die Gaskammern geschickt worden.
gegen die Deutschen dar. Stünden die Unterlagen des Auschwitz-Museums einer sorg-
Doch dies ist noch nicht alles. Während Pytell keinen Ver- fältigen Überprüfung durch revisionistische Forscher offen,
such unternommen hat, die Konsequenzen zu untersuchen, so erführen wir fraglos von noch vielen anderen Überleben-
die sich aus Frankls Aufenthalt in Auschwitz für die Glaub- den, die offiziell für vergast erklärt werden. Natürlich wären

138 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


solche frohen Botschaften den Vertretern der Holocaust- Anmerkungen
Industrie, sei es im Auschwitz-Museum, dem IKRK-Such- 1
»The Missing Pieces of the Puzzle: A Reflection on the Odd Career of
zentrum in Arolsen (BRD) oder der Gedenkstätte Yad Vas- Viktor Frankl«, History, 35(2), S. 281-306 (online:
hem (Israel), in höchstem Maße unwillkommen. Und viel- www.sagepub.co.uk/journals/details/issue/abstract/ab012305.html
2
leicht könnte – wer weiß? – die Behauptung, Viktor Frankl Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau 1939 – 1945, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Ham-
sei nicht vergast worden, in mehr als einer „Demokratie“ zu burg 1989, S. 912.
einer Buße oder gar Gefängnisstrafe führen.

Die „Entdeckung“ des „Bunkers 1“ von Birkenau:


alte und neue Betrügereien
Von Carlo Mattogno
Die „Entdeckung“ delt es sich um eine Art Videospiel zur Gehirnwäsche der
Laut dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationsla- jungen Generationen. In italienischen Journalistenkreisen, die
ger Auschwitz-Birkenau1 wurden in Birkenau vor dem Bau ihm sehr viel Raum zur Darlegung seiner Thesen geboten ha-
der vier Krematorien zwei polnische Bauernhäuser von der ben, gilt Marcello Pezzetti als »einer der namhaftesten Ex-
Lagerverwaltung in „Menschentötungsgaskammern“ umge- perten für Auschwitz und die Shoah weltweit«, und tragi-
wandelt. Das „Rote Haus“, auch „Bunker 1“ genannt, soll am scherweise glaubt er dies anscheinend selbst!
20. März 1942, das „Weiße Haus“, oder „Bunker 2“, am 30.
Juni desselben Jahres in Betrieb genommen worden sein. Die erste Ankündigung der „Entdeckung“
„Bunker 1“, so heißt es, sei 1943 zerstört worden, und es sei- Marcello Pezzetti hatte die wundersame „Entdeckung“ des
en keine Spuren davon zurückgeblieben. Die Zerstörung von angeblichen „Bunkers 1“ von Birkenau schon vor vier Jahren
„Bunker 2“ soll Ende 1944 erfolgt sein, doch sind die Grund- bekanntgegeben. In ihrer Ausgabe vom 26. Februar 1998 ver-
mauern des Hauses, dem diese Bezeichnung zugewiesen wur- öffentlichte die italienische Wochenzeitschrift Panorama (S.
de und das diese Funktion erfüllt haben soll, erhalten geblie- 94-97) unter dem Titel »Operazione memoria« (Unternehmen
ben und können bis zum heutigen Tage besichtigt werden. Gedenken) den Beitrag einer Valeria Gandus, in dem es um
Am 20. November 2001 veröffentlichte die italienische Ta- den Entscheid der UNESCO ging, das frühere KL Auschwitz
geszeitung Corriere della Sera auf S. 35 unter dem Titel »ins Programm zur Restaurierung und Erhaltung der wich-
»Shoa. L‘inferno cominciò in una casa rossa« (Shoah: Die tigsten Museen der gesamten Welt einzugliedern.« (S. 94)
Hölle begann in einem roten Haus) einen Artikel von Gian Die Journalistin gab bekannt, das, was von den Krematorien
Guido Vecchi.2 Dort heißt es, ein Marcello Pezzetti habe den II und III von Birkenau übriggeblieben sei, werde unentwegt
Ort entdeckt, wo sich früher der angebliche „Bunker 1“ von »von auf makabre Souvenirs erpichten Naziskins sowie
Birkenau befunden habe. Noch vor wenigen Monaten habe nach „wissenschaftlichen“ Beweisen gierenden Negationi-
dort ein von einer polnischen Familie bewohntes Privathaus sten geschändet und geplündert.« (S. 94)
gestanden, das gegenwärtig abgerissen werde. Laut Marcello Deswegen erarbeite die UNESCO ein Programm, welches
Pezzetti handle es sich bei diesem Haus um nichts anderes als »vorsieht, daß das, was von den beiden Gebäuden bleibt,
den „Bunker 1“ (»er fragte sich, wie es möglich ist, ruhigen geschützt (vermutlich durch Glaswände) und nur Wissen-
Gemütes in einer Gaskammer zu wohnen«). schaftlern zugänglich gemacht wird.« (S. 96)
Dies ist absurd, da der angebliche „Bunker 1“ 1943 dem Erd- Der Zweck des Projekts ist offensichtlich: Revisionistischen
boden gleichgemacht wurde. Forschern soll der Zugang zu den Ruinen dieser beiden an-
Die „Entdeckung“ soll im Sommer 1993 erfolgt sein, als geblichen Ausrottungseinrichtungen verwehrt werden, um
„Schloma“ (richtig: Schlomo; polnischer Name: Szlama) Dra- vertiefte Untersuchungen der hochbedeutenden Frage nach
gon, sein Bruder Abraham sowie Eliezer „Esisenschmidt“ der „Chemie der Ausrottung“ und der Frage nach der Exi-
(richtig: Eisenschmidt) den „Entdecker“ Pezzetti zum Haus stenz der angeblichen Zyklon B-Einwurflöcher zu verhindern.
begleitet haben sollen, das auf der kleinen Fotografie links Offenbar haben Fred Leuchter und Germar Rudolf den Ver-
auf der betreffenden Seite des Corriere della Sera abgebildet fechtern des offiziellen Geschichtsbildes eine Heidenangst
ist (siehe Abbildung). eingejagt.
Ferner teilt uns die Journalistin mit, daß
Wer ist Marcello Pezzetti? »ein Italiener, Marcello Pezzetti, Historiker und Forscher
Marcello Pezzetti ist ein Forscher des CDEC (Centro di am Cdec (Centro di documentazione ebraica contempora-
Documentazione Ebraica Contemporanea, Zeitgenössisches nea), einer der weltweit führenden Kenner des finstersten
Jüdisches Dokumentationszentrum) in Mailand. Er ist vor al- Ortes des kollektiven Gedächtnisses Europas, Delegierter
lem durch seine Beratertätigkeit bei Holocaustfilmen (Spiel- der UNESCO für das Projekt und die Kontrolle seiner
bergs Schindlers Liste und Benignis La vita è bella) sowie Durchführung ist.« (S. 94f.)
durch die Herstellung der CD „Destinazione Auschwitz“ (Be- Es folgt darauf die Ankündigung der außergewöhnlichen
stimmung Auschwitz) bekannt geworden. Bei letzterer han- „Entdeckung“:

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 139


»Indem Pezzetti die Originalkarten den war, zum »Bauwerk 36c« dekla-
des Lagers studierte und die letzten riert, als solches umstrukturiert und dem
Überlebenden der ersten „Sonder- SS-Sturmbannführer Cäsar, dem Leiter
kommando“-Einheit befragte (jene der landwirtschaftlichen Betriebe, als
Gefangenen, welche die Opfer ent- Wohnung zur Verfügung gestellt. Wie-
kleiden und die Leichen einsammeln der andere Gebäude wurden in unver-
[!] mußten), entdeckte er den Ort und ändertem Zustand belassen, jedoch
das Gebäude. „Vom Bunker 1 haben nicht von der Zentralbauleitung über-
in den Nachkriegsprozessen wenige nommen und blieben ungenutzt. Zweien
Häftlinge gesprochen. Keiner von ih- von diesen Häusern wurden schließlich
nen wurde aber ins Lager gebracht, die Benennungen „Bunker 1“ und
um den Ort und das Bauwerk zu iden- „Bunker 2“ zuteil, und zwar als Ergeb-
tifizieren“, erzählt Pezzetti. Eine auf nis eines mühsamen literarischen Pro-
mißverstandene Beschwichtigung zesses, der im August 1942 begann,
ausgerichtete Realpolitik verhinderte sich zwischen 1942 und 1944 weiter-
unbequeme Recherchen auf einem entwickelte und schließlich im Februar
Terrain, das geschützt und dem 1945 dank Szlama Dragon konkrete
Gedenken geweiht hätte werden sol- Gestalt annahm.
len; statt dessen wurde es von Polen Doch das Problem, dem wir uns hier
besiedelt, die auf billiges Land aus zuwenden wollen, ist ganz anderer Art:
waren, wo sie die zerstörten Häuser Die von Marcello Pezzetti angegebene
der Kriegszeit aufbauen konnten, und Lage des „Bunker 1“ steht in völligem
auch einige frühere Einwohner jener Abb. 1: Erste Seite des Berichts von Widerspruch zu der einzigen Quelle,
Frau Józefa WisiĔska (Vollgröße im In-
Gegend, die seinerzeit von den Nazis über welche die offizielle Geschichts-
ternet www.vho.org/VffG)
vertrieben worden waren, kehrten schreibung verfügt. Es handelt sich um
dorthin zurück. Unter letzteren be- einen am 5. August 1980 von einer Frau
fanden sich auch jene Heimkehrer, WisiĔska erstellten und dem Auschwitz-
welche vor dem Bau von Birkenau Museum zur Verfügung gestellten Be-
das später zu einer Gaskammer um- richt, der von Franciszek Piper proto-
gewandelte Haus bewohnt hatten. kolliert wurde und sich heute in der
Und auf den Ruinen des alten Bau- Sammlung »OĞwiadczenia« (Zeugnis-
ernhauses, das die SS im November se), Band 113, S. 77-78, befindet (siehe
1944 [sic!] teilweise in die Luft ge- erste Abbildung).
sprengt hatte, errichteten sie das Frau WisiĔska erklärte, vor dem Zwei-
neue Haus“.« (S. 95) ten Weltkrieg habe ihre Familie in un-
Damals blieb diese außergewöhnliche mittelbarer Nähe des Lagers Birkenau
„Entdeckung“ beinahe unbemerkt, doch gewohnt. 1941 sei das Haus ihres On-
heute sehen die Dinge anders aus, denn kels Józef Harmata (sowie ihres
diesmal hat die Holocaust-Industrie ihre Schwiegersohns Gryzek) beschlag-
Finger mit im Spiel. nahmt und von den Deutschen darauf in
Untersuchen wir zunächst, wie es um den „Bunker 1“ verwandelt worden.
den historischen Wert dieser „Entdek- 1949 kehrte Frau WisiĔska auf das
kung“ bestellt ist. Ich nehme im folgen- Grundstück zurück, das ihr gehört hatte.
den auch das eine oder andere Resultat Das Haus ihres Onkels (der angebliche
meiner zurzeit im Entstehen begriffenen „Bunker 1“) existierte nicht mehr. We-
Studie über die angeblichen „Bunker“ nige Meter von dem Ort entfernt, wo es
von Birkenau vorweg. sich befunden hatte, wurde später ein
Abb. 2: Topographische Skizze Frau J. Haus erbaut, das damals einem Herrn
Der historische Wert der WisiĔskas, dem Bericht beigelegt. Die Stanisáaw Czarnik gehörte. Frau WisiĔ-
Skizze zeigt den Stand der Dinge im
„Entdeckung“ ska legte ihrem Bericht eine topogra-
Jahre 1941. Die obere Seite entspricht
Vorausgeschickt sei, daß die „Bunker“ der westlichen. phische Skizze der Zone bei (siehe
von Birkenau als Ausrottungseinrich- Abb. 2 und 3), auf der die genaue Posi-
tungen niemals existiert haben. Um das tion des alten Hauses von J. Harmata
Lager Birkenau herum befanden sich (des angeblichen „Bunkers 1“) und des
hingegen mehrere polnische Häuser; ei- neuen Hauses des Herrn Czarnik
nige wurden abgerissen, andere von der Abb. 3: Bild- angegeben ist.
Zentralbauleitung von Auschwitz über- legende der Frau WisiĔska verfügte offensichtlich
nommen, mit einer „Bauwerk“-Nummer Skizze über keinen Beweis dafür, daß das Haus
und -Bezeichnung versehen und zum ihres Onkels J. Harmata sowie ihres
vorgesehenen Zwecke benutzt. Bei- Schwiegersohnes Gryzek von den in
spielsweise wurde das polnische Haus, Auschwitz stationierten SS-Leuten in
dem die Nummer 44 zugewiesen wor- einen „Bunker 1“ umgewandelt worden

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war. Ganz offenbar war ihr dies vom Auschwitz-Museum Häusern der beiden Familien völlig aus der Luft gegriffen
eingeflüstert worden, das schon 1978 auf einem offiziellen war.
Lagerplan von Birkenau die Position des vorgeblichen „Bun- Am 20. September 1985 erstellte Franciszek Piper vier Auf-
kers 1“ genau an der 1980 von Frau WisiĔska angegebenen nahmen eines Hauses, das ihm zufolge Herrn Czarnik gehört
Stelle eingezeichnet hatte und diesen fiktiven, nachträglichen hatte. Auf einer davon – sie wurde mit Archivnummer „nr
„Beweis“ benötigte, um sich zu rechtfertigen. Daß die Wahl neg. 21225/3“ ins Inventar des Auschwitz-Museums aufge-
auf ein Mitglied der Familie Harmata fiel, erklärt sich damit, nommen – sieht man die Frontalansicht des betreffenden
daß es im Urteil beim Höß-Prozeß (2. April 1947) geheißen Hauses (siehe Abb. 4), die identisch ist mit der auf der im
hatte, die angeblich in „Bunker 1“ und „Bunker 2“ umgewan- oben erwähnten Artikel figurierenden Fotografie (siehe Abb.
delten polnischen Häuser hätten den in Brezinka (Birkenau) 5). Doch befindet sich dieses Haus, das im August 2000 auch
ansässigen Bauern Wiechuja und Harmata gehört. Doch wa- von mir fotografiert wurde (siehe Abb. 6), auf der anderen
ren die Namen dieser beiden Landwirte willkürlich unter de- Seite der Straße, die heute außerhalb und längs der westlichen
nen jener Leute herausgegriffen worden, die in der Zone ge- Umzäunung des Lagers verläuft, während – wie aus der topo-
wohnt hatte und deren Häuser von der SS in Besitz genom- graphischen Skizze Frau WisiĔskas eindeutig hervorgeht –
men worden waren, um so einen fiktiven „Beweis“ für die das Haus J. Harmatas (der angebliche „Bunker 1“) viel weiter
Lage der „Bunker“ herbeizuzaubern. Bei ihrer an den Haaren östlich lag, innerhalb der Lagerumzäunung und nur wenige
herbeigezogenen Beweisführung setzten die Richter „Bunker Dutzend Meter nördlich der Kläranlage, die noch heute zu er-
1“ mit dem Haus der Familie Wiechuja und „Bunker 2“ mit kennen ist. Das von Marcello Pezzetti bezeichnete Haus liegt
dem Haus der Familie Harmata gleich. Dabei folgten sie dem, westlich eines anderen nicht zu übersehenden Wahrzeichens,
was der Sachverständige Roman Dawidowski in seinem Gut- nämlich des Denkmals für die sowjetischen Kriegsgefange-
achten vom 26. September 1946 geschrieben hatte. Frau nen. Dieses Denkmal befindet sich rund 200 m westlich der
WisiĔska behauptete hingegen, das angeblich zum „Bunker Kläranlage und somit jenes Punktes, wo das Haus J. Harmatas
1“ umfunktionierte Haus habe der Familie Harmata und nicht (der vermeintliche „Bunker 1“) gestanden hatte, nahe der
der Familie Wiechuja gehört, was einen weiteren Beleg dafür westlichen Umzäunung des Lagers und der entlang dieser ver-
darstellt, daß die Gleichsetzung der zwei „Bunker“ mit den laufenden Straße (siehe Abb. 7), zu der man durch ein altes
Gittertor Zutritt hat. Geht man von dort aus nach rechts bzw.
nach Norden, so liegt das betreffende Haus ungefähr 100 m
entfernt.
Dieses Haus, das laut Herrn Pezzetti auf den Trümmern des
„Bunker 1“ entstanden, wenn nicht gar mit diesem identisch
war, liegt auf der Luftlinie mehr als 300 m von dem Punkt
entfernt, wo das Haus J. Harmatas und damit der vorgebliche
„Bunker 1“ gestanden hatte.
Aus dem bisher Gesagten sind drei Schlüsse zu ziehen:
1) Daß ein Haus (jenes Herrn Czarniks) nur ein paar Meter
von dem früheren Haus J. Harmats („Bunker 1“) entfernt
lag, ist keinesfalls eine Entdeckung M. Pezzettis, sondern
eine Enthüllung Frau WisiĔskas.
2) Die Gleichsetzung des Czarnik-Hauses mit dem auf der
Fotografie im Corriere della Sera-Artikel wurde von F.
Piper schon acht Jahre vor M. Pezzetti vorgenommen.
3) Diese Gleichsetzung dieses Haus mit „Bunker 1“ ist falsch,
denn das auf den Fotos F. Pipers und M. Pezzettis sowie
meiner eigenen Aufnahme zu sehende Haus kann nicht mit
dem des Herrn Czarnik identisch und folglich nicht auf den
Ruinen des „Bunker 1“ entstanden sein. Es kann sich nicht
um das von Frau WisiĔskas angegebene Haus Czarniks
handeln.
Somit wohnt der „Entdeckung“ M. Pezzettis keinerlei histori-
scher Wert inne.

Marcello Pezzettis „Zeugen“


M. Pezzetti berichtet, im Jahre 1993 hätten Szlama Dragon,
dessen Bruder Abraham sowie Eliezer Eisenschmidt ihn di-
rekt und unaufgefordert zum Haus geführt, wo angeblich der
„Bunker 1“ gestanden habe. Doch wie wir im nachfolgenden
sehen werden, war Szlama Dragon 1945 erst von den Sowjets
und dann von den Polen befragt worden, hatte sich jedoch
Abb. 4: Von Franciszek Piper am 20. September 1985 er- außerstande gezeigt, irgendwelche Angaben zur Lage des
stellte Aufnahme des angeblichen Hauses Herrn Czarniks. „Bunker 1“ zu machen. Wie kann man da ernstlich glauben,
Unten: Der Hof zwischen diesem Haus und dem daneben Szlama Dragon habe mit vollkommener Sicherheit einen Ort
liegenden ist auf meinem Photo gut sichtbar (Abb. 6, näch- gefunden, den er 48 Jahre früher nicht hatte ausfindig machen
ste Seite).

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 141


Im „Corriere della Sera“ publizierte Fotografie
Von mir im August 2000 erstellte Aufnahme.
desselben Hauses wie von F. Piper fotografiert.
können? Die Sache wirkt um so unglaubwürdiger, als dieser sich direkt an S. Dragan zu wenden, der sich ja an Ort und
Zeuge anläßlich der 26. Sitzung des Wiener Prozesses gegen Stelle befand. Der Italiener sei »sprachlos« gewesen (S. 49-
Dejaco und Ertl (2. März 1972), nachdem er am Vortag das 50). Doch war auch E. Eisenschmidt im Sommer 1993 in Bir-
Krematorium I mit dem „Bunker 2“ verwechselt hatte (!), sich kenau (S. 167), so daß es sich beim »Freund vom italieni-
zum Eingeständnis genötigt sah: »Ich kann mich heute nach schen Fernsehen« offensichtlich um niemand anderen als
30 Jahren nicht mehr erinnern…« (J.-C. Pressac, Auschwitz: Marcello Pezzetti gehandelt haben kann. Bei diesem Anlaß
Technique and Operation of the Gas Chambers, New York unterhielt er sich dann mit den drei „Überlebenden“ und „ent-
1989, S. 172). deckte“ den angeblichen „Bunker 1“ – doch warum geht Greif
Durch ein Wunder erster Güte hat sich Szlama Dragon also dann mit keinem Wort auf diese „Entdeckung“ ein?
nach 48 Jahren perfekt an etwas erinnert, was ihm nach 30 In Greifs Buch (S. XLIV-XLV) ist jene Karte von Birkenau
Jahren entfallen war und was er schon nach drei Jahren nicht abgebildet, die bereits im Kalendarium der Ereignisse im
mehr wußte! Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (S. 27) abgebildet
Szlama Dragons Bruder Abraham trat weder beim Höß- ist, wo die „1. provisorische Gaskammer“ genau am glei-
Prozeß noch beim Prozeß gegen die Wachmannschaft von chen Ort (und mit dem gleichen Symbol) angegeben wird,
Auschwitz als Zeuge auf. Auch später gab er keine beeideten an dem sie im Buch Auschwitz. Nazi Extermination Camp3
Zeugenaussagen ab und schrieb auch keinerlei Berichte über steht. Auf dieses Buch komme ich noch zu sprechen. Die
seine Erfahrungen. Dasselbe trifft auf Eliezer Eisenschmidt „Gaskammer“ befand sich angeblich nördlich der Kläranla-
zu. Beide haben ihre Geschichte zum ersten Male in den ge des Bauabschnitts III, an der von Frau WisiĔska genann-
neunziger Jahren erzählt! (Vgl. Gideon Greif, Wir weinten ten Stelle. Doch wenn es zutrifft, daß Szlama Dragon, Ab-
tränenlos… Augenzeugenberichte der jüdischen „Sonder- raham Dragon und Eliezer Eisenschmidt die Lage des
kommandos“ in Auschwitz, Böhlau Verlag, Köln 1995). „Bunkers 1“ bereits 1993 genau ermittelt hatten (natürlich
In dem dort abgedruckten Interview sagen die Gebrüder Dra- in Anwesenheit Greifs, der sie nach Birkenau hatte kommen
gon aus, sie hätten einen einzigen Tag beim angeblichen „Bun- lassen, um sie dort zu interviewen), warum läßt er dann kein
ker 2“ gearbeitet, und zwar im Dezember 1942 (S. 77); außer- Sterbenswörtchen darüber fallen? Und warum haben die
dem habe Szlama 1944 dort zwei Tage lang Arbeiten verrichtet
(S. 83). Damit hat es sich! Weder Szlama noch Abraham wur-
den jemals zum angeblichen „Bunker 1“ geführt – wie konnten
sie ihn dann 1993 dermaßen sicher identifizieren?
Eliezer Eisenschmidt gab hingegen zu Protokoll, er habe
sechs Monate lang beim „Bunker 1“ gearbeitet (S. 180), doch
trotzdem war er nicht in der Lage, auch nur einen vagen Hin-
weis auf seine Position zu vermitteln (S. 177). Nicht genug
damit: er kannte noch nicht einmal die Bezeichnung „Bunker“
für die angebliche „Gaskammer“, sondern glaubte, die „Bun-
ker“ (Plural) seien mit den angeblichen „Verbrennungsgrä-
ben“ identisch gewesen!
»Die Gruben oder die „Bunker“, wie wir sie nannten, wa-
ren groß und tief.« (S. 178.)
In seinem oben erwähnten Buch berichtet Gideon Greif, im
Sommer 1993, anläßlich der Befragung Szlama Dragons bei Meine im August 2000 erstellte Aufnahme, die (von Süd
den Ruinen des angeblichen „Bunker 2“, sei »ein Freund vom nach Nord) die Straße zum betreffenden Haus erkennen
italienischen Fernsehen« gekommen, der ihm eine Seite aus läßt. Das Gebäude steht hinten links (im Westen), vor dem
der in polnischer Sprache abgegebenen Erklärung Szlama letzten Baum am Straßenrand. Rechts (im Osten) hinten
Dragons aus dem Jahre 1945 gezeigt habe. Anhand dieses sieht man die Umzäunung des Lagers Birkenau; auf der im
Dokuments wollte der Italiener den Standort der „Verbren- Vordergrund erkennbaren Lichtung befindet sich das Tor,
nungsgruben“ ausfindig machen, und Greif forderte ihn auf, durch das man zum Denkmal für die sowjetischen Kriegsge-
fangenen gelangt.

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drei Zeugen die im Buch veröffentlichte Karte von Birkenau Artikels handelte. Via die Pariser Tageszeitung hielt die
nicht korrigiert? Nachricht von der „Entdeckung“ schließlich Einzug in die eu-
M. Pezzetti behauptet, die drei Zeugen hätten ihn, »vom Kre- ropäische und amerikanische Pressewelt. Sogar das Au-
matorium III ausgehend«, unaufgefordert bis zu dem erwähn- schwitz-Museum erfuhr von der „Entdeckung“ M. Pezzettis
ten polnischen Haus begleitet. Hierbei handelt es sich um eine aus Le Monde und antwortete darauf mit einem Artikel aus
bloße Behauptung, über die jeder mit der Topographie von der Feder Jerzy Sadeckis, der unter dem Titel »Auschwitz-
Birkenau nur einigermaßen Vertraute nur müde lächeln kann, Birkenau. „Le Monde“ enthüllt ein Geheimnis, das keines
zumal sich die Zone um das Lager herum zwischen 1943 und war« in der polnischen Zeitung Rzeczpospolita (Republik) er-
1993 enorm geändert hat. schien. Auch Jerzy Wróblewski, Direktor des Museums, und
Falls die Geschichte der Begegnung zwischen diesen vier Franciszek Piper kamen darin zu Wort. Ich zitiere die wich-
Männern stimmen sollte, haben die drei bedauernswerten tigsten Abschnitte des Artikels, den ich – in englischer Spra-
Greise M. Pezzetti einfach dorthin geführt, wohin er geführt che – auf der Website des Auschwitz-Museums gefunden ha-
werden wollte! be:4
»Man kann nicht in etwas leben, das nicht existiert. „Jene
Die Stellungnahme des Auschwitz-Museums zu der Familie kann nicht in einer Gaskammer gelebt haben, weil
„Entdeckung“ die Deutschen das Kleine Rote Haus im Jahre 1943 abge-
Am 20. November 2001 veröffentlichte Le Monde einen kur- rissen hatten. Keine Spur blieb davon zurück; die Deut-
zen Beitrag von Henri Tincq, der den Titel »Le mystère enfin schen ließen nicht einmal einen kleinen Teil der Grundfe-
levé de la première chambre à gas d‘Auschwitz-Birkenau« sten übrig“, erklärt Dr. Franciszek Piper vom Staatlichen
(Das Geheimnis der ersten Gaskammer von Auschwitz- Auschwitz-Birkenau-Museum. „Erst 1955 bauten die Ei-
Birkenau endlich gelüftet) trug und bei dem es sich um nichts gentümer des Grundstücks ein neues Haus an der Stelle der
weiter als um eine fade Wiedergabe des Corriere della Sera- Gaskammer und zogen dort ein“. […] Wróblewski wundert
sich über die in „Le Monde“ aufgestellte Behauptung, die
Stelle sei erst jetzt entdeckt worden. Die Lage ist seit lan-
gem wohlbekannt und stellt überhaupt kein Geheimnis dar.
Die Position wurde 1945 sowohl in den Berichten der so-
wjetischen als auch der polnischen Kommission identifi-
ziert. Sie wurde von Häftlingen bezeichnet, die damals
Zeugnis ablegten, darunter Schlomo Dragon. Lagerkom-
mandant Rudolf Höß beschrieb sie in seinen später publi-
zierten Erinnerungen. „Alle Führer, die Besuchern das La-
ger zeigen, kennen den Standort“, heben Piper und
Wróblewski hervor. „Hätte der Journalist von „Le Monde“
Informationen aus erster Hand beim Museum erhalten wol-
len, so hätten wir ihm die weitverbreitete, erstmals im Jah-
re 1977 von Interpress veröffentlichte Studie „Auschwitz.
Nazi Death Camp“ zeigen können, wo auf einer Karte von
Birkenau die Lage der ersten Gaskammer angegeben ist. In
den achtziger Jahren, als noch kein Mensch etwas von Si-
gnor Pezzetti gehört hatte, zog ich die Akten des Grund-
buchamtes zu Rate und ermittelte die Lage des Kleinen Ro-
ten Hauses auf den Meter genau“, sagt Piper. „Ein Plan
des Hauses befindet sich auf S. 114 des dritten Bandes des
fünfbändigen Kompendiums „Auschwitz“, das in polni-
scher, deutscher und englischer Sprache veröffentlicht
worden ist“, stellt er klar. […]
Marcello Pezzetti tauchte vor einigen Jahren in Auschwitz
auf und nahm an den Beratungen darüber teil, wie man das
Problem der Position des Kleinen Roten Hauses lösen kön-
ne. Pezzetti fand einen Sponsoren, Richard Prasquier.
Nach längeren Verhandlungen gelang es dem Museum in
diesem Jahr, das Grundstück käuflich zu erwerben und sei-
ne Bewohner zur Übersiedlung in ein anderes Haus zu be-
wegen, das umgebaut wurde. Techniker des Museums ris-
sen das Gebäude am Ort, wo die Gaskammer gestanden
hatte, ab und meliorierten das Gelände. „Im Frühling“,
berichtet Wróblewski, „wollen wir das Grundstück mit ei-
nem Zaun umgeben, Gras säen, Thuja pflanzen und in der
Plan von Birkenau, entnommen dem Buch Auschwitz. Der
5 Mitte eine Gedenktafel mit einer kurzen Geschichte des Or-
„Bunker 1“ nördlich der Kläranlage des Bauabschnitts III ist tes sowie einem Plan der ersten Gaskammer aufstellen“.
mit dem Buchstaben „I“ gekennzeichnet, der in der Bildle- Heute, so hebt Piper bitter hervor, „waren wir so glück-
gende wie folgt erklärt wird: „Erste provisorische Gaskam- lich, daß wir in Auschwitz endlich einmal etwas auf ge-
mer“.

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plante, wohlüberlegte Weise tun konnten, ohne Druck von die Position des angeblichen „Bunker 1“ zu benennen, und
außen oder Sensationskrämerei. Doch wieder einmal dies gilt auch für jene Zeugen, die später Angaben zu diesem
kommt es so heraus, daß nicht einmal die edelste Initiative Gebäude gemacht haben.
im Zusammenhang mit der Geschichte des Nazi-Todesla- Wróblewski und Piper verweisen anschließend auf die
gers Auschwitz-Birkenau – und es gab deren viele – ohne »erstmals im Jahre 1977 von Interpress veröffentlichte Stu-
Mißverständnisse und Verfälschungen unternommen wer- die „Auschwitz: Nazi Death Camp“, wo auf einer Karte
den kann“.« von Birkenau die Position der ersten Gaskammer angege-
ben ist.«
Die Betrügereien des Auschwitz-Museums Es stimmt, daß dieses (freilich 1978 und nicht 1977 erschie-
Das Auschwitz-Museum beansprucht also, die angebliche nene) Buch eine Karte von Birkenau enthält, auf der die Posi-
„Entdeckung“ selbst gemacht zu haben, bestreitet jedoch tion des „Bunkers 1“ angegeben ist, doch dieser befindet sich
nicht, daß das von M. Pezzetti angegebene Haus an der Stelle nicht außerhalb des Lagers, wo ihn erst Franciszek Piper und
steht, wo sich einst der „Bunker 1“ befunden hat. Doch diese dann Marcello Pezzetti „entdeckt“ haben wollen, sondern
These können Wróblewski und Piper lediglich mit lügenhaf- nördlich der Kläranlage, ganz genau an der von Frau WisiĔs-
ten Argumenten verteidigen. ka angegebenen Stelle (vgl. Abb. 8)!
Wróblewski behauptet: Somit irren sich die beiden Vertreter des Auschwitz-Museums
»Die Position [des Bunker 1] wurde 1945 sowohl in den nicht etwa in guten Treuen, sondern lügen bewußt.
Berichten der sowjetischen als auch der polnischen Kom- Abgerundet wird der Schwindel von Franciszek Piper mit fol-
mission identifiziert. Sie wurde von Häftlingen bezeichnet, gender Behauptung:
die damals Zeugnis ablegten, darunter Schlomo Dragon.« »In den achtziger Jahren, als noch kein Mensch etwas von
Dies ist vollkommen falsch. Keiner der unmittelbar nach der Signor Pezzetti gehört hatte, zog ich die Akten des Grund-
Befreiung von Auschwitz von den Sowjets befragten Au- buchamtes zu Rate und ermittelte die Lage des Kleinen Ro-
genzeugen war imstande, die Lage des „Bunkers 1“ anzuge- ten Hauses bis auf den Meter genau.«
ben, weder auf dem Gelände selbst noch auf topographi- Hier bezieht sich Piper auf den am 5. August 1980 erstatteten
schen Karten. Dies gilt insbesondere für Szlama Dragon, und von ihm persönlich protokollierten Bericht Frau WisiĔs-
den Kronzeugen der angeblichen „Bunker“, der am 26. Fe- kas. Doch wie bereits erwähnt, hat diese Dame »auf den Me-
bruar 1945 von den Sowjets und später, am 10. und 11. Mai ter genau« einen vollkommen verschiedenen Standort des
desselben Jahres, von den Polen befragt wurde und niemals „Bunkers 1“ angegeben, so daß F. Piper auch in diesem Fall
fähig war, den Ort zu benennen, wo sich der „Bunker 1“ be- bewußt lügt.
funden hatte. Ganz im Gegenteil: Ungeachtet der Anwesen- Es trifft schon zu, daß F. Piper im bereits erwähnten Werk
heit Dragons sowie anderer Zeugen waren sich die Sowjets Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentra-
bezüglich dieses Bauwerks dermaßen unsicher, daß es auf tions- und Vernichtungslagers Auschwitz einen „Plan“ des
der am 3. März 1945 von Ingenieur Nosal zu Händen der „Bunker 1“ veröffentlicht hat,7 doch enthält dieser keinerlei
sowjetischen Untersuchungskommission erstellten Karte an Hinweis auf die topographische Lage des Hauses und steht
einer ganz anderen Stelle erscheint:6 Außerhalb des Lagers, außerdem bezüglich dessen Struktur, Orientierung und Größe
ca. 300 m von der nördlichen Umzäunung des Bauab- im Widerspruch nicht nur zum 1980 von Frau WisiĔska skiz-
schnitts III von Birkenau entfernt, d.h. rund 500 m nördlich zierten Plan des Hauses, sondern auch zu dem 1945 von In-
der vom Auschwitz-Museum auf seinen offiziellen Karten genieur Nosal anhand von Angaben Szlama Dragons gezeich-
(angefangen bei jener im Buch Auschwitz: Nazi Death neten Plan!
Camp) markierten Stelle und ca. 500 m nordöstlich der von Marcello Pezzetti ist um kein Haar besser als Piper. In dem
M. Pezzetti angegebenen Position. Der Sachverständige Corriere della Sera-Artikel verwandelt er den Bericht Frau
Dawidowski begnügte sich damit, die auf der von Nosal an- WisiĔskas in eine
gefertigten Karte bezeichnete Stelle zu akzeptieren. Dies »Karte des Grundstücks, ein von der Besitzerin unter-
stellt einen weiteren Beweis dafür dar, daß die Familien schriftlich beglaubigtes Dokument, in dem auf die „Gas-
Harmata und Wiechuja nichts mit den angeblich zu „Bun- kammer“ [!] hingewiesen wird.«
kern“ umgewandelten Häusern zu tun hatten. Dies ist reine Phantasie. Tatsache ist, daß laut verschiede-
Keiner der 1947 anläßlich der Prozesse gegen Höß sowie die nen deutschen Karten der Gegend von Birkenau, darunter
Lagermannschaft aufmarschierten Zeugen war in der Lage, der äußerst wichtigen vom 5. Oktober 1942, östlich des
künftigen Bauabschnitts III des La-
gers, innerhalb von 500 m von der
Umzäunung, nur sechs Bauwerke
vorhanden waren, die genau den auf
der Skizze Frau WisiĔskas darge-
stellten entsprechen (abgesehen von
Bauwerk Nr. 6, einem Stall, der nicht
auf der Karte erscheint). In der Ge-
gend, wo sich das laut Mario Pezzetti
auf den Ruinen des „Bunkers 1“ er-
richtete Haus befand, hat damals
niemals irgendein Gebäude existiert!
Volksverblödung durch die Bild-Zeitung, 20.11.2001. Am gleichen Tag erscheint die Dies erhärtet unwiderleglich, daß die
gleiche „Sensationsmeldung“ in italienischen, französischen und deutschen Medien. „Entdeckung“ des angeblichen „Bun-
Zufall?

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kers 1“ kein verzeihlicher Irrtum, sondern ein vulgärer Vashem Frankreich«, kapitulierte die Familie schließlich und
Schwindel war. willigte in den Umzug in ein neues, 500 m entferntes Haus
ein. In der Zwischenzeit war Marcello Pezzetti selbst nicht
Das Geschäft mit der „Entdeckung“ untätig geblieben. Er räumt in der Tat unverblümt ein, daß die
Es versteht sich von selbst, daß die angebliche „Entdeckung“ Angehörigen der polnischen Familie diesen Umzug womög-
propagandistische und wirtschaftliche Gründe hat. Bezüglich lich »als Ende eines Alptraums begrüßt« hätten,
des Hauses, das sich laut Marcello Pezzetti auf den Trüm- »da ich, um sie zu einem Einlenken zu bewegen, begonnen
mern des „Bunkers 1“ befand, schreibt der Corriere della Se- hatte, Touristenbusse vor dem Haus auffahren zu lassen,
ra: denen ich das Haus als erste Gaskammer und seinen Gar-
»„Heute sind Haus und Grundstück gekauft und das Haus ten als Friedhof vorstellte. Jahrelang pflegte bei unserer
abgerissen worden, um die Grundmauern des alten Bun- Ankunft die alte Großmutter aus dem Haus herauszukom-
kers bloßzulegen; das Gebiet wird in den Rundgang des men, die versuchte, uns mit rüden Worten und Gesten zu
Museums [bei der Lagerbesichtigung durch Touristen, vertreiben.«
C.M.] einbezogen und dem Gedenken sowie dem Gebet Die bedauernswerte Familie wurde also unter gröbster Verlet-
geweiht werden“, erklärt Pezzetti. Dies alles dank ihm und zung ihres Eigentumsrechts »jahrelang« auf diese Weise psy-
Dr. Richard Prasquier, einem Pariser Kardiologen, der als chisch von den „Besuchern“ gequält, um sie mürbe zu ma-
kleiner Bub zusammen mit seiner Familie die Liquidierung chen und zum Verlassen ihres eigenen Hauses zu bewegen.
des Warschauer Ghettos überlebte und die gesamte Opera- Marcello Pezzetti fügt hinzu, daß das neue Haus offiziell von
tion finanziert hat.« der polnischen Regierung bezahlt worden ist,
Ein im Bollettino della Comunità Ebraica di Milano erschie- »weil die Familie nicht wollte, daß die Nachbarn meinten,
nener Artikel enthüllt bereits im Titel, was der wirkliche sie hätte Geld von Juden angenommen.«9
Zweck der wundersamen „Entdeckung“ Marcello Pezzettis Das vom »französischen Philanthropen« in dieses Geschäft
ist:8 »Shoà [sic]: la prima camera a gas di Auschwitz diventa investierte Geld wird dank der propagandistischen Ausnut-
museo« (Shoah: Die erste Gaskammer von Auschwitz wird zung des neuen Pavillons durch die Holocaust-Industrie frag-
Museum). Der Beitrag beginnt mit folgender Nachricht: los mit Zins und Zinseszins zurückgewonnen werden. Man
»Zwei polnische Bauernfamilien, Familie Harmata und kann sicher sein, daß die erste kommerzielle Operation ein –
Familie Wichaj (sechs Personen mit Großeltern, Sohn mit millionenfach verkaufter – Videofilm über die „Entdeckung“
Frau sowie zwei kleinen Enkeln), sind im November in ein des „Bunkers 1“ sein wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
funkelnagelneues Haus umgezogen, das mit aller nur er- auch das Auschwitz-Museum dank der „Entdeckung“ seinen
denklichen Raffinesse ausgestattet ist.« Umsatz steigern wird.
Das neue Haus, so fährt das Blatt fort, sei dank der Großher- Natürlich weist die „Entdeckung“ auch einen bedeutsamen
zigkeit des jüdischen Kardiologen Richard Prasquier errichtet ideologisch-propagandistischen Zweck auf: Sie fällt in einen
worden, um den „Bunker 1“ »dem Gedenken zu weihen«: Zeitpunkt, zu dem sich die offizielle Geschichtsschreibung in
»Ja, denn die Familie war anno 47, nach Kriegsende, in einer schweren Krise befindet. Nachdem die von Jean-Claude
das 42 von den Nazis beschlagnahmte und bis April 43 als Pressac ausgegangenen Impulse verpufft sind, hat sie nichts
Gaskammer für die Juden benutzte Haus zurückgekehrt.« weiter zu bieten als das sterile Wiederkäuen bereits sattsam
Somit hatte »die Familie« (welche der beiden?) 1947 kein ge- ausgeschlachteter Themen und kommt wissenschaftlich kei-
ringeres Haus als den „Bunker 1“ bezogen! Als mildernden nen Schritt mehr weiter. Nach dem Absturz von Pressac zu
Umstand mag man dem anonymen Journalisten anrechnen, van Pelt ist sie in ihrer eigenen Mittelmäßigkeit gefangen und
daß diese pyramidale Idiotie ihm von Marcello Pezzetti weiß nicht mehr, was sie der revisionistischen Kritik entge-
höchstpersönlich suggeriert worden war, den er wie folgt zi- genzusetzen hat.
tiert: Der Schwindel mit dem „Bunker 1“ wird also zur neuen Me-
»Als ich vor acht Jahren entdeckte, daß das von dieser dienwaffe gegen den Revisionismus werden.
Familie bewohnte Haus nichts anderes als der Bunker 1
war, d.h. die erste Gaskammer von Birkenau“, erzählt Anmerkungen
Marcello Pezzetti von der Stiftung CDEC, „wurde mir als- Aus dem Italienischen übersetzt von J. Graf.
bald klar, daß es sich hier um einen für das jüdische Ge- 1
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1989, S. 186 und 239.
2
denken besonders wichtigen Ort handelte, der in den vom Die Bildzeitung berichtete am gleichen Tag in einer Kurznotiz. Anm. d.
Auschwitz-Birkenau-Museum für Besucher organisierten Red.
3
Nazi Extermination Camp, Interpress Publishers, Warschau 1978
Rundgang einzugliedern war.« 4
http://www.auschwitz-muzeum.oswiecim.pl/html/eng/aktualnoĞci/
Marcello Pezzetti berichtet anschließend, mit welch schändli- 5
Ebd., unnumerierte Seite.
chen Mitteln es ihm gelang, die Familie zum Ausziehen zu 6
Abgelichtet bei J.-C. Pressac in Auschwitz: Technique and Operation of
bewegen, »die keinerlei Absicht hegte, das Haus zu verlas- the Gas Chambers, aaO., S. 179.
7
sen«. Nach achtjährigem Druck seitens der »lokalen politi- Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, 1999, Bd. III, S.
160.
schen Behörden«, des »neuen Direktors des [Auschwitz]- 8
Mitteilungsblatt der Jüdischen Gemeinde Mailand, 57. Jahrgang, Nr. 1,
Museums Stefan Wilkanowicz« und schließlich des »Beauf- Januar 2002, S. 11.
9
tragten des Vatikans in Frankreich für Beziehungen mit der Man erkennt daran, daß die polnische Bevölkerung um Auschwitz weiß,
jüdischen Welt«, sowie dank dem Geld des »französischen welches Spiel dort von den jüdischen Lobbygruppen gespielt wird! Anm.
d. Red.
Philanthropen Richard Prasquier, des Vorsitzenden von Yad

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 145


Die Kosten von Auschwitz
Auswertung der Baukosten des Konzentrationslagers Auschwitz
Von Dipl.-Ing. Manfred Gerner, Dipl.-Ing. Michael Gärtner und Dr.-Ing. Hans Jürgen Nowak

General Eisenhower führte 1945-1947 vor, wie man billig und effektiv Menschen zu Hunderttausenden umbringt:
Man sperrt sie einfach auf eine Wiese, spannt Stacheldraht um sie herum, stellt Wachen mit Gewehren auf, und
verweigert ihnen die überlebenswichtige Versorgung. Die deutsche Reichsregierung aber gab für die Errichtung
des Lagerkomplexes Auschwitz Geld im Gegenwert von über anderthalb Milliarden DM/750 Millionen € aus…

Mit der anschließenden Veröffentlichung setzt unsere Bauin- Holocaust-Industrie auch erheblich weitergehend, d.h. über
genieursgruppe die Reihe der ausführlicher und gründlicher seine eigenen Berichte hinaus. Wir kommen in einer geson-
bearbeiteten Themen fort, die fundamentale Grundlage unse- derten Arbeit darauf zurück.
rer Studien und Ausarbeitungen zur Baugeschichte von Au- Dennoch ziehen wir uns nicht auf die natürlichste und ein-
schwitz werden. Sie erinnern sich sicher an unsere bisherigen fachste Position zurück, die da lautet: „Wer einmal lügt, dem
Veröffentlichungen: glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!“
1. »Grundwasser im Gelände des KGL Birkenau (Au- Wir denken mehr an die Worte von A. Pope:
schwitz)« in VffG 2(1)1998, S. 2-12. Sie klärte deutlich, »Wer eine Lüge sagt, merkt nicht, welch große Aufgabe er
daß die Behauptung der Exterminationisten, in Birkenau übernimmt, denn er wird gezwungen sein, zwanzig weitere
seien Leichen in offenen, tiefen Gruben verbrannt worden, zu erfinden, um diese eine aufrechtzuerhalten.«
falsch ist. Sie behaupteten damit faktisch, die Deutschen Ob das reicht? Wir finden laufend weitere Lügen, denn wer
hätten dort Tote im Grundwasser mit offenem Feuer ver- bei Sinnen ist und dennoch behauptet, wissenschaftlich Un-
nichtet. mögliches gesehen zu haben, der lügt!
2. »Kurzwellen-Entlausungsanlagen in Auschwitz« Teil 1, Erstmalig, seit wir uns zusammengeschlossen haben, stehen wir
VffG 2(2)1998, S. 87-105. Mit ihr haben wir gezeigt, was vor der Tatsache, daß wir uns mit einem Thema befassen, das
die Gegenseite offenbar unterschlagen wollte, nämlich daß nicht mit Lügen befrachtet ist. Begründung: Kein Exterminatio-
die seinerzeit einmaligen, leistungsfähigsten und modern- nist hat sich bisher dazu geäußert. Es fehlt ihnen immer noch
sten Entlausungsanlagen der Welt zunächst ausschließlich ein zweifellos zwingend erforderlicher Sachverständiger aus
in den beiden Lagern von Auschwitz standen. Diese Tatsa- dem Baufach. Ihr derzeitiger „Pseudoarchitekt“, der Archäolo-
che war bis 1993 völlig unbekannt. Teil 2 in VffG ge und Kunstgeschichtler Prof. van Pelt, kann – wie in seinem
2(4)1998, S. 261-273 ergänzt die Angaben mit wertvollen Buch geschehen – zwar Studenten zur Fälschung von Zeich-
technischen Erläuterungen und Abschriften aus einem Pri- nungen veranlassen, aber weiter reichen seine baufachlichen
vatarchiv. Eine abschließende, vollständige Bearbeitung Kenntnisse nicht. Wir verkennen hierbei nicht die Tatsache, daß
des Themas Entlausungsanlagen haben wir zurückgestellt, die Fähigkeit, Märchen zu erzählen sowie lügen und fälschen zu
da in den Akten laufend neue, bisher unbekannte Anlagen können, eine wesentliche Voraussetzung ist, die viele Personen
gefunden werden. erst zum Exterminationisten befähigt.
3. „Gasdichte“ Türen in Auschwitz« in VffG 2(4)1998, S. Wir dagegen sehen mit Genugtuung auf eine Reihe erfahrener
248-26 1. Ergebnis der Prüfung war, es gab keine wirklich Architekten, Bauingenieure und Praktiker mit z.T. fünfzig Be-
gasdichte Tür in den Lagern. Mit dieser gutachterlichen rufsjahren, die alle Voraussetzungen für einen Bausachver-
Stellungnahme haben wir die Tür zu dem in Vorbereitung ständigen besitzen. Gemeint ist damit, daß sie folgende Lei-
befindlichen Artikel »Gaskammern zur Tötung von Men- stung erfüllen können: Sachverständige sind Gehilfen, die ei-
schen in Auschwitz und Birkenau?« geöffnet. Die ange- nem nicht Qualifizierten die Sachkunde vermitteln, über die
kündigte Arbeit wird eine Reihe unbekannter Zusammen- er selbst nicht verfügt. Der Unqualifizierte hat dem Sachver-
hänge aufdecken und die ohnehin nie bewiesenen Behaup- ständigen bestimmte, feststehende Tatsachen zu unterbreiten
tungen zusätzlich entkräften. mit dem Auftrag, auf diese feststehenden Tatsachen das dem
4. Eine Vielzahl anderer Artikel ist erschienen, die alle in der Sachverständigen eigene Fachwissen anzuwenden und mit
entscheidenden Frage gipfeln: dessen Hilfe gefragte Schlußfolgerungen aus jenen Tatsachen
Ist es durch gründliche und intensive Untersuchung der Bau- zu ziehen und sie dem nicht Sachkundigen mitzuteilen. Auf
vorhaben von Auschwitz/Birkenau möglich, die seit Jahrzehn- dieser Basis verfassen wir das folgende
ten aufgestellten – und ständig wieder geänderten – Behauptun-
gen der Exterminationisten auch bautechnisch zu widerlegen? Sachverständigengutachten
Wir sind inzwischen fortschreitend sicherer geworden, daß
wir diese Beweise antreten werden. Nicht umsonst haben Die Texte halten sich nicht rein an die strengen Regeln eines
schließlich die schon „in der Wolle gefärbten“ und deshalb deutschen Gutachtens, um den ohnehin trockenen Stoff für
unwissenden Holocaust-Historiker selbst die „Jahrhundertlü- den Leser nach Möglichkeit etwas aufzulockern.
ge“ von 4 Millionen Toten in Auschwitz auf 1 Million zu-
rückgenommen. Wieder jedoch eine Zahl, die nicht auf wis- Auftrag
senschaftlichen Forschungen beruht. Die Zahl ist nachweis- Ermitteln der Baukosten aller Bauwerke und Baumaßnahmen,
lich das Ergebnis einer Absprache. Weil wir hier weitere – die für das Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager Au-
leider noch nicht allgemein bekannte – Hintergründe sehen, schwitz/Birkenau entstanden sind und deren Kostenträger
interpretieren wir das Buch des Norman G. Finkelstein Die Institutionen des Deutschen Reiches waren. Diese sollen dann

146 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


– zum besseren Verständnis – auf heutige Baukosten, Stand 2. Firmenangebote;
Jahr 2000, umgerechnet werden. 3. Bauverträge.

Unterlagen: 1. Akten 1.6 BAUABLAUF


Verwendet werden, wenn nicht anders erwähnt, ausschließlich 1. Tätigkeitsberichte der Firmen, Bauleitungen etc.
die bisher bekannten Akten des Bestandes der »Zentralbau- 2. Bauberichte mit Grad der Fertigstellung,
leitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz«, [ZBL], la- 3. Baufristenpläne, enthaltend alle wesentlichen Daten inner-
gernd im »Zentrum für die Aufbewahrung historisch doku- halb der Einzelmaßnahmen:
mentarischer Sammlungen, Moskau« (nachfolgend ZAM). 3.1 Konzentrationslager (KL);
Insbesondere alle Akten, die dem Zweck des Gutachtens die- 3.2 Kriegsgefangenenlager (KGL);
nen. Uns liegen vor: 3.3 Landwirtschaft (La);
3.4 Deutsche Ausrüstungswerke (DAW);
1.1 BAUBESCHREIBUNGEN 3.5 Industriewerke (Krupp);
1. Erläuterungsberichte zur jeweiligen Gesamtbebauung; 3.6 Deutsche Erd- und Steinwerke (DEST);
2. Baubeschreibungen der Einzelbauten samt Bauabmessun- 3.7 Bauhof 1;
gen und daraus errechnete Flächen in m2 sowie des umbau- 3.8 Bauhof H;
ten Raumes in m³ nach den seinerzeit gültigen DIN- 3.9 Meliorationen;
Vorschriften. 3.10 Hauptwirtschaftslager (HWL);
4. Bauabrechnung.
1.2 BAUZEICHNUNGEN USW.
Derzeitiger Bestand in unserem Archiv: etwa 450 Einzelpläne 1.7 LUFTBILDPHOTOS
1. Übersichtskarten M=1:200.000 bis M=1:25.000; Deutsche und alliierte.
2. Zeichnungen des Interessengebietes M=1:5.000;
3. Generalbebauungspläne Wirtschaftspläne; 2. Schriftverkehr
4. Bebauungspläne M=1:5.000 bis M=1:1.000; Soweit dieser in der Folge nicht ohnehin erwähnt wird, ist
4.1 Konzentrationslager [KL]; er in ausreichendem Maß im eigenen Archiv vorhanden, um
4.2 Kriegsgefangenenlager [KGL]; alle Vorgänge zu verfolgen, die zur Abfassung des Gutach-
4.3 Übersichtspläne beider Lager; tens erforderlich sind. Die Bestände erfassen sowohl Ein-
4.4 Lageskizzen; zelbauwerke als auch die Vorgänge beider Teillager. Über
4.5 Lagepläne; die gesamte Bauzeit und komplette Lagerteile fortgeschrie-
5. Baupläne, z. T. einschließlich Entwurfsplänen, M=1:100; bene Zusammenstellungen sind bisher nicht aufgefunden
6. Werk- und Detailpläne M=1:50 bis M=1:10; worden.
7. Abrechnungspläne; Für Teilbereiche, wie Bauabrechnungen u.a., liegen bisher
8. Bestandspläne M=1:200; nur Beispiele vor. Das Findbuch des Archivs belegt jedoch,
9. Be- und Entwässerungspläne M=1:500 bis M=1:10, Pläne daß weitere Unterlagen bei Bedarf beigebracht werden kön-
der Kläranlagen und Installationspläne; nen, die entsprechende Nachweise enthalten.
10. Erschließungspläne;
10.1 Straßenbau M=1:100 bis M=1:10; 3. Veröffentlichungen
10.2 Brückenbau über die Sola M=1:100 bis M=1:10; Die Aufgabenstellung betreffende Veröffentlichungen sind
11. Gleisführungspläne der Deutschen Reichsbahn und Gleis- nicht bekannt. Eine Diskussion des Ergebnisses ist somit nicht
baupläne M=1:1. 000 bis M=1:50; erforderlich.
12. Pläne der beauftragten Firmen für Krematoriumsöfen,
Heizung, Wäschereieinrichtungen, Kläranlagen etc. 4. Baupreisindizes
Ein wesentlicher Teil der Bauvorhaben ist mit NN (Normal- Benutzt werden die Tabellen des Statistischen Bundesamtes
null) Höhenangaben, bezogen auf die Adria, geplant, so daß über Baupreise. Basisjahr 1913 100. Indizes: 1940 = 139,5,
Bezüge der Pläne untereinander hergestellt sind. Wir haben 1941 = 146,3, 1942 = 158,5, 1943 = 161,9, 1944 = 165,3 und
dieses Faktum in einigen Abhandlungen nachgewiesen. Februar 2000 = 2148,5.

1.3 BAUKOSTENANGABEN: Befund


1. Baukostenschätzungen; 1. AUSWAHL
2. Baukostenberechnungen nach seinerzeit gültigen DIN- Aus einer Vorauswahl von ca. 2.000 Blatt der vorhandenen
Vorschriften; Aktenbestände, die für den Zweck Bedeutung haben, wurden
3. Baukostenabrechnungen nach geprüften Rechnungen; für eine Bewertung die in der Folge erwähnten und kurz be-
4. Baukostenfeststellungen. schriebenen Urkunden herausgesucht. Die Erwähnung erfolgt
in der zeitlichen Reihenfolge.
1.4 BAUMATERIALBERECHNUNGEN Die umseitig aufgeführten Listen (33 Blatt DIN A3 und 545
1. Mengenberechnungen der Einzelbauten; DIN A4) sind verschieden aufgestellt. Ein großer Teil enthält
2. Vorausberechnungen des Baumaterialbedarfs für Finanzie- reine Baukosten. Ein anderer Teil jedoch auch die allgemei-
rung und Bereitstellung. nen Kosten, die Bestandteil der Gesamtkosten sind. Sie sind
somit alle auf letzteren, gleichen Stand umzurechnen. Dies ist
1.5 AUSSCHREIBUNG UND BAUVERGABE jedoch bei Nebenkosten nicht vollständig möglich. Somit
1. Leistungsverzeichnisse nach VOB mit Vergabeunterlagen; muß auf diese Kosten verzichtet werden.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 147


NR . BEZEICHNUNG UND KOSTEN IN RM IN DM ANNO 2000
1.1 Ohne Datum. Entwurf eines Antrages für die ersten 30 Baumaßnahmen1 im KL.
1.2 01.10.41, Zuteilung der Kennummer 2 U Katt. 1 für min. 64 Bauvorhaben2 über RM 7.057.400,- DM 98.803.600,-
1.3 30.10.41, Kostenüberschlag3 KL RM 7.057.000,-
1.4 30.10.41, Kostenüberschlag4 KL mit Baubeschreibungen und Lageskizzen. RM 13.656.400,- DM 191.189.600,-
1.5 30.10.41, Erläuterungsbericht5 zum Vorentwurf Neubau KGL mit ausführlicher Beschreibung wie DM 124.600.000,-
Grundwasserstand zwischen 0,30 und 1,20 m, BW Nr. etc. und Kostenvoranschlag über RM
8.900.000,-
1.6 31.10.41, Erläuterungsbericht6 zum Vorentwurf Auf- und Ausbau KL, Bauabschnitt 1, mit aus- DM 28.364.000,-
führlicher Beschreibung der Leistungen wie vorher RM 2.026.000,-
1.7 31.10.41, Erläuterungsbericht7 wie vorher, jedoch Bauabschnitt 111 RM 4.630.000,- DM 64.820.000,-
[Ein erwähnter Bericht mit gleicher Bezeichnung jedoch einer Endsumme von RM 2.230.000,- ist
noch nicht vorhanden.]
1.8 10.03.42, Zusammenstellung8 des Bauvorhabens KGL mit Baubeschreibungen und Lageskizzen DM 10.694.600,-
gegliedert in zwei Teile: Bauvorhaben ausgeführt bis 06.02.42, RM 763.900,-
und Bauvorhaben auszuführen nach dem 06.02.42, RM 8.900.000,- DM 124.600.000,-
1.9 17.03.42, Bauprogramm9 3. Kriegswirtschaftsjahr, Haushaltsjahr 1942 für KL Auschwitz. [Enthal- DM 339.560.200,-
ten sind jedoch auch - vielfacher gegliedert - KGL etc.] RM 24.254.300,-
Ferner für gelieferte Baracken RM 710.000,- DM 9.940.000,-
1.10 31.03.42 Erläuterungsbericht10 wie Ziffer 1.6, jedoch Bauabschnitt III, RM 18.700.000,- DM 261.800.000,-
[Ein erwähnter Bericht gleicher Fassung jedoch vom 31.10.41 und RM 27.800.000,- ist noch nicht
vorhanden.]
1.11 15.07.42, Erläuterungsbericht11 zum prov. Ausbau des KL mit ausführlicher Beschreibung hier DM 28.364.000,-
Grundwasserstand zwischen 1,00 bis 2,50 m, etc. RM 2.026.000,-.
1.12 15.07.42, Erläuterungsbericht12 zum Bauvorhaben KL mit Kostenvoranschlag und DM 288.400.000,-
Baubeschreibungen RM 20.600.000,-
1.13 15.07.42, Erläuterungsbericht13 zum Bauvorhaben Landwirtschaftliche Betriebe, RM 3.520.000,-. DM 49.280.000,-
14
1.14 18.07.42, Antrag auf Baufreigabe Bauvorhaben KL mit Baubeschreibungen und Lageskizzen, DM 36.824.200,-
RM 2.630.300,-.
1.15 31.07.42, Antrag15 wie vorher RM 4.660.000,-. DM 65.240.000,-
1.16 06.08.42, Antrag16 wie vorher RM 468.000,-. DM 6.552.000,-
17
1.17 23.09.42, Aufstellung genehmigter Bauvorhaben nach der Wehrkreisrangfolgeliste, KL und DM 734.122.858,-
KGL, RM 52.437.347,-.
1.18 26.10.42, Bauten18 der ZBL im 3. Kriegswirtschaftsjahr A.) Bauten, welche nicht in der Wehr- DM 61.430.320,-
kreisrangfolgeliste aufgenommen wurden und demnach bis 31.03.42 fertiggestellt wurden. KL und
KGL, RM 4.387.880,-.
1.19 26.10.42, Wie vorher jedoch B.) Bauten19, welche in die Wehrkreisrangfolgeliste aufgenommen DM 725.161.059,-
wurden: RM 51.797.218,50.
1.20 28.10.42, Zusammenstellung,20 Bauvorhaben KGL (Durchführung der Sonderbehandlung), RM DM 192.640.000,-
13.760.000,-.
1.21 15.11.42, Bauvorhaben21 der ZBL, A) Bauten, welche in die Wehrkreisrangfolgeliste aufgenom- DM 721.765.352,-
men wurden, KL und KGL RM 51.554.668,-.
1.22 18.02.43, Aufstellung der genehmigten Bauvorhaben22 der genehmigten Bauvorhaben nach der DM 737.025.058,-
Wehrkreisrangfolgeliste, KL und KGL, RM 52.644.647,-.
1.23 16.04.43, Gesamtzusammenstellung23 [unleserlich] mit Baubeschreibungen, Kostenvoranschlägen DM 56.364.000,-
und Lageskizzen, RM 4.026.000,-,
1.24 20.04.43, Bauvorhaben24 der ZBL, A) Bauten, welche in die Wehrkreisrangfolgeliste für das DM 593.134.752,-
4.KWJ. aufgenommen sind, KL und KGL, RM 42.366.768,-
1.25 30.09.43, Rahmenbauantrag25 für das Kriegsgefangenenlager [Enthalten B HI als Häftlingslaza- DM 450.800.000,-
rett!] RM 32.200.000,-.
1.26 26.11.43, Bauvorhaben26 der ZBL. A) Bauten, welche in der Wehrkreisrangfolgeliste für das 4. DM 497.434.952,-
KWJ. aufgenommen sind, als Überhang in das 5. KWJ. Mit Baustoffbedarf 1944, KL und KGL,
RM 35.531.068,-.
1.27 03.06.44, Bauvorhaben27 der ZBL KL und KGL welche in die R-Liste f d. J. 1944 aufgenommen DM 733.553.492,-
sind, RM 52.396.678.
1.28 07.07.44, Bauvorhaben28 die im laufenden Jahr KL und KGL zur Durchführung kommen sollen, DM 376.471.816,-
RM 26.890.844,-.
1.29 19.07.44, Schwerpunktbauvorhaben29 der ZBL die in diesem Jahr zur Ausführung kommen sollen, DM 288.072.176,-
mit Fertigstellungsgrad KL und KGL, RM 20.576.584,-.
1.30 04.09.44, Aufstellung30 der im Bau befindlichen Bauwerke KL und KGL mit Fertigstellungsgrad.

148 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Es liegen, wie vorstehend gezeigt, ausreichende Aufstellun- nichts anderes enthalten können und zum anderen Personen,
gen vor, um eine Berechnung der Baukosten der Lager von die nicht in „erwünschter Form“ sondern den Tatsachen ent-
Auschwitz durchzuführen. Aus den vorhandenen Berechnun- sprechend berichten, von dort keine Kopien erhalten.
gen, die zur Ermittlung der Kosten für jedes Gebäude und an-
dere Baumaßnahmen durchgeführt wurden, sind die richtigen 6. HILFSMITTEL
Berechnungen herauszusuchen, wo notwendig zu ergänzen, H.J. Nowak hat, um einen ersten genauen Rahmen für die
zusammenzustellen, und zu addieren. Baugeschichte der Lager zu haben, eine chronologische Liste
Wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Lagern ist, aller geprüften, aus dem Moskauer Archiv erhaltenen Doku-
daß im Konzentrationslager sowohl alle Altbauten als auch mente erstellt. Diese umfaßt derzeit 109 Seiten und wird lau-
der größte Teil der Neubauten Massivbauten sind. Die Unter- fend ergänzt und erweitert.
kunftsgebäude im Kriegsgefangenenlager dagegen sind be-
helfsmäßige Holzbaracken bis auf 30 Baracken in B I. 7. BERECHNETER BAUINDEX
Um nicht einen überhöhten Aufwand zu betreiben, wurde auf
2. ZUORDNUNGEN differenzierte Berechnungen für jedes Baujahr verzichtet. Es
Die vorliegenden Aufzeichnungen sind nur zum Teil be- wurde ein Mittelwert zwischen den Jahren 1941 und 1944
stimmten Lagern zugeordnet. Erhebliche Auflistungen sind ermittelt. Unter Beachtung der Hauptbauzeiten wurde dann
nach Kennummern geordnet, die einerseits unterschiedliche der Multiplikator 14 nach eigenem Ermessen gewählt.
Auftraggeber kennzeichnen, andererseits unterschiedliche
Haushaltmittelstellen und anderes ausweisen. Bebauungsplä- 8. NICHT ENTHALTENE BAUKOSTEN
ne und wesentlich die deutschen und alliierten Luftbildphotos 1. Grundstückskosten. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, nach
machen eine Zuordnung zu den Lagern möglich. denen diese Kosten ermittelt oder berechnet werden könn-
ten.
3. ECHTHEIT 2. Altbauten. Es ist zwar bekannt, daß einige Gebäude
Die Akten, die im direkten Bezug zum Auftragsthema stehen, Kriegsschäden hatten. Es ist auch bekannt, daß es in allen
sind ohne Zweifel echt, sie bilden untereinander und in Bezug Bauten weder fließendes Wasser noch Wasch- und Ab-
auf andere Bereiche logische Ketten. ortanlagen gab (die Kosten für den Einbau der Anlagen
sind in den berechneten Baukosten enthalten), jedoch gibt
4. EINDEUTIGKEIT es keine weiteren Zustandsbeschreibungen bei Übernahme
Die Zusammenstellungen, Auflistungen etc. beziehen sich für eine Wertermittlung, außer daß auch die Kanalisation
eindeutig auf Bauobjekte der Lager von Auschwitz. Sie sind unbrauchbar war.
jedoch unterschiedlich gekennzeichnet. Einmal sind Gebäu- 3. Erschließungskosten. Soweit nicht vollständige Auflistun-
denamen gewählt, zum anderen Bauwerksnummern (BW). In gen übernommen werden, wie die gewählten „Grundko-
der Anfangsphase der Bebauung haben Bezeichnungen mehr- sten“ für beide Lagerteile, in denen diese Kosten enthalten
fach gewechselt, sind jedoch nachvollziehbar. Auch sind sind, ist eine Ermittlung solcher Kosten für die restlichen
BW-Nummern mehrfach vergeben. Die Schlüssel hierfür sind Bauten nicht möglich, da keine ausreichenden Beschrei-
in den Baufristenplänen enthalten. bungen des ursprünglichen Geländezustandes vorliegen,
Um einen klaren Überblick zu gewinnen, mußte ein System 4. Nebenlager. Baukosten von Nebenlagern sind in keiner
gewählt werden, das alle erkennbaren Probleme löst. Gewählt Auflistung enthalten. Nach Überprüfungen der einschlägi-
wurden die Bauwerksnummern (BW), mit deren Hilfe eine gen Ausarbeitungen – auch in den Heften von Auschwitz –
Kartei aller Baumaßnahmen errichtet wurde, in der nicht nur stellte sich heraus, daß diese Lager jeweils von den Firmen
die Baukosten erfaßt wurden, sondern auch alle anderen errichtet wurden, bei denen die Häftlinge beschäftigt wur-
wichtigen Daten wie Baubeginn, Baufortschritt und Baufer- den. Das gilt auch für das zuletzt selbständige KL Mono-
tigstellung. witz (Buna).
Als Beispiel ist das Gebäude BW 160 (Wäscherei- und Auf- 5. Tagelohnarbeiten. Es bestehen im Archiv selbstverständ-
nahmegebäude mit Entlausungsanlage und Häftlingsbad) ge- lich auch solche Unterlagen, jedoch sind derartige Akten
wählt und als Anlage beigefügt. Es wurde in der Bauzeit we- bis auf einige Ausnahme, bei denen sich die Notwendigkeit
sentlich geändert. Statt einer geplanten Blausäureentlausung ergab, bisher noch nicht beschafft.
wurde eine Hochfrequenzentlausungsanlage eingebaut. 6. Arbeitsleistungen der Häftlinge. Den Firmen am Bau wur-
Im Endeffekt wurde eine »überörtliche Rechnungsprüfung« den im Lager ausgebildete Facharbeiter zur Verfügung ge-
durchgeführt, ergänzt durch eine Kontrolle, ob in den stellt. Beispiel folgt unter BW 160.
verschiedenen Jahres- und anderweitigen Abrechnungen alle 7. Fremdkosten. Gemeint ist hier z. B. der Gleisanschluß am
Baukosten berücksichtigt wurden. Güterbahnhof, der, da es kein Privatgleis ist, von der Deut-
schen Reichsbahn errichtet wurde.
5. VOLLSTÄNDIGKEIT 8. Bauten, die nicht von der ZBL geplant und ausgeführt wur-
Da es keine Zusammenstellung geben kann, die sich auf die den. Dazu gehören einige der DAW.
Luftbilder bezieht, wurde ein Vergleich zwischen diesen und 9. Laufende Brunnenbohrarbeiten.
den aufgelisteten Gebäuden durchgeführt. Im Zuge dieser Ar-
beit wurde ferner geprüft, ob es Kosten und Bauteile gibt, die Baukostenermittlung
nicht erfaßt sind. Gegebenenfalls auch solche, die nicht zu Zu Gunsten wichtigerer Veröffentlichungen wird auf eine aus-
ermitteln sind. führliche Aufstellung hier verzichtet. Soweit sie besonders in-
Für die Berücksichtigung anderer Archive bestand kein teressant sind, werden solche bei passenden Artikeln nachge-
Grund, da einerseits die Bestände des Archivs in Auschwitz holt.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 149


1. KONZENTRATIONSLAGER AUSCHWITZ 10. Aus Bauvorhaben,27 03.06.44 RM 6.027.438,-
In den Kosten dieses Lagers sind auch die der Landwirtschaft = DM 84.384.132,-
und der verschiedenen Betriebe sowie der Meliorationsarbei- 11. Aus Bauvorhaben,29 19.07.44 RM 467.610,-
ten usw. enthalten. = DM 6.546.540,-
Summe Konzentrationslager RM 65.234.937,-
1.1. GRUNDLAGEN = DM 913.289.118,-
1. Bauabschnitt I,6 31.10.41 RM 2.026.000,-
= DM 28.364.000,- 2. KRIEGSGEFANGENENLAGER BIRKENAU
2. Bauabschnitt II,7 31.10.41 RM 4.630.000,- Die Kosten dieses Lagers haben sich während der Bauzeit
= DM 64.820.000,- laufend geändert. Gewählt wurde die Planungsstufe nach der
3. Bauabschnitt III,10 31.03.42 RM 18.700.000,- Änderung des B III zum Häftlingslazarett nach Bebauungs-
= DM 261.800.000,- plan32 Nr. 2503 vom 18.06.43.

Der Zustand der Abschnitte ist erläutert im Schreiben vom 2.1. GRUNDLAGE
21.04.42:31 Rahmenbauantrag25, 30.09.43 RM 32.200.000,-
BA I: bereits durchgeführt, Mittel vorhanden. = DM 450.800.000,-
BA II: bereits durchgeführt oder im Bau, ohne genehmigte
Mittel. 2.2. ERGÄNZUNGEN
BA III: begonnen im 3. K W. Jahr. oder noch zu beginnen, 1. Aus Bauvorhaben21, 15.11.42 RM 731.826,-
Mittel beantragt.) = DM 10.245.564,-
2. Aus Bauvorhaben27, 03.06.44 RM 11.800.340,-
1.2. ERGÄNZUNGEN = DM 165-204.760,-
1. Aus Antrag,14, 18.07.42 RM 153.690,- Summe Kriegsgefangenenlager RM 44.732.166,-
= DM 2.151.660,- = DM 626.250.324,-
2. Aus Antrag,15 31.07.42 RM 490.500,-
= DM 6.867.000,- Eine Korrektur dieser Kosten nach oben muß vorbehalten
3. Aus Antrag,16 06.08.42 RM 224.400,- bleiben, da nicht auszuschließen ist, daß in der erheblichen
= DM 3.141.600,- Menge der restlichen Akten noch weitere aufgefunden wer-
4. Aus Aufstellung,17 23.09.42 RM 19.626.540,- den.
= DM 274.771.560,-
5. Aus Bauten,18 Teil A, 26.10.42 RM 1.224.833,- 3. Feststellung
= DM 17.147.662,- Die Baukosten aller Bauwerke und Baumaßnahmen für das
6. Aus Bauten,19 Teil B, 26.10.42 RM 5.374.626,- Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager Auschwitz/Bir-
= DM 75.244.764,- kenau betragen mindestens
7. Aus Bauvorhaben,21 15.11.42 RM 2.866.155,-
= DM 40.126.170,- RM 109.967.103,- = DM 1.539.539.442,-.
8. Aus Bauvorhaben,22 18.02.43 RM 371.145,-
= DM 5.196.030,- Die festgestellten Baukosten sind das Minimum. Dies ergibt
9. Aus Bauvorhaben,26 26.11.43 RM 3.052.000,- sich zwingend aus der Aufstellung der nicht erfaßten Kosten
= DM 42.728.000,- unter den Ziffern 8.1. bis 8.9.
© 31.03.2001 Gärtner / Nowak

15
Anmerkungen ZAM 502-1-319-120/145
16
ZAM 502-1-319-105/120
Endet die ZAM Nr. mit einem -, so ist die Seite nicht paginiert oder nicht 17
ZAM 502-1-85-12/16
lesbar. In allen anderen Fällen bezeichnet die letzte Ziffer die Seite. Ein / 18
ZAM 502-1-85-99/101
wird verwendet, wenn ein mehrseitiges Schriftstück vorliegt. 19
ZAM 502-1-85-102/111
1
ZAM 502-1-319- 20
VH-Archiv Prag 44 Blatt
2
ZAM 502-1-319- 21
ZAM 502-1-85-113/125
3
ZAM 502-1-216-1/9 22
ZAM 502-1-85-129/132
4
ZAM 502-1-216-10/38 23
ZAM 502-1-227-1/86
5
ZAM 502-1-233-13/30 24
ZAM 502-1-135a/136
6
ZAM 502-1-225-2725 25
ZAM 502-1-238-10/27
7
ZAM 502-1-225-26/52 26
ZAM 502-1-85-167/171
8
ZAM 502-1-234-1/6; ZAM 502-1-235-1/21 27
ZAM 502-1-85-140/14331
9
ZAM 502-1-319-202/206 28
ZAM 502-1-95-144/14511
10
ZAM 502-1-225-53/94 29
ZAM 502-1-85-146/147
11
ZAM 502-1-221-1122 30
ZAM 502-1-85-195/196
12
ZAM 502-1-222-2/53 31
ZAM 502-1-215-8/10
13
ZAM 502-1-395-1/17 32
ZAM 502-2-16-4
14
ZAM 502-1-319-147/172

150 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Anlage: Muster einer Datenermittlung für die berechneten Baukosten
Auszug aus Kartei BW 160 – Wäscherei- und Aufnahmegebäude mit Entlausung, sowie Häftlingsbad und BW 160 A,
Kurzwellenentlausungsanlage in Teil der Entlausungsanlage BW 160
Schätzkosten zu Planungsbeginn: Wäschereigebäude RM 1.300.000,- 502-1-319
Zugangsgebäude RM 1.210.000,-
Entlausungsanlage RM 370.000,-
13.10.41 Baubeginn 502-1-22-17
30.10.41 Kostenüberschlag Gebäude RM 38/m³. Reine Baukosten für 51.729 m³ und RM 2.000.000,- 502-1-216-11
eine überbaute Fläche von 10.521,50 m²
Einrichtungen RM 700.000,-
01.11.41 BW 160 fertig 2% 502-1-24-499
01.12.41 BW 160 fertig 3% 502-1-24-473
01.01.42 BW 160 fertig 5% 502-1-24-450
31.03.42 Kostenvoranschlag Gebäude RM 25,5/m³. Reine Baukosten für 43.057,62 m³ RM 1.100.000,- 502-1-225-75
und eine überbaute Fläche von 6.130,1 m². Nur Rohbau.
Einrichtungen RM 700.000,- 502-1-225-91
01.04.42 BW 160 fertig 7% 502-1-24-321
14.04.42 Kostenvoranschlag Gebäude RM 18/m³. Reine Baukosten für 60.548,30 RM 1.090.000,- 502-1-347 377
m³ und eine überbaute Fläche von 5.893,4 m². Nur Rohbau. bis 383
Einrichtungen RM 700.000,-
Sonstige Kosten (Vollständiger Text: siehe Abbildungen 1 bis 7) RM 160.000,-
15.04.42 Bauantrag Kurzwellenentlausungsanlage 502-1-333-
31.05.42 BW 160 fertig 8% 502-1-22-23a
30.06.42 BW 160 fertig 12% 502-1-22-28
15.07.42 Erläuterungsbericht Kostenzusammenstellung (Ohne sonst. Kosten)
Gebäude RM 1.095.000,- 502-1-222-45
Einrichtungen RM 700.000,- 502-1-222-52
31.07.42 BW 160 fertig 15% 502-1-22-36
16.08.42 Bauantrag Kurzwellen-Entlausungsanlage RM 98.000,- 502-1-333-81
bis 86
27.08.42 Baubeginn prov. Fernheizwerk BW 161 siehe dort 502-1-22-39
31.08.42 BW 160 fertig 20% 502-1-22-39
??.09.42 Baubeginn Fernheizkanal zum BW 160- siehe BW 161 502-1-24-166
12.09.42 Zeichnung Nr. 1667 Großwäschereianlage 502-2-137-4
15.09.42 Angebot Heizung, 6 Teile ohne Wäscherei, Anschluß BW 160 an Fernheiz- RM 111.234,94 502-1-137-13
werk BW 161 bis 52
30.09.42 BW 160 fertig 30% 502-1-22-48
31.10.42 BW 160 fertig 50% 502-1-22-71
30.11.42 BW 160 fertig 60% 502-1-22-85
Dez. 42 Aufnahme Rohbau fertig, Entlausung Mauerwerk fertig, Wäscherei z. T. noch 502-1-24-16
Fundamentaushub
06.01.43 Fernheizkanal, 450 lm von cc. 690 lm fertig siehe BW 16 1 502-1-214-4
31.01.43 BW 160 fertig 60% 502-1-22-107
31.03.43 BW 160 fertig 65% 502-1-320-70
29.04.43 Baubeginn BW 160 A Kurzwellenentlausung 502-1-22-205
14.09.43 Aufnahme, Häftl.-bad BW 160 95 % fertig 502-1-27-4
Prov. Fernheizwerk BW 161 20 % fertig, Fernheizkanal BW 161 95 % fertig siehe dort
30.09.43 BW 160 fertig 70% 502-1-22-195
03.01.44 Baubeginn Heizung BW 160 A 502-2-32-179
??.03.44 Fertig Heizung BW 160 A bis 217
07.03.44 Restl. Entlausungsanl. Stop aufgehoben 502-1-333-59
30.06.44 BW 160 fertig 70% 502-1-22-195
Betriebsbeginn BW 160 A, Kurzwellenentlausungsanlage 502-1-333-7
09.07.44 BW 160 A fertig 100% 502-1-22-205
04.09.44 BW 160 fertig 85% 502-1-85-195R
15.09.44 Prov. Fernheizwerk BW 161 60 % fertig 502-1-22-205
Fehlende Baukosten für den Ausbau des BW 160: RM 1.332.000,- (60.548,30 m³ × RM 22,-/m³; Rohbau : Ausbau = 45 : 55, nach Erfahrungswerten.)

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 151


Auswertung der Baukostenunterlagen von Auschwitz
Kardinalproblem dieser und jeder noch folgenden Veröffent- schwitz 1,5 Millionen nicht übersteigt.« Er sagte ferner nicht,
lichung zur Forschung über Auschwitz ist die Tatsache ge- daß alle anderen daher – bis auf die Revisionisten – „üble
worden und wird es bleiben, daß die Totenzahl revolutionär Volksverhetzer“ waren, die dem Volk und der Welt ständig
verringert wurde und daß diese den Holocaust umwälzende und sogar mit Hilfe der Gerichte und der Medien die erlogene
Veränderung von allen deutschen Medien zusammen mit dem Zahl von vier Millionen Toten über Jahrzehnte einhämmerten.
Staat, den Parteien, den Kirchen, Gewerkschaften usw. dem Er sagt ferner nicht, daß die Revisionisten also zu Recht diese
„Volk“ noch heute ferngehalten wird. Wir fassen den Ablauf Zahl bezweifelt haben. Gefühlvoll beschreibt er statt dessen,
diesen Vorgang in vier Schritte: warum Jahrzehnte gelogen wurde. Auf den Punkt brachte es
1. Schritt, Version 1989: J.-C. Pressac führte mit seinem der polnische Publizist Ernest Skalski im Spiegel, der klar
Buch Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Cham- von einer Auschwitz-Lüge der Antifaschisten schrieb, und
bers den ersten Schritt aus, indem er versuchte, mittels Do- davon, daß es sich für Antifaschisten immer lohne zu wissen,
kumenten und Zeichnungen aus den Beständen der Zen- aus welch erhabenen Motiven man lügen müsse:7
tralbauleitung der Waffen-SS in Auschwitz (ZBL) im Archiv »Was mich betrifft, empfinde ich als Pole vor allem Verle-
in Auschwitz Beweise zu konstruieren, um seinen ursprüngli- genheit, weil die Situation außerordentlich peinlich ist. Der
chen Lehrmeister Prof. Dr. R. Faurisson zu widerlegen. Da Irrtum, obwohl vor langer Zeit von anderen begangen,
ihm nur die Fähigkeiten eines Apothekers zu eigen waren, bleibt tendenziös. Und es war „unser“ Irrtum, wenn mit
mußte er bei dem Versuch scheitern, über das selbstgewählte „uns“ Gegner von Faschismus und Rassismus gemeint ist.
Thema ein wissenschaftliches Werk zu schreiben. Mit den […]
Dokumenten stellte er aber eine brauchbare Grundlage für Ich gebe zu, daß man manchmal die Wahrheit verheimli-
Baufachleute zur weiteren Bearbeitung zur Verfügung. chen – also lügen muß, zuweilen sogar aus erhabenen Mo-
Es bleibt ihm so der Ruhm, als erster Exterminationist auf tiven, etwa aus Mitleid oder aus Feingefühl. Doch immer
diesem Weg den Versuch gewagt zu haben, Beweise zu er- lohnt es sich zu wissen, warum man das tut, was die jewei-
bringen, die es nicht gibt. Anerkennung jedoch gebührt ihm lige Abweichung von der Wahrheit bringt.«
dafür, daß es ihm gelungen ist, mit diesen Mitteln und seinen Diesem Schritt der Opferzahlreduktion schloß sich auch Prof.
falschen Argumentationen eine Reihe von Naturwissenschaft- Dr. G. Jagschitz an.8 Er formulierte immerhin schon am
lern in die Reihen der Revisionisten gelotst zu haben. 30.04.92:9
Auch bei Pressac selbst verursachten die Dokumente einen »Es ist hier der Begriff der Vier-Millionen-Lüge entstanden
Denkumschwung. In verschiedenen Passagen seines Buches – […], so ist eindeutig beweisbar, daß die Zahl der vier Mil-
wir berichteten häufig darüber – sagte er aus, daß nach seiner lionen vernichteten Menschen in Auschwitz falsch ist. […]
Meinung die Totenzahl von Auschwitz wirklich nur 1 Million Was ich damit sagen will, ist, daß in dieser Zeit aus begreif-
ausmache. Er sah somit den augenblicklichen, nicht abge- lichen und teilweise unbegreiflichen Gründen ernsthaft kein
schlossenen Stand voraus. Versuch gemacht wurde, exakt Zahlen festzustellen.«
2. Schritt, Version 1990/91: 1990 eskaliert ein Streit zwi- Abschließend gibt er seine Meinung »von mindestens mehre-
schen dem polnischen Staatlichen Museum Auschwitz und ren hunderttausend und höchstens 1,5 Millionen« Toten zu
jüdischen Vereinigungen über die größte Opfergruppe in Au- Protokoll.10 Daß das Gericht diese Aussage unbeachtet ließ,
schwitz. Das Museum behauptet auf seinen Gedenktafeln, daß zeigt welchen „integeren Charakter“ die Richter hatten. Sie
in den Lagern Auschwitz/Birkenau vier Millionen Menschen gingen wohl davon aus, daß der Text des mündlichen Gutach-
umkamen, die meisten davon Polen. Jüdische Gruppen be- tens nie veröffentlicht würde. Ein Irrtum, wie bekannt.
haupten, die polnischen Opfer seien größtenteils erfunden, 3. Schritt, Version 1995: Man »schätze«, oder ehrlicher aus-
tatsächlich habe es nur etwa eine Million Opfer gegeben, von gedrückt „würfelte“ die neue Zahl aus: 1,5 Millionen Tote
denen fast alle Juden seien. Im Sommer 1990 geht es dann werden nun auf den neuen Gedenksteinen in Auschwitz-
durch die deutsche wie internationale Presse: Das Auschwitz- Birkenau behauptet.11
Museum gibt nach, entfernt die Gedenktafeln und reduziert Es wäre ein Wunder gewesen, wenn während der Ausarbeitung
die Opferzahl offiziell von vier Millionen auf etwas über eine eines Artikels über Auschwitz nicht besondere Überraschungen
Million.1 1991 veröffentlicht der Direktor des Auschwitz- gefunden worden wären. Sobald man einen fest begrenzten Be-
Museums Franciszek Piper die offizielle polnische Richtig- reich intensiv und genau studiert, stellt sich dieser Effekt ein.
stellung.2 Damit wird offiziell anerkannt, was viele Extermi- Das gilt nicht nur für die ermittelte Summe der Baukosten. Es
nationisten schon sehr früh behauptet hatten, zuerst Gerald ist für uns immer wieder verblüffend festzustellen, wie es im-
Reitlinger 1953:3 »erheblich weniger als eine Million Men- mer leichter wird, die seit Jahrzehnten künstlich über die Lager
schen«. Es folgte Raul Hilberg 1961, verfeinert mit »der Zahl ausgebreitete Nebeldecke durch mit Dokumenten belegbare
von 1 Million jüdischer Opfer«.4 Nach einer Reihe weniger Tatsachen zu zerreißen, ja sogar aufzulösen!
bekannter Autoren kam dann Georges Wellers 19835 und an- In den Unterlagen, die zur Erstellung des obenstehenden Gut-
dere, nicht zuletzt J.-C. Pressac, dem wir so viel zu verdanken achtens dienten, fanden sich eine weitere Reihe bisher völlig
haben, mit seinem zweiten Buch und darin in der deutschen unbekannter Sachverhalte in Auschwitz, die im eng gesteck-
Ausgabe von 1994 700.000 behaupteten Opfern.6 ten Rahmen des Gutachtens nicht behandelt werden konnten.
Mit dem Geständnis, daß das Staatliche Auschwitz-Museum Diese gilt es hier aufzuarbeiten.
»verhältnismäßig spät, und zwar erst in den siebziger Jahren, Es war weder eine einfache noch eine leichte Arbeit, diese
Forschungen zur Frage der Zahl der Opfer begonnen« habe, Baukosten zu ermitteln, aber es war ein Vergnügen festzustel-
leitet Piper zur eigenen Meinung seit 1986: »Der Verfasser ist len, daß die Akten alles enthielten, was wir zu unseren Ermitt-
der Auffassung, daß die tatsächliche Zahl der Opfer von Au- lungen, einer Art Rechnungsprüfung, brauchten.

152 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Nach 60 Jahren ist denen, die diese Unterlagen erstellt haben, nachgewiesenen Kosten möglich gewesen. Die Sowjets haben
zu bestätigen, daß sie mustergültig gearbeitet haben. Wir es der Welt mit 100 Millionen Toten vorgeführt. Sie waren
konnten prüfen wie in einem eigenen Bauvorhaben, das vor den alliierten Verbrechern schon würdige Verbündete.
kurzem abgeschlossen wurde. Jede Kleinigkeit ist belegt, Da wir eine weitere Klärung der Frage „Gaskammern zur Tö-
nichts fehlt und nichts ist verborgen worden. Schon die Tat- tung von Menschen in Auschwitz und Birkenau?“ mit bau-
sache, daß die Akten komplett erhalten sind, zeugt davon. technischen Begründungen bald vorlegen werden, belassen
Daß diese Moskauer Dokumente nun das inhaltsschwere wir es zunächst bei diesem Denkanstoß. Über Gedanken un-
Grundproblem des Holocausts geworden sind, ist wohl die serer Leser zum Thema würden wir uns natürlich freuen!
verdiente Strafe für diejenigen, die alle Lügen über Au-
schwitz erfunden und weiterverbreitet haben. Die Akten in Hygiene in den Lagern
Moskau bestätigen erneut, was seit dem französischen Bu- Der erste Bereich, in dem wir wesentliche neue Sachverhalte
chenwald-Häftling und Revisionisten Paul Rassinier alle seine gefunden haben, ist die der Lagerhygiene. Daraus läßt sich
Nachfolger zu diversen technischen und anderen Problemen unschwer ablesen, daß diese vom ersten Tage der Lagergrün-
begründet, später auch mit Dokumenten belegt haben. dung an ein Schwerpunkt der Überlegungen und Planungen
Wir haben unsere Arbeit mit dem sicheren Gefühl abge- war.
schlossen, daß hier Menschen am Werk waren, die noch mit
preußischer Zuverlässigkeit und Genauigkeit ihrer Tätigkeit 1. STAMMLAGER (KL)
nachgegangen sind. Nicht einmal der geringste Gedanke kam Ausgehend vom Gebäudebestand, der 1941 übernommen
auf, daß irgendeine Unterlage nicht stimmen könnte oder daß wurde, und dem Aufwand bei den Neubauten wandelt sich
auch nur eine Kleinigkeit verheimlicht würde. Beweise für das Bild vollständig, das die „Zeitzeugen“ – sprich die Häft-
behauptete Verbrechen fanden wir auch in diesem Teil der linge – in ihren Berichten und Aussagen gezeichnet haben.
Akten nicht. Es ist bekannt, daß die übernommene Kaserne noch aus der
Zur Sache: Interessant ist, welche Nebenergebnisse unsere österreichischen k.u.k. Zeit stammt. (Das Theatergebäude, das
Bearbeitung wieder zu Tage gefördert hat. Es sind „Fundsa- später fertiggestellt wurde, war ein Rohbau aus dem Baujahr
chen“, die weiter das aus „Erzählungen der Zeitzeugen“ vor- 1913!) Das macht verständlich, daß in allen Unterkunftsge-
gegaukelte Bild von Auschwitz entscheidend verändern; mehr bäuden weder fließendes Wasser noch Wasch- und Abort-
noch, die „behaupteten Vorgänge und Gegebenheiten“ als räume vorhanden waren. Das Klärgruben- und Kanalnetz bis
bewußte Lügen aufdecken. Auch Verschweigen oder Unter- zur Sola war unbrauchbar. So zeigte sich in einem Teilbereich
drücken von Tatsachen ist eine Lüge. der Lebensstandard des polnischen Staates noch 1939. Es ist
wohl grotesk, wenn sich unter diesen Voraussetzungen Polen
Endsumme Baukosten über die schlechten hygienischen Verhältnisse im KL aufreg-
Natürlich kann das Sachverständigengutachten nicht ab- ten, die letzten Endes die Zustände von 1939 in einer ihrer ei-
schließend sein, weil es noch üppig viele Akten in Moskau genen Kasernen spiegeln. Wir übergehen hierbei Zustands-
gibt, die auszuwerten sind. Nur weniger werden die Kosten schilderungen der bekannten „polnischen Verhältnisse“.
bei der weiteren Auswertung sicher nicht werden. Sämtliche Häftlingsunterkünfte im Stammlager wurden um-
Aus dem Text des Gutachtens mag hervorgehen, daß unser gebaut und ca. die Hälfte auf Erdgeschoß +1 aufgestockt. Im
detailliertes Wissen erheblich größer ist, als wir es bisher öf- Zuge dieser Leistungen, die sofort nach Übernahme began-
fentlich ausgebreitet haben. Wir bitten deshalb unsere Leser nen, wurden die fehlenden sanitären Einrichtungen eingebaut.
um Verständnis dafür, daß wir unsere ganze Munition nicht in Neubauten erhielten solche Anlagen automatisch. Auf beson-
einem Feuerschlag verschießen wollen. Es war für die Aufga- deren, ausdrücklichen Befehl Himmlers wurde auch sofort
be nicht notwendig. mit dem Bau einer hochmodernen Kläranlage mit Faulgaser-
Aus dem Ergebnis ergeben sich eine ganze Reihe von Fragen, zeugung in Broschkowitz begonnen – Baukosten:12 RM
von denen wir nur die wesentliche formulieren wollen: In 1.700.000,- = (2000) DM 23.800.000,-. Am 19.7.44 war die-
welchem Verhältnis steht der deutlich gewordene Aufwand se zu 60% fertig.13 Die polnischen Häftlinge erhielten somit
für die Lager von Auschwitz zu der Behauptung der Extermi- bessere Unterkünfte als die, die ihre Soldaten 1939 hatten.
nationisten, daß der Zweck der Lager die Tötung der Häftlin- Wer noch wissen will, wie 1939 die hygienischen Verhältnis-
ge gewesen sei? Man darf erst gar nicht daran denken, wel- se in Polen waren, muß sich sputen, denn es gibt nicht mehr
cher Widerspruch allein schon in dem Gedanken liegt, Häft- viele deutsche Soldaten, die darüber noch berichten können,
linge zu töten, denn das hätte bedeutet, wertvolle, weil rare und die Zahl derjenigen, deren Gedächtnis heute vor lauter
Arbeitskräfte zu vernichten. Einen großen Mangel an Ar- Angst noch nicht „umerzogen“ ist, ist noch geringer.
beitskräften im Krieg mutwillig selbst zu vergrößern ist
Selbstmord. Dadurch den kämpfenden Soldaten Waffen oder 2. BIRKENAU (KGL)
andere Nachschubgüter zu entziehen, wäre Zersetzung der Die Verhältnisse in Birkenau waren in der Anfangszeit natur-
Wehrkraft gewesen und darauf stand berechtigterweise die gemäß schlecht. Aber es wurden mit Baubeginn Wasch- und
Todesstrafe. Das sieht z. T. auch die Gegenseite, wählt dann Abortanlagen sowie Brauseanlagen gebaut, die an ein errich-
aber gedankenloserweise für einige Behauptungen ausgerech- tetes Kanalnetz und Kläranlagen angeschlossen wurden und
net solche Zeiten, in der dieser Mangel am größten war, und fließendes Wasser hatten. Nicht zu übersehen sind hierbei die
wird schon deshalb unglaubwürdig. ungeheuren Schwierigkeiten in der Kriegszeit, überhaupt die
Wenn wir allein die Kosten und die Ausstattung der Lager be- nötigen Baumaterialien zu beschaffen.
trachten – über die wir bisher nur wenig Aussagen zu Papier Nun fanden wir als eine große Überraschung Beweise dafür,
gebracht haben – dann steht eine Antwort fest: Eine behaupte- daß die Abmahnungen des SS-Standortarztes14 und der
te Tötung von Menschen wäre mit einem Bruchteil der dort SS-Ärzte des KGL von Erfolg gekrönt wurden. Am 01.02.44

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 153


wurde mit einer völlig neuen, zweiten Kanalisation und dem nünftige Gedanke von „Joschka“, das Vorlesen von Reden zu
Einbau von Wasch- und Abortanlagen in die Unterkunftsba- verbieten! Wir würden endlich erfahren, welches Format un-
racken in Birkenau begonnen.15 Ein schon sehr lange in unse- sere Politiker wirklich haben! Man hat bisher nur das Gefühl,
ren Unterlagen vorliegender Plan Nr. 2503 a hat damit seine daß sie nur ablesen können.
Erklärung gefunden.16 In einen Grundplan vom 18.6.43 wurde Es bleibt den Exterminationisten jedoch auf Dauer nicht er-
eingetragen »Kanalisationsplan für Schmutzwasser«. Nach spart, Stellung zu beziehen. Sind wir doch jetzt schon unbe-
einer Aufstellung vom 04.09.44 waren bereits 55 % dieser quem genug mit unseren „Neuigkeiten“, die unsere Gegner
Leistungen erledigt.17 Kostenaufwand für Kanal und Anlagen immer weiter zum Rückzug gezwungen haben. Wir sind aber
zweimal je RM 1.700.000,- = RM 3.400.000,--, oder wieder noch lange nicht am Ende unserer Veröffentlichungen über
umgerechnet DM 47.600.000,--.18,19 Da die Häftlinge doch weitere erlogene Behauptungen. Die nächste Zeit wird es zei-
behaupten, die tollsten Dinge „gesehen“ zu haben, fragt man gen, wir werden noch viel unangenehmer werden.
sich verwundert, warum sie solche Arbeiten in ihren eigenen Ein erstes Buch20 aus den Dokumenten der ZBL haben unsere
Unterkünften nicht gesehen haben? Sie haben sie unterschla- Gegner jetzt veröffentlicht, nach 10 Jahren. Die getroffene
gen, also gelogen. Auswahl des Materials – Standortbefehle und andere nichts-
Immer wieder bestätigt sich so, daß die Forschungen in Au- sagende Dokumente über die Wachmannschaften – zeigt ihre
schwitz noch in den Kinderschuhen stecken. Nebenbei muß Hilflosigkeit, mit der sie vor einer fachlichen Auswertung
erwähnt werden, daß dieser Plan bei allen Gebäuden einge- dieses ungeheuren Dokumentenberges stehen. Ohne Bau-
tragen die verschiedenen BW Nr. enthält. Er war eine wert- sachverständige sind diese sowieso nicht auszuwerten.
volle Hilfe bei unserem Gutachten. Stellen sie sich nur einmal vor, wir Revisionisten könnten in
Im Gegensatz zu allen „Zeitzeugen“-Aussagen ist hiermit be- Deutschland frei und offen diskutieren! So wird ihnen die Si-
legt, daß alles unternommen wurde, um den Häftlingen erträgli- tuation aller deutschen „Holocaustprediger“ klar. Es gäbe sie
che Bedingungen zu schaffen und zwar solche, die den „polni- nicht mehr, Wahrheit wäre für sie tödlich, wäre ihr Ende. Es
schen Standard“ weit übertrafen. Wir beweisen ferner damit, wäre schon eine Katastrophe für sie, wenn bekannt würde,
daß sofort nach Errichtung wichtigerer Bauten wie Entlau- daß bisher nur Revisionisten Dokumente aus Moskau vorge-
sungsanlagen etc. mit dem Bau besserer Wasch- und Abortan- legt haben und fachgerecht erklären können!
lagen begonnen wurde. Wir halten aber ebenso nochmals fest, Sie wollen aber Macht und Pfründe nicht verlieren. Deshalb
daß die zunächst provisorisch errichteten Anlagen immer noch können sie auf das aufgebaute Lügengebäude nicht verzich-
besser waren als die der polnischen Kaserne. ten, weil daran ihr Schicksal hängt.
Wir wollen die Lager nicht „schönreden“, aber wir sind es
satt, von „Zeitzeugen“ und unfähigen Politikern unseres Lan- Krankenversorgung
des und anderen, deren Unwissen (oder mangelnder Mut?) Einen zweiten Bereich gibt es, den wir bisher noch nie
zum Himmel schreit, angelogen zu werden! Wir besitzen ge- ausführlicher erwähnt haben und über den ebenfalls die
nügend Dokumente samt Zeichnungen, die uns unmißver- tollsten Schauergeschichten berichtet wurden. Nur wer die 21
ständlich die wirklichen Verhältnisse schildern, und keine Hefte von Auschwitz gelesen hat, ist etwas besser informiert.
Macht der Welt wird uns hindern, weiter zu berichten, wie Wir wollen die Gelegenheit beim Schopf packen und
und was in Auschwitz gebaut wurde und was daraus zu wenigstens einen Überblick geben.
schließen ist. Lügen sind ohnehin nur einerseits wegen der
kriminellen Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutsch- 1. KL (STAMMLAGER)
land möglich und andererseits deshalb, weil unsere Gegner Zunächst wurde in einem Block eine Ambulanz mit 4 Kran-
die vorliegenden Akten nicht kennenlernen wollen, damit sie kenzimmern eingerichtet, in der jedoch chirurgische Eingriffe
den Inhalt nicht richtig interpretieren müssen. Seit die Akten schon möglich waren. Das Gebäude erhielt ferner eine zahn-
in Moskau freigegeben wurden, geht bei ihnen die Angst vor ärztliche Station. Nach und nach wurden von den vorhande-
der Wahrheit um. Sie sind seither wie gelähmt und so seit 10 nen Unterkunftsblöcken 5 Blöcke als Häftlingskrankenblöcke
Jahren „sprachlos“. eingerichtet und umgebaut (ein Block, BW 4, E+1, und vier
Bezeichnend ist, daß die etablierten Historiker sich nicht be- zunächst erdgeschossig.). Sie erhielten zusätzliche Einrich-
mühen, diese Akten zu erschließen. Seit Öffnung des Archivs tungen wie eine Röntgenstation etc. Die Bauten wurden ferner
überläßt man uns das Feld. Sie wissen, daß sie unsere, mit un- mit Brause- und Badeanlagen sowie Warmwasserversorgung
zähligen Dokumenten belegten Argumente im vollständigen ausgerüstet. Der Block BW 4 wurde sogar nachträglich unter-
Bereich des Bauens nicht entkräften können. Sie wissen kellert. Von ursprünglich 21 Blöcken waren also 5 Kranken-
natürlich auch, daß wir ihnen im Genick sitzen und ihnen jede blöcke, das entspricht 23,81 % der Unterkunftsbauten.
unrichtige Veröffentlichung – falls sie es wagen sollten – wi-
derlegen werden. Ihre Angst, ohne Fachleute antreten zu müs- 2. KRIEGSGEFANGENENLAGER
sen, ist verständlich, nach dem sich nach Pressac auch Prof. Die Entwicklung verlief hier ähnlich. Eine laufende Anpas-
van Pelt als Pleite erwies, d.h. als Nichtfachmann. sung wurde notwendig. Mit dem Erläuterungsbericht21 vom
Um uns zu widerlegen, müßten sie das Gegenteil dessen be- 30.10.41, geteilt in Quarantäne- und Hauptlager, wurden nur
haupten, was in den Akten nachzulesen ist. Möglich wäre das 2 Revierbaracken eingeplant. Bei der Prüfung durch das
nur mit neuen Lügen. Bauten „umlügen“ kann man jedoch Hauptamt für Haushalt und Bauten (HHB) wurde bereits auf
nicht. Bautechnik ist etwas Reales, ist kein „Schwätzerfach“ 15 Baracken erhöht. Beim nächsten Schritt wurden im Frau-
wie die Fachgebiete, aus denen die meisten unserer Politiker enlager, B 1a, 12 Krankenbaracken eingerichtet und in B 1b
kommen. Fachgebiete, in denen mit viel Worten – die sie weitere drei. Ferner wurden gesondert zwei Quarantäne-
meist selbst nicht verfaßt haben! – wenig, vor allem nichts baracken je 42,64 × 12,64 m = 538,97 m², somit: 1.077,94 m²
Genaues ausgesagt werden kann. Darum war es der erste ver- östlich B I neben der Zufahrtsstraße errichtet.

154 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Im Männerlager wurde ein eigener Krankenabschnitt, der nicht so schlecht, man hatte Anrecht auf Weißbrot und eine
Block B IIf mit 18 Gebäuden erstellt. Die Aufteilung erfolgte dickere Suppe. Auch kein Läuten, kein Antreten, keine Ar-
wie üblich in Abteilungen für innere Krankheiten usw. In B II beit.«
standen die einzigen Baracken des Lagers, die mit normalen Wir verzichten zunächst auch hier auf eine weitere Auswer-
Fenstern ausgestattet wurden. Dadurch, daß diese Krankenba- tung, denn wir halten die bisherigen Feststellungen als zu we-
racken als einzige Nord-Süd ausgerichtet standen, war aus ei- nig aussagekräftig und wollen zu einem späteren Zeitpunkt
nigen eine begrenzte Sicht nach Westen, d. h. auf das Effek- eine erweiterte Fassung erarbeiten. Wir meinen jedoch, daß
tenlager möglich. unsere Leser sich trotzdem ihr eigenes Bild aus den obigen
Auch weitere Blöcke erhielten im Laufe der Zeit eigene Tatsachen und den Aussagen der „Zeitzeugen“ machen kön-
Krankenbereiche, so z. B. das „Zigeunerlager“, in dem dann nen.
allein 30 Häftlingsärzte tätig waren. Erinnern wollen wir jedoch an die Aussage von Prof. Dr. G.
Am 30.06.43 wurde im Anschluß an die Unterkünfte der Jagschitz, der erklärt hat, daß es den Begriff der »Selektion«
Wachmannschaften (östlich des KGL) mit dem Bau eines in der Zeit nicht gegeben hat, sondern lediglich den Begriff
SS-Lazarettes begonnen. Fertigstellung erfolgte am 15.09.44. »Sortierung«.26 Es liegt sogar das Photo eines Albumblattes
Eine große Änderung erfolgte mit der Planung eines regel- vor,27 das die Aussage von Jagschitz mit »Aussortierung« be-
rechten Häftlingslazarettes als B III. Die Planung erfolgte stätigt, Abbildung 8. Wer die deutsche Sprache gelernt hat,
durch das WVHA mit Zeichnung Nr. 2521 und ist datiert auf versteht den Unterschied der Worte! Die „Selektion“ ist wohl
den 4.6.43.22 Auf einer Fläche von 658 × 720 m = 473.766 m² das Ergebnis einer bewußt, fehlerhaften Übersetzung.
waren um einen Kern von 12 Baracken herum, der den Be-
reich für Chirurgie, Röntgen und Behandlung, sowie die Ge- Sonstige Bauten
bäude für Frischoperierte und den Schwerkrankenbereich der ZELLENBLOCK BW 5 IM KL
Inneren Abteilung mit Verbindungsbauten umfaßte, weitere Auch diese Bauausführung belegt das Bemühen um erträgli-
100 Krankenbaracken sowie 15 Reservebaracken vorgesehen. che Bedingungen. Das gesamte Stammlager wurde mit übli-
Ferner waren die üblichen Nebengebäude wie
Apotheke, Entwesung, Küchen usw. für je
7.276 Frauen und Männer vorgesehen.
Nach vorliegenden Angaben betrug der Kran-
kenstand für Frauen durchschnittlich ca. 25 %
(aus 13 Meldungen) und für Männer durch-
schnittlich ca. 17 % (aus 5 Meldungen).
Nach Arbeitseinsatz vom 31.12.43 errechnen
sich folgende Krankenstände:23 Männer:
55.785 Häftlinge. Davon sind 11.433 krank,
das entspricht ca. 20,5 %. Frauen: 29.513. Da-
von sind 8.266 krank, das entspricht ca. 28%.
Einen genauen Krankenstand des KL II [KGL]
liefert ferner eine Arbeitseinsatzliste vom
22.8.44.24 Von 19.587 Häftlingen waren: »Sta-
tionäre u. Sch. Kr. M. In B II / a, 577. In B II /
d, 192 (+ 133 Invaliden) und in B II f 1. 689.«
Nach der Wortwahl und anderen Akten bedeu-
tet Sch. Kr. = Schonkranke, die in ihrer norma-
len Unterkunft untergebracht waren. 1.689
Kranke entsprechen etwa 8,6 %. Mit insgesamt
2.591 Kranken und Invaliden ergibt dies
13,2%.
Da das Archiv Auschwitz Revisionisten keine
Akten über den Arbeitseinsatz zugänglich
macht, obschon es solche in Massen gibt, sind
uns leider keine weiteren zuverlässigen Be-
rechnungen dazu möglich, ob der jeweilige Be-
stand an Krankenblöcken ausreichend war. Es
hat jedoch den Anschein, daß das der Fall war.
Die reinen Baukosten des Häftlingslazarettes
betrugen: RM 6.091.463,--. Umgerechnet in
DM 85.280.482,--. Berechnungen der Einrich-
tungen etc. sind noch nicht vorhanden.
Nobelpreisträger Elie Wiesel, Häftling in Au-
schwitz, bewertet in seinem Buch die Kran-
kenbehandlung wie folgt:25
»Man legte mich in ein Bett mit weißen La- Nach der alliierten Invasion: Das Lager Auschwitz kann keine
ken. […] Die Lazarettbehandlung war gar Waschmaschinen mehr bekommen.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 155


chen Öfen und Kachelöfen beheizt. Ausgerechnet dieser massiv beeinflußt wurden und zum anderen dadurch die Pro-
Strafblock BW 5 jedoch erhielt als einziger eine Zentralhei- zesse manipuliert wurden,29 erhärtet sich zunehmend.
zung, für die sogar eine Unterkellerung hergestellt werden Es war wohl eine besondere Eingebung, daß wir uns ent-
mußte. Es ist also ebenso nicht richtig, daß man rücksichts- schlossen haben, daraufhin diesen Prozeß nochmals unter die
los mit den Häftlingen umging, sondern man trug gerade Lupe zu nehmen. Wir waren selbst überrascht darüber, wie
hier den besonderen Verhältnissen Rechnung. Man war sich sehr sich das Studium der Akten von Moskau auf unser Wis-
offenbar bewußt, wie wertvoll Arbeitskräfte für die Rüstung sen ausgewirkt hat. Die Sinne sind geschärft worden. Vor al-
waren. lem die Bücher des Kommunisten und Auschwitzhäftlings
Langbein, der zwischen den Zeilen erkennen läßt, wie er den
BRÜCKE ÜBER DIE SOLA Prozeß hinter den Kulissen geschoben hat, sind eine beson-
Dies ist ein ähnlicher Fall, der ebenfalls zeigt, wie sehr man ders interessante Quelle.30
an der Arbeitskraft der Häftlinge interessiert war. Diese So überrascht es sicher niemanden mehr, daß wir auch hier
Brücke wurde errichtet, um den in der ersten Zeit zur Buna Einzelheiten entdeckt haben, die unter anderem auch Staats-
marschierenden Häftlingen den Weg zur Arbeit zu verkürzen. anwälte und Richter belasten. Selbstverständlich gehen wir
Baubeginn: 28.08.42.28 Sie wurde als BW 209 unmittelbar am unserem Verdacht nach und werden berichten.
Stammlager aus Holz errichtet und hatte eine Länge von ca. © 27.5.2001 Gerner / Nowak
240 m, siehe Abbildung 9. Baukosten: RM 350.000,- = heuti-
ger Preis (Jahr 2000) DM 4.900.000,-. Fertigstellung: Abkürzungen
10.6.43. Eine Investition, die in dem Augenblick nur noch RM: Reichsmark.
wenig nützlich war, als die Häftlinge mit der Eisenbahn VffG: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung.
transportiert wurden bzw. ein Lager bei der Buna-Fabrik er- VOB: Verdingungsordnung für Bauleistungen.
richtet wurde. Fast überflüssig zu erwähnen, daß wir natürlich
komplette Pläne der Brücke und zugehörige sonstige Unterla- Anmerkungen
gen in unserem Archiv besitzen. 1
Vgl. taz, 18.7.1990; Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, 26.7.1990 &
11.6.1992; The Canadian Jewish News, 3.10.1990;
2
ERSTES AUFNAHMEGEBÄUDE Franciszek Piper, »Estimating [!!!] the Number of Deportees to and
Eine weitere Überraschung war es festzustellen, daß das wirk- Victims of the Auschwitz-Birkenau Camp«, Yad Vashem Studies, XXI
(1991), S. 40-103. Korrigiert und erweitert auf polnisch: Auschwitz/How
lich erste Aufnahmegebäude in Auschwitz – wie bei J.-C. Many Perished/Jews, Poles, Gypsies..., Poligrafia ITS, PL-30-306 Kra-
Pressac nachzulesen – nicht das BW 160 war. Es wurden für kow, 1992, 68 S.; dt.: Die Zahl der Opfer von Auschwitz, Verlag Staatli-
Aufnahme und Entlausung mit zunächst 4 Effektenbaracken ches Museum, Auschwitz, 1993.
3
tatsächlich zwei Altbauten benutzt. Sie wurden zusammen als The Final Solution, Sphere Books, London 1971 [1953], S. 500.
4
BW 28 bezeichnet und lagen im Effektenlager des Stammla- The Destruction of the European Jews, Quadrangle Books, Chicago
1961, S. 572; ders., ebd., New York, Holmes and Meier, 1985, S. 895.
gers neben den Bauten der DAW. Die Baupläne der beiden 5
»Essai de détermination du nombre des morts au camp d’Auschwitz«, Le
Altbauten liegen uns vor. Natürlich sind die Baukosten auch Monde juif, Oktober-Dezember 1983, S. 127-159.
6
in unseren Kostenangaben enthalten. Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes, Mün-
Es war zwar bekannt, daß es dort eine Blausäure-Entlausung chen, Piper, 1994, S. 202.
7
Der Spiegel, Nr. 30/1990, S. 111
in einem Altbau gegeben hat, unbekannt war aber, daß diese 8
Landesgericht für Strafsachen Wien, 26b Vr 14184/96
Teil der Aufnahme für die Häftlinge war. Es kann also nicht 9
Ebd. S. 407
10
ausgeschlossen werden, daß dieses Gebäude zum Gerücht der Ebd., S. 501
11
Bauernhäuser 1 und 2 als „Gaskammern“ beigetragen hat. Die Lesen Sie dazu Robert Faurisson, »Wieviele Tote gab es im KL Au-
schwitz?« VffG 3(3) (1999), S. 268-272, und Werner Rademacher, »Die
Interpretationen J.-C. Pressacs zum Gebäude BW 160 (Auf-
Wandlungen der Totenzahl von Auschwitz«, ebd., S. 256-267.
nahmegebäude) in seinem ersten Buch samt denen der Luft- 12
ZAM 502-1-319
bilder sind also völlig falsch. Wir besitzen inzwischen weite- 13
ZAM 502-1-85-146/147
14
re, bisher unbekannte Pläne zum BW 160, die uns bestätigen, 15
ZAM 502-1-332-219/220
daß der Eingang zur späteren Aufnahme genau entgegenge- ZAM 502-1-22-20639
16
ZAM 502-2-94-13
setzt dem behaupteten liegt. Auch wurden die Heizung und 17
ZAM 502-1-85-195/196
Duschanlage zur Aufnahme erst 1944 fertig. 18
ZAM 502-1-85-146R
19
Im Gutachten ist ferner festgestellt, daß der Wäschereitrakt ZAM 502-1-85-188
20
dieses Gebäudes, das mit soviel Nachdruck fertiggestellt wer- Norbert Frei u.a., Standort- und Kommandanturbefehle des Konzen-
trationslagers Auschwitz 1940-1945. hg. vom Institut für Zeitgeschichte,
den sollte, bei der Räumung des Lagers noch nicht ganz fertig Band 1, K. G. Saur, München 2000.
war. Zu liefernde Waschmaschinen waren in dem Teil Frank- 21
ZAM 502-1-233-13/30
22
reichs ausgelagert, über den die Invasion hinwegfegte. Sie Jean-Claude Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the gas
konnten nicht mehr ausgeliefert werden, siehe vorseitige Ab- chambers, Beate Klarsfeld Foundation, New York, 1989
23
bildung. APMO D-Aul-3a/370/7/448; ~438
24
APMO D-Aul-3a/38
Faßt man die Einzelaussagen über die beschriebenen Baube- 25
Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, Elischa, München/Eßlingen 1962
reiche und Bauten zusammen, so stellt sich einmal mehr her- 26
AaO. (Anm. 8), S. 480.
27
aus, daß viele „Zeitzeugenaussagen“ nicht mit den Aussagen Otto Kraus, Erich Kulka, Die Todesfabrik, Kongress-Verlag, Berlin 1965
28
der Bauakten übereinstimmen. ZAM 502-1-22-71
29
Hans Laternser, Die andere Seite im Auschwitz-Prozeß 1963/65, See-
Ein Verdacht, den schon Rechtsanwalt Dr. H. Laternser in wald Verlag, Stuttgart 1966
seinem nach dem Frankfurter Auschwitzprozeß veröffent- 30
Hermann Langbein, Der Auschwitz-Prozeß – eine Dokumentation, Euro-
lichten Buch anklingen ließ, daß einmal die „Zeitzeugen“ päische Verlagsanstalt, Stuttgart 1965 (2 Bände).

156 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Erläuterungsbericht zum Neubau des Wäscherei- und Auf-
nahmegebäudes und Häftlingsbad im K.L. Auschwitz O/S,
14.4.1942; ZAM 502-1-347-377 bis 383.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 157


Oben: Lageplan zum Neubau des Wäscherei- und Aufnah-
megebäudes und Häftlingsbad im K.L. Auschwitz O/S,
14.4.1942; ZAM 502-1-347-383

158 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Rückblick auf den GULag
Über die Strafkolonien des Sowjet-Kommunismus
Von Dan Michaels

Im 20. Jahrhundert wurde es in vielen Ländern zur gängigen – GULag Zeichnungen des ehemaligen GULag-Verwalters
Praxis, Bürger zu inhaftieren, deren Loyalität gegenüber der D.S. Baldaew;4
Regierung zur Zeit von Krieg oder „nationalem Notstand“ als – Awraham Shifrins etwas älteres Guidebook to Prisons and
fraglich oder suspekt eingestuft wurde. Zur Internierung sol- Concentration Camps of the Soviet Union;5
cher Personen errichteten Großbritannien, die USA und – Das eindrückliche Black Book of Communism von Stépha-
Deutschland Zentren, die man – oft je nachdem, wer gewon- ne Courtois.6
nen und wer verloren hatte – Relokationszentren, Internie- Amerikanische Forscher haben es – aus welchen Gründen
rungszentren, Arbeitslager, Konzentrationslager oder Todes- auch immer – anscheinend für richtig befunden, den „Archi-
lager taufte. In den genannten Ländern waren diese Lager al- pel GULag“ in die Rumpelkammer der Geschichte zu ver-
lerdings als temporäre Maßnahmen in nationalen Krisenzeiten bannen. Es ist ein Armutszeugnis für die USA und Großbri-
gedacht. Die Behandlung der Gefangenen hing von den äuße- tannien, daß allzu viele ihrer Gelehrten, Schriftsteller, Künst-
ren Umständen ab; sie konnte nachsichtig oder grausam mit- ler und Politiker zur Zeit der kommunistischen Herrschaft in
samt allen Zwischenstufen sein. Nur in der Sowjetunion, wo Rußland die sowjetischen Lager ignoriert oder gar zu recht-
man das Netz von Lagern mit dem Kürzel »GULag« bezeich- fertigen gesucht haben. Wenn sie einmal ein kritisches Wort
net (die Anfangsbuchstaben dieser Abkürzung stehen im Rus- über das rote Straflagersystem äußerten, dann allzu oft zugun-
sischen für »Hauptamt der Besserungsarbeitslager und - sten von Kommunisten, die in Ungnade gefallen waren. 1944
kolonien«), bildeten diese Zentren besuchte Franklin Delano Roosevelt
einen permanenten Bestandteil des mit Vizepräsident Henry Wallace
politischen Systems. eines der übelsten und brutalsten
Ab den frühen siebziger Jahren ha- sowjetischen Lager, pries dessen sa-
ben der britische Forscher Robert distischen Kommandanten Iwan Ni-
Conquest sowie der russische Lite- kishow und beschrieb Magadan als
raturnobelpreisträger (und frühere »idyllisch«.
GULag-Insasse) Alexander Solsche-
nizyn viel getan, um die Welt über Die Funktionsweise des GULag
die Schrecken des ausgedehnten so- Organisatorisch war der GULag der
wjetischen Straflagersystems aufzu- jeweiligen Geheimpolizei unterstellt
klären. Conquests Leserschaft war (diese wechselte oft ihren Namen
von Anfang an weitgehend auf Hi- und hieß der Reihe nach Tscheka,
storiker und Gebildete beschränkt, GPU, OGPU, NKWD, MWD und
und Solschenizyns monumentales KGB; letzterem entstammen zahl-
Werk Der Archipel GULag wird reiche heutige Führungsgestalten der
heute kaum noch gelesen, außer in Russischen Föderation). Der Be-
Kurzfassungen. Doch im Verlauf gründer der sowjetischen Geheim-
des letzten Jahrzehnts wurde ihre polizei, Felix Dzerschinski, faßte
Pionierarbeit durch seriöse Studien das Grundprinzip der Tscheka 1918
Überlebender der sowjetischen La- wie folgt zusammen:
ger sowie russischer, französischer »Wir repräsentieren den organi-
und deutscher Gelehrter untermauert sierten Terror – dies muß ganz
Die unfaßbaren Grausamkeiten der Roten Ar- klar gesagt werden.«
und ausgebaut. Die wichtigsten die-
mee an der Zivilbevölkerung der gegen Ende
ser Arbeiten, die zugleich als Alle späteren Sowjetregierungen
des Zweiten Weltkrieges von der Roten Armee
Grundlage für den vorliegenden Ar- haben sich streng an diesen Grund-
„befreiten“ Völker machten Alexander Solsche-
tikel dienen, sind: satz gehalten. Eine Konsequenz da-
nizyns zum Systemkritiker. Er landete daraufhin
– Jacques Rossi, The GULag Hand- von war, daß die Zustände in den
umgehend im GULag, wo er bis 1953 einsaß.
book;1 Lagern des kommunistischen Ruß-
Danach verbrachte er noch drei Jahre in der
– Das von einem russischen For- Verbannung in Sibirien. Seine späteren Bücher land im Durchschnitt weitaus un-
scherkollektiv unter M.B. Smir- über den GULag, von den Romanen Ein Tag im menschlicher waren als jene im ge-
now verfaßte Sistema ispravi- Leben des Iwan Denisowitsch und Der erste fürchteten sibirischen Exil unter den
tel’no-trudovych lagerey v SSSR Kreis der Hölle bis hin zu seiner literarisch- Zaren.
1923-1960 )Das System der Bes- historischen Trilogie Der Archipel GULag, des- Besaß Frankreich eine berüchtigte
serungsarbeitslager in der UdSSR sen erster Band 1973 erschien, machten ihn Strafkolonie – die Teufelsinsel –, so
1923-1960);2 weltberühmt. Solschenizyn erhielt 1970 den Li- wies die Sowjetunion deren Hunder-
– Ralf Stettners unlängst erschiene- teraturnobelpreis und wurde 1974 aus der So- te auf. Von den mehreren tausend
ne Studie des GULags unter Sta- wjetunion ausgewiesen. 1994 kehrte er nach Arbeitslagern verschiedenen Typs
lin;3 Rußland zurück.
7 gehörten mehr als 500 offiziell der

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 159


Gruppe der ITL an (»ispravitel‘no-trudovye lagerja«, Besse- lutionäre wurden als „Achtundfünfziger“ eingestuft, da sie
rungsarbeitslager). Das erste von diesen wurde bereits 1917 gegen Artikel 58 des Strafgesetzbuchs verstoßen hatten. Ge-
errichtet. Schließlich erstreckten sich die Lager dieser Kate- wöhnliche Kriminelle hießen »Urki« (Ganoven) oder »Blat-
gorie über fast die gesamte Breite der UdSSR, von den arkti- nyaki« (Gauner); weniger gefährliche Delinquenten, die ir-
schen Zonen des hohen Nordens bis zu den sonnenversengten gendeinen Gesetzesparagraphen übertreten hatten, wurden
Ebenen Zentralasiens, oder, wie sich Solschenizyn ausdrück- »Bytowniki« (kleine Fische) genannt; wem die Verletzung
te, »vom Kältepol bei Oy-Myakon bis zu den Kupferminen sowjetischen Wirtschaftsrechts zur Last gelegt wurde, der galt
Dscheskasgans«. als »Vreditel« (Schädling). Vertrauenshäftlinge – im Lager-
Da das Lagersystem eine ungemein bedeutsame Rolle in der jargon »Pridurki« (Blödmänner) genannt – erfüllten die Rolle
sowjetischen Wirtschaft spielte, wurden die Häftlinge zu je- eines Hilfspersonals und besaßen die besten Chancen, das
der Art von Schwerarbeit eingesetzt – Eisenbahnbau, Stra- Lager zu überstehen. Alle Insassen hießen »Seki« (russisches
ßenbau, Kanalbau, Forstwirtschaft, Bergbau, Landwirtschaft, Kürzel für Häftling).
Bauwirtschaft etc. –, und zwar unter meist inhumanen und
ungesunden, bisweilen mörderischen Bedingungen. Frauen Reform im sowjetischen Stil
waren zwar in getrennten Baracken untergebracht, verrichte- Unter all jenen, welche zum Aufbau und zur Perfektionie-
ten jedoch oftmals Seite an Seite mit Männern dieselbe Arbeit rung des GULag-Systems beigetragen haben, gebührt Nafta-
wie diese. Es gab besondere Lager für Kinder, für Frauen mit ly Aronowitsch Frenkel besondere Ehre. Frenkel, ein 1883
Kleinkindern sowie sonstige Sonderfälle. Andere widerspen- in der Türkei geborener Jude, war dort ein wohlhabender
stige „Volksfeinde“ wurden in psychiatrischen Kliniken Kaufmann gewesen, doch nach der bolschewistischen Revo-
(psichbolnitsy) „behandelt“. lution siedelte er – wie eine nicht unerhebliche Zahl anderer
1943, auf dem Höhepunkt des „Großen Vaterländischen Juden – in die UdSSR über. Er waltete in Odessa als Beam-
Krieges“, führten die Kommunisten eine noch strengere Ka- ter der staatlichen politischen Verwaltung und war für die
tegorie von Arbeitslagern ein, die »Katorga«-Lager. Dort be- Eintreibung und Beschlagnahmung von Gold verantwort-
kamen die Häftlinge die härtesten Arbeiten zugewiesen und lich, das der Oberschicht gehörte. Der skrupellose Frenkel
erhielten die dürftigste medizinische Versorgung. »Katorga« vermochte den sich dabei ergebenden Verlockungen nicht
bedeutet Zwangsarbeit, ebenso wie die »Sylka« (Verbannung) zu widerstehen, und 1927 wanderte er auf Befehl der Mos-
gehörte diese schon unter den Zaren zum Standardrepertoire kauer Zentrale ins Kittchen, weil er einen ungebührlich gro-
der Strafen, doch waren die eine wie die andere milder als un- ßen Teil des Goldes in seinen eigenen Taschen hatte ver-
ter der sowjetischen Herrschaft. schwinden lassen. Man verurteilte ihn wegen Wirtschafts-
In Übereinstimmung mit den Gepflogenheiten des sowjeti- verbrechen und schickte ihn ins Solowetsky-Sonderlager
schen Zivillebens und lange vor dem Auftauchen ähnlicher (russische Abkürzung: SLON), eine finstere Strafkolonie in
Losungen in den deutschen Konzentrationslagern, wurden arktischen Gefilden. Frenkels spezielle Begabung bei der
Bedeutung und Freude der Arbeit mittels zahlloser in den La- Verbesserung der Arbeitseffizienz fiel der dortigen Lager-
gern angebrachter Parolen verherrlicht: »Arbeit ist eine Frage verwaltung bald auf, und schon nach kurzer Zeit wurde er
von Ehre, Ruf, Mut und Heldentum«; »Schwerarbeit ist der zu Stalin persönlich beordert, dem er seine Ideen und Me-
rascheste Weg zur Freiheit«, oder, in drohenderem Ton, thoden darlegen durfte. Sein Hauptvorschlag bestand darin,
»Keine Arbeit, kein Essen«. die Essensration eines jeden Häftling, besonders die Zutei-
Die tägliche Grundlebensmittelration (»Pakya«) reichte von lung warmer Nahrung, von seiner Arbeitsleistung abhängig
400 bis 800 Gramm Brot, das mehr als die Hälfte der Kalori- zu machen, was darauf hinauslief, das Prinzip „Zuckerbrot
en für die Häftlinge lieferte (1200-1300). Diese Menge vari- und Peitsche“ durch „Zuckerbrot und Hunger“ zu ersetzen.
ierte, je nachdem, ob der betreffende Gefangene Schwerarbei- Frenkel hatte auch bemerkt, daß ein Gefangener üblicher-
ter (Stachanowist), Invalide, Isolationshäftling etc. war. Die weise in den ersten drei Monaten seiner Haftzeit am
produktivsten Arbeiter bekamen einen Lebensmittelbonus in produktivsten arbeitete. Danach war er so geschwächt, daß
Gestalt von Fisch, Kartoffeln, Haferbrei oder Gemüse zur Er- die Produktivität der Lagerbevölkerung nur dann auf hohem
gänzung der Brotmahlzeit. Niveau gehalten werden konnte, wenn die erschöpften Häft-
Übrigens sah der amerikanische Morgenthau-Plan für das be- linge entfernt (d.h. umgebracht) und durch neue ersetzt
setzte Deutschland für die Zivilbevölkerung dieselbe Anzahl wurden. Eine andere Methode, den Enthusiasmus der Ge-
von Kalorien vor: 1300 pro Kopf. Mediziner gehen für fangenen zu steigern und zugleich die Lagerbevölkerung
Schwerarbeiter von einem täglichen Mindestbedarf von 3100- durch Ausmerzung der Schwachen im Rahmen zu halten,
3900 Kalorien aus. war sehr einfach. Wenn die Häftlinge zum Arbeitsbeginn
Die Bevölkerung der Lager war ein Spiegelbild der UdSSR: antreten mußten, sammelten sie sich in Reih und Glied. Der
Christliche und muslimische Geistliche, „Kulaken“ (d.h. letzte, der sich einreihte, war üblicherweise zum Arbeiten
Grundbesitzer), politische Dissidenten, gewöhnliche Verbre- zu schwach und wurde als »Dokhodyaga« (Bummelant) er-
cher, „Wirtschaftskriminelle“, die Überreste der alten Elite, in schossen. Diese Politik sicherte einen konstanten Zustrom
Ungnade gefallene Kommunisten, ethnische Minderheiten, von neuen Häftlingen und damit von frischer Arbeitskraft
Obdachlose, „Unpersonen“, „Hooligans“ sowie Leute, die und sorgte für die stete Liquidierung der Opposition gegen
einmal oder mehrmals zu spät zur Arbeit erschienen waren. Stalin und seine Partei.
Innerhalb der Lager zerfiel die Häftlingsgesellschaft in Kate- Stalin war so angetan von Frenkels Vorschlägen zur effizien-
gorien, die von dem jeweiligen Vergehen eines Insassen ab- ten Nutzung der Häftlingsarbeitskraft, daß er ihn zum Bau-
hingen. Die meisten politischen Gefangenen oder Konterrevo- chef des Weißmeerkanalprojekts und später zum Leiter des

160 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Ostsee-Amur-Eisenbahnprogramms ernannte. 1937 machte den ersten Nachkriegsjahren war die Sterblichkeit unter
Stalin Frenkel zum Chef der neugegründeten Hauptverwal- Kriegsgefangenen höher als unter sonstigen Häftlingen.
tung der Eisenbahnbaulager (GULSchDS). In dieser Eigen- Vor Stalingrad überlebten verhältnismäßig wenige Deutsche,
schaft trug er die Verantwortung für die Errichtung von Ei- die den Sowjets in die Hände gefallen waren. Die meisten
senbahnlinien für die Züge, welche die Rotarmisten 1939/ wurden ohne viel Federlesens erschossen, nicht selten nach
1940 in den Winterkrieg gegen Finnland und später an die grausamen Verstümmelungen. Von den 95.000 in Stalingrad
Front des deutsch-sowjetischen Krieges brachten. Dies trug gefangengenommenen deutschen Soldaten kehrten nur 5000
ihm später drei Leninorden, die Ernennung zum Helden der wieder in ihre Heimat zurück. Von den übrigen hatten ca.
Sozialistischen Arbeit sowie die Beförderung zum NKWD- 40.000 schon den Marsch von Stalingrad ins Lager von Beke-
General ein. tovka nicht überlebt, und dort rafften Hunger und Seuchen
Frenkels Methoden beim Bau des Weißmeer-Ostseekanals weitere 42.000 dahin. Besonders unmenschlich wurde mit
wurden zur Leitlinie der meisten später eröffneten Arbeitsla- kriegsgefangenen SS-Angehörigen umgesprungen; von diesen
ger, einschließlich des Ostsee-Amur-Eisenbahnprojekts, des wurden viele zusammen mit Wlassow-Soldaten auf die
Dalstroy (Aufbau Fernost), Workutas, Kolymas, Magadans Wrangel-Insel geschickt und starben dort.
sowie zahlloser weiterer Schreckensorte. Die nach Kriegsen- Bei Kriegsende befanden sich 3,4 Millionen deutscher Soldaten
de beim Bau der Ostsee-Amur-Eisenbahnlinie eingesetzten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Bei der Konferenz von
Häftlinge stellten fest, daß viele der Schienen „Made in Ca- Jalta hatten die USA sowie Großbritannien ihre Zustimmung
nada“ waren – eine Erinnerung an die westliche Unterstüt- zur Verwendung deutscher Kriegsgefangener als „Sachrepara-
zung der sowjetischen Kriegsanstren-
gungen.

Willkommene Gäste
Die Zahl der Lagerinsassen war starken
Schwankungen unterworfen. 1932 gab
es in den sowjetischen Arbeitslagern
rund 300.000 Häftlinge. Bis 1935 war
die Anzahl auf eine Million angewach-
sen. 1940 belief sie sich auf zwei Mil-
lionen.
1933 erkannte Präsident Roosevelt die
UdSSR offiziell an und reichte Stalin
die Freundeshand – zu einem Zeitpunkt,
wo dieser Millionen seiner Untertanen
vor allem in der Ukraine, doch auch in
Rußland dem Hungertod preisgab.
Während des Krieges legte Stalin die
ihm eigentümliche Art von Milde an
den Tag, indem er rund einer Million
Häftlingen erlaubte, in verschiedenen
Strafbataillonen der Roten Armee zu
dienen. Diese wurden zur Räumung von
Minenfeldern eingesetzt – nicht selten
dadurch, daß man sie mit vorgehaltener
Flinte in diese hineintrieb – und mußten
andere gefährliche Aufgaben verrichten.
Nach dem Krieg jedoch schwoll die
Zahl der GULag-Insassen 1945 sintflut-
artig an.
Ab 1939 füllte sich der GULag mit
Angehörigen von Nationen, die mit der
UdSSR verfeindet waren: Finnen, Po-
len, Deutsche, Italiener, Rumänen und
Japaner. Viele von ihnen blieben auch
nach Kriegsende in Gefangenschaft.
Obgleich die deutschen Kriegsgefan-
genen technisch der Jurisdiktion des
GUPVI (Hauptamt für Kriegsgefange- 1989 wurde einem US-Journalisten eine Dokumentarreise durch Sibirien geneh-
nen- und Interniertenangelegenheiten) migt. Dem Journalisten wurde auch der Zugang zu einigen aufgegebenen Lagern
unterstanden, wurden sie nicht anders des GULags genehmigt. Oben eine Aufnahme aus dem Hubschrauber auf eines
behandelt als die übrigen Insassen. In der Lager in Niemandsland in Sibirien. Unten das Innere einer seit langem aufge-
8
gebenen Häftlingsbaracke.

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9 10
Wachturm eine heute aufgegebenen Lagers in Sibirien. Zwangsarbeiter des GULag

tionen“ erteilt. Anstatt sie in ihre Heimat zurückzuschicken, be- Nach Stalin
gann Stalin diese menschliche Beute deshalb im Sommer 1945 Nach dem Krieg wurden die mühsamsten und gefahrenreich-
in sein Lagersystem einzuverleiben. Da er die Deutschen als sten Arbeiten den Zwangsarbeitern des GULag aufgebürdet.
produktive Arbeitskräfte schätzte, ordnete er an, ihnen Lebens- So wurden unter direkter Aufsicht des Geheimdienstchefs
mittelrationen zu gewähren, die ihren Arbeitseinsatz widerspie- Lawrenty Berija Tausende von Häftlingen zur Arbeit am so-
gelten. Die Rationen umfaßten 600 Gramm Schwarzbrot täg- wjetischen Kernwaffenprojekt eingesetzt, indem sie Uranerz
lich, Teigwaren, ein wenig Fleisch, Zucker, Gemüse und Reis. aus den Bergwerken holten und die Testgelände in Nowaja
Offiziere erhielten etwas mehr, „Kriegsverbrecher“ selbstver- Semlja, den Wajgatsch-Inseln, Semipalatinsk sowie Dutzen-
ständlich weniger. Trotzdem starb zwischen 1941 und 1952 fast den anderer Ortschaften vorbereiteten. Später verwendete die
eine Million deutscher Kriegsgefangener in den Lagern. Die Rote Flotte Lagerhäftlinge bei der Entsorgung ausrangierter
letzten Überlebenden (10.000 Mann) kamen 1955 nach minde- nuklearbetriebener U-Boote.
stens einem Jahrzehnt Zwangsarbeit frei. Ungefähr 1,5 Millio- 1953, im Todesjahr Stalins, betrug die Häftlingszahl des GU-
nen Deutsche, die im Zweiten Weltkrieg Militärdienst geleistet Lag rund 2,7 Millionen. Im Verlauf der folgenden zwei Jahre
hatten, gelten immer noch als „vermißt“. Von 875.000 in die sank diese Ziffer rasch, was freilich nicht bedeutet, daß der
Lager verschleppten deutschen Zivilisten fand beinahe die Hälf- GULag unter Stalins Nachfolgern zu existieren aufgehört hät-
te den Tod. te.
Als der Krieg im Mai 1945 endete, wiesen die britischen Dantschik Sergejevitsch Baldaew, ein MWD-Major, der von
und amerikanischen Militärbehörden ihre Streitkräfte in 1951 bis zu seinem Tode im Jahre 1981 in der Lagerverwal-
Deutschland an, den Kommunisten eine große Zahl ehema- tung tätig war, hat ein Buch mit Zeichnungen veröffentlicht,
liger Bewohner der Sowjetunion auszuliefern. Darunter be- welche die Leiden russischer und nichtrussischer „Volksfein-
fanden sich Männer, die auf deutscher Seite gegen die So- de“ im GULag der nachstalinistischen Ära darstellen. Sein
wjets gekämpft hatten, Zwangsarbeiter und freiwillige Ar- Buch ist nach Themen aufgebaut; die einzelnen Abschnitte
beiter für die deutsche Kriegsindustrie sowie zahlreiche zeigen die Lagerorganisation, Foltern und andere Grausam-
Menschen, die lange Jahre zuvor aus der Sowjetunion aus- keiten, Sex, Essen und Unterkunft, klimatische Bedingungen,
gewandert waren und die Staatsbürgerschaft anderer Natio- gewöhnliche und politische Häftlinge usw. Trotz seiner eige-
nen angenommen hatten. Zu dieser „Repatriierung“ von 4,2 nen Vergangenheit und dem düsteren Charakter des Themas
Millionen ethnischen Russen und 1,6 Millionen sowjeti- gelingt es ihm, die gesamte Pathologie der kommunistischen
schen Kriegsgefangenen aus dem besiegten Deutschland Lager und ihrer Herrscher auf geradezu klinische Art und
kamen, wie bereits erwähnt, die deutschen Kriegsgefange- Weise zu vergegenwärtigen, eindrücklich und ohne theatrali-
nen sowie Heerscharen aus Deutschland und Osteuropa ver- sche Effekte.
schleppter oder deportierter Zivilisten. Zehntausende von Aus Baldaews Buch geht hervor, daß zwar der KGB offiziell
Litauern, Letten und Esten wurden in die sowjetischen La- für die Verwaltung der Lager verantwortlich war, doch inoffi-
ger eingeliefert. An ihre Stelle rückten in ihren Heimatlän- ziell, in den Baracken, die gewöhnlichen Verbrecher (Mör-
dern russische Siedler. Während die meisten der repatriier- der, Vergewaltiger und Psychopathen jeder Art) das Zepter
ten russischen Zivilisten, insbesondere Frauen und Kinder, schwangen, wobei sie die Frauen mißbrauchten und die
wieder ins sowjetische Leben integriert wurden, unterstellte Schwachen terrorisierten. Diese Galgenvögel betitelten sich
man die russischen Kriegsgefangenen sowie die Wlassow- selbst als »wory v sakone« (Diebe innerhalb des Gesetzes; so
Leute der Gerichtsbarkeit des SMERSH (Smert schpionam, nannte man zeremoniell ernannte Gangsterbosse, welche
Tod den Spionen), das mehr als 300.000 von ihnen zu La- Streitigkeiten schlichteten und die Beute verteilten) und bilde-
gerstrafen zwischen 10 und 20 Jahren verurteilte. ten den niedrigsten Abschaum unter den Kriminellen.
1947 hatten das Diktat von Jalta sowie die Operation Keel- Frauen wurden im GULag von allen möglichen Elementen zu
haul (Auslieferung im Westen befindlicher Sowjetbürger) die Sexobjekten herabgewürdigt. Schon während des Transports
Gesamtzahl der GULag-Häftlinge auf bis zu neun Millionen in die Lager wurden sie oft in den Schiffen oder Eisenbahn-
anwachsen lassen. waggons vergewaltigt. Nach Ankunft an ihrem Bestimmungs-

162 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


ort mußten sie splitternackt vor den Lagerbeamten paradieren, errichtet. Unlängst hat ein russischer Jude, Alexander Gut-
die sich dann die hübschesten aussuchten und ihnen leichtere man, einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er vier deutsche
Arbeit als Gegenleistung gegen sexuelle Dienste verhießen. Frauen aus Ostpreußen interviewte. Sie waren als junge Mäd-
Laut Baldaew zogen diese Beamte deutsche, lettische und chen von Rotarmisten geschändet und dann, bald nach
estnische Frauen, bei denen die Möglichkeit einer Heimkehr Kriegsende, in einen besonders höllischen Außenposten des
geringer war, russischen vor, die bessere Aussichten auf eine GULag verschleppt worden, Nr. 517, unweit von Petrosa-
Rückkehr an ihre Heimatorte besaßen. Nicht von den Lager- wodsk in Karelien. Von den mehr als 1000 Frauen und Mäd-
beamten auserkorene Frauen wurden zu „Wanderpreisen“ für chen in diesem Lager starben 522 innerhalb von sechs Mona-
männliche (und in einzelnen Fällen auch lesbische) Kriminel- ten nach ihrem Eintreffen. Diese Frauen gehörten zu jenen
le. Zusätzlich zu den alltäglichen Torturen des Hungers, der Zehntausenden deutscher Zivilisten beiden Geschlechts, die
Erschöpfung, der Kälte (besonders im hohen Norden) und der mit dem Segen der Westmächte als „lebendige Wiedergutma-
Mißhandlung liefen die unbeugsameren unter den Gefange- chung“ zur Fronarbeit in die UdSSR verschafft wurden. Eine
nen beiden Geschlechts Gefahr, in Isolationshaft gehalten, der von Gutman befragten Frauen sagte:
gepfählt, an den Geschlechtsorganen verstümmelt, oder – als „Das Tagebuch der Anne Frank ist weltweit bekannt, doch
gnädigeres Los – durch Genickschuß hingerichtet zu werden. wir tragen unsere Erinnerungen in unseren Herzen.«
Unlängst haben deutsche Philanthropen einen Gedenkfriedhof
Ein Reich des Todes für die im Sklavenlager Nr. 517 zugrunde gegangenen Frauen
Schätzungen zufolge sind im halben Jahrhundert der Exi- errichtet.12
stenz des GULag mehr als 30 Millionen Häftlinge dort ein- Gutmans Streifen, der den Titel Puteschestwije w Dschunost
geliefert worden. Die Zahl der Umgekommenen ist strittig. (Reise in die Jugend) trägt, wurde wegen seines „umstritte-
Insbesondere zu der relativ kurzen Strafe von fünf Jahren nen“ Inhalts zunächst bei zahlreichen Filmfestspielen abge-
Verurteilte hatten gute Chancen zu überleben und wieder lehnt, jedoch schließlich am 34. Internationalen Filmfestival
freizukommen. In einigen Fällen wurden Gefangene, die ih- im texanischen Houston vorgeführt, wo er den ersten Preis
re Strafe abgesessen hatten, an der Rückkehr an ihre Hei- (die Auszeichnung in Platin) erhielt. Anschließend wurde ihm
matorte gehindert und gezwungen, ihr restliches Leben in die Auszeichnung Goldene Kamera des internationalen U.S.
Städten unweit der Lager zu verbringen. Robert Conquest, Film- und Videofestivals verliehen. Doch als Gutman den
der sich von allen westlichen Forschern am meisten um die Dokumentarfilm dann in New York City zu zeigen versuchte,
Untersuchung und Enthüllung der Untaten des Sowjetregi- wurde die Erstaufführung – die zugleich auch die letzte war –
mes verdient gemacht hat, schätzt, jeder dritte Häftling sei mit Buhrufen gestört:
im ersten Jahr seiner Inhaftierung gestorben, und nur die »Den sollte man dafür abmurksen, daß er einen solchen
Hälfte hätte das dritte Jahr überlebt. Laut seinen Schätzun- Film gedreht hat. Pfui Teufel – ein Jude beschreibt die Lei-
gen wurden allein während des „Großen Terrors“ in den den von Deutschen!«
späteren dreißiger Jahren sechs Millionen Menschen verhaf-
tet und zwei Millionen hingerichtet. Weitere zwei Millionen Die Perversion des Gedenkens
sind ihm zufolge aus einer Vielzahl von Gründen in den La- Heute werden die Amerikaner vom Kindergarten bis zum Al-
gern umgekommen. Er meint, bis zu Stalins Tod im Jahre tersheim dermaßen mit dem Holocaust bombardiert, daß man
1953 seien etwa zwölf Millionen im GULag zugrunde ge- von einer Holocaust-Manie sprechen kann. Doch nur selten be-
gangen. Andere, wie der verstorbene Andrei Sacharow, kommen wir etwas über die grausamen Ziele und die sadisti-
nennen eine noch wesentlich höhere Zahl und gehen von 15 sche Praxis der sowjetischen Arbeitslager zu hören. Mehr als
bis 20 Millionen GULag-Opfern aus. Diese großen Unter- ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende unterhält das US-
schiede erklären sich dadurch, daß ehrliche Historiker Ver- Justizdepartement immer noch eine Sonderabteilung – das „Of-
brechen von zuvor ungeahntem Ausmaß in einer geschlos- fice of Special Investigations“ –, die sich ausschließlich mit der
senen Gesellschaft ohne verläßliche dokumentarische Un- Verfolgung und Deportation ehemaliger Soldaten und Beamter
terlagen erforschen mußten.11 aus Deutschland und den damals mit ihm verbündeten Staaten
Ein groteskes Ritual entwickelte sich bei der Beseitigung der befaßt. Die meisten der Opfer hatten dereinst schlimmstenfalls
Leichen von an Hunger, Erschöpfung, Mißhandlung und als Wachmänner niedrigen Grades in deutschen Konzentrati-
Unterernährung gestorbenen Gefangenen. Man befestigte ein onslagern Dienst getan. Doch keine amerikanische Instanz ist je
Holztäfelchen mit der Häftlingsnummer des Toten an seinem geschaffen worden, um jene Funktionäre aufzuspüren, welche
linken Bein und entfernte allenfalls vorhandene Goldzähne die kommunistischen Lager geführt und organisiert haben.
und -füllungen. Um sicherzugehen, daß sich der Betreffende Das neuste Buch über den GULag, Smirnows System of Cor-
nicht nur totstellte, zerschmetterte man seinen Schädel mit ei- rective Labor Camps, listet mehr als 500 Lagers mit ihren je-
nem Hammer, oder man trieb ihm einen Metallbolzen in die weiligen Verwaltungsleitern bis hin in die sechziger Jahre auf.
Brust. Die beinahe nackte Leiche wurde dann vom Lagerge- Würden die US-Politiker plötzlich von derselben Leiden-
lände weggetragen und in einem unmarkierten Grab beige- schaft zur Verfolgung früherer sowjetischer Unterdrücker be-
setzt. seelt, die sie bei der Hatz auf greise Ex-Nationalsozialisten
und angebliche Terroristen an den Tag legen, so könnte ihnen
Stimmen gegen das Vergessen Smirnows Buch als Grundlage dienen.
In den letzten Jahren haben mehrere deutsche Gruppen in Zu- Während viele der deutschen Konzentrationslager erhalten, ja
sammenarbeit mit den Russen Gedenkstätten für in der So- in Schreine umgewandelt wurden und ganz offensichtlich den
wjetunion umgekommene deutsche Zivilisten und Soldaten Zweck erfüllen, bis in alle Ewigkeit als Mahnmäler für die

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ehemaligen Insassen sowie als Zeugnisse für die Verruchtheit Roboter, deren grüngelbe Gesichter von Eis und gefrore-
nicht nur der Kerkermeister, sondern des gesamten deutschen nen Tränen verkrustet waren. Sie aßen schweigend, stan-
Volkes zu dienen, sind die weitaus zahlreicheren Lager des den dichtgedrängt zusammen und bekamen keinen Außen-
GULag im letzten Jahrzehnt bis auf Reste nicht nur aus der stehenden zu Gesicht. Einige Arbeitsbrigaden taten sich zu-
russischen Landschaft, sondern auch aus dem kollektiven Ge- sammen, um für zusätzliches Essen Extraarbeit zu leisten,
dächtnis verschwunden.13 doch war die Anstrengung zu groß und das zusätzliche Es-
In jüngster Vergangenheit unternommene Versuche ehemali- sen zu wenig. Innerhalb eines Jahres waren 28.000 davon
ger Lagerinsassen, wenigstens ein Museum des GULag zu er- tot. […] Dann kam ich zu einem einsamen Backsteinge-
richten, sind von höherer Stelle torpediert worden. Juri Pi- bäude, in dem sich eine Reihe kleiner Räume befand. Bei
wowarow, Direktor des Instituts für sozialwissenschaftliche diesen handelte es sich um Isolierungszellen. Solschenizyn
Forschungen an der Russischen Akademie der Wissenschaf- schrieb, nach zehn Tagen Einzelhaft, die der Häftling oft
ten, begründet dies so: nackt absitzen mußte, sei er körperlich am Ende und nach
»Die Menschen stellen den ethischen und moralischen fünfzehn Tagen sei er tot gewesen.«
Horror des Nazismus einfach nicht demjenigen des Kom- Vor seiner Abreise aus Workuta stolperte Thubron über einen
munismus gleich.« Stein, auf dem eine Botschaft eingeritzt war. Sie lautete:
Viele heutige Gegner eines solchen Museums waren früher »Ich wurde 1949 deportiert, und mein Vater starb hier im
hochrangige kommunistische Funktionäre, die Rußland heute Jahre 1942. Erinnert euch an uns.«
in die Neue Weltordnung steuern. Ferner ist die Sowjetunion
niemals erobert worden und mußte sich folglich auch nie den Anmerkungen
Forderungen irgendwelcher Eroberer fügen. Mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Journal of Historical Re-
view, 21(1) (2002), S. 29-36. Übersetzt von Jürgen Graf.
1
Unter den Vergessenen Paragon House, New York 1989.
2
Zwen’ya, Moskau 1998.
Vor nicht allzu langer Zeit zog ein bekannter britischer Reise- 3
Archipel GULag. Stalins Zwangslager: Terrorinstrument und
schriftsteller, Colin Thubron, durch Sibirien. Während seiner Wirtschaftsgigant, Ferdinand Schöningh, München 1996.
4
Reise verließ er die gängige Route, um die Ruinen zweier be- 5
Frankfurt a.M., 2001.
rüchtigter Lagerkomplexe des GULag zu besichtigen: Worku- Bantam Books, New York 1982.
6
Harvard University Press, London 1999.
ta und Kolyma. In seinem kürzlich erschienenen Buch In Si- 7
Bildquelle: www.feht.com/wcp/ws/AS.html
beria14 beschreibt er sie in rauh lyrischem Stil: 8
Bildquelle: Baracke: http://www.ljvideo.com/soviet-shoot/sov19.jpg;
»Kolyma wurde Jahr um Jahr auf dem Seewege mit Zehn- Luftbild: ~/sov22.jpg.
9
Bildquelle:
tausenden von – meist unschuldigen – Gefangenen ver-
http://cidc.library.cornell.edu/DOF/sovunion/captioned/gulag.htm
sorgt. Wo sie landeten, bauten sie einen Hafen, dann die 10
Bildquelle: http://www.econ.uiuc.edu/~koenker/workers2a.jpg
11
Stadt Magadan, dann die Straße landeinwärts zu den Heute, wo die Dokumente der Lagerverwaltungen sowjetischen und aus-
Bergwerken, wo sie zugrunde gingen. Die Menschen nen- ländischen Forschern zugänglich sind, sieht man sich zu einer Revision
dieser Zahlen veranlaßt. Als der Übersetzer dieses Artikels, J. Graf, im
nen sie immer noch die „Straße der Knochen“. […] Ko- Februar 2002 im Moskauer KGB-Archiv arbeitete, unterhielt er sich mit
lyma selbst wurde „Der Planet“ genannt, da es abgeson- einem dort angestellten russischen Historiker, der die Anzahl der im
dert von jeglicher Realität außer seiner eigenen war – dem GULag Umgekommenen mit »einigen Millionen« und die Gesamtzahl
Tod.« der unter Stalin Hingerichteten mit »einer Million« angab.
12
Alexandra Swidirowa, in W nowom swete (In der neuen Welt), einer rus-
Seinen Besuch im gefürchteten Workuta schildert Thubron sischsprachigen New Yorker Tageszeitung (18.-24. Mai 2001, S. 14-15.
wie folgt: 13
Unlängst hat freilich Dr. Judith Pallot, eine Geographielektorin an der
»Dann erreichten wir das stillgelegte Bergwerk 17. Hier Universität Oxford, mitgeteilt, daß wenigstens 120 “Waldkolonien” (Ar-
befand sich 1943 das erste der Katorga-Todeslager Worku- beitslager) aus der Stalin-Zeit immer noch zur Unterbringung
Zehntausender von Gefangenen dienen. Bei diesen handelt es sich
tas. Innerhalb eines Jahres gehörten 13 von den 30 Kom- ausschließlich um gewöhnliche Kriminelle. Polithäftlinge sind im Gegen-
plexen in Workuta zu dieser Kategorie, deren Zweck in der satz zu früher nicht mehr darunter. Die Lager, von denen Dr. Pallot
Ausrottung der Gefangenen bestand. Den ganzen Winter berichtet, liegen in der Perm-Gegend im Nordural. Die Durchschnitts-
jahrestemperatur beträgt dort minus ein Grad Celsius, kann aber während
hindurch, wo die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad
des langen, von Oktober bis Mai währenden Winters auf bis zu 40 Grad
absanken und die Schneestürme heulten, hausten die unter Null fallen. Wie zur Zarenzeit haben sich viele Gefangene nach
Zwangsarbeitslager dort in leichten Zelten, die mit Säge- Verbüßung ihrer Strafen dafür entschieden, sich in der Nähe der Lager
mehl bestreut und auf einer Unterlage aus ewig gefrorenem niederzulassen. Siehe Michael McCarthy, »Thousands of Russian Pris-
oners are still suffering in the GULag Archipelago«,
Moos errichtet worden waren. Sie arbeiteten zwölf Stunden http.//www.independent.co.uk.
täglich, ohne Feiertage, schleppten Kohlenwagen und wa- 14
Colin Thubron, In Siberia, Harper Collins, New York 1999.
ren schon nach drei Wochen am Ende ihrer Kräfte. Einer
der wenigen Überlebenden beschreibt sie als menschliche

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Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg
Von Oliver Kaiser
Am 6. April 2000 veranstaltete der Bergische Geschichtsver- dern spielte ich täglich; ein stark wasserführender Bach floß
ein in der Bibliothek zu Wuppertal-Elberfeld einen Vortrags- in einer blechverkleideten brückenartigen Holzrinne über ein
abend von Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach, Historiker an der Tälchen, und dort machten wir unsere ersten Schwimmversu-
Universität Dortmund, über die Kinderlandverschickung wäh- che.
rend des Dritten Reiches. Ich nahm an dieser Veranstaltung Wenn es sich ergab, hatte ich des Mittags dem Bauern das
nur deshalb teil, weil in der Beschreibung der Vortragsliste warme Essen aufs Feld zu bringen. Dafür spannte mir die
angeführt ist, daß diese zunächst gemeinnützige und dann Bäuerin das Pferd an einen vierrädrigen Wagen, und hoch auf
später im Krieg kinderlebensrettende Aktion im Volksmund den Kutschbock fuhr mich das lammfromme Tier – stolz hatte
»Kinderlandverschleppung« geheißen hätte. Über diese pro- ich den Zügel in den Händen – auf das Feld hinaus. An die
vokatorische Behauptung waren ein Freund und ich so em- dabei notwendigen Orientierungshilfen habe ich keine Erinne-
pört, daß wir uns vorgenommen hatten, gegen diese Häme rung mehr.
und erneute Geschichtsfälschung persönlich zu protestieren. Meine Zeit dort begleitete eine Korrespondenz zwischen der
Dann ergab sich aber, daß aus dem Publikum schönste Erin- Bäuerin und Tante Emmi, die mich nach dem Tod meiner
nerungen an diese Zeit laut wurden. Ein Teilnehmer hatte so- Mutter aufzog. Die junge Bauersfrau wollte mich nach den
gar einen Bericht darüber verfaßt, den er mit Begeisterung sechs Wochen nicht hergeben und brachte es mit Zustim-
vorlas. So traute sich wohl der Vortragende letzten Endes mung der Tante fertig, eine Genehmigung der dortigen
nicht, den angekündigten Begriff »Kinderlandverschleppung« Ortsgruppenführung bzw. der dort angesiedelten NSV
in seinem Vortrag aufzugreifen. Daraufhin wurde von einer (Volkswohlfahrt) für weitere vier Wochen Erholung zu er-
Teilnehmerin dieser Terminus protestierend vorgebracht, was halten. Es gab dann später einen tränenreichen Abschied.
dann Herrn Professor Goebel als Diskussionsleiter veranlaßte Ich vergesse nicht, wie mein Vater und Tante Emmi und
zu behaupten, daß es sich bei dieser Formulierung um einen meine Kusine Ellen-Ruth mich am Elberfelder Bahnhof
Irrtum handele. Ich meldete mich dazu und wies darauf hin, wieder in Empfang nahmen; sie konnten sich vor Lachen
daß dieser „Irrtum“ im Veranstaltungskalender des Bergi- nicht mehr einkriegen: Der braungebrannte kleine Dor-
schen Geschichtsvereins abgedruckt sei und somit nur eine flümmel sprach ein so perfektes und breites Thüringisch,
bewußte Diffamierung darstellen könne. Dieser Einwurf wur- daß mich keiner mehr verstand.
de geschickt und abgebrüht übergangen.
Die politisch korrekten sogenannten Zeitgeschichtsforscher
stecken alle unter einer zielgerichteten, NS-lügengetränkten
Decke.
Als Zeitzeugen-Dokument halte ich hier folgende eigene
Erfahrungen fest:
Die von der National-Sozialistischen Volkswohlfahrt (NSV)
durchgeführte Kinderlandverschickung hatte zum Ziel, den
nicht von der Sonne verwöhnten Stadtkindern, insbesondere
aus den Arbeiter-Haushalten, eine gesundheitsfördernde Zeit
auf dem Lande zu ermöglichen.
Mit sieben Jahren, also bereits 1934, wurde ich für zunächst
sechs Wochen – ich nehme an, in den großen Ferien – nach
Thüringen verschickt (Westgreußen, ca. 30 km nördl. Erfurt).
Meine Gasteltern waren ein junges Bauern-Ehepaar noch oh-
ne Kinder, die einen landwirtschaftlichen Hof bewirtschafte-
ten. Hier wurde ich auf das liebevollste aufgenommen und in
den bäuerlichen Tagesablauf integriert.
Ich erinnere mich daran, wie die auf dem Altenteil lebende
Mutter ein Huhn geköpft hatte und rupfen wollte. Es flatterte
noch so heftig, daß es ihr aus den Händen glitt und kopflos
über den ganzen Innenhof zwischen Scheune, Viehstall und
Wohnhaus flog mit der Folgewirkung, daß ich später weder
die Suppe noch das Hühnerfleischgericht essen mochte; viel-
leicht bin ich hier schon unbewußt zu den Anlagen meiner
späteren vegetarischen Lebensausrichtung gekommen. Dage-
gen spricht allerdings, daß ich mit zunehmender Vertrautheit
auch die Mettwürste entdeckte, die auf einem luftigen Spei-
cher hingen, und die mir ernste Vorhaltungen wegen Mund-
raubes einbrachten. Ich hatte einen jungen Ziegenbock zum
Spielgefährten, der mit mir herumtobte. Die Sympathien hör-
ten dann auf, als er mich mit einem so derben Stoß ins Gesäß
bedachte, daß ich in den Misthaufen flog. Mit den Dorfkin- Werbeplakat im Dritten Reich

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 165


Dieses erste KLV-Erlebnis war ein unvergeßliches und tief gegen die Zivilbevölkerung ja schon die halbe Tageszeit im
prägendes Ereignis meiner frühen Jugend. Und das lief alles Luftschutzkeller saßen.
ohne Kosten für meinen Vater ab, und die aufnehmenden Fa- Auch während dieser Kriegszeit war die Motivation der gan-
milien waren im völkischen Aufbruch derartig gemeinnützig zen Bevölkerung, sich hier gegenseitig zu helfen, ungeheuer.
motiviert, daß es Hunderttausende von Land-Haushalten gab, Die organisatorische Leistung der beauftragten Parteidienst-
die solche Ferienkinder wie mich damals aufgenommen ha- stellen war unglaublich effizient. Selbst Einzelbeschwerden
ben, natürlich ohne jede Vergütung! wurde korrekt nachgegangen, wie auch eine Zuhörerin bei der
Mein zweites und drittes Zeugnis der KLV will ich kürzer obigen Vortragsveranstaltung eindrucksvoll zum Besten gab.
fassen: Die Eltern hatten jeden Einfluß darauf, daß die Gasteltern
1935 kam ich nochmals weg, diesmal nach Gonsenheim bei gewechselt oder Mißstände in Gemeinschaftsunterbringung
Mainz, wo ich bei einem Landarzt namens Eisel unterkam, verfolgt und beseitigt wurden. Dabei war die Verfügungsge-
der selbst sechs Kinder hatte. Das war auch ein Landhaushalt walt der Eltern bezüglich ihrer Kinder nie angetastet; die Ein-
in einem weiträumigen Haus mit großem Park. Ich bekam bindung in die Rettungsaktionen blieb stets freiwillig und war
fünf Pfennige für einen Korb voll gesammelter Tannenzapfen, an die elterliche Zustimmung gebunden (von wegen „Ver-
die massenhaft dort herumlagen und verfeuert wurden. Das schleppung“!).
Kindermädchen hatte die Anweisung, mich am Badetag, der Mit erwachsenen Augen und im nachhinein ist kaum noch
in einer großen gußeisernen Wanne mit davor stehendem nachvollziehbar, was an Einsatz hier abgelaufen ist. Mit der
Heißwasserofen einmal wöchentlich zelebriert wurde, als letz- zunehmenden Ausbombung zog dann oft die ganze Wupper-
tes Kind zu baden und zu schrubben. Der Wassertank des taler Restfamilie zu diesen Gasteltern aufs Land, auch hier
Kohle(Holz?)-Ofens reichte nur für eine Wannenfüllung, und nach den Grundsätzen „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ und
so kam ich in die immer dunkler werdende Brühe, die meine „Einer für alle – alle für einen“, die im Dritten Reich keine
sechs Vorgänger hinterlassen hatten. Das war mir durchaus Phrasen waren, sondern einen hohen Stellenwert hatten und
nicht recht, vom Schrubben ganz abgesehen. Des Sonntags vom ganzen Volk mit größter Hilfsbereitschaft praktiziert
wurden wir bei schönem Wetter in einen großen Motorwagen wurden.
mit offenem Verdeck verfrachtet, der Doktor und seine Frau Für den Schutz der Bevölkerung war im übrigen vom Staat al-
machten dann mit uns eine Landpartie, und das Mädchen hat- les Menschenmögliche getan worden: Luftschutzbunker wur-
te einen großen Korb dabei, wohlgefüllt mit deftiger Brotzeit den am laufenden Band aus der Erde gestampft. Bei uns im
für den Imbiß unterwegs. Westkotten waren es zwei große Höhlen unter dem Fattloh,
Mein Vater traute sich nicht, auf meinen ersten Brief zu ant- die wohl früher als Bierkeller gedient hatten und nun als
worten; der noch bei mir vorhandene Umschlag wies als Ab- Schutzkeller umgebaut wurden. Hier konnte ein Großteil der
sender folgende Anschrift auf: »Eberhard Kleffmann bei Dr. umliegenden Bevölkerung aufgenommen werden. An der
Esel«. Er ahnte, daß es mit den Schreibkünsten seines Filius Viktorstraße stand ein riesiger, unangreifbarer Betonpilz, in
noch nicht weit her war.
Beim dritten Mal war ich schon um die zehn Jahre, etwa 1937
oder 38, und bereits im Jungvolk bei den Pimpfen, wie es im
Volksmund hieß. Hier hatten wir ein dreiwöchiges Lager in
der Jugendherberge von Diez an der Lahn. Es fehlte mir dort
aber die Bindung an die Familie, und als Einzelgänger hatte
ich Einordnungsschwierigkeiten in der Gruppe. Starkes
Heimweh ist mir in Erinnerung.
Nach dem obigen Vortrag kamen Zuhörer-Erinnerungen zu-
tage, die mit dieser Jungvolkzeit romantische Lagerfeuer,
schönste Liederabende mit Schifferklavier und Klampfe, mit
Zeltlagern, Abkochen am offenen Feuer und viele abenteuer-
liche Unternehmungen verbinden. Das Ergebnis solcher Er-
ziehungsarbeit war eine unverdorbene, gesunde und geistig
geforderte deutsche Jugend. So war es nun mal, ob es den
Gutmenschen paßt oder nicht.
Soweit mein eigener Erfahrungsbericht zum Thema. Für die
KLV während des Bombenkrieges war ich dann wohl schon
zu groß; aus welchen Gründen auch immer wurde meine
Schulklasse nicht evakuiert. Ich weiß aber noch, wie erleich-
tert die Mütter waren, deren Männer und Brüder, oft auch
noch die Großväter und Onkel, im Felde standen, und die
ganz auf sich gestellt die Sorgen um das Leben ihrer Kinder
zu meistern hatten. Sie sahen nicht nur ihre Blagen aus der
Todesgefahr herausgenommen, sondern waren auch sicher,
daß die immer schwerer werdende Ernährung auf dem Lande
viel besser zu bewerkstelligen war, wie sie aus den Briefen ih-
rer Kinder erfuhren. Der Schulunterricht war ebenfalls wohl-
geordnet und zielgerichtet, während wir in Wuppertal mit der
fortschreitenden Intensität der alliierten Massenmordaktionen
NS-Werbeplakat für die Kinderlandverschickung

166 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


der Münzstraße war ein Hochbunker gebaut worden mit me- irdische Stadt gebaut, welche die ganze Bonner Regierung
terdicken Betonwänden. Nur all diesen Vorsorgen ist zu ver- einschließlich der Angehörigen aufnehmen konnte. Ungeheu-
danken, daß es nicht zu so katastrophalen Bevölkerungsverlu- re Summen sind da unter Geheimhaltung hineingeflossen, und
sten kam wie zuerst in Hamburg und später in Dresden, wo der Bundesgrenzschutz war noch vor wenigen Jahren damit
heute ganz offiziell die Verlustzahlen von 350.000 auf 35.000 beschäftigt, die komplizierten Kraft- und Lüftungsanlagen be-
nach der vorgegebenen Orwellschen Sprachregelung herun- triebsfähig zu halten und die eingebunkerten Vorräte im Tur-
tergelogen werden. nus auszuwechseln.
Und hier komme ich nun zu einer weiteren Abrechnung mit Gibt es noch ein treffenderes Beispiel für den volksverbreche-
den Brandt- und Kohl-Regimes unserer Nachkriegszeit: Mit- rischen Charakter unserer Heloten-Regierungen, die auch
ten während des Kalten Krieges, als sämtliche atomaren Mit- heute noch Fremdbefehlen gehorchen und die geplante ato-
telstrecken-Raketen auf Ziele in Deutschland programmiert mare Auslöschung unseres ganzen Volkes mit solchen Maß-
waren (Amerikaner, Briten, Franzosen, Russen und deren Sa- nahmen willig unterstützt haben? Und diese Schurken be-
trapen), wurden bei uns ausnahmslos alle noch vorhandenen stimmen heute nach den Vorgaben unserer Feinde – pardon:
Schutzanlagen der Bevölkerung unbrauchbar gemacht (durch unsere internationalistischen „Freunde“ und liebevollen Er-
Entfernen der Stahltüren und Zumauern der Eingänge, durch presser –, was wir zu denken und zu sprechen haben! Wer
Abriß – z.B. des Pilzes an der Viktorstraße durch Einschnei- nicht spurt, wird wirtschaftlich ruiniert, ins Gefängnis ge-
den von Fenstern in den Hochbunkern usw.). steckt, von zielgelenkten „Autonomen“ zusammengeschlagen
Während der gleichen Zeit, als Schutzräume für das Volk ab- oder schlimmstenfalls in einer Badewanne ertränkt, in die
gebaut wurden, war ein unterirdisches, atombombensicheres, Luft gesprengt, durch Kopfschuß erledigt oder aus dem Fen-
strategisch begründetes Elektrizitätskraftwerk auf der Hardt- ster gestürzt.
höhe in Planung und bei Dernau an der Ahr wurde eine unter- Bildquelle: www.dhm.de/lemo/html/wk2/alltagsleben

Antigermanismus als Todesurteil des Abendlandes


Wie der Antigermanismus von gestern zu den Invasionen von heute geführt hat
Von Philippe Gautier

Schon seit langem ist Philippe Gautier tief besorgt darüber, Racisme anti-allemand3 (Der antideutsche Rassismus) hat
daß Frankreich durch eine außereuropäische Massenimmi- er freundlicherweise auf unsere Fragen geantwortet.
gration überschwemmt wird, welche die schwindende ein-
heimische Bevölkerung nach und nach verdrängt. Schon zu Frage: Warum ein zweites Buch über den Deutschenhaß?
Beginn der siebziger Jahre schrieb er ein prophetisches Philippe Gautier: Aus zwei wichtigen Gründen. Einerseits
Buch mit dem Titel Toussaint Blanche (Weiße Allerheili- haben mir zahlreiche Leser von La Germanophobie4 zusätz-
gen), in dem er auf die Gefahren dieser umgekehrten Kolo- liche Fragen gestellt, die vertiefte Recherchen erforderten.
nisierung hinwies, und er trat bereits 1973 der damals jun- Andererseits war ich mir bewußt, daß mein Buch keine er-
gen Front National bei. Seither hat er nie aufgehört, für die schöpfende Studie zu einem enzyklopädisch umfangreichen
Rettung der französischen nationalen Identität zu kämpfen: Thema darstellte und ich den Ursachen der Deutschfeind-
Er schrieb später die Bücher Une nuit blanche à Honfleur lichkeit in Frankreich gründlicher nachgehen mußte: Ich be-
(Eine weiße Nacht in Honfleur; 1989) sowie La Vengeance faßte mich deshalb ganz besonders mit den drei französisch-
(Die Rache; 1993), später unter dem Titel Scénario pour les deutschen Kriegen von 1870, 1914-1918 sowie 1939-1945
otages (Szenarium für die Geiseln) neu aufgelegt.1 und den weit vor diese brudermörderischen Konflikte zu-
Auf der Suche nach den ursprünglichen Wurzeln dieser In- rückreichenden Wurzeln der Deutschfeindlichkeit. Meine
vasion hat P. Gautier die verhängnisvolle Rolle begriffen, Schlußfolgerung lautete: Der durch den Krieg von 1870 re-
welche die Explosion des Deutschenhasses in unserem Land aktivierte heftige antideutsche Rassismus hat seinen Ur-
– unter den Eliten, doch auch im Volk – spätestens ab 1870 sprung im Antagonismus zwischen dem Norden und dem
gespielt hat. Als Kind des Exodus von 1940, das in einer zum Mittelmeerraum gehörenden Süden Europas, dem Ge-
antideutsch gesinnten Familie aufwuchs, doch in der Nor- gensatz zwischen der mittelöstlichen Welt, die einen großen
mandie unter den anglo-amerikanischen Bombardierungen Teil der europäischen Kultur in Südeuropa geprägt hat, und
zu leiden hatte, wurde er sich schon nach Kriegsausbruch Nordeuropa. Diese Zweigliederung spiegelt teilweise die
der selbstmörderischen Absurdität dieser Feindschaft be- Unterteilung des Christentums in Katholizismus und Luthe-
wußt, zumal er in Calvados, dem Departement mit der ranismus wider.
höchsten Zahl von Besatzungssoldaten, nie einen deutschen Frage: Hinsichtlich der drei Kriege zwischen Frankreich
Soldaten angetroffen hatte, der sich ungebührlich benahm. und Deutschland, die innerhalb von weniger als siebzig
Vor fünf Jahren veröffentlichte er deshalb sein Buch La Jahren stattgefunden haben, weisen Sie auf das hohe Maß
Germanophobie2 (Der Deutschenhaß). Aus Anlaß der Ver- an Verantwortung der französischen Eliten hin. Doch ten-
öffentlichung eines zweiten Werkes zu diesem Thema, Le dieren Sie nicht ein wenig dazu, unsere Nachbarn jenseits

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des Rheins und insbesondere die Preußen von ihrer eigenen Ausdruck der Vaterlandsliebe ist, genau so wie ein Christ
Kriegstreiberei freizusprechen? „Jesus Christus über alles“ oder ein guter Sohn „Meine
Philippe Gautier: Ich glaube nicht. Ist man sich, was die Mutter über alles“ sagen mag.
drei letzten Kriege betrifft, eigentlich hinlänglich bewußt, Frage: Stellt das heutige Deutschland keine Gefahr für
daß es Frankreich war, das Deutschland zweimal – 1870 Frankreich dar, weil es sich mehr denn je auf die Politik
sowie 1939 – den Krieg erklärt hat? In bezug auf 1914 sind der Angelsachsen ausrichtet und sich mit Haut und Haar
die Dinge weitaus komplexer, als man ahnt: Vierzig Jahre einer gewissen Lobby verschrieben hat?
lang hat Frankreich wegen der „verlorenen Provinzen“ ei- Philippe Gautier: Wenn Deutschland eine Gefahr darstellt,
nen Indianertanz um Deutschland herum aufgeführt und sei- dann darum, weil es als Kriegsverlierer eine angelsächsi-
nen Willen nach „Revanche“ bekundet, so daß die Deut- sche Kolonie geworden ist. Die Gefahr ist nicht das
schen die legitime Befürchtung hegten, unser Land könnte Deutschtum an sich, sondern seine Unterwürfigkeit gegen-
ihnen bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen. über seinen amerikanisch-zionistischen Überwindern. Jene,
Sagte man damals nicht, Frankreichs Augen seien auf die die man heute in Frankreich als „Souveränisten“ zu be-
blaue Linie der Vogesen gerichtet? zeichnen pflegt und von denen viele den Präsidentschafts-
Frage: Scheint es nicht ein wenig mißbräuchlich, von ei- kandidaten Chevènement unterstützten, sind oft von anti-
nem einheitlichen Deutschland zu sprechen, wie Sie es tun, deutschen Gefühlen beseelt; doch meiner Ansicht nach muß
obgleich es doch anscheinend große Unterschiede zwischen der Kampf heute nicht um die Souveränität, sondern um die
dem mehrheitlich katholischen Süddeutschland und dem Identität geführt werden: Es geht in allererster Linie darum,
mehrheitlich protestantischen Norddeutschland gibt? unsere bedrohte Rasse zu retten.
Philippe Gautier: Ich bestreite durchaus nicht, daß es in Kann man in diesem Zusammenhang denn wirklich an der
Deutschland Gegensätze gibt, doch sind sie meiner Auffas- Tatsache vorbeigehen, daß die Deutschfeindlichkeit Frank-
sung nach weitaus weniger stark als jene in Frankreich. Die reichs seit 150 Jahren zu seiner demographischen Schwä-
verschiedenen Regionen Deutschlands streben alle auf ein chung, dem Verschwinden seines Kolonialreiches, seiner
Zentrum zu, da sie allesamt dieselbe kulturelle, sprachliche Dekadenz auf allen Ebenen geführt sowie den neuen, von
und ethnische Identität gemeinsam haben, während in Nord- und Schwarzafrika ausgehenden Invasionen Tür und
Frankreich zentrifugale Kräfte wirksam sind, weil es sich Tor geöffnet hat?
aus Elementen unterschiedlicher Kulturen (im wesentlichen Die Deutschfeindlichkeit hat sich also als Katastrophe für
der lateinischen, der keltischen und der fränkischen) zu- unser Land erwiesen, während es ganz offensichtlich im In-
sammensetzt. Dies liefert eine Erklärung für den Jakobinis- teresse dieser beiden großen europäischen Mächte gelegen
mus der Monarchie wie auch der Republik. In der Tat funk- hätte, sich zu verständigen. Gegen Deutschland zu Felde
tioniert die Dezentralisierung, der föderale Weg, bei uns ziehen hieß einen Teil seiner selbst töten. Steckt im Wort
nicht, während sie bei unseren Nachbarn jenseits des Rheins „Frankreich“ denn nicht das Wort „franc“, also „fränkisch“,
noch nie wirkliche Schwierigkeiten hervorgerufen hat. und war Karl der Große denn nicht unser gemeinsamer Kö-
Man kann Deutschland zwar in eine Vielzahl von Kleinstaa- nig? So ist es nicht verwunderlich, daß die Deutschfeind-
ten untergliedern, wie es Maurras5 vorschwebte, doch führt lichkeit schließlich in einen französischen Selbsthaß münde-
dies letzten Endes zu nichts, denn die Deutschen werden te. Wer seinen Nachbarn inbrünstig haßt, haßt sich schließ-
sich stets bewußt bleiben, daß sie ein und derselben Zivili- lich selbst. Die Vergewaltigung deutscher Frauen durch die
sation, ein und derselben Ethnie angehören. Araber und Neger der Kolonialtruppen im Jahre 1945 findet
Frage: In Ihrem Buch stellen Sie eine eindrückliche Samm- heute ihr Gegenstück in der Vergewaltigung französischer
lung von antideutschen Verleumdungen zusammen, die of- Frauen in den von den Völkern Nord- und Schwarzafrikas
fensichtlich ein zähes Leben haben… okkupierten französischen Vorstädten.
Philippe Gautier: Einige Lügen von vielen: In allen am
Fernsehen zu diesem Thema ausgestrahlten Sendungen Entnommen der französischen Zeitung Rivarol, 26. April 2002. Das Inter-
heißt es, Hitler habe sich geweigert, Jesse Owens bei der view führte Jérôme Bourbon (jeromebourbon@aol.com). Deutsche Überset-
zung von Jürgen Graf.
Olympiade von 1936 nach dessen Sieg im 100-m-Lauf die
Hand zu schütteln, weil er schwarz war. Doch untersagte es
Anmerkungen
das Reglement dem Staatschef, die Athleten persönlich zu
1
beglückwünschen. Viele Zeugen haben übrigens kundgetan, Les Cinq Léopards, BP 22, 78112 Fourqueux.
2
Editions Déterna, Centre MBE 302, 69 boulevard Saint-Marcel, 75013
daß der Reichskanzler dem Sieg Owens Beifall gespendet Paris. Internet: www.deterna.com
hat, und dieser hat erklärt, der einzige Rassismus, unter dem 3
Editions Déterna, 294 Seiten, 23 Euros (plus Versandkosten).
4
er je zu leiden gehabt habe, sei derjenige seiner amerikani- Die deutsche Übersetzung Deutschenangst, Deutschenhaß, 1999 beim
schen Landsleute gewesen; seine Witwe hat außerdem be- Grabert-Verlag in Tübingen erschienen, war ein großer Erfolg; viele
Deutsche freuten sich, daß endlich ein Franzose Objektivität an den Tag
stätigt, daß er ausgezeichnete Erinnerungen an die Berliner legte.
Olympiade bewahrt hat. Eine andere Lüge: Man schreibt 5
Charles Maurras war der Begründer der nationalistischen, stark
Hitler oder Goebbels fälschlicherweise den Spruch zu: antideutschen Action française. Anmerkung des Übersetzers.
6
Einer anderen Version dieser Legende zufolge soll Göring gesagt haben:
»Wenn ich das Wort Kultur höre, ziehe ich meinen Revol-
»Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.« An-
ver.«6 Ferner heißt es, die Losung »Deutschland über alles« merkung des Übersetzers.
sei ein Ausruf des Hasses und der Sucht, über andere Natio-
nen zu herrschen, während er in Tat und Wahrheit lediglich

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Manche velwechsern rinks und lechts
Von Ernst Manon
»Der Worthülsenkrampf ist eine aus dem Westen einge- 1993 fand Botho Strauss, dessen Säulenheilige immerhin
schleppte Krankheit, die wieder mal mit deutscher Gründ- Adorno und Bloch waren, in seinem »Anschwellenden Bocks-
lichkeit wütet.« gesang« (Spiegel 6/1993, S. 203/204):
Dies berichtet die 1950 in Dresden geborene Freya Klier,1 für »Seltsam, wie man sich „links“ nennen kann, da links von
die die »hanseatischen Salon-Bolschewisten die Rechten« alters her als Synonym für das Fehlgehende gilt. […] Man
sind. Weiter meint sie: heftet sich also ein Zeichen des Verhexten und Verkehrten
»Links kennt keine Grenzen. Ob du kochst wie Biolek oder an, weil man, voller Aufklärungshochmut, seine Politik auf
Menschen entführst wie Markus Wolf: Hauptsache, die fünf den Beweis der Machtlosigkeit von magischen Ordnungs-
Buchstaben zieren dein Button. Während Rechts das politi- vorstellungen begründet.«
sche Todesurteil bedeutet, ist Links das „Sesam-öffne- Nach der parlamentarischen „Gesäßgeographie“, die auf die
dich“ ins Reich der Guten, weshalb besonders Unsichere Nationalversammlung der Französischen Revolution zurück-
das Wörtchen wie eine Grubenlampe vor sich hertragen. geht, sitzen Sozialisten und Kommunisten links, Konservati-
[…] Wer links ist, braucht kein Schamgefühl, keinen ve, Bürgerliche und Nationale rechts. Das gilt aber nur aus
menschlichen Anstand, kein Geschichtswissen: Er befindet der Sicht des Vorsitzenden und des Sprechers. Aus der Sicht
sich a priori auf der Seite der Guten. Und nur auf dieses der Abgeordneten selbst, sitzen die Linken rechts und die
eine Wort reagiert der Reflex: Du kannst einen Linken ei- Rechten links. Diese Ordnung gilt weltweit und entspricht
nen Lügner, Raffke, Menschenfeind nennen, es wird ihn damit offenbar einer tiefsitzenden gefühlsmäßigen Einschät-
kalt lassen. Selbst „Kinderschänder“ (In einem mit einer zung.
geballten Faust in einem Davidsstern verzierten Buch Der Andreas Röhler, der Herausgeber der Zeitschrift Sleipnir,
grosse Basar von 1975 hatte der Europa-Abgeordnete Da- schrieb einmal:7
niel Cohn-Bendit offenherzig von seinen pädophilen Erfah- »Erst wenn Deutschlands Rechte und Linke zu einer Zu-
rungen in einem Frankfurter Kindergarten berichtet. „Es sammenarbeit zum Wohle des Landes finden, erst wenn sie
ist mir mehrmals passiert, daß einige Kinder meinen Ho- ihre ideologischen Prägungen zugunsten der Lösung von
senlatz geöffnet und angefangen haben, …“ Sachfragen hintan stellen, erst dann darf Deutschland wie-
Zu den ersten, die darauf aufmerksam geworden sind, ge- der Hoffnung auf eine Zukunft hegen.«
hörte der frühere Außenminister Klaus Kinkel, der seit Jah- Damit drückte er das vordergründige, „volkstümliche“ Ver-
ren gegen sexuellen Mißbrauch von Kindern kämpft.[2] ständnis der politischen Begriffe rechts und links aus, ähnlich
Nichtsdestoweniger will sich Cohn-Bendit bei den Europa- wie Frau Klier.
Wahlen 2004 um den Posten des Kommissionspräsidenten Wenn nun Hannes Stein in seinem Buch Moses und die Of-
bewerben.[3] Das dürfte an ihm abperlen wie Regen am fenbarung der Demokratie (Rowohlt, Berlin 1998) ganz offen
Ostfriesennerz. Doch nennst du ihn einen Rechten, dann sagt, daß unsere Demokratien jüdisch seien, daß wir sie letzt-
geht er hoch wie eine Rakete.« (aaO., S. 22) lich Moses verdanken, und da wir andererseits von Elie Wie-
Sie meint, »die Spielregeln der alten Komintern« hätten »sich sel wissen, daß bei Juden alles anders ist:8
tief im Hirn des westlinken Wirtes eingenistet« und fragt: »Everything about us is different«,
»Sollte ein Linker nicht interessiert sein, das Wesen eines dann darf es uns nicht wundern, daß auch das Rechts-Links-
Systems zu erfassen?« (aaO., S. 31) Schema aus der Sicht jüdischen Denkens eine ganz andere
Mit pädagogischem Geschick gelingt es Frau Klier, deren Bedeutung hat.
Bruder von der politischen Justiz der DDR in den Selbstmord Den Unterschied zwischen links und rechts erklärt A. B. Ye-
getrieben wurde, das übliche Rechts-Links-Schema als Denk- hoshua folgendermaßen:9
falle zu entlarven und Linke in Ost und West vor den Kopf zu »Der Unterschied liegt in dem Glauben, oder in der Fähig-
stoßen. keit zu glauben, daß der Mensch und die Gesellschaft nicht
Frank Sage meint:4 nur die Fähigkeit zur Veränderung haben, sondern den
»Wird heutzutage ein Nichtlinker als rechts beschimpft, Wunsch nach dem wahren Tikkun [d.i. Erlösung, Weltver-
gibt er sich domestiziert, handzahm, defensiv. Warum läßt besserung], und zwar trotz und jenseits der natürlichen und
er die Begriffsdefinition nicht einmal beiseite und sagt: ewigen Mächte, die uns bestimmen, wie jene der Abstam-
„Na und, dann bin ich eben rechts, aber jetzt reden wir mung und der Umwelt. Darin liegt die fundamentale linke
über Inhalte!“ Wer das Totschlagargument „rechts“ an Orientierung: der Wunsch zu verändern und die Fähigkeit,
den Kopf geworfen bekommt, braucht zunächst einmal ei- sich zu wandeln. Während die Rechte von der Notwendig-
nen Eisbeutel, und bevor er wieder zu sich gekommen ist, keit spricht, unseren Vorfahren gegenüber loyal zu sein,
steht der politische Gegner bereits in seiner Ecke, reißt die vom Gebot der Generationen, ewigem Schicksal, das sich
Fäuste jubelnd nach oben und hat gewonnen.« wiederholt und nationaler Mentalität, spricht die Linke von
Günther Nenning kommt zu dem Ergebnis:5 Freiheit von der Vergangenheit, Neubestimmung unserer
»Linke bestehen heute aus der Angst, bloß ja nicht rechts Wurzeln, der Zerstörung von Stereotypen. Der Zionismus
zu sein.« hat immer hin- und hergependelt zwischen Links und
Der in Germanistik promovierte Joseph Graf von Westphalen Rechts, Revolution und Konservatismus.«
meinte noch Ende der achtziger Jahre:6 Nach der jüdischen Mystik der Kabbala steht „links“ für sata-
»Wer rechts ist, ist eine Sau.« nische und „rechts“ für die Kräfte des Guten. Gershom Scho-
Auch für Tucholsky stand fest: lem zufolge ist in der Kabbala die Bezeichnung für das Böse
»Der Feind steht rechts!« die »linke Emanation« Gottes, genannt »sitra achra«, d.i.:10

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»wörtlich „Die andere Seite“; in der Kabbala (seit dem Dies bestätigte Gerhard Löwenthal.16 Daß heute links vorder-
Zohar) Bezeichnung für das Böse, die „linke Emanation“ gründig als gut und rechts als böse angesehen werden, hat
Gottes, die Gegenwelt des Bösen, die aus der einseitigen hier seine Wurzeln, ist es doch im Grunde genau umgekehrt;
Verabsolutierung der „bösen“ Kräfte im System der inner- schon der Prediger Salomo wußte:
göttlichen Potenzen (der 10 Sefirot) entsteht. Erst wenn das »Des Weisen Herz ist zu seiner Rechten; aber des Narren
sorgfältig ausbalancierte Gleichgewicht der 10 Sefirot Herz ist zu seiner Linken.« (Kap. 10, 2)
durcheinandergerät, wenn das „Böse“ übermächtig wird, In Exodus 23,2 heißt es:
kann sich die sitra achra als komplette Gegenwelt zur gött- »Du sollst nicht folgen der Menge zum Bösen und nicht al-
lichen Welt etablieren und ihre allein auf Destruktion ge- so verantworten vor Gericht, daß du der Menge nach vom
richteten Kräfte entfalten.« Rechten weichest.«
Gott hält seine rechte Hand, die für die Hilfe und Rettung Is- Im Babylonischen Talmud heißt es:17
raels steht, in seinem Schoß verborgen.11 Scholem meinte be- »Zwei Nieren sind im Menschen, die eine rät ihm zum Gu-
reits 1921 während seiner Studienzeit in München:12 ten, und die andere rät ihm zum Bösen, und es ist wahr-
»Noch weiß kaum jemand die Grenzen anzugeben, an de- scheinlich, daß die gute zu seiner Rechten und die böse zu
nen Irrsinn und Einsicht sich bei den Kabbalisten scheiden, seiner Linken sich befindet.«
noch kann unwiderlegt jeder dreckige Dilettant ein un- In allen Kultursprachen der Welt gilt rechts als gut und links
schickliches Antlitz in der Kabbala aufdecken, sei es um zu als schlecht. Nicht zu unrecht hat im Deutschen rechts mit
verurteilen, sei es um sie zu preisen.« Recht, rechtens, rechthaben, rechtschaffen, richtig, richten,
Wahrscheinlich kann nur ein dreckiger Dilettant auch die das Herz auf dem rechten Fleck haben usw. zu tun, links
Frage stellen, wozu es überhaupt einer Schriftvorlage bedarf, (jedenfalls bis 1968) mit falsch; man denke an linkisch, links
wenn sowieso jeder (Jude) herauslesen kann, was er will. Ha- liegenlassen, linker Hand, zwei linke Hände haben. Im Italie-
rold Bloom, der amerikanische Kabbala-Spezialist, schreibt nischen bedeutet sinistra links, sinistro unheilvoll, Unglück.
»daß die Methoden der Gematria [d.i. die Kunst der Ausle- Den »Sinistrismus« Westeuropas hatte schon 1978 Raymond
gung und Deutung aufgrund der Entsprechung von Buch- Aron beklagt und auf einen »fiktiven Sozialismus« zurückge-
staben und Zahlen] eine Art Parodie der zuweilen sublimen führt.18
kabbalistischen Überhöhung der Sprache und der Künste In den achtziger Jahren schrieb Ida Magli:19
der Interpretation sind. Denn Gematria ist die toll gewor- »Daß Linkshändigkeit rehabilitiert wurde, ist auch auf die
dene interpretative Freiheit, in der jedem Text jede beliebi- positive politische Bedeutung zurückzuführen, die der Be-
ge Bedeutung beigebracht werden kann.«13 griff „links“ derzeit in der Gesellschaft genießt.«
Ob sich wohl unsere (nichtjüdischen) Linken darüber im kla- Welch ein Propagandaerfolg angesichts 100 Millionen Opfer
ren sind, daß sie eigentlich kabbalistischen Zielen dienen? linker Ideen! Zweifelsohne hatten Linkshänder früher zu Un-
George Orwell hat einmal bemerkt, daß politisches Denken, recht unter Ablehnung zu leiden. Ohne jede Wertung ist aber
besonders auf Seiten der Linken, eine Art Selbstbefriedi- festzustellen, daß Linkshändigkeit unter Juden signifikant
gungsphantasie ist, in der die Welt der Fakten kaum Bedeu- häufiger auftritt. Schon die Bibel berichtet von Linkshändern
tung hat.14 Lenin, dessen jüdische Herkunft heute so gut wie im Stamme Benjamin.20
erwiesen ist, nannte diese Art Hiwis schlicht »nützliche Idio- Vilma Fritsch schreibt:21
ten«. Während die Bezeichnung „Idiot“ als Beleidigung ange- »Am aufschlußreichsten erscheint uns, daß im Zohar
sehen wird, hat sich meines Wissens noch kein Linker wegen [»Buch des Glanzes«, das Hauptwerk der Kabbala, 1. Hälf-
der Bezeichnung »nützlicher Idiot« geniert. te des 2. Jh. n.Chr.] unsere Welt als die rechte [deshalb
Professor Eckhard Jesse, Extremismus- und Parteienforscher muß offenbar links dagegengehalten werden!?], die zukünf-
an der Technischen Universität Chemnitz, meint:15 tige Welt aber als die linke bezeichnet wird. Hierzu be-
»Die Dominanz der extremen Linken erklärt sich im we- merkt die Jewish Encyclopedia: „Es ist eigentümlich, daß
sentlichen mit zwei Gründen. Zum einen ist sie besser ver- in der Kabbalah die linke Seite einen höheren und entwik-
netzt, zum anderen legitimiert sie sich wesentlich stärker kelteren Zustand darstellt.“ Wir sehen hier eine der in den
durch den Kampf gegen den „Faschismus“ als die extreme heutigen „Ausdruckswissenschaften“ üblichen entgegenge-
Rechte durch Kampf gegen den Kommunismus.« setzte Sinngebung, die andrerseits – Zufall oder tiefere Be-
Das eben ist der Erfolg jüdisch-inspirierter Paradoxie: Der deutung? – unserer politischen Symbolik entspricht.«
Kampf gegen den Kommunismus mit seinen hundert Millio- Adriano Sofri berichtet aus dem Gefängnis:22
nen Todesopfern erscheint schlechter legitimiert als dieser »In einem Interview im Gefängnis erzählte der Anführer
selbst. Daher die heftigen Attacken gegen Prof. Nolte, der der „Brigate rosse“, Renato Curcio, dem Interviewer An-
sich ja nicht einmal zum Revisionismus bekennt, sondern nur drea Marcenaro, er benutze die rechte Hand, um in der al-
an die zeitlichen Abläufe und ursächlichen Bedingtheiten er- ten Sprache zu schreiben, und überlasse es der linken, in
innert. der neuen Sprache zu schreiben. Eine somatische Dissozia-
Viele Erscheinungen unserer Zeit werden im Lichte, oder tion, ein Spiel mit verteilten Rollen.«
besser im Dunkel der kabbalistischen Denkweise deutbar. Ein Buch eher „zur rechten Hand“ stammt übrigens von dem
Denken wir nur an die zunehmende Akzeptanz von Kriminali- 1999 verstorbenen Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn: Rechts,
tät, Mafia, Korruption, Drogenkonsum, Pornographie, Pä- wo das Herz schlägt – Ein Panoptikum für garantiert unmo-
derastie, die Auflösung traditioneller Werte, den allgemeinen, derne Menschen.23 Ungeniert nannte sich dieser hochgebilde-
gesteuerten Kulturverfall, die schleichende Entbürgerlichung te, polyglotte Grandseigneur einen »rechtsextremen Stockli-
und linksdrallige Infantilisierung des gesamten Lebens! beralen.«24 Ironisch hatte sich dagegen Karl Kraus zum
»Der Prozeß ist in Gang gesetzt worden mit der „Bewußt- „Rechtsradikalismus“ bekannt:25
seinsveränderung“. Dieser Prozeß hat zu einer massiven »Meine radikalen literarischen Freunde […] haben meine
Aushöhlung der Werteordnung geführt, der Verfall dieser Angriffe auf die jüdischen Liberalen, auf die Bourgeoisie
bürgerlichen Werteordnung ist heute unübersehbar.« und Neue Freie Presse für linksradikal gehalten und nicht

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geahnt, daß sie […] im höchsten Maße rechtsradikal sind. zen wollte«,34 was ja eigentlich als Straftatbestand gilt. Wer
Sie haben geglaubt, ich sei ein Revolutionär, und haben wäre geeigneter, Deutschland in der Welt zu vertreten!?
nicht gewußt, daß ich politisch noch nicht einmal bei der Peter Sichrovsky merkt an:35
französischen Revolution angelangt bin […] und daß ich »Selten hat man so eine rasante Umkehr im Verständnis
die Menschheit mit Entziehung der Menschenrechte, das des Staates erlebt. Der ehemalige Feind wurde zum unge-
Bürgertum mit Entziehung des Wahlrechts, die Juden mit liebten Partner im Kampf gegen das Böse, und von der
Entziehung des Telephons, die Journalisten mit der Aufhe- einst so verhaßten Polizei erwartete die Linke eine Hilfe im
bung der Preßfreiheit und die Psychoanalytiker mit Einfüh- Kampf gegen den Neofaschismus. Die ewig jungen
rung der Leibeigenschaft regulieren möchte.« Achtundsechziger sahen plötzlich sehr alt aus in ihren
Um das Rechts-Links-Schema im Sinne der jüdischen Mystik Cordjacken, die sie über dem Bauch nicht mehr zuknöpfen
und damit die Bewußtseinslage der damit infizierten Linken konnten.«
wenigstens andeutungsweise zu verstehen, genügt es vielleicht, Jean Baudrillard schrieb in Die göttliche Linke – Chronik der
sich klarzumachen, daß dahinter ein Schöpfungsmythos steht, Jahre 1977-1984:36
der nicht nur dem offiziellen christlichen Denken widerspricht »Die Linke kommt immer nur an die „Macht“, um die
(es gab und gibt allerdings auch eine christliche Kabbala), son- Trauerarbeit des Sozialen zu organisieren, das heißt die
dern eigentlich eine rein jüdisch-esoterische Lehre ist, in der für langsame Auflösung, Resorption, Involution und Implosion
uns Gojim kein Platz als gleichberechtigte Menschen ist. Der des Sozialen, und das nennt man dann Sozialismus.«
israelische Philosoph Jeshajahu Leibowitz jedenfalls war der So wird es wohl sein!
Meinung »daß das kabbalistische Schrifttum insgesamt heid- Ernst Bloch stellte apodiktisch fest:37
nisch ist«,26 und schon Spinoza konnte sich über den Unsinn »Zionismus mündet im Sozialismus, oder er mündet über-
kabbalistischer Schwätzer nicht genug wundern.27 haupt nicht.«
Da es im kabbalistischen Denken um eine völlig andere Ein- Auf die kürzeste Formel brachte er es mit dem Ausspruch:38
schätzung des sogenannten Bösen geht, sei einmal ausdrück- »Ubi Lenin, ibi Jerusalem«
lich gesagt: Ein Mord ist ein Mord und eine Brandstiftung ist Gershom Scholem notierte in sein Tagebuch 1919:39
eine Brandstiftung, ein Terroranschlag ist ein Terroranschlag. »Was wissen aber die Sozialisten? Ihr Wissen ist Schein
All das kann in dem hier erläuterten Sinne weder rechtens und auf nichts gegründet als auf eine unausdenkbare Fikti-
noch rechts sein. Wenn das Böse im kabbalistischen Denken on. So verführen sie das Volk.«
eine Art höhere Weihe erfährt (s.a. mein Beitrag “Realität Es hieß einmal in der FAZ:40
und Wirklichkeit“ in VffG 2/2001, S. 209-214), so ist das ein »Die Trennung von Politik und Satire ist manchmal nur
Problem der Linken. In diesem Sinne gilt der Wahlspruch: schwer möglich.«
»Right is right and left is wrong!« (Rechts ist recht und
Links ist linkisch!) Rot
Überhaupt gehen die Massenmedien höchst willkürlich um Links geht gewöhnlich mit der Farbe Rot einher – ein Blut-
mit der Verteilung der Prädikate „rechts“ und „links“. In Isra- Rot, kein imperiales Purpurrot!. Natürlich erweckt die Farbe
el z.B. gelten die Säkularen als links und die Religiösen als Rot die vielfältigsten Assoziationen, soviel wie keine andere
rechts.28 Ariel Scharon wird als »Rechtsradikaler« bezeich- Farbe. Sie ist auch die Farbe der Liebe oder ganz einfach Si-
net,29 und Mosche Zimmermann gar behauptet:30 gnalfarbe. Die Farbe Rot wird nach der jüdischen Überliefe-
»Es gibt kaum eine Linke mehr in Israel« rung als Farbe der Sünde gesehen, so heißt es in Jesaja 1, 18:
Was in Deutschland verpönt ist, gibt es in Rußland: eine »Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schnee-
„Union rechter Kräfte“. Den Vorsitz führt der Jude Boris weiß werden.«
Nemzow.31 Dürfen wir diesen Vers nicht schon im Sinne des Mottos »Er-
lösung durch Sünde« lesen, als Aufforderung zu sündigen,
Die göttliche Linke auf daß die Sünde weißgewaschen werde? Schließlich ist das
An absurdes Theater läßt die Tatsache denken, daß die Expo- Alte Testament voll derartiger Verheißungen. Gershom Scho-
nenten einer rot-grünen Regierung, die sich vor einem Vier- lem schreibt:41
teljahrhundert selbst am Rande des Terrorismus bewegten, »In der kabbalistischen Symbolik ist Rot die Farbe des
heute das machen, was sie damals bekämpft haben. Die Poli- Strengen Gerichts«
tik in Deutschland habe sich beschleunigt. Das sei wohl die Sabbatai Zwi, der falsche Messias im 17. Jahrhundert, sprach
eigentliche Veränderung seit Herbst 1998, zitiert Arnulf Ba- zu den Abgesandten der polnischen Juden:42
ring aus einem Artikel von Jan Ross.32 Etwas »Handstreich- »Warum meint ihr, bin ich in Rot gekleidet und warum ist
artiges« habe in der Politik Einzug gehalten. Mit atemberau- meine Torarolle in Rot gehüllt? Weil der Tag der Rache in
bender Geschwindigkeit entfernten sich die Parteien von ih- meinem Herzen, und das Jahr meines Erlösten gekommen
ren Ursprüngen und stellten ihr Image, ihre Ideologie und ist.«
Identität zur Disposition. Aber schon »im deutschen Herbst 1917 wählte Lenin Rot als Symbolfarbe für sein revolutionä-
1977« sei Joschka Fischer, zu der Einsicht gelangt:33 res Programm. Daher also auch das „Rote Schwert“ der
»daß wir uns selbst genau dem Bild der Väter anverwan- Tscheka, „Rote Armee“, „Rote Armee Fraktion“, „brigate
delt hatten, das wir eigentlich bekämpfen wollten. […] Wir rosse“, „Rudé Právo“ (Rotes Recht), „Rote Hilfe“ usw.! Noch
erkannten allmählich, daß diejenigen, die mit der Abkehr heute wird in der britischen Labour Party gesungen:
von der Eltern-Generation als Antifaschisten begonnen »Des Volkes Banner ist tiefstes Rot
hatten, bei den Taten und der Sprache des Nationalsozia- Oft hat es unsere Märtyrer umhüllt
lismus gelandet waren.« In seinem Schatten werden wir leben oder sterben«
Ach ja! Da haben wir einen Außenminister, der offen zugibt, und zwar kurioserweise auf die Melodie von O Tannen-
daß er »fast zehn Jahre lang auch unter Einsatz von Gewalt baum!43 Wolf Biermann dagegen sang 1973:44
die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik umstür- »So oder so, die Erde wird rot.«

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 171


Im politischen Spektrum der Bundesrepublik gibt es heute orama-Interview vom 2. September 1999 (ARD, 21h) be-
sogar die Farbe „Rot-rot“. kannte.
Auch die Weltrevolution in der Kunst setzte auf Rot. 1915 Scholem zitiert Sabbatais Nachfolger Jakob Frank, Ende des
schuf Kasimir S. Malewitsch sein Rotes Quadrat. In seinem 18. Jahrhunderts:52
Suprematistischen Alphabet wird Rot als »Gipfel der reinen »Aber ich sage euch, wessen Inneres ist wie sein Äußeres,
Spannung in Farbe und Form« gedeutet. Das satt-rote Qua- wird nicht in die Weisheit eindringen. […] Die Psychologie
drat, das dank seiner kaum merklichen Asymmetrie mit den des radikalen Sabbiatianismus ist ganz und gar „marra-
weißen Feldern des Hintergrunds dynamisch verbunden ist, nisch“«
stellt für Malewitsch den maximalen Ausdruck des überper- Marranen (spanisch: marrános) nannte man die während der
sönlichen Wesens der Kunst dar.45 Judenverfolgungen des 14. und 15. Jahrhunderts in Spanien
Auch Mark Rothko, »der beste Maler der „theologischen“ getauften, aber insgeheim ihrer Religion treu gebliebenen Ju-
Richtung der New Yorker Schule« war auf Rot fixiert:46 den, aber auch Mauren. Sabbatianismus wäre also eher die
»Er war Jude, russischer Jude, und war felsenfest von ei- ashkenasische Form. Da ist die Schlußfolgerung wohl nicht
ner geistigen Wirkung seiner Bilder überzeugt, die weit abwegig, in unseren Linken samt ihren verschiedenen Deriva-
über Augenweide und Lust hinausging und die Last religiö- ten ein marranisches Element zu sehen, gleichgültig, ob der
ser Bedeutungen tragen konnte – in seinem Falle die des einzelne davon eine Ahnung hat oder nicht. Nichtjüdische
Alten Testamentes.« Linke könnten wir Pseudo-Marranen nennen; sie spielen eine
Wenige Jahre vor seinem Freitod im Jahre 1970 schuf er ei- eher tragikomische Rolle, indem sie glauben, bei dem tödli-
nen Bilderzyklus für eine nichtkonfessionelle Kapelle in Hou- chen Allotria, wie es Frau Landmann einmal genannt hat,
ston, Texas. Robert Hughes, der Interpret der Moderne, mitmachen zu müssen, in dem sie doch selbst früher oder spä-
meint:46 ter untergehen müssen.
»Die Rothko-Kapelle ist wirklich das letzte Schweigen den Im Zusammenhang mit der »bakunistischen Erbschaft der eu-
Romantik. […] Die Kunst soll in pessimistischer Verinner- ropäischen Intelligenz«, zu der »die Freude an der Zerstö-
lichung an die Stelle der Welt treten.« rung gehört«, wird Scholem zitiert:53
Die Prägefarbe Rot für die Generation der 68er war für Uwe »Daß der Erlösung nicht nur eine befreiende, sondern
Timm Vorwurf für einen Roman mit dem lapidaren Titel auch eine zerstörende Gewalt innewohnt, ist eine Wahrheit,
Rot.47 »[…] nur sattsam bekannte, intellektuell ausgeleierte der nur allzu viele Theologen des Judentums sich sehr un-
Typen der Argumentation und der Lebensstile« findet darin gern eröffnen und der auszuweichen eine ganze Literatur
der Rezensent Eberhard Rathgeb.48 sich plagt.«
Bedenkt man die Tatsache, daß „linke“ Zeitschriften häufig Wenn das in der FAZ steht, dürfte es sich wohl kaum um eine
Titel wie „Aufbruch“, „Vorwärts“ oder „Zukunft“ tragen und dieser abscheulichen Verschwörungstheorien handeln. Zitie-
deren Protagonisten dem sog. Bösen oft viel Toleranz ent- ren wir deshalb weiter Scholem:54
gegenbringen, so scheint dies – bewußt oder unbewußt – auf »Für die Kabbalisten war es nicht die Aufgabe Israels, den
kabbalistischen Wurzeln zu beruhen. Diese Umkehrung der Völkern ein Licht zu sein, sondern, ganz im Gegenteil, aus
Symbolik seit den späten 60er Jahren ist nicht zu unterschät- ihnen die letzten Funken der Heiligkeit und des Lebens
zen. Das gleiche gilt für die Vernachlässigung des Äußeren, herauszulösen. [Ist das nicht eine treffende Zustandsbe-
in dem, was man „Alltagsästhetik“ nennt, von der Kleidung schreibung unserer heutigen Welt?] So hat der Prozeß des
bis zum Straßenbild, in der Werbung, ja der Architektur. „Tikkun“ [d.h. Erlösung, Weltverbesserung], wenngleich
Auch dies können wir sabbatianischem Gedankengut zuord- seinem Wesen nach konstruktiv, auch destruktive Seiten
nen, ebenso wie alles Verquere, „Verrückte“, Widernatürli- durch jene Macht, die den „Kelipoth“[55] und den Nichtju-
che, dem „gesunden Menschenverstand“ Widersprechende.49 den als ihren historischen Repräsentanten zukommt.«
Der Begriff „gesunder Menschenverstand“ wurde ja mit den Das sind wir!
68ern geradezu zu einem Unwort. Hören wir dazu Adorno:50 Das Leitwort für den ersten Ökumenischen Kirchentag in
»Wer in der Kritik des common sense so weit geht wie ich, Berlin im Jahre 2003 lautet:
muß die einfache Forderung erfüllen, daß er common sense »Ihr sollt ein Segen sein!«
hat.« Das ist die leichte Abwandlung jener Verheißung, die im
Andere müssen sich, nachdem sie die längste Zeit alles „an- Buch Genesis 12,2 dem Erzvater Abraham gegeben wurde.
ders“ gemacht haben, die natürlichsten Dinge neu erwerben, Die heutige alttestamentliche Exegese datiert den Text aller-
bis sie dann dieselbe Ausgangslage erreicht haben. dings ca. in das 5. Jahrhundert v. Chr.56 Die Archäologen da-
Der Philosoph Odo Marquard schreibt:51 gegen meinen, es hätte den Erzvater überhaupt nicht gege-
»Als der Bruch mit dem Etablierten durch Kleidungssitten ben.57 Aus dieser angeblichen Verheißung also wurde die
demonstriert werden sollte, verfiel man nicht zufällig auf Vorstellung abgeleitet, daß die Juden den Völkern ein Licht
den Savage-look: Was da – zottig und bärtig – unter uns sein würden. Wenn Dr. Ludger Schwienhorst-Schönberger,
weilte und weilt, repräsentiert (auf der Spitze der Moderni- Professor für Alttestamentliche Exegese an der Universität
tät) den bon sauvage; […] da trotten nicht ungepflegte Passau, schreibt:56
Menschen, sondern gepflegte Zitate: Rousseau-Zitate.« »Gott erwählt eine Person, ein Volk, um durch sie gewis-
Während die Erfolgreichen der 68er in maßgeschneiderten, sermaßen ein Modell gelungener Existenz in der Welt zu
dreiteiligen Nadelstreifenanzügen als global players um die verwirklichen, in dem er selber wirkt.«
Welt kurven, haben manche ihrer Nachfahren die hochkom- dann müßte es da wohl in Nahost etwas anders zugehen!
pliziert-verfilzte Rastafarizöpfchenfrisur entdeckt. Fühlt man Wer all das hier Vorgetragene für obsolete Relikte längst ver-
sich im Straßenbild unserer Großstädte nicht tatsächlich wie- gangener Zeiten hält, der kann sich von Israel Shamir, einem
der an 1968 erinnert? Einer der seinen 68er-Look noch liebe- aus Novosibirsk stammenden Israeli eines besseren belehren
voll konserviert hat, ist Rainer Langhans; dafür hat er inzwi- lassen. Er erinnert an die weitgehend schon vergessene Ge-
schen Hitler als Schriftsteller entdeckt, wie er in einem Pan- schichte vom »Eckstein des Dritten Tempels Salomons«:58

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»Einige mystisch veranlagte Juden glauben, diese Hand- gerechter Vater im Himmel in Wirklichkeit krudestes Un-
lung mache die jüdische Dominanz der Welt absolut und recht nicht nur zuließ, sondern mitunter selber mit verur-
irreversibel. […] Die Vernichtung von Edom, einem sachte (siehe den Fall Hiob!), so daß seinen treuen Adep-
traditionellen Schlüsselwort für europäische und ten nur die Wahl blieb, ihm den Bund und Gehorsam auf-
amerikanische Nichtjuden, erscheint den fieberhaften zusagen oder sich in die Vorstellung eines gerechten
Kabbala-Anhängern als eine plausible Option.« Ausgleichs im Jenseits und in einer endzeitlichen Erlö-
Die Geschichte wurde spätestens mit Scharons Besuch auf sungsphase zu flüchten, an der auch alle auferstandenen
dem Tempelberg und der symbolischen Grundsteinlegung des Toten teilhaben würden. Nun: Daß die Juden aus ihrer
Dritten Tempels aktuell. eigenen politischen und seelischen Not heraus diesen
Wenn nun das deutsche Volk und die deutsche Geschichte Ausweg fanden, kann man allenfalls verstehen. Die Alter-
wider jede bessere Einsicht in geradezu ritueller Weise ver- native wäre der Untergang und die Selbstauflösung ge-
leumdet werden, so ließe sich das mit dem hier kurz vorge- wesen. Daß aber auch die Atheisten unter ihnen bis auf
stellten kabbalistischen Denken erklären, in dem wir nur eine den heutigen Tag immer wieder neue eschatologische
Rolle als »Kelipoth«, als Vertreter des angeblich Bösen spie- Träume gebären, diesen Phantastereien selber aufsitzen
len, obwohl es doch in Wahrheit umgekehrt ist. und sie mit verblüffendem Erfolg an die nichtjüdische
Professor Konrad Löw wies bereits vor zehn Jahren auf die Umwelt weitergeben, ist eines der vielen unauflösbaren
erschütternde Fortschreibung kollektiver Feindbilder in Israel Rätsel rund um das jüdische Volk.[64] Jedenfalls läßt sich
hin und sah darin einen atavistischen Rückfall:59 nicht bestreiten, daß es ursprünglich die Juden waren,
»Jeder Deutsche hat […] das Recht, sich gegen die Attak- die solche Konzepte in das abendländische Denken ein-
ken einer archaischen Stammesmoral zur Wehr zu setzen.« brachten. Man nehme nur einmal Karl Marx, den deut-
Das „Jahr der Vergebung“ ist längst verstrichen, und alles ist schen Juden und christlich getauften Enkel eines ostgali-
nur schlimmer geworden. Es gilt daher, die „Logik“ des Geg- zischen Rabbiners: Er wächst in Trier ohne eine Ahnung
ners zu erkennen, gerade weil sie mit der unseren nicht ver- von altem jüdischem Schrifttum auf, manifestiert den bei
einbar ist. Es geht vor allem um das Wissenwollen, um das bedrängten Minderheiten – und also nicht nur bei Juden
Erkennen des Problems. Denken wir auch daran, wie es Ernst – häufigen rabiaten Selbsthaß durch einen Traktat, in
Zündel in Toronto erging. Jahrzehntelang kämpfte er vor Ge- welchem er ausgerechnet dem Volk, das die Bibel, dieses
richt um die Anerkennung der Wahrheit, um sich letztlich wohl großartigste dichterische und religiöse Dokument
vom Menschenrechtstribunal am 25. Mai 1998 bestätigen zu der Menschheit, hervorbrachte, einzig Fähigkeit zu Wu-
lassen:60 cher und Schacher unterstellt, bekennt sich selber zum
»Die Wahrheit ist kein Verteidigungsgrund. Auch gute In- beduinischen Nomadenkommunismus der Urhebräer, oh-
tentionen sind keine Ausrede.« ne ihn zu kennen und als solchen zu erkennen, legt auf
Gibt es eine subtilere Anerkennung Zündels bei gleichzeitiger dieser Basis in dicken, unlesbaren Büchern das dümmste
Ablehnung?! ökonomische Konzept der Welt fest, das den natürlichen
In seinem berühmten Roman 1984 gab George Orwell eine Egoismus des Menschen mißachtet und folglich a priori
treffende Funktionsbeschreibung für das, was man heute „po- scheitern und nichts als Elend und Terror gebären muß –
litical correctness“ nennt. Er nannte es crimestop, auf Deutsch und „verkauft“ dieses auf den ersten Blick als katastro-
Delstop oder Deliktstop:61 phal erkennbare Programm einem Gutteil der gesamten
»Delstop bezeichnet die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf Welt als Heilsrezept. […] Wie kommen Nichtjuden, die im
der Schwelle jedes riskanten Gedankens haltzumachen. Es Gegensatz zu den Juden keinerlei Anlaß haben, sich in
schließt die Gabe mit ein, Analogien nicht zu begreifen, lo- solche unsinnigen Fieberträume aus permanenter Angst
gische Fehler zu übersehen, die simpelsten Argumente miß- vor immer neuen Katastrophen zu retten, dazu, solches
zuverstehen […] und von jedem Gedankengang, der in eine tödliches Allotria mitzumachen? Rätsel über Rätsel!«
ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abge- In jenem »wohl großartigsten dichterischen und religiösen
stoßen zu werden. Kurz gesagt, Delstop bedeutet schützen- Dokument der Menschheit« heißt es schließlich:
de Dummheit.« »Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott,
Joseph G. Burg schrieb einmal in einem Offenen Brief an den dir geben wird. Du sollst ihrer nicht schonen; denn das
inzwischen ebenfalls verstorbenen Landesrabbiner Hans I. würde dir ein Strick sein.« Deuteronomium 7,16.
Grünewald (1977, S. 7/8):62 Das Deuteronomium ist bekanntlich das 5. Buch Mose im Al-
»Die gezielte Verdummungspädagogik macht sogar den ten Testament, der Thora. Die Thora wird von religiösen Ju-
Gebildetsten, der in spezifisch jüdisch-zionistischen Dingen den als Verfassung des Staates Israel angesehen.
nicht zu Hause ist, zum politischen Analphabeten.« Zum biblischen Auftrag der Juden schreibt Prof. Yehuda T.
Primär ist daher nicht das Lügengebäude der political cor- Radday:65
rectness an sich zu bekämpfen, sondern es ist ein atavistischer »Überraschend ist der immer wiederkehrende Gedanke,
Angriff auf die Völker der Welt abzuwehren. Gott möge doch die Verfehlungen der Juden um seiner
Ebenfalls vor gut zehn Jahren schon hatte Frau Salcia Land- selbst willen vergeben. Er mag daher rühren, daß sie sich
mann gewarnt:63 laut Torá als mit der Durchführung und Verbreitung der
»Richtig ist auch, daß der messianische Glaube an eine göttlichen Vorschriften betraut verstanden und dies für
leid- und unrechtfreie „neue Erde“, der heute in säkula- immer feierlich zu tun schworen: „Würden wir bestraft
risierten Varianten den ganzen Erdball umspukt und werden, wie wir es vielleicht verdienen, stünde es mit der
möglicherweise der abendländischen Welt schon bald den Verwirklichung deiner Absichten auf Erden schlimm.“«
Garaus machen wird, rein jüdischer Herkunft ist. Er Alphons Silbermann dagegen meinte:66
brach zum ersten Mal im 9. vorchristlichen Jahrhundert »Das auserwählte Volk ist nicht gut, weil es auserwählt ist;
bei etlichen Bibelpropheten herauf, nachdem die Hebräer es ist auserwählt, weil es gut ist.«
erkannt hatten, daß ihr angeblich gütiger, gnädiger und Er wußte aber auch:67

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»Überhaupt sollte nie übersehen werden, daß die von den 120.
27
Juden erfahrenen Leiden, ob physischer, existentieller oder Sämtliche Werke, hrsg. von Carl Gebhardt/Günter Gawlick; Felix Mei-
ner, Hamburg 1994, S. 164.
geistiger Art, oft einem Eigenverschulden entsprangen.« 28
Nach Jörg Bremer, »Exil und Heimat« in: FAZ vom 29. August 2000, S.
Von Walther Rathenau haben wir die Erkenntnis:68 52.
29
„Das Seelenphänomen des jüdischen Volkes ist der religiö- So vom ehemaligen Spiegel-Redakteur Dieter Wild: »Der Graben, der
se Wahnsinn.« zum Abgrund wurde« in: Süddeutsche Zeitung vom 4. April 2001, S. 19;
in Belgien ist eine Untersuchung gegen den damaligen Verteidigungsmi-
© 28. 11. 2001
nister Scharon wegen seiner Beteiligung an dem Massaker von Sabra und
Schatila im September 1982 in Gang gebracht worden, vgl. Wolfgang
Auszug aus dem in Vorbereitung befindlichen Werk Tödli- Köhler, »Scharon und das Massaker« in: FAZ vom 7. Juli 2001, S. 12.
30
ches Allotria Nach Dieter Wild, ebenda.
31
Markus Wehner, »In der Sowjetunion haben Symbole immer mehr ge-
zählt als Menschenleben« in: FAZ vom 9. Dezember 2000, S. 3.
ANMERKUNG DER REDAKTION 32
Im Merkur 11/2000; »Blitzsiege und Frontwechsel über Nacht« in: FAZ
Lieber Ernst: Unsere Unterlagen zum Allotria sind in der Tat vom 13. Dezember 2000, S. 10.
33
unvollständig. Der Text ist gepfeffert mit „Ergänzung folgt“- »Fischer: Ich habe eine wichtige Rolle gespielt« in: FAZ vom 8. Januar
Bemerkungen, ohne daß solche Ergänzungen uns erreicht hät- 2001, S. 4).
34
In einem Spiegel-Interview im Jahre 1998, nach FAZ vom 15. Januar
ten. Auch ist uns im Laufe diverser Umzüge u.a. der Schrift- 2001, S. 13.
verkehr mit Sir Karl abhanden gekommen, so daß uns der 35
Der Antifa-Komplex – Das korrekte Weltbild. Universitas, München
wohlgemeinte Hinweis leider nicht half. Das Buch ist im we- 1999, S. 74.
36
sentlichen gesetzt, wir warten aber auf die fehlenden Ergän- Matthes & Seitz, München 1986, S. 23f.
37
Das Prinzip Hoffnung: Suhrkamp 1959, S. 713.
zungen. Die Zusendung einer Kopie der aktuellsten, komplet- 38
Ebenda, S. 711.
ten Fassung wäre am hilfreichsten. Danke. GR. 39
Nach Friedrich Niewöhner, »Gauner als Gottes Volk« in: FAZ vom 26.
Januar 2000, S. N 5.
40
Anmerkungen 12. November 1997.
41
Sabbatai Zwi – Der mystische Messias; 1. Aufl., Jüdischer Vlg., Frank-
1
»Links – eine Denkfalle« in: MUT, November 2000, S. 21. furt a. M. 1992, S. 701.
2 42
Thomas Meier, »Der Kinderschänder« in Zeit-Fragen, Zürich, vom 23. Ebenda, S. 705.
43
Februar 2001. Bernhard Heimrich, »Noch nicht Labours Godesberg« in: FAZ vom 4.
3
AFP, zitiert in: FAZ vom 23. Oktober 2001, S. 9. Mai 1995, S. 1.
4 44
aus „Zitate wider den Zeitgeist“, Internet. Für meine Genossen – Hetzlieder, Balladen, Gedichte, Wagenbach, Ber-
5
Nach Etappe, Heft 14/März 1999, S. 167. lin 1973, S. 91, s.a. FAZ vom 3. Juni 1995.
6 45
In Beantwortung eines Essays von Armin Mohler; nach Mohler, Libera- Rot in der Russischen Kunst, hrsg. von Ingried Brugger u.a.; Skira, Mai-
lenbeschimpfung, Heitz & Höffkes, Essen 1990, S. 131. land & Kunstforum, Wien 1998, S. 154.
7 46
In einer Besprechung von Rolf-Josef Eibichts Buch Deutschlands Rechte Robert Hughes, Der Schock der Moderne – Kunst im Jahrhundert des
in: VffG 2/1999, S. 225. Umbruchs, Econ, Düsseldorf und Wien 1981, S. 320-323.
8 47
Against Silence, Bd. I, S. 153, und And the Sea, S. 133, nach Norman Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001.
48
Finkelstein: Die Holocaust-Industrie, S. 55. »Die Gans in der Revolte« in: FAZ, Oktober 2001.
9 49
Tikkun, vol. 11, no. 1. Scholem, Erlösung durch Sünde, Judaica 5; Suhrkamp, Frankfurt a. M.
10
Gershom Scholem: Judaica, Bd. 6, S. 22f. und 96, sowie Encyclopaedia 1992, S. 44/ 60.
50
Judaica, Jerusalem, Bd. 10: Kabbalah, Spalte 585. Zitiert in Reijen / Schmid: Vierzig Jahre Flaschenpost – „Dialektik der
11
Psalm 74,11; s. Peter Schäfer: »Die Philologie der Kabbala ist nur eine Aufklärung“ 1947-1987; Fischer, Frankfurt a. M. 1987, S. 11.
51
Projektion auf eine Fläche: Gershom Scholem über die wahren Absich- Abschied vom Prinzipiellen, Reclam, Stuttgart 1981, S. 105.
52
ten seines Kabbalastudiums« in: Jewish Studies Quarterly, vol. 5, 1998, AaO. (Anm. 41), S. 60.
53
S. 1-25, S. 8, Fußnote 28. In der FAZ vom 17. Dezember 1997, S. N 5.
12 54
Ebenda, S. 4. Sabbatai Zwi, aaO. (Anm. 41), S. 66f.
13 55
Kabbala, Poesie und Kritik, Stroemfeld, Basel 1988 S. 43. Kelipoth oder Kelippot bezeichnet in der kabbalistischen Mystik das Bö-
14
Nach Noam Chomsky, zitiert in Sokal & Bricmont, Eleganter Unsinn – se als Rudiment der zerstörten Urwelten. Diese Kräfte bilden den „äuße-
Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen, C. ren Baum“ oder die „Schalen“ am Weltenbaum. Aus diesem kosmisch
H. Beck, 1999, S. 330. Bösen stammt auch die ihm von Gott verliehene Möglichkeit der morali-
15
»Mit links gegen rechts?«, in: FAZ vom 26. Oktober 2000, S. 10. schen Verderbnis des Menschen, das Böse als „Versuchung“; vgl. Ency-
16
Der Kommunismus ist nicht tot, Internet. clopaedia Judaica.
17 56
Berakhoth IX, i-v, Fol. 61a. Als Kritiker des Judentums muß man ja Ludger Schwienhorst-Schönberger, »Ist das ein gutes Leitwort?« in:
nicht alles ablehnen, was in diesen beiden Werken steht; es sind sicher Frankfurter Sonntagszeitung vom 4. November 2001, S. 29.
57
auch einige „Perlen“ darin enthalten. Vgl. VffG 2/2000, S. 206.
18 58
Vgl. Günter Maschke, »Die eigentliche Krankheit des Westens: Wirk- »Cornerstone of Violence«; Internet
lichkeitsverlust – Raymond Aron: Plädoyer für das dekadente Europa«, www.israelshamir.net/cornerstone.htm:
in: FAZ vom 12. April 1979, S. 7. »Some mystically inclined Jews believe this act will make Jewish domi-
19
»È mancino, dunque è buono«, in: La Repubblica vom 10. Februar nation of the world total and irreversible. […] The extermination of
1983, nach Adriano Sofri, Der Knoten & der Nagel – Ein Buch zur lin- Edom, a traditional code word for European and American Gentiles,
ken Hand, Eichborn, Frankfurt a.M. 1998, S. 214. appears as a plausible option in the feverish minds of Cabbala follo-
20
Richter 3, 15 und 20, 16; Richard M. Goodman, Genetic disorders wers.«
59
among the Jewish people, John Hopkins Univ. Press, Baltimore/London Im heiligen Jahr der Vergebung – Wider Tabu und Verteufelung der Ju-
1979, S. 61f., 393. den, A. Fromm, Osnabrück 1991, S. 126.
21 60
Links und Rechts in Wissenschaft und Leben, Kohlhammer, Stuttgart Germania, Rundbrief Nr. 231 vom 1. Juli 1998, S. 1.
61
1964, S. 46. 1984, Ullstein, Frankfurt a. M. 1984, S. 212f.
22 62
Der Knoten und der Nagel, aaO. (Anm. 20), S. 285 Offener Brief an den Bayerischen Landesrabbiner H.I. Grünewald, Ede-
23
Styria, Graz u.a. 1980. rer, München 1977, S. 7f.
24 63
Ebenda, S. 8; s.a. Alain de Benoist, Aus rechter Sicht, Grabert, Tübingen Staatsbriefe 3/1990, S. 33.
64
1983. S.a. »Religionslose Juden« in VffG 2/2001, S. 212.
25 65
»Sehnsucht nach aristokratischem Umgang« in: Die Fackel, Nr. 400- Yehuda T. Radday, Auf den Spuren der Parascha, Heft 7, S. 54.
66
403, S. 92; zitiert von Martin Stingelin in Günter Meuter und Henrique Was ist jüdischer Geist?, Interfrom, Zürich 1984, S. 17.
67
Ricardo Otten (Hg.), Der Aufstand gegen den Bürger – Antibürgerliches Ebenda, S. 114f. War Silbermann etwa Antisemit?
68
Denken im 20. Jahrhundert; Königshausen & Neumann, Würzburg Reflexionen, Hirzel, Leipzig 1908, S. 238.
1999, S. 74.
26
Gespräche über Gott und die Welt, Dvorah, Frankfurt am Main 1990, S.

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Totalitarismus in der Springer-Presse
Das Ende eines unabhängigen und selbstbestimmten Journalismus in Deutschland
Von Karl-Peter Schlor
Wer es bis jetzt immer noch nicht wahr nahm, weil er die bis- betrug nur einen Dollar. Auf dem Anstecker steht in engli-
herigen Statuten des Springer-Verlages, die für jeden der dort scher Sprache:
Beschäftigten gilt, nicht kannte, sollte ab dem schrecklichen »I am surrounded by idiots.«
Terroranschlag in den USA vom 11. September 2001 aufhor- Fragen Sie also gelegentlich nach, ob ich mich noch in Frei-
chen: Wer sich als Journalist bei einer der vielen Druckschrif- heit und Unversehrtheit in diesem allerersten freiheitlichen
ten des Springer-Verlages verdingt, gibt seine selbstbestimm- Rechtsstaat auf deutschem Boden befinde!
te Unabhängigkeit und Meinungsfreiheit mit der Unterschrift Ernsthaft kann ich natürlich mit der amerikanischen Autorin
unter den Arbeitsvertrag in die Hände des Mehrheits-Mei- Susan Sontag erklären, warum ich diesen Anstecker trage,
nungsbildners ab! schrieb diese doch in ihrer aufsehenerregenden Betrachtung
Bisher galt ja schon für jeden Springer-Journalisten die Ver- des Politik- und Medienechos der Terroranschläge seit dem
pflichtung, »die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen 11.9. am 15. 9. in der FAZ wörtlich von »Volksverdummung«
herbeizuführen«, was offenbar macht, daß Dr. Michel Fried- über die Kommentare der eigenen amerikanischen Politiker
man keinen Arbeitsvertrag bei Springer unterschreiben könnte und Journalisten, ein Terminus, wie er mir seit Jahrzehnten
oder dürfte. Als Zusatz kommt noch hinzu, daß die Springer- über ähnliche Verhaltensweisen deutscher Zeitgenossen auf
belegschaft bisher auch schon die Lebensrechte des israeli- den Lippen liegt! Frau Sontag beklagte sich auch darüber, daß
schen Volkes zu unterstützen hatte, vom 1948 vertriebenen es völlig demokratiefeindlich sei, nur Einheitsmeinungen zu
palästinensischen Volk steht und stand in den Springerstatu- veröffentlichen, daß es einer Demokratie unwürdig sei, solche
ten dagegen nichts. Nun kommt als Punkt 3 der Satz: Die Un- Uniformität zu publizieren!
terstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidari- Recht hat sie, Frau Sontag, hätte nur Innenmimister Schily ihr
tät in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinig- Essay gelesen und beachtet oder vielleicht auch der Herr Rü-
ten Staaten von Amerika! he; beide haben nämlich auf unglaubliche Weise gegen den
Wie kommt die Leitung des Verlagshauses dazu, solche For- armen Peter Scholl-Latour bei der (privat) verlassenen Chri-
derungen als »Unternehmensgrundsätze« als »verpflichtend stiansen in deren Geschwätzrunde am späten Sonntagabend
für jeden Mitarbeiter«, also sogar für Kraftfahrer, Portier und des 16. September agitiert! Was dieser in Frageform an die
Datentypistin aufzunehmen? Sehen Vorstand und Aufsichtsrat Runde weiterreichte, sollte für jedes Politikseminar gelten!
bei den eigenen Untergebenen keine Bereitschaft, sich solcher Da wagte es Scholl-Latour doch, den Kanzler an seine Inter-
Haltungen zu befleißigen, müssen solche abstrusen Postulate essenwahrnehmung für das deutsche Volk zu erinnern, erin-
deshalb per Ordre de Mufti von oben bestimmt werden? Den nerte daran, daß wer mitzahle und militärisch mitmache, auch
Verfassern der fünf neuen »Grundsätze« fällt offenbar nicht ein Recht auf Mitsprache haben müsse!
auf, daß sie mit Punkt 4 nach dem neu verordneten »Solidari- Da hätten Sie Schily sehen müssen, wie dieser Scholl-Latours
tätsgebot« mit den USA ein Eigentor schießen, denn im fol- Fragen zornesbebend zurückwies, da hätten Sie sehen müs-
genden Punkt müssen die Mitarbeiter, »jegliche Art von poli- sen, wie bei Repliken Rühes an Scholl-Latour Herr Rühe un-
tischem Totalitarismus ablehnen«, so als ob die »Unterneh- terwürfig seinen Nachbar Blumenthal fragenden Blickes um
mensgrundsätze« des Springer-Verlages nichts anderes als die Zustimmung bat, letzteres ein devotes Verhalten, das man
totale Negation des kritischen Journalismus in Deutschland hier nicht mehr kommentieren muß. (Prof. Michael Blumen-
bedeuten! thal, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, war als ein-
Wo gibt es noch ein Land auf dieser Welt, in der ein nationa- ziger amerikanischer Vertreter in der Gesprächsrunde.)
ler Presse- bzw. Medienkonzern eine solche totalitäre, antina- Scholl-Latour jedenfalls wirkte am Ende der Sendung der
tionale Haltung per »Unternehmensgrundsatz« formuliert, ARD etwas bedröppelt, zumal auch die Zuschauer – selek-
wie es dieser „deutsche“ Springerkonzern an den Tag legt! tiert? – ihm auffällig wenig, den anderen dafür um so mehr
Wo gibt es noch ein Land auf dieser Welt, in der Medien und Beifall zollten. Er soll auch noch in dieser Woche der als
Politik sich gegenüber ihrer eigenen Geschichte so permanent „rechtsextrem“ diffamierten und ausgegrenzten Wochenzei-
selbstbespeiend verhalten wie in Deutschland? tung Junge Freiheit ein Interview gegeben haben, was ihn
Ich glaube, daß es an der Zeit ist, Flagge zu zeigen – wie man weiter bei den Einheitsmedien isolieren dürfte. Schon hört
anderswo zu sagen pflegt – und den politisch-geistig behin- man kolportiert, daß Scholl-Latour zum Islam konvertiert sei,
derten Mitmenschen deutlich zu machen, was von ihnen zu eine versuchte Rufschädigung, um ihn weiter auszugrenzen.
halten ist! Seit anläßlich eines Referates über das Thema »Die Es ist wahrscheinlich, daß er wie Professor Hans-Herbert von
zweite Vertreibung der Ostdeutschen« der Vortragende am Arnim – »wir haben keine Demokratie« – bald nicht mehr auf
14.9.2001 in Stuttgart die Anwesenden darum bat, sich für ei- dem Bildschirm erscheint. Die Verleihung einer Hono-
ne Schweigeminute für die von Bomben getöteten Flüchtlinge rar-Professur an der Ruhr-Universität Bochum vor zwei Jah-
aus den Ostgebieten zu erheben, ein Einzelner unter patrio- ren an Scholl-Latour wird man in einschlägigen Politikkreisen
tisch Gesinnten aber protestierend die Zusammenkunft ver- sicher schon bereut haben.
ließ, weil er dies »als unsäglich« empfand, trage ich einen In Deutschland betreiben die Kumpane aus Politik und Medi-
Anstecker am Revers. Ich habe ihn, so erinnere ich, Anfang en also nicht nur Volksverdummung wie in den USA, sondern
September – war es zufällig der Elfte? – 1991 in Manhattan auch noch die Ausgrenzung der unabhängigen Experten, die
auf der Straße bei einem Flohmarktstand gekauft; der Preis noch ein bißchen Schutz für das Volk bedeuten, völlig ver-

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 175


dummbeutelt zu werden. Wohlan, das „Freiheits-Mahl“ ist Amerikanisierung der (Welt)-Wirtschaft. Diesem Freund und
angerichtet, kommt her ihr Demokraten, ihr Volksherrscher, Partner hat eben unser Außenminister im Namen des Bundes-
gebt an der Garderobe eure „Willensbildung“ ab und emp- kanzlers »uneingeschränkte finanzielle und militärische Hil-
fangt dafür viele Fernsehprogramme, bei deren Betrachtung fe« zugesagt, eine Blankovollmacht, wie es sie noch nie in der
ihr immer dieselbe Meinung hören könnt, bis zum Einschla- Geschichte gab, sozusagen eine „singuläre“ Vollmacht!
fen, ihr deutschen Michel! Und das einem Freund und Verbündeten, der noch vor weni-
In diesem Zusammenhang – Begriff Volksverdummung – lei- ger als einem Jahr während der Zwangsarbeiterverhandlungen
stete am 22.9. ein Kommentar in der FAZ wieder mal ver- durch seinen Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat bei dem
steckte „Aufklärung“: Klaus-Dieter Frankenberger, ein Jour- deutschen Partner Graf Lambsdorff die Frage nach Repara-
nalist mit großer amerikanischer Politikerfahrung, vertritt ge- tionen aufwarf, obwohl doch die Vereinigten Staaten nach
gen Susan Sontags Meinung, die geschrieben hatte, die Atten- dem Kriege deutsche Patente und deutschen Firmenbesitz in
tate »seien Folge der amerikanischen Politik in der Welt«, die den USA im Wert von 400 oder vielleicht gar 500 Milliarden
Ansicht, daß die amerikanische Nahost-Politik nicht die Ur- DM konfisziert hatten.
sache für den islamischen Terror sei. Um seine These besser Wahrlich, wer einen solchen Freund hat, braucht keinen Feind
zu untermauern, muß er sich allerdings eine Blöße geben, die mehr, er ist geschlagen bis ans Ende seiner Tage – und der
der deutsche Michel aber kaum lesen wird. Frankenberger ge- deutsche Wähler hat die Politiker, die er verdient!
steht nämlich ein, was „Globalisierung“ wirklich bedeutet: die

Gutachten im Asylverfahren von Germar Rudolf


Dr. jur. Dipl.-sc.pol. Günther Herzogenrath-Amelung

Bei den folgenden beiden Beiträgen von Dr. Herzogenrath-Amelung und Dr. Nordbruch handelt es sich um Gut-
achten, die im Asylverfahren von Germar Rudolf bei den Einwanderungsbehörden in den Vereinigten Staaten von
Amerika eingereicht wurden. Ausgelöst wurde dieses Asylverfahren durch die Strafverfolgung, der Germar Rudolf
in Deutschland als Folge der Veröffentlichung seines Gerichtsgutachtens über Auschwitz sowie eines von ihm her-
ausgegebenen Sammelwerkes über den Holocaust, Grundlagen zur Zeitgeschichte, ausgesetz war. Beide Werke
sind über den Verlag Castle Hill Publishers erhältlich. Zur näheren Vorgeschichte des Asylfalles G. Rudolf lese
man die Beiträge zur »Jagd auf Germar Rudolf« in den vorhergehenden Ausgaben dieser Zeitschrift. Beide zur
Verteidigung Rudolfs in den USA aufgetretenen Gutachter wurden von verschiedenen bundesdeutschen Persön-
lichkeiten als die Experten in Sachen Zensur und menschenrechtswidrige Verfolgung politischer bzw. historischer
Dissidenten empfohlen und erklärten sich während ihres Aufenthaltes zum Abdruck ihrer Gutachten in den Viertel-
jahreshefte für freie Geschichtsforschung bereit. Bei diesen zwei Beiträgen handelt es sich um die teuersten Bei-
träge, die jemals in den Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung abgedruckt wurden und werden, denn
beide Autoren berechneten dem politischen Flüchtling Germar Rudolf je etwa ¼ 10,000.- für ihre Gutachten.

A. Zum polizeilichen Staatsschutz in der Bundesrepublik Hinzuweisen ist darauf, daß die Polizei in Deutschland grund-
Deutschland sätzlich Ländersache ist. Für das Land Niedersachsen lassen
Was ist unter dem Begriff »Staatsschutz« zu verstehen? Das sich Erkenntnisse gewinnen aus einem Fachaufsatz, den ein
führende polizeiliche Nachschlagewerk definiert wie folgt: dortiger leitender Mitarbeiter des polizeilichen Staatsschutzes
»Staatsschutz, im weiten Sinne Gesamtheit der sich aus unlängst veröffentlicht hat. Es heißt hierin u.a.:
dem Verfassungsauftrag der wehrhaften Demokratie erge- »Für den Bereich des Polizeilichen Staatsschutzes gelten
benden verfassungs-, straf- und verwaltungsrechtlichen zum Teil bundesweit abgestimmte Regeln des Informati-
Möglichkeiten zum Schutz der freiheitlichen demokrati- onsaustausches und der Zusammenarbeit, um die überre-
schen Grundordnung vor Bestrebungen gegen diese gional agierenden Täter wirksam bekämpfen zu können.«
Grundordnung. […] Im engeren Sinne ist der Staatsschutz Es ist die Rede von »offener und verdeckter Informations-
abzugrenzen vom Verfassungsschutz des Bundes und der gewinnung und -verarbeitung im Polizeilichen Staatsschutz«.
Länder gem. Art. 73 Nr. 10 lit. b und c GG. Der Verfas- An anderer Stelle heißt es hierzu:
sungsschutz hat über Bestrebungen gegen die freiheitliche »Es werden Erkenntnisse des LKA (Landeskriminalamtes,
demokratische Grundordnung Informationen zu sammeln d.U.), BKA (Bundeskriminalamtes, d.U.), LfV (Landesam-
und auszuwerten. Der Staatsschutz im engeren Sinne ist tes für Verfassungsschutz, d.U.), BfV (Bundesamtes für
der Einsatz exekutiver insbesondere polizeilicher und justi- Verfassungsschutz, d.U.) für die Staatsschutzlage ausge-
zieller Mittel zum Schutz des Staates und der Verfassung wertet«.
aufgrund der Analyse dieser Erkenntnisse.« Als andere Erkenntnisquellen werden genannt »VP« ( = Ver-
(aus: Rupprecht, Reinhard, Hg.: Polizei-Lexikon, 2. – aktuelle trauenspersonen) sowie »Inanspruchnahme von Informanten«
– Auflage Heidelberg 1995, Stichwort »Staatsschutz«, S. 494) (Goßmann, Ralf-Günter, »Polizeilicher Staatsschutz – Nur

176 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


eine Personalreserve oder unverzichtbarer Bestandteil mo- (2) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geld-
derner Polizeiorganisation?« in: Kriminalistik, Unabhängige strafe wird bestraft, wer
Zeitschrift für die kriminalistische Wissenschaft und Praxis, 1. Schriften (§ 11 Abs. 3), die zum Haß gegen Teile der
Heft 12/2000, S. 812 ff.). Bevölkerung oder gegen eine nationale, rassische, reli-
Man wird das Vorstehende verallgemeinern können, was die giöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe auf-
Arbeit des polizeilichen Staatsschutzes in anderen Bundes- stacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie
ländern betrifft. In Baden-Württemberg z.B. gehört laut ei- auffordern oder die Menschenwürde anderer dadurch
nem mit »Kriminalpolizei bei einer Kreisdienststelle« betitel- angreifen, daß Teile der Bevölkerung oder eine vorbe-
ten Organogramm auch der Bereich »Staatsschutz« zu den zeichnete Gruppe beschimpft, böswillig verächtlich ge-
Aufgaben der Inspektion 1 (von 4 Inspektionen. Quelle: macht oder verleumdet werden,
Schürholz, Franz-Hellmut: »Kriminalitätsbekämpfung in Ba- a) verbreitet,
den-Würtemberg«, in: Kriminalistik, Unabhängige Zeitschrift b) öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst
für die kriminalistische Wissenschaft und Praxis, Heft zugänglich macht,
5/2000, S. 311). c) einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, über-
läßt oder zugänglich macht oder
B. Zum Tatbestand der Volksverhetzung, § 130 StGB d) herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, an-
I. VOLKSVERHETZUNG, ALTE FASSUNG kündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen un-
Bei strafrechtlichem Vorgehen gegen „Leugner des Holo- ternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke
caust“ spielte und spielt diese Strafvorschrift eine zentrale im Sinne der Buchstaben a bis c zu verwenden oder
Rolle. Diese hatte bis 1994 folgenden Wortlaut: einem anderen eine solche Verwendung zu ermögli-
Ȥ 130 StGB, Volksverhetzung chen, oder
Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frie- 2. eine Darbietung des in Nummer 1 bezeichneten Inhalts
den zu stören, die Menschenwürde anderer dadurch an- durch Rundfunk verbreitet.
greift, daß er (3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geld-
– zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt, strafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Na-
– zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder tionalsozialismus begangene Handlung der in § 220a Abs.
– sie beschimpft, böswillig verächtlich macht oder ver- 1 bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öf-
leumdet, fentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Ver-
wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jah- sammlung billigt, leugnet oder verharmlost.
ren bestraft.« (4) Absatz 2 gilt auch für Schriften (§ 11 Abs. 3) des in Ab-
Geschütztes Rechtsgut ist der öffentliche Friede. Bemerkens- satz 3 bezeichneten Inhalts.
wert ist, daß der Tatbestand bereits erfüllt ist, wenn die Tat- (5) In den Fällen des Absatzes 2, auch in Verbindung mit
handlung (auch nur) »geeignet« ist, den öffentlichen Frieden Absatz 4, und in den Fällen des Absatzes 3 gilt § 86 Abs. 3
zu stören – zu einer tatsächlich eingetretenen Störung des öf- entsprechend.«
fentlichen Friedens braucht es also nicht gekommen zu sein. Für den Gesetzgeber galt, daß »neben einer mutigen, offensi-
Rechtshistorisch interessant ist, daß die Vorschrift »als Reak- ven politischen Auseinandersetzung […] Unbelehrbaren
tion auf antisemitische und nazistische Vorfälle« durch ein auch mit den Mitteln des Strafrechts begegnet werden muß«
Gesetz von 1960 die obenstehende Fassung bekam (diese (Bundestags-Drucksache 12/7960 S. 4, 12/8411 S. 4). Der
Vorfälle wurden, wie man heute annehmen kann, zum Teil Gesetzesverschärfung lagen auch „revisionistische“ Aktivitä-
von östlichen Geheimdiensten inszeniert). Auch in der Ver- ten (möglicherweise auch solche des Antragstellers) zugrun-
gangenheit diente die Vorschrift dazu, gegen hetzerische Äu- de, wie den nachstehenden Ausführungen des Generalbundes-
ßerungen vorzugehen (z.B: »Die Juden sind Untermenschen«, anwalts zu entnehmen ist:
BGHSt 16, 49; 1, 63). »Als Rechtsextremisten mit Schlagwörtern wie „Auschwitz-
Lüge“ auf der Grundlage pseudo-wissenschaftlicher Gut-
II. VOLKSVERHETZUNG, NEUE FASSUNG achten zur chemischen Beschaffenheit von KZ-Gebäude-
Die Vorschrift wurde durch das sog. Verbrechensbekäm- resten versuchten, die Last des nationalsozialistischen Völ-
pfungsgesetz vom 28.10.1994 »zur wirksamen Bekämpfung kermordes abzuschütteln, um den politischen Nationalso-
rechtsextremistischer und ausländerfeindlicher Propaganda zialismus gesellschaftsfähig zu machen, reagierte der Ge-
[…] erneut erweitert und verschärft« (Schönke/Schröder, setzgeber 1994 mit dem Verbrechensbekämpfungsgesetz:
StGB, 26. Auflage 2001, § 130 Rn 1). Sie erhielt folgende Das Leugnen, Billigen und Verharmlosen des nationalso-
(jetzt noch geltende) Fassung: zialistischen Völkermordes wurde in § 130 StGB unter
»§ 130. Volksverhetzung. Strafe gestellt.«
(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen (Quelle: Kay Nehm: »Die Rolle der Justiz bei der Bekämp-
Frieden zu stören fung des Rechtsextremismus«, in: Bundeskriminalamt (Hg.):
1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlich-
zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffor- keit, Vorträge anläßlich der Herbsttagung des Bundeskrimi-
dert oder nalamts vom 21. bis 23. November 2000, Neuwied und Krif-
2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er tel 2001, S. 41).
Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich Problematisch erscheint vor allem (aber nicht ausschließlich)
macht oder verleumdet, der neu eingefügte Absatz 3, bei dem es sich erkennbarerwei-
wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jah- se um Sonderrecht für eine bestimmte Gruppe der Bevölke-
ren bestraft. rung handelt, die in der Zeit von 1933 bis 1945 Opfer natio-

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 177


nalsozialistischer Verfolgung wurden. Von verschiedener Sei- beugender Weise?) den für eine Verurteilung erforderlichen
te wurde geltend gemacht, die Vorschrift sei mit der Verfas- Vorsatz schlicht unterstellt (bzw. fingiert). Am Schluß der
sung nicht vereinbar. Ganz abgesehen davon wirft Absatz 3 Erörterung dieser Problematik findet man jedenfalls im
erhebliche Auslegungsprobleme auf, insbesondere, was die Kommentar folgende Feststellung (Schönke/Schröder, § 131,
Tatbestandsmerkmale »billigen« und »verharmlosen« betrifft. Rn. 20):
Beispiel: Macht sich jemand strafbar, der in Bezug auf „Au- »So wie Auschwitz immer ein Trauma der Deutschen blei-
schwitz“ andere, nämlich viel niedrigere als die gegenwärtig ben wird, […] so ist ein solches offenbar auch die „Au-
geltende (?) Opferzahl behauptet? Oder jemand, der behaup- schwitz-Lüge“ für das deutsche Strafrecht.«
tet, er gehe zwar auch von einer Völkermordabsicht Hitlers Dem ist nichts hinzuzufügen. Die gegebene Rechtslage stellt
(bzw. der NS-Führung) aus, behaupte aber, es habe in Maj- de facto ein bestimmtes Geschichtsbild unter den Schutz des
danek keine Gaskammern gegeben? Man mag diese Frage- Strafrechts. Insbesondere in Ansehung des „Falles Deckert“
stellungen für zynisch halten, aber dies sind Konstellationen, bzw. des „Falles Orlet“ wirkt sich dies hemmend auf die deut-
mit denen sich die Gerichte befassen müssen. Zum anderen sche Zeitgeschichtsforschung aus (die, falls es sich um
gibt es eine weitere dogmatische Schwierigkeit, was die sub- ernstzunehmende Forschung handeln soll, ergebnisoffen ar-
jektive (innere) Tatseite betrifft, die Schönke/Schröder beiten müßte). Nicht nur ich sehe einen Konflikt zwischen der
(StGB, § 130 Rn. 20) wie folgt anspricht: verfassungsrechtlich garantierten Meinungsfreiheit, der Frei-
»Kaum lösbare Probleme wirft hier die Frage des Vorsat- heit der Wissenschaft und anderen (politischen) Interessen.
zes auf. Ist Leugnen objektiv das Inabredestellen von etwas Zur Begründung der Freiheitsbeschränkungen wird letztlich
Wahrem, so kann vorsätzliches Leugnen, wie es Abs. 3 ver- auf die deutsche Vergangenheit rekurriert (meiner Ansicht
langt, nach allgemeinen Regeln nur ein Inabredestellen nach zu Unrecht, da Deutschland als gefestigte Demokratie
sein, dessen Unwahrheit der Täter kennt oder jedenfalls in anzusehen ist):
Kauf nimmt, mag auch die fragliche Tatsache für die ande- »Staaten, die nicht mit den Erfahrungen der nationalsozia-
ren noch so offenkundig sein.« listischen Gewaltherrschaft geschlagen sind, haben nun
Eine der Besonderheiten bei „Holocaust-Leugnern“ ist jedoch einmal, bei aller Wachsamkeit gegenüber dem Neonazis-
(wie ich aus eigener Erfahrung weiß), daß die Betreffenden mus in Deutschland, ein anderes, großzügigeres Verständ-
von dem, was sie behaupten (und damit „leugnen“) absolut nis von politischer Meinungsfreiheit. So sollte niemand er-
überzeugt sind. Falls in solchen Fällen verurteilt wird, so warten, daß sich die Vereinigten Staaten von ihrem histo-
kann dies wohl nur geschehen, indem das Gericht (in rechts- risch gewachsenen Verfassungsverständnis verabschieden,

Best.-Nr. 43: Germar Rudolf

Das Rudolf Gutachten


Gutachten über die „Gaskammern“ von Auschwitz
Mit der Erstveröffentlichung dieses Gutachtens
1993 setzten massive, aber in der Sache wir-
kungslose Angriffe auf den Verfasser ein sowie
ungezählte gescheiterte Widerlegungsversuche.
Nun hat der Autor sein Werk ergänzt und noch
verständlicher gemacht. Das Fazit des damali-
gen Mitarbeiters am Max-Planck-Institut in
Stuttgart ist daher heute noch aktueller als zu-
vor:
Die angeblichen Menschengaskammern von
Auschwitz können aus chemischen und techni-
schen Gründen nicht existiert haben!
Rudolfs verständliche Darlegungen sind so überzeugend und augenöffnend, daß die
Bundesrepublik Deutschland sich gezwungen sah, den Autor zum Staatsfeind Num-
mer Eins zu erklären, obwohl seine Beweisführung sachlich und technisch-
naturwissenschaftlich einwandfrei ist. Rudolf floh daher aus Deutschland und bean-
tragte in den USA politisches Asyl!
»Diese wissenschaftlichen Analysen sind perfekt.«
H. Westra, Anne-Frank-Stiftung, BRT 1 (Belgisches Fernsehen), 27.4.1995
»Insgesamt stützt er sich auf Literatur, die lange vor diesem Bericht verfaßt worden ist, und muß als wissenschaftlich an-
nehmbar bezeichnet werden.« Prof. Dr. Henri Ramuz, Gutachten zum Rudolf Gutachten, 18.5.1997
»Ich würde lebhaft wünschen, daß alle Äußerungen zu dieser Problematik so offenkundig auf langer und intensiver Arbeit
beruhten wie die Ihre.« Prof. Dr. Ernst Nolte, Historiker, Schreiben vom 6.1.1993

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178 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


nach dem eine freie Gesellschaft mit politischen Wirrköp- das erste Begriffselement, nämlich die »Allgemeinkundigkeit«
fen und Brunnenvergiftern in freier politischer Auseinan- relevant. Offenkundige Tatsachen müssen jedenfalls in der
dersetzung und nicht durch Verbote fertig werden muß.« Hauptverhandlung zur Sprache gebracht werden (BVerfGE
(Kay Nehm, aaO., S. 49) 48, 206, 209; BGHSt 6, 292,296). Im Kommentar von Schön-
ke/Schröder heißt es dazu (§ 244 StPO, Rn. 72):
C. Zur sogenannten „Offenkundigkeit“ im Sinne des § »Die Verfahrensbeteiligten müssen Gelegenheit erhalten,
244 III Satz 2 StPO und seiner Anwendung durch die sich über die Annahme der Offenkundigkeit zu äußern, Be-
Gerichte bei „Leugnern des Holocaust“ denken dagegen geltend zu machen und Beweisanträge zu
I. DIE ZENTRALE VORSCHRIFT DES BEWEISAUFNAHMERECHTS stellen, die den Nachweis der Unrichtigkeit der Tatsache
IST § 244 STPO oder des Erfahrungssatzes oder des Fehlens der Vorausset-
Grundlegend heißt es dort in Absatz 1: zungen der Offenkundigkeit bezwecken können.«
»Das Gericht hat zur Erforschung der Wahrheit die Be- In den Strafprozessen, bei denen Angeklagten „Leugnung des
weisaufnahme von Amts wegen auf alle Tatsachen und Be- Holocaust“ vorgeworfen wird, geschieht in der Regel folgen-
weismittel zu erstrecken, die für die Entscheidung von Be- des: Der Angeklagte (oder sein Verteidiger, oder beide) stellt
deutung sind.« entsprechende Beweisanträge (z.B: daß in Auschwitz aus na-
Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß das Ge- turwissenschaftlichen oder technischen Gründen nicht vergast
richt im Rahmen des faktisch Möglichen und rechtlich Zuläs- werden konnte, daß die Opferzahlen nicht stimmen, daß es
sigen die Aufgabe der Stoffsammlung in optimaler Weise zu keinen Plan gab, alle Juden im deutschen Machtbereich um-
erfüllen hat (BGHSt 1 94, 96; 10, 116, 1008). Die Erfor- zubringen, und ähnliches). Derartige Beweisanträge wurden
schung der Wahrheit ist, wie das Bundesverfassungsgericht bislang jedoch, gestützt auf § 244 III Satz 2 StPO, wegen Of-
feststellte, »das zentrale Anliegen des Strafprozesses« fenkundigkeit des Gegenteils abgelehnt. So hat z.B. der Bun-
(BVerfGE 57, 250, 275); beim Aufklärungsgebot handelt es desgerichtshof im Fall Günter Deckert wie folgt geurteilt
sich um ein »die Handhabung aller Verfahrensvorschriften (BGH, Urteil vom 15.12.1994, Az. 1 StR 656/94 = NJW
beherrschenden Grundsatz« (BGHSt 1, 94, 96; 10, 116, 118). 1995, S. 340):
Abgesehen davon hat auch – s. auch Art. 6 MRK – der Ange- »Der Massenmord an Juden in Gaskammern von Konzen-
klagte das Recht, die Erhebung von Beweisen (mit dem Ziel trationslagern während des Zweiten Weltkrieges ist als ge-
seiner Entlastung) zu beantragen. Dies ist völlig unstrittig. schichtliche Tatsache offenkundig; wer sich bei seiner poli-
Die Voraussetzungen, unter denen nun das Gericht einen sol- tischen Agitation darüber bewußt hinwegsetzt, verdient da-
chen (förmlich, d.h. ordnungsgemäß gestellten) Beweisantrag für keine Strafmilderung.«
ablehnen kann, sind abschließend im Gesetz normiert. Die In diesem Zusammenhang ist gleichwohl darauf hinzuweisen,
Grundlage, einen Beweisantrag »wegen Offenkundigkeit« (der daß eine entsprechende Beweisaufnahme prozessual durchaus
Beweisbehauptung, oder – was nach herrschender Meinung zulässig wäre – sie wird nur für überflüssig erachtet.
zulässig ist – von deren Gegenteil!) ablehnen zu können, fin- In einer unlängst unter dem Titel Die Strafbarkeit des Au-
det sich in § 244 III Satz 2 StPO. Die Vorschrift lautet (Ab- schwitz-Leugnens erschienenen Dissertation heißt es zu dieser
satz 3): Praxis (Wandres, Thomas, Berlin 2000, S. 271):
»Ein Beweisantrag ist abzulehnen, wenn die Erhebung des »Den klugen Verzicht übten die Strafgerichte durchweg,
Beweises unzulässig ist. Im übrigen darf ein Beweisantrag um den Rechtsextremisten kein Propagandaforum zu eröff-
nur abgelehnt werden, wenn eine Beweiserhebung wegen nen und zugleich eine öffentlichkeitswirksame Wiederho-
Offenkundigkeit überflüssig ist, wenn die Tatsache, die be- lung der verletzenden und hetzerischen Parolen zu verhin-
wiesen werden soll, für die Entscheidung ohne Bedeutung dern.«
oder schon erwiesen ist, wenn das Beweismittel völlig un- Bemerkenswert an dieser Aussage ist, daß hier von jeman-
geeignet oder wenn es unerreichbar ist, wenn der Antrag dem, der sich intensiv mit dem Thema befaßt hat, konstatiert
zum Zweck der Prozeßverschleppung gestellt ist oder wenn wird, die Gerichte würden ihre Verfahrensweise an außerpro-
eine erhebliche Behauptung, die zur Entlastung des Ange- zessualen (vielleicht kann man sogar sagen: politischen) Kri-
klagten bewiesen werden soll, so behandelt werden kann, terien orientieren (ob dies zutrifft, sei dahingestellt, die Aus-
als wäre die behauptete Tatsache wahr.« (Hervorhebung sagen von Wandres belegt aber wieder einmal, daß Verfahren
vom U.) dieser Art Besonderheiten aufweisen). – Die Ablehnung ent-
Was ist nun unter »Offenkundigkeit« zu verstehen? Der Be- sprechender Beweisanträge erfolgt, unter Hinweis auf die
griff umfaßt zwei Elemente, nämlich »Allgemeinkundigkeit« herrschende Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes, in al-
und »Gerichtskundigkeit«. Allgemeinkundig sind Tatsachen, len Instanzen. Gegen die letztinstanzliche (Revisions-)Ent-
von denen verständige und erfahrene Menschen in der Regel scheidung wurde in etlichen Fällen (von mir z.B. im Fall Gerd
Kenntnis haben oder über die sie sich – ohne besondere Honsik, s. hierzu in meinem Lebenslauf unter oben unter lit.
Sachkunde – mit Hilfe allgemein zugänglicher Erkenntnismit- B.II.) das Bundesverfassungsgericht angerufen, das jedoch
tel jederzeit zuverlässig unterrichten können (BGHSt. 6, 292, bislang immer die Ablehnung entsprechender Beweisanträge
293). Es sind Tatsachen, die so allgemein wahrgenommen für rechtens erklärt hat, wobei auf die diesbezüglichen Be-
werden oder so allgemein ohne ernstlichen Zweifel verbreitet gründungen des Bundesgerichtshofes bzw. der Oberlandesge-
werden, daß ein verständiger und lebenserfahrener Mensch richte verwiesen wurde. Eine Änderung dieser nach (meiner
sich davon überzeugt halten kann. »Gerichtskundig« sind Tat- Ansicht nach juristisch äußerst fragwürdigen) Handhabung
sachen, von denen der Richter im Zusammenhang mit seiner des Beweisrechts ist nicht in Sicht (sondern wohl nur bei ei-
amtlichen Tätigkeit (ohne Benutzung privater Informations- ner grundlegenden Veränderung der politischen Verhältnisse
quellen) zuverlässige Kenntnis hat. – Für uns ist ersichtlich zu erwarten).

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 179


D. Der „Fall Deckert“, bzw. der „Fall Orlet“ für ihn unvorstellbare Zahl von 6 Millionen Mordopfern
I. EINFÜHRUNG erreicht werden könne.«
Von allen Fällen gegen „Holocaustleugner“ ist sicherlich das
Strafverfahren gegen Günter Deckert am bekanntesten, und III. ZUM GANG DES VERFAHRENS
dies aus folgenden Gründen: 1. Die 4. (große) Strafkammer des Landgerichts Mannheim
verurteilte mit am 13.11.1992 verkündetem Urteil den Ange-
DIE PERSON DES ANGEKLAGTEN: klagten daraufhin wegen Volksverhetzung, übler Nachrede,
Günter Deckert war Bundesvorsitzender der Nationaldemo- Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Aufstache-
kratischen Partei Deutschlands, NPD. Bei der NPD handelt(e) lung zum Rassenhaß zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr,
es sich um die aktivste „rechtsradikale“ politische Partei in die es zur Bewährung aussetzte (Az. (4) 5 KLs 2/92). An die-
Deutschland. Sie ist stets in den Verfassungsschutzberichten sem Urteil wirkte der Richter Dr. Orlet, auf den noch zurück-
von Bund und Ländern zu finden. Die Bedeutung der Partei zukommen sein wird, nicht mit.
ist auch daraus ersichtlich, daß gegen diese gegenwärtig beim 2. Gegen dieses Urteil wurde von der Verteidigung wie auch
Bundesverfassungsgericht ein Verbotsverfahren anhängig ist. von der StA Revision zum Bundesgerichtshof eingelegt, und
mit Urteil vom 15.23.1994 (Az. 1 StR 179/93) aufgehoben
DIE TAT: sowie zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine andere
Günter Deckert war angeklagt, bei einer politischen Vor- Strafkammer des Landgerichts Mannheim zurückverwiesen.
tragsveranstaltung einen auf Englisch gehaltenen Vortrag des Diese setzte sich aus drei Berufsrichtern und zwei Laienrich-
US-amerikanischen Ingenieurs und Hinrichtungsfachmannes tern (Schöffen) wie folgt zusammen: Vorsitzender Richter am
Fred Leuchter (Autor des in „revisionistischen“ Kreisen be- Landgericht Dr. Müller (als Vorsitzender), Richter am Land-
kannten „Leuchter-Berichts“) übersetzt und kommentiert zu gericht Dr. Orlet sowie Richterin am Landgericht Folkerts als
haben. Es ging also um den Kern dessen, was in „Auschwitz“ beisitzende Richter; Vera Klug und Evelyn Hopp als Schöf-
geschehen (oder nicht geschehen) ist. fen. Mit am 22.6.1994 verkündetem Urteil wurde der Ange-
klagte (wiederum) wegen Volksverhetzung, übler Nachrede,
II. DIE REAKTIONEN AUF DAS URTEIL Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Aufstache-
Von allen Urteilen, die gegen „Holocaust-Leugner“ gespro- lung zum Rassenhaß zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr,
chen worden sind, hat das vom Landgericht Mannheim am die zur Bewährung ausgesetzt wurde, verurteilt (Az. (6) 5
22.6.1994 unter dem Aktenzeichen (6) 5 KLs 2/92 verkünde- KLs 2/92). Gegen dieses Urteil legten Verteidigung wie StA
te (genau gesagt: dessen schriftliche Begründung, d.h. die Ur- während der einwöchigen (mit Ablauf des Tages der mündli-
teilsgründe im Sinne des § 267 StPO) am meisten öffentliche chen Urteilsverkündung beginnenden) Rechtsmittelfrist wie-
Aufmerksamkeit erregt (und, wie zu zeigen sein wird, zu in derum Revision zum Bundesgerichtshof ein.
der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik einmaligen Reak- Im August 1994 wurde das schriftliche Urteil bekannt, das
tionen geführt). vor allem wegen folgender Passagen heftige Reaktionen aus-
Der dem Verfahren zugrundeliegende Lebenssachverhalt ist löste:
in einem Aufsatz in der Deutschen Richterzeitung (offizielles »Soweit der Angeklagte die Tatbestände der §§ 185, 189
Organ des Deutschen Richterbundes) wie folgt dargestellt StGB erfüllt hat, ist er auch nicht durch § 193 StGB ge-
(Vorsitzender Richter am OLG Dr. Robert Herr, Karlsruhe: rechtfertigt. Zwar kann man der Auffassung sein, daß der
»Zur „Rechtsblindheit“ und zur „Unabhängigkeit“ der deut- Angeklagte ein berechtigtes Interesse wahrgenommen hat,
schen Richter/Innen«): indem er bestrebt war, die nach Ablauf fast eines halben
»Am 10.11.1991 fand in einem Nebenraum einer Weinhei- Jahrhunderts immer noch aus dem Holocaust gegen
mer Gaststätte eine geschlossene Vortragsveranstaltung Deutschland erhobenen Ansprüche abzuwehren. Jedoch
statt, zu der die „Arbeitsgemeinschaft nationaler Verbände hat er dazu nicht das erforderliche Mittel eingesetzt (vgl.
Bergstraße“ gezielt „national gesinnte“ Einzelpersonen Dreher /Tröndle aaO, § 193 Rdn.8), sondern ist über die-
eingeladen hatte und an der etwa 120 Personen teilnah- ses weit hinausgegangen.«
men. Bei dieser Veranstaltung referierte der vom Ange- Bei den Ausführungen des Gerichts zur Strafzumessung heißt
klagten Deckert als Redner verpflichtete US-Amerikaner es u.a.:
Fred Leuchter in englischer Sprache über den „Gas »Mildernd wurde demgegenüber die Unbestraftheit des
Chamber Myth“, während Deckert übersetzte und zustim- Angeklagten gewürdigt, die um so positiver ins Gewicht
mend kommentierte. Leuchter, ein 1943 in Boston (im Vor- fällt, als er schon seit Jahrzehnten in der aktiven Politik
ort Malden) geborener Ingenieur, beschäftigt sich neben und in härtesten politischen Auseinandersetzungen steht,
seiner Tätigkeit als Waffentechniker für die US-ame- die eine hochgradige Versuchung bilden, das Strafrecht zu
rikanischen Streitkräfte seit 1978 mit der Konstruktion, mißachten.«
Verbesserung und Wartung von Hinrichtungseinrichtungen Das Gericht wertete
in amerikanischen Gefängnissen. Er wurde 1988 von der »die Tat hauptsächlich als von seinem Bestreben motiviert,
Verteidigung beauftragt, in einem Gerichtsverfahren ein die Widerstandskräfte im deutschen Volk gegen die aus
Gutachten über die Auschwitzer Gasexekutionen zu erstat- dem Holocaust abgeleiteten jüdischen Ansprüche zu stär-
ten, weshalb er eine Reise nach Polen unternahm und dann ken. Nicht außer Acht gelassen wurde auch die Tatsache,
den sog. „Leuchter-Report“ erstellte. Darin vertritt er die daß Deutschland auch heute noch, rund fünfzig Jahre nach
Auffassung, daß wegen der mangelhaften technischen Aus- Kriegsende, weitreichenden Ansprüchen politischer, mora-
stattung in Auschwitz in sechs Jahren höchstens 500.000 lischer und finanzieller Art aus der Judenverfolgung aus-
Menschen hätten vergast werden können und daß die Exe- gesetzt ist, während die Massenverbrechen anderer Völker
kutionen noch bis ins Jahr 2006 andauern müßten, bis die ungesühnt blieben, was, jedenfalls aus der politischen Sicht

180 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


des Angeklagten, eine schwere Belastung des deutschen »Ich weiß, daß es normalerweise nicht unsere Aufgabe ist,
Volkes darstellt.« Urteile zu kommentieren oder zu bewerten. Wir haben aus
Die Kammer begründete schließlich ihre Entscheidung, die unserem richterlichen Selbstverständnis heraus die in rich-
Strafe zur Bewährung auszusetzen, u.a. wie folgt: terlicher Unabhängigkeit ergangenen Urteile zu respektie-
»Gem. § 56 StGB war die Vollstreckung der Freiheitsstrafe ren. So ist es auch das erste Mal, daß der Deutsche Rich-
zur Bewährung auszusetzen, da zu erwarten ist, daß der terbund seine Zurückhaltung aufgegeben hat, weil die
Angeklagte unter dem bloßen Eindruck der Verurteilung in Grenze des Hinnehmbaren hier in unerträglicher Weise
Zukunft straffrei leben wird. Denn der Angeklagte hat in überschritten worden ist. Das Urteil ist eine Zumutung für
der Hauptverhandlung einen guten Eindruck hinterlassen. alle diejenigen, die unter den nationalsozialistischen Verbre-
Es handelt sich bei ihm um eine charakterstarke, verant- chen gelitten haben. Es ist eine Verhöhnung jener Millionen
wortungsbewußte Persönlichkeit mit klaren Grundsätzen. Opfer, die der Holocaust gefordert hat. Ich empfinde Zorn
Seine politischen Überzeugungen, die ihm Herzenssache darüber und schäme mich dafür, daß ein solches Urteil im
ist, verficht er mit einem großen Engagement und erhebli- Namen des Volkes verkündet worden ist.« (Quelle: Deutsche
chem Aufwand an Zeit und Energie.« Richterzeitung, Nr. 9, September 1994, S. 352)
Ferner schrieb das Gericht, Deckert sei ein »Mann von hoher Die damalige Bundesministerin der Justiz, Frau Sabine
Intelligenz«. Weiter heißt es u.a.: Leutheusser-Schnarrenberger, äußerte sich wie folgt (Focus
»Daß sich der Angeklagte auch weiterhin zum Revisionis- Nr. 33 vom 15.8.1994, S. 25):
mus bekennt und dies aller Voraussicht nach auch weiter »Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer des Holocaust.
tun wird, vermag ebenfalls keine andere Beurteilung zu Ich kann jetzt nur noch auf die Revisions-Instanz hoffen.«
rechtfertigen; denn diese Denkmethode beinhaltet nichts Die Staatsanwaltschaft Mannheim kündigte am 11.8.1994 ei-
Strafbares.« ne Überprüfung der Urteilsbegründung auf mögliche strafbare
Die Kammer führte ferner aus, daß auch die »Verteidigung der Äußerungen der Richter an (Süddeutsche Zeitung vom
Rechtsordnung« im Sinne des § 56 Abs. 3 StGB nicht gebiete, 12.8.1994).
die Strafe zu vollstrecken, was u.a. wie folgt begründet wurde:
»Vielmehr zweifelt die Kammer nicht daran, daß die Be- REAKTIONEN AUS DER POLITIK
völkerung in ihrer übergroßen Mehrheit durchaus Ver- Bundeskanzler Helmut Kohl sagte:
ständnis dafür haben wird, daß einem 54-jährigen unbe- »Die Begründung ist schlicht eine Schande. Das Urteil
scholtenen Familienvater, dessen Unrecht im Grunde nur schadet dem deutschen Ansehen im Ausland.«
in der Äußerung einer Auffassung besteht, die Rechtswohl- Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im Deut-
tat der Strafaussetzung zur Bewährung zu Teil wird.« schen Bundestag, Heiner Geißler, äußerte:
»Ich fordere eine Aufhebung dieses Urteils. Außerdem
IV. REAKTIONEN AUF DIE SCHRIFTLICHE brauchen wir eine Aktuelle Stunde im Bundestag.«
URTEILSBEGRÜNDUNG: REAKTIONEN AUS DER JUSTIZ Rudolf Scharping, damals Vorsitzender der SPD sagte:
In einer am 15.8.1994 stattfindenden Versammlung von Rich- »Der Urteilsspruch ist empörend, ein Freibrief für rechts-
tern am Landgericht Mannheim beschloß die Mehrheit, sich extremistische Funktionäre.«
vom Urteil zu distanzieren (an dieser Versammlung sollen Von jüdischer Seite wurde wie folgt kommentiert (Michel
von den 64 am Landgericht tätigen Richtern 40 teilgenommen Friedman, Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutsch-
haben). Der Präsident des Landgerichts Mannheim, Gunter land):
Weber, richtete an die Jüdische Gemeinde in Mannheim einen »Ungeheuerlich. Die Kammer hat einen geistigen Brand-
Brief, in dem er »um Entschuldigung und Nachsicht« bat; das stifter als charakterlich einwandfrei gelobt.«
Urteil enthalte »objektiv mißverständliche Formulierungen«. Der jüdische Weltkongreß erklärte:
Das Präsidium des Landgerichts Mannheim schließlich faßte »Die Sprache dieser Begründung könnte auch rechtsextre-
am 15.8.1994 folgenden Beschluß: mer Literatur entnommen sein.« (alles zitiert nach: Focus,
»1. Infolge dauernder krankheitsbedinger Verhinderung Nr. 33 – einem der führenden deutschen Nachrichtenmaga-
des Vorsitzenden Richters am Landgericht Dr. Müller zine – vom 15.8.1994, S. 24 ff.)
übernimmt mit sofortiger Wirkung Vorsitzender Richter am Es wurde bekannt, daß das Urteil vom Richter am Landge-
Landgericht N. den Vorsitz in der 1. und 6. Großen Straf- richt Dr. Orlet als dem sog. Berichterstatter (s. § 197 des Ge-
kammer (§ 21 e Abs. 3 GVG). richtsverfassungsgesetzes) verfaßt worden war (unterzeichnet
Über die infolge der dauernden krankheitsbedingten Ver- war es entsprechend der StPO auch vom Vorsitzenden, Dr.
hinderung des Richters am Landgericht Dr. Orlet erforder- Müller, sowie von der beisitzenden Richterin Folkerts). Das
liche Änderung der Geschäftsverteilung wird das Präsidi- Interesse der Medien konzentrierte sich daher auf Dr. Orlet,
um aus verfahrensrechtlichen Gründen erst zu einem spä- der auch in seiner Privatsphäre behelligt wurde. Über dessen
teren Zeitpunkt entscheiden.« (Quelle: Deutsche Richterzei- Zustand im August 1994 anläßlich eines Interviews äußerte
tung, Nr. 10, Oktober 1994, S. 391) sich ein Journalist später wie folgt:
Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbun- »Da saß nun einerseits ein Mann, der einen vereinsamten,
des, Victor Weber, forderte im Fernsehen Maßnahmen gegen völlig isolierten Eindruck machte, ohne jeden Freundes-
die am Urteil beteiligten Richter. In der September-Ausgabe kreis, ein Mann, der psychisch und physisch angeschlagen
1994 der Deutschen Richterzeitung (offizielles Organ des wirkte. Er war damals krankgeschrieben, er leide, wie er
Deutschen Richterbundes) äußerte sich dessen Vorsitzender sagte, unter den Folgen eines Herzinfarkts, den er vor Jah-
Rainer Voss im Leitartikel zum Urteil (zu einem Zeitpunkt, ren erlitt.« (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 12.5.1995)
als dieses nicht rechtskräftig war!) unter der Überschrift »In Ferner wurde das Verfahren Gegenstand von Erörterungen im
Mannheim hat die Justiz versagt« u.a. wie folgt: Landtag von Baden-Württemberg (die gesetzgebende Körper-

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schaft des Bundeslandes, in dem Mannheim liegt). Der SPD- »Wie Deckert selbst, so rührt auch das Urteil mit seinen
Abgeordnete Max Nagel richtete dort folgende „Kleine An- Gründen an die Basis unseres staatlichen und gesellschaft-
frage“ an die Landesregierung: lichen Selbstverständnisses. Wir sind als Volk ein resoziali-
»Ich frage die Landesregierung: Welche Möglichkeiten sierter ehemals schwerer Straftäter.« (Gastkommentar von
gibt es, den Richter am Landgericht Mannheim, Herrn Hanno Kühnert in der Deutschen Richterzeitung, Oktober
Rainer Orlet, aus dem Dienst zu entfernen?« (Quelle: 1994, S. 393).
Landtag von Baden-Württemberg, 11. Wahlperiode, Druck- Ferner:
sache 11/4936 vom 14.11.94). »Wenn Deckerts Auffassung zum Holocaust richtig wäre,
Im Landtag von Baden-Württemberg wurde – ein bis dahin in wäre die Bundesrepublik auf einer Lüge gegründet. Jede
der Geschichte der Bundesrepublik einmaliger Vorgang – zu- Präsidentenrede, jede Schweigeminute, jedes Geschichts-
dem eine sog. Richteranklage gemäß Art. 98 Abs. 2 und 5 des buch wäre gelogen. Indem er den Judenmord leugnet, be-
Grundgesetzes in Verbindung mit Art. 66 Abs. 2 der Landes- streitet er der Bundesrepublik ihre Legitimität.« (Patrick
verfassung von Baden-Württemberg vorbereitet (Quelle: Bahner, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom
Landtag von Baden-Württemberg, 11. Wahlperiode, Druck- 15.8.1994).
sache 11/5671 vom 21.3.1995). Danach kann ein Richter »in In Art. 97 Grundgesetz heißt es:
ein anderes Amt oder in den Ruhestand versetzt werden«, »Die Richter sind unabhängig und nur dem Gesetz unter-
falls er »im Amte oder außerhalb des Amtes gegen die worfen.«
Grundsätze des Grundgesetzes oder gegen die verfassungs- Angesichts dessen stellten die Reaktionen von Teilen der Ju-
mäßige Ordnung eines Landes verstößt«. Gegen Dr. Orlet er- stiz, der Exekutive und der Medien auf das Urteil der Landge-
übrigte sich allerdings das Verfahren, da dieser aus gesund- richts Mannheim vom 22.6.1994 einen schweren, nicht zu
heitlichen Gründen auf eigenen Wunsch mit Wirkung vom rechtfertigenden Eingriff in die von der Verfassung garantier-
15.5.1995 in den Ruhestand ging. Davor hatten sich zahlrei- te richterliche Unabhängigkeit dar. Daß in einer freiheitlichen
che Schöffen (Laienrichter) geweigert, ihr Schöffenamt in Gesellschaft auch Urteile der Kritik unterliegen, ist klar.
Spruchkörpern auszuüben, in denen Dr. Orlet als Richter fun- Nicht hingenommen werden konnte jedoch vor allem zweier-
gierte. Zudem wurde er erfolgreich in einem Fall wegen – an- lei: Zum einen, daß sich die Reaktionen gegen das Urteil auf
geblich – bestehender Befangenheit zu Lasten ausländischer dessen Verfasser, den Berichterstatter Dr. Orlet fokussierten –
(türkischer) Angeklagter abgelehnt (OLG Karlsruhe, Be- ungeachtet der Tatsache, daß außer diesem noch zwei Berufs-
schluß vom 19.4.1995, Az. 3 WS 72/95). richter (darunter der Vorsitzende!) und zwei Laienrichter für
dieses verantwortlich zeichneten; zum anderen, daß in ein
REAKTIONEN DER MEDIEN schwebendes Verfahren eingegriffen wurde. Am gravierend-
Das Magazin Focus schrieb (Nr. 33 vom 15.8.1994, S. 24): sten und weiterwirkend ist jedoch für einen Staat, der in An-
»Justizskandal in Mannheim: Urteilsspruch lobt Volksver- spruch nimmt, ein Rechtsstaat zu sein, folgendes:
hetzer Deckert und gibt Anleitung zur Formulierung straf- Seit dem „Fall Deckert/Fall Orlet“ muß jedermann, der (im
freier Naziparolen.« weitesten Sinne) wegen „Leugnung des Holocaust“ vor Ge-
Allgemein wurde von einem »Skandalurteil« gesprochen (so richt steht, fürchten, kein rechtsstaatliches, gemäß Art. 20
z.B. in der Süddeutschen Zeitung vom 11.5.1995). Die füh- Abs. 2 GG nur an Recht und Gesetz orientiertes Verfahren zu
rende deutschen Wochenzeitung Die Zeit überschrieb den erhalten, da die betreffenden Richter – die auch „nur“ Men-
Leitartikel ihrer Ausgabe vom 19.8.1994 »Empörung ist nicht schen sind! – für den Fall, daß ihre Entscheidungen nicht den
genug«. Im Innenteil auf S. 3 findet sich ein ganzseitiger, dem offenbar bestehenden Erwartungen von zumindest Teilen der
Urteil gewidmeter Artikel unter der Überschrift »Mit Blind- Justiz, der Politik und der Medien entsprechen, ähnliche Re-
heit geschlagen« und den Worten »Untergründige Sympathie aktionen befürchten müssen, wie sie die Kammer im „Orlet-
und jämmerliche Schlamperei: Warum die Mannheimer Rich- Verfahren“ im allgemeinen, den Richter Dr. Orlet im beson-
ter den NPD-Vorsitzenden moralisch freisprachen« (ich deren getroffen haben.
glaube, auf die Wiedergabe weiterer Äußerungen verzichten Für den vorliegenden Fall ist auf folgendes hinzuweisen:
zu können). Das Landgericht Stuttgart verkündete sein Urteil gegen den
Antragsteller am 23.6.1995, also n a c h der erneuten (dann
JURISTISCHER AUSGANG DES VERFAHRENS rechtskräftig gewordenen) Verurteilung des Angeklagten
Das Urteil wurde vom Bundesgerichtshof mit Urteil vom Deckert durch das Landgericht Karlsruhe. Es kann als sicher
15.12.1994 (Az. 1 StR 656/94) aufgehoben, und an eine gelten, daß den Stuttgarter Richtern die Vorgänge um den
Strafkammer des Landgerichts Karlsruhe zurückverwiesen. Deckert-Prozeß im August 1994 und danach nicht entgangen
Dieses verurteilte schließlich mit am 21.4.1995 verkündetem sind (dies ist auch aufgrund der örtlichen Nähe zwischen
Urteil den Angeklagten wegen Volksverhetzung, übler Nachre- Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe anzunehmen). Daß das
de, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Aufsta- Landgericht Stuttgarter den Deckert-Prozeß sorgfältig ver-
chelung zum Rassenhaß zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jah- folgte, ist z.B. auch daraus zu ersehen, daß die Kammer das
ren o h n e Bewährung. (Az. IV KLs 1/95 2 AK 1/95). Die ge- BGH-Urteil vom 15.3.1994 (Az. 1 StR 179/93), mit dem das
gen dieses Urteil eingelegte Revision des Angeklagten wurde erste Urteil des Landgerichts Mannheim aufgehoben wurde,
vom Bundesgerichtshof verworfen, so daß Rechtskraft eintrat. den Akten beizog (und damit zum Verfahrensbestandteil
Der Angeklagte hat zwischenzeitlich die Strafe verbüßt. machte). Daher muß die Frage erlaubt sein, ob sich die Rich-
ter in Stuttgart – nachdem, was ihren Kollegen in Mannheim
EIGENE STELLUNGNAHME passiert war – überhaupt noch leisten konnten, ein Urteil zu
Der Grund dafür, daß man von einem »Skandal« sprach, mag sprechen, das der Erwartungshaltung von Justiz, Politik und
durch die beiden folgenden Zitate angesprochen werden: Medien nicht entsprochen hätte.

182 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


E. Zum Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 23.6.1995, In Deutschland gibt es auf gesetzlicher Grundlage auf Bun-
Az. 17 KLs 83/94 des- wie Landesebene Behörden, deren Ziel es ist, die
Dieses soll unter mehreren Fragestellungen, die für das Asyl- Verfassung zu schützen (Bundesamt für Verfassungs-
verfahren bedeutsam erscheinen, untersucht werden: schutz, diverse Landesämter für Verfassungsschutz). In
Bayern heißt es im Bayerischen Verfassungsschutzgesetz
I. HAT ES SICH UM EIN „POLITISCHES VERFAHREN“ UND EINEN (hier zitiert in der Fassung vom 24.8.1990) im I. Abschnitt
„POLITISCHEN PROZESS“ GEHANDELT, UND IST DIES AUS DEM (»Organisation und Aufgaben des Verfassungsschutzes«)
URTEIL ERSICHTLICH? wie folgt:
Die Frage kann bejaht werden, und zwar aus folgenden Gründen: »Art. 1
1. Die polizeilichen Ermittlungen wurden vom Landeskrimi- (1) Zum Schutz der freiheitlichen demokratischen
nalamt Baden-Württemberg, Dezernat 822 geführt (Ge- Grundordnung, des Bestandes und der Sicherheit des
schäftszeichen 822-165/93). Es ist davon auszugehen, daß Bundes und der Länder besteht im Bayern ein Landes-
dieses Dezernat primär mit Staatsschutzsachen befaßt war amt für Verfassungsschutz. Es dient auch dem Schutz
(s. hierzu auch die Ausführungen zum polizeilichen Staats- vor organisierter Kriminalität.
schutz unter Abschnitt A). (2) Freiheitliche demokratische Grundordnung nach
2. Die Anklageschrift wurde bei der Staatsanwaltschaft von Absatz 1 ist eine Ordnung, die unter Ausschluß jeglicher
einer Abteilung verfaßt, die (hauptsächlich?) für die An- Gewalt- und Willkürherrschaft eine rechtsstaatliche
klageerhebungen in Staatsschutzsachen zuständig war. Herrschaftsordnung auf der Grundlage der Selbstbe-
3. Das Delikt, aus dessen Strafrahmen die Kammer bei der stimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen
Urteilsfindung die Strafe entnahm, nämlich das der Volks- Mehrheit und der Freiheit und der Gleichheit darstellt.
verhetzung, § 130 StGB, steht im siebenten Abschnitt des Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung gehö-
Strafgesetzbuches, der die »Straftaten gegen die öffentli- ren mindestens:
che Ordnung« enthält. Hierzu heißt es in einem der füh- Die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten
renden deutschen Kommentare zum Strafgesetzbuch Menschenrechten, vor allem vor dem Recht der Persön-
(Schönke/Schröder, Strafgesetzbuch, Kommentar, 26. Auf- lichkeit auf Leben und freie Entfaltung, die Volkssouve-
lage, München 2001, Vorbemerkungen zu den §§ 123 ff.): ränität, die Gewaltenteilung, die Verantwortlichkeit der
»Zugleich eine politisch besonders sensible Materie be- Regierung, die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die
treffen die in diesem [ergänze: Abschnitt, d.U.] enthalte- Unabhängigkeit der Gerichte, das Mehrparteienprinzip
nen Strafvorschriften zum Schutz des inneren Friedens und die Chancengleichheit für alle politischen Parteien
und der inneren Sicherheit (§§ 125 ff., 140).« (Hervor- mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Aus-
hebung vom U.) übung einer Opposition.«
4. Weiterer Beleg dafür, daß der Charakter des Verfahrens Das Bay. Staatsministerium des Innern hat nun im Jahr
ein politischer war, ist die Tatsache, wie das Gericht die 1996 in 3., unveränderter Auflage eine Schrift unter dem
politischen Ziele, Einstellungen und Motive des Angeklag- Titel »Revisionismus« herausgegeben, in der unter Ziffer 4
ten bezeichnete (ob die Feststellungen des Gerichts zutref- »Entwicklung« (des Revisionismus, d.U.) auch der Stutt-
fend waren oder nicht, kann hier dahinstehen). So heißt es garter Prozeß des Antragstellers erwähnt wird. Hier heißt
bereits unter den »Feststellungen« des Urteils unter »A, es wie folgt:
Zusammenfassender Überblick« (Urteil, S. 8) »4.4. Rudolf-Gutachten
»Die Schrift entstand in den Jahren 1991 bis 1993 auf Das 120 Seiten umfassende Rudolf-Gutachten, das sich
dem Hintergrund einer rechtsextremistischen Einstellung u.a. auf den Leuchter-Bericht bezieht, wurde 1991 im
des Angeklagten, der die negativen Folgen des national- Auftrag der Verteidigung des damals wegen Volksver-
sozialistischen Regimes für Deutschland nicht wahrha- hetzung angeklagten Rechtsextremisten Otto Ernst Re-
ben will.« (Hervorhebung vom U.) mer erstellt und im Strafverfahren als Beweismittel für
Auf S. 28 des Urteils heißt es: die „Auschwitz-Lüge“ vorgelegt. Verfasser ist der Di-
»Da es ihm [dem Angeklagten, d.U.] von Anfang an plom- Chemiker Germar Rudolf, ein ehemaliges Mit-
darauf ankam, seine Schrift auch für politische, insbe- glied der rechtsextremistischen Partei „Die Republika-
sondere nationalistische und rassistische Zwecke einzu- ner“ (REP). […] Das Landgericht Stuttgart verurteilte
setzen, sucht er vor allem den Kontakt zu rechtsextremi- Rudolf am 23. Juni 1995 wegen Volksverhetzung, Auf-
stischen Kreisen.« (Hervorhebung vom U.). stachelung zum Rassenhaß, Verunglimpfung des Anden-
Auf S. 155 steht: kens Verstorbener und Beleidigung zu einer Freiheits-
»Die Beschäftigung des Angeklagten mit dem Thema strafe von 14 Monaten ohne Bewährung. […]«.
Auschwitz ist in einem umfassenden Sinne politisch mo- Das vorstehende Zitat erlaubt den Schluß, daß die abgeur-
tiviert.« (NB: Fettdruck im Original). teilte Tätigkeit des Antragstellers jedenfalls vom Freistaat
Bei den Ausführungen zur Strafzumessung wurde vom Ge- Bayern als gegen die „freiheitliche demokratische
richt zu Lasten des Angeklagten u.a. folgendes berücksich- Grundordnung“, und damit gegen die Verfassung gerichtet
tigt (S. 238 des Urteils): (und somit per se politische) bewertet wird (eine Einschät-
»Auch war er, um seine politischen Ziele durchzusetzen, zung, die sicherlich von den übrigen deutschen Verfas-
bereit, auf rücksichtslose Weise selbst die sensibelsten sungsschutzbehörden geteilt wird).
Bereiche persönlicher Schicksale und des gesellschaftli- 6. Ein weiterer Hinweis darauf, daß es sich um ein politisches
chen Lebens anzutasten«. (Hervorhebung vom U.). Verfahren handelte, ist die Berichterstattung der Medien
5. Weiterer Beleg dafür, daß es sich um ein politisches Ver- über den Prozeß (ich glaube, davon absehen zu können,
fahren gehandelt hat, ist folgendes: hier in Einzelheiten zu gehen).

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 183


FAZIT: hat. Mit einer solchen Spruchpraxis wurde (und wird) letzt-
Insgesamt kann kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, daß lich eine bestimmte Auffassung hinsichtlich eines komplexen,
es sich bei dem betreffenden Gerichtsverfahren, in dem ich sich über Jahre hinziehenden historischen Geschehens – das
für den Antragsteller tätig war, um einen politischen Prozeß in etlichen Fragen unstreitig immer noch nicht geklärt zu sein
gehandelt hat. scheint, wie etliche Kontroversen ausweisen – für sakrosankt
erklärt, womit sich die Rechtsprechung anmaßt, an die Stelle
II. HAT HERR RUDOLF EIN FAIRES VERFAHREN (FAIR TRIAL) der Geschichtswissenschaft (und wie im vorliegenden Fall, et-
ERHALTEN? licher naturwissenschaftlicher Disziplinen) zu treten. Mit ei-
Hier ist zunächst die Frage zu klären, was unter einem sol- ner derartigen Praxis wurde (und wird) Individuen, die ab-
chen nach deutschem Recht zu verstehen ist (es übersteigt weichende Ansichten von bestimmten historischen Vorgängen
meine Kompetenz, das Verfahren unter der Fragestellung, ob vertreten, jede Möglichkeit genommen, ihren Standpunkt zu
es dem US-amerikanischen „fair trial“-Gebot standhält, zu beweisen. Hierzu paßt, daß das Stuttgarter Gericht sich mit
überprüfen). Im schon erwähnten Kommentar zum Strafge- dem Inhalt des „Gutachtens“ – das den ganz überwiegenden
setzbuch wird der Grundsatz des „fairen Verfahrens“ wie Teil der inkriminierten Schrift ausmacht! – in keiner Weise
folgt beschrieben (Schönke/Schröder, StGB, 26. Auflage, näher befaßte; dessen Inhalt wird nur kurz auf den Seiten 8
Einleitung, Randnummer 28): und 9 angesprochen; bemerkenswert ist jedenfalls, daß kon-
»Hierbei handelt es sich um einen Sammelbegriff, der sich statiert wird, dieses sei »im wesentlichen in wissenschaftli-
aus Einzelelementen zusammensetzt, die zumeist im jewei- chem Stil gehalten« (S. 23). Daß dem Gericht die Beurteilung
ligen Verfahren ihren Niederschlag finden müssen. Die der Frage, ob die im „Gutachten“ mitgeteilten Tatsachen zu-
Wurzel dieses allgemeinen Prozeßgrundrechts findet sich treffend, die daraus gezogenen Schlüsse richtig waren, auf-
in den in einem materiell verstandenen Rechtsstaatsprinzip grund eigener Sachkunde unmöglich gewesen wäre, liegt auf
verbürgten Grundrechten und Grundfreiheiten des Men- der Hand. Eben deshalb gibt die deutsche Strafprozeßordnung
schen […].« die Möglichkeit, sich im Wege eines Sachverständigenbewei-
Aufmerksam zu machen ist in diesem Zusammenhang auch ses fremder Sachkunde zu bedienen. Die Kammer hat aber
auf Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die von der Möglichkeit, mit Hilfe von diversen Sachverständi-
auch von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert wurde. gen verschiedener Fachrichtungen (wie Chemiker, Historiker,
Nach deutschem Recht haben alle Organe der Strafrechtspfle- Bausachverständige) die „Richtigkeit“ des „Gutachtens“ beur-
ge (die Polizei als Ermittlungsbehörde, die Staatsanwalt- teilen zu können, keinen Gebrauch gemacht. Ist es fernlie-
schaft, schließlich die Gerichte) in jedem Stadium des Ver- gend, anzunehmen, daß dies womöglich deshalb geschehen
fahrens den „fair trial“-Grundsatz zu beachten. Da das Urteil ist, weil die Folgen für die inneren und äußeren Verhältnisse
gegen Herrn Rudolf rechtskräftig ist, könnte man davon aus- der Bundesrepublik beträchtlich wären, sollten sich die vom
gehen (was die deutschen Strafverfolgungsorgane sicherlich Angeklagten in der inkriminierten Schrift gezogenen »Schluß-
tun), daß mein Mandant in Stuttgart ein „faires Verfahren“ folgerungen ...« als zutreffend erweisen? Ob dies der Fall hät-
erhalten hat (andernfalls wäre das Urteil ja nicht rechtskräftig te sein können, steht allerdings hier nicht zur Diskussion (und
geworden). Bedenken gegen diese Sicht der Dinge ergeben kann, mangels eigener Sachkunde, auch nicht vom U. beur-
sich allerdings nach meiner Ansicht vor allem aus folgendem: teilt werden). Fest steht jedenfalls, daß dem Angeklagten
Die Verteidigung hatte im Plädoyer einen Hilfsbeweisantrag nicht die Möglichkeit gegeben wurde, die Richtigkeit dessen,
gestellt – d.h. einen Beweisantrag, der nur dann vom Gericht was er geschrieben hatte, zu beweisen.
behandelt werden muß, falls dieses zu einer Verurteilung ge- Fazit: Entgegen der in Deutschland herrschenden Rechtspre-
langen würde, die Verteidigung hatte Freispruch beantragt – chung ist der U. daher der Auffassung, daß ein solches Vor-
der zum Ziel hatte, zu beweisen, daß die im „Gutachten“ ent- gehen einen Verstoß gegen den Grundsatz des „fair trial“ dar-
haltenen »Abschließenden Feststellungen«, insbesondere die stellt. Die Frage, ob Herr Rudolf einen „fairen Prozeß“ erhal-
»Schlußfolgerungen zu A« sowie die »Schlußfolgerungen zu ten hat, muß daher – jedenfalls von mir – leider verneint wer-
B«, zutreffend sind. Das Gericht verurteilte Herrn Rudolf, und den.
behandelte diesen Beweisantrag – was grundsätzlich zulässig
ist – erst im Urteil, wo es hierzu folgendes ausführte (S. 231): III. WURDE HERR RUDOLF DESHALB VERFOLGT UND
»Der Hilfsbeweisantrag läuft im Ergebnis auf eine Leug- VERURTEILT, WEIL ER EINE ABWEICHENDE POLITISCHE
nung des Massenmordes an den Juden, begangen vor allem MEINUNG VERTRAT?
in den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz ZUM VERFAHREN VOR DEM LANDGERICHT STUTTGART (AZ.
hinaus. […] Der Massenmord an den Juden, insbesondere 17 KLS 83/94)
in Auschwitz, ist aber, wie die Rechtsprechung seit langem Ich glaube, dargelegt zu haben, daß es sich bei diesem Ver-
entschieden hat, als geschichtliche Tatsache offenkundig fahren um ein politisches gehandelt hat, ferner, daß „revisio-
und bedarf keiner Beweiserhebung (§ 244 Abs. 3 Satz 2 nistische“ Bestrebungen von deutschen Behörden und Gerich-
StPO).« ten als gegen die Verfassung gerichtet angesehen werden. Zu
Die Verteidigung war (und ist) der Auffassung, daß der Be- beachten ist gleichwohl, daß Gegenstand der Urteilsfindung
weisantrag nicht hätte abgelehnt werden dürfen, sondern daß in Stuttgart n u r das unter Remers Namen herausgegebene
der angebotene Beweis hätte erhoben werden müssen. Richtig „Gutachten“ gewesen ist (wie sich versteht, inklusive Vor-
ist nun allerdings, daß die Rechtsprechung des Bundesge- und Nachwort). Über das „Gutachten“ selbst heißt es im Ur-
richtshofes – was das Bundesverfassungsgericht bestätigt hat teil (S. 23):
– die Ablehnung derartiger Beweisanträge nach § 244 Abs. 3 »Diese Schrift, die die Grundlage aller seiner publizisti-
Satz 2 StPO (mit der Begründung, das Gegenteil dessen, was schen Aktivitäten ist, ist im wesentlichen in wissenschaftli-
bewiesen werden solle, sei offenkundig) für rechtens erklärt chem Stil gehalten. Sie beschäftigt sich mit einem chemi-

184 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


schen Detail (Blausäure-Problematik) und verzichtet auf und ihr Ansehen in der Welt ganz wesentlich bestimmt
allgemeine politische Schlußfolgerungen.« durch die Art und Weise, wie das Hitler-Regime bewertet
Das rechtfertigt den Schluß, daß der Angeklagte vom Gericht wird, vor allem durch die Darstellung über die systemati-
nicht wegen politischer Äußerungen in seinem Gutachten sche Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens in
verurteilt wurde, sondern deshalb, weil ihm Vor- und Nach- Vernichtungslagern. Da der Angeklagte nicht bereit ist, die
wort Remers (im Urteil auf den Seiten 109 a – 114 abge- Folgen für Deutschland und die Deutschen, wie er sie
druckt) zugerechnet worden sind (wobei hier auch die Frage sieht, zu akzeptieren, entschloß er sich, dazu beizutragen,
offen bleiben kann, ob Otto Ernst Remer tatsächlich der Ver- die nationalsozialistischen Massenverbrechen zumindest in
fasser von Vor- wie Nachwort war). Dies wird von der Ur- Zweifel zu ziehen.« (Hervorhebung vom U.).
teilsbegründung (»Rechtliche Würdigung«, S. 233 ff.) des Ur- Es heißt ferner, der Angeklagte habe nach seinem Beitritt zu der
teils bestätigt, wo die erfolgte Verurteilung wegen Volksver- Partei der Republikaner die Überzeugung gewonnen, »daß sei-
hetzung wie folgt begründet wird: ne radikalen Ziele in einer Partei nicht zu erreichen seien« (Ur-
»Mit der Gesamtheit der Remer-Fassung des „Gutachtens“ teil, S. 14). Das Gericht führte ferner aus, daß Herr Rudolf »na-
wird aus politischem Kalkül und aus Haß gegen die Juden tionalsozialistischem Denken, insbesondere dessen Rassenide-
gezielt die Behauptung aufgestellt, die Berichte über die ologie, zumindest nahesteht« (Urteil, S. 15). An anderer Stelle
systematischen Judenmorde in der Zeit des Nationalsozia- (S. 28) steht, es sei ihm von Anfang an darauf angekommen,
lismus, vor allem im Konzentrationslager Auschwitz seien »seine Schrift auch für politische, insbesondere nationalistische
eine reine Erfindung zum Zwecke der Knebelung und Aus- und rassistische Zwecke einzusetzen«. Auf S. 239 wird der An-
beutung Deutschlands«. (Hervorhebung vom U.). tragsteller schließlich als »fanatischer Überzeugungstäter mit
Insgesamt ist festzustellen, daß das Landgericht Stuttgart die einer tiefen antisemitischen Einstellung« charakterisiert.
Motive für die abzuurteilenden Taten des Angeklagten im po- Ich betone: Die Frage, ob diese Einschätzungen des Gerichts
litischen Bereich sieht (ob diese Einschätzung richtig ist, kann zutreffend waren oder nicht, erscheint mir irrelevant. Festzu-
dahinstehen). So heißt es bereits auf S. 14 im Abschnitt B un- stellen ist: Das Gericht hat dem Antragsteller politische Be-
ter der Überschrift »Allgemeines zur Motivation und Strategie weggründe und Ziele zugeschrieben; diese hat das Gericht
des Angeklagten«: negativ bewertet (womit auch begründet wurde, weshalb dem
»Nach seiner Überzeugung war die deutsche Nachkriegs- nicht vorbestraften Angeklagten keine Bewährung zu bewilli-
entwicklung und ist das Selbstverständnis der Deutschen gen sei, S. 239 des Urteils).

Best.-Nr. 45: Ernst Gauss alias Germar Rudolf (Hg.)

Grundlagen zur Zeitgeschichte


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beruhen, darf mit Fug und Recht behauptet wer-
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buch erscheinen. Der Druck einer erweiterten, aktualisierten deutschen Taschenbuch-Neuauflage kann erst erfolgen, wenn
der Altbestand von etwa 450 Büchern zumindest größtenteils abgesetzt wurde. Wir bitten daher um Flüsterpropaganda!

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Die im Rahmen des Asylverfahrens interessierende Frage, ob Gerichts hat jedoch gravierende Folgen (S. 236 des Urteils):
Herr Rudolf (zumindest: auch) wegen – ihm vom Gericht un- »Angesichts der Tatsache, daß die Remer-Fassung als
terstellter? – »politischer Ansichten« verurteilt wurde, dürfte Ganzes kein wissenschaftliches Werk ist, hatte die Kammer
daher zu bejahen sein. nicht zu prüfen, ob Teile des Werkes wissenschaftlichen
Charakter haben (was angesichts der politischen Ziele der
ZUM VERFAHREN AG TÜBINGEN (AZ. 4 LS 15 JS 1535/95) Angeklagten und der oben geschilderten Art, wie er mit
Ich habe Herrn Rudolf in diesem Verfahren nicht verteidigt. Tatsachen umgeht, allerdings unwahrscheinlich er-
Mir ist jedoch bekannt, daß Gegenstand der Anklage gegen scheint).«
ihn dort das von ihm unter dem Pseudonym „Ernst Gauss“ Mit dieser Begründung konnte sich das Gericht einer Aufgabe
herausgegebene Werk Grundlagen zur Zeitgeschichte war. entziehen, die ihm unangenehm hätte werden können: näm-
Dieses Buch wird im Stuttgarter Urteil wie folgt angespro- lich darüber Beweis zu erheben, ob die vom Angeklagten im
chen (S. 239): „Gutachten“ gezogenen Schlußfolgerungen zutreffend sind
»Der Angeklagte hat, was seine Einstellung einmal mehr oder nicht (sollte – was ich nicht beurteilen kann – letzteres
dokumentiert, während und trotz des laufenden Verfahrens der Fall sein: Was hätte dagegen gesprochen, die sachlichen
weitere „revisionistische“ Schriften veröffentlicht bzw. Aussagen des Angeklagten durch einen Beweis in öffentlicher
vorbereitet, die nach der gleichen Strategie der scheinba- Verhandlung durch Sachverständige als falsch festzustellen,
ren Objektivität wiederum darauf abzielen, den Holocaust ja geradezu „zu entlarven“?). Der zweite Vorteil dieser Be-
zu leugnen. So erschien im Herbst 1994 das Buch „Grund- trachtungsweise bestand darin, es dem Antragsteller zu ver-
lagen zur Zeitgeschichte“ und wurde das Buch gegen Pres- wehren, sich auf die Verfassungsgarantien der Freiheit der
sac vorbereitet.« Meinungsäußerung (Art. 5 Abs. 1 GG) sowie der Wissen-
Obwohl mir die Anklageschrift im Tübinger Verfahren nicht schaftsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) zu berufen, s. hierzu Urteil
vorliegt, gehe ich (gestützt auf die obigen Ausführungen der S. 235 f.. Zumindest aber hinsichtlich der Frage, wie der An-
Stuttgarter Richter) davon aus, daß auch der dortigen Anklage geklagte zu bestrafen sei, wäre es aber angebracht gewesen,
letztlich der Vorwurf, der Angeklagte würde „den Holocaust dieser Frage nachzugehen (nach § 46 Abs. 1 StGB ist die
leugnen“ zugrunde liegt (was von der StA u.a. als Volksver- Schuld des Täters die Grundlage für die Strafzumessung).
hetzung, § 130 StGB, betrachtet wird). Auch hier dürfte daher 2. Zur vom Gericht vorgenommenen Beweiswürdigung:
– auch ohne Kenntnis der Einzelheiten – dasselbe gelten, was Diese erscheint nicht in jeder Hinsicht zwingend. Insbesonde-
auch hinsichtlich des Verfahrens vor dem Landgericht Stutt- re die Ausführungen der Kammer zur Frage, ob die Remer-
gart von mir konstatiert wurde: nämlich, daß es sich um ein Aktion nun vom Angeklagten mitgetragen wurde oder nicht,
politisches Verfahren handelt(e). sind nicht gänzlich überzeugend. Was Tatsachenfeststellun-
gen und Beweiswürdigung betrifft, möchte ich auf einige
SONSTIGE STRAFVERFAHREN GEGEN HERRN RUDOLF Punkte hinweisen, die der Kritik bedürfen:
Man wird aufgrund der publizistischen Tätigkeit des Antrag- a) Auf Seite 44 des Urteils zitiert das Gericht Herrn Willy
stellers, die dieser seit seiner Exilierung ausübt, davon ausge- Wallwey als einen der Mitarbeiter am Buch Grundlagen
hen müssen, daß weitere Strafverfahren gegen ihn anhängig zur Zeitgeschichte. Hierzu heißt es dann (Urteil, S. 44):
sind, die derzeit nur deshalb nicht weiterbetrieben werden »Mitarbeitern am Buch stellte er sich mit Schreiben vom
können, weil sich Herr Rudolf nicht in Deutschland aufhält. 27.1.1993, von dem eine Kopie beim Angeklagten ge-
Auch hinsichtlich möglicher weiterer anhängiger Strafverfah- funden wurde, mit den Worten vor: „Ich arbeite in mei-
ren wird man die Aussage wagen können, daß dem Antrag- ner Freizeit als Amateurhistoriker. Bisher war mein Ge-
steller letztlich eine „Leugnung des Holocaust“ zur Last ge- biet meine alte Truppe, nämlich die Waffen-SS ...“ Au-
legt wird. ßerdem schrieb er nach Schilderung seiner Arbeitsbela-
stung als freier Architekt: „Andererseits ist mir klar, daß
IV. SONSTIGE ANMERKUNGEN ZUM URTEIL LG S AZ. 17 KLS es ‚fünf vor zwölf’ ist und den meisten Gleichgesinnten
83/94 die Zeit davon läuft“.«
1. Die inkriminierte Schrift bestand bekanntlich aus zwei Tei- Auf S. 166 kommt das Gericht auf den Zeugen Wallwey
len: Dem eigentlichen „Gutachten“, als dessen Autor der An- nochmals zu sprechen, um die »Einbindung in das rechts-
tragsteller genannt wird, ferner Vor- und Nachwort (als des- extremistische Milieu« des Angeklagten zu belegen. Es
sen Verfasser Herr Otto Ernst Remer auftritt), und das dem heißt dann:
Angeklagten zugerechnet wurde. »Der Zeuge Wallwey „arbeitete“ über seine „alte Trup-
Auffallend ist, daß das Gericht diese „Remer-Fassung“ des pe, die Waffen-SS“ und befürchtete, daß ihm die Zeit zur
Gutachtens als Einheit betrachtet hat (S. 235): Rehabilitierung des Nationalsozialismus davonlaufe«.
»Die Remer Fassung des „Gutachtens“, die einschließlich (Hervorhebung vom U.).
Vor- und Nachwort eine einheitliche Schrift darstellt, ist in Hier unterstellt das Gericht dem Zeugen ganz offensicht-
ihrer Gesamtheit kein wissenschaftliches Werk.« lich alleiniges Ziel seiner Beschäftigung mit der (Ge-
Begründet wird dies wie folgt: schichte der) Waffen-SS sei die »Rehabilitierung des Na-
»Der Angeklagte und seine Mittäter bedienten sich eines tionalsozialismus«. Belege werden hierfür nicht angeführt.
wissenschaftlich scheinenden Hauptteiles des Werkes, um All dies nährt die Befürchtung, daß schon während der
in erster Linie mittels Vor- und Nachwort die genannten Hauptverhandlung das Gericht dem Angeklagten nicht mit
Straftaten zu begehen« (S. 236 des Urteils) der notwendigen Unbefangenheit gegenüberstand.
Dies erscheint abwegig: Wieso hätte sich der Angeklagte b) Auf S. 49 des Urteils heißt es:
dann die Arbeit mit dem „Gutachten“ machen sollen? Hier er- »Zur persönlichen Begegnung zwischen dem Angeklag-
scheinen die Dinge auf den Kopf gestellt. Die Sichtweise des ten und Philipp kam es spätestens am 29.6.1991 aus An-

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laß einer Veranstaltung der J.G. Burg Gesellschaft im weder die Angaben des Angeklagten noch die der Zeugen
Großraum Nürnberg. Anknüpfend an den „Erfolg“ der enthalten mußte (und enthalten hat).
o.g. Anzeigen fand hier eine „geschlossene revisionisti- Gleichfalls werden in deutschen Strafprozessen grundsätz-
sche Veranstaltung“ mit dem Ziel statt, über die weitere lich keine Tonbandprotokolle geführt. Der Vollständigkeit
Vorgehensweise zu beraten.« halber muß hinzugefügt werden, daß in Ausnahmefällen
An anderer Stelle wird besagte – angebliche – Teilnahme das Gericht eine wörtliche Protokollierung anordnen kann,
des Angeklagten an dieser Veranstaltung nochmals er- und zwar gem. § 273 III StPO. Voraussetzung einer sol-
wähnt (Urteil, S. 148): chen Protokollierung ist, »daß es auf den Vorgang oder
»Zum einen nahm er an der von Remer einberufenen, den Wortlaut der Aussage oder Äußerung ankommt. Das
„geschlossenen revisionistischen Veranstaltung“ vom Interesse an der Feststellung kann im Hinblick auf das
29.6.1991 teil, bei der Remer das Grußwort sprach (S. laufende oder auch ein anderes Verfahren begründet sein.
49). Dies zeigt die Kopie eines bei ihm gefundenen aus- Im laufenden Verfahren von Bedeutung sind Vorgänge
gefüllten Anmeldeformulars. Der Angeklagte hat dies oder der Wortlaut von Äußerungen, wenn sie Verfahrens-
auch nicht bestritten.« fehler darstellen oder Ablehnungsgesuche rechtfertigen
Zunächst ist hierzu zu sagen, daß die Veranstaltung – an können, ferner, wenn sie Anlaß zu Beweisanträgen oder
der ich selbst in beruflicher Eigenschaft teilnahm – nicht weiterer Aufklärung bieten können, schließlich, wenn sie
im »Großraum Nürnberg«, sondern in 93426 Roding/ für die Beweiswürdigung von Bedeutung sein können«
Oberpfalz stattfand. Des weiteren: Beim Angeklagten wur- (Karlsruher Kommentar zur Strafprozeßordnung, 4. Aufla-
de nicht eine »Kopie«, sondern ein Original der Anmel- ge, München 1999, § 273 Rn. 23). Diese Voraussetzungen
dung gefunden (die jedoch vom Angeklagten nicht abge- sind sehr selten gegeben.
schickt worden war). Die Darstellung im Urteil legt d) Das Gericht begründete die erfolgte Verurteilung wegen
schließlich den Schluß nahe, Herr Rudolf habe eingeräumt, Aufstachelung zum Rassenhaß u.a. wie folgt (Urteil, S. 235):
an der Veranstaltung teilgenommen zu haben. Ein solcher »Im Zusammenhang mit der Behauptung, daß der Holo-
Schluß wäre unzutreffend: Der Mandant hat dies während caust eine Erfindung der Juden sei, wird damit gezielt
des Prozesses energisch bestritten. Nach allem, was mir zum Haß gegen die Juden aufgestachelt.«
vor, auf und nach der betreffenden Veranstaltung bekannt Gegenstand der Urteilsfindung waren „Gutachten“ nebst
wurde, hat der Angeklagte an dieser n i c h t teilgenom- Vor- und Nachwort. Im „Gutachten“ finden sich keine an-
men. tisemitischen Passagen. Im (von Remer verantworteten)
c) Die Verteidigung hatte etliche Zeugen mit dem Ziel la- Vor- wie Nachwort wird jedenfalls – aber genau dies meint
den lassen, zu beweisen, daß der Angeklagte nicht (neo-) man, wenn man das Urteil liest! – nicht ausdrücklich be-
nationalsozialistisch bzw. antisemitisch eingestellt sei. hauptet, der Holocaust sei »eine Erfindung der Juden«.
Das Gericht führt auf S. 169 des Urteils an, die Zeugen Wie einleuchtet, ist es ein Unterschied, ob jemand eine be-
Philipp, Wallwey, Weckert, Neumaier, Herrmann, Stra- stimmte Tatsache behauptet, oder – wie es hier zugege-
temann, die Eheleute Sternberg, die Mutter, Schwester benerweise nicht auszuschließen ist – Tatsachen darlegt,
sowie der Bruder des Angeklagten – immerhin 11 Perso- aus denen man den Schluß ziehen kann (oder auch nicht!),
nen – hätten in der Hauptverhandlung angegeben, »er eine bestimmte Tatsache sei gegeben. Von der Kammer
habe ihnen gegenüber keine antisemitischen bzw. rechts- konnte verlangt werden, diese Unterscheidung zu treffen.
extremistischen Einstellungen geäußert«, diese Angaben Daß sie nicht getroffen wurde, deutet wiederum darauf hin,
seien jedoch entweder »bewußt falsch« oder »Folge einer daß der Angeklagte kein faires Urteil erhielt. (Angemerkt
gelungenen Täuschung der Zeugen durch den Angeklag- sei, daß Herr Rudolf mit einem Freispruch rechnete – im
ten«. Gegensatz zu mir, was ich damit begründete, daß sich der
Ich konnte diese Überzeugung des Gerichts nicht teilen: deutsche Staat aus politischen Gründen einen solchen im
Die Angaben der Zeugen waren für mich z.T. glaubwürdig, vorliegenden Fall nicht leisten könne).
mithin entlastend.
An dieser Stelle ist auf folgendes aufmerksam zu machen: V. ZUR FRAGE, OB DIE VERHÄNGTE STRAFE
Fehler des Gerichts in der Feststellung der Tatsachen (im UNVERHÄLTNISMÄßIG SCHWER WAR:
Urteil unter Ziffer II unter »Feststellungen« aufgeführt) Grundlage für die Bemessung der Strafe ist gem. § 46 StGB
lassen sich schwer nachweisen, da nach deutschem Straf- Abs. 1 Satz 1 die »Schuld des Täters«. Das Gesetz fährt dann
prozeßrecht grundsätzlich nur bei Strafverfahren vor dem fort, Absatz 2:
Amtsgericht (Einzelrichter oder Schöffengericht) die (zu- »Bei der Zumessung wägt das Gericht die Umstände, die
mindest: inhaltliche) Protokollierung dessen, was der An- für und gegen den Täter sprechen, gegeneinander ab. Da-
geklagte oder was Zeugen sagen, vorgeschrieben ist. bei kommen namentlich in Betracht:
In § 273 Absatz 2 StPO heißt es hierzu: – die Beweggründe und die Ziele des Täters,
»Aus der Hauptverhandlung vor dem Strafrichter und – die Gesinnung, die aus der Tat spricht, und der bei der
dem Schöffengericht sind außerdem die wesentlichen Tat aufgewendete Wille,
Ergebnisse der Vernehmungen (Hervorhebung vom U.) – das Maß der Pflichtwidrigkeit,
in das Protokoll aufzunehmen […]«. – die Art der Auswirkungen und die verschuldeten Auswir-
Wie man sieht, wird solches nur für Verfahren vor dem kungen der Tat,
Amtsgericht verlangt, nicht jedoch für Verfahren vor dem – das Vorleben des Täters, seine persönlichen und wirt-
Landgericht. Der Prozeß gegen Herrn Rudolf wurde je- schaftlichen Verhältnisse sowie
doch vor dem Landgericht geführt; dort wurde zwar auch – sein Verhalten nach der Tat, besonders sein Bemühen,
ein Protokoll (gemäß §§ 271 ff. StPO ) geführt, das aber den Schaden wiedergutzumachen, sowie das Bemühen

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des Täters, einen Ausgleich mit dem Verletzten zu errei- das, was im angefochtenen Urteil stünde, ferner, die Angaben
chen.« seien – entgegen der Bewertung des angegriffenen Urteils –
Auf der Hand liegt, daß das Gericht bei der Strafzumessung doch glaubhaft gewesen.
ein gewisses Ermessen hat. Zugunsten des Angeklagten be-
rücksichtigte das Gericht (Urteil, S. 237), daß der Angeklagte F. Zur Frage, ob dem Antragsteller in Deutschland
»bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten ist«, „politische Verfolgung“ droht, sollte er in den
was doch einigermaßen erstaunlich war, soll es sich doch Geltungsbereich des Grundgesetzes zurückkehren:
nach Ansicht des Gerichts bei diesem um einen »fanatischer 1. Herr Rudolf wurde vom Landgericht Stuttgart mit Urteil
Überzeugungstäter« handeln. Das Gericht berücksichtigte vom 23.6.1995 zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten
ferner, daß der Angeklagte »besonders strafempfindlich« sei, ohne Bewährung verurteilt. Die hiergegen (von RA Lud-
»insbesondere weil er eine Familie mit einem Kleinkind zu wig Bock, Mannheim) eingelegte Revision wurde vom
versorgen hat.« Gleichwohl verhängte die Kammer eine Frei- Bundesgerichtshof verworfen (Az. 1 StR 18/96); dieses ist
heitsstrafe von 14 Monaten, die es nicht zur Bewährung aus- (nach Mitteilung des Antragstellers: seit 7.3.1996) rechts-
setzte. Die hierzu benutzte Formulierung des Gerichts »Eine kräftig. Herr Rudolf Er hat sich bekanntlich dem Haftan-
Aussetzung der Freiheitsstrafe würde sowohl im Hinblick auf tritt durch Flucht in das Ausland entzogen. Es ist daher da-
die Tat und als auch ihre Begehungsweise das Vertrauen der von auszugehen, daß in Deutschland ein entsprechender
Bevölkerung in die Unverbrüchlichkeit der Rechtsordnung Haftbefehl existiert. Zu fragen ist, ob, sollte dieser voll-
erschüttern« sehe ich als nichtssagende, zudem unzutreffende streckt werden können, Herr Rudolf seine Strafe noch ver-
Leerformel an. Das »Vertrauen der Bevölkerung in die Un- büßen müßte. Dies ist anhand des 5. Abschnitt, »Verjäh-
verbrüchlichkeit der Rechtsordnung« wurde und wird von rung«, 2. Titel (»Vollstreckungsverjährung«) des Strafge-
anderen Vorkommnissen – z.B. der vorzeitigen Freisetzung setzbuches zu prüfen. Soweit hier von Interesse, lautet die-
von Sexualtätern, die danach wieder straffällig werden – mehr se Vorschrift wie folgt:
erschüttert, als von der Verbreitung einer Schrift, deren Inhalt »§ 79 StGB, Verjährung
weder damals noch jetzt breite Kreise der Bevölkerung Abs. 1 Eine rechtskräftig verhängte Strafe oder Maß-
interessiert(e). In Anbetracht dessen, daß der Angeklagte nahme […] darf nach Ablauf der Verjährungsfrist nicht
nicht vorbestraft war, und mit einem Kleinkind in geordneten mehr vollstreckt werden.
sozialen Verhältnissen lebte, ferner, daß – was bereits damals […]
abzusehen war – die inkriminierte Publikation in der Abs. 3 Die Verjährungsfrist beträgt […] zehn Jahre bei
Öffentlichkeit letztlich keine Wirkung gezeitigt hatte, Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr bis zu fünf Jah-
erscheint mir die verhängte Strafe unangemessen hoch ren. […]
(statistisch gesehen, werden rund zwei Drittel aller verhängter Abs. 6 Die Verjährung beginnt mit der Rechtskraft der
Freiheitsstrafen zur Bewährung ausgesetzt) Eine Erklärung Entscheidung.«
hierfür könnte darin gesehen werden, daß ein politischer Von Interesse ist hier ferner noch die Vorschrift des § 79 b
Prozeß geführt wurde, in dem angesichts der intensiven StGB:
„revisionistischen“ Tätigkeit des Angeklagten ganz erhebliche »§ 79 b StGB, Verlängerung
Belange des Staates berührt waren. Das Gericht kann die Verjährungsfrist vor ihrem Ablauf
Der Mandant hat bekanntlich gegen das landgerichtliche Ur- auf Antrag der Vollstreckungsbehörde einmal um die
teil das statthafte Rechtsmittel der Revision beim Bundesge- Hälfte der gesetzlichen Verjährungsfrist verlängern,
richtshof eingelegt, die allerdings erfolglos blieb. Hier ist auf wenn der Verurteilte sich in einem Gebiet aufhält, aus
eine Besonderheit des deutschen Strafverfahrensrechts hin- dem seine Auslieferung oder Überstellung nicht erreicht
zuweisen (Darstellung in Grundzügen): werden kann.«
In Fällen geringer Kriminalität und geringer Straferwartung Gegenwärtig ist daher festzustellen, daß die Strafvollstrek-
findet die erste (Tatsachen-)verhandlung vor dem Amtsge- kung des in Stuttgart gesprochenen Urteils noch nicht ver-
richt statt. Gegen ein hier ergehendes Urteil kann Berufung jährt ist (ob die Staatsanwaltschaft einen Antrag nach § 79
eingelegt werden. Die zweite Verhandlung findet sodann vor b StGB gestellt hat, ist hier nicht bekannt).
dem Landgericht statt – vor dem grundsätzlich nochmals alle 2. Darüber hinaus ist Herr Rudolf nicht zu seiner Verhandlung
Beweise, die schon vor dem Amtsgericht erhoben worden in der beim AG Tübingen unter dem Az. 4 Ls 15 Js 1535/95)
sind, nochmals erhoben werden können. Gegen das Urteil des anhängigen Strafsache am 7.5.1996 erschienen, dem die
Landgerichts kann sodann Revision eingelegt werden. Hier Veröffentlichung des von ihm unter dem Pseudonym „Ernst
findet allerdings in der Regel keine erneute mündliche Ver- Gauss“ herausgegeben Buches Grundlagen zur Zeitge-
handlung statt, sondern nur eine Überprüfung des angefochte- schichte zugrunde lag. Obwohl ich, wie schon angesprochen,
nen Urteils auf Rechtsfehler durch das übergeordnete Gericht. Herrn Rudolf in diesem Prozeß nicht verteidigt habe, ist da-
Dabei ist grundsätzlich zu beachten, daß das Revisionsgericht von auszugehen, daß auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein
bei dieser Überprüfung an die tatsächlichen Feststellungen, Haftbefehl erlassen wurde, § 230 Abs. 2 StPO (ob aufgrund
die das untergeordnete Gericht seinem Urteil in den schriftli- der publizistischen Tätigkeit, die Herr Rudolf entfaltete,
chen Urteilsgründen zugrundegelegt hat, gebunden ist; auch nachdem er Deutschland verließ, noch weitere Haftbefehle
die Beweiswürdigung kann nur in seltenen Fällen beanstandet existieren, ist mir nicht bekannt).
werden, da sie ureigene Aufgabe des sogenannten Tatrichters
ist, der in der mündlichen Verhandlung Angeklagten und G. Welche Motive hat der deutsche Staat bei seiner
Zeugen hört. Dies bedeutet, daß in der Revision nur in aller- Verfolgung von Germar Rudolf?
seltensten Fällen mit Aussicht auf Erfolg gerügt werden kann, Vorauszuschicken ist, daß es sich bei der Bundesrepublik
Angeklagter und/oder Zeugen hätten etwas anderes gesagt, als Deutschland, was ihre Entstehung betrifft, um keinen „norma-

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len Staat“ handelt: Die Bundesrepublik Deutschland entstand I. VERFAHREN GEGEN OTTO ERNST REMER VOR DEM
nicht aufgrund einer Entscheidung, sondern aufgrund einer LANDGERICHT SCHWEINFURT (AZ. 1 KLS 8 JS 7494/91)
Lage (in Anlehnung an Ernst Forsthoff); sie war eine „Zan- Dieser wurde durch Urteil vom 22.10.1992 wegen Volkver-
gengeburt der Alliierten“ (ein Ausdruck, der nicht von mir hetzung in fünf Fällen, jeweils in Tateinheit mit Aufstache-
geprägt wurde, sondern von einem Staatsanwalt in Stuttgart in lung zum Rassenhaß, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr
einem Plädoyer in einem politischen Prozeß verwendet wur- und zehn Monaten o h n e Bewährung verurteilt. Die hierge-
de, in dem ich verteidigte). Ein Hinweis auf die besonderen gen eingelegte Revision wurde vom Bundesgerichtshof mit
Bedingungen, unter denen das Grundgesetz entstand, ist des- Beschluß vom 16.11.1993 (Az. 1 StR 193/93) verworfen,
sen letzter Artikel, der auch nach dem Beitritt der DDR fol- wobei folgende, vom Landgericht getroffene tatsächlichen
gende Fassung hat: Feststellungen zugrunde gelegt wurden:
Art. 146: »Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der »Nach den Feststellungen der Strafkammer hängt er (der
Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deut- Angeklagte, d.U.) nationalsozialistischem Gedankengut an.
sche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an Er behauptet in fünf von ihm verbreiteten „Remer-
dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Depeschen“ sinngemäß: Es habe während des Dritten Rei-
Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.« ches keine Gaskammermorde an Juden in Konzentrations-
Dies läßt den Schluß zu, daß das Grundgesetz n i c h t »vom lagern gegeben. Die Behauptung solcher Morde sei von
deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden den Juden erfunden, um das deutsche Volk finanziell bis in
ist.« Historisch gesehen ist die Bundesrepublik eine Antithese die Gegenwart um riesige Summen zu erpressen.«
zum „Dritten Reich“, und hat sich auch immer so verstanden. Der Bundesgerichtshof führte zur Begründung der Ablehnung
Es wurde der Versuch unternommen, nationalsozialistisches der Revision u.a. aus:
Unrecht auch juristisch aufzuarbeiten. Ein bestimmtes Ge- »Zu Recht hat das Landgericht angenommen, der Massen-
schichtsbild – auch von der Judenverfolgung – ist hierbei ent- mord an den Juden, begangen in den Gaskammern von
standen. Dieses wurde Grundlage von Beziehungen besonde- Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs, sei
rer Art zum einen zur in Deutschland lebenden jüdischen als geschichtliche Tatsache offenkundig; eine Beweiserhe-
Gemeinschaft (bzw. – es gehören nicht alle in Deutschland bung darüber sei deshalb überflüssig (§ 244 Abs. 3 Satz 2
lebenden Juden solchen an – zu den in Deutschland lebenden StPO).«
Juden) einerseits, zum Staat Israel anderseits. Es hat auch den Otto Ernst Remer entzog sich dem Haftantritt durch Flucht in
Anschein, als werde das bestehende Geschichtsbild – das u.a. das Exil, wo er auch starb.
die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges beinhaltet – dazu benutzt, politische Gegner im II. VERFAHREN GEGEN UDO WALENDY
Inneren, d.h. von „rechts“ niederzuhalten. Eine Korrektur des VERFAHREN VOR DEM LANDGERICHT BIELEFELD (AZ. 2 KLS 46
Geschichtsbildes auch oder insbesondere des „Holocaust“ be- JS 374/95)
rührt im deutschen Selbstverständnis ein Trauma. Die deut- Der Angeklagte, ein Diplom-Politologe, forscht seit Jahrzehn-
sche Vergangenheit erscheint insoweit noch nicht aufgearbei- ten auf dem Gebiet der Zeitgeschichte und hat etliche Werke
tet, so daß man insoweit von einer „kranken Nation“ und „der zu zeitgeschichtlichen Fragen publiziert, wobei das erstmals
deutschen Neurose“ sprechen kann (im Verhältnis zu jüdi- 1964 erschienene Buch Wahrheit für Deutschland – Die
schen Mitbürgern läßt sich dies alles auch am geltenden Straf- Schuldfrage des Zweiten Weltkriegs als Hauptwerk gelten
recht sowie dessen Anwendung durch Staatsanwaltschaften kann. Daneben veröffentlichte er seit Jahren zeitgeschichtli-
und Gerichte aufzeigen, wobei der deutsche Hang, alles che Erkenntnisse in der Schriftenreihe Historische Tatsachen.
gründlich zu machen, eine verstärkende Rolle spielt). Was ei- Vor dem Landgericht Bielefeld wurde er wegen der Ausgaben
ner historischen Aufarbeitung der jüngeren deutschen Ver- Nr. 1 (»Kriegs-, Verbrechens- oder Propaganda-Opfer?«)
gangenheit – die eine ergebnisoffene Forschung voraussetzt – und Nr. 64 (»Immer neue Bildfälschungen II. Teil«) u.a. we-
erschwerend im Wege steht, sind, wie schon angesprochen, gen Volksverhetzung angeklagt.
massive Sonderinteressen von in- und ausländischen Interes- Die HT Nr. 1 befaßt sich mit der nationalsozialistischen Ju-
senträgern (auch materieller Art). denverfolgung, die HT Nr. 2 mit der Echtheit von Fotos, mit
Ich persönlich halte die gegenwärtige Gesetzeslage wie auch denen vornehmlich deutsche Untaten belegt werden sollen,
die Anwendung der bestehenden Gesetze in Fällen wie dem und deren Authentizität von Herrn Walendy bestritten wird.
vorliegenden für juristisch fragwürdig (um es zurückhaltend Mit Urteil vom 17.5.1996 wurde der Angeklagte wegen
auszudrücken). Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Ver-
storbener zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten ohne Be-
H. Strafrechtliches Vorgehen gegen andere „Leugner des währung verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es, der An-
Holocaust“ geklagte könne sich auch nicht auf das Grundrecht der Frei-
Die Verfahren gegen „Leugner des Holocaust“ werden vor al- heit der Wissenschaft, Art. 5 GG, berufen, beide Druckschrif-
lem wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) sowie wegen Ver- ten seien »nach Inhalt und Form nicht als ernsthafter, plan-
unglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189 StGB) ge- mäßiger Versuch anzusehen, die Wahrheit über die Judenver-
führt. Nicht alle Fälle gelangen in die Öffentlichkeit, dies folgungen und -vernichtungen im Dritten Reich zu ermitteln.«
auch deshalb, weil – falls die Staatsanwaltschaft im Wege des Obwohl dem Angeklagten zugebilligt wurde, er habe »die
Strafbefehlsverfahrens gem. §§ 407 ff. StPO anklagt – es allgemeinen Judenvernichtungsaktionen im Dritten Reich gar
nicht zu einer öffentlichen Verhandlung kommt, wenn der nicht generell bestritten«, hieß es gleichwohl, er habe »in er-
Angeklagte gegen den vom Gericht erlassenen Strafbefehl heblichem Maße verharmlost«. Die gegen das Urteil einge-
keinen Einspruch einlegt. An herausragenden Fällen sind aus legte Revision wurde vom Bundesgerichtshof am 17.5.1996
den letzten Jahren folgende zu nennen: verworfen (rechtskräftig seit 18.12.1996, Az. 4 StR 524/9).

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Eine hiergegen von Herrn Walendy eingelegte Verfassungs- verfolge der Angeklagte »allein das Ziel, die historisch gesi-
beschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht mit Be- cherte Tatsache der systematischen Judenverfolgung und Ju-
schluß vom 27.5.1997 nicht zur Entscheidung angenommen denvernichtung zu leugnen und zu verharmlosen«. Vom An-
(Az. 1 BvR 195/97). Der am 21.1.1927 geborene Angeklagte geklagten wurde ferner gesagt, er habe »ein völliges Desin-
hat die Strafe zwischenzeitlich voll verbüßt (Anträge, den teresse an irgendwelchen Fakten und Einzelheiten zur mas-
Rest der Strafe zur Bewährung auszusetzen, wurden mit der senhaften systematischen Judenvernichtung«. Auf das Grund-
Begründung abgelehnt, dem Verurteilten könne keine günsti- recht der Wissenschaftsfreiheit könne er sich nicht berufen,
ge Sozialprognose gestellt werden). da die inkriminierten Schriften unwissenschaftlich seien.
Der Angeklagte ließ gegen die erfolgte Verurteilung Beru-
VERFAHREN VOR DEM AG HERFORD (AZ. 3 LS 46 JS 71/96 fung einlegen, die jedoch vom Landgericht Bielefeld in der
(97/96) Verhandlung 25.9. 1998 verworfen wurde (Az. 6 Ns 3 Ls 46
Auch hier war der Angeklagte wegen Volksverhetzung und Js 71/96 – W 3/98 VI –) Die hiergegen eingelegte Revision
Verunglimpfung des Andenkens Verstorbene angeklagt, wurde vom OLG Hamm zurückgewiesen. Von den verhäng-
begangen durch Veröffentlichung der Historischen Tatsachen ten 14 Monaten Freiheitsstrafe wurden 11 verbüßt, 3 zur Be-
Nr. 66, 67, 68 und 44. Gegenstand dieser Publikationen wa- währung ausgesetzt.
ren wiederum zeitgeschichtliche Vorgänge, u.a. die national-
sozialistische Judenverfolgung. In der Ausgabe Nr. 66 der HT Fazit
hatte der Angeklagte auf S. 2 der Schrift sein Anliegen wie Es ist derzeit mit einem hohen strafrechtlichen Risiko behaf-
folgt beschrieben: tet, zeitgeschichtliche Forschungsergebnisse zu veröffentli-
»Zweifel an der systematischen Massenvernichtung von chen, die in entscheidenden Punkten (Alleinkriegsschuld
Juden dürfen nach der jetzigen Gesetzeslage in der Bun- Deutschland, Judenvernichtung) von dem abweichen, was
desrepublik nicht bestehen. Es ist deshalb Aufgabe der (auch von den Gerichten) als herrschende, wissenschaftlich
Forschung, Elemente, die zur Begründung von Zweifeln gesicherte Meinung angesehen wird.
dienen können, zu untersuchen und auszuräumen.«
Das Amtsgericht Herford verurteilte Walendy mit Urteil vom
6.5.1997 zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten Haft ohne
Bewährung. Begründet wurde dies u.a. damit, der unbefange-
ne Leser könne den Schluß ziehen, »daß es keinerlei gesi-
cherte Erkenntnisse über eine systematische Judenverfolgung Dr. Günther Herzogenrath-Amelung
und Judenvernichtung gibt, daß sämtliche Zahlen mit großer Rechtsanwalt
Vorsicht zu bewerten sind und daß letztlich überhaupt nicht Regensburg, den 9.9.2001
gesagt werden kann, welche Behauptungen zutreffen oder
nicht.« Konstatiert wurde, mit den Ausgaben Nr. 66 und 68

Geistesfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland


Gutachten zum Fall Germar Rudolf
Von Dr. Claus Nordbruch

I. Theorie and Praxis erheblich ist, ob diese Meinungen „richtig“ oder „falsch“,
„emotional“ oder „rational“ begründet sind, da sie notwendi-
Es besteht kein Zweifel daran, daß Geistesfreiheit (Mei- gerweise subjektiv sind. Für die Wertung einer Äußerung als
nungs-, Informations-, Wissenschafts-, Versammlungs- und Meinung ist das Element der Stellungnahme entscheidend –
Religionsfreiheit) in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) auf den Wert, die Richtigkeit oder die Vernünftigkeit der Äu-
grundgesetzlich geschützt ist. Zu welchem Grad werden diese ßerung kommt es hierbei nicht an.
theoretisch garantierten Grundrechte jedoch in der Praxis Ohne dem Fundamentalgrundrecht der Meinungs(äuße-
verwirklicht? rungs)freiheit, in dem Informationsfreiheit, Wissenschafts-
freiheit und Pressefreiheit wesentliche Aspekte bilden, kann
Begriff und Bedeutung von „Meinung“ es keine freie Willensbildung des Menschen geben.
Um darüber urteilen zu können, zu welchem Grad in der BRD »Die Meinungsfreiheit ist daher das höchste Gut der Bür-
Geistesfreiheit in der Praxis gewährleistet ist, muß vorab der ger einer freien Gesellschaft; der Grad der Einschränkung
Begriff „Meinung“ geklärt werden: „Meinung“ ist eine Äuße- der Meinungsfreiheit markiert den Grad der Entmündi-
2
rung, mit dem der Äußernde einen Beitrag zur geistigen Aus- gung.«
einandersetzung leisten will. Meinungen sind Stellungnah- Des Schutzes durch das Recht auf Meinungsfreiheit bedürfen
men, Anschauungen, Einschätzungen, Auffassungen, Wertun- nur solche Meinungen, die im Gegensatz zu Meinungen der
gen und Werturteile. Gerade Werturteile wurden vom Bun- Herrschenden stehen.
desverfassungsgericht (BVerfG) ausdrücklich als »wertende »Wer apologetische Reden auf die Staatsgewalt hält, be-
1
Betrachtungen von Tatsachen« einbezogen –, wobei es un- darf keines Schutzes. Er ist nicht bedroht. Bedroht ist nur

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der Opponent. Als Freiheit der „Andersdenkenden“ erst die BRD unter den Ländern, in denen die Redefreiheit nicht
hat politische Freiheit, hat Meinungsäußerungsfreiheit, ih- anerkannt werde, zumal:7
re Bedeutung. Als solche ist sie historisch erkämpft wor- »Medien politisch oder wirtschaftlich unter Druck gesetzt
3
den: Von politischen Minderheiten, von Oppositionellen.« und Journalisten persönlich bedroht werden oder Gesetze
Der damalige Bundesinnenminister Gerhart Rudolf Baum der Pressefreiheit widersprechen.«
sprach zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1979 die Im März erhielt der Gutachter ein Schreiben des jetzigen Au-
weisen Worte:4 ßenministers, Joschka Fischer, damals einfaches Bundestags-
»Die Kritik ist das Lebenselement der politischen Kultur mitglied und Fraktionsvorsitzender der Grünen, worin er zu-
einer freiheitlichen Demokratie. Meinungs- und Informati- gab:8
onsfreiheit garantieren diese Kritik. Sie sind essentielles »Aber es gibt in der Tat in der Bundesrepublik auch weit-
und hervorragendes Freiheits- und Bürgerrecht. Das Buch gehende Einschränkungen der Meinungsfreiheit.«
ist wesentlicher Bestandteil dieser politischen Kultur. Es Ebenfalls im März 1996 verlautbarte die Deutsche For-
war immer Ideenträger und Transportmittel geistiger Ent- schungsgemeinschaft, das die Forschungsfreiheit, die im
wicklungen […] Wir müssen Kritik nicht nur tolerieren. Grundgesetz garantiert ist, in Gefahr sei. In einem Memoran-
Demokratische Haltung fordert, ihre Notwendigkeit zu be- dum forderte die Gemeinschaft, die allgemeinen Rahmenbe-
jahen […] Es kann und darf nicht Aufgabe des Staates oder dingungen für die Forschung zu verbessern. Die Wissenschaft
irgendwelcher gesellschaftlichen Kräfte sein, zu bestim- sei zunehmend bedroht durch Gesetze und Normen, Maß-
men, was gedruckt werden darf und was nicht. Vielmehr nahmen der Verwaltung, allgemeine gesetzliche Einschrän-
haben wir die Freiheit zu gewährleisten, auch noch so Ab- kungen und sogar physische Gewalt gegen Wissenschaftler
wegiges zu drucken und zu lesen, solange hierdurch nicht und ihre Einrichtungen.9
verletzend in die Rechte anderer ein-
gegriffen wird. Wir können nicht ei-
nerseits an die Einsicht des „mündi-
gen Bürgers“ appellieren, ihn aber
auf der anderen Seite bevormunden
wollen, wenn es um seine Lektüre
geht.«
Dieser erfreulichen Erkenntnis ist kaum
etwas hinzuzufügen; außer, daß Baum
während seiner Amtszeit gegenteilig
handelte. Seine Amtsnachfolger ebenso.
Laut einer Umfrage des Meinungsfor-
schungsinstituts EMNID von 1979, also
im gleichen Jahr, als Minister Baum
seine Anmerkung machte, betrachteten
vier von fünf Journalisten die Presse-
freiheit als bedroht. Unter den leitenden
Angestellten der Rundfunkanstalten
(Direktoren und Abteilungsleiter) be-
trachteten mehr als die Hälfte die Mei-
nungsfreiheit als gefährdet.5
Im 1994 veröffentlichten Appell zur
Freiheit der Presse seitens des Deut-
scher Journalisten-Verbandes, praktisch
der Gewerkschaft der Journalisten in
Deutschland, hieß es:6
»Justizbehörden und Politiker ge-
fährden die Pressefreiheit in der
Bundesrepublik: In jüngster Zeit ha-
ben sich die Übergriffe von Staats-
anwaltschaften gegen Journalisten
und Redaktionen in Presse und Rund-
funk gehäuft; das Redaktionsgeheim-
nis wurde grob verletzt, das Zeugnis-
verweigerungsrecht der Journalisten
ausgehebelt. Parallel dazu drohen
Politiker mit der Einschränkung der
Pressefreiheit.«
Diese Beurteilung wurde im Sommer
2000 durch eine Äußerung des Interna-
tionalen Presseinstituts untermauert.
Laut Direktor Johann Fritz befinde sich

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Zudem lege es die „politische Korrektheit“ in Deutschland 2. die Anerkennung des millionenfachen Mordes größtenteils
nahe, so Prof. Dr. Konrad Löw, Politologe an der Universität rassisch Verfolgter während des Dritten Reiches.
Bayreuth, bestimmte politische Tabus nicht anzurühren. Man Die BRD bestand gerade zehn Jahre, da formulierte der Poli-
gerate ansonsten in den Verdacht, wegen des Bruchs dieser tikwissenschaftler Theodor Eschenburg diese bundesdeutsche
Tabus rechtsextrem zu sein:10 Basis, auf der der westdeutsche Staat aufgebaut wurde, wie
»Von dort ist [es] nicht mehr weit bis zum Rechtsextremis- folgte:12
mus, und nichts wird in Deutschland – laut demoskopischer »Die Erkenntnis von der unbestrittenen und alleinigen
Umfragen – stärker verachtet als diese politisch-weltan- Schuld Hitlers ist vielmehr eine Grundlage der Politik der
schauliche Position.« Bundesrepublik.«
Dr. Rolf Kosiek, Vorsitzender der Gesellschaft für freie Pu- Auch der einflußreiche Zeitgeschichtler Sebastian Haffner
blizistik, schrieb in einem Rundbrief am 6.4.1999, die Zu- teilte diese Ansicht. Mehr noch, wer am heutigen Status quo
nahme juristischer Maßnahmen gegen Verleger und Autoren (bezüglich der Kriegsschuldfrage) rüttle, der bedrohe gar die
aufgrund der Ausweitung von seit Dezember 1994 gültigen Grundlagen des europäischen Friedens.13 Weiterhin zerstöre
Sondergesetzen zur Einschränkung der Meinungs- und Pres- derjenige die Grundfesten des Selbstverständnisses der deut-
sefreiheit im Bereich der Zeitgeschichte sei besorgniser- schen Gesellschaft, der Auschwitz leugne.14 Diese Ansicht
regend. Kosiek kritisierte die »unverhältnismäßig hohen vertrat 1994 auch der ehemalige Landesgerichtspräsident Ru-
Haft- oder Geldstrafen«, mit denen besagte Berufsgruppe be- dolf Wassermann:15
legt würde. Diese Art der Strafverfolgung sei ein neuerlicher, »Wer die Wahrheit über die nationalsozialistischen Ver-
gegen den Geist des Grundgesetzes gerichteter Versuch, »zur nichtungslager leugnet, gibt die Grundlagen preis, auf de-
Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit mit dem Ziel, nen die Bundesrepublik Deutschland errichtet worden ist.«
die rechte Publizistik zum Schweigen zu bringen und sie wirt- Das Fundament, auf dem die Bundesrepublik Deutschland
schaftlich zu vernichten.« aufgebaut ist, ist, wie der Gutachter zeigen wird, für die prak-
In ganz ähnlicher Weise hatte bereits zwei Jahre zuvor der tische Umsetzung der theoretischen Meinungsäußerungs- und
Eurokurier sein Augenmerk auf die
Strafverfolgung unliebsamer Verleger
gelegt. Mit dem verstärkten politischen
Druck auf dissidente Verlage und Maß-
nahmen gegen rechte Bücher, so das
Mitteilungsblatt für aktuelle Buch- und
Verlagsnachrichten, wolle man offenbar
die Existenz freiheitlich gesinnter Ver-
lagshäuser vernichten.
Zusammengefaßt besteht eine große
Lücke zwischen der theoretisch garan-
tierten Geistesfreiheit und der prakti-
schen Umsetzung in der Realität. Laut
Generalmusikdirektor Prof. Rolf Reuter
ist das intellektuelle Leben im heutigen
Deutschland geprägt durch Gesinnungs-
terror gegen Andersdenkende.11

Der Holocaust als moralisches


Fundament der Bundesrepublik
Deutschland
Die bundesdeutschen Behörden in Poli-
tik, Justiz und an Schulen und Universitä-
ten wie auch die Großmedien sehen den
Holocaust als ein moralisches Funda-
ment, wenn nicht gar als das entschei-
dende moralische Fundament der BRD
an. Der Holocaust hat hier eine Allge-
genwärtigkeit in der täglichen Routine er-
langt. Die Gründe für diesen Umstand
wurzeln im politischen Selbstverständnis
des zeitgenössischen Deutschland. Gera-
dezu wesentlich ist es, an dieser Stelle
hervorzuheben, daß die demokratische
Grundordnung der BRD von zwei ele-
mentaren Prinzipien gekennzeichnet ist:
1. die Anerkennung der Alleinkriegs-
schuld Deutschlands für den Zweiten
Weltkrieg und

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Wissenschaftsfreiheit von gravierender Bedeutung. Es
macht die Umsetzung unmöglich.

Läßt sich geschichtliche Wahrheit per Gesetz


vorschreiben?
Im Januar 2000 gab der stellvertretende Direktor des
Hannah-Arendt-Instituts in Dresden, Prof. Dr. Uwe
Backes, eine im Grunde genommen selbstverständli-
che Äußerung von sich:16
»Mehr als 50 Jahre danach muß es möglich sein,
daß die nachgeborenen Generationen im wissen-
schaftlichen Disput nüchtern und sachlich auch un-
konventionelle Fragen aufwerfen. Junge Wissen-
schaftler müssen heiße Eisen aufgreifen dürfen.«
Es ist nichts falsch an dieser Meinung, sollte man
meinen. Die Realität im heutigen Deutschland sieht
anders aus.
Wie bereits erwähnt, dürfen Schriften nicht in die In-
dexliste aufgenommen werden, wenn sie der Kunst
oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre
dienen. Ohne hierfür die entsprechenden Beweise an-
zuführen, unterstellt die Bundesprüfstelle für jugend-
gefährdende Schriften (BPjS), daß sich gerade auf den
Wissenschafts- und Forschungsparagraphen vor allem
Autoren beriefen, denen es darum ginge, die Ursachen
des Zweiten Weltkrieges unrichtig (sic!) darzustellen,
bzw. die NS-Verbrechen zu verherrlichen, zu ver-
harmlosen oder zu leugnen. Der Wissenschaft, For-
schung und Lehre diene aber nur dann ein Medium, so
die BPjS, wenn in ihm das Wesentliche erfaßt, sorg-
fältige Beobachtungen angestellt, Tatsachen genau
wiedergegeben werden; wenn also der Studie eine
Ernsthaftigkeit obliege.17 Freilich unbeantwortet
bleibt die Frage, wer sich aufgrund welcher Kompe-
tenz befugt fühlt, Wissenschaftlern die Ernsthaftigkeit
ihrer Forschungen abzusprechen und dementspre-
chend unedle Motive oder die Unrichtigkeit ihrer Aus-
führungen zu unterstellen.
Mitte der neunziger Jahre manifestierte sich die politi-
sche Rechtsprechung in der BRD: Im November 1991
referierte der amerikanische Staatsbürger Fred Leuch-
ter in Deutschland über das Thema Judenvernichtung
während des Drittes Reiches,18 was vom Oberstudien-
rat Günter Deckert simultan übersetzt wurde. Auf-
grund dieser Übersetzung verurteilte das Landgericht
Mannheim Deckert im ersten Verfahren am 13. No-
vember 1992 wegen „Volksverhetzung“ zu einer Ge-
fängnisstrafe von einem Jahr und zu einer Geldstrafe
von 10.000.- DM. Sowohl die Verteidigung als auch
die Staatsanwaltschaft legte Revision ein. Der Bun-
desgerichtshof entschied am 15. März 1994, daß der
Fall neu verhandelt werden müsse, da der Straftatbe-
stand der „Volksverhetzung“ von den Mannheimer
Richtern nicht ausreichend dargelegt worden sei.
Wieder setzten die Richter am 22. Juni 1994 das
Strafmaß auf ein Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung
fest. Im selben Zuge bescheinigten die Richter dem
Verurteilten Charakterfestigkeit und edle Motive.19
Deckert sei »ein Mann von hoher Intelligenz« und
»eine charakterstarke, verantwortungsbewußte Per-
sönlichkeit mit klaren Grundsätzen«.20 Dennoch wur-
de Deckert für seine Übersetzung zu einer mehrjähri-

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gen Haftstrafe verurteilt, weil er sich von deren Wortlaut Diese für einen Rechtsstaat unhaltbare Gesetzgebung stieß
nicht genügend distanziert habe. Seit wann und wo, außer in auf heftige Kritik. Der liberale Publizist Horst Meier, der sich
der BRD, muß sich ein Dolmetscher, noch dazu ein Simul- in der Vergangenheit schon oft öffentlich für die Meinungs-
tandolmetscher, von einem nicht selbst verfaßten und aus ei- äußerungsfreiheit des politisch Andersdenkenden eingesetzt
ner anderen Sprache übersetzten Text distanzieren?21 hatte, verurteilte das „Auschwitz-Lügen-Gesetz“ scharf. In
Für viele Repräsentanten der BRD war diese Urteilsverkün- der linksradikalen tageszeitung bezeichnete er »die Verknüp-
dung nicht hart genug. Für Regierungssprecher Schäfer fung von Geschichtspolitik und Gewaltmonopol« als »Ar-
(CDU) beispielsweise sind von diesem Urteil »schlimme Si- mutszeugnis für die Demokratie«. In seiner umfangreichen
gnale« ausgegangen, die er bedaure, und für Bundeskanzler Stellungnahme hebt Meier hervor, daß die Verschärfung des
Helmut Kohl war das Urteil »völlig unverständlich«,22 wie Volksverhetzungsparagraphen »die politische Freiheit poten-
immer man das auch bewerten mag. Der ehemalige SPD- tiell aller zur Disposition gestellt und das demokratische
Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen bezeichnete das Selbstbewußtsein korrumpiert« habe.26
Urteil als den »unglaublichsten Justizskandal« der vergange- Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig gab vor laufen-
nen Dekade.23 Der deutsche P.E.N. erwog sogar einen Straf- der Kamera in der 3-SAT-Fernsehsendung Bei Ruge am 10.
antrag gegen die Richter wegen Volksverhetzung, begnügte März 1996 folgende bekennende Stellungnahme ab:
sich aber schließlich doch noch damit, Bundespräsident Ro- »Unsere Sicht von Meinungsfreiheit ist in der Tat anders
man Herzog um Intervenierung zu bitten. Der Jüdische Welt- als in den USA, das wissen Sie ja auch und haben vorhin
kongreß sah in dem Richterspruch, bei dem es sich um rech- schon darauf hingewiesen. Wir werden – und das finde ich
tes und antisemitisches Gedankengut handele, das bisher nur einigermaßen bedrückend – binnen kurzem von den USA
von Neonazis verwendet worden sei, »eine Attacke auf das wegen unserer Bestrafung der Auschwitzlüge eine förmli-
jüdische Volk« und als »Freibrief für Nazis«.24 che, hm, na, nicht ‘ne Anklage, eine förmliche Rüge über
Was sich daran anschloß, ist nicht nur ein klares Anzeichen die Vereinten Nationen bekommen, weil wir auf diese Art
dafür, wie sehr die Meinungsfreiheit in der BRD tatsächlich und Weise Meinungsfreiheit einschränken.«
geschützt ist, sonder auch inwieweit die Rechtsprechung Selbst der linken Süddeutschen Zeitung, die über sämtliche
wirklich unabhängig ist. Für ihre positive Charakterisierung revisionistische Ambitionen erhaben ist, ist die eingeschlage-
Deckerts wurden die (sozialdemokratischen!) Richter Wolf- ne Marschrichtung aufgefallen. Am 8. Oktober 1998 stellte
gang Müller und Rainer Orlet vom Gerichtspräsidenten zu- sie mit Recht fest, daß das Bundesverfassungsgericht hervor-
nächst beurlaubt; ein bequemer Vorwand, eine vorzeitige Ent- gehoben habe, daß »nicht nur wertvolle, sondern auch fal-
lassung vorzubereiten. Die Suspendierung fand tatsächlich sche, ja verwerfliche Meinungen geschützt« seien.
mit der vorzeitigen Pensionierung des Richters Orlet ihren für »In der Tat wäre es absurd, wenn der Staat festschriebe,
die BRD zu bezeichnenden Höhepunkt. Der Bundesgerichts- für welche Meinungen die Meinungsfreiheit gilt. Genau
hof als Revisionsinstanz hob das Urteil am 22. Juni 1994 dies tut er aber im neuen Paragraphen 130 III StGB. Der
wiederum auf. Deckert wurde anschließend seinem gesetzli- Gesetzgeber gibt historische Tatsachen wieder und verbie-
chen Richter entzogen und von „willigen“ Richtern in Karls- tet bei Strafe nicht nur, sie zu leugnen, sondern auch, sie
ruhe zu zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt. Das Urteil anders zu bewerten, nämlich zu verharmlosen. […] Wer
wurde rechtskräftig. Nur bei einigen wenigen Medien flamm- aber mit dem Strafrecht kommt, begeht einen gefährlichen
te das schlechte Gewissen noch einmal kurz auf, so war bei- Weg. Er gefährdet die geistige Freiheit.«
spielsweise in der Welt und der Frankfurter Allgemeinen Zei- Prof. Dr. Gottfried Dietze, Menschenrechtler an der John
tung vom 30. August 1994 bereits auf Seite zwei zu lesen: Hopkins Universität, meint, daß sich der Paragraph 130 des
»Ein Mann wie Deckert würde in den Niederlanden, in Strafgesetzbuches gegen die »gehegte und gepflegte rechtli-
Großbritannien oder Dänemark nicht bestraft werden. In che Beschützung der Meinungsäußerung stellt und damit den
keinem einzigen Land Europas wäre er vor den Richter ge- Rahmen des allgemein Anerkannten mißachtet.« Er wirft auf
kommen.« diesen Gedanken die Frage auf,27
Im April 1994 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, daß »ob er auch aus dem Rahmen des Grundgesetzes fällt und
diejenigen, die die „Auschwitzlüge“ verbreiten, also das Tö- als verfassungswidrig erklärt werden muß. Die Schaffung
ten durch Gas von Millionen von Juden während des Dritten des Grundgesetzes war eine begrüßenswerte Entscheidung
Reiches in Frage stellen, nicht länger durch die grundgesetz- gegen den nationalsozialistischen Machtstaat. Damalige
lich garantierte Meinungs(äußerungs)freiheit geschützt wür- Bemühungen, einen Rückfall in eine Diktatur zu verhin-
den. Human Rights Watch, die nach Amnesty International dern, sind verständlich, auch wenn sie Grundrechte diesbe-
größte Menschenrechtsorganisation, kommentierte diesen züglich beschränkten. Ob angesichts der Tatsache, daß die
Entscheid mit den Worten:25 Gefahr eines solchen Rückfalls nicht besteht, fast ein hal-
»Das Urteil des Gerichts scheint das geschützte Recht auf bes Jahrhundert danach eine Bestimmung wie die des Pa-
Rede- und Ausdrucksfreiheit über Gebühr einzuschränken«. ragraphen 130 StGB. gerechtfertigt ist, ist zweifelhaft, und
Als direkte Folge dieses Entscheides stimmte der Bundestag ich möchte das verneinen.«
am 20. Mai 1994 einem „Auschwitz-Lügen-Gesetz“ zu, in Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke emp-
dem es im §130 Abs. 3 ausdrücklich heißt: findet die politische Justiz gegen rechts als
»Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe »Gesinnungsjustiz, bei der es vor allem um die rechtliche
wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des National- Sanktionierung individueller inkriminierter Meinungen,
sozialismus begangene Handlung der in §220a Abs. 1 letztlich aber auch um die staatliche Regulierung gesell-
[Völkermord] bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet schaftlicher Kommunikation geht. […] Politische Justiz
ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in gegen rechts […] richtet sich daher vornehmlich auf die
einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost«. Ebene der öffentlich geäußerten Meinungen und Gesin-

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nungen. Die Schwelle des Strafrechts setzt gegen rechts nem tatsächlich freiheitlichen Staat unwürdig ist, da er ihn ad
viel früher ein als gegen links. […] Daß Gesinnungen nicht absurdum stellt.
unter Strafe gestellt werden dürfen, daß auch Meinungen,
die der historischen Wahrheit zuwiderlaufen, als individu-
elle Äußerungen legitim sind, daß die Allgemeinheit des II. Büchervernichtung und Verfolgung
Gesetzes verbietet, bestimmte Meinungen zu kriminalisie- Intellektueller
ren, daß der Staatsanwalt nicht Sanitäter sein kann, um die
Gesellschaft vor Ansteckung durch Ideologie zu bewahren, Bezüglich der Strafverfolgung von Autoren (sowie Herausge-
all diese hehren Grundsätze des liberalen Rechtsstaates bern, Journalisten, Verlegern, Wissenschaftlern und sogar
gelten oft wenig, wenn es gegen rechts geht.«28 Buchhändlern und Druckern) und dem Verbot und der Ver-
Sogar Dr. Wolfgang Schäuble, vormaliger Bundesinnenmini- nichtung von Büchern sowie Zeitschriften und anderen In-
ster, gestand am 24.4.1996 in der Frankfurter Allgemeinen formationsträgern in der BRD unterscheidet man zwei ver-
Zeitung: schiedene Stufen. In der ersten Stufen werden Schriften auf
»Man könnte, wenn man in einem abstrakten Raum wäre, den Index gesetzt, in der zweiten schließlich werden sie ge-
natürlich trefflich darüber streiten, daß es unter juristi- richtlich eingezogen, wonach gewöhnlich deren physische
schen Gesichtspunkten eigentlich Unfug ist, Meinungsäu- Vernichtung folgt. Die Indizierung erfolgt durch die BPjS.
ßerungen zu verbieten«. »Es ist hervorzuheben und ganz besonders deutlich zu ma-
Es ist verständlich, wenn die Bundesregierung alles versucht, chen, daß von der BPjS indizierte Bücher und Schriften
einem neuen Antisemitismus vorbeugend entgegenzuwirken. Medien sind, für die nicht mehr geworben werden darf. Sie
Aber die Hysterie, mit der das Gesetz und alle mit ihr ver- dürfen auch nicht mehr öffentlich verkauft werden. Selbst
bundenen Verordnungen in die Praxis umgesetzt wird »über- die bloße Nennung des Titels eines indizierten Werks ist
steigert aktive Verneinung des Antisemitismus. Die Erkennt- verboten. Die Verkaufsmöglichkeiten sind somit überaus
nisse der Philosophie belegen, daß das auf ein Wollen des bescheiden. Indizierte Schriften sind faktisch nur unter dem
Unmöglichen hinausläuft. Die Maßnahmen werden das Ge- Ladentisch zu erhalten - und damit auch für Erwachsene
genteil des offiziell Beabsichtigten bewirken«, denn was die praktisch nicht mehr zugänglich. Faktisch handelt es sich
verantwortlichen Politiker augenblicklich tun, läuft bei einer Indizierung um Zensur. Das Bundesverwaltungs-
»de facto auf ein nachhaltiges Schüren von Rassenhaß hin- gericht gab bereits 1967 zu: „Die Indizierung einer ju-
aus. Eine Politik aber, die Rassismus dämpfen will und gendgefährdenden Schrift kommt […] fast ihrem Verbot
ihm, wo er sich schon nicht ganz vermeiden läßt, eine un- gleich. Sie bedeutet einen schweren Eingriff in die Rechte
bedeutende Nebenrolle im politischen Geschehen zuweisen des Verfassers und Verlegers. Darüber hinaus stellt sie ei-
will, muß auf übersteigerte Gegenmaßnahmen verzichten. ne empfindliche Beschränkung des Informationsrechtes der
Die Anwendung unverhältnismäßiger Mittel bewirkt dialek- Erwachsenen dar.“«30
tisch das Gegenteil. […] Besonnenheit im Umgang mit die- Von der Kriminalisierung und Rufschädigung des betroffenen
sen Fragen und Wahrung der demokratischen Prinzipien in Autors ganz zu schweigen.
einer offenen, von Gesinnungsjustiz unbeeinträchtigten Als Folge dessen sehen sich Autoren häufig einer Kriminali-
Diskussion wäre sicher eine gute Voraussetzung für eine sierung und Diffamierung ausgesetzt. Das Ansehen des Au-
friedliche Zukunft. Wenn sie neue Katastrophen vermeiden tors wird erschüttert und letztlich zerstört, dies insbesondere
wollen, müssen die politisch Verantwortlichen in den deut- nach der gerichtlichen Einziehung seiner Schriften.
schen Parlamenten und Behörden zu solcher Besonnenheit
auf dem Boden uneingeschränkter Meinungsfreiheit finden. Erste Beispiel der Buchzensur: Der Fall Dr. Wilhelm
Sie müssen ganz besonders in diesem Punkt den Menschen- Stäglich
rechten, die sie auf dem Papier anerkannt haben, auch in 1979 hatte das Bundesministerium für Jugend, Familie und
ihrem Lande Geltung verschaffen. Dabei ist dem Recht auf Gesundheit bei der ihm unterstehenden BPjS einen Antrag auf
Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik der gleiche Stel- Indizierung des Buches Der Auschwitz-Mythos von Wilhelm
lenwert einzuräumen wie in anderen demokratischen Län- Stäglich, einem promovierten Juristen und Richter am Ham-
dern. Interessengegensätze und Meinungsverschiedenhei- burger Finanzgericht gestellt, mit der Begründung, es bestrei-
ten sollten mit Worten und nicht mit Waffen ausgetragen te »die systematische Judenvernichtung in Auschwitz« und
werden. Das freie Wort möge die Waffen überflüssig ma- liefe »damit dem Gedanken der Völkerverständigung zuwi-
chen. Diese Chance hat es nur, wenn es erlaubt ist.«29 der«.31 Weiterhin wurde dem Buch auf unwissenschaftliche
Diese Sondergesetze, die zunehmend eingeführt und gegen Weise sein wissenschaftlicher Charakter abgesprochen.
Autoren, Journalisten, Verleger und Wissenschaftler wegen Grund genug für die BPjS, das Buch mit der Begründung zu
ihrer Meinungsäußerungen angewandt werden, haben nichts indizieren, die Studie desorientiere Kinder und Jugendliche
mehr mit vertretbaren Einschränkungen der Meinungsfreiheit sozialethisch.
zu tun, sondern sind eindeutige Beweise für die einseitige Be- Es blieb jedoch nicht nur bei der Indizierung des Buches.
schneidung der Presse-, Meinungsäußerungs- und Wissen- Vielmehr kam es noch zu einem Gerichtsverfahren, da Der
schaftsfreiheit in der BRD und damit für die Aufhebung der Auschwitz-Mythos den Tatbestand der Volksverhetzung ge-
Geistesfreiheit dort. Diese Gesetze, und insbesondere §130 mäß § 130 StGB erfülle. 1982 wurde das Werk von Stäglich
StGB, sind Eingriffe des Staates in die Diskussion bestimmter schließlich beschlagnahmt und eingezogen. Eine umgehende
Fragen der Zeitgeschichte und müssen daher abgelehnt wer- Revision wurde vom Bundesgerichtshof verworfen, die Ver-
den. Dieser „Wahrheitsparagraph“ bedeutet nichts weniger als fassungsbeschwerden des Verlegers und des Autors nahm das
die staatliche Beschneidung geistiger Auseinandersetzung und Bundesverfassungsgericht mit der Begründung »Aussichtslo-
behindert damit die freie politische Willensbildung, was ei- sigkeit« nicht an.

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Doch damit noch nicht genug: Am 24. März 1983 erkannte wurde, mit der Begründung, das Buch widerspreche „histori-
die Universität Göttingen Stäglich seine Doktorwürde mit der schen Tatsachen“. Hierfür blieb die BPjS freilich die entspre-
Begründung ab, er habe seinen 1951 verliehenen Doktorgrad chenden Beweise schuldig. Jedenfalls sei die Wahrheit Für
mißbraucht. Pikanterweise stützte sich hierbei die Rechtspre- Deutschland geeignet, »Jugendliche sozialethisch zu verwir-
chung auf das Reichsgesetz über die Führung akademischer ren und in der Entwicklung zu gefährden«. Daraufhin beauf-
Grade vom 7.6.1939 (Reichsgesetzblatt I, S. 985) und die da- tragte das zwölfköpfige Gremium der BPjS das vom Bund
zu ergangene Durchführungsverordnung vom 21.7.1939 und den Ländern finanzierte Münchener Institut für Zeitge-
(Reichsgesetzblatt I, S. 1326), denen zufolge ein akademi- schichte, in einem Gutachten den Wahrheitsgehalt des Buches
scher Grad wieder entzogen wird, wenn sich sein Träger zum festzustellen. Hermann Graml, Angestellter des Instituts,
Führen eines solchen Grades als unwürdig erweist. Zwischen- sprach dem Buch den Wahrheitsgehalt gänzlich ab. Wahrheit
zeitlich wurden sowohl das Buchverbot als auch die Aber- Für Deutschland sei »als gefährlich« zu bezeichnen. Auch
kennung der Doktorwürde von diversen Gerichten bestätigt. Graml lieferte keine Beweise für seine folgenreiche Behaup-
Hinsichtlich der Verurteilungen und Maßnahmen gegen Wil- tung. Das hinderte die BPJS jedoch nicht, das »gefährliche«
helm Stäglich wollen wir uns mit dem Rechtsgelehrten Eck- Buch 1979 zu indizieren.
hard Jesse fragen, »ob diese Vorgehensweise wirklich nötig 1980 legte der Historiker Georg Franz ein weiteres, allerdings
gewesen ist. Außenstehende könnten glauben, an den Thesen der Auffassung des Instituts für Zeitgeschichte entgegenge-
Stäglichs sei „doch etwas dran“.«32 Zu diesem Vorwurf stelltes Gutachten beim Verwaltungsgericht Köln vor, in dem
kommt erschwerend hinzu, daß das Buch seit Jahren im Aus- die Wissenschaftlichkeit des Buches sehr wohl bestätigt und
land neu aufgelegt und vertrieben wird. ausdrücklich hervorgehoben wurde. Daraufhin hob 1984 das
In entwaffnender Einfachheit und Logik äußerte sich ein Oberverwaltungsgericht Münster die 1979 von der BPjS an-
mündiger Bürger in einer der größten deutschen Ta- geordnete Indizierung des Buches mit der Begründung auf,
geszeitungen und stellte den Stäglich-Skandal ohne Um- daß ein Großteil des Gutachtergremiums das Buch entweder
schweife bloß:33 nicht gelesen hatte oder aber die Prüfer nicht über die not-
»Kein Ernstzunehmender bezweifelt, daß Juden im Dritten wendige fachliche Sachkompetenz verfügten. Wörtlich heißt
Reich verfolgt und ermordet wurden. Wer sich mit diesem es in dem Urteil (Az.: 20 A 1143/81), daß die Entscheidung
Thema auseinandersetzt, muß in einem Rechtsstaat aber der Bundesprüfstelle, das Buch zu indizieren, »an einem In-
doch wohl untersuchen dürfen, was glaubwürdig, was un- formationsdefizit der beurteilenden Personen« leide und da-
glaubwürdig und was gar technisch unmöglich ist. Wenn mit gegen anerkannte Grundsätze der Ausübung des der
Gesetze die historische Forschung zu diesem Komplex ver- Bundesprüfstelle zustehenden Beurteilungsspielraums« ver-
bieten, wenn Sachverständige bei Strafandrohung nicht stoße.
aussagen dürfen, dann kommt man doch zwangsläufig zu Trotz dieser eindeutigen Entscheidung glaubte die Bun-
der Vermutung, daß an den Deutschland so schwer bela- desregierung am 20.3.1984 gegen dieses Urteil mit der Be-
stenden Beschuldigungen vieles nicht der Nachprüfung hauptung, das Buch sei »nicht zu Zwecken der Wissenschaft
standhalten würde.« zu dienen bestimmt«, Revision einlegen zu müssen. Daraufhin
Nun heißt es doch in § 1 Abs. 2 GjS u. a., daß Schriften nicht beschloß das Bundesverwaltungsgericht am 3.3.1987, das
in die Indexliste aufgenommen werden dürfen, wenn sie der Buch wieder zu indizieren.35 Der politische Tischtennismei-
Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre nungsfreiheitsthriller war bei weitem noch nicht ausgestan-
dienten. Auch das BPjS stellt, den Schein von Rechtsstaat- den. Das neuerliche Urteil des BVerwG wurde vom Autor
lichkeit wahrend, fest: nicht akzeptiert. Walendy beantragte Revision beim Bundes-
»Grundsätzlich darf, was der Wissenschaft, Forschung und verfassungsgericht, das am 11.1.1994 zu seinen Gunsten ent-
Lehre dient, nicht indiziert werden.« schied, da das Buch sehr wohl in den Schutzbereich des Art.
Nur ist die BPjS der Auffassung, daß sich gerade auf den 5 Abs. 1 Satz 1 GG falle:36
Wissenschafts- und Forschungsparagraphen vor allem Auto- »Auch Jugendliche können nur dann zu mündigen Staats-
ren beriefen, denen es darum ginge, die Ursachen des Zwei- bürgern werden, wenn ihre Kritikfähigkeit in Auseinander-
ten Weltkrieges unrichtig (sic!) darzustellen bzw. die NS- setzung mit unterschiedlichen Meinungen gestärkt wird.
Verbrechen zu verherrlichen, zu verharmlosen oder zu Das gilt in besonderem Maße für die Auseinandersetzung
leugnen. Der Wissenschaft, Forschung und Lehre diene aber mit der jüngeren deutschen Geschichte. Die Vermittlung
nur dann ein Medium, so die BPjS, das BVerfG kopierend, des historischen Geschehens und die kritische Auseinan-
wenn in ihm das Wesentliche erfaßt, sorgfältige Beobach- dersetzung mit abweichenden Meinungen können die Ju-
tungen angestellt, Tatsachen genau wiedergegeben würden; gend sehr viel wirksamer vor Anfälligkeit für verzerrende
wenn also der Studie eine Ernsthaftigkeit obliege.34 Geschichtsdarstellungen schützen als eine Indizierung, die
Freilich unbeantwortet bleibt die Frage, wer sich aufgrund solchen Meinungen sogar eine unberechtigte Anziehungs-
welcher Kompetenz befugt fühlt, beispielsweise Stäglich die kraft verleihen könnte.«
Ernsthaftigkeit seiner Forschungen abzusprechen und dem- Damit wurde die Indizierung von Wahrheit Für Deutschland
entsprechend unedle Motive oder die Unrichtigkeit seiner aufgehoben. Die deutsche Zensurbehörde jedoch fand sich
Ausführungen zu unterstellen. damit nicht ab und setzte sich einmal mehr über das Urteil des
höchsten deutschen Gerichts hinweg. So wurde das Buch am
Zweites Beispiel der Buchzensur: Der Fall Udo Walendy 3.11.1994 mit der Begründung, es würde auf eine »Rein-
Am 28.8.1978 beantragte das Jugendamt Hamm die Indi- waschung Hitlers von jedweder Schuld am Ausbruch des
zierung des Buches Wahrheit für Deutschland. Die Schuld- Zweiten Weltkrieges« abzielen und sei damit als »jugendge-
frage des Zweiten Weltkrieges von Udo Walendy, das 1964 in fährdend im Sinne von § 1 Absatz 1 GjS« zu betrachten, er-
erster Auflage erschien und seitdem mehrmals neuaufgelegt neut indiziert. Im sich daran anschließenden Rechtsstreit je-

196 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


doch hob das oberste deutsche Gericht diese Zensur erneut sein mag, so hindert einen dies an einer freien und objektiven
auf. Auseinandersetzung mit diesen Themen.
Der „Fall Walendy“ war damit allerdings nicht zu Ende. 1996 Um im heutigen Deutschland verfolgt zu werden, bedarf es
wurde dieser Verleger und Historiker ohne Vorstrafe vom durchaus nicht einer antisemitischen Einstellung. Es reicht
Landgericht Bielefeld wegen „Volksverhetzung“ und „Unbe- schon, eine Meinung zu äußern, die nicht mit der offiziellen
lehrbarkeit“ zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt37 sowie kurz Meinung im weiteren Sinne deckungsgleich ist. Zum Beweis
darauf zu weiteren 14 Monaten durch das Landgericht Her- dieses Umstandes gibt es kaum ein besseres Beispiel als die
ford, beides wegen verschiedener Ausgaben von Walendys Strafverfolgung und Verurteilung des esoterischen Autors
geschichtsrevisionistischer Zeitschrift Historische Tatsachen. Trutz Hardo alias Tom Hockemeyer zu beleuchten.
Die vom Gericht angegebenen Gründe waren milde ausge- Trutz Hardo ist ein Anhänger des Glaubens an die Wieder-
drückt recht seltsam: Walendy wurde für etwas verurteilt, das geburt und ein Experte der sogenannten Rückführungsthe-
er nicht geschrieben hatte, was laut Gericht bedeutet, er habe rapie. In den 90er Jahren hat er zu diesen Themen ein hal-
sich nicht genügend mit Ansichten auseinandergesetzt, die bes Duzend Bücher und einige Videos und CDs verfaßt.40
seinen revisionistischen Ansichten widersprechen.38 Walen- Hardo glaubt an das Konzept des Karma, das in Indien weit
dys anschließende Beschwerde beim Bundesverfassungsge- verbreitet ist. Kernpunkt dieses Glaubens ist die Wiederge-
richt wurde abgewiesen.39 Wie die Entwicklung des Falles burt des Menschen. Während seines Lebens ernte der
Walendy zeigt, waren die Behörden offenbar nicht an einer Mensch, was er sich durch Taten in seinem/n vorhergehen-
wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Walendys Hypo- den Leben verdient habe. Pech und Krankheiten seien da-
thesen interessiert, sondern lediglich daran, die Existenz eines nach zum Beispiel die Folgen böser Taten in früheren Le-
lästigen Dissidenten zu vernichten. benszeiten. Der Doktrin des Karma folgend entscheide nicht
Anfang 1996 wurden Walendys Büro- und Privaträume er- der freie Wille über unser Leben auf Erden. Dies gelte für
neut von der Polizei durchsucht. Datenträger wurden kopiert, jedermann.
Bücher, Zeitschriften, Ordner und Sicherheitskopien von 1996 schrieb Trutz Hardo den Roman Jedem das Seine.
Datenträgern beschlagnahmt. In einem Brief an seine Kunden Darin beschreibt er als Fiktion die Anwendung der Karma-
vom 28.2.1996 teilte Walendy mit, daß er sich der ihm aufge- Doktrin auf die Verfolgung der Juden und den Massenmord
zwungenen Gewalt beuge: an Juden während des Dritten Reiches. Tatsächlich stellte er
»In einer für mich und meine Familie so außerordentlich eine Verbindung her zwischen ihrem grausamen Schicksal
eskalierten Situation, da die Verhältnismäßigkeit der Mittel und ihren Taten in vorhergehenden Leben, freilich im Sinne
offenbar nicht mehr gewahrt wird, dürfte es mir wohl auf der Karma-Doktrin. Kurz nach der Veröffentlichung des
Grund behördlicher Einwirkung nicht mehr möglich sein, Romans wurde Hardo wegen Volksverhetzung verfolgt,
die von mir vorgesehene und von Ihnen, wie ich aus vielen nachdem er von linken Interessengruppen angezeigt worden
Gesprächen weiß, erhoffte Arbeit fortzusetzen. Wissen- war. Es gelang dem Angeklagten zwar vor Gericht nachzu-
schaft setzt Freiheit der Forschung voraus. Das für das weisen, daß er nicht antisemitisch eingestellt ist. (Hardo be-
Frühjahr traditionsgemäß vorgesehene Lesertreffen kann zweifelt die Massenvergasung von Juden im Dritten Reich
ich aus Verantwortungsbewußtsein auch Ihnen gegenüber nicht, ganz im Gegenteil: er schätzt die Zahl der Opfer gar
nicht durchführen.« auf elf Millionen.) Unter seinen engsten Freunden befinden
Im Herbst 1997 trat der herzkranke, mittlerweile 70jährige sich mehrere Rabbiner.41 Während des 6-Tage-Krieges im
Walendy seine Haftstrafe an. Zu allem Überfluß wurde Wa- Jahr 1967 kämpfte er gar als Freiwilliger auf Seiten Israels
lendy am 15.9.1999 vom Oberkreisdirektor Herford auch gegen die Araber.
noch offiziell mitgeteilt, daß ihm seine Gewerbelizenz zur Dennoch wurde Hardo am 4. Mai 1998 vom Amtsgericht
Führung seines Verlags und der ihm angeschlossenen Ver- Neuwied zu einer Strafe von DM 4.000 DM verurteilt, was in
sandbuchhandlung entzogen worden sei. Als Grund wurde der Berufung vor dem Landgericht Koblenz am 21. Mai 2000
angegeben, nach dem Gesamtbild seines Verhaltens sei die auf DM 5.400 hochgesetzt wurde. Zudem wurde sein Buch
Gewähr nicht geboten, daß er seinen selbständigen Gewerbe- Jedem das Seine auf den Index gesetzt sowie per Gerichtsbe-
betrieb künftig ordnungsgemäß, sprich im Einklang mit den schluß eingezogen. Im deutschsprachigen Ausland ist es al-
bestehenden Gesetzen, in der Weise führe, daß Belange der lerdings nach wie vor erhältlich.
Allgemeinheit nicht beeinträchtigt würden. Walendy wurde Die linksliberale Bürgerrechtsvereinigung Humanistische
Anfang 2001 aus der Haft entlassen und steht nun mittellos Union protestierte gegen die Verurteilung in der ersten In-
da. stanz. In einem Appell an das Koblenzer Gericht schrieb der
Die aus politischen Gründen erfolgende Verfolgung von un- Bundesvorsitzende Till Müller-Heidelberg:42
liebsamen Wissenschaftlern zielt also auch, wie am Beispiel »Es muß möglich sein, esotherische Bücher – auch mit dem
Walendy ganz deutlich zu sehen ist, auf die existentielle Ver- Normalmenschen verquer erscheinenden Ansichten – zu
nichtung ab. schreiben. Dies hat mit Volksverhetzung oder Beleidigung
von Bevölkerungsgruppen nichts zu tun. Die Kunst- und
Drittes Beispiel der Buchzensur: Der Fall Trutz Hardo Meinungsfreiheit gilt nicht nur für den Mainstream, son-
Jede Kritik in der BRD an Israel, jüdischen Politikern oder dern auch für Links und Rechts, auch für nur schwer nach-
dem jüdischen Volk als solchem ist immer ein riskanter Ba- vollziehbare esotherische Anschauungen«
lanceakt auf des Messers Schneide. Wegen der offiziellen Diese berechtigte Kritik hatte jedoch keinen Einfluß auf die
deutschen Politik während des Dritten Reiches war jede bun- Sichtweise der Koblenzer Richter.
desdeutsche Regierung äußerst sensibel bezüglich der Bezie- Interessanterweise wurde Hardos Sichtweise kurz nach seiner
hungen zu Israel und den Juden und wird dies auch zukünftig Verurteilung von einer Seite gestützt, die man kaum für
sein. Obwohl diese Haltung auf den ersten Blick verständlich selbstverständlich erachten würde: Die Unterstützung kam

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 197


von Rabbiner Ovadia Joseph, Vorsit-
zener der israelischen orthodoxen Shas-
Partei, der drittgrößten in der Knesset
vertretenen Partei. Während einer Pre-
digt am 5. August 2000 beschrieb er die
sechs Millionen jüdischen Opfer als die
»Wiedergeburt der Sünder, die auf die
Erde zurückgesandt wurden, um für ih-
re Sünden zu büßen.«43
Seit seiner Verurteilung wird der einst
angesehene Esoterik-Experte Trutz
Hardo von seinen vormaligen Kollegen
wie ein Aussätziger behandelt. Sein
Ansehen wurde zerstört. Laut Urteil
des Landgerichts Berlin vom 19. De-
zember 2000 muß es Hardo nun über
sich ergehen lassen, von den Massen-
medien als »antisemitischer Esoteri-
ker« bezeichnet zu werden, da es sich
bei diesem Werturteil nicht um eine
Beleidigung sondern nur um eine Mei-
nungsäußerung handele. Für jede sich
aus solchen Anwürfen ergebenden
Schäden trage Hardo selbst die volle
Verantwortung. Die Folgen dessen wa-
ren vorhersehbar: Hardo wird seither
von Kongressen und Vorträgen ausge-
laden, wodurch seine wirtschaftliche
Existenz bedroht ist.44

Der Fall Prof. Dr. Werner


Pfeifenberger
Nicht jeder ist stark genug, um dem
Druck standzuhalten, der im Laufe der-
artiger Verfolgungsmaßnahmen auf ei-
nen ausgeübt wird. So beging der Poli-
tologe Prof. Dr. Werner Pfeifenberger
(Uni Münster) im Mai 2000 nach jahre-
langer Verfolgung Selbstmord. Wie
konnte es so weit kommen?
1994 wurde ein von Pfeifenberger ver-
faßter Beitrag des Titels »Internationa-
lismus gegen Nationalismus – eine un-
endliche Todfeindschaft? Geschichtli-
cher Werdegang und heutige Gestalt«
in dem Sammelband Freiheit und Ver-
antwortung. Jahrbuch für politische
Erneuerung 1995 veröffentlicht, einer
Publikation des Freiheitlichen Bil-
dungswerkes Politische Akademie der
Freiheitlichen Partei Österreichs. Zu
diesem Sammelband hatten viele
hochangesehene deutsche wie österrei-
chische konservative Intellektuelle bei-
getragen, darunter renommierte Univer-
sitätsprofessoren, Generäle, Autoren
und Juristen, z.B. Prof. Dr. Günter
Rohrmoser (Philosoph), Prof. Dr. Otto
Kimminich (Jurist), Dr. Franz Uhle-
Wettler (General der Bundeswehr),
Heinrich Jordis von Lohausen (General
des Österr. Bundesheer), Marion Gräfin

198 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Dönhoff (Herausgeberin der Zeit) und Prof. Dr. Klaus Hor- Zustand bundesdeutscher Geistesfreiheit Absehbare ge-
nung (Politologe). schieht: 1996 wurde Pfeifenberger seines Amtes als Hoch-
Privat nahm sich Prof. Pfeifenberger das Recht heraus, in schullehrer enthoben und fristlos unter Wegfall der Bezüge
rechten Periodika Beiträge zu veröffentlichen. Er hatte über- entlassen. Mühsame und kostspielige Gerichtsprozesse folg-
dies ein Lehrstuhlangebot der Universität Stellenbosch ange- ten. Den Arbeitsprozeß gewann der Geschmähte. Er mußte im
nommen, als Südafrika noch von Weißen regiert wurde. Der- Vergleichswege wieder in Amt und Würden eingesetzt wer-
lei politische Aktivitäten erscheinen politisch unkorrekt genug den. Die ihm vorenthaltenen Bezüge wurden ihm nachge-
gewesen zu sein, um einige einflußreiche linke Interessen- reicht, die Prozeßkosten wurden bezahlt. Der materielle
gruppen zu einer „antifaschistischen“ Treibjagd gegen Pfei- Schaden konnte also begrenzt werden. Aber inwieweit ist
fenberger aufzureizen, angeführt vom linksradikalen Wiener nach der Rufschädigung des Wissenschaftlers eine freie gei-
Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes steswissenschaftliche Forschung noch möglich?
und dem Wissenschaftsministerium des Bundeslandes Nord- Die Meinungslobby konnte sich hiermit jedoch nicht zufrie-
rhein-Westfalen unter Ministerin Anke Brunn (SPD). Pfei- den geben. Zu Beginn des Jahres 2000 blies die Wiener
fenberger wurde beschuldigt, mit seinem oben erwähnten Bei- Staatsanwaltschaft zum letzten Gefecht und warf ihre stärkste
trag den Nationalsozialismus verharmlost und antisemitische Waffe an vorderste Front: Sie klagte den widerwillig rehabili-
Thesen verbreitet zu haben. tierten Professor der nationalsozialistischen Wiederbetätigung
Es waren nicht nur linke Gruppen und
die Medien, die Prof. Pfeifenberger
fortwährend angriffen. Massive Eingrif-
fe erfolgten auch von seiten der deut-
schen Behörden, die sich offenbar der
Kampagne gegen den österreichischen
Akademiker hastig und ohne kritische
Prüfung der erhobenen Vorwürfe ange-
schlossen hatten. In einem Schreiben
von Prof. Dr. Hochmuth vom Ministeri-
um für Wissenschaft und Forschung des
Landes Nordrhein-Westfalen an Prof.
Dr. Werner Pfeifenberger vom 11. Juni
1996 heißt es:
»Im übrigen gedenke ich nicht, mit
Ihnen über einzelne Passagen Ihres
Artikels „Internationalismus gegen
Nationalismus – eine unendliche Tod-
feindschaft“ und darüber in eine Dis-
kussion einzutreten […]. Mir liegen
Bewertungen von Wissenschaftlern
vor, die sich mit der Tendenz und
dem Geist des Artikels kritisch aus-
einandersetzen und dabei zu einem
Ergebnis kommen, das mit meiner ei-
genen Einschätzung übereinstimmt.
Danach läßt der Artikel die Interpre-
tation zu, daß Sie dazu neigen, die
deutsche Schuld an der Entfesselung
des Zweiten Weltkrieges zu leugnen
und den Holocaust als Überreaktion
auf die jüdische “Überfremdung” zu-
rückzuführen, den Kampf gegen die
jüdische “Hochfinanz” zu rechtferti-
gen und Hitlers Rassenpolitik als po-
sitive Reaktion auf jüdischen “Ver-
folgungswahn” hinzustellen.«
Diffamierende Veröffentlichungen, ge-
waltsame Versuche, Pfeifenbergers
Vorlesungen zu stören, Beschimpfun-
gen und Unterstellungen – eben die
ganze Palette antifaschistischer Argu-
mentationskraft wurde aufgefahren, um
den unliebsamen Professor mundtot zu
machen und ihn seines Lehrstuhls zu
entheben. Das für den bezeichnenden
(Der Brief wurde von unbekannt zusammengeschnitten)

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 199


an, was in der freien Republik Österreich mit dem Kaliber der fen. Dieser letzte noch lebende Gründer der sozialistischen
bundesdeutschen § 130 StGB zu vergleichen ist. Nun sah sich „Frankfurter Schule“, die er in den sechziger Jahren gemein-
Pfeifenberger genötigt, Bilanz über seine weitere Zukunft zu sam mit den marxistischen Soziologen Max Horkheimer und
ziehen. Was stand ihm bevor, was waren seine Aussichten? Theodor W. Adorno ins Leben gerufen hatte, eröffnete das
Der ehemalige österreichische Nationalrat Dr. Otto Scrinzi Feuer mit seinem in der Zeit am 11. Juli 1986 veröffentlichen
faßte seine Gedankengänge zusammen: Ein neues Verfahren Artikel »Eine Art Schadensabwicklung – Die apologetischen
vor einer Justiz, der er nicht mehr trauen konnte; „Sachver- Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung«, der
ständige“, die befangen waren; neuerliche Enthebung von der ausdrücklich als Kampfansage verstanden werden sollte.
Hochschule und neuerlich als „Nazi-Professor“ durch die Der Nicht-Historiker Habermas, der sich selbst ein »Produkt
Mangel in allen Medien gezogen zu werden. Diesen ernüch- der re-education« nannte, konnte keine der von Nolte und
ternden Aussichten zog Werner Pfeifenberger nach Zustel- Hillgruber vorgebrachten historischen Gedankengänge wider-
lung der Ladung zum Geschworenenprozeß am 28. Juni 2000 legen. Dies war auch nicht erwartet worden. In Wahrheit ging
den Freitod vor. Seine Freunde schrieben in seiner Todesan- es ja auch nicht um eine fachliche Auseinandersetzung. Ha-
zeige die wahren Worte:45 bermas witterte »in erster Linie ein für das bisherige linke
»Der Haß hat ihn in den Tod getrieben. Ein hervorragen- geistige Klima in Westdeutschland gefährliches allgemeines
46
der Wissenschaftler wurde zum Opfer von Denk- und Dis- System hinter den neuen Tönen der Historiker.«
kussionsverboten.« Diese „revisionistische Gefahr“ in der deutschen Geschichts-
schreibung galt es mit allen Mittel zu bekämpfen. Oder wie es
III. Revisionismus die beiden Publizisten Michael Behrens und Robert von Rim-
scha ausdrücken: Die 68er Revolutionäre waren »zur Vertei-
Der Historikerstreit digung ihrer Geschichtsinterpretationen in Stellung gegan-
Im Juni 1986 brach unter deutschen Historikern und anderen gen. Sie wollten nicht akzeptieren, daß Interpretation, Revisi-
Geisteswissenschaftlern ein Streit über grundlegende Metho- on und Neuinterpretation ein normaler Vorgang in der Ge-
den bezüglich der Behandlung der jüngsten deutschen Zeitge- schichtswissenschaft ist.«.47 Seine Tirade schloß Habermas
schichte aus. mit einem bezeichnenden Bekenntnis ab:
Der Historiker Dr. Ernst Nolte, Professor an der Freien Uni- »Wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer
versität zu Berlin, veröffentlichte in der Frankfurter Allge- nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzige
meinen Zeitung in einem Aufsatz unter der Überschrift »Ver- verläßliche Basis unserer Bindungen an den Westen«.
gangenheit, die nicht vergehen will« seine Gedanken einer Damit ist deutlich, daß im Laufe des Streits die politische
künftig präziseren Geschichtsschreibung, also einer, in der Tragweite die wissenschaftliche Dimension bei weitem über-
auf viele der noch aus der Zeit der Umerziehung stammenden lagerte. Die Hauptstreitpunkte innerhalb des Zwistes unter
Entstellungen und Verzerrungen verzichtet werden müßte. In den Betroffenen waren existentieller Art und drehten sich um
diesem Aufsatz vertrat Nolte also eine Meinung, die das bis die Einzigartigkeit im Sinne von Singularität der Geschehnis-
dahin fast unberührte Tabu der Nachkriegsgeschichtsbetrach- se des Dritten Reiches. Gerade die Singularität (und die mit
tung in der BRD angriff. Nolte meinte, die jüngste deutsche ihr verbundenen Thesen der „Alleinkriegsschuld“ und der
Vergangenheit sei zu einem Schreckbild gemacht worden, das „Endlösung“) ist, wie der Bochumer Politologe Prof. Dr.
vor allem durch einseitige Schuldzuweisung und Nichtbe- Bernhard Willms einst feststellte, »jener große Schuldknüp-
rücksichtigung historischer Ereignisse gekennzeichnet sei. pel, den man den Deutschen seit 40 Jahren um die Ohren
Etwa zur gleichen Zeit erschien das Buch Zweierlei Unter- schlägt.«48
gang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das En- Dr. Günter Zehm, Professor für Philosophie, hatte diese Ab-
de des europäischen Judentums von Dr. Andreas Hillgruber. sicht schon lange erkannt und bekannte in der Welt am 24.
In diesem Buch verurteilte der Kölner Geschichtsprofessor - November 1986:
ähnlich wie sein Kollege Nolte – die einseitige bundesdeut- »Habermas und die Marxisten verteidigen nicht nur das
sche Geschichtsschreibung. Diese gebe Ereignisse verkürzt Nachkriegsdogma der sogenannten Kollektivschuld, sie
wieder und vernachlässige eine allumfassende Beurteilung möchten auch, daß diese Kollektivschuld auf die kommen-
der Geschehnisse - wie man es von einer geisteswissenschaft- den Generationen übertragen wird. Im Grunde geht es in
lichen Auseinandersetzung erwarten muß. Insbesondere rühr- der ganzen „Diskussion“ gerade um diesen Punkt. Da die
te Hillgruber an dem Tabu der Forschung nach den Motiven bisherige „Schuldgeneration“ politisch abtritt und allmäh-
und der Schuld der Alliierten am Ausbruch des Zweiten lich wegstirbt, versucht man nun, den Enkeln und Urenkeln
Weltkrieges und zerstörte das Bild der friedliebenden und un- den Schuldbazillus einzuimpfen […] Erstens will man die
eigennützig handelnden Gegner Deutschlands. Deutschen durch das Dogma ewig klein und häßlich hal-
In etwa die gleiche Kerbe schlug der Erlanger Historiker Dr. ten, damit sie weiterhin physisch und psychisch erpreßbar
Michael Stürmer – übrigens deutschlandpolitischer Berater bleiben. Zweitens setzt man auf den Neurotisierungs-Effekt.
von Helmut Kohl –, der in seinem ebenfalls 1986 veröf- Ewiges Schuldbewußtsein macht neurotisch, und Neurosen
fentlichten Buch Dissonanzen des Fortschritts eine Lanze für münden oft in Selbstzerstörungswut. So hofft man über den
die Stärkung des deutschen Geschichtsbewußtseins brach. Umweg deutschen Selbsthasses doch noch endlich zum
Das, was die Historiker Nolte, Hillgruber und Stürmer forder- großen Kladderadatsch zu kommen, in dem man die tradi-
ten und in ihren Äußerungen auch in die Tat umsetzten, war tionellen Lebensverhältnisse verbrennen und endlich der
nichts anderes als der Beginn einer notwendigen revisionisti- „wahre Sozialismus“ entstehen kann.«
schen Geschichtsbetrachtung. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung zwischen Wissen-
Zum Gegenangriff gegen diese drei „Ketzer“ zu blasen, fühlte schaftlern und marxistischen Ideologen war nicht nur, daß
sich der neo-marxistische Philosoph Jürgen Habermas beru- Prof. Nolte eine ganze Reihe von Aufträgen und Anstellungen

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verlor. Spätestens von da ab werden die Unterstützer des hi- Die politische Polizei in der BRD (Verfassungsschutz) schert
storischen Revisionismus im heutigen Deutschland mehr als sich allerdings wenig um wissenschaftlich fundierte Defini-
je zuvor als verdächtig angesehen, wenn nicht gar als subver- tionen. Für sie hat der sachlich gesehen wertfreie Begriff Re-
siv. visionismus eine ganz andere Bedeutung:54
»Ziel des „Revisionismus“, der mittlerweile eines der wich-
Das Konzept des Revisionismus tigsten rechtsextremistischen Agitationsfelder darstellt, ist
Unerwünschte Bücher werden in der Tat nicht mehr öffentlich die Rehabilitierung des Nationalsozialismus, um ihn wieder
verbrannt. Die Behörden haben heutzutage ganz andere, we- salonfähig zu machen«.
sentlich elegantere Methoden, um sich einer Literatur zu ent- Ein anderes Amt des Verfassungsschutzes meint sogar, als
ledigen, die sie als »gefährlich« oder »unerwünscht« ansehen. Revisionismus bezeichne man »den politisch motivierten Ver-
Schon in den sechziger Jahren machte die Soziologin Ulla Ot- such, die deutschen Verbrechen unter nationalsozialistischer
to zu Recht darauf aufmerksam, daß dieser Begriff in engem Herrschaft zu relativieren oder zu leugnen«.55 Die vollkom-
Zusammenhang mit dem Vorwurf des »pseudowissenschaftli- men wertfreie Sachbezeichnung Revisionismus wird von den
chen Charakters« stehe, der oft »unerwünschten Schriften« Geheimagenten also kurzerhand als »verabscheuungswürdige
gegenüber angewandt werde, »die man eliminieren möch- Ausprägung des Rechtsextremismus«56 verunglimpft. Als ob
te«.49 Waren in früheren Zeiten beispielsweise die Alchemie, berichtigende Geschichtsschreibung ein Merkmal niederer
Astrologie, Parapsychologie, der Spiritismus oder die Ufolo- politischer Gesinnung sei!
gie vom Vorwurf der „pseudowissenschaftlichen Natur“ be- Revisionismus ist allerdings alles andere als eine politische
haftet, wird heute in der BRD »pseudowissenschaftlich« vor Bewegung, die womöglich gar darauf abzielt, demokratische
allem mit „revisionistischen“ Meinungsäußerungen bzw. „re- Werte oder Staaten umzustürzen, wie es die Ämter des Ver-
visionistischer“ Literatur gleichgesetzt. Schrifttum, das mit fassungsschutzes behaupten. Neue Erkenntnisse werden nicht
dem pseudowissenschaftlichen, also fragwürdigen, Makel be- nur in allen geisteswissenschaftlichen, sondern vor allem auch
haftet ist, wird aus den deutschen wissenschaftlichen Biblio- in naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen beina-
theken verbannt – im Gegensatz zu anarchistischen, marxisti- he täglich gewonnen. Greifen wir uns seiner Anschaulichkeit
schen und kommunistischen Büchern. Neben vielen anderen wegen ein Beispiel aus der Paläontologie, um das Wesen des
Intellektuellen wird auch Germar Rudolf vorgeworfen, unwis- Revisionismus klarzustellen: Viele Zeitgenossen werden der
senschaftlich zu arbeiten. Der Verfassungsschutz des Landes Auffassung sein, daß der größte und älteste fleischfressende
Baden-Württemberg zum Beispiel wertet seine Schriften als Saurier, der jemals auf der Erde gelebt hat, der Tyrannosaurus
»pseudowissenschaftlich« ab, ohne für diese Anschuldigung rex gewesen sei – war er auch, bis der wissenschaftliche Er-
irgendeinen Beweis anzuführen.50 Zudem übernimmt der kenntnisstand erweitert wurde: Im September 1995 legten ar-
Bundesverfassungsschutz, als bundesdeutsche Behörde unkri- gentinische Paläontologen im Nordwesten Patagoniens die
tisch jene Ausdrücke linker oder sogenannter “antifaschisti- versteinerten Überreste einer bislang unbekannten Dinosau-
scher” Interessengruppen,51 die Rudolf (und andere Revisio- rierart (Gigantosaurus carolinii) frei, der noch größer und äl-
nisten) als »Holocaust-Leugner«, »Rechtsextremisten« oder ter als der Tyrannosaurus rex war. Doch wer sich nunmehr im
»rechte Propagandisten« bezeichnen.52 Besitz „der Wahrheit“ glaubte, und meinte als historische
Mittels des Vorwurfs der Pseudowissenschaftlichkeit werden Tatsache verkünden zu können, der Gigantosaurus sei der
unbequeme Verleger auf einfache Weise im voraus aus der größte fleischfressende Saurier, der jemals auf der Erde ge-
öffentlichen Debatte ausgeschlossen. Diesem Ausschluß folgt lebt habe, wurde bereits im Mai 1996 eines besseren belehrt:
in den meisten Fällen die Indizierung oder gar Einziehung des In Marokko entdeckten Wissenschaftler den nochmals um 20
kritisierten Mediums und die Stigmatisierung des betroffenen Millionen Jahre älteren und noch größeren Carcharodonto-
Autors. Auf diese Weise wird nicht nur in die Pressefreiheit saurus saharicus – was natürlich alle notwendigen revidieren-
eingegriffen, sondern es wird insbesondere die Freiheit der den Konsequenzen mit sich zog. Dieses Beispiel ist nichts
Forschung, Wissenschaft und Lehre beeinträchtigt. weiter als ein klarer Fall reinsten Revisionismus.
Der Begriff „Revision“ leitet sich vom lateinischen Wort Es ist nur logisch, daß das, was für Paläontologen oder Ar-
„revidƝre“ ab, das „erneut hinsehen“ oder „zurückschauen“ chäologen, Gentechniker oder Atomphysiker oder irgendwel-
im Sinne von „prüfen“ bedeutet. Sachverhalte „wieder durch- che andere Forscher gilt, selbstverständlich auch für den Hi-
zusehen“ oder „zu prüfen“ ist die vorrangigste und natürlich- storiker gilt: Zu Beginn seines Forschens bezweifelt oder
ste Aufgabe aller Wissenschaftler. Es obliegt beispielsweise überprüft er die Ausgangslage, die bisherigen Erkenntnisse
den Historikern, die Geschichtsschreibung immer wieder an- und kommt vielleicht zu neuen Schlüssen.
hand neuer Erkenntnisse, Entdeckungen und Forschungser- Revisionistisch zu arbeiten ist also nichts Ehrenrühriges, im
gebnisse eingehend zu überprüfen und gegebenenfalls zu kor- Gegenteil. Trotzdem werden mit dem ursprünglich wertfreien
rigieren. Objektiv betrachtet ist der Begriff „Revisionismus“ Begriff Revisionist heute vor allem jene Forscher betitelt, die
daher wertfrei. So erklärt der deutschstämmige australische sich mit der Geschichte des Dritten Reiches oder des Zweiten
Philosoph Dr. Fredrick Töben daher zu recht:53 Weltkrieges auseinandersetzen. Und zwar kritisch auseinan-
»Jeder denkende Mensch ist ein Revisionist. Revisionismus dersetzen. Die Revisionisten pauschal als „Rechtsextreme“ zu
ist nichts anderes als eine Methode, ein heuristisches Prin- diffamieren, hat weder mit einer sachlichen Bewertung ihrer
zip, mit dem man seine Weltsicht konstruiert. Meinungen Arbeit noch etwas mit einer notwendigen und kritischen Aus-
werden fortwährend revidiert durch den freien Fluß von einandersetzung innerhalb der Wissenschaft und Forschung
Informationen. Nur verkrustete Geister können neue zu tun, sondern ist ausschließlich politisch motiviert und zielt
Informationen nicht aufnehmen, womit sie verhindern, daß darauf ab, sie als einen vermeintlich politischen Gegner zu
die moralische Verantwortung obsiegt.« diffamieren.

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Die Strafverfolgung von Geschichtsrevisionisten stampft. Dieses beschämende Verhalten fand seinen gerechten
Nach §1, Abs. 2 des Gesetzes über jugendgefährdende Schrif- Widerhall, z.B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in
ten kann eine Veröffentlichung dann nicht indiziert werden, » der Christian Riester am 21. Februar 1995 in seinem Leser-
wenn sie der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung brief meinte:
oder der Lehre dient«. Der damalige Leiter der Bundesprüf- »Die Argumentation des Piper-Verlages zur Nichtausliefe-
stelle, Rudolf Stefen, gab am 23. Juni 1979 gegenüber den rung des Buches von John Sack ist schon eine erstaunliche
Neuen Westfälischen Nachrichten zu, daß der Gesetzgeber Konstruktion. Diskussionen müssen also gelenkt werden,
bei »NS-Material«, ohne dies näher zu definieren, sehr wohl und zwar in die richtige Richtung. Geht man davon aus,
eine Ausnahme mache. Wie wir heute wissen, richtet sich die daß der Bürger durch die tägliche Flut an Berichten zur
in der BRD praktizierte Indizierung fast ausschließlich gegen Vergangenheitsbewältigung inzwischen schon so verwirrt
als »rechtsextremistisch« diffamierte Literatur und Meinungs- ist, daß er nicht mehr in der Lage sein sollte, historische
äußerungen. Dabei handelt es sich zuvorderst um geschichts- Fakten zu erkennen und zu beurteilen? Ich denke, daß man
revisionistische Veröffentlichungen. das Vorgehen des Piper-Verlages als das bezeichnen soll,
Wie wir im folgenden sehen werden, richtet sich die in den was es ist: Zensur.«
siebziger Jahren anlaufende Indizierungs- und Verbotswelle 1995 legte der ehemalige Wissenschaftliche Direktor am Mi-
gegen dissidente politische und historische Publikationen litärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg (jetzt Pots-
vielfach gegen amerikanische Publizisten und Wissenschaft- dam), Dr. Joachim Hoffmann, seine Erkenntnisse in der Do-
ler. Dr. Eckhard Jesse, Professor für Politologie, bestätigt, kumentation Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945 vor. In
daß die Zeit Ende der siebziger Jahre für die Arbeitsweise der diesem Werk nahm der Wissenschaftler weniger Rücksicht
Bundesprüfstelle »als ein „turning point“ [Wendepunkt] gel- auf geltende Tabus, Dogmen und Denkverbote, sondern be-
ten« kann, da seither ein »entschieden schärferes Vorgehen mühte sich vielmehr, alle Verhaltensweisen aller Beteiligten
gegenüber rechtsextremistischer Literatur festzustellen«57 sei. am Ausbruch des „Großen Vaterländischen Krieges“ zu ana-
Einige wohlbekannte Beispiele der erfolgten Verfolgungs- lysieren. Hoffmann belegte in seinem bahnbrechenden Werk,
maßnahmen werden nachfolgend dargelegt. daß es sich bei diesem Krieg – entgegen den Versuchen der
1979 wurde das zwei Jahre zuvor in deutscher Sprache er- vorherrschenden Zeitgeschichtsschreibung – um einen deut-
schienene Buch des amerikanischen Wissenschaftlers Prof. schen Präventivkrieg handelte und zwar in dem Sinne, daß
Arthur Butz Der Jahrhundert-Betrug mit der Begründung Deutschland mit der Eröffnung der Kriegshandlungen dem
indiziert, das Buch »fördere beim Leser eine feindselige von der Sowjetunion vorbereiteten Angriffskrieg nur knapp
Haltung gegenüber Juden und entlaste das nationalsoziali- zuvorgekommen war.
stische System vom Vorwurf der systematischen Judenver- Hoffmanns Vorgesetzte Wilhelm Deist und Manfred Messer-
nichtung [...] das Werk von Butz [...] diene [...] nicht der schmidt forderten, die sowjetischen Beiträge, die zu dem Ein-
Wissenschaft, da man nicht das Bemühen um Wahrhaftig- marsch geführt hatten, zu unterschlagen. Sie erwarteten von
keit spüre«.58 Dies ist eine Begründung ungeheuerlicher, Hoffmann, sämtliche Stellen mit Hinweisen zu streichen, die
unwissenschaftlicher Art, da es subjektiv ist, darüber zu ur- auf die gemeinsame Verantwortung der Sowjetunion und
teilen, ob man – wer ist »man«?! – das Bemühen um Wahr- Deutschlands für die Ausschaltung Polens 1939 führten, so-
haftigkeit spüre. wie die Auslassung aller Methoden des Vernichtungskrieges
Aufsehen erregten Anfang der achtziger Jahre die Umstände auf sowjetischer Seite. Mit anderen Worten sollten der Öf-
der angeordneten Streichungen wesentlicher Absätze aus dem fentlichkeit bewußt historische Gegebenheiten vorenthalten
Werk Geschichte der Deutschen des Erlanger Historikers und die Geschichte gefälscht werden. Hoffmann schrieb dar-
Prof. Dr. Hellmut Diwald. In diesem Buch hatte der Autor auf aufhin im Vorwort seines eigenen, erstmalig 1995 erschiene-
den Seiten 163 bis 165 einige weitverbreitete Geschichtsfäl- nen Buches Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945:
schungen im Zusammenhang mit deutschen Konzentrations- »Im Gegensatz zu Geist und Buchstaben der grundgesetz-
lagern und der sogenannten Endlösung richtiggestellt. Dies lich proklamierten Wissenschaftsfreiheit ist es heutzutage
mißfiel Kreisen des Meinungskartells. Obgleich Diwald per- leider schon empfehlenswert, manche Passagen historio-
sönlich keines seiner geschriebenen Worte zurücknahm – spä- graphischer Texte vor ihrer Veröffentlichung auf einen
ter sogar die Verbindung zu seinem Verlag abbrach –, ließen möglichen „Strafbestand“ hin überprüfen zu lassen – ein
die Verleger die nachfolgenden Ausgaben durch Dritte über- fast entwürdigender Zustand.«
arbeiten und strichen die der Lehrmeinung entgegengestellten Kurz nach der Veröffentlichung dieses Buches trat Dr. Hoff-
Absätze. In seinem 1983 erschienenen Buch Mut zur Ge- mann in den Ruhestand. Im März 1996 erwähnte Dr. Hoff-
schichte setzte sich Diwald mit diesen stalinistisch anmuten- mann in einem Schreiben an den Gutachter, es gäbe in der
den Praktiken der Zensur auseinander und warf vielen seiner BRD keine Meinungsfreiheit, wenn es um die Erforschung
Kollegen zu Recht Einseitigkeit und Verrat am wissenschaft- des Dritten Reiches gehe. Ernüchtert gab er zu, daß Diskus-
lichen Ethos vor. sionen zu diesem Thema in »stumpfsinnigem Meinungster-
1995 sollte im Piper-Verlag die deutsche Übersetzung des ror« enden. Aus diesem Grunde zog er sich völlig aus dem
vom amerikanischen Journalisten John Sack geschriebenen öffentlichen Leben zurück und begab sich in die innere Emi-
Tatsachenbuches An Eye for an Eye unter dem Titel Auge um gration59 – ein Begriff, der bisher üblicherweise nur von Op-
Auge erscheinen. Der Verlag hatte das Buch des jüdischen fern der politischen Verfolgung während des Dritten Reiches
Autors bereits in Zeitungsanzeigen beworben, zog es aber benutzt wurde.
dann mit der Begründung zurück, man dürfe, so Verlagsleiter Am 15. Dezember 1997 wurden aufgrund der richterlichen
Viktor Niemann, zum 50. Jahrestag der Befreiung von Au- Anordnung des Amtsgerichts Tübingen (Az. 4 Gs 1085/97)
schwitz »keine Mißverständnisse« provozieren. Die 6.000 von der Kripo Tübingen beim Hohenrain-Verlag, Tübingen,
Exemplare der Erstauflage wurde deshalb kurzerhand einge- die letzten noch greifbaren Exemplare des 1994 erschienenen

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Gedenkbandes Hellmut Diwald – sein Vermächtnis für Analyse als Fälschungen herausgestellt hätten. Nolte schloß
Deutschland, sein Mut zur Geschichte beschlagnahmt und der mit der wissenschaftlich und ethnisch einwandfreien Erklä-
weitere Vertrieb verboten. Es ist hervorzuheben, daß das über rung, daß Fragen hinsichtlich Authentizität und Wahrschein-
540 Seiten starke Buch 40 Beiträge von 33 angesehenen Ver- lichkeit Objekte wissenschaftlicher Untersuchungen und Dis-
tretern der Geschichtswissenschaft, Politologie, Soziologie, kussionen seien. Auf dieser Basis plädierte er für eine wissen-
Wirtschaft, Journalistik, der Kirchen, des Rechtswesens und schaftliche Annäherung an die Argumente der »Auschwitz-
des Deutschen Bundestages enthielt. Als Begründung für die Revisionisten«. Dieser Ansatz sei allerdings bisher völlig
Beschlagnahme und das Verbot wurde angeführt, daß in ei- ignoriert worden. Statt dessen herrsche das Gegenteil vor: Die
nem Satz in der in lateinischer Sprache gehaltenen Fußnote auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler werden als Krimi-
74 (S. 121) des Beitrages »Die Kampagne gegen Hellmut nelle behandelt und gesellschaftlich wie auch strafrechtlich
Diwald von 1978/79 – Richtigstellungen« von Prof. Dr. Ro- verfolgt. Dies gilt insbesondere für Germar Rudolf und seine
bert Hepp von der Universität Osnabrück der Holocaust ge- Arbeiten.
leugnet und damit der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt 1995 wurde der im mehrfach diffamierten Grabert-Verlag
werde. Der Satz lautete: verlegte62 und von Ernst Gauss (Pseudonym von Germar Ru-
»Ego quidem illud iudaeorum gentis excidium, ratione in- dolf) herausgegebene zeitgeschichtliche Sammelband Grund-
stitutum et in „castris extinctionis“ gaso pernicioso metho- lagen zur Zeitgeschichte nebst Druckplatten beschlagnahmt.
dice peractum, veram fabulam esse nego.« In einem Brief berichtet der Herausgeber über bei ihm durch-
Diese beanstandete Formulierung übersetzte das Amtsgericht geführte Hausdurchsuchungen u.a.:
Tübingen mit den Worten: »Am 30.9.1993 drang die Staatsanwaltschaft Stuttgart [...]
»Ich jedenfalls leugne, daß die planmäßig unternommene mit etwa 10 Beamten des Landeskriminalamtes in meine
und in „Vernichtungslagern“ durch tödliches Gas metho- Wohnung ein, um alles Material zu beschlagnahmen, das
disch durchgeführte Vernichtung des jüdischen Volkes eine in irgendeinem Zusammenhang mit der Erstellung und
wahre Geschichte ist.« Verbreitung meines Gutachtens über die Chemie der Gas-
Ein solches Bekenntnis würde nach bundesdeutscher Gesetz- kammern in Auschwitz stand. Damals raubte man mir ne-
gebung in der Tat strafrechtliche Folgen mit sich ziehen. Be- ben meinem kompletten Quellenarchiv und aller Korre-
zeichnenderweise haben keineswegs nur Philologen darauf spondenz auch meine EDV-Anlage und sämtliches Daten-
aufmerksam gemacht, daß besagter Satz auch ganz anders material. Am 18.8.1994 drang die Staatsanwaltschaft er-
übersetzt werden kann: neut in meine Wohnung ein. [...] Besonders schmerzlich
»Was mich betrifft, so bestreite ich, daß die planmäßig un- war allerdings, daß man mir auch jenes Material weg-
ternommene und in „Vernichtungslagern“ mit Giftgas sy- nahm, das ich für meine Verteidigung in meinem anstehen-
stematisch durchgeführte Vernichtung des jüdischen Volkes den Prozeß brauchte.«
ein echtes Märchen ist.« Die Grundlagen zur Zeitgeschichte wurden eingezogen und
Diese Aussage würde jedoch besagen, daß Hepp den Holo- verboten.
caust keineswegs in Abrede stellt, sondern – im Gegenteil – Daraufhin wurde dem Diplom-Chemiker bei der Max-Planck-
mit seiner lateinischen Satzkonstruktion zum Ausdruck Gesellschaft fristlos gekündigt. Obendrein wurde Germar Ru-
bringen wollte, daß er die Geschehnisse für wahr und eben dolf Rudolf am 23. Juni 1995 vom Stuttgarter Landgericht
nicht für eine Fabel hält. Trotz dieser Ambivalenz erfüllte wegen „Volksverhetzung“ zu 14 Monaten Haft ohne Bewäh-
die Fußnote nach Ansicht der Tübinger Amtsrichter eindeu- rung verurteilt.63 Dieses Urteil wurde im Frühjahr 1996 in hö-
tig (!) den Straftatbestand der Volksverhetzung sowie der herer Instanz bestätigt, woraufhin sich Rudolf genötigt sah,
Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstor- das Land zu verlassen und sich im Ausland niederzulassen,
bener. Das Buch sei deshalb zu vernichten. Basta. Die wo man eine gesinnungspolitische Strafverfolgung, wie sie in
Staatsanwaltschaft Oldenburg mußte das Strafverfahren ge- der BRD gängig ist, nicht kennt. Der linke Intellektuelle und
gen den renommierten Autor allerdings wegen Verjährung Verleger Klaus Wagenbach hat derart politische Verfahren
einstellen.60 Der in diesem Fall für die Informations- und »Zensurprozesse« genannt. Nichts anderes sind sie.
Wissenschaftsfreiheit entstandene Schaden ist kaum zu Der Lektor des Grabert-Verlages Dr. Rolf Kosiek ergriff an-
überschauen. Das Buch selbst wurde letztlich in einer Müll- läßlich der im Zusammenhang mit Rudolfs Sammelwerk eska-
verbrennungsanlage verbrannt.61 lierenden Zensurmaßnahmen gegen seinen Verlag die Initiati-
ve, um diese politische Verfolgung der Öffentlichkeit bekannt
IV. Bedeutung des Falles zu geben. Es gelang ihm, Prof. Dr. Helmut Schröcke zur
Germar Rudolf Schirmherrschaft über einen Appell zum Schutze der Mei-
nungsfreiheit zu bewegen,64 dem sogenannten »Appell der
In einem ausführlichen Leserbrief, der in der Frankfurter All- 100: Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr«. Er erschien erstma-
gemeine Zeitung am 8. September 1994 abgedruckt wurde, lig in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.5.1996 (S.
fand der angesehene Historiker Prof. Dr. Ernst Nolte den Mut 12) und lautet:
auszuführen, daß er sich als jemand, der keine tiefere Ausbil- »Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr!
dung in den Naturwissenschaften habe, nicht in der Lage se- Wir, die Unterzeichneten, haben in letzter Zeit mit Besorg-
he, die Argumente einiger Revisionisten hinsichtlich der nis zur Kenntnis nehmen müssen, daß in Deutschland in
technischen Unmöglichkeit der Verwendung von Zyklon B zunehmendem Maße Sondergesetze und strafrechtliche
zum Massenmord zu widerlegen. Dieser hoch eingeschätzte Verfolgung gegen Verleger, Redakteure und Autoren –
Historiker gab zudem zu, er selbst sei früher in den Besitz auch gegen Wissenschaftler – wegen deren begründeter
»unbestreitbar authentischer« Dokumente gekommen, die er Äußerungen zu bestimmten Fragen der Zeitgeschichte ein-
entsprechend behandelt habe, die sich aber später bei näherer gesetzt werden. Insbesondere grenzt die seit einigen Jahren

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geübte juristische Praxis, mit dem Prinzip der Offenkun- »Die meisten Deutschen können ihre Nationalhymne nicht
digkeit alle seitens der Verteidigung vorgetragenen neuen singen, zumindest nicht die dritte Strophe, und wollen ihre
Beweise für solche Äußerungen ohne Behandlung abzuleh- Nationalflagge nicht zeigen. Diese Art von Gefühl sei etwas
nen, an Rechtsbeugung, verstößt gegen die Menschenrech- für Trottel oder schlimmer noch für Neonazis.«
te und ist eines freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates Sogar Deutschlands Staatsoberhaupt gab seinen »Mangel an
unwürdig. Dadurch werden die wissenschaftliche For- Nationalstolz« zu.68 Man stelle sich nur den Aufschrei in den
schung und die öffentliche Diskussion dieser gerade für USA vor, wenn irgendein Präsident derartige Worte man-
Deutschland wichtigen Fragen unerträglich eingeengt, und gelnden Patriotismus äußern würde. In Deutschland allerdings
der notwendige Prozeß der Wahrheitsfindung wird verzö- sorgte Bundespräsident Johannes Raus Geständnis nicht für
gert oder ganz verhindert. Ohne zum Inhalt der strittigen die geringste Aufregung.
Fragen Stellung nehmen zu wollen, weisen wir als verant- Genau in dieses politische Klima hinein wurde Germar Ru-
wortungsbewußte Staatsbürger in großer Sorge um die dolfs Buch Das Rudolf Gutachten im Jahr 1993 veröffent-
grundgesetzlich garantierte Freiheit der Meinungsäuße- licht, in dem der Autor die Existenz von Gaskammern zur
rung wie die der Forschung und Lehre auf diese gefährli- Menschenvernichtung anzweifelt. Sein Zweifel war nicht bloß
chen Zustände hin und wenden uns an alle Verantwortli- eine frivole oder provokative Behauptung, sondern eine poli-
chen und an die Öffentlichkeit im In- und Ausland, dafür tische Meinung, die er, den eingereichten Dokumenten zufol-
einzutreten, daß derartige Verletzungen sowohl der Men- ge, wissenschaftlich zu untermauern versuchte. Soweit dem
schenrechte als auch der freiheitlich-demokratischen Gutachter bekannt ist, unterstricht das gegen Germar Rudolf
Grundordnung in Zukunft unterbleiben.« gefällt Urteil auf Seite 239, daß der Angeklagte wegen seiner
Gleichlautende Appelle an das öffentliche Gewissen folgten politischen und geschichtlichen Ansichten verurteilt wurde.
mit 500 Unterzeichnern, also dem Appell der 500, in der Nach Ansicht des Gutachters muß man nicht notwendigerwei-
Stuttgarter Zeitung (S. 7) und den Stuttgarter Nachrichten (S. se mit den Erkenntnissen Rudolfs übereinstimmen; zumal sie
6) am 19.7.1996 und mit 1.000 Unterzeichnern, also dem Ap- aber in akademischer Weise präsentiert werden, sollte man
pell der 1000, im Westfalen-BLATT am 13. und 18.9.1996. sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen (dürfen).
Diese Appelle von Wissenschaftlern, Verlegern, Autoren und In welchem Ausmaß Germar Rudolf von den bundesdeut-
anderen Intellektuellen wurden in den Verfassungsschutzbe- schen Behörden als »gefährlich« angesehen wird, kann man
richten bezeichnenderweise als eine Identifizierung mit An- den offiziellen Berichten der verschiedenen Verfassungs-
sichten gleichgesetzt, die verfassungswidrig seien.65 schutzämter entnehmen. Seit einigen Jahren wird Rudolf
Der Fall Germar Rudolf muß in einem größeren Zusammen- dort als der »Kopf« des (historischen) Revisionismus in
hang betrachtet werden. Im letzten Jahrzehnt zeichnete sich Deutschland bezeichnet. Manchmal wird er gar als der
die innenpolitische Lage in der BRD durch äußerste Anspan- »Kopf« der Revisionismusszene bezeichnet. In diesem Zu-
nung aus, hervorgerufen vor allem durch eine stetig zuneh- sammenhang wird er in einem Atemzug mit Intellektuellen
mende Hysterie gegen sogenannte „Rechte“. Diese Hysterie genannt wie dem britischen Historiker David Irving, dem
wurde eindeutig durch Anfang der 90er Jahre verübte Ge- französischen Dokumentenexperten Prof. Robert Faurisson,
waltübergriffe gegen sowohl legale wie illegale Einwanderer dem Schweizer Sprachlehrer und Historiker Jürgen Graf
ausgelöst. Obwohl viele dieser Gewaltmaßnahmen, die soge- und dem australischen Direktor des Adelaide Institute, Dr.
nannten Rechten zugeschrieben werden, von Agenten der Fredrick Töben.69
bundesdeutschen Sicherheitsbehörden ausgelöst wurden,66 um Seitens des Establishments wird der Holocaust unter politi-
rechte politische Bewegungen zu diskreditieren, oder bei de- schen und legalen Gesichtspunkten als moralisches Funda-
nen sich bei genauerer Analyse tatsächlich kein rechter politi- ment der BRD betrachtet. Jede abweichende Meinung hin-
scher Hintergrund feststellen ließ,67 so sind doch die Namen sichtlich dieses Themas wird als Angriff auf die Grundlagen
jener Städte, an denen die bekanntesten dieser Vorfälle statt- des heutigen deutschen Staates empfunden. Dies bedeutet
fanden, wie Hoyerswerda, Mölln und Solingen, zu Synony- insbesondere, daß geschichtsrevisionistische Ansichten be-
men für rechte Gewalt geworden. Als Folge dieser Vorfälle züglich der Verfolgung der Juden und deren Ermordung wäh-
hat sich das geistige Klima in Deutschland dramatisch ver- rend der Zeit des Dritten Reiches von den heutigen bundes-
schlechtert. Inzwischen wird kein Unterschied mehr gemacht deutschen Behörden als ein rechtsextremer Angriff auf die
zwischen „rechten“ Gewaltkriminellen und intellektuellen Demokratie angesehen wird. Der Revisionismus hat aller-
dissidenten Autoren oder Geschichtsrevisionisten. Die Ten- dings nichts mit extremer politischer Agitation zu tun, son-
denz zur Zensur von Büchern und politischen Äußerungen im dern muß als Einstellung angesehen werden, die jeder Wis-
allgemeinen hat merklich zugenommen. Die Strafverfolgung senschaftler und Forscher an den Tag legen muß, da anson-
von Dissidenten und revisionistischen Intellektuellen wie Dr. sten, wie bereits erwähnt, jede Forschung zur Absurdität ver-
Wilhelm Stäglich, Udo Walendy, Günter Deckert, Prof. Dr. engt wird. Sogar jeder denkende Mensch muß ein Revisionist
Robert Hepp, Prof. Werner Pfeifenberger und Trutz Hardo sein, da ansonsten überhaupt kein geistiger Fortschritt erzielt
weisen deutlich auf die Bereitschaft hin, „Gedankenverbre- werden kann.
chen“ immer harscher zu bestrafen. Rudolfs Angst vor Verfolgung ist gerechtfertigt und wohlbe-
Zudem muß man sich der allgemeinen Gemütslage der heuti- gründet, da seine politisch interpretierten Ansichten mit den
gen Deutschen nach 55 Jahren der Umerziehung gewahr sein. Strafgesetzen der BRD kollidieren. Seine jeweiligen „Gedan-
Die Britisch Tageszeitung The Independent betrachtete jüngst kenverbrechen“ sind in der BRD strafrechtlich relevant, nicht
die vormalige Nation der Dichter und Denker etwas näher aber in den Vereinigten Staaten von Amerika. Rudolfs Straf-
und kam zu bemerkenswerten Schlußfolgerungen. Es wurde verfolgung in Deutschland basiert auf seinen politischen An-
festgestellt, daß sich die meisten Deutschen mit ihrer nationa- sichten und erfolgt nur aufgrund der außerordentlichen Um-
len Identität unwohl fühlen: stände, die allein in der BRD vorherrschen.

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Rudolf hat Überzeugungen, die die bundesdeutschen Staats- »Diese Protestnote bezieht sich auf die ausufernden Verlet-
anwälte und Richter mit allen möglichen Mitteln der Bestra- zungen der Meinungsfreiheit in Deutschland, wo Hunderte
fung zu unterdrücken suchen. Sowohl sein andauerndes En- von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verboten werden,
gagement für Themen des Geschichtsrevisionismus, seine nur weil sie Meinungen vertreten, die den Behörden nicht
führende Stellung in der belgischen geschichtsrevisionisti- gefallen. Dutzende von Autoren, Buchhändlern, Journali-
schen Stiftung „Vrij Historisch Onderzoek“, der von den sten, Verlegern, Herausgebern, Wissenschaftlern und ge-
bundesdeutschen Behörden eine »zentrale Bedeutung« im in- wöhnlichen Personen jeden Alters werden inhaftiert oder
ternationalen Revisionismus zugeschrieben wird,70 sein Ein- zu hohen Geldstrafen verurteilt. Wir empfinden diesen Zu-
satz als Verleger bei „Castle Hill Publishers“ und „Theses & stand als unannehmbar. Wir verurteilen das Verbot von
Dissertations Press“ sowie seine Arbeit als (Mit-)Webmeister Meinungen aus strengste. Das politische und intellektuelle
der größten geschichtsrevisionistischen Websites codoh.com Klima in Deutschland ist unerträglich geworden. Wir sind
und vho.org, die nebenbei bemerkt in den USA angesiedelt äußerst zornig über die zunehmenden Einschränkungen des
sind, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß Germar einst grundgesetzlich garantierten Rechts auf Meinungsfrei-
Rudolf seine politischen Ansichten und seinen professionellen heit. Wir fordern die diplomatischen Vertreter Deutschlands
Einsatz in Zukunft fortsetzen wird. in Südafrika heraus, die Aufhebung der insbesondere poli-
Angesichts der Stellung und Bedeutung, die Rudolf im inter- tisch motivierten Gesetze zu fordern, die auf die Einschrän-
nationalen Revisionismus erreicht hat, kann kein Zweifel dar- kung der Redefreiheit zielen. Insbesondere fordern wir die
an bestehen, daß sich die Staatsanwaltschaft in der BRD be- sofortige Freilassung aller politischer Gefangenen.«
wußt ist, daß Rudolf seine Ansichten nicht ändern wird. Am 1. Februar 2001 wurde in den führenden deutschen Tages-
Im Falle eine Auslieferung an die BRD wird Rudolf ohne Zwei- zeitungen, der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Süd-
fel die bereits verhängte Freiheitsstrafe abbüßen müssen. Dar- deutsche Zeitung, ein Appell für die Pressefreiheit veröffent-
über hinaus würde er weitere Verfolgungsmaßnahmen und Ge- licht, der vom vormaligen Generalbundesanwalt Alexander von
richtsverfahren erwarten müssen, die in weiteren Bestrafungen Stahl initiiert worden war. Dieser Appell war von Dutzenden
münden würden. Unter den gegebenen Umständen hätte Ger- von Wissenschaftlern, Verlegern, Parlamentsmitgliedern, Auto-
mar Rudolf daher nicht die geringste Chance, in seinem Hei- ren und Herausgebern unterzeichnet worden. Die Unterzeich-
matland jemals wieder seinen Lebensunterhalt zu verdienen. nenden protestierten darin gegen die Tatsache, daß die Post-
bank (sowie andere Banken) die Privat- und Geschäftskonten
Zunehmender Verfall der Geistesfreiheit in der BRD politisch unliebsamer Autoren und Verleger kündigten, womit
Insbesondere während der neunziger Jahre des letzten Jahr- deren wirtschaftliche Existenz bedroht wurde.
hunderts kam es zu Tausenden von Vorbeugeverhaftungen, zu
Zehntausenden inzwischen stark erhöhten Geld- und Frei- Schlußfolgerungen
heitsstrafen (mit wie ohne Bewährung) und einer ungezählten
Anzahl von Versammlungs- und Demonstrationsverboten, Mit ihren Ansichten und Forschungsergebnissen rütteln die
verhängt vornehmlich gegen konservative und national ge- Geschichtsrevisionisten an der moralischen Grundlage, auf
sonnene oder revisionistische Deutsche. Zeitgleich wurden so der die BRD errichtet wurde. Falls sie Erfolg haben, müssen
gut wie keine vergleichbaren Maßnahmen gegen die Reprä- große Teile der Geschichte umgeschrieben werden, was
sentanten anderer politischer Meinungen ergriffen, wie zum wahrscheinlich zu umwerfenden politischen Änderungen
Beispiel gegen Anhänger von Kommunismus oder Anarchis- führt. Deutschland würde dadurch eine objektivere Stellung in
mus. Heutzutage gibt es in der BRD mehr politische Gefan- der Geschichte erhalten und einen souveränen Platz in der
gene als in der Endphase der kommunistischen DDR. 1996 Weltpolitik und der Gemeinschaft der Nationen. Es ist zum
wurden laut der Tageszeitung Die Welt vom 7. April 1997 Beispiel allzu offensichtlich, daß die immer noch existieren-
5.800 Personen wegen der Äußerung verbotener Ansichten, den Feindstaatenklauseln abgeschafft werden müßten und zu-
den sogenannten Propagandadelikten, strafrechtlich verfolgt. gleich eine neue politische Ära anbrechen würde. Die Aktivi-
Heute hat sich diese Zahl etwa verdreifacht.71 Diese Personen täten der Geschichtsrevisionisten, darunter auch jene Germar
wurden nicht etwa aufgrund eines Gewaltverbrechens oder Rudolfs, müssen daher von dieser politischen Warte aus be-
einer anderen verdammenswerten Tat verfolgt, sondern trachtet werden.
schlicht und einfach weil sie ihre gegenläufige Meinung in Das Erwachen eines allgemeinen geschichtsrevisionistischen
der Öffentlichkeit kundtaten, also weil sie „Gedankenverbre- Bewußtseins im heutigen Deutschland wird daher von deren
chen“ begingen. mächtigen Feinden als die Gefahr schlechthin angesehen. Die
Die zunehmende Einschränkung der Presse- und Meinungs- alte Grundlage des heutigen Deutschland würde völlig zer-
freiheit in der BRD hat inzwischen sowohl innerhalb wie au- stört und durch eine gänzlich neue ersetzt werden. Vom anti-
ßerhalb Deutschlands zu merklichem Protest geführt, insbe- revisionistischen Standpunkt aus betrachtet muß daher dieser
sondere seit der Eskalation von Zensurmaßnahmen Mitte der politische Prozeß bzw. diese Erscheinung unter allen Um-
neunziger Jahre. Bereits erwähnt wurde der Appell der ständen unterdrückt werden. Dies ist der Grund, warum der
100/500/1000 aus dem Jahr 1996 anläßlich der Verfolgungs- marxistische Philosoph Jürgen Habermas dringend davor
maßnahmen im Zusammenhang mit Rudolfs Sammelwerk warnte, die Deutschen dürften niemals wieder zu einer kon-
Grundlagen zur Zeitgeschichte. ventionellen Form der nationalen Identität zurückfinden (vgl.
In Südafrika demonstrierte die politisch ungebundene Organi- dazu den Abschnitt zum Historikerstreit im vorliegenden
sation „Friends of Freedom of Speech“ (Freunde der Rede- Gutachten). Um erneut hervorzuheben, was bereits ausgeführt
freiheit) am 28. Mai 1997 vor der deutschen Botschaft in Pre- wurde:73
toria und überreichte dort eine Protestnote. Diese Protestnote »Damit ist deutlich, daß im Laufe des Streits die politische
führte u.a. aus:72 Tragweite die wissenschaftliche Dimension bei weitem

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überlagerte. Die Hauptstreitpunkte innerhalb des Zwistes des Mutes, zu einer nonkonformen Meinung zu stehen, führt
unter den Betroffenen waren existentieller Art und drehten er aus:76
sich um die Einzigartigkeit im Sinne von Singularität der »Noch wird kein Andersdenkender umgebracht, aber min-
Geschehnisse des Dritten Reiches.« destens „beschattet“, beobachtet, registriert, steuerrecht-
Insbesondere die angebliche Einzigartigkeit sowie die damit lich observiert, in großen und kleinen „Lauschangriffen“
verbundene These von den „Allein-
kriegsschuld“ und der „Endlösung“ sind
das moralische Fundament, auf dem die
BRD errichtet wurde. Ein Sieg des Ge-
schichtsrevisionismus würde die Konti-
nuität dieser Dogmen zerstören. Das ist
der eigentliche Grund, warum Ge-
schichtsrevisionisten im heutigen
Deutschland sowohl ausgegrenzt als auch
strafverfolgt werden.
Ohne das Fundamentalgrundrecht der
Meinungs-(äußerungs-)freiheit, in dem
Informationsfreiheit, Wissenschaftsfrei-
heit und Pressefreiheit wesentliche
Aspekte bilden, kann es keine freie Wil-
lensbildung des Menschen geben:74
»Die Meinungsfreiheit ist daher das
höchste Gut der Bürger einer freien
Gesellschaft; der Grad der Ein-
schränkung der Meinungsfreiheit
markiert den Grad der Entmündi-
gung.«
Es ist offensichtlich, daß nur solche
Meinungen des Schutzes durch das
Recht auf Meinungsfreiheit bedürfen,
die im Gegensatz zu Meinungen der
Herrschenden stehen:75
»Wer apologetische Reden auf die
Staatsgewalt hält, bedarf keines
Schutzes. Er ist nicht bedroht. Be-
droht ist nur der Opponent.«
Die praktizierte Redefreiheit muß daher
in Deutschland als weitgehend ein-
geschränkt angesehen werden: Autoren
abweichender bzw. geschichtsrevisio-
nistischer Veröffentlichungen oder Per-
sonen, die derartige Meinungen und
Ansichten äußern, werden in der BRD
stigmatisiert und strafrechtlich verfolgt.
Politischen Abweichlern wird das Recht
auf Meinungs- und Versammlungsfrei-
heit vorenthalten. Philosophisch be-
trachtet wird ihnen damit ihre Men-
schenwürde genommen.
Dr. Michael Neibach, Bundesschatz-
meister des zweitgrößten deutschen
Schriftstellerverbandes, des Freien
Deutschen Autorenverbandes, spricht
hinsichtlich der praktizierten Redefrei-
heit in der BRD sogar von Mei-
nungsterror. Seiner Ansicht nach wer-
den die wirklichen nationalen Proble-
me derart massiv unter Tabuschutz ge-
stellt, daß man nur noch von Regie-
rungskriminalität sprechen könne. Be-
züglich der Manipulation der öffentli-
chen Meinung wie auch hinsichtlich

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entwürdigt und durch Rasterfahndung in die private Nie- Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, Ausgabe 3/1998, S.
219-221.
sche[sic] getrieben. Die Resignationstechnik arbeitet zuver- – Diwald, Hellmut: Geschichte der Deutschen. (4. revidierte Aufl.) – Frank-
lässig, so daß auf spektakuläre Bücherverbrennungen ver- furt/M.-Berlin-Wien 1979.
zichtet werden kann.« – Eibicht, Rolf-Josef (Hg.): Hellmut Diwald. Sein Vermächtnis für
Auch bliebe die Kritik an diesen Zuständen unwirksam, da Deutschland. Sein Mut zur Geschichte. – Tübingen 1994.
– Eibicht, Rolf-Josef (Hg.): Unterdrückung und Verfolgung deutscher Pa-
Veröffentlichungen darüber von den öffentlichen wie privaten trioten. Gesinnungsdiktatur in Deutschland? – Viöl 1997.
Massenmedien ignoriert würden und da »alle Ein- und Aus- – Eschenburg, Theodor: Zur politischen Praxis in der Bundesrepublik. Kri-
gänge zur Macht parteipolitisch besetzt und für „Außensei- tische Betrachtungen 1957-1961. – München.
– Flach, Karl-Hermann: Keine Freiheit ohne Pressefreiheit. – in: Hester-
ter“ abgeriegelt sind.« mann, Ottheinrich (Hg.): Presse und Pressewesen. – Stuttgart 1993.
Wie die Fälle von Dr. Wilhelm Stäglich, Udo Walendy, Gün- – Forschungsfreiheit gefährdet. – in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom
ter Deckert, Prof. Dr. Robert Hepp, Prof. Pfeifenberger, Trutz 27. März 1996.
– Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgaben vom 30.8.1994, 8.9.1994,
Hardo (Hockemeyer) und Germar Rudolf deutlich zeigen, 21.2.1995, 24.4.1996, 17.5.1996 und 1.2.2001.
werden Dissidenten, und darunter besonders Geschichtsrevi- – Gauss, Ernst: Grundlagen zur Zeitgeschichte. Ein Handbuch über stritti-
sionisten, in der BRD stigmatisiert, ausgegrenzt, strafrechtlich ge Fragen des 20. Jahrhunderts. – Tübingen 1994.
verfolgt und zu immensen Strafen verurteilt. Diese Intellektu- – Grabert, Wigbert (Hg.): Geschichtsbetrachtung als Wagnis. Eine Doku-
mentation. – Tübingen 1984.
ellen, die weder vergewaltigt, geraubt noch gemordet haben, – Grasberger, Thomas: Staatsanwaltschaft bremst Professoren. – in:
können nicht als Kriminelle im üblichen Sinne betrachtet Abendzeitung vom 7.3.1998.
werden. Ihre „Verbrechen“ bestehen darin, „verbrecherische – Groth, Klaus: Die Diktatur der Guten. Political Correctness. – München
1996.
Gedanken“ geäußert, also ihre Ansichten und politischen – Hannusch, Heidrun: »Neurotischer Umgang mit der NS-Geschichte«. –
Meinungen vertreten zu haben. Sie wurden ausschließlich in: Dresdner Neueste Nachrichten vom 6.1.2000.
wegen dieser Art von „Verbrechen“ zu hohen Freiheitsstrafen – Hardo, Trutz: Jedem das Seine. – 1996.
und/oder Geldstrafen verurteilt.77 Einhergehend mit diesen – Hartmann, Gode: Meinungsfreiheit - ein Grundrecht der Affirmation? -
in: Perels, Joachim (Hg.): Grundrechte als Fundament der Demokratie. -
Verurteilungen wurde ihre wirtschaftliche Existenz ruiniert. Frankfurt/M.1979.
Sie sind in der Regel nicht mehr in der Lage, ihre Ansichten – Hestermann, Ottheinrich (Hg.): Presse und Pressewesen. – Stuttgart
zu veröffentlichen oder auf öffentlichen Veranstaltungen vor- 1993.
– Historische Tatsachen, Ausgaben Nr. 69, 74 und 77.
zutragen. Sie werden von den Massenmedien entweder ge- – Hoffmann, Joachim: Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945. (2. revidierte
mieden oder diffamiert, wodurch ihr Ansehen unwiderruflich Aufl.) – München 1995.
geschädigt wird. – Human Rights Watch (Hg.): Human Rights Watch World Report 1995.
Events of 1994. - New York 1995.
Nach einer sorgfältigen Abwägung der hier wiedergegebenen – Independent, The vom 21.3.2001.
Tatsachen kann der Gutachter daher nur zu dem Schluß – Jesse, Eckhard: »Streitbare Demokratie und „Vergangenheitsbewälti-
kommen, daß es keinen Zweifel daran geben kann, daß Ger- gung“«. - in: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Verfassungsschutz
mar Rudolf ein ähnliches Schicksal ereilen würde, würde er in der Demokratie. – Köln 1990.
– Junge Freiheit vom 16.12.1994.
an die BRD ausgeliefert werden. – Kosiek, Rolf: Historikerstreit und Geschichtsrevision. (2. aktualisierte
Aufl.). - Tübingen 1988.
Dr. Claus Nordbruch – Mägerle, Anton: »Censorship in Germany? Never! Unless...« –
http://www.vho.org/censor/D.html#GB
Pretoria, 31. August 2001 – Mannheimer Morgen vom 22.8.1994 und 5.12.1994.
– Müller, Helmut: »Bücher auf dem Scheiterhaufen.« – in: Zur Zeit vom
Verwendete Literatur und Dokumente 27.2.1998.
– Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 3. Februar 1984. – Neue Westfälische Nachrichten vom 23.6.1979.
– Anntohn, Gunther & Roques, Henri: Der Fall Günter Deckert. – Wein- – Nolte, Ernst: Die Deutschen und ihre Vergangenheiten. – Berlin 1995.
heim. – Nordbruch, Claus: Der Verfassungsschutz. Organisation, Spitzel,
– Bailer-Galanda, Brigitte; Benz, Wolfgang & Neugebauer, Wolfgang Skandale. – Tübingen 1999.
(Hg.): Die Auschwitzleugner. »Revisionistische« Geschichtslüge und ge- – Nordbruch, Claus: »Die BRD ist ein antifaschistischer Gesinnungsstaat«.
schichtliche Wahrheit. Antifa Edition. - Berlin 1996. – in: Der Südafrika-Deutsche vom 31.1.2001.
– Bayerisches Staatsministerium des Innern (Hg.): Revisionismus. (Faltblatt – Nordbruch, Claus: »Die selbsternannten Tugendwächter im Visier:
Nr. 4 der Serie »Schützt unsere Demokratie«. Schaltet Political Correctness das einstige Volk der Denker gleich?« –
– Behrens, Michael & Rimscha, Robert von: »Politische Korrektheit« in in: Neue Zürcher Zeitung vom 12.6.1999.
Deutschland. Eine Gefahr für die Demokratie. (2. aktualisierte und revi- – Nordbruch, Claus: »Fight against thought control.« – in: The Citizen vom
dierte Aufl.). - Bonn 1995. 21.10.1999.
– Börsenblatt des Deutschen Buchhandels vom 19. Oktober 1979. – Nordbruch, Claus: Sind Gedanken noch frei? Zensur in Deutschland. (2.
– Brief von Joschka Fischer an Dr. Claus Nordbruch vom 5. März 1996. aktualisierte und revidierte Aufl.) - München 2001.
– Brief von Dr. Joachim Hoffmann an Dr. Claus Nordbruch vom 21.3.1996. – Otto, Ulla: Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Poli-
– Brief von Prof. Dr. Konrad Löw an Dr. Claus Nordbruch vom 6.3.1996. tik. - Stuttgart 1968.
– Brief von Till Meyer-Heidelberg (Humanistische Union) an das Amtsge- – Perels, Joachim (Hg.): Grundrechte als Fundament der Demokratie. -
richt Koblenz vom 17.5.2000. Frankfurt/M. 1979.
– Brief des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung des Landes Nord- – Petermann, Frederick E.: »Historische Wahrheit per Gesetz.« – in: Junge
rhein-Westfalen an Prof. Dr. Werner Pfeifenberger vom 11. Juni 1996. Freiheit vom 5.6.1998.
– Brief von Dr. Michael Neibach (Freier Deutscher Autorenverband) an Dr. – Pfeifenberger, Werner: »Internationalismus gegen Nationalismus – eine
Claus Nordbruch vom 15.4.1996. unendliche Feindschaft? Geschichtlicher Werdegang und heutige Ge-
– Brief von Prof. Rolf Reuter an die Internationale Gesellschaft für Men- stalt.« – in: Freiheitliches Bildungswerk. Politische Akademie der Frei-
schenrechte vom 6. März 1998. heitlichen Partei Österreichs (Hg.): Freiheit und Verantwortung. Jahr-
– Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Rechtsextremistische Bestre- buch für politische Erneuerung 1995 - Wien 1995.
bungen im Internet. - Köln 2000. – Pressefreiheit bedroht. – in: Nation & Europa, Ausgabe 10/2000, S.12.
– Bundesamt für Verfassungsschutz (Köln): Verfassungsschutz in der De- – Rheinzeitung vom 8.8.2000.
mokratie. - Köln 1990. – Rudolf, Germar: Das Rudolf Gutachten. Gutachten über die »Gaskam-
– Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (Hg.): Die Bundesprüf- mern« von Auschwitz. (2. aktualisierte und revidierte Aufl.) – Hastings
stelle für jugendgefährdende Schriften informiert. – Bonn 1995. 2001.
– Butz, Arthur R.: Der Jahrhundert-Betrug. - Richmond 1977. – Sack, John: Auge um Auge. Die Geschichte von Juden, die Rache für den
– Das Freie Forum, Ausgabe 4/1994. Holocaust suchten. – Hamburg 1995.
– Dietze, Gottfried: Ein Schritt zurück in polizeistaatliche Intoleranz. - in: – Schwab, Jürgen: Die Meinungsdiktatur. Wie „demokratische“ Zensoren

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 207


25
die Freiheit beschneiden. - Coburg 1997. Human Rights Watch (Hg.), Human Rights Watch World Report 1995.
– »Schuß ins Knie.« – in: Der Spiegel, Ausgabe 41/1979, S. 135. Events of 1994, New York, S. 209.
– Scrinzi, Otto: »Menschenjagd bis in den Tod.« – in: Aula, Ausgabe »The court’s ruling appeared to unduly restrict the protected right to
6/2000, S. 9-12. free speech and expression«
26
– Stäglich, Wilhelm: Der Auschwitz-Mythos. Legende oder Wirklichkeit? – Zitat nach Junge Freiheit, 16.12.1994; schon 1979 hielt Max Güdes,
Tübingen 1979. ehemaliger Generalbundesanwalt und CDU-Bundestagsabgeordneter, das
– Stuttgarter Nachrichten vom 7.12.1994 und 19.7.1996. politische Strafrecht für nicht ungefährlich. Ihm zufolge kann es nicht
– Stuttgarter Zeitung vom 19.7.1996. darauf ankommen, durch hohe Strafmaßnahmen eine fragwürdige Ab-
– Süddeutsche Zeitung, Ausgaben vom 7.12.1994, 8.10.1998, 7.8.2000 und schreckungswirkung zu erzielen, sondern daß es vielmehr auf die viel
1.2.2001. wichtigere Zustimmungswirkung im täglichen Plebiszit der öffentlichen
Meinung, sprich des rechtschaffenden Bürgers ankomme. Vgl. ders.,
– The Leuchter Report. The End of a Myth. – Toronto 1988.
»Die Verwirrung unseres Staatsschutzrechtes«, in: ders. u.a., Zur Ver-
– Time vom 22.8.1994. fassung unserer Demokratie, 1978, S. 28.
– Töben, Fredrick: »To the Mannheim Jail: Justice and Truth in Contem- 27
Gottfried Dietze, »Ein Schritt zurück in polizeistaatliche Intoleranz«,
porary Germany.« – in: The Journal of Historical Review, Ausgabe VffG 2(3) (1998), S. 221.
Mai/Juni 2001, S. 29-36. 28
Zitiert nach Klaus Groth, Die Diktatur der Guten, München 1996, S. 53.
– Töben, Fredrick: Where Truth is no defence, I want to break free. – Nor- 29
Frederick E. Petermann, »Historische Wahrheit per Gesetz«, in: Junge
wood 2001. Freiheit, 5.6.1998.
– Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg 1996. 30
Claus Nordbruch, Sind Gedanken noch frei? Zensur in Deutschland, 2.
– Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg 2000. Aufl., Universitas, München 2001, p. 60.
31
– Verfassungsschutzbericht des Freistaates Bayern 1999. Eckhard Jesse, Streitbare Demokratie und »Vergangenheitsbewälti-
– Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 1997. gung«, in: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Verfassungsschutz in
– Verfassungsschutzbericht der Freien Hansestadt Hamburg 1994. der Demokratie. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, Köln 1990, S.
– Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2000. 289.
32
– Walendy, Udo: Wahrheit für Deutschland. Die Schuldfrage des Zweiten Ebd., S. 289.
33
Weltkrieges. (3. Aufl.) – Vlotho 1976. Herbert Kempa, Die Welt, 4.11.1994, S. 7.
34
– Welt, Die vom 24.11.1986, 30.8.1994 und 4.11.1994. Vgl. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (Hg.), Die Bun-
– Westfalen-Blatt vom 13.9.1996, 18.9.1996 und 8./9.5.1997. desprüfstelle für jugendgefährdende Schriften informiert, Bonn 1995, S.
– Zeit, Die vom 11.7.1986. 21.
35
Vgl. Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts , BVerwG 1 B 49.84.
36
Zitiert nach Claus Nordbruch, Sind Gedanken noch frei? Zensur in
Anmerkungen Deutschland, aaO. (Anm. 30), S. 134.
37
1
Vgl. Historische Tatsachen Nr. 69, S. 1.
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 33, 1 (14) 38
2
Westfalen-Blatt, 8/9.5.1997. Vgl. auch Historische Tatsachen Nr. 77, S.
Karl-Hermann Flach, »Keine Freiheit ohne Pressefreiheit« - in: Otthein- 25.
rich Hestermann (Hg.), Presse und Pressewesen, Reclam, Stuttgart 1993, 39
Historische Tatsachen Nr. 74, S. 1.
S. 11. 40
3
Vgl. Trutz Hardos Werbezettel.
Gode Hartmann, »Meinungsfreiheit – ein Grundrecht der Affirmation?«, 41
Vgl. Urteil des Landgerichts Koblenz, 30.5.2000.
in: Joachim Perels (Hg.), Grundrechte als Fundament der Demokratie, 42
Till Müller-Heidelberg, Brief an Landgericht Koblenz, 17.5.2000.
Suhrkamp, Frankfurt/M. 1979, S. 111. 43
4
Ha’arez, 7.8.2000; Süddeutsche Zeitung, 7.8.2000; Rheinzeitung,
Vgl. Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, 19.10.1979. 8.8.2000.
5 44
Vgl. »Schuß ins Knie«, Der Spiegel, 41/1979, S. 135. So wurde z.B. seine Einladung zu einem Vortrag bei den internationalen
6
Kölner Appell des DJV zur Freiheit der Presse. Pressemitteilung des esoterischen PSI-Tagen in Basel im Jahr 2001 zurückgezogen aufgrund
Deutscher Journalisten-Verbandes, 14.3.1994. der Intervention „antirassistischer“ Organisationen, Repräsentanten di-
7
Johann Fritz, nach »Pressefreiheit bedroht« Nation & Europa, 10/2000, verser jüdischer Vereinigungen, der Christlich-Jüdische Arbeitsgemein-
S. 12. schaft und anderer Interessengruppen.
8 45
Joschka Fischer, Schreiben an Dr. Claus Nordbruch, 5.3.1996. Otto Scrinzi, »Menschenjagd bis in den Tod«, in: Aula, Heft 6/2000.
9 46
»Forschungsfreiheit gefährdet« Frankfurter Allgemeine Zeitung, Rolf Kosiek, Historikerstreit und Geschichtsrevision. 2. Aufl., Grabert,
27.3.1996. Tübingen 1988, S. 71.
10 47
Prof. Dr. Konrad Löw, Schreiben an Dr. Claus Nordbruch, 6.3.1996. Michael Behrens & Robert von Rimscha, »Politische Korrektheit« in:
11
Prof. Rolf Reuter in einem Schreiben an die Internationale Gesellschaft Deutschland. Eine Gefahr für die Demokratie, 2. Auf., Bonn 1995, S.
für Menschenrechte, 6.5.1998. Es ist bemerkenswert, daß diese einfluß- 24.
reiche Organisation nichts zur Unterstützung verfolgter deutscher Dissi- 48
Zitiert nach Claus Nordbruch, Sind Gedanken noch frei?, aaO. (Anm.
denten oder Geschichtsrevisionisten unternahm. Laut Schreiben von Karl 30), S. 109.
Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der IGFM, vom 30.10.1996 an 49
Ulla Otto, Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Poli-
Germar Scheerer liege der Grund für diese Passivität darin, »daß die tik. - Stuttgart 1968, p. 102.
IGFM nicht die Kraft hat, ein Verfahren ohne Schaden für den Gesamt- 50
Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg 2000, p. 78.
verein durchzustehen.« Vgl. G. Rudolf, »Die Menschenrechtsorganisa- 51
Vgl. z.B. Brigitte Bailer-Galanda; Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebau-
tionen und der Revisionismus«, VffG 1(4) (1997), S. 270-273. er (Hg.): Die Auschwitzleugner. »Revisionistische« Geschichtslüge und
12
Theodor Eschenburg: Zur politischen Praxis in der Bundesrepublik. Kri- geschichtliche Wahrheit. Antifa Edition. - Berlin 1996, S. (u.a.) 28-29,
tische Betrachtungen 1957-1961. – München, S. 164. 120-124.
13 52
Vgl. Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, 3.2.1984, S. 6. Vgl. z.B. Bericht des Amtes für Verfassungsschutz des Freistaats Bayern,
14
Vgl. P. Philipps, »Quo vadis, BGH?«, Die Welt, 16.3.1994, S. 6. 1999, S. 70; Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Rechtsextremisti-
15
Rudolf Wassermann, »Die Justiz hat Klarheit«,Die Welt, 28.4.1994, S. sche Bestrebungen im Internet, Köln 2000, S. 36; Bericht des Landesam-
4. tes für Verfassungsschutz, der Freien und Hansestadt Hamburg, 1994, S.
16
Heidrun Hannusch, »Neurotischer Umgang mit der NS-Geschichte«, 59, und Bayerisches Staatsministerium des Innern (Hg.): Revisionismus,
Dresdner Neueste Nachrichten, 6.1.2000. Flugblatt Nr. 4 der Serie Schützt unsere Demokratie.
17 53
Vgl. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (Hg.): Die Bun- Fredrick Töben, »To the Mannheim Jail: Justice and Truth in Contem-
desprüfstelle für jugendgefährdende Schriften informiert, Bonn 1995, S. porary Germany«, The Journal of Historical Review, Mai/Juni 2001, S.
21. 36.
18 54
Der US-Hinrichtungsexperte Fred Leuchter hatte die Vergasung von Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg 1996, S. 113.
Menschen während des Dritten Reiches als wissenschaftlich widerlegt 55
Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 1997, S. 137.
bezeichnet, da dies technisch unmöglich gewesen sei. Leuchter wurde 56
Vgl. auch Jürgen Schwab: Die Meinungsdiktatur. Wie »demokratische«
etwa zwei Jahre später kurz vor seinem Auftritt bei der Live-Talkshow Zensoren die Freiheit beschneiden. - Coburg 1997, S. 283.
Schreinemakers in Köln am 28.10.1993 verhaftet. Zwei Monate später 57
Eckhard Jesse: Streitbare Demokratie und »Vergangenheitsbewälti-
wurde er auf DM 20.000 Kaution freigelassen und verließ daraufhin gung«., aaO. (Anm. 31), S. 275.
Deutschland umgehend. 58
19
Ebd., S. 280.
Die Welt, 16.12.1994. 59
20
Brief von Dr. Joachim Hoffmann an Dr. Claus Nordbruch vom
Vgl. Mannheimer Morgen, 22.8.1994, S. 1 und Time, 22.8.1994, S. 29. 21.3.1996.
21 60
Für weitere Details vgl. Gunther Anntohn, Henri Roques, Der Fall Gün- StA Oldenburg, Az. 1613-6-102 Js 6370/96; zum Glück für den Autor ist
ter Deckert, DAGD/Germania Verlag, Weinheim 1995. die Verjährungsfrist in Niedersachsen kürzer als in Baden-Württemberg.
22
Mannheimer Morgen, 5.12.1994. Für das Einziehungsverfahren gegen das Buch (sog. „objektives Verfah-
23
Süddeutsche Zeitung, 7.12.1994, S. 3. ren“) gibt es keine Verjährung.
24 61
Mannheimer Morgen, 5.12.1994; Stuttgarter Nachrichten, 7.12.1994, S. Vgl. die österreichische Wochenzeitung Zur Zeit, 27.2.1998, sowie die
2. linke bayerische Tageszeitung Abendzeitung, 7.3.1998.

208 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


62
Der Grabert-Verlag erscheint regelmäßig im Verfassungsschutzbericht, verkündete beispielsweise Bundeskanzler Gerhard Schröder im Herbst
wo er als »einer der größten rechten Verlage in Deutschland« bezeich- 2000 angesichts der angeblichen „rechten“ Gewalt den »Aufstand der
net wird; vgl. Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg Anständigen«. Zudem initiierten sowohl die Bundesregierung als auch
2000, S. 75. Bundestag und Bundesrat Ende 2000 bzw. Anfang 2001 ein Verbotsver-
63
Anlaß dafür war das von Rudolf 1991/92 verfaßte und von Generalmajor fahren gegen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands.
68
a.D. O.E. Remer mit Vor- und Nachwort versehene Gerichtsgutachten The Independent, 21.3.2001, S. 5.
69
Das Rudolf Gutachten, jedoch wurde Rudolfs Herausgeberschaft des Vgl. z.B. den Bericht des Landesamtes für Verfassungsschutz Nordrhein-
Buches Grundlagen zur Zeitgeschichte als Hauptgrund angeführt, war- Westfalen 2000, S. 118. Bezüglich Verfolgung und Inhaftierung von Dr.
um man die Strafe nicht zur Bewährung aussetzen könne, Urteil des LG Töben in Deutschland siehe sein Buch Where Truth is no Defence, I
Stuttgart, Az. 17 KLs 83/94, S. 239. want to break free, Selbstverlag, Norwood (Australien) 2001, S. 40-62.
64 70
Schriftliche Erklärung von Dr. Rolf Kosiek vom 2.5.2001. Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Rechtsextremistische Bestre-
65
Zur Aufregung, die diese Anzeigen verursachten, vgl. auch ARD- bungen im Internet, aaO., S. 37.
71
Tagesthemen vom 6. Juni 1996. Vgl. Anton Mägerle: Zensur in Deutschland? Nie! Es sei denn... -
66
Für mehr Information zu diesem Thema vgl. Claus Nordbruch: Der Ver- http://www.vho.org/censor/D.html
72
fassungsschutz. Organisation, Spitzel, Skandale. – Tübingen 1999, S. Veröffentlicht in der südafrikanischen Tageszeitung The Pretoria News
103-135, 256-268. vom 26.5.1997, S. 2.
67 73
So zum Beispiel diverse Brandanschläge auf Synagogen, das Bombenat- Vgl. weiter oben in diesem Gutachten.
74
tentat in Düsseldorf im Sommer 2000, bei dem zehn zumeist jüdische Karl-Hermann Flach: Keine Freiheit ohne Pressefreiheit. – in: Otthein-
Einwanderer getötet bzw. verletzt wurden, oder der Presserummel über rich Hestermann (Hg.): Presse und Pressewesen, Stuttgart 1993, S. 11.
75
die Umstände des Todes des kleinen Jungen Joseph in Sebnitz im Herbst Gode Hartmann: Meinungsfreiheit – ein Grundrecht der Affirmation?,
2000. Alle diese (angeblichen) Gewalttaten wurden von den Medien oh- in: Joachim Perels (Hg.): Grundrechte als Fundament der Demokratie,
ne Grundlage mit deutschen »rechten« Tätern in Zusammenhang gesetzt. Frankfurt/M 1979, S. 111.
76
Den polizeilichen Ermittlungen zufolge kamen die Täter entweder aus Dr. Michael Neibach in einem Brief an Dr. Claus Nordbruch vom
dem Umkreis osteuropäischer organisierter Kriminalität, arabischer Ra- 15.4.1996.
77
dikaler oder konnten überhaupt nicht festgestellt werden. Trotz ihrer Es gibt eine große Zahl ähnlicher Schicksale, z.B. der Autor von Esote-
massiven, aber offenbar falschen Kampagne gegen »Rechte« drückten rik-Bestsellern Jan van Helsing alias Jan Udo Holey oder der einst sogar
die Medien niemals ihr Bedauern aus und berichtigten ihre Fehler auch in Deutschland angesehene britische Historiker David Irving. Für weitere
nicht annähernd so wirksam, wie sie sie zuvor begangen hatten. Die Fol- Details vgl. Claus Nordbruch: Sind Gedanken noch frei? Zensur in
gen derartigen Fehlverhaltens für das politische Klima sind enorm. So Deutschland, 2. Aufl., München 2001.

Aus der Forschung


Japan knackte US-Funkverkehr schon im Sommer 1941
Von Richard Rausch
Als die Spannungen zwischen Japan und den USA Mitte 1941 daß Japan die US-Verschlüsselungen schon vor Kriegsaus-
anwuchsen, sorgte Washington dafür, daß die verschlüsselten bruch geknackt hatte. Minohara führte aus:
diplomatischen Nachrichten zwischen der US-Botschaft in »Unmittelbar nachdem ich dieses Dokument fand, nahm
Tokio und dem US-Außenministerium von den Japanern nicht ich mit Hattori Kontakt auf. Eine Durchsicht des Archivs
geknackt werden konnten. des japanischen Außenministeriums ergab, daß verschlüs-
Die herkömmliche Lehrmeinung ging bisher davon aus, daß selte Meldungen der US-Botschaft nach Washington seit
diese Anstrengungen erfolgreich waren. Die Entdeckungen Mai 1941 von den Japanern innerhalb weniger Tage ent-
von zwei Historikern an der Universität von Kobe (Japan) schlüsselt worden waren.«
weisen jedoch darauf hin, daß die Japaner bereits Monate vor In einem Dokument vom 22.9.1941, das von den Japanern of-
dem Angriff auf Pearl Harbor in der Lage waren, die ameri- fenbar am 25.9.1941 entschlüsselt wurde, erwähnt der US-
kanischen Nachrichten zu entschlüsseln. Experten gehen da- Botschafter in Tokio Joseph Grew Japans Fünf-Punkte-
her nun davon aus, daß die Geschichte umgeschrieben werden Friedensplan für China, über den damals mit der japanischen
müsse (hört, hört!). Regierung verhandelt wurde. Demnach hätte Japan alle Trup-
Toshihiro Minohara, Assistenz-Professor in Kobe, und der pen aus China abgezogen, es sei denn, sie würden zur Ver-
dortige Dozent Satoshi Hattori verkündeten, die im Archiv hinderung »kommunistischer oder anderer subversiver Aktivi-
des japanischen Außenministeriums gefundenen Dokumente täten benötigt, die eine Bedrohung für beide Länder darstel-
zeigten eindeutig, daß die japanische Regierung nicht nur die len.«
geheimen Codes der USA, sondern auch die Englands, Chinas Minohara und Hattori führten zudem ein Dokument vom
und Kanadas geknackt hatte. 28.11.1941 an, das den Japanern am 2.12.1941 entschlüsselt
Kurz vor dem 60. Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbor vorlag, nur fünf Tage vor ihrem Angriff. Darin wird Botschaf-
verkündete Makoto Iokibe, ebenfalls Professor in Kobe und ter Grew mitgeteilt, der vorgeschlagene Friedensplan werde
Koordinator dieser Forschungen: von der US-Regierung abgelehnt werden. Die Bedeutung die-
»Diese Erkenntnisse von Minohara und Hattori widerlegen ses Dokuments liegt darin, daß es zugleich eine weitere drei-
die übliche Ansicht, Japan sei den USA im Informations- monatige Verhandlungsphase vorschlug, während der die
krieg unterlegen gewesen«. USA eine geringfügige Erleichterung des Handelsembargos
Seine Nachforschungen über den Mandschurei-Vorfall des gegen Japan erwägen und es Japan erlauben wollten, Truppen
Jahres 1931 führten Minohara vor kurzem in das Nationalar- in Französisch-Indochina zu behalten.
chiv der USA nach Washington D.C., wo er über ein 1996 Botschafter Grew erhielt dieses Telegramm allerdings zwei
freigegebenes CIA-Dokument stolperte, aus dem hervorging, Tage, nachdem der US-Außenminister Cordell Hull Tokio

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 209


zum sofortigen Abzug aller Truppen aus China und Franzö- che der vielen amerikanischen diplomatischen Codes die Ja-
sisch-Indochina aufgefordert hatte. Japan interpretierte Hulls paner gebrochen hatten. Man erinnere sich nur daran, daß
Aufforderung als Ultimatum, das unmöglich zu erfüllen war, man in Washington durchaus wußte, daß der sogenannte
was zur Umsetzung des Angriffs auf Pearl Harbor führte. „Graue Code“ nicht sicher war. Roosevelt benutze diesen
Minohara fügte hinzu, er gehe davon aus, der japanische Kai- Code in einer Nachricht an die US-Botschaft Anfang Dezem-
ser Showa sei über den Inhalt der chiffrierten Meldungen zwi- ber, um Japan ein letztes Verhandlungsangebot zu unterbrei-
schen Grew und Hull informiert gewesen, da er während des ten, wobei er im Prinzip wollte, daß die Japaner das Angebot
gesamten Herbstes 1941 regelmäßig über die Verhandlungen abhörten.
mit den USA unterrichtet worden war: Es ist aber bezeichnend für die amerikanische Arroganz, daß
»Dem Kaiser wurde womöglich nicht mitgeteilt, woher ge- man 60 Jahre lediglich darüber diskutierte, welche der vielen
nau diese Informationen stammten, aber sie wurden ihm si- japanischen diplomatischen und militärischen Codes die
cherlich zugänglich gemacht.« Amerikaner geknackt hatten, man aber keine Zeit damit ver-
Einen Beweis dafür, daß der Kaiser informiert war, wäre brachte, auch einmal darüber nachzudenken, ob nicht auch
wohl nur in seinen Tagebüchern zu finden, falls sie jemals die Japaner den einen oder anderen US-Code geknackt hatten.
zugänglich gemacht werden. Das kaiserliche Haus bestreitet Bei der Erforschungen der japanischen Seite des Zweiten
allerdings, daß es derartige Tagebücher überhaupt gibt, was Weltkrieges kommt neben der mangelnden Motivation er-
Minohara für unglaubhaft hält: schwerende hinzu, daß Japan damals viele geheime Doku-
»Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß Kaiser mente nach Kenntnisnahme schlicht verbrannte – oder daß sie
Showa ein Tagebuch führte. Zu jener Zeit führten alle ge- bei US-Luftangriffen verbrannten. Was den Krieg überlebte,
bildeten Leute Tagebücher.« wurde zumeist in US-Archive verschleppt, wo es kaum Be-
achtung fand.
Soweit die am 8. Dezember in der Japan Times veröffentlich- Wie die Los Angeles Times am 7.12.2001 zu berichten weiß,
te Meldung. sind die meisten der nun von den Japanern gefundenen Korre-
Die Verantwortung für das Desaster der Angriffe auf Pearl spondenzen zwischen der US-Botschaft und Washington so-
Harbor wurde seinerzeit hauptsächlich dem für die Hawaii- wie anderer ausländischer diplomatischer Verkehr nicht neu.
Inseln zuständigen Admiral Husband Kimmel untergescho- Was neu ist, ist der Umstand, daß dies Material den Japanern
ben, womit sich die militärische Führung der USA im allge- schon vor Kriegsausbruch bekannt war. Dies kann erklären,
meinen und Präsident Roosevelt im besonderen weißwuschen. warum gegen Ende 1941 auch die letzten Mitglieder des kai-
Aus späteren Untersuchungen ging allerdings hervor, daß serlichen Kabinetts ihre Gegnerschaft zum Krieg gegen die
Admiral Kimmel von Washington über die wachsende USA aufgaben: sie waren alle der Ansicht, die USA wollten
Kriegsgefahr mit Japan absichtlich unwissend gehalten wur- keinen Kompromiß mehr, sondern Krieg.
de, einerseits, um einen Sündenbock zu haben, und anderer- Das US-Ultimatum an Japan vom 26.11.1941 erfolgte übri-
seits, weil man ja einen möglichst erfolgreichen japanischen gens nur acht Tage, nachdem der auf Befehl von Moskau
Angriff auf Pearl Harbor brauchte, um offen in den Krieg ge- agierende Harry Dexter White für Morgenthau in einem Me-
gen Deutschland eintreten zu können. morandum an Roosevelt eine harte Gangart gegen Japan na-
Aus den jüngsten Forschungsergebnissen scheint nun hervor- helegte – um Moskau im Kampf gegen Europa den Rücken
zugehen, daß sogar die Japaner besser über die Intrigen der freizuhalten (vgl. National Archive 19PHA3667-3682). Der
US-Regierung Bescheid wußten als Admiral Kimmel. Aller- japanische US-Botschafter Grew bezeichnete dies als »den
dings muß man diese Meldung zunächst mit Vorsicht genie- Knopf zur Auslösung der Krieges«.
ßen, denn aus obiger Pressemeldung geht nicht hervor, wel-

Hitler ohne Völkermordprogramm gegen Slawen


Von Theodore O’Keefe
In der französischen Zeitschrift Vingtième Siècle (Juli- fanden. Jean Stengers, Geschichtsprofessor an der Universität
September 2001) steht eine nützliche, wenn auch zurückhal- Brüssel, kann mühelos nachweisen, daß an dieser Behauptung
tend formulierte Widerlegung der noch lange nach dem nichts, aber auch gar nichts wahr ist. Seine Darstellung der
Nürnberger Prozeß, wo sie ausgebrütet wurde, weiterverbrei- Kommentare Rosenbergs und Görings, die zur Stützung der
teten Ente, wonach Himmler nach dem Beginn des Rußland- falschen Himmler-Zitate gebraucht werden, zeigt, daß ihre
feldzugs die Aushungerung von 30 Millionen Slawen geplant Worte in keiner Hinsicht auf die Existenz eines solchen Plans
haben soll. Diese Anklage, die sich auf die Aussagen früherer hindeuten. Ohne Zweifel aus Furcht vor der europäischen Ho-
Zeugen der Anklage, darunter des SS-Generals Erich von locaust-Polizei behandelt Stengers Gerlach und Konsorten
dem Bach Zelewski, stützt, war in Vergessenheit geraten, mit ausgesuchter Höflichkeit und gibt sich alle Mühe, dem
doch neulich von mehreren deutschen Historikern wieder auf- angeblichen Völkermord an den Juden seine Reverenz zu er-
gewärmt worden, unter denen sich, was niemanden über- weisen.
rascht, Christian Gerlach, Suzanne Heim und Götz Aly be-

210 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Zionismus in Dänemark
Von Dr. Christian Lindtner
Es ist wenig bekannt, daß die dänische Hauptstadt Kopenha- eine Heimstätte in Palästina. (Quelle: Lorenz Christensen, Det
gen während des Ersten Weltkriegs als Zentrum der »Zionisti- Tredje Ting, København 1943, S. 234f.)
schen Organisation« diente. Deren Büro war im Februar Die zionistischen Aktivitäten während des Ersten Weltkrieges
1915 von Berlin nach Kopenhagen verlegt worden. Der erste und danach verdienen eine größere Aufmerksamkeit, weisen
in Dänemark amtierende Vorsitzende war der in Browary (bei sie doch darauf hin, daß damals der Samen des Holocaust-
Kiew) geborene Leo Motzkin. Sein zwischen 1916 und 1920 Mythos gepflanzt wurde. Da Lorenz Christensens Buch zur
amtierender Nachfolger war Dr. Viktor Jacobson, der 1869 in Zeit der deutschen Besatzung Dänemarks verlegt wurde, ist es
Simferopol (Krim) geboren worden war. In einer Presseerklä- heute auf dem antiquarischen Büchermarkt nurmehr schwer
rung vom 20. Dezember 1918 behauptete das dänische Büro, aufzufinden. Die öffentlichen Bibliotheken halten es unter
die Juden hätten während des Krieges mehr als alle anderen Verschluß. Das Buch ist auch eine Fundgrube über andere jü-
Völker gelitten und eine derartig großes Opfer gebracht, daß dische Machenschaften, insbesondere im Bereich der Krimi-
sie eine Wiedergutmachung verdienten, darunter mindestens nalität.

Ausgrabungen in Sobibor?
Von Jean-François Beaulieu
Todeslager war. Zwei weitere Lager dienten als Gefängnis-
se für Zwangsarbeiter. […]«
(Vergleiche im Internet:
http://www2.ca.nizkor.org/ftp.cgi/camps/aktion.reinhard/
sobibor/press/Graves_found.011123

Am Morgen des 22. April 2002 suchte ich das ehemalige an-
»Polnische Forscher finden Massengräber in Sobibor gebliche „Vernichtungslager“ Sobibor auf und wanderte drei
Jerusalem Post, 25.11.2001 Stunden lang auf dem früheren Lagergelände auf und ab. Da
Andrzej Stylinski, Associated Press ich mich in Polen befand, hatte ich beschlossen, einen Abste-
WARSCHAU – Polnische Forscher erklärten am Freitag, cher dorthin zu unternehmen und zu überprüfen, was es mit
sie hätten in dem in Ostpolen gelegenen ehemaligen Nazi- den Massengräbern auf sich hat, die man im November 2001
Vernichtungslager Sobibor, das von den Nazis nach einer dort entdeckt haben will. Das größte dieser Gräber mißt an-
Häftlingsrevolte eingeebnet worden war, Massengräber geblich 70 m × 25 m, und außerdem soll es fünf kleinere, je-
ausfindig gemacht. weils fünf Meter tiefe Gräber geben. Ich war skeptisch, rech-
Sieben Massengräber und Stellen, auf denen einige Ge- nete damit, einige vielleicht mit Sand gefüllte Gruben vorzu-
bäude standen, seien während der ersten ausführlichen finden und sagte mir: Wahrscheinlich haben sie nach langem
Untersuchung des ehemaligen Lagers gefunden worden, so Wühlen ein paar Knochen entdeckt, und die Größe der Gru-
Andrzej Kola, ein Archäologieprofessor, der die Untersu- ben entspricht nicht dem Vorgefundenen, oder aber sie haben
chungen leitet. […] tatsächlich einen Fund gemacht. Doch was ich dann wirklich
Das Forschungsteam begann im Sommer mit Bohrungen zu sehen bekam, hat mich noch mehr überrascht…
im Lager, um festzustellen, wo sich Gebäude und Gräber Die Fahrt von Lublin nach Wlodawa (10 km von Sobibor) ist
befunden haben können, sagte Kola. Die Untersuchung riskant; in den Zügen wimmelt es nur so von gefährlichen, an-
wird von der Regierung unterstützt. tisemitischen Polen, die mir helfen, das Fahrrad im Zug zu
Die Bohrungen förderten erste Beweise von Massengrä- verstauen, und mir mit Handzeichen zu verstehen geben, daß
bern und einer länglichen Baracke zutage. Weitere Aus- ich in Chelm umsteigen muß (was auf dem Fahrschein nicht
grabungen des Gebäudes förderten 1.700 Geschosse in ei- vermerkt ist) und mir Wodka sowie – als besonders üble Fol-
ner der Gebäudeecken zutage, so daß man annehme, daß ter – einen Teil ihrer Schweinewurst anbieten. Dies liefert
dort Hinrichtungen stattfanden, so Kola. vielleicht eine Erklärung dafür, daß ich während meines drei-
Daneben fanden die Forscher Objekte, die von den Häft- stündigen Aufenthaltes nicht einen einzigen jüdischen Touri-
lingen benutzt worden waren, wie Metalltassen, Löffel, Uh- sten zu Gesicht bekam: Ich war mutterseelenallein auf dem
ren und Ferngläser. Lagergelände.
Kola führte aus, die etwa 60 Meter von den Massengräbern Die Ausgrabungen versuchte ich vor allem um das Lager III
entfernt gelegene Baracke könne als Gaskammer gedient herum zu orten. Dort befindet sich das kreisförmige Mahn-
haben, jedoch seien noch weitere Studien notwendig. Nach mal, das den Behauptungen einer jüdischen Journalistin zu-
Ende der Frostperiode seien im nächsten Jahr weitere ar- folge Menschenasche enthalten soll. Ich marschierte in einem
chäologische Untersuchungen geplant. Kreis von 150 bis 200 m um dieses herum. Nach meiner Kar-
Die Testbohrungen und ersten Ausgrabungen konzentrier- te zu schließen, muß ich dabei die Grenzen des alten Lagers
ten sich auf das frühere Lager Nr. 3 bei Sobibor, das ein erreicht haben. Ringsum Bäume, Gras, einige kleine Stellen,

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 211


wo der Boden mit Sand und Fichtennadeln bedeckt ist, doch Juden aus, die sich dort befinden müssen, weil fünf Pfähle in
die Punkte, wo die Erde möglicherweise aufgewühlt worden den Boden gerammt sind!
ist, nehmen bestenfalls eine Fläche von ein paar Quadratme-
tern ein. Nirgends um die Statue (diese stellt eine jüdische ANMERKUNGEN DER REDAKTION
Mutter sowie ihr Kind dar) sowie um das Denkmal herum sah Bereits in VffG 3/98 (S. 222) berichtete S. Crowell über an-
ich eine offene, von Bäumen und hohen Gräsern freie Fläche gebliche Ausgrabungen und das Auffinden großer Massen-
von 70 m × 25 m Größe. Westlich dieses Mahnmals befindet gräber im Lager Belzec. Kurze Zeit nach der entsprechenden
sich eine mehr oder weniger dreieckige baumlose Stelle, de- Pressemeldung über Belzec erhielt der polnisch-ukrainische
ren Länge vielleicht zehn Meter betragen mag, doch weist Revisionist Dr. Miroslaw Dragan Abzüge von Fotos, die die
nichts auf Erdbewegungen hin: Gras, aus dem Boden ragende „Ausgrabungen“ in Belzec dokumentierten. Als ich Dr.
Stümpfe gefällter Bäume (in der Nähe liegen forstwirtschaft- Dragan im Juni 2001 traf, hatte ich Gelegenheit, diese Fotos
liche Betriebe), zwei Waldbrandnarben von einem Meter einzusehen. Tatsächlich zeigten die Fotos lediglich lächerlich
Durchmesser sowie eine (leider leere) polnische Bierflasche. kleine Metallstangen, mit denen man Löcher in den Boden
Das Lager war im Schnitt 400 m breit. Somit kann ich eine stach und kleine Bodenproben entnommen hatte. Auf diese
Grube von 70 m × 25 m Größe ganz unmöglich übersehen Weise sind bestimmt keine großen Massengräber gefunden
haben! Gewiß kann man eine ausgehobene Grube wieder zu- und analysiert worden. (Leider ist Dr. Dragan dermaßen des-
schütten, aber bevor man sie aushebt, muß man doch die organisiert, daß es unmöglich ist, von ihm irgendwelche Do-
Bäume fällen und ihre Wurzeln ausreißen! Und warum hätte kumente zu erhalten, so daß wir aufgegeben haben, ihn um
man überall wieder dichtes Gras pflanzen sollen? Tatsache ist Abzüge dieser Fotos zu bitten.)
nun, daß man um das Mahnmal (unweit vom Lager III) zahl- Von ähnlicher Qualität scheinen auch die Ausgrabungen in
reiche Bäume sowie, im Osten, hohe Gräser vorfindet. Sobibor zu sein. Im französischen Periodikum Conseils de
Ich bin mir sicher, daß man einige Ausgrabungen durchge- Révision, Juni 2002, S. 2, kommt zudem eine nicht genannte
führt hat, aber die einzige Erklärung liegt darin, daß man an- Dame zu Wort, die vor etwa zehn Jahren das Lager Sobibor
hand kleiner Bohrlöcher Extrapolationen vornahm. Es mag zweimal besucht hatte und offenbart, das Lager habe schon
sein, daß man mittels eines Detektors aufgestöberte Metallge- damals genauso ausgesehen wie oben von Herrn Beaulieu be-
genstände vorfand und vielleicht auch ein paar Knochen – bit- schrieben. Nichts habe sich dort geändert. Auch das Auffin-
te sehr, ist das etwa eine weltbewegende Entdeckung? Wenn den von 1.700 Patronenhülsen ist zudem kaum ein Beweis für
man menschliche Überreste gefunden hat, dann bestimmt Hinrichtungen, denn a) 1.700 Schuß, abgefeuert in einem
nicht in einer Grube von 70 m × 25 m, und zwar schon aus Raum, hätte deren Wände pulverisiert und b) dermaßen viele
dem ganz einfachen Grund, daß man niemals eine solche Patronenhülsen in einem Raum wären bestimmt weggeräumt
Grube ausgehoben hat! worden. Vielleicht handelt es sich dabei um eine Baracke, wo
Hier und dort waren Pfähle tief in die Erde gerammt, viel- Patronenhülsen mit Hilfe von Zwangsarbeitern wiederaufbe-
leicht zwanzig an der Zahl; ich weiß nicht, ob sie von Archäo- reitet wurden.
logen oder einem forstwirtschaftlichen Betrieb stammten. Al- Außerdem wurde unseres Wissens nach weder über die For-
lem Anschein nach liefert man uns auch für Belzec einen Be- schungen in Belzec noch in Sobibor bisher in irgendeiner
weis in Form eines Fotos, das ebenfalls Pfähle zeigt. Wenn „etablierten“ Geschichtszeitschrift berichtet.
dies ein Beweis ist, dann kapituliere ich; sobald ich wieder zu G. Rudolf
Hause bin, nehme ich meine Schaufel und grabe die 62.500

Sir Henry Strakosch, Churchill und der Zweite Weltkrieg


Von Prof. Dr. Arthur R. Butz
Im 1976 veröffentlichten fünften Band seiner Biographie und diese Summe nur durch den Verkauf seines Hauses
Winston S. Churchill schildert der britisch-jüdische Historiker Chartwell auftreiben konnte. Strakosch kaufte das Haus für
Martin Gilbert die Beziehungen, die in den dreißiger Jahren diese stolze Summe, und dies zu einem Zeitpunkt, wo ein an-
zwischen Churchill und Sir Henry Strakosch, einem südafri- ständiger amerikanischer Jahresslohn vielleicht 2.000 Dollar
kanischen Ökonomen und führenden Manager auf dem Gebiet betrug. Außerdem vermachte er Churchill 20.000 Pfund, als
der Goldförderung, herrschten. Die meisten Ziffern über die er fünf Jahre später verstarb.1
deutsche Rüstung, die Churchill dem Unterhaus bekanntgab Im ersten Band seines Werks Churchill‘s War (1987) greift
und anderswo publizierte, stammten von Strakosch, der in David Irving diese Geschichte auf, fügt jedoch hinzu, Stra-
dieser Sache anonym zu bleiben wünschte. kosch sei »ein in Mähren, Tschechoslowakei, geborener Ju-
Strakosch mußte schließlich für diese Dienste teuer zahlen. de« gewesen. Der vorliegende Artikel verfolgt das Ziel, die
Wie Gilbert berichtet, rettete er Churchill 1938 vor dem fi- Behauptung, wonach Strakosch jüdischer Abstammung war,
nanziellen Ruin, als sich dieser bei seinen Aktivitäten als kritisch zu beleuchten und Licht auf die besonderen politi-
Makler aufgrund eines Börsensturzes in New York mit schen Gründe zu werfen, die ihn zu seiner Unterstützung
18.000 britischen Pfund (90.000 US-Dollar) verschuldet hatte Churchills veranlaßten.

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Beweise dafür, daß Strakosch kein Jude war Die Todesanzeigen und Nachrufe in den vier (jeweils am
Strakosch starb am Samstag, den 30. Oktober 1943 in der Freitag erschienenen) Ausgaben der Londoner Wochenzei-
Nähe von London. Die Londoner Times veröffentlichte am 1. tung Jewish Chronicle vom November 1943 enthalten keiner-
November einen langen Nachruf und am Tag darauf eine lei Hinweis auf Strakosch.
Laudatio; am 4. November berichtete sie über einen zu seinen Die einfache Erklärung für all dies ist, daß Strakosch kein Ju-
Ehren gehaltenen Gedenkgottesdienst. Ganz offensichtlich de war.
handelte es sich um einen christlichen Gottesdienst, der in der
Kirche St. Michaels am Chester Square stattfand. Wer behauptet, Strakosch sei Jude gewesen?
Somit starb Strakosch zumindest nominell als Christ. Dies Das Jüdische Biographische Archiv (1994), eine umfangrei-
schließt die Möglichkeit freilich nicht aus, daß er zumindest che Datenbasis, die auf Mikrofichen erhältlich ist, führt zwei
teilweise jüdischer Herkunft oder vom Judentum zum Chri- Quellen an, denen zufolge Strakosch jüdischer Abstammung
stentum konvertiert war, doch weder David Irving noch sonst gewesen sein soll. Bei der ersten handelt es sich um ein Buch
jemand hat dafür stichhaltige Beweise anführen können. oder Pamphlet mit dem Titel The Jew‘s Who‘s Who: Israelite
Aus verschiedenen Quellen2 wissen wir folgendes über Finance: Its Sinister Influence (London: Judaic Publishing
Strakosch: Er wurde am 9. Mai 1871 in Hohenau, Öster- Co. 1920). Es ist uns nicht gelungen, ein Exemplar dieser
reich, als Sohn von Edward Strakosch und Mathilde Win- Schrift aufzutreiben, doch das Jüdische Biographische Archiv
terburg geboren. Hohenau liegt an der österreichisch-mäh- zitiert daraus folgenden Abschnitt:
rischen Grenze, und Edward Strakosch war ein Pionier in »Strakosch, Henry. Direktor von A. Goerz & Co. ǧ
der österreichischen Zuckerrübenindustrie. Henry besuchte ,500,000. Diese Firma, bei der es sich um ein südafrikani-
das Wasa-Gymnasium in Wien und vervollständigte seine sches „Kontrollhaus“ handelt, hat ihre Fänge nun nach
Erziehung bei Privatlehrern in England. Im Jahre 1891 stieß Westafrika, Nigeria und Mexiko ausgestreckt. Zusätzlich zu
er zur Anglo-Austrian Bank in London und brachte es rasch seinen sehr beträchtlichen Anteilen an Bergbauunterneh-
zum Devisenmanager. Er begann sich für Goldförderung men ist dieses Haus an zahlreichen – meist im Bergbau tä-
und Finanzen zu interessieren und wanderte 1895 nach Süd- tigen – Unternehmen mit Besitz in aller Welt beteiligt. Sie
afrika aus. Dort schloß er sich 1896 dem Goldförde- ist ein rein jüdischer Betrieb, und 94 gehörte ihrem Di-
rungsunternehmen Goerz and Co. an, wo er zunächst die rektorium nicht ein einziger Angelsachse an. Technisch ge-
Position eines Assistant Managing Director bekleidete. sehen ist sie eine rein britische Firma, doch behaupten bö-
1924 wurde er zum Vorsitzenden gewählt und blieb es bis se Zungen, ihr Kosmopolitismus sowie ihre asiatische Fär-
zu seinem Tod. (1918 war die Firma in Union Corp. umbe- bung erlaubten es ihr, sich „britisch“ zu nennen.«
nannt und als Aktiengesellschaft in England registriert wor- Der Text zählt anschließend andere Direktoren des Unter-
den.) Er war »ein leidenschaftlicher Polospieler, begeister- nehmens auf. Die angeführten Namen sind nicht eindeutig jü-
ter Autofahrer und Junggeselle.« disch, doch man bekommt den Eindruck, es werde vom Leser
Strakosch beriet die Regierung 1920 beim Erlaß des südafri- erwartet, daß er jeden nicht-englischen, insbesondere deut-
kanischen Banken- und Währungsgesetzes, das zur Errichtung schen Namen automatisch für einen jüdischen halten solle.3
der South African Reserve Bank führte. Ab 1925 zog ihn die Es werden einige andere Firmen genannt, deren Oberhaupt
britische Regierung in Indien bei ähnlichen Fragen zu Rate. Strakosch gewesen sein soll und bei denen Juden in der Tat
1921 wurde er zum Ritter geschlagen, und 1924 wurde er eine Rolle spielten, doch dies war unvermeidlich. Das wich-
Knight Commander of the Order of the British Empire. Ein tigste Beispiel ist die Firma Geduld, die von zwei litauischen
weiterer Titel kam 1927 dazu: Knight Grand Cross of the Bri- Juden, Samuel Marks und Isaac Lewis, kontrolliert wurde.4
tish Empire. Zur Verteidigung des Verfassers dieser Schrift sei gesagt, daß
Erst gegen Ende seines Lebens, anno 1941, trat Strakosch in die führenden deutschsprachigen Unternehmer, die im 19.
den Ehestand. Seine Auserwählte war die Witwe Mr. Mabel Jahrhundert nach Südafrika auswanderten, meist Juden waren.
Elizabeth Vincent Temperley; die Hochzeit fand in einer Daß man einen solchen Deutschen einem Juden gleichstellte,
christlichen Zeremonie in der St. Andrews-Kirche in Kings- war ein begreiflicher Fehler, aber eben trotzdem ein Fehler.
wood, Gloucester, statt. Die hauptsächliche Schwäche der Schrift besteht darin, daß
Keine der Quellen, denen diese biographischen Angaben ent- sie die Geschichte von Goerz & Co. zum Zeitpunkt der Ver-
nommen sind, liefert irgendeinen Hinweis auf eine jüdische öffentlichung (1920) offenbar nicht kennt. Damals gab es
Abstammung Strakoschs. Zwei Bücher, die viel über einen nämlich bereits keine Firma mit diesem Namen mehr: Sie war
Mann von der Bedeutung Strakoschs zu berichten gehabt hät- 1918 in Union Corporation umgetauft worden. Ihr Gründer,
ten, wäre er Jude gewesen, schweigen sich über ihn aus: Je- Adolf Goerz (1857-1900) war ein nichtjüdischer Immigrant
wish Roots in South African Economy von Mendel Kaplan aus Deutschland.5 Obgleich die Firma enge Beziehungen mit
(C. Struik, Kapstadt 1986) sowie The Jews in South Africa: A Deutschland und insbesondere der deutschen Bank in Berlin
History (herausgegeben von Gustav Saron und Louis Hotz, unterhalten hatte, ließ Goerz sie in England als Aktiengesell-
Oxford University Press, London 1955). schaft registrieren.
Die Encyclopedia Judaica (1971) erwähnt zwei jüdische Bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 waren fünf der acht Direk-
Strakoschs, doch keinen Sir Henry (sie erwähnt übrigens auch toren deutsche Staatsbürger. Die Briten gaben ihnen den
einen jüdischen Irving, der mit Vornamen aber nicht David Laufpaß, und 1918 hatten sich sowohl der Firmenname als
heißt). Hätte ein Jude oder ein Mann von teils jüdischer Her- auch die ethnische Zusammensetzung der Direktion geän-
kunft oder ein zum christlichen Glauben übergetretener Jude dert.6 Bei dieser Säuberung hätten die Briten schwerlich zwi-
eine dermaßen wichtige Rolle im Vorfeld des Zweiten Welt- schen Deutschen und deutschen Juden unterschieden, und
kriegs gespielt, so dürfte ihn die Encyclopedia zumindest ei- Österreicher wären den Deutschen gleichgestellt worden.
nes Namenseintrags für würdig befunden haben. Strakosch behielt – zweifellos dank seiner soliden Beziehun-

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 213


gen in England – seine Stelle bei. Der Haupteinwand gegen herum Anteil an Goldbergwerken und anderen Wirtschaftsun-
die Schrift muß also darin bestehen, daß sie zum Zeitpunkt, ternehmen in Ungarn besaß.9 Doch dies macht Strakosch
wo sie in den Druck ging, falsche Angaben über den Stand noch lange nicht zum Magyaren.
der Dinge lieferte. Die Zusammensetzung des Direktoriums Ein anderer Grund dafür, daß ich Hyamsons Klassifizierung
der Firma Goerz im Jahre 1914 spielte sechs Jahre später kei- nicht für zuverlässig erachte, liegt darin, daß ich keiner Quel-
ne Rolle mehr. Vermutlich handelte es sich um ein Exemplar le traue, die Strakosch nach seinem Tode als Juden einstuft,
jener nicht seltenen Art von Publikationen, die bei jeder sich ohne wenigstens zu erwähnen, daß er nominell als Christ
bietenden Gelegenheit wild auf die Juden eindreschen. starb. Hyamson war meiner Meinung nach unzulänglich über
Die zweite im Jüdischen Biographischen Archiv genannte Strakosch informiert, dessen Name lediglich einer von Tau-
Quelle, laut der Strakosch jüdischen Ursprungs gewesen sein senden in seinen verschiedenen Werken verzeichneten war.
soll, wirkt glaubhafter. In einem 1949 erschienenen Artikel Mir scheinen die sonstigen biographischen Informationen
zählte Albert M. Hyamson etwa 2500 prominente »anglo- über Strakosch gegen dessen jüdische Abstammung zu spre-
jüdische« Persönlichkeiten auf, von denen jeder in seiner 96 chen.
Seiten umfassenden Publikation eine oder zwei Zeilen ge- Die Vorstellung, daß dieser Jude war, hat sich schon fest
widmet wurden. Eine davon war:7 eingebürgert: Man suche nur im Internet nach Einträgen zum
»Strakosch, Sir Henry (87-943). Ökonom & Bankier, Namen »Strakosch«! Dessen jüdische Herkunft wird auch von
The Times, ..43; Ann. Reg.; „Randlords“.« Clive Ponting in seiner 1994 erschienenen Biography Chur-
Die ersten beiden Hinweise beziehen sich auf die nach Stra- chill behauptet, und es macht ganz den Anschein, Pontings
koschs Tod erschienenen Nachrufe, die wir bereits erwähnt Gewährsmann sei Irving. Vermutlich hat dieser den Irrtum in
haben und die keinen Beleg für seine jüdische Herkunft lie- die Welt gesetzt.
fern. Der dritte weist auf das Buch Randlords von Paul H.
Emden hin. Emden vermittelt lediglich einige biographische Strakoschs Ziele und deren Motive
Informationen über Strakosch und beschreibt seine Beziehun- Die Frage nach Strakoschs ethnischen Wurzeln ist nur im Zu-
gen zu Adolf Goerz wie folgt:8 sammenhang damit von Bedeutung, welche politischen Kräfte
»Einer der frühesten Mitarbeiter von Adolf Goerz (ab in den dreißiger Jahren auf die Vernichtung Hitlers hinarbei-
896) war der heutige Sir Henry Strakosch, dessen Einfluß teten. War Strakosch Jude, so waren die politischen Beweg-
und Bedeutung weit über die Grenzen der Goldförderung gründe für sein Handeln offensichtlich. War er keiner, stellt
hinausreichen. Er wird weltweit als Autorität in Geld- und sich die Frage nach seinen Motiven. Warum unterstützte er
Devisenfragen anerkannt; sein Einfluß auf die Entwicklung den wilden Hitlergegner Churchill? Eine Antwort findet sich
der Währung sowie des organisierten Bankenwesens in in einem 1935 von ihm veröffentlichten Büchlein, in dem der
Südafrika war so groß, daß man den Vorwurf erhob, die Goldschürfer die Werbetrommel für eine Wiedereinführung
Kommission sei anscheinend „Wachs in den Händen Sir der internationalen Golddeckung für die Währung rührte.10
Henry Strakoschs“ gewesen.« Strakosch war der Auffassung, die Mitwirkung Großbritanni-
Emden behauptet nicht, Strakosch sei Jude gewesen, und an- ens und anderer „Sterling-Länder“ an einer solchen Politik sei
scheinend gibt es keinen triftigen Grund dafür, daß Hyamson machbar, doch sei es nicht möglich
ihn als solchen eingestuft hat. In seinen Danksagungen nennt »eine volle Gesundung zu erreichen, wenn Amerika und
Hyamson Emden als einen jener, die »wertvolle Kritik und Deutschland sich querlegen. […] In Amerika ist in dieser
Vorschläge« geäußert hätten. Möglicherweise hat ihm Emden Hinsicht bereits ein wesentlicher Fortschritt erzielt worden.
privat mitgeteilt, daß Strakosch jüdischer Herkunft gewesen […] Die Lage in Deutschland bleibt jedoch hoffnungslos
sei. konfus, und zwar nicht so sehr, weil seine Probleme so
Laut der Encyclopedia Judaica war Hyamson ein zionisti- grundlegend verschieden und so viel schwieriger sind,
scher Jude, der sich nach seiner Amtszeit als britischer sondern wegen der Art und Weise, wie sie angepackt wer-
Haupteinwanderungsbeamter in Palästina in den Jahre 1921- den. Unter den vielen diversen Maßnahmen, die es ergrif-
1934 zum Antizionisten gewandelt habe. Er hat mehrere Bü- fen hat, gibt es kaum eine, von der sich sagen ließe, daß sie
cher über Juden veröffentlicht, ferner ein allgemeines (nicht wirklich zu seiner Gesundung beiträgt – ja die meisten da-
spezifisch auf Juden Bezug nehmendes) Nachschlagewerk, von verhindern diese geradezu. […]«11
das Dictionary of Universal Biography, das 1915, 1950 und Bekanntlich war dieses Urteil über die Effizienz der von Hit-
(in den USA) 1951 erschien. Unter dem Namen Strakosch ler betriebenen Wirtschaftspolitik grundfalsch. Die Wirt-
liest man da folgendes: schaftspolitik der Nationalsozialisten war bemerkenswert er-
»Strakosch, Sir Hy.: Ungar.-engl. Wirtsch. und Finanz., folgreich und ist als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet worden,
87-943. S« bei dessen Bewerkstelligung Hitler davon ausging, daß die in-
Der Buchstabe »S« bedeutet, daß sein Nachruf im Annual Re- ternationale Finanzwelt Himmel und Erde in Bewegung set-
gister verzeichnet ist. In Übereinstimmung mit der in seinem zen werde, um »unsere Währung mit allen ihr zur Verfügung
Buch befolgten Praxis bezeichnet Hyamson Strakosch nicht stehenden Mitteln anzugreifen.«12
als Juden, sondern als ungarischstämmigen Engländer. Keine Wichtig an all dem ist, daß es die Motive für Strakoschs Teil-
andere Quelle vermittelt einen Hinweis darauf, daß er Ungar nahme am Feldzug gegen Deutschland verdeutlicht. Hitler
gewesen wäre. Strakosch stammte aus einer weit von Ungarn war drauf und dran, ihn zu widerlegen. Deshalb ist es in die-
entfernten österreichischen Stadt, hatte als Österreicher je- sem Zusammenhang mehr als ein Fehler, Strakosch bezüglich
doch zweifellos Beziehungen zu Ungarn. Die Zuckerrüben- seiner völkischen Wurzeln als „Juden“ zu bezeichnen. Eine
firma seines Vaters hatte dort sicherlich Ableger gehabt. Eine korrekte Beschreibung wäre folgende: „Südafrikanischer
andere Querverbindung zu Ungarn war via Adolf Goetz er- Goldbergwerkbesitzer, der sich für die Wiederherstellung des
folgt, der vor seiner Auswanderung nach Afrika um 1890 internationalen Goldstandards einsetzte.“ Wäre er Jude gewe-

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sen, so hätte ich ihn trotzdem nicht so charakterisiert, wie es aus der hervorgeht, wer Jude war und wer nicht.
5
Irving tut; ich hätte ihn einen „jüdisch-südafrikanischen Gold- Ebenda, S. 138-141. Im Vorwort wird erläutert, das vorliegende Buch sei
der erste Band einer geplanten Serie über »die positiven Beiträge, die je-
bergwerkbesitzer, der sich für die Wiederherstellung des in- de der rund 25 kulturellen Gruppen Südafrikas zu dessen Entwicklung
ternationalen Goldstandards einsetzte“ genannt. geleistet hat. […
] Der jüdische Beitrag [… ] umfaßt den ersten Teil die-
Ironischerweise ist eine der sich aufdrängenden Schlußfolge- ses Bandes. Da eine erhebliche Zahl von Juden deutscher Abstammung
rungen, daß es wirklich keine Rolle spielt, ob Strakosch Jude ist, schien es angemessen, den von den Deutschen erbrachten Beitrag
als zweiten Teil anzuführen.«
war oder nicht, solange man begreift, wessen Interessen er 6
Geoffrey Wheatcroft, The Randlords, Weidenfeld and Nicholson, Lon-
vertrat. Irvings Bemerkungen über diesen Mann haben aber don 1985, S. 118, 244.
den ungewollten Effekt, einen ungemein wichtigen Aspekt 7
Albert M. Hyamson, »Plan of a dictionary of Anglo-Jewish biography«,
der Gründe zu verdunkeln, die zum Zweiten Weltkrieg ge- in: Anglo-Jewish Notabilities: Their Armes and Testamentary Dispositi-
führt haben. ons, The Jewish Historical Society of England, London 1949. Hyamson
war Vorsitzender dieser Gesellschaft.
8
Paul H. Emden, Randlords, Hodder & Stoughton, London 1935, S. 217,
Anmerkungen 342. –Im vorliegenden Artikel beruhen Hinweise darauf, was in diversen
1 Büchern über Strakosch behauptet wird, auf den jeweils von uns genann-
The Times, 7.Februar 1944.
2 ten Seiten der betreffenden Bücher. Nach unserer Ansicht obliegt es je-
Annual Register (London 1943); The Times (15. August 1941); John F.
nen, die Strakosch als Juden bezeichnen, gründlicher nach Beweisen da-
Riddick, Who was Who in British India, Westport, Connecticut: Green-
für zu suchen.
wood 1998; Eric Rosenthal, Encyclopedia of Southern Africa, 6. Ausga- 9
McGregor’s Who’s Who, aaO., S. 140.
be, Frederick Warne, London und New oYrk 1973; C. J. Beyers, 10
Sir Henry Strakosch, The Road to Recovery: With Special Reference to
Dictionary of South African Biography, Tafelberg-Uitgewers, Kapstadt
the Problem of Exchange Stability and the Restoration of the Interna-
1977; Walter H. Wills und R. J. Barrett, The Anglo-African Who’s Who
tional Gold Standard, Economic Forum, New oYrk, sowie The Econo-
and Biographical Sketch-Book, George Routledge & Sons, London
mist, London 1935. Die Schrift umfaßt 70 Seiten; im vom Autor konsul-
1905.
3 tierten Exemplar fehlen die Seiten 27-36.
Es sei daran erinnert, daß zu jener Zeit viele Briten jüdische Machen- 11
Ebenda, S. 51.
schaften mit Deutschland assoziierten. Siehe Nesta H. Webster, Secret 12
Alan Milard in London Review of Books, 23. Januar 1986, S. 21. Milard
Societies and Subversive Movements, 1924, insbesondere S. 365ff.
4 rezensiert mehrere Bücher zum Thema.
Robin McGregor, McGregor’s Who Made South Africa, Band 1, S.A.
Saxonwold, Purdey 2000, S. 26-30. McGregor präsentiert eine Tabelle,

Bücherschau
Unnütze Pflichtübung
Von Samuel Crowell

Michael J. Neufeld, Michael Berenbaum, The Bombing of nen Buch The Abandonment of the Jews (Die Preisgabe der
Auschwitz: Should the Allies have Attempted it?, St. Mar- Juden) wiederholte er seine Vorwürfe. (Man beachte, daß
tin’s Press, New York 2000. Hardcover, 350 Seiten., $6,89 „Gaskammern und Krematorien“ von den Holocaust-
Historikern meistens als Einheit genannt werden, wobei Be-
Wenn man glaubt, Auschwitz sei ein einzigartiges Schlacht- weise für die Existenz der letzteren als ausreichend erachtet
haus gewesen, wo eine Million –oder gar mehrere Millionen werden, um auch das Vorhandensein der ersteren zu belegen.)
–Juden vergast und verbrannt worden seien, stellt sich natür- 1979, als Brugioni und Poirier die lange Zeit in Vergessenheit
lich die Frage, ob die Alliierten etwas zur Beendung der Mas- geratenen Luftaufnahmen von Auschwitz aufstöberten, rück-
senmorde in jenem Lager hätten tun können. In der Tat wurde ten diese ins Rampenlicht, und Elie Wiesel konnte ausrufen:
während des Krieges die Forderung nach der Bombardierung »Die Welt wußte Bescheid und schwieg. [… ] Nichts wurde
der angeblichen Gaskammern laut: Mehrere jüdische Organi- unternommen, um den Ausrottungsprozeß zu verhindern
sationen drängten die USA und Großbritannien während der oder zu verzögern. Nicht eine einzige Bombe fiel auf die
Evakuierung von 400.000 ungarischen Juden im Jahre 1944 Schienen, die zu den Todeslagern führten.«
zu einem Luftschlag. Das Buch, welches Gegenstand dieser Besprechung ist, ent-
Nach Kriegsende flaute das Interesse an der Frage, weshalb sprang einem anläßlich der Eröffnung des US-Holocaust-
die Alliierten die Bombardierung von Auschwitz unterließen, Memorial-Museum im Jahre 1993 durchgeführten Symposi-
zwar merklich ab, war aber immer noch genügend stark, um um und greift im wesentlichen Elie Wiesels Klage über die
Arthur R. Butz 1977in seinem The Hoax of the Twentieth Untätigkeit der Alliierten auf. Es umfaßt 15 Beiträge, die un-
Century (Der Jahrhundertbetrug) zu einer Erörterung dieses gefähr zwei Drittel des Gesamtumfangs ausmachen, ausführ-
Problems zu bewegen. Butz äußerte die –später als richtig liche Fußnoten, eine umfangreiche Sammlung von Tele-
bestätigte –Vermutung, alliierte Aufklärungsflugzeuge hätten grammen aus der Kriegszeit, doch lediglich eine verkürzte
den Auschwitz-Komplex aus der Luft fotografiert. 197 8 Version des berühmten Vrba-Wetzler-Berichts.
schrieb David Wyman einen Artikel, indem er die alliierte Einige der Beiträge sind recht impressionistischer Natur.
Weigerung, die »Gaskammern und Krematorien« zu bombar- Gerhard Weinberg, jener US-Professor, der als erster die ge-
dieren, an den Pranger stellte, und in seinem 1984 erschiene- fälschten Hitler-Tagebücher für echt erklärte, hat wenig mehr

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 215


zu bieten als die Ansicht, die Nazis seien »üble Gesellen« »[Ein] furchterregend komplexes Ziel, bestehend aus fünf
gewesen, denen das Abschlachten von Juden tiefe Befriedi- weit auseinander liegenden Gebäuden (vier in Birkenau,
gung verschafft habe und welche auch im Fall einer Bombar- eines mehr als eine Meile davon entfernt in Auschwitz I),
dierung der Gaskammern und Krematorien einen Weg zur die identifiziert und gleichzeitig angegriffen werden muß-
Verwirklichung ihrer Mordpläne gefunden hätten; eine andere ten, wobei man sich keine Trödelei und keine Fehlabwürfe
Auffassung zu vertreten sei »lachhaft« (S. 25). Henry L. leisten durfte.« (S. 90)
Feingold verficht in seinem Aufsatz die Meinung, das richtige Offenbar weiß Kitchens nicht darüber Bescheid, daß das
Vorgehen habe in Vergeltungsangriffen auf deutsche Städte Stammlager-Krema im Vorjahr (1943) ausrangiert worden
bestanden: schließlich wurden die Städte so oder so zerstört, war und später zu einem Luftschutzbunker umgemodelt wur-
und warum hätte man diese Praxis nicht mit dem Hinweis auf de. Andere Beiträge verraten einen ähnlichen Mangel an De-
Auschwitz rechtfertigen sollen? Das ist freilich anachroni- tailkenntnis. Mehrere Diagramme erhellen den Aufbau des
stisch argumentiert, aber folgt der heute oft anzutreffenden Lagers sowie die Position der Birkenauer Krematorien; ver-
Sichtweise. schieden schraffierte Kreise und Vierecke veranschaulichen
Richard Breitman, der unter den orthodoxen Holocaust-Histo- den Ausmaß des Schadens, der um die Krematorien herum zu
rikern durch den Fleiß hervorsticht, mit dem er gelegentlich erwarten war.
Archivarbeit leistet, steuert einen leicht vom Thema abwei- Angesichts der Fülle an Details im Zusammenhang mit der
chenden Beitrag über die Entzifferung des ULTRA-Codes Perspektive eines Luftangriffs hätte man eine entsprechende
bei. Während seine Beschreibung der erfolgreichen britischen Analyse der in Auschwitz getroffenen Luftschutzmaßnahmen
Bemühungen, den deutschen Enigma-Code zu knacken, nichts erwarten dürfen. Doch wird nicht auf die Zivilschutzvorkeh-
mit dem eigentlichen Gegenstand des Sammelbandes zu tun rungen einschließlich der gasdichten Türen eingegangen, mit
hat, erwähnt er die Tatsache, daß es den denen die Keller der Krematorien be-
Briten nicht gelang, einen Zusammen- stückt waren. Vielleicht wollten die
hang zwischen den nach Auschwitz Verfasser sich nicht mit dem Paradox
abgehenden Transporten und Massen- auseinandersetzen, daß von allen Räum-
morden zu konstruieren. Breitmann lichkeiten in Auschwitz die als „Gas-
schreibt: kammern“ bezeichneten Räume am be-
»Bezeichnender war ein später (im sten gegen Luftangriffe geschützt wa-
November 1942) abgefangener Funk- ren. Doch während sie die Menschen-
spruch, laut dem man in Auschwitz verluste unter den Häftlingen, die eine
dringend 600 Gasmasken zur Ausrü- Bombardierung gefordert hätte, sorgfäl-
stung der neuen Wachmannschaften tig berechnen, scheint sich keiner von
benötigte, doch auch dies war bloß ihnen Gedanken darüber zu machen,
ein kleiner Mosaikstein des Gesamt- daß eine Zerstörung der Krematorien
bildes.« (S. 29) auch zu jener der Kläranlage sowie der
David Irving machte sich die Mühe und Zentralsauna geführt hätte. Die Vorstel-
suchte daraufhin die von Breitmann ge- lung eines Luftangriffs zur „Rettung“
nannte Akte HW.16/22 im Public Re- der Häftlinge, der sämtliche hygieni-
cord durch, die den dechiffrierten schen Einrichtung in jenem überfüllten
Funkverkehr von SS und Polizei zwi- Lager vernichtet und somit unweiger-
schen Mitte November 1942 und An- lich zu verheerenden Epidemien geführt
fang Januar 1943 enthält. Demnach be- hätte, mutet schlicht und einfach absurd
sagt die von Breitman zitierte Passage an.
(S. 38-39): Immerhin schenkt einer der Autoren,
»Bezug: dort. Funk vom 19.11.42. Die Kdtr. KL. AU meldet Stuart G. Erdheim, der Seuchengefahr in Auschwitz seine
zu obigem Bezug, dass folgende Waffen und Gerät drin- Aufmerksamkeit. Er macht geltend, nach einer Bombardie-
gend für Ausrüstung der Rekruten benötigt werden: 490 rung der Kremas hätten die Deutschen keine große Zahl von
Gewehre, 490 Seitengewehre, 600 kompl. Gasmasken und Leichen mehr in Gräben verbrennen können, und zwar
960 Reinigungsgeräte.« »wegen der durch die Feuchtigkeit hervorgerufenen Pro-
Eine dermaßen große Anzahl von Gasmasken wäre für bleme sowie der Gefahr von Epidemien. Gerade aus diesen
keinerlei Vergasungsoperationen nötig gewesen, weder zur Gründen hatte Himmler ja die Errichtung der Krematorien
Entlausung noch zu anderen Zwecken. Andererseits paßt der angeordnet.« (S. 355)
geknackte Funkspruch sehr gut zu anderen, im Verlauf der Erdheims Gedankengang läßt sich anscheinend so zusammen-
letzten paar Jahre gesammelten Belegen dafür, daß man in fassen: Die Nazis wollten die Gefangenen in Auschwitz er-
Auschwitz sowie anderswo im besetzten Polen zum dama- morden, zögerten jedoch, die Leichen in Gräben zu verbren-
ligen Zeitpunkt, noch vor der Fertigstellung der Krematorien, nen, da sie befürchteten, dies könne zu Seuchen führen, wel-
Furcht vor Giftgasangriffen hegte. che die Gefangenen in Auschwitz zweifellos dahingerafft hät-
Mehrere der übrigen Artikel sind ausgeprägt technischer Na- ten! Hallooooo! Bemerkt denn keiner die Absurdität dieser
tur. Beispielsweise schwelgt Frederick Kitchens, ein Luftwaf- Argumentation?
fenexperte, ausgiebig im Vokabular der taktischen Bombar- Alles in allem kranken die „technischen“ Analysen allesamt
dierungen, wobei er die Krematorien als »relativ weiche Ziele an zwei Grundproblemen. Zuerst scheinen sich ihre Urheber
aus Ziegeln« beschreibt (S. 86). Weiter unten schildert Kit- in keiner Hinsicht über die wirkliche Kapazität der „Gas-
chens eine potentielle Mission: kammern“ oder Krematorien im klaren zu sein, geschweige

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denn jene fabulöse Kapazität, welche ihnen die Propaganda teure Krematorien zur Verbrennung ihrer sterblichen Überre-
1944 andichtete. Die meisten der Verfasser schildern unter ste ermordet worden sein sollen. Da außerdem die meisten
Berufung auf Zeugenaussage oder Nachkriegsromane dogma- der Autoren annehmen, die Verbrennungsgräben von Au-
tisch, wie die „Gaskammern und Krematorien“ tausend oder schwitz hätten täglich Tausende von Leichen bewältigen kön-
zehntausend Menschen täglich vernichten konnten. Doch die- nen, ist nicht einzusehen, warum sie die Zerstörung der Kre-
se Berechnungen sind für die weltfremden Szenarien, die ihre matorien für entscheidend halten. Ganz abgesehen davon, daß
Verfasser entwerfen, ohne Belang, denn aus den am Ende des eine Bombardierung der Krematorien Krater geschaffen hätte,
Buchs zitierten Primärquellen geht hervor, daß man 1944 von die man als Verbrennungsgruben hätte benutzen können. Uns
einer täglichen Kapazität von 60.000 ausging! scheint, daß jeder Forscher, der die Machbarkeit und den
Daß man 1944 die tagtägliche Ausrottung von 60.000 Men- Nutzen einer Bombardierung der Krematorien untersuchen
schen in Auschwitz für möglich hielt, spricht Bände über die will, von deren Einäscherungskapazität ausgehen muß. Ist
Denkweise der jüdischen Gruppen sowie amerikanischen und dies getan, und liegen realistische Ziffern vor, so erledigt sich
britischen Lehnstuhlstrategen und wirft Licht auf ihre Be- die These ohnehin von selbst, wonach die Zerstörung der
sorgnis – oder vielmehr ihren Mangel an Besorgnis – über Krematorien von entscheidender Bedeutung gewesen wäre.
das, was sich angeblich in jenem Lager abspielte. Eine der- Abgesehen von den am Ende des Werkes angeführten Pri-
maßen schwindelerregende Tötungskapazität hätte die Ver- märquellen gibt es kaum einen Grund, die Lektüre von The
fasser eigentlich zum Versuch veranlassen müssen, die tat- Bombing of Auschwitz zu empfehlen. Die technischen Beiträ-
sächliche Kapazität der angenommenen „Gaskammern“ zu ge, in denen alle Möglichkeiten zur Bombardierung der Gas-
kalkulieren. Hätten sie dies getan, so hätten sie herausgefun- kammern und Krematorien durchgespielt werden, leiden dar-
den, daß die Räumlichkeiten, deren Bombardierung sie be- an, daß die Verfasser miserabel über den Charakter der Ein-
fürworteten, gar keine außergewöhnlichen Merkmale aufwie- richtungen Bescheid wissen, die man angeblich hätte zerstö-
sen. Eine nüchterne Analyse der Vergasungsbehauptungen ren müssen, so daß der ganze Rest ihrer hochtrabenden
hätte die Verfasser vielleicht nicht gerade zu einer Übernah- Kommentare herzlich wenig wert ist. Die impressionistischen
me der revisionistischen Position geführt, doch immerhin zur Aufsätze wiederholen schlicht wohlbekannte, doch eher
zwar falschen, aber weit verbreiteten Annahme, daß jeder be- seichte moralische Urteile. Eine angenehme Überraschung
liebige mit einer gasdichten Tür versehene Raum für Verga- wird dem Leser aber doch bereitet: Deborah Lipstadt erklärt
sungsoperationen ausgereicht hätte, was heißt, daß eine Bom- in einer Übersicht über das Werk, die Verwendung des Holo-
bardierung der „Gaskammern“ ganz unnütz gewesen wäre. caust zu politischen Zwecken, einschließlich der Frage, war-
Das zweite Grundproblem betrifft die Kremation. Die der Ar- um es die Alliierten versäumt haben, Auschwitz zu bombar-
gumentation der Verfasser zugrunde liegende Prämisse dieren, für »ahistorisch« – und faßt damit das Hauptmerkmal
scheint zu sein, daß die Nazis erpicht auf die Durchführung dieses schwachen Buchs recht adäquat zusammen.
von Massenvergasungen waren, doch nur unter der Bedin-
gung, daß sie alle Beweise für ihre Verbrechen beseitigen Samuel Crowell ist das Pseudonym eines amerikanischen Schriftstellers, der
konnten. Diesem Gedankengang scheint die Vorstellung zu- sich selbst als „gemäßigten Revisionisten“ einstuft. An der Universität von
grunde zu liegen, daß die Krematorien die magische Fähigkeit Kalifornien (Berkeley) studierte er Philosophie, Fremdsprachen (einschließ-
lich Deutsch, Polnisch, Russisch und Ungarisch) sowie Geschichte, insbe-
besaßen, die Beweise für Massenmorde verschwinden zu las- sondere russische, deutsche und deutsch-jüdische Geschichte. Er setzte seine
sen, und daß ohne solche Einrichtungen keine Massenmorde Geschichtsstudien an der Columbia University fort. Er war sechs Jahren lang
möglich gewesen wären. Diese Vorstellung ignoriert die als Lehrer an einem College tätig. Mit freundlicher Genehmigung entnom-
Standardbehauptung, wonach in den „reinen Vernichtungsla- men dem Journal of Historical Review, 20(2) (2001), S. 38-40, Übersetzung
von Jürgen Graf.
gern“ in Ostpolen fast zwei Millionen Holocaust-Opfer ohne

Im Namen des Holocaust


Von Daniel Michaels
Angelo Codevilla, Between the Alps and a Hard Place: für ihre Unterstützung der vom JWC betriebenen Kampagne
Switzerland in World War II and Moral Blackmail Today, großzügige Spenden erhalten.
Regnery, Washington, DC, 2000, geb, 263 Seiten, $27,95. Um es ungeschminkt zu sagen: die Operation des JWC wies
fatale Ähnlichkeit mit einem Gaunerstück auf. Denn hätten
In Between the Alps and a Hard Place liest Angelo Codevil- die Schweizer sich geweigert, eine bestimmte – letzten Endes
la, ein verdienstvoller außenpolitischer Berater der US- auf mehr als eine Milliarde Dollar festgelegte – Summe zu
Regierung und langjähriger Unterstützer Israels, der Clinton- zahlen, wären ihnen Verbrechen gegen das jüdische Volk
Regierung dafür die Leviten, daß sie dem JWC (Jewish vorgeworfen worden. Der JWC hatte sich durch generöse
World Congress, Jüdischer Weltkongreß) geholfen hat, Spenden die zwar nicht offizielle, jedoch faktische Rücken-
schweizerischen, österreichischen und deutschen Banken und deckung der Clinton-Regierung gesichert. Die „moralische“
Unternehmen mittels moralischer Erpressung Milliarden von Unterstützung der amerikanischen Establishment-Medien war
Dollars abzuluchsen. Codevilla erhebt ferner die Anklage, ihm dabei von vorne herein sicher, wie in allen Fällen, in de-
amerikanische Politiker, hauptsächlich Demokraten, hätten nen es um die „Opfer des Nazismus“ ging und geht.

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Präsident Clinton bot über das Außenministerium die guten Senatsvorlage 603, welche die Obergrenze für solche
Dienste seines Busenfreundes Stuart Eizenstat an, der auch Forderungen festlegte. Es spielte auch keine Rolle, daß Herr
als US-Sonderbotschafter für materielle Forderungen in Mit- Bronfman keinesfalls das jüdische Volk in seiner Gesamtheit
tel- und Osteuropa amtete. Somit wurde die Schweiz zum er- vertrat. Als Codevilla seine Kontaktleute im israelischen Au-
sten Mal als „Nazikollaborateur“ und Hehler während des ßenministerium befragte, ob die israelische Regierung
Zweiten Weltkriegs gestohlenen Gutes an den Pranger ge- Bronfmans Vorgehen gutheiße, antworteten sie mit nein und
stellt. Eizenstat legte rasch und pflichtbewußt einen Bericht teilte ihm mit, die Schweiz gehöre zu den treusten Unterstüt-
über den Fall Schweiz vor, der ganz nach dem Geschmack zern Israels (S. 165, 174).
des JWC ausfiel. In diesem Bericht hieß es, es sei Wie es bei Rechtsstreitigkeiten, an denen zahlreiche Kläger
»unsere Aufgabe, die unerledigte Angelegenheit der trau- beteiligt sind, üblich ist, reichte der WJC eine Sammelklage
matischsten und tragischsten Ereignisse des 20. Jahrhun- gegen die Schweiz ein. Mit dieser Taktik sicherte er sich eine
derts zu Ende zu führen und Dinge, die damals nicht getan günstige Position in den Medien und die Aussicht darauf,
werden konnten, heute zu tun.« auch ohne Beweise für den Wahrheitsgehalt seiner Behaup-
Mit diesen Worten setzte er sich über die von der Truman- tungen eine Übereinkunft zu erreichen. Es ist bekannt, daß
Regierung getroffenen Entscheidungen zur Frage der materi- der größte Teil der bei solchen Fällen verteilten Gelder von
ellen Verluste während des Zweiten Weltkriegs hinweg und den Anwälten und den Organisationen, in deren Sold sie ste-
schürte Feindseligkeit gegen eine Nation, mit der die USA hen, einkassiert werden. Für die vielen Einzelpersonen, in de-
seit langem freundschaftliche Beziehungen gepflegt hatten. ren Namen die Sammelklage formell eingereicht wird, fallen
Ironischerweise enthält der Eizenstat-Bericht, wie Codevilla da meist nur ein paar mickrige Brosamen ab.
festhält, ganze 16 Seiten zu jenem Thema, dem er vorder- Wie Codevilla aufzeigt, ist es bei Sammelklagen für die Klä-
gründig gewidmet ist – nämlich herrenlosen Konten in der ger das Wichtigste, eine ihnen günstige Stimmung zu schaffen
Schweiz –, und selbst auf diesen Seiten wird nirgends ange- und einen ihnen wohlgesonnenen Anwalt anzuheuern. New
geben, wieviele Opfer des Nationalsozialismus wieviel Geld York City, insbesondere das Viertel Borough in Brooklyn,
wo deponiert haben, oder was damit geschehen ist (S. 168). besitzt eine zahlenmäßig sehr starke jüdische Bevölkerung
„Stu“ Eizenstat setzte die Schweizer Banken bis zu Clintons und galt den Klägern als ideale Bühne für die Durchführung
letztem Amtstag als Präsident unter Druck, um eine für den des Verfahrens. Nach einigem Hin und Her wurde Richter
JWC möglichst günstige Lösung zu erreichen. Edward Korman, ein Demokrat, der seine Ernennung zum
JWC-Chef Edgar Bronfman war die treibende Kraft und der Richter des Staates New York der politischen Rückendeckung
Hauptkläger bei der Aktion gegen die Schweizer Banken, de- Senator Patrick Moynihans verdankte, zum Gerichtsvorsit-
nen vorgeworfen wurde, mit den Nationalsozialisten koope- zenden ernannt.
riert und vor dem Krieg von jüdischen Opfern eröffnete und Alan Hevesi, Rechnungsprüfer von New York und wichtigster
dann herrenlos gewordene Konten verschwiegen zu haben. Finanzbeamter im Finanzzentrum der USA, vermochte zu-
Solche Konten hätten geheim eröffnet werden müssen, weil sätzlichen Druck auf die Schweiz auszuüben. Kraft seines
die nationalsozialistische Regierung die Geldausfuhr Be- Amtes als Rechnungsprüfer war Hevesi mitsamt seinem Ko-
schränkungen unterworfen und die Währungsspekulation un- mitee befugt, Lizenzen für größere Geschäftstransaktionen in
tersagt hatte. New York zu genehmigen oder zu verweigern. Zum Zeitpunkt
Bei den Anhörungen vor dem Komitee des US-Senats für der Klage war ein Gesuch der Schweizer Unionsbank anhän-
Banken, Wohnungen und städtische Angelegenheiten im gig, mit dem Schweizer Bankverein zu fusionieren; aus dieser
April 1996 beanspruchte Bronfmann die moralische Autorität, Verschmelzung sollte die UBS (Union des Banques Suisse)
im Namen der Juden weltweit, der le- hervorgehen, welche zur größten euro-
benden und der toten, zu reden: päischen Bank geworden wäre. Da die-
»Ich spreche zu Ihnen heute für die se Banken in New York alljährlich Ge-
sechs Millionen, die nicht für sich schäfte in Höhe von vier Milliarden
selbst sprechen können.« Dollar abwickeln, konnten es sich die
Um die Sache vor dem Komitee aufs Schweizer einfach nicht leisten, Hevesi
Tapet zu bringen und selbst dort auftre- vor den Kopf zu stoßen.
ten zu können, bediente sich Bronfman Nach langem Tauziehen wurde ein Ab-
zunächst der Dienste des Vorsitzenden kommen unterzeichnet, in dem sich die
dieses Komitees, des republikanischen Schweizer Banken zur Zahlung von
Senators von New York Alfonse 1,25 Milliarden Dollar verpflichteten.
d‘Amato, der die Anhörungen mit der Richter Kormann ernannte einen „spe-
Erklärung eröffnete: cial master“ namens Judah Gribetz zur
»Wir sind im Besitz von unlängst de- Verteilung der Summe an Kläger und
klassifizierten Dokumenten, welche Anwälte. Gribetz war Mitglied des juri-
neues Licht auf die Rolle der Schweiz stischen Selektionskomitees gewesen,
im Zweiten Weltkrieg werfen.« das Senator Moynihan in der Frage der
Wie Codevilla bemerkt, spielte es keine Ernennung von Staatsrichtern beraten
Rolle, daß Amato keinerlei glaubhaften hatte, auch im Fall Richter Kormans.
neuen Beweise vorlegen konnte, oder Ferner war er Präsident des Jewish
daß Präsident Truman die Frage der Community Relation Council (Berater
„herrenlosen Konten“ im Jahre 1949 ge- der Jüdischen Gemeinde für Beziehun-
löst hatte – damals unterzeichnete er die gen mit anderen Gemeinschaften) und

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hatte sich zeit seines Lebens engagiert für jüdische Belange gegenüber dem angeklagten Staat und möglicherweise sogar
eingesetzt (S. 193). eine Verletzung amerikanischer Gesetze, daß unsere Regie-
Wie Codevilla schildert, begann fast unmittelbar nach der Un- rung sich hinter unbewiesene Anschuldigungen seitens der
terzeichnung des Abkommens ein peinlicher, ja obszöner Kläger stellt und diesen dadurch Gewicht verleiht. Es wird
Zank über die Verteilung der Gelder zwischen den Anwälten dann vor aller Welt augenscheinlich, daß die USA stets freu-
der individuellen Opfer, jenen der verschiedenen Judenorga- dig bereit sind, für das Weltjudentum bei Streitigkeiten sozia-
nisationen sowie anderen, die ihre eigenen Interessen vertra- ler, wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Art die Ka-
ten und für ihren eigenen Anteil an der Beute fochten. Abge- stanien aus dem Feuer zu holen.
sehen von der Klage des JWC – sein Hauptstratege war Rab- Wenn es irgendein Land gibt, das als Fürsprecher jüdischer
biner Israel Singer – hatte das Simon Wiesenthal Center in Anliegen und Schadenersatzforderungen in aller Welt auftre-
Los Angeles durch seine Anwälte Michael Hausfeld, Melvyn ten sollte, dann ist dies der Staat Israel, doch natürlich fehlen
Weiss und Martin Mendelsohn ebenfalls Klagen einreichen diesem die Muskeln, welche die USA jederzeit spielen lassen
lassen, und dasselbe tat eine dritte Gruppierung, die von Ed- können. Dem Gesetz nach ist die Regierung der Vereinigten
ward D. Fagan, einem anderen Holocaust-Aktivisten, vertre- Staaten Garantin und Beschützerin der Rechte aller Amerika-
ten war. Während die Anwälte miteinander balgten und sich ner, mögen sie nun Christen, Juden oder Moslems sein, inner-
gegenseitig mit Schimpfwörtern bedachten, festigte der WJC halb und außerhalb der Grenzen der USA. Was irgendwel-
seine führende Stellung auf der Klägerseite. chen Personen zustieß, oder zugestoßen sein soll, bevor sie
Die internen Querelen auf der jüdischen Seite veranlaßten hier einwanderten und US-Bürger wurden, ist nicht die Sache
keinen geringeren als Abraham Foxman, den nationalen Di- der US-Regierung. Schließlich sind die meisten Amerikaner
rektor der Anti Defamation League, also der mächtigsten jü- oder ihre Vorfahren hierher gekommen, weil sie in ihren Her-
dischen Organisation in den Vereinigten Staaten, zum Aus- kunftsländern unter – tatsächlichen oder eingebildeten – Be-
spruch: nachteiligungen, Ungerechtigkeiten oder Härten zu leiden
»Ich will nicht, daß aus der Erinnerung an die Opfer eine hatten.
Industrie gemacht wird, denn es gibt so wenige Überleben- Man mag Codevilla ankreiden, daß er zu ausführlich auf die
de, die davon profitieren werden.« schwierige Lage der Schweiz im Zweiten Weltkrieg eingeht.
Der jüdische Kolumnist Charles Krauthammer beklagte die Die Schweiz braucht sich wirklich nicht für ihr Verhalten zur
haßerfüllten Zänkereien unter den Klägerparteien. Kraut- Kriegszeit zu verteidigen oder zu entschuldigen. Auch behan-
hammer meinte zwar, die Klage sei gerechtfertigt, um Verfeh- delt der Verfasser das Thema des Goldhandels während des
lungen seitens der Schweizer oder anderer gegen Juden bloß- Kriegs zu ausgiebig. Wer diese Art von Literatur liest, pflegt
zustellen, äußerte aber die Auffassung, die Betonung des fi- gemeinhin zu wissen, daß die meisten Länder und Regierun-
nanziellen Aspekts entwerte die ganze Prozedur. Er schrieb: gen in bezug auf Kriegsbeute Mammons Kinder sind.
»Aber Geld? Es sollte unter der Würde des jüdischen Vol- Schließlich wird es dem einen oder anderen Leser wohl
kes sein, es zu akzeptieren, geschweige denn danach zu scheinen, daß das Buch eine parteipolitische Schlagseite auf-
streben.« weist, weil es die (zugegebenermaßen dominierende) Rolle
1997 stifteten die Schweizer Regierung und Industrie einen der Demokraten bei der Annahme von JWC-Spenden als Ge-
Fonds in Höhe von 200 Millionen Dollar zur Unterstützung genleistung für politisches Entgegenkommen übertreibt.
von Holocaust-Opfern und beauftragten den JWC mit der Im Verhältnis zu ihrer Größe und ihrem Reichtum hat die
Verteilung dieser Summe. Ein Jahr später waren erst 10% da- Schweiz mehr als Amerika getan, um seinerzeit jüdischen
von bestimmten Personen zugewiesen und verteilt worden. Flüchtlingen Obdach und Hilfe zu gewähren. Bei der Konfe-
Codevilla legt dar, daß die jüdischen Organisationen, nament- renz von Evian im Jahre 1938 bot sie jüdischen Emigranten
lich der JWC selbst, den Löwenanteil zugesprochen bekamen aus Deutschland sogar einen zeitweiligen Aufenthalt auf ih-
– wie auch nicht anders zu erwarten gewesen war. rem Territorium an, doch kein Land wollte eine nennenswerte
Nachdem das Geld dem JWC zur Verfügung gestellt worden Zahl von Flüchtlingen aufnehmen, auch die Vereinigten Staa-
war, ebbte die Medienhetzkampagne gegen die Schweizer ten nicht. Fünf Jahre später, bei der Bermuda-Konferenz von
Banken rasch ab, da sie ihr Ziel erreicht hatte. Codevilla 1943, weigerten sich die USA und Großbritannien, wie
kommentiert zynisch, daß die nach dem Zweiten Weltkrieg Codevilla hervorhebt, irgendwelche konkreten Schritte zur
getroffenen Finanzabkommen stets dem Prinzip folgen: Milderung der Härten zu treffen, denen die Juden ausgesetzt
»Die Starken behalten, was sie können, während die waren. Es entbehrt nicht der Ironie, daß die mit Abstand größ-
Schwachen aufgeben, was sie müssen.« te Zahl europäischer Juden, insgesamt rund 350.000, in Spa-
Mit den „Starken“ meint Codevilla offensichtlich die USA, nien und Portugal eine vorläufige Bleibe fand, zwei Staaten
die in Abstimmung mit jüdischen Interessen handeln. So also, deren katholische Führer von den westlichen Medien re-
mauserte sich eine Millioneninvestition in Form politischer gelmäßig angeschwärzt worden sind (S. 104).
Spenden zu einem Milliardengeschäft – und all dies im Na- Ungeachtet dieser geringfügigen Mängel seines Buchs hat
men der Holocaust-Opfer. Codevilla vollkommen recht, wenn er im wahren Interesse
Mit Recht weist Codevilla auf das Mißbehagen, ja die Feind- des amerikanischen sowie des jüdischen Volkes die Clinton-
seligkeit gegenüber den Vereinigten Staaten hin, welche diese Regierung für ihre parteiische und heuchlerische Einmischung
Affäre erzeugt hat. Wenn eine private Interessengruppe wie in die Affäre um die Schweizer Banken verurteilt, die einer
der WJC in der Lage ist, amerikanische Regierungsbeamte Unterordnung amerikanischer Interessen unter jene einer zah-
bei einer Klage gegen einen fremden Staat wegen tatsächli- lenmäßig kleinen, aber ungeheuer mächtigen Lobby bedeute-
cher oder vermeintlicher Verfehlungen vor einem halben te. Mit ihrem Vorgehen haben Clinton und seine Helfershelfer
Jahrhundert als Helfer vor seinen Karren zu spannen, ist ir- das Rechtssystem der Vereinigten Staaten gebeugt und miß-
gend etwas faul, und es ist eine schreiende Ungerechtigkeit braucht und ein außenpolitisches Fiasko heraufbeschworen.

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Die US-Bürger haben das Recht zu fragen, warum, wie lange Daniel Michaels ist Absolvent der Universität von Columbia und war 1957
noch und um welchen Preis für Amerikas eigene Interessen als Austauschstudent der Fulbright-Stiftung in Deutschland. Er war 40 Jahre
lang für das US-Verteidigungsministerium tätig. Heute lebt er im Ruhestand.
die USA die Rolle eines Vorkämpfers für jüdische Forderun- Mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Journal of Historical Re-
gen und Klagen spielen wollen. view, 20(2) (2001), S. 43-45, übersetzt von Jürgen Graf.

Fleckfieber und Cholera, Nationalsozialisten und Juden


Von Samuel Crowell
Paul Weindling, Epidemics and Genocide in Eastern Euro- zu völkermörderischen Zwecken verwendet haben sollen.
pe, 1890-1945, Oxford University Press, Oxford 2000. Beispielsweise schreibt Weindling, die »medizinischen Tech-
Hardcover, 463 Seiten. Index, Illustrationen, $95,- niken der Entwesung, Begasung und Desinfektion« seien
»von den Nazis zum Völkermord eingesetzt« worden (S. 400).
Es gibt eine gewisse Art von Geschichtsbüchern, die interes- Diese These taucht im Text Dutzende von Malen auf, wird
sant und wertvoll sind, auch wenn sie keine neuen Einsichten jedoch an keiner Stelle ausdiskutiert, geschweige denn bewie-
vermitteln und ihre Verfasser sich nicht durch besondere sen. Entsprechend basiert seine Behauptung, die Juden seien
Kreativität auszeichnen. Richard Evans’ umfangreiche Studie in immer stärkerem Maße dem Ungeziefer gleichgesetzt und
über die Ausbrüche der Cholera im Norddeutschland des 19. damit zur Ausrottung freigegeben worden, auf nichts anderem
Jahrhunderts, Death in Hamburg,1 ist ein solches Buch. Das- als einer Anzahl vager antijüdischer Bemerkungen, die fast
selbe trifft auch auf Paul Weindlings Epidemics and Genoci- einem Jahrhundert deutscher medizinischer Literatur zum
de in Eastern Europe (Epidemien und Völkermord in Osteu- Fleckfieberproblem in Osteuropa entnommen sind.
ropa) zu. Doch weist letzteres eine ausgeprägt projüdische Dies bringt uns zum umfassenderen Thema der extrem philo-
Tendenz auf und fällt durch einen sogar für das heutige gei- semitischen Einstellung Weindlings. Daß die osteuropäischen
stige Klima ungewöhnlich rabiate Deutschfeindlichkeit auf, Juden – wie fast alle anderen Osteuropäer – Träger des Fleck-
die vielleicht das hervorstechendste Merkmal des Buchs ist. fieber und anderer in jener Gegend endemischen Seuchen wa-
Der größte Teil des Werkes stellt eine sehr ausführliche und ren, ist eine simple Tatsache. Auch die Abneigung der Osteu-
auf lobenswert gründlichen Forschungen beruhende Be- ropäer gegen Desinfektionsmaßnahmen wie Glattrasieren des
schreibung der medizinischen Maßnahmen dar, die von der Kopfes und Duschen ist von den Chronisten einmütig hervor-
Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs gehoben worden und läßt sich nicht zuletzt vielen der von
zur Seuchenbekämpfung in Osteuropa getroffen wurden. In Weindling selbst zitierten Quellen entnehmen. Doch jeder
dieser Hinsicht ist es eine nützliche Ergänzung zu Friedrich P. Ausdruck von Verärgerung über die abweisende oder auswei-
Bergs Studien,2 die im englischen Sprachraum Pionierarbei- chende Haltung gegenüber der Desinfektion oder der Furcht
ten zu diesem Thema darstellen. Ferner werden hier Themen vor der Ansteckung durch Osteuropäer wird von Weindling
aufgegriffen, die ich in meinen eigenen Schriften erörtere; fast unweigerlich als weiterer Beweis für die angeblich zu-
man kann ohne Übertreibung sagen, daß Weindling eine stark nehmenden antisemitischen Vorurteile angeführt, die Jahr-
erweiterte Behandlung der Geschichte der Desinfektion lie- zehnte später zum Massenmord geführt haben sollen.
fert, die ich im dritten Kapitel meines Diese Einstellung Weindlings findet ih-
Essays The Gas Chamber of Sherlock ren Höhepunkt in seinen Ausführungen
Holmes zusammengefaßt habe,3 in dem zu der bekannten Cholera-Epidemie von
ich die Vernünftigkeit des revisionisti- 1892, die zunächst Hamburg und später
schen Zweifels angesichts von Zensur- in jenem Jahr auch New York heim-
drohungen darlege. Immerhin fußt suchte. Weindling zitiert das Urteil des
Weindlings Studie großenteils auf den- führenden deutschen Arztes Robert
selben Quellen. Koch, wonach die Cholera von russi-
Es wäre jedoch ganz falsch anzuneh- schen Immigranten eingeschleppt wor-
men, Weindling argumentiere von einer den sei. Am Ende eines verquasten
revisionistischen Position aus oder zolle Denkprozesses gelangt Weindling zum
revisionistischen Forschungsbeiträgen Schluß, es gebe »keinen stichhaltigen
die ihnen gebührende Achtung. Ganz im Beweis für die damals von Antisemiten
Gegenteil: Die Hauptthese seines Buchs vertretene Auffassung, russische Juden
besteht darin, daß die Deutschen die hätten die Hamburger Cholera-Epide-
Techniken der Desinfektion – Duschen, mie ausgelöst« (S. 63). Unsere erste
Giftgas und Kremierung – entwickelt Reaktion auf diese Art von Argumenten
und anschließend, angesichts ihrer zu- besteht in der Frage, weswegen es der
nehmenden Einstufung der Juden als Verfasser für nötig erachtet, die Zeit
vernichtungswürdiges Ungeziefer, diese seiner Leser mit dergleichen zu vergeu-
Techniken während des 2. Weltkriegs den. Wenn russische Immigranten die
als Teil einer »tödlichen Dreieinigkeit« Seuche nach Hamburg brachten, und

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wenn die meisten von ihnen Juden waren, muß die Schlußfol- Karski damit prahlte, wie polnische Widerständler deutsche
gerung eindeutig ausfallen. Man halte sich vor Augen, daß Soldaten mit Typhus infizierten. Im gleichen Stil wiederholt
dies kein Zeichen von Gehässigkeit gegenüber den jüdischen Weindling unkritisch stalinistische Anschuldigungen, wonach
Einwanderern ist: Schließlich waren sie vor Unterdrückung die Deutschen in den dreißiger Jahren biologische Kriegsfüh-
geflohen, litten an Krankheiten, denen sie oft genug selbst er- rung betrieben haben sollen.
lagen, und waren im allgemeinen mittellos. Wie die meisten Der für Revisionisten mit Abstand wichtigste Abschnitt des
Seuchen regierte Königin Cholera vor allem über die Armen. Buchs ist jener, wo der Verfasser die hochentwickelten deut-
Doch offensichtliche Tatsachen unter den Teppich kehren zu schen Desinfektionsmaßnahmen mit der behaupteten Massen-
wollen, nur damit die „Antisemiten“ nie recht bekommen vernichtungspolitik in den Lagern in Verbindung bringt. Hier
oder vielmehr damit ein gewisses Volk niemals ins Faden- ist der Hauptbösewicht Dr. Joachim Mrugowsky, Leiter des
kreuz der Kritik gerät, ist nicht nur Geschichtsklitterung, son- SS-Hygieneinstituts. Weindling bezichtigt diesen in längeren
dern auch eine Form der Geschichtsschreibung, die den Leser Ausführungen der Mittäterschaft beim Völkermord, wobei
zutiefst langweilt. Mrugowskys Beteuerung, das Zyklon sei ausschließlich zur
Leider zieht sich dieser blinde Philosemitismus wie ein roter Entwesung benutzt worden, zwar vermerkt, nicht aber disku-
Faden durch das Werk. Widerstand gegen die Desinfektion tiert wird. Auffallend für ein so gründlich wie das vorliegende
wird entschuldigt, weil diese hart und entwürdigend gewesen recherchiertes Buch ist auch das Fehlen jedes Kommentars zu
sei. Die Scheu vor dem Kahlscheren des Kopfes wird für Dr. Mrugowskys Befehl vom 13. Mai 1943, wonach in sämt-
rechtens erklärt, weil man sich damals nicht darüber einig lichen Konzentrationslagern Zyklon einzig und allein zur Be-
war, ob die Läuse Fleckfieber übertragen. Wenn Deutsche gasung von Baracken verwendet werden sollte.4 Dabei ist die-
polnisch-jüdische Dirnen als von Krankheiten befallen und ses Dokument zweifellos wichtig zur Einschätzung des
verlaust einstuften, weist Weindling zur Ablenkung darauf Wahrheitsgehalts von Dr. Mrugowskys Aussagen.
hin, daß Tripper und Syphilis in deutschen Städten stärker Eine andere bezeichnende Auslassung dieser Art betrifft die
verbreitet waren. Die Gefahr des Fleckfiebers in Osteuropa, Desinfektionsmaßnahmen des Ersten Weltkriegs: Weindling
schreibt er, sei von (ungenannten) »medizinischen Eliten« listet zwar die von den Revisionisten in der Vergangenheit
übertrieben worden, um die von Deutschen, Briten und Ame- benutzten Quellen sorgfältig auf, vermeidet jedoch bei seiner
rikanern getätigten enormen finanziellen Ausgaben zu seiner Diskussion der österreichischen Desinfektionsvorkehrungen
Bekämpfung zu rechtfertigen. Der Typhus selbst wird mit be- jeglichen Hinweis auf die Tatsache, daß diese Prozeduren,
schönigenden Ausdrücken charakterisiert; das Delirium, das wie Robert Faurisson aufgezeigt hat, zu falschen Berichten
dem Höhepunkt der Krankheit vorauszugehen pflegt, wird als über Massenvergasungen von Menschen geführt haben. Ge-
»Akt geistigen Widerstands« beschrieben, wenn es bei KL- wissermaßen als Kompensation für diese Unterlassung zitiert
Insassen auftritt (S. 6). Und so weiter. er kommentarlos die Anklage, wonach die Türken 1917 ar-
Nicht minder befangen ist Weindling, wenn er seine These menische Kleinkinder in einem Dampfbad vergast haben sol-
verteidigt, die aus wenig mehr als der Verteufelung der Deut- len (S. 106).
schen zu bestehen scheint. Die Strenge der deutschen Entwe- Bei der Erörterung der Mechanik des Holocaust weicht
sungsprozeduren wird von ihm mit wenig schmeichelhaften Weinbergs eindrucksvolle Vertrautheit mit den Dokumenten
Worten kommentiert; die Entwicklung der deutschen Medizin einer Wiederkäuerei, die sich weitgehend auf die Schriften
wird stereotyp als trampelfüßig, phantasielos und sektiere- von Jean-Claude Pressac,5 Henry Friedlander (bezüglich der
risch abgetan. Auf der einen Seite preist Weindling die Förde- Euthanasie),6 Robert Jan van Pelt und Deborah Dwork7 sowie
rung der DDT-Produktion durch die Amerikaner und geißelt schließlich den von Kogon/Langbein/Rückerl herausgegebe-
die deutsche Zurückhaltung gegenüber diesem Insektizid. Auf nen Sammelband Nationalsozialistische Massentötungen
der nächsten Seite räumt er dann zähneknirschend ein, daß durch Giftgas stützt.8 Wie Revisionisten wissen, beruhen die-
»sich die Deutschen ironischerweise der Giftigkeit des DDT, se Bücher größtenteils auf „Augenzeugenberichten“ und An-
der Probleme der erworbenen Resistenz sowie der ökologi- ekdoten, die durch gelegentliche Auszüge aus Nachkriegsver-
schen Risiken seines Einsatzes stärker bewußt waren« (S. hören bereichert werden. Als Ergebnis bietet Weindling bei
380) – in anderen Worten, daß sie genau jene Vorsicht an den seiner Diskussion der jüdischen Katastrophe kaum mehr als
Tag legten, die sie zu einem zurückhaltenden Umgang mit ein unsystematisches und unkritisches Nachbeten der Holo-
dem Produkt veranlaßt hatte! caust-Everblacks, angefangen bei den wirren Berichten des
An anderer Stelle nimmt Weindling zur Kenntnis, daß die Kurt Gerstein bis hin zu solch oberfaulen Geschichten wie je-
Deutschen umfassende Maßnahmen zum Schutz gegen den ner vom Personal des Euthanasiezentrums Hadamar, das die
Gaskrieg trafen, doch weil »die Deutschen Giftgas gegen Zi- zehntausendste Leichenverbrennung mit Schampus begossen
vilisten einsetzten«, bedeutete dies, daß diese Vorkehrungen haben soll. Dies ist der schwächste und uninteressanteste Teil
zum Schutz der »Täter« getroffen wurden (S. 387). Unter des Buchs.
sorgfältiger Vermeidung jedes Hinweises auf die berüchtigten Weindlings Werk ist schlecht geschrieben, nicht nur wegen
britischen Pläne zum Einsatz von Milzbrand ergeht sich seiner endlosen wüsten Polemik, sondern auch weil in ihm
Weindling in einer langen Tirade über die deutschen Absich- ohne klar ersichtlichen Zweck an vielen Stellen Altes aufge-
ten zur Anwendung von Bio-Waffen, an deren Schluß das Fa- wärmt wird. Dies macht Epidemics and Genocide in Eastern
zit steht, daß die Deutschen sich davor fürchteten, selbst mit Europe zwar für den Durchschnittsleser ungenießbar, doch
solchen Waffen angegriffen zu werden, und unberechtigte erweist sich das Werk für den speziell am Thema Interessier-
Furcht vor biologischer Kriegsführung seitens der von ihnen ten trotzdem als nützlich. Es enthält nämlich zahlreiche auf-
unterworfenen Völker hatten. Es mag ja schon sein, daß die schlußreiche und überraschende Einzelheiten, die den Exper-
diesbezüglichen deutschen Ängste übertrieben waren, doch ten in ihren Bann ziehen werden, und der Umfang der Unter-
hätte Weindling gut daran getan, zu erwähnen, daß u.a. Jan suchungen nötigt einem Respekt ab.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 221


Diese Elemente sind es, die das Buch schließlich trotz allem 73-94.
3
retten. Trotz seiner irritierenden Voreingenommenheit hat Samuel Crowell, »The Gas Chamber of Sherlock Holmes: An Attempt at
a Literary Analysis of the Holocaust Gassing Claim«. online:
Weindling ein gutes und solides Buch über Epidemien und http://codoh.com/incon/inconshr123.html
deren Verhütung geschrieben, welches Holocaust-Fachleuten, 4
Siehe dazu S. Crowell, »Bomb Shelters in Birkenau«, Abschnitt 3.7, on-
insbesondere Revisionisten, von Nutzen sein wird. Wir kön- line: www.codoh.com/incon/inconbsinbirk.html
5
nen nur bedauern, daß er es nicht aus einer objektiveren und J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Cham-
bers, Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989; ders., Les Créma-
humaneren Perspektive schrieb, denn dann wäre es weit bes-
toires d’Auschwitz. La Machinerie du meurtre de masse, Èditions
ser ausgefallen. CNRS, Paris 1993; dt.: Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des
Massenmordes, Piper, München 1994.
6
Anmerkungen Henry Friedlander, The origins of Nazi genocide. from euthanasia to the
Mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Journal of Historical Re- final solution, University of North Carolina Press, Chapel Hill/London,
view, 20(5/6) (2001), S. 75-77, Übersetzung von Jürgen Graf 1995.
7
1
Robert Jan van Pelt, Deborah Dwork, Auschwitz, 1270 to the present.
Clarendon Press, Oxford 1987. Yale University Press, New Haven/London 1996.
2
Friedrich Paul Berg, »Typhus and the Jews«, Journal of Historical Re- 8
Eugen Kogon u.a. (Hg.), Nationalsozialistische Massentötungen durch
view, 8(4) (1988), p. 433; ders., »Zyklon B and the German Delousing Giftgas, Fischer, Frankfurt/Main 1983.
Chambers«, Journal of Historical Review, Spring 1986, vol. 7 no. 1, S.

Die Russen in Berlin anno 1945


Von Ernst Gauss
Antony Beevor, The Fall of Berlin 1945, Viking Penguin, suchung gerate zu plündern und zu vergewaltigen. Zweitens
London/New York, Mai 2002, 512 S. geb., $29,95 hätten die Deutschen bei Kriegsende ja nur geerntet, was sie
zuvor in dreieinhalb Jahren in Rußland gesät hätten, weshalb
Mit viel Presse-Tamm-Tamm wurde Anfang April die Veröf- die sowjetische militärische Führung bei den Vorgängen in
fentlichung des neuesten Buches des britischen Militärhistori- Deutschland alle Augen zugedrückt habe.
kers Antony Beevor angekündigt: »Vergewaltiger der Roten Beevor sitzt also den alten stalinistischen/„antifaschistischen“
Armee bloßgestellt« schlagzeilte zum Beispiel Chris Summers Kriegslügen auf, die deutschen Soldaten hätten in Rußland
vom britischen staatlichen Rundfunk BBC News Online. willkürlich gemordet, geplündert, gebrandschatzt und verge-
Zwei Millionen deutsche Frauen seien während des Vordrin- waltigt. Als Militärhistoriker, der für sich reklamiert zu wis-
gens der Roten Armee nach Deutschland gegen Ende des sen, worüber er schreibt, müßte Beevor aber wissen, daß das
Zweiten Weltkrieges vergewaltigt worden, viele davon mehr- eben gerade nicht der Fall war. Bei all der Grausamkeit des
fach. Allein in Berlin seien etwa Ostfeldzuges haben sich die deutschen
130.000 Frauen vergewaltigt worden, Soldaten alles in allem eben außerge-
von denen 10.00 anschließend Selbst- wöhnlich zivilisiert verhalten, vergleicht
mord begingen. Dem deutschen Publi- man sie mit allen anderen Armeen der
kum ist das freilich weder neu noch wä- Weltgeschichte. Man vergleiche hierzu
re es den dortigen Medien eine Sensati- zum Beispiel den Beitrag von Walter
onsschlagzeile wert. Post »Die Wehrmacht im Zweiten Welt-
Beevors Buch beschreibt das Vordrin- krieg«, im vom Joachim Weber heraus-
gen der Roten Armee nach Ostdeutsch- gegeben Sammelband Armee im Kreuz-
land und die Schlacht um Berlin primär feuer (Universitas, München 1997).
unter militärischen Gesichtspunkten. Aber dieses Ausmaß vorauseilender
Die grausame Spur von Plünderung, Unterwürfigkeit unter die herrschende
Brandschatzung, Massenmord, Austrei- Politische Korrektheit war dem russi-
bung und Vergewaltigung wird dabei schen Botschafter in England Grigory
von Beevor nicht ins Zentrum des Inter- Karasin immer noch nicht genug. Der
esses gestellt. Allerdings sei er von Botschafter behauptete in einem An den
dem, was er bei seinen Recherchen her- Daily Telegraph gesandten Brief, Bee-
ausfand, schockiert gewesen. Da fragt vors Behauptungen vom fürchterlichen
sich der Zeitgeschichtskenner zwangs- Wüten sowjetischer Soldaten in
läufig, wie es um die Kompetenz eines Deutschland seien nichts als »Lügen
Militärhistorikers des Zweiten Welt- und Unterstellungen« und seien zudem
krieges bestellt sein muß, dem die Vor- von einem russischen Historiker „wider-
gänge in Ost- und Mitteldeutschland Ende 1944/ Anfang legt“ worden:
1945 bis ins Jahr 2000 unbekannt waren? »Es ist eine Schande, irgend etwas mit diesem eindeutigen
Der Höhepunkt des Buches ist freilich, daß für Beevor das, Fall von Beleidigung gegen mein Volk zu tun zu haben, das
was in Deutschland bei Kriegsende geschah, sowohl ver- die Welt vom Nazismus befreit hat.«
ständlich als auch entschuldbar ist. Er ist nämlich erstens der Ja, laßt uns alle dem Teufel danken, daß er einen Bengel aus-
Ansicht, daß jeder Mann in extremen Kriegslagen in die Ver- trieb!

222 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


Interessant sind hingegen Beevors Funde, daß die Sowjets und trotz der Propaganda, nicht wie im Holocaust, wo ein
nicht nur deutsche Frauen vergewaltigten, und zwar sowohl kollektives Gedächtnis entlang der Propaganda und durch sie
beim Eindringen nach Deutschland als auch später, als Hun- geschaffen wurde. Rzheshevskys These von der Unglaubwür-
derttausende Frauen als Sklaven verschleppt und in Gefan- digkeit Hunderttausender deutscher Zeugen ist also lächer-
genschaft weiter ständig mißbraucht wurden, manche von ih- lich.
nen in sowjetischen Armee-Bordellen. Aus den von Beevor Professor Richard Overy, Historiker am King’s College in
untersuchten sowjetischen Dokumenten geht auch hervor, daß London, meinte, die Russen hätten diese Episode ihrer Ge-
viele der „repatriierten“ russischen und ukrainischen Frauen, schichte unterdrückt, weil sie der Ansicht seien, die über
die unter deutscher Besatzung mit den Deutschen zusammen- Deutschland hereinbrechende Rache sei nur gerecht ange-
arbeiteten, das Schicksal ihrer deutschen Leidensgenossinnen sichts der viel schlimmeren deutschen Verbrechen in Ruß-
teilten. Die Frauen, so Beevor, wurden allgemein zur Kriegs- land. Ich erspare mir einen Kommentar dazu.
beute sowjetischer Soldaten erniedrigt. Vergleicht man dieses Buch mit dem 1995 erstmals von Joa-
In einer Stellungnahme gegenüber dem BBC behauptete Pro- chim Hoffmann verfaßten Buch Stalins Vernichtungskrieg
fessor Oleg Rzheshevsky, Leiter der Abteilung Kriegsge- 1939-1945, so hat Beevors Buch eigentlich nur einen Vorteil,
schichte an der russischen Akademie der Wissenschaften in nämlich daß es die sowjetische Blutspur durch Osteuropa
Moskau, daß Beevors Vorwürfe nicht durch Dokumente ge- noch besser dokumentiert hat. Den Kontext dieses Konflikts
stützt würden – obwohl er zugeben mußte, Beevors Buch und somit die Ursachen der Ausschreitungen sowjetischer
nicht gelesen und die Quellen nicht geprüft zu haben!!! – und Soldaten bei Kriegsende jedoch hat Beevor nicht erfaßt. Das
daß sie lediglich auf unglaubwürdige Zeugenaussagen deut- ist auch der Grund, warum das Buch von den Medien im Aus-
scher Frauen basierten. Tatsächlich habe sich die Mehrheit land überhaupt besprochen wird und dementsprechend ein Er-
der sowjetischen Soldaten der deutschen Bevölkerung gegen- folg werden wird: Es widerspricht nicht dem Bild der armen,
über wohlwollend verhalten. überfallenen, vergewaltigten, geplünderten, friedliebenden
Es fragt sich nur, wie trotz der 55-jährigen ununterbrochenen Sowjetunion, die die Welt vom Nazismus gerettet hat. Hoff-
Propaganda von der friedliebenden Sowjetunion und der tota- manns Buch ist da wesentlich besser dokumentiert und argu-
len Unterdrückung kritischer Gesichtsschreibung in Mittel- mentierte dementsprechend differenzierter. Deswegen wurde
deutschland die dortige Bevölkerung sich trotzdem an die die englische Ausgabe dieses Buches auch von den eng-
sowjetischen Grausamkeiten so klar und einhellig erinnern lischsprachigen Medien totgeschwiegen.
kann. Hier existiert ein kollektives Gedächtnisse entgegen

Hitlers jüdische Soldaten


Von Jörg Berger
Bryan Mark Rigg, Hitler’s Jewish Soldiers: The Untold „mündlicher Geschichte“, also einer Serie von Interviews mit
Story of Nazi Racial Laws and Men of Jewish Descent in Opfern und Tätern.
the German Military, University Press of Kansas, ISBN: Aufgrund von statistischen Hochrechnungen meint Rigg, es
0700611789, 528 S., $29.95 habe in der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges
mindestens 100.000 jüdische „Mischlinge“ in der Definition
Bereits in der Ausgabe 3/97 (S. 34) berichtete VffG kurz über der Nürnberger Gesetze gegeben. Die meisten dieser Misch-
eine Forschungsarbeit des Amerikaners Bryan M. Rigg über linge seien Nachfahren nichtjüdischer Deutscher und assimi-
»Juden in Wehrmachtsuniform«. Während der letzten vier lierter bzw. getaufter deutscher Juden gewesen. Aus Riggs
Jahre hat Rigg dieses Thema im Rahmen seiner Doktorarbeit, Analyse ergibt sich, daß ein Teil dieser Soldaten deshalb
die im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurde, wesentlich ver- diente, um der Verfolgungsdrohung als Mischlinge zu entge-
tieft. hen, ein anderer Teil aber schlicht deshalb, weil sie sich wie
Der heute 31-jährige Bryan Rigg erhielt seinen Doktortitel in selbstverständlich als Deutsche empfanden und nichts anderes
Geschichte von der Universität Cambridge unter Professor taten als alle anderen Deutschen auch, nämlich dem Vaterland
Jonathan Steinberg. Heute ist Rigg Geschichtsprofessor an treu zu dienen.
der amerikanischen Online-Militäruniversität. Bereits der Beginn von Briggs Studien zum Staatsexamen im
Riggs Buch basiert in erster Linie auf etwa 430 Interviews mit Jahr 1996 verursachte einige Aufmerksamkeit, was es ihm
ehemaligen Wehrmachtsoldaten mit zumindest teilweise jüdi- ermöglichte, mit vielen Zeitzeugen in Kontakt zu treten und
schem Hintergrund, also dem, was die Nationalsozialisten als was seiner Doktorarbeit schließlich ein ungewöhnliches Maß
„Mischlinge“ bezeichneten. Es handelt sich also primär um an Kritik und Anerkennung einbrachte. Angefangen hatte
„erlebte und erzählte Geschichte“, die von betroffenen Zeit- Rigg seine Forschungen allerdings bereits schon zu Beginn
zeugen erzählt und vom Autor bewertet und in den Zusam- seiner Studienzeiten, als er während eines Aufenthalts in
menhang der Zeit gestellt wird. Er reiht sich damit ein mit Deutschland erfuhr, daß seine protestantische Mutter jüdische
journalistischen Autoren wie John Sack, der die Geschichte Vorfahren hatte, und als er zufällig einen alten Herrn kennen-
der polnischen Vernichtungslager auch nicht anhand von Do- lernte, der über seine Erlebnisse als „Vierteljude“ an der Ost-
kumenten und Sekundärliteratur erforschte, sondern mittels front berichtete.

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 223


Es ist erwartungsgemäß vor allem die Emeritus der Uni Vermont. Manche
lange Reihe der Holocaust-Gelehrten, verübeln ihm, daß er die Öffentlichkeit
die Riggs Studie zu allerlei Kommenta- bereits erfolgreich suchte, als seine Ar-
ren veranlaßte, wie die US-Zeitschrift beit noch in den Anfängen steckte. Al-
The Chronicle of Higher Education in lerdings war es sein Doktorvater, der
der Ausgabe vom 3.5.02 zu berichten die frühe Pressekampagne lancierte, um
weiß. es Rigg zu ermöglichen, weitere poten-
(http://chronicle.com/free/v48/i34/34a0 tielle Zeitzeugen zu finden. Andere, wie
1401.htm). Entmutigende und kritische etwa Richard J. Evans, Zeitgeschichts-
Worte wurden ihm nicht nur während professor in Cambridge, und Omer Bar-
seiner Studien von verschiedenen Pro- tov, Geschichtsprofessor an der Brown
fessoren entgegengebracht, sondern Universität, sehen alleine schon den Ti-
auch jetzt, da seine Studie veröffentlicht tel des Buches als verzerrend an, da es
ist. Einer derjenigen, die öffentlich zu sich eben nicht um Juden gehandelt ha-
Wort kommen und sein Buch positiv be, sondern in den meisten Fällen um
hervorheben, ist Michael Berenbaum, „Mischlinge“, die nur nach der „rassisti-
ehemaliger Direktor des U.S. Holocaust schen NS-Ideologie“ Juden waren, nicht
Memorial Museums, sowie Christopher aber nach der (nicht minder rassisti-
R. Browning, Geschichtsprofessor der schen) jüdischen Ansicht. Allerdings ist
Universität North Carolina in Chapel der Titel des Buches nicht von Rigg,
Hill. Andere Holocaustler beurteilen sondern vom Verlag aus Marketing-
Riggs Studien eher negativ, entweder, gründen gewählt worden, und zwar er-
weil das Thema Zeitverschwendung sei folgreich, wie sich herausgestellt hat.
(wer will schon wissen, daß 100,000 Mischlinge Hitlers willi- Riggs Doktorvater war beeindruckt von der Dokumenten-
ge Soldaten waren?), oder weil es sensationalistisch und ver- sammelwut seines Zöglings, wobei die meisten Dokumente
zerrend dargestellt sei (das war alles schon bekannt und ist von Hitlers jüdischen Soldaten selbst stammen. die Samm-
völlig irrelevant zur Beurteilung des Holocaust und des Drit- lung befindet sich mittlerweile im bundesdeutschen Bundes-
ten Reiches), so etwa David Cesarani, Professor für jüdische archiv-Militärarchiv.
Geschichte in Southampton, England, oder Raul Hilberg,

Krieg in Deutsch-Südwestafrika
Von Barbara Hirsch
Claus Nordbruch, Der Hereroaufstand 1904, Vowinckel- bruch in seinem flüssigen Schreibstil jenseits von Denkverbo-
Verlag, Sinning 2002, gebunden, Bildband, Farbphotos, ten und Tabuvorgaben.
156 Seiten, € 24,80. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat gerade der Aufruf
an das Volk der Herero vom 2. Oktober 1904 des deutschen
Im ehemaligen Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika probte Befehlshabers General Lothar v. Trotha immer wieder zu hef-
das stolze Volk der Herero 1904 den Aufstand gegen die tigen Auseinandersetzungen geführt. Der Text dieses Aufrufs
deutsche Schutzmacht, die Kaiserliche Schutztruppe. Der lautete wie folgt:
Hererokrieg war der erste Partisanenkrieg des XX. Jahrhun- »Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende die-
derts, der mit unerbittlicher Härte ausgetragen wurde. Die sen Brief an das Volk der Herero. Die Herero sind nicht
berühmte Schlacht am Waterberg im August 1904 stellte mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und ge-
den Höhepunkt des Kampfes dar. Die Herero flohen letzt- stohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen
lich in die wasserlose Wüste Omaheke. Fast 100 Jahre spä- und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus
ter fordern namibische Politiker Wiedergutmachung von Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder,
Deutschland. der einen Kapitän abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel
Kuaima Riruako, nicht uneingeschränkt akzeptierter „Häupt- bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch
ling“ des Volkes der Herero, beabsichtigt die Deutsche Bank das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde
und die Reederei Deutsche Afrika Linie wegen »Versklavung, ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der
Völkermord und Raub« vor einem Bundesgericht in Washing- deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Ge-
ton auf zwei Milliarden Dollar Entschädigung zu verklagen. wehr, mit oder ohne Vieh, erschossen, ich nehme keine
Die Chance, vor einem amerikanischen Gericht Recht zu be- Weiber, Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück
kommen, hält er für »möglich, denn wir gehen ja denselben oder lasse auch auf sie schießen.
Weg wie die Juden. Der Genozid an unserem Volk war Vor- Dies sind meine Worte an das Volk der Herero.
reiter des Holocaust.«1 Starker Tobak, der es wert ist, einer Der große General des mächtigen deutschen Kaisers.«
Analyse unterzogen zu werden. Diese vollzieht der unkonven- Im günstigsten Falle hieß es, daß es sich hierbei um einen
tionelle deutsch-südafrikanische Publizist Dr. Claus Nord- Schießbefehl gehandelt habe. Meist war die Ausgangsposition

224 VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2


jedoch, daß dieser Aufruf ein Befehl zur Waffen so, daß auf tausend Jahre
Völkervernichtung gewesen und damit hinaus kein Chinese mehr es wagt,
der Grundtenor der politisch-militäri- einen Deutschen scheel anzuse-
schen Intention von Trothas bewiesen hen.«
sei: Er »steckte sich zum Ziel, die 3. Die Herero trugen nicht wie Kombat-
Herero auszurotten.« Und deshalb stehe tanten in Europa Uniformen, sondern
selbstredend fest:2 traten im »Räuberzivil« auf. Man be-
»Die Herero wurden die Opfer eines gegnete ihnen überall, im dichten
verbrecherischen Staates, der jene Buschfeld ebenso wie auf Farmen,
beseitigte, die seinen wirtschaftlichen tagsüber und nachts. Es war äußer-
Interessen im Wege standen.« lich nicht erkennbar, ob es sich um
Ob explizit darauf hingewiesen oder le- einen friedlichen Menschen handelte
diglich unbewußt mit eingearbeitet, die oder um einen Partisanen. Es gab
meisten dieser voreiligen bzw. diffamie- immer wieder Patrouillen, denen die-
renden Urteile fußen, wie Nordbruch ser Umstand zum tödlichen Ver-
eindrucksvoll belegt, erstens auf den hängnis wurde. Folglich ist die Pro-
Behauptungen der englischen Kriegs- klamation Trothas auch in diesem
propaganda unmittelbar nach dem er- Sinne als eine Art Schutz gegenüber
sten Weltkrieg und zweitens auf einsei- der eigenen Truppe zu verstehen.7
tigen Darstellungen marxistisch-lenini- 4. General Lothar v. Trothas »Aufruf an
stischer Historiker und Publizisten. Die- das Volk der Herero« war kein »Völ-
se meist unsachlichen, teilweise sogar kervernichtungsbefehl«. Vielmehr
volksverhetzenden Darlegungen und Mutmaßungen, wurden handelte es sich um eine dem pathetischen Vokabular der
von vielen Verfassern der gängigen bundesdeutschen und Jahrhundertwende entsprechende psychologisch-propagan-
österreichischen Literatur teils aus Leichtsinnigkeit, teils weil distische Erklärung eines sich der Notlage seiner eigenen
sie in die eigene Ideologie passen, unkritisch übernommen. Truppe bewußten verantwortungsvollen Offiziers, der sein
Nordbruchs Schlußfolgerung: eigentliches militärisches Ziel am Waterberg verfehlt hatte.
1. Tatsache ist, daß Anfang Oktober die Lage der deutschen Zu ungerechtfertigten Gewaltanwendungen, zu Exzessen
Schutztruppe bedrohliche, ja geradezu katastrophale Aus- en gros oder gar zu einem „Völkermord“ ist es von deut-
maße erreicht hatte: Seit der Schlacht am Waterberg nah- scher Seite her nicht gekommen.
men durch eklatanten Nahrungs- und Wassermangel verur- Der Hereroaufstand 1904 ist für jeden geschichtsinteressier-
sachte gefährliche Erkrankungen, wie z.B. Typhus, Ruhr, ten Leser eine wertvolle Quelle, die beide Seiten zu Wort
Herzmuskelschwäche, akute Magen- und Darminfektionen, kommen läßt und die Gründe, die zu diesem grausamen Krieg
unter den Angehörigen der Schutztruppe explosionsartig führten, seinen bewegten Verlauf und seine einschneidenden
zu.3 Darüber hinaus starben zu Hunderten Pferde, Maultie- Konsequenzen darlegt. Entgegen fragwürdiger Denkschablo-
re und Zugochsen, so daß man mit weiteren lebensbedroh- nen der Politischen Korrektheit basiert Dr. Nordbruchs These
lichen Transportengpässen konfrontiert wurde. Die so auf der Erkenntnis des großen Gelehrten Wilhelm von Hum-
dringend benötigten Verpflegungstransporte blieben wegen boldt:
Erschöpfung der Tiere oft tagelang liegen. Die direkte Fol- »Der Historiker muß sich in das Innere der Personen und
ge war ein akuter Mangel an Nahrung, Wasser und Medi- Epochen, mit denen er zu tun hat, hineinversetzen, wenn er
kamenten. Dieser Notstand verursachte ein erneutes An- mehr als eine zusammenhanglose Aufzählung äußerer Er-
steigen der Infektionsrate.4 eignisse bieten will.«
2. General von Trotha hatte mit dem Ausgang der Schlacht Damit belegt Dr. Nordbruch mit seinem neuesten Buch nicht
am Waterberg sein Kriegsziel nicht erreicht. Die Behaup- zuletzt die Richtigkeit eines Bekenntnisses des ehemaligen
tung, daß der Aufruf als ein »Eingeständnis des Mißerfol- deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der den Mut fand
ges« und »als ohnmächtige Reaktion des deutschen Be- zu erklären, daß die deutsche Geschichte kein Verbrecheral-
fehlshabers im Hinblick auf diese Lage angesehen wer- bum ist. Dies gilt für die Geschichte Deutsch-Südwestafrikas
den«5 könne, wird nicht völlig zu Unrecht gemacht. Tat- nicht minder.
sächlich entspricht der pathetische Wortgebrauch des Auf-
rufes aber der Ausdrucksweise jener Tage. In der soge- Anmerkungen
nannten Hunnenrede6 des Kaisers anläßlich der Verab- 1
Die Welt v. 8. Sep. 2001.
schiedung des deutschen China-Korps am 27. Juli 1900 in 2
Yves Ternon: Der verbrecherische Staat. Völkermord im 20. Jahrhun-
Bremerhaven hieß es u.a.: dert. – Hamburg: Hamburger Edition 1996, S. 257.
3
»Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere In der DEUTSCH-SÜDWESTAFRIKANISCHEN ZEITUNG vom 6. Juli 1904,
also noch lange vor der Schlacht am Waterberg, war bereits zu lesen, daß
Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben die am Waterberg sitzenden Herero sehr unter ansteckenden Krankheiten
das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der litten. Die deutschen Ärzte befürchteten ein Übergreifen der Epidemien
Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des auf die deutschen Truppen. Es mußte »von sanitärer Seite alles nur mög-
Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gespro- liche geschehen, um der in heftigem Maße um sich greifenden Seuche
chen. [...] Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen nach Kräften Einhalt zu tun. Doch liegt es an den äusserst ungünstigen
Wasserverhältnissen, dass dies bisher nur bis zu einem gewissen Grade
verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen erreicht ist.«
Feind. Kommt ihr an ihn, so wißt: Pardon wird nicht 4
Bereits im November 1904 waren nicht weniger als 302 Soldaten durch
gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Krankheit kampf- und einsatzunfähig. Dieser fürchterliche Zustand
konnte unter den dargelegten Umständen nicht innerhalb weniger Tage

VffG · 2002 · 6. Jahrgang · Heft 2 225


oder Wochen behoben werden. Um sich das katastrophale Ausmaß vor- Einen entgegengesetzten Interpretationsansatz versucht Heinrich Wen-
stellen zu können, muß man sich vor Augen halten, daß am Ende des dig: Er meint mit Hinweis auf Walter Krämer & Götz Trenkler: Das neue
Krieges mehr deutsche Soldaten an Krankheiten gestorben als während Lexikon der populären Irrtümer. 555 weitere Vorurteile, Mißverständ-
der Kämpfe gefallen waren! nisse und Denkfehler. - Frankfurt/M: Eichborn 1998, daß »Wilhelm seine
5
Johannes C. Seybold: Der Hererokrieg in Deutsch-Südwestafrika. - Ma- Soldaten vor den Boxern warnen wollte und daß diese, nicht die Deut-
schinenschriftliche Magisterarbeit an der Universität Wien 1991, S. 101. schen, als Pardon-Verweigerer betrachtet werden müssen.« (Heinrich
6
Wie sich einst die Hunnen unter König Etzel einen Namen gemacht hät- Wendig, »Kaiser Wilhelm II. falsch zitiert« in: Richtigstellungen zur
ten, der sie heute noch gewaltig erscheinen ließe, so sollten nach Auffas- Zeitgeschichte, Heft 13/2000, S. 7.)
7
sung von Wilhelm II. auch die deutschen Soldaten in China der Ge- Vgl. Gert Sudholt: Die deutsche Eingeborenenpolitik in Südwestafrika. –
schichte einen ewig währenden Stempel einbrennen. Hildesheim: Olms 1975, S. 189.

Die unglaublichen Erlebnisse einer ungarischen Jüdin in Auschwitz


Von Wolfgang Pfitzner
Kardos Klára, Auschwitzi napló (Auschwitz-Tagebuch), Schlimmste ist der Wassermangel. Zwei Tage später geht
Szent Gellért Kiadó (Sankt Gellért Verlag), Budapest, die Armbanduhr, die ich durch den Feind behalten durfte,
2001. durch die Kameraden verloren. Wie oft habe ich auch
draußen (im Ausland) erlebt, daß sie schlimmer waren, als
Frau Kardos Klára (ich müßte Fräulein schrieben, sie hat nie der Feind.
geheiratet), wurde 1920 in Süd-Ostungarn in einer jüdischen Wir verbringen einige Tage in der Ziegelei. Seuchengefahr.
Familie geboren. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, ihre Listenzusammenstellung.
Mutter trat noch vor der Geburt von Klara zum katholischen Die einflußreicheren Juden kommen nach Österreich. Spä-
Glauben über, heiratete wieder, und so bekam Klára eine ter erfahre ich, daß sie ein goldenes Leben im Vergleich zu
kleine Schwester. Nach der deutschen Besatzung Ungarns am uns hatten. Aber als ich das Buch von P. Lenz aus Dachau
19. März 1944 kam ihre Familie in das Ghetto von gelesen habe, hatte ich das Gefühl, daß unsere Leiden da-
Nyíregyháza, von wo sie das letzte Lebenszeichen ihrer An- mit verglichen nichts waren.«
gehörigen hat. Sie glaubt, sie seien alle irgendwo gestorben. Die letzte Bemerkung zeugt davon, daß diese Aufzeichnun-
Sie selbst durfte sich in Szeged vorerst frei bewegen, wenn gen nach dem Kriege erstellt wurden. Es ist also damit zu
sie auch den gelben Stern tragen mußte. Dann wurden die rechnen, daß Kláras Aufzeichnungen von Gehörtem, Gelese-
Begünstigungen für die getauften Juden gestrichen, so daß sie nem und Gesehenem aus der Nachkriegszeit beeinflußt ist.
auch in das Ghetto kam. Später mußte sie dann in die Ziegelei Sie berichtet weiter über ihren Abtransport nach Auschwitz:
Szeged arbeiten, von wo sie wenig später nach Auschwitz »24. Juni
transportiert wurde. Einwaggonieren. Alle sind schwer beladen. Wenn sie ge-
Nach ihrer Rückkehr im September 1945 lebte sie in großer wußt hätten, daß ihre Sachen 3 Tage später von den Kana-
Armut. Sie hat nie geheiratet. Wegen ihres christlichen Glau- da-Arbeitern abgenommen werden und jene dadurch be-
bens wurde sie vom kommunistischen Regime von ihrer Leh- reichert werden... Einpferchen von jeweils 70 Personen in
rerstellung entlassen, dazu kam, daß sie wegen ihrer Teilnah- einen Viehwaggon. Dunkelheit, Luftmangel. Wir dürfen die
me an der Revolution von 1956 weiterhin verfolgt und schi- Toten nicht aus dem Waggon schmeißen. Klingt wie ein
kaniert wurde. schlechter Scherz, dabei war es blutiger Ernst. Später erle-
1972 konnte sie nach Österreich emigrieren, wo sie in Kla- be ich, besonders im Winter, daß ein Teil der Transporte
genfurt Mitarbeiterin der jesuitischen theologischen Zeit- tot in den Lagern ankam.«
schrift Szolgálat (Dienst) wurde. Sie starb 1984 an Krebs. Sie Klára war im Winter nicht mehr in Auschwitz. Diese ana-
hinterließ Aufzeichnungen, die letztes Jahr in einem ungari- chronistische Bemerkung muß sich daher auf die bei Kriegs-
schen Verlag herausgebracht wurden. Aus einigen Bemer- ende durchgeführten Evakuierungen gen Westen beziehen,
kungen geht hervor, daß zumindest Teile dieser Aufzeichnun- bei denen es aufgrund ausbleibender Versorgung und zer-
gen nach dem Krieg erstellt wurden, daß es sich hier also bombten Schienenwegen zu vielen Tragödien kam.
nicht um ein Zeitdokument handelt. Einige interessante Pas- »25. Juni
sagen daraus sind nachfolgend (z.T. etwas gekürzt) übersetzt Abends rollt der Zug endlich vom Bahnhof Szeged ab. Drei
und kurz kommentiert. Vorab sei bemerkt, daß Klára von ei- Tage im Waggon. Wassermangel, unerträglich Hitze. Be-
nem tiefen christlichen Glauben erfüllt ist; sie schreibt ohne drohung von den Wächtern: Bei Radau wird geschossen.«
Haß, ihre Aufzeichnungen erscheinen daher authentisch.
»20. Juni 1944 26. Juni
Einzug in das schon entleerte Ghetto. Zolluntersuchung. Grenzübertritt. „Zolluntersuchung“, kurze Rede: „Ihr wer-
Schmuck, Armbanduhr, Füllfeder werden uns abgenom- det zu Arbeitseinsätzen gebracht.“
men. Als die Beamtin meine Armbanduhr mit dem Herz-
Jesu-Bild sieht, schaut sie überrascht, ich darf diese samt 28. Juni
Füllfeder behalten. Noch am gleichen Tag Überstellung in Ankunft in Auschwitz.
die Ziegelei. Hier ist das Judentum von Szeged und Umge- In den Todesfabrik-Büchern ist alles mit dunklen Tönen
bung – 11.000 Menschen – zusammengepfercht. Das dramatisiert, alles zugespitzt, was mir nicht gefällt. Ich

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formuliere das so: Mich interessiert nicht, daß nach mei- Wer schon länger da ist, kann und wird ermutigende Worte
nem Tod aus meiner Haut Lampenschirme gemacht wer- nur dann geben, wenn es dazu Grund gibt. Ansonsten würde
den, aus meinen Knochen Seife gekocht wird, aber als ich man Worte der Warnung und Vorsicht verbreiten!
Schnupfen hatte, und ich hatte kein Taschentuch, war es »Wir kamen in die Baracke 8 des B3 Lagers, welches sich
unangenehm. Wir hatten keine Übersicht über Länder, Na- im Bau zu befinden schien. Tante Éva war unser Stuben-
tionen. Wir litten nicht so sehr wie die christlichen Priester dienst. Sie spazierte mit einem großen Stock, und wenn wir
in Dachau. Wir Christen waren eine kleine Insel im Meer.« etwas falsch machten, drohte sie uns mit dem Krematori-
Wann hat man je so ehrliche Worte einer Auschwitz-Insassin um, wobei sie was von den verbrannten Tschechen erzählt
gelesen? In ihren Augen ist also in der üblichen Literatur alles hat. Wir haben sie ausgelacht. Wir konnten nicht glauben,
übertrieben worden. Ihre Darlegungen weisen wieder darauf- daß das wahr sein kann. Meinerseits glaubte ich nur viel,
hin, daß sie die Geschichten von Lampenschirmen, Seife usw. viel später, zu Hause, unter dem Gewicht der unwiderleg-
eben nicht erlebte, sondern daß sie dies erst nach dem Kriege baren Beweise, daß dort tatsächlich ein Krematorium ar-
erfuhr, wie natürlich auch, wie es den christlichen Priestern in beitete, und zwar täglich 24 Stunden. Ich mußte es glauben,
Dachau angeblich erging. Jedenfalls ist das Bekenntnis, das weil kein Kind, kein alter oder arbeitsunfähiger Mensch
Fehlen eines Taschentuches bei Schnupfen sei ihr als unange- aus Auschwitz rauskam.«
nehm in Erinnerung geblieben, doch sehr aussagekräftig. Wer Die Häftlinge, die vor Ort in Auschwitz waren, lachten also
sich solcher Banalitäten als unangenehm erinnert, kann keine über die als leer empfundenen Drohungen mit dem Krema-
wirklich schlimmen Erinnerungen haben. torium. Jene Zeugen also, die doch dort waren, glaubten es
»Ausstieg aus den Waggons. Es kam der Befehl: alles da- nicht, solange sie da waren, aber Frau Klára – und mit ihr
lassen. Das Gepäck wird uns mit Fahrzeugen hinterher wahrscheinlich viele andere – fing an, daran zu glauben,
transportiert. Natürlich haben wir nie wieder was davon als sie nicht mehr da war und nicht mehr erlebte, sondern
gesehen. Die in „Kanada“ beschäftigten privilegierten Ge- als sie von anderen Geschichten hörte. Jeder vernünftige
fangenen haben auf diese Weise für sich Sachen organi- Mensch würde normalerweise genau andersherum reagie-
siert.« ren: Wenn mir jemand einzureden versuchte, etwas, was ich
Das mag sein, es mag aber auch sein, daß im Chaos des selbst erlebt habe, sei nicht so, sondern anders gewesen, so
Rückzuges bzw. der eiligen Verlegungen gen Westen einfach würde ich dem widersprechen. Kláras Behauptung, es sei-
keine Möglichkeit mehr gegeben war, das Eigentum der Häft- nen keine Kinder und alten Leute aus Auschwitz herausge-
linge auszuteilen und ebenfalls gen Westen zu transportieren. kommen, wird durch die Tatsache Lügen gestraft, daß es
»Dann die Sortierung: Männer und Frauen getrennt, hier eben anerkanntermaßen ungezählt viele Kindüberlebende
die Jugendlichen, dort die Kinder, die Alten, Schwangeren. gibt, auch aus Auschwitz. Außerdem kann sie ja gar nicht
Hier der Weg in das Leben, dort in den Tod. Natürlich ha- wissen, welche Altersgruppe in welchen Ausmaß aus Au-
ben wir davon nichts gewußt, die SS hat auch dafür eine schwitz herauskam.
Erklärung gegeben: „Ihr geht jetzt duschen, es wäre doch »Die Art, wie die das durchgeführt haben, war relativ hu-
komisch, wenn ihr zusammen gehen würdet, ihr trefft euch man. Den Opfern haben sie gesagt, sie kommen ins Bad,
nachher.“« wo dann aus der Dusche Gas ausströmte. Bevor sie etwas
Aha, sie alle haben es damals nicht gewußt! Da gibt es aber merkten, waren sie schon tot.«
viele, die ihr da widersprechen! Was sie, wie zugegeben, gar nicht weiß, sondern sich angele-
»Befreit von unserem Gepäck gingen wir zu Fuß in das La- sen hat.
ger hinein. Unterwegs haben wir eine komische Menschen- »29. Juni.
gruppe gesehen: Kahlgeschoren in gestreiften Anzügen. Zählappell morgens, abends. Unsere Hauptbeschäftigung.
Wir haben nicht geahnt, daß wir in einer Stunde genau so Wenn die Anzahl nicht stimmt, wiederholen, bis es stimmt.
aussehen. Manchmal dauert es 4 Stunden.
Das Bad. Unwahrscheinliches Gefühl in der nackten Von Zeit zu Zeit – ich glaube alle 14 Tage – kommen wir in
Menschenmasse unter den Augen der SS-Bewacher die Desinfektion. Bei solchen Gelegenheiten gibt es Du-
(Frauen und Männer getrennt). Sie kamen nämlich auch schen und Kleiderwechsel. All das geschah außerhalb des
in das Bad hinein. Dann wurden wir kahlgeschoren, was Lagers, innerhalb dieses gab es kein dazu geeignetes Ge-
uns Frauen sehr empfindlich traf. Unsere unmittelbaren bäude. Wir marschieren frühzeitig los in Fünferreihen. Wir
Vorgesetzten waren slowakische und polnische Juden, die verlassen den Drahtzaun, gehen durch einen Wald. Wir se-
unser Leben viel mehr erschwert haben als die Deut- hen den Bahnhof, wahre Schienen, wahrer Zug. Dann mar-
schen, die wir sehr selten sahen. Der Grund dafür war, schieren wir in Birkenau ein. Als wir an die Reihe kommen,
daß jene schon fünf Jahre in dieser Hölle auf Erden gelit- gehen wir in das Bad hinein. Nach der Dusche werden un-
ten hatten und uns nicht verzeihen konnten, daß wir erst sere behaarten Körperteile mit einer Desinfektionsflüssig-
jetzt beginnen.« keit bespritzt. Vor den Läusen hat auch die SS Angst. Dann
Übereinstimmend mit anderen aufrichtigen Zeugen, wie etwa bekommen wir neue Kleidungsstücke, die von einem ande-
Paul Rassinier, beschriebt auch Klára die Mithäftlinge als die ren Transport. Die Kleidungsstücke bekommen wir desinfi-
waren Schinder, nicht hingegen die deutschen Wachen, die ziert, aber ungewaschen zurück. Unvorstellbar, wie eklig
die Häftlinge kaum zu Gesicht bekamen. das manchmal war.«
»Nach dem Bad das Anziehen. Wir bekamen die Sachen ei- Diese Darstellung widerspricht Kláras Angabe, sie sei im La-
nes anderen Transports und dazu den gestreiften Lager- gerteil B3 in Birkenau untergebracht gewesen. Dann hätte ihr
mantel, Holzschuhe. Dann Marschieren. Unterwegs trafen Weg zur Desinfektion aus dem Lager Birkenau hinaus über
wir Bekannte, die schon länger da waren, die gaben uns den Bahnhof Auschwitz ins Lager zurück geführt. Das ergibt
Brot und ermutigende Worte.« keinen Sinn.

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»14. Juli Endlich kam ich aus dem Krankenhaus raus.«
Appell, Sortieren. Ich komme in einen Transport. Wir Und wie wir alle wissen, »gehörten die Kranken zu den Über-
kommen in das Lager B2, das tschechische Lager. Die Ba- flüssigen«, weshalb Klára auch ins Krematorium geschickt
racken sind hier schon feste Gebäude. Wir hatten auch und durch den Kamin ging, oder? Natürlich nicht, die SS
Wasser. Das tschechische Lager ist eine Art Quarantäne scheute keinen Aufwand, sie gesund zu pflegen. Klára wider-
für uns. Vor dem Arbeitseinsatz werden wir 8 Tage lang legt ihre obige Aussage also gleich wenige Zeilen danach.
beobachtet, ob wir nicht krank sind. »Mitte September haben wir das Lager B2 verlassen. Eine
An unser Lager grenzte das Lager C, ein Männerlager. Wir Nacht verbringen wir im Lager A. Morgens kommen wir
sahen täglich, wie die zu Mumien getrockneten Leichen ab- ins Bad, oder Richtung Krematorium? Nein, das fast un-
transportiert werden. Die Männer konnten den allgemeinen glaubliche ist geschehen: Wir verlassen Auschwitz.«
Hunger viel schlechter vertragen als wir Frauen. Unglaublich, obwohl sie doch die Geschichte vom Kremato-
Bei den von Klára beschriebenen abgemagerten Leichen han- rium damals in Auschwitz nicht glaubte? Unglaublich also
delt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Fleckfieber- nur aus der heutigen Sicht der verzerrten Geschichtsbetrach-
Opfer, was ihr wahrscheinlich unbekannt war. tung!
»Neben den Neugeborenen gehörten die Kranken zu den Der Rest des Buches ist weitaus weniger interessant und sei
Überflüssigen. Einmal haben wir eine Marschkolonne ei- daher hier nur ganz kurz zusammengefaßt: Klára wird zu-
ner ausquartierten Krankenhausbaracke gesehen, offenbar nächst nach Bergen-Belsen deportiert. Am 5. Oktober wird
in Richtung Krematorium.« sie wieder in Viehwaggons nach Salzwedel gebracht. Sie ar-
Offenbar? Obwohl sie doch zuvor angab, die Geschichten beitet in der Munitionsfabrik. Dort erlebt sie die Befreiung
vom Krematorium während ihrer Zeit in Auschwitz nicht ge- am 14. April 1945.
glaubt zu haben? Es ist selten, daß eine Auschwitz-Überlebende so offenherzig
»Quarantäne zu erkennen gibt, ihre damaligen Erlebnisse in Auschwitz
Ich habe auch Scharlach bekommen. So kam ich für 6 Wo- stimmten nicht mit dem heute in Medien und Zeugenliteratur
chen in das Krankenhaus. Das Essen war hier besser. Wir gezeichneten Bild überein. Insofern ist dieses Buch wahrlich
hatten richtige Betten, jede für sich allein. Später werden eine Goldgrube – sofern man den Unrat entfernt, den 55 Jahre
allerdings auch hier die Betten doppelt belegt. Wir gehör- anhaltende Holocaust-Propaganda auch in Kláras Gedächtnis
ten zu Dr. Mengele. Selten kam er zur Visite. Wir wußten, hinterlassen haben.
daß er eine Leidenschaft hat, die Zwillinge.

Die „sexuelle Revolution“ als Mittel der Kontrolle


Von Dr. M. Raphael Johnson

E. Michael Jones, Libido Dominandi – Sexual Liberation Vernunft. Gemäß dem Naturrecht ist die Vernunft für eine in
and Political Control, St. Augustine‘s Press, South Bend, einer Gesellschaft lebende Person insofern sozialer Natur, als
Indiana 2000, 662. S., $40,-. die für die Zeit eines Menschenlebens gesetzten Ziele das
Allgemeinwohl oder das Wohl der Gesellschaft als ganzes be-
Das Konzept der „Sklaverei der Sünde“ ist nichts Neues und rücksichtigen müssen.
geht zumindest bis auf die Zeit des Heiligen Augustinus zu- Die zweite Lebensform ist jene, die sich von impulsiven Lei-
rück. Die Aufklärung begann als Bewegung zur Befreiung des denschaften lenken läßt. Wohl kommt der Leidenschaft eine
Menschen, wandelte sich jedoch fast über Nacht zu einem wichtige Rolle zu, doch ist sie lediglich die der Hilfskraft ei-
Projekt zu seiner Kontrolle. Der sicherste Weg, den Men- nes rationalen und mit dem Naturrecht in Übereinklang ste-
schen zu kontrollieren, besteht darin, dies so zu tun, daß er henden Lebens, welche dieses zur Tat anspornt. Gewiß wäre
sich nicht bewußt wird, unter Kontrolle zu stehen, und der si- ein Leben ohne Leidenschaft, ließe es sich überhaupt verwirk-
cherste Weg, dies zu erreichen, ist die systematische Manipu- lichen, nicht lebenswert. Doch wenn die Vernunft eines Indi-
lation seiner Leidenschaften. Man vergesse den weisen viduums so entgleist, daß dieses sich unverhältnismäßig heftig
Spruch nicht: „Ein Mensch hat so viele Herren, wie er Laster mit der Stillung seiner vorherrschenden Begierde(n) abgibt,
hat.“ Solange wir wähnen, frei zu sein, werden wir nicht be- leidet die Gesellschaft als ganzes darunter. Das Ergebnis ist
strebt sein, unsere Ketten abzuschütteln. dann eine Gesellschaft, deren Angehörige sich um nichts wei-
Es gibt viele Arten, auf die ein Mensch in der Gesellschaft le- ter scheren als um die Befriedigung ihrer Laster und irrationa-
ben kann. Die erste Art ist ein Leben, das von der Vernunft len Impulse.
geleitet wird. Dies heißt, daß der betreffende Mensch seine Die Herrschaft der Leidenschaft ist vom Standpunkt des Mo-
Aktionen rational auf gewisse gesellschaftlich wichtige Ziele ralisten aus ohne Übertreibung die formale Definition der So-
und Werte ausrichtet und Tabus respektiert. Die Tugend, im ziopathie, also der gesellschaftlichen Erkrankung. Wo diese
klassischen Sinne der Tat, findet die geeigneten Mittel zur herrscht, ist die Vernunft lediglich Sklavin der Triebe, der
Durchführung der sozialen Mission des Menschen mittels der Lust und der Impulse des Einzelmenschen. Der Geist wird

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dann dazu aktiviert, das potentiell antisoziale Verhalten eines logie der Kontrolle besteht in der Ausnutzung der sexuellen
solchen Menschen zu rechtfertigen sowie die Mittel sicherzu- Energie im Dienste der Konsumideologie im besonderen so-
stellen, mittels deren die Befriedigung seiner Leidenschaften wie der Ausschaltung einer rational denkenden Gemeinschaft
gewährleistet wird. Seit den Zeiten Platons war die Scheideli- im allgemeinen. Ziel dieses Werks ist es, den Leser zur Er-
nie zwischen der Herrschaft der Vernunft und jener der Lust kenntnis zu führen, daß das gesamte moderne System der
das wesentlichste Kriterium der Moraltheorie und des morali- Kontrolle letzten Endes sexueller Natur ist. Das Buch bietet
schen Verhaltens. alles andere als trockene Theorie, sondern packt das Thema
Die sozialen Resultate dieser Scheidelinie sind von funda- mit journalistischen Methoden an, indem es sich des Jargons,
mentaler Bedeutung. In der modernen Welt sind Werbung, der Schriften und der Rechtfertigungen der Elite selbst be-
politische Symbole und Schlagwörter, Konsumrausch und dient, um die unvermeidlichen Schlußfolgerungen in aller
sklavische Unterordnung unter die Normen und Werte des Schärfe hervortreten zu lassen.
herrschenden Systems Ausdruck der letztgenannten Lebens- Die von Jones in diesem Buch – und nicht nur hier – verfoch-
form, also der Herrschaft der Leidenschaften. In diesem Sy- tene These lautet dahingehend, daß die politische Ideologie,
stem ist die Akzeptanz gesellschaftlicher Ziele keine Frage oder die allgemeinen Vorstellungen, welche die Menschen
individueller Geister, die sich in ihrer Bejahung eines sozial von unserem politischen System hegen, nicht einfach abstrak-
annehmbaren und nützlichen Lebensstils treffen, sondern das te, von der gesellschaftlichen Realität abgesonderte Thesen
Produkt einer geschickten Manipulation der Leidenschaften, sind. Die sexuellen Leidenschaften der linken Theoretiker
welche die Herrscher des Systems zur Förderung ihrer eige- selbst bestärken diese im Kampf für ihre Ansichten. In Libido
nen Ziele betreiben. Eine der am stärksten vernachlässigten, Dominandi werden alle führenden linken Theoretiker und Ak-
doch auch komplexesten Analysen unserer heutigen sozialen tivisten der letzten 200 Jahre unter die Lupe genommen, und
und moralischen Versklavung betrifft nicht die formellen Re- es werden die verborgenen Impulse und Triebe bloßgelegt,
gierungsinstitutionen (die keine aktiven, sondern passive Ver- die sie dazu veranlaßten, die Kontrolle über die sexuellen
mittler kultureller Normen sind), sondern die Mittel selbst, Leidenschaften des Menschen anzupeilen, aber auch ihre ei-
durch welche die Leidenschaften der breiten Massen manipu- gene sklavische Hingabe an die Lust zu rechtfertigen. Fast al-
liert werden, um bei ihnen Konformität, Konsumdenken und le linken Größen im Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte
knechtische gesellschaftliche Unterwürfigkeit heranzuzüch- wichen in der einen oder anderen Hinsicht sexuell von der
ten. Die moderne, vom Geist der „Aufklärung“ geprägte Ein- Norm ab.
stellung besteht hier darin, daß, sobald die Vernunft als Leit- Anhand der Beispiele von Homosexuellen wie dem schwar-
motiv des Lebens verworfen wird, die Reichen und Mächti- zen US-Schriftsteller James Baldwin oder dem deutsch-
gen, deren Wünsche sich stets leichter erfüllen lassen als die jüdischen Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der im
der Normalsterblichen, die Leidenschaften in ihrem eigenen Deutschland der Weimarer Republik für die soziale Akzep-
Sinne zu kontrollieren beginnen. Deshalb wird die soziale tanz der Homosexualität focht, von Sadisten und Masochi-
Kontrolle im heutzutage herrschenden System zur Frage der sten wie Marquis de Sade, von Ehebrechern wie Max East-
wissenschaftlichen Manipulation des menschlichen Impulses. man, Margaret Mead und Margaret Sanger, von zwanghaf-
Das bisher letzte, 622 Seiten starke Werk des namhaften revi- ten Onanisten und Selbstquälern vom Schlage Alfred C.
sionistischen Historikers Dr. Michael Jones beschäftigt sich Kinseys (der laut Judith A. Reismans Studie Kinsey: Crimes
mit der historischen und literarischen Entwicklung der Tech- & Consequences1 während seiner Forschungen an der Uni-
nologie und Ideologie einer Kontrolle, welche ausschließlich versity of Indiana Kinder sexuell mißbraucht haben soll)
dazu dient, den Wohlstand und die Macht jener zu sichern, sowie schließlich von Menschen, die – wie Jack Kerouc –
die sie ausüben. Libido Dominandi: Sexual Liberation and ihre Familien sitzen ließen, um ihre sexuellen Begierden
Political Control verrät als gegenwärtig einziges seriöses auszutoben, belegt Jones unter fast ausschließlicher Ver-
Buch Einsicht in die Tatsache, das ein herrschendes System in wendung von Primärquellen, wie diese sexuellen Verhal-
unserem Zeitalter zur Erzwingung von Konformismus und tensformen von jenen, die sie praktizierten, mit den von ih-
Gehorsam über eine Technologie der Kontrolle und Manipu- nen vertretenen linken Ideologien in Übereinklang gebracht
lation verfügen muß, welche die menschliche Leidenschaft wurden.
auf Kosten der menschlichen Vernunft zu beherrschen an- Die unappetitlichen Biographien liberaler und linksradikaler
strebt. Es wird kaum jemanden überraschen, daß für die mei- Theoretiker und Aktivisten lassen den Leser erahnen, in wel-
sten Menschen der stärkste Instinkt der sexuelle Trieb ist, und chem Ausmaß ihre sexuellen Praktiken von diesen rationali-
deshalb widmen ihm die kulturellen Mandarine auch beson- siert wurden, um sie im Namen irgendeiner „Moral“ feilbieten
dere Aufmerksamkeit. In mancher Hinsicht war die Kulturge- zu können. Jones stellt sich energisch auf den Standpunkt,
schichte des Abendlandes in den letzten 300 Jahren eine Ge- daß viele der heutigen politische