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Autorengruppe Blickwinkel

Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene

Gute-Nacht-Geschichten von Helga

Die Geschichte über die gute Nacht

Es war einmal eine gute Nacht. Sie war einfach gut vergangen oder besser gesagt, sie verlief ohne Zwischenfälle. Es gab keine Störungen, kein langes Wachliegen, kein Aufstehenmüssen und keinerlei böse Träume, sie brachte gar keine Träume, nur einen tiefen Schlaf. So war die Nacht schnell vorbei, wenn auch ein wenig zu schnell, aber sie erhielt am Morgen das Prädikat gut als man mich nach ihr fragte. Mehr konnte ich über die gute Nacht nicht sagen. Man vergisst sie über den Tag und für alle Zeiten ist sie auch aus der Erinnerung verschwunden. Die gute Nacht war unauffällig. Die schlimmen Nächte sind mir durch ihre Marter und Besonderheiten fest eingebrannt. Ich vergesse sie nie und fürchte manchmal ihr Wiederkommen. Ich schreibe darüber Geschichten und widme ihr Bilder. Dennoch wünsche ich mir und allen jeden Abend eine gute Nacht, eine unauffällige

Bildschirmschoner

Es gibt unendliche Möglichkeiten, ihn zu schonen. Ich wählte Seifenblasen. Nun schweben sie über meinen Bildschirm,

Es gibt unendliche Möglichkeiten, ihn zu schonen. Ich wählte Seifenblasen. Nun schweben sie über meinen Bildschirm, über meinen angefangenen Text, wenn ich gerade nichts schreibe. Ich bin begeistert und schreibe weniger, um sie zu betrachten, sie zu verfolgen, sie zu zählen, was mir natürlich nicht gelingt, und zu staunen, wie sie sich verändern. Selbstverständlich sind es keine richtigen Seifenblasen, was mich weinerlich stimmt. Es sind nur grafische Punkte oder was auch immer, sie sind einfach unwirklich. Auch sind sie immer gleich groß und perfekt rund. Eigentlich mag ich nichts Perfektes. Diese hier sind absolut perfekt und zudem auch noch nützlich. Wie widerlich ist das denn? Empört schreibe ich etwas, damit sie aus meinem Gesichtsfeld verschwinden. Kaum halte ich inne, sind sie wieder da und tun furchtbar harmlos. Das bringt mich auf eine glänzende Idee. Ich hole mir ein Trinkröhrchen, ein wenig Spülmittellauge und mache ihnen Konkurrenz. Ja das ist das wahre Leben, jede Blase sieht anders aus und sie riechen leicht nach Zitronenspülmittel. Sie zerplatzen und ich muss eine neue produzieren. Mein Mann denkt, ich hätte nun eine Vollmeise, zumindest schaut er mich mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck an. Als ich ihm erkläre, dass ich es wegen meiner Bildschirmschoner mache, nickt er. Irren muss man nicht widersprechen! Jetzt fliegt eine wunderschöne Blase hinüber zu ihm und senkt sich auf seinen Bildschirm, er will sie fangen. Das gelingt ihm auch, aber sein Bildschirm fällt um, was nicht besonders schonend ist. Ich lerne, dass meine Seifenblasen

nicht sehr nützlich sind, auch haben sie keine schöne Abendstimmung erzeugen können. Mein Mann muss sich beherrschen wie es scheint. Er sagt leise, ihm reiche es nun. Ich wage noch zu bemerken, dass ja die Seifenblase nichts dafür kann, dass sein Bildschirm umgefallen ist. Nein, die nicht, meint er und er hat dabei etwas Ungutes in der Stimme. Jetzt geht mir ein ganzer Seifensieder auf, man darf einem Mann nicht mit Seifenblasen kommen.

Für die Nacht

Sie macht sich für die Nacht zurecht. Für die Nacht oder für ihn? Frischer Atem, gute Düfte, das Haar gebürstet, ob ein Gewand oder keines, bleibt verschwiegen, erst beim Liegen zeigt sich, was angemessen. Sie steht noch einmal auf und holt die Lektüre, sie hatte es fast vergessen, dass eine Geschichte für eine gute Nacht dazu gehört, denn auch sie betört. Wenn alles nicht hilft und er schon schläft, dann liest sie es ganz leise, das ist nicht verkehrt und auf diese Weise ist sie bereit für die Nacht. Was er verpasst, bleibt ungesagt und keiner frage nach Sonnenschein, der kommt am Morgen und ganz allein lächelt jeder so in sich hinein.

Gedanken über die Nacht

Und wie ich so schön noch vor mich hin denke, langsam und voller Inbrunst, ist mir bewusst, dass der Abend über mich herein gebrochen ist, denn kaum hebe ich den Kopf, sehe ich mich im Spiegel der Fensterscheibe, ein untrügliches Zeichen. * Es ist Neunzehnuhrsechsundvierzig - Neunzehnhundertsechsundvierzigerblickte sie das Licht der Welt, ohne zu wissen, dass da draußen ein Welt ist. Man kennt ja nur Muttis Brust. Sie ist die Welt, sie ist alles, was wichtig ist. Egal, ob Tag oder Nacht, total egal, ob sie schläft oder wacht. Die Wichtigkeit ist einfach definiert. All das änderte sich mit der Zeit; und wie – vermutlich bis man die Augen schließt für immer. Dann steht wieder alles auf Anfang,

falls man das glauben kann. Es gibt nur einen Unterschied – es ist wieder die Nacht über sie herein gebrochen, aber sie sieht sich nicht mehr im Spiegel der Fensterscheibe, auch Muttis Brust ist nicht in Sicht. Es ist dunkel. Sie ist nicht mehr. Ein böser Traum, nur ein böser Taum. * Sie haben zu ihr gesagt, da ginge noch etwas. Sie müsse nur dran glauben und es geschehen lassen. Wie alles ausgeht, bleibt aber offen. Auch in der Dunkelheit gibt es Leben und Hoffnungen. Sie hatte das fast vergessen. * In der Wohnung herrschte nun noch mehr Stille. Es ist als würde dort keiner wohnen und doch steht sie nicht leer. Die Frau fährt täglich zur Mülltonne, um den Müll zu entsorgen - mit einem Rollator. Ihr Mann verstarb an einem sonnigen Tag. Es war ein Sonntag als das Auto kam, welches den Verstorbenen abholte. Nachbarn schüttelten ihr die Hand und boten ihre Hilfe an, welcher Art auch immer. Sie bedankte sich artig. Die Tage sind nicht mehr dieselben. * In der Nacht schweben Träume mit ihren bescheidenen Hoffnungen in barmherzigen Armen durch die Dunkelheit. Ein paar Tage, bitte ein paar Tage noch. Der Frühling ist extra früh gekommen.

***

Ein Gedicht am Abend

Manchmal maulen müde Männer Mutti mach mal munter mich! Merke meine Mieze:

Das ist nichts für dich.

Meistens murren Mamas, meine Muse macht Musik. Merke meine Mieze gleich kommt jetzt Kritik.

Meine Mieze maunzt Miau, saust schnell weg vor Mann und Frau. Was kann sie für müde Männer und Kritik der Musenkenner.

Mama mia, man möcht’ meinen, was man hört betört nun keinen.

Grausig schallt es aus der Kammer, schlimmer noch als Katzenjammer.

Mein müder Mann muss mahnen, mehr Mitgefühl mit mir, mit mir! Mehr Munterkeit die brauch ich nicht Die Mutti schließt den Deckel vom Klavier.

Die Nacht davor

sie ist immer das Schlimmste, denn die Gedanken halten sich an dem kommenden Ereignis fest. Sie klammern, könnte man sagen, sie rauben uns den Schlaf. Selbst, wenn wir es geschafft haben, weg zu dämmern, dann werden Träume geschickt, die alles noch komplizierter machen als es ohnehin schon scheint.

Morgen wird etwas Endgültiges zelebriert.

Das ist es nämlich – Endgültigkeit heißt, da ist nichts mehr zu machen, es ist unumkehrbar und damit sind wir manchmal überfordert. Wir hätten gerne noch ein Hintertürchen offen. Egal was es sein könnte, die Menschen mögen das Absolute nicht besonders, obwohl sie das immer behaupten. Angeblich wünscht man sich Klarheit, kein Wischiwaschi, sondern Eindeutigkeit, insbesondere, wenn es um schöne und gute Sachen geht. Aber stimmt das? Ist es soweit, dann kommen die Zweifel und wir möchten am Liebsten Bedenkzeit oder ganz und gar entfliehen. Ob wir zur Hinrichtung müssen oder zur Hochzeit, die Endgültigkeit bringt uns in Rage. Nun gut, der Vergleich ist etwas unglücklich gewählt, er ist krass, auch gibt es bei uns zum Glück keine Todesstrafe, aber die Nacht davor ist das Schlimmste. Soviel ist sicher.

Ich habe gebacken!

Zimtschneckenverstecken heute Abend

Mein Mann liebt Zimtschnecken. Man kann ihn damit necken. Auch mich. Ich muss sie verstecken, denn wir recken die Hälse, wenn wir sie auf dem Tisch entdecken. So kommt es zum Zimtschneckenverstecken. Finden wir sie, wird das ein Fingerlecken, weil der Guss der Zimtschnecken ein wenig klebrig die Hände bedecken. Wir lächeln und schlecken. So kann man Schlimmes vergessen und Vieles zum Leben erwecken.

Über die grausige Nacht nach dem Zimtschneckenverstecken

Ich versteckte sie ganz tief in der finsteren Röhre. Als dann bin ich ins Bett gekrochen und hab’ sie vergessen. Als ich abrupt erwachte, bin ich steil im Bett gesessen, und mein Mann vermeinte er hätte gerochen, dass etwas schmorte und seltsam rumorte. - Die Schnecken! - Sind sie lebendig und grausig wendig in ihrem Versteck? Ich hüpfe behende aus meinem Bett und tappe erschreckt die Treppe hinauf. Die Röhre steht auf!!! Ich sehe mit geweiteten Augen einen großen Hund, noch eine Schnecke lugt aus seinem gierigen Hundeschlund. Der Hund war ein verflixter Zimtschneckenschweinehund. Wo kam er her und wie kam er rein, wie konnte er sie finden, das Hundeschwein? Ich schreie, die Schnecken sind mein! Er schaut mich an während er noch schlingt, er leckt sich das Maul, mein Mut in den Keller sinkt. Dann ist er weg, ich schau in die Röhre, die Schnecken sind da – hurra – und ich höre:

Guten Morgen meine Liebe, das Frühstück ist fertig, trallala und du musst sie doch nicht verstecken. Ich finde sie doch immer. Hier ist eine, willst du sie? Nur eine? Und ich denke, es ist zum Verrecken, ich seh’ ihn schon wieder hier, den Zimtschneckenschweinehund, das unmögliche Tier. Er aber lächelt und sagt, er meint es nicht schlecht, wenn ich keine will, ist es ihm ebenso recht.

Gutes Nacht-Ende von Cecilia

Die Schrecken der Nacht

Nach einem großen Baucheingriff hatte sie fortan nächtliche Schmerzen. Keiner hatte eine Erklärung, woher die kamen.

Sie legte sich voller Urvertrauen zum Schlafen nieder, und nach wenigen Stunden wachte sie daran auf.

Sie wartete mit Sehnsucht auf das morgendliche Auftauchen ihres Katers, der sich alsbald auf ihrem Bauch niederließ und mit seiner Wärme und seinem Schnurren die Schmerzen zum Verschwinden brachte.

Tauch weg

Kopfüber möchte ich in den Schlaf tauchen, den schweren. Die dunkle und stille Nacht treibt ihr Unwesen mit mir und hält mich in den Falten des Tages fest. Meine Sinne sind abgeschaltet, und so steigen Erinnerungsschwaden aus dem Dunkel auf und ziehen wie der Nebel in alle Ritzen. Ich will die Augen der Seele verschließen; sie aber ist ganz Auge. Ich will die Ohren der Seele zustopfen, sie ist ganz Ohr.

Doch plötzlich - ich weiss nicht, wie - fühle ich, dass ich in den gurgelnden Sog des Schlafes gezogen werde. In ihm breite ich mich aus, wohlig und ohne Spannung. Seele und Körper sind eins.

Doch plötzlich - ich weiss nicht, wie - fühle ich, dass ich in den gurgelnden Sog

Foto Bernd Kasper by pixelio

Das Zauberwesen

Diese Geschiche, die ich erzählen möchte, soll Dich, mein Lieber, in den Schlaf begleiten.

Sie handelt von einem Zauberwesen, das von Geburt an in der Lage war, alles Schlechte abzuschütteln. Hierzu stellte es die Haare auf seiner Haut auf, sobald sich dort etwas Böses festsetzen wollte, und ließ eine kurze

Anspannung der Muskeln über seinen Körper gleiten; so kurz, dass Keiner je etwas davon bemerkt hatte.

Das Wesen konnte auch bauchtanzen.

Nun war es seit einiger Zeit in der großen, weiten Welt unterwegs. Und es begab sich, dass das schillernde Wesen in einen schwarzen Wald geriet, der so groß war, dass über seinem Staunen und Schauen der Tag verging, ohne dass es ihn hatte verlassen können. Ja, es merkte noch nicht einmal, dass die Sonne längst untergegangen war und die schwarze Nacht aus dem Moos kroch, sich an den Stämmen der Bäume festklammerte und nach ihren Kronen griff. Der Gesang der Vögel hatte eine andere Stimmung angenommen, das Gewürm war längst im lockeren Boden verschwunden und hungrige Raubtiere streiften auf leisen Sohlen durch das Gehölz und blickten mit leuchtenden Augen durch die dunklen Schatten.

Das Wesen spürte einen nie gefühlten Zauber; jedoch war es auf der Hut. Zur Sicherheit stellte es seine flimmernden Haarschäfte auf und schüttelte sich manches Mal, wobei die keratinenen Härchen ein rätselhaftes, sirrendes Geräusch machten, das die Tiere des Waldes noch nie gehört hatten.

Da es den lieben langen Tag gegangen war, spürte das schillernde Wesen alsbald eine bleierne Müdigkeit, die es zwang, sich auf einem Moosbüschel niederzulegen.

Da schlief es ein. Mitten in der Nacht kam ein Sturm auf und brachte einen sauren Regen mit. Die Tiere waren allesamt geflüchtet, aber das Zauberwesen lag in tiefem Schlaf auf seinem Mooskissen.

Von dort rief es mit zarter Stimme, und alle Menschen, die die Ohren spitzten und es hörten, folgten ihr in das samtene Dunkel der Nacht. Sie legten sich zwischen die Pilze, die einen wunderbaren Duft verströmten, und segelten auf den Wellen des Schlafes hinüber in ein anderes Land, in dem sie unangreifbar und sicher das Ufer des nächsten Tages erreichen konnten. Und wenn etwas Böses sich an sie heften wollte, schüttelten sie kurz ihr Haarkleid und machten ein sirrendes Geräusch, welches die Tiere des Waldes, die wundersam zurückgekehrt waren und über sie wachten, noch nie gehört hatten.

Foto Rainer Sturm by pixelio

Foto Rainer Sturm by pixelio

Gute Nacht, Welt! von johannespi

Es ist nicht einfach: Unser Nachbar im oberen Stock hat wieder einmal unsere Eigentümer-Gemeinschaft aufgemischt. Viel Intrige, viel Bockmist erzählt, grossspurig getan, was er alles für uns gemacht hat und andere niedergestossen: “Die bringen es nicht fertig, also muss ich es richten”! Das erfahren wir am Abend.

Diskutieren und TV schauen nützt auch nicht so viel: Der “Aufgeblasene” schwirrt immer wieder in unseren Köpfen umher. Leider geht das schon siebzehn Jahre so.

Zeit zum Schlafen: Die Bilder quellen mir aus dem Kopf. Ich sehe vor mir den “Aufschneider”. Was ich geistig mit ihm mache, ist nicht schön: Ich gebe ihm eine “Watschn”, ich spucke ihn an, ich sage ihm alles Wüste der Welt. Es wäre schön so. Aber das zwei, drei Stunden lang immer wieder……… schon mühsam. An Schlaf ist nicht zu denken.

Was mache ich bloss? Das ist wie ein Selbstläufer: Immer wieder rollen solche “Rachebilder” vor mir durch.

Aufstehen, ein Glas Wasser trinken, dann noch mal ein Versuch. Misslingt!

Irgendwie muss ich den Schalter finden, um diese Sequenz abzustellen. Ich fange an, an schöne Dinge zu denken: An Bergtouren, an Reisen, an Bootsfahrten, an nette Menschen. Langsam geht’s, wenn auch immer noch hie und da ein Fetzen des alten Films dazwischen kommt.

Es scheint geklappt zu haben. Auf alle Fälle wache ich Morgens um sechs auf, der Spuk ist weg. Gottlob!

Barfuß am Puls der Nacht von Enya

Es ist eine laue Sommernacht und die Stille legt sich nach der Hitze und Geschäftigkeit des Tages fast bedrückend aufs Gemüt. Sie kann nicht schlafen und nachdem sie sich längere Zeit unruhig im Bett hin und hergewälzt hat, beschließt sie aufzustehen. Sie wandert durchs Haus, lauscht der Stille, horcht in sich hinein und versucht die Gründe der Schlaflosigkeit aufzuspüren, die sie nun schon seit einigen Tagen heimsucht. Es gibt keine, außer vielleicht, dass sie die Tage allzu sehr mit hektischer Aktivität ausfüllt. Abschalten ist dann schwer möglich. Sie bleibt vor ihrem Bücherregal stehen und lässt ihren Blick unschlüssig über die Buchrücken wandern, findet Germinal von Zola, ein Buch, das sie vor Jahren gelesen hat, aber nicht mehr richtig erinnert. Nachdem sie einige Seiten gelesen hat, merkt sie, dass sie nichts von den Worten wirklich aufnimmt. Die innere Unruhe lässt es nicht zu, dass sie sich vertieft.

Seufzend steht sie auf, geht in die Küche und schaut durchs Fenster. Die kleine Straße ist menschenleer, gelbliches Licht lässt Häuser und Asphalt seltsam fahl aussehen. Kurz entschlossen zieht sie sich an, nimmt ihre Schlüssel und verlässt das Haus. Es ist inzwischen drei Uhr und sie fühlt sich hellwach. Draußen atmet sie tief ein und obwohl die Hitze des Tages einer sanften Wärme gewichen ist, empfindet sie die Luft noch als bleiern. Ziellos geht sie die Straße entlang, die Absätze ihrer Schuhe knallen beinahe unverschämt laut auf das Pflaster, jeder Schritt ein Klacken, das von den Häuserwänden widerhallt. Sie zieht die Schuhe aus, läuft barfuß weiter, setzt die Schritte vorsichtig, darauf bedacht, nicht in Scherben oder Unrat zu treten. „Nachtasphalt“, denkt sie, „ich brenne Nachtasphalt in meine Sohlen.“ Seltsamerweise fühlt sie sich geerdet, verbunden mit diesem Boden, der noch die Hitze des lebendigen Lebens vom Tage ausstrahlt. Ihre Sichtweise scheint dadurch verändert, sie meint klarer zu sehen, die Konturen erhalten eine bizarre Schärfe.

Als sie an der Fußgängerunterführung ankommt, bleibt sie abrupt stehen, erschrickt. Weiter unten auf der Treppe nimmt sie zwei schattenhafte Gestalten wahr, die Köpfe mit Kapuzen bedeckt, tief heruntergezogen, so dass es unmöglich ist, die Gesichter auszumachen. Dieses Zischenunangenehm und störend dringt es zu ihr herauf und jetzt weiß sie, was sich da abspielt. Zwei Menschen besprühen die kürzlich renovierte Wand des Treppenaufgangs

mit Farbe. Kurz macht sich Ärger in ihr breit. Bislang hat sie immer nur die Ergebnisse solcher Aktionen gesehen, manchmal sogar künstlerisch gestaltet, handwerklich oft perfekt. Aber so etwas verschandelt das Stadtbild und es verursacht Kosten, dies immer wieder zu entfernen. Während sie noch überlegt, ob sie sich bemerkbar machen soll, rennen die beiden Gestalten eilig davon, verschwinden im Dunkel der Nacht.

Sie geht langsam die Treppe hinunter und schaut sich an, was da gesprüht worden ist. Es geht um die Schließung des Jugendheimes, das nicht weit von hier liegt und das seit einigen Wochen leer steht. Im Ortsblättchen ist darüber berichtet worden, die Reaktionen, auch die kritischen, sind rasch verstummt gewesen. “Ist dies die einzige Möglichkeit für die jungen Menschen, sich Gehör und Aufmerksamkeit zu schaffen?“, überlegt sie. Sicher keine gute, derart anonym und versteckt, seine Meinung kundzutun, aber was weiß sie schon davon, was diese Menschen alles unternommen haben. „Versäumnisse“, denkt sie, „ich bin genauso ignorant wie viele“ Sie geht die Treppe auf der anderen Seite der Unterführung hoch und als sie ins Freie tritt, fällt ihr Blick auf die Einfahrt zu einem Parkhaus. Blaue Müllsäcke, jetzt im Nachtdunkel grau scheinend, bilden einen Haufen, vor dem eine ebenso graue Gestalt kauert. Ein Mann stochert in dem Unrat und aus den Säcken quellen die Erinnerungen an ein unnützes Gestern, das vielleicht sogar einmal glanzvoll gestrahlt hat. Als der Mann sich über die Schulter umblickt, kreuzt sich ihr Blick mit seinem und im selben Moment empfindet sie Scham. Mag sein, dass das Weggeworfene der Wohlstandsgesellschaft für ihn eine ganz andere Bedeutung hat und sie meint, seine Scham darüber zu fühlen. Das ist nicht für ihre Augen gedacht. Oder etwa doch? Sind dies jene Momente, die im hellen Licht des Tages allzu leicht untergehen? Doch vielleicht stört sie ihn, vielleicht empfindet er gar keine Scham und sie belegt ihre eigene Ignoranz nur mit einem Siegel, das ihr allein innewohnt. Was sie sieht, ist ein Mann, der im Müll stochert, nicht mehr und nicht weniger. Lautlos entfernt sie sich, geht an Häuserwänden entlang, die verhüllen, jetzt, im Dunklen der Nacht. Plötzlich hört sie vom Ende der Straße Stimmen, laut und unangenehm wehen ihr Wortfetzen entgegen, die sie nicht versteht. Eine Frau tastet sich torkelnd an der Häuserwand entlang, in der linken Hand hält sie ein Glas. Drei Männer folgen ihr und sie sind es, die jene Worte ausspucken, bei denen man nur vermuten kann, dass es Flüche und Beschimpfungen sind. Sie zögert, weiß nicht, was sie machen soll. Sie verspürt keine Angst, nur ein

unbestimmtes Gefühl, erneut Zeugin einer Szene zu sein, die sie nicht tangiert. Gleichzeitig aber weiß sie sehr genau, dass all dies Facetten von Leben sind, von Leben, das sich um sie herum abspielt und dem sie nun nicht den Rücken kehren kann. So geht sie weiter, bis sie die Frau erreicht hat. „Brauchen Sie Hilfe?“ Ihre Worte erscheinen ihr selber banal. Die Frau starrt sie kurz an und wendet sich den Männern zu, stößt ihrerseits Beschimpfungen aus, welche letztlich in einem irren Lachen enden. Erschrocken geht sie weiter und als sie sich umdreht, sieht sie, wie einer der Männer die Frau umarmt und sie sich an ihn klammert. Was weiß man schon, wovor die Menschen fliehen, an wen oder was sie sich klammern, was sie letztlich brauchen? Sie versucht diese Gedanken wegzuwischen, das eben Erlebte auszublenden. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen, bedächtig, ruhig. Sie hat es nicht eilig.

Als sie aus der kleinen Straße auf den Platz tritt, sieht sie ihn sofort. Wie gewohnt am Tage hockt er vor dem Brunnen im Schneidersitz, vor sich seinen alten Hut, um den nun ein paar Tauben herumhüpfen. Sie kennt diesen alten Barden, der tagtäglich die Menschen mit seinem Mundharmonikaspiel erfreut. Sie kennt ihn, aber weiß doch kaum etwas von ihm. Nur, dass er keinen Alkohol trinkt, immer nüchtern ist und sich über einen Becher Kaffee freut. Das hat sie erfahren, als sie sich einmal getraut hat, ihn anzusprechen. Ob er ein Domizil hat, weiß sie auch nicht. Nie hätte sie gedacht, dass er auch nachts hier sitzen würde, stumm, geduldig, jetzt ohne die sentimentalen Klänge, die er ansonsten seinem Instrument entlockt. Es stimmt sie beinahe traurig, ihn nun so sitzen zu sehen. Sie kann nicht anders und setzt sich auf die alte Steinbank gegenüber des Brunnens, spürt die Wärme des Tages an ihren Beinen und fühlt neben der Traurigkeit auf einmal eine große Ruhe. Der Alte schaut sie an, er lächelt, nicht einmal mit dem Mund, sondern es sind seine Augen, die sie dieses Lächeln empfinden lassen. Stumm sitzen sie sich gegenüber, aber sie empfindet es nicht als störend oder gar quälend. Manchmal gehen Menschen vorbei, allein oder auch zu zweit, ein engumschlungenes Pärchen bleibt neben dem Brunnen stehen und küsst sich intensiv, ein Junge schlängelt sich auf seinem Fahrrad durch die Pfosten, die den Platz vom Gehweg abtrennen, hinten im Korb liegt ein Stapel Zeitungen, die er vermutlich austragen wird. Auch um diese Uhrzeit steht das Leben in der Stadt nicht völlig still. Endlich wagt sie doch die Frage, die ihr die ganze Zeit im Kopf herumgeht. „Sitzen Sie immer in der Nacht hier?“ Nun lächelt er wirklich, schüttelt den Kopf.

“Nein, ich schlafe auch manchmal“ Er macht eine leichte Bewegung mit der Hand, „hier und daheute kann ich es nicht.“ Er hält kurz inne und fährt dann fort: „Sie auch nicht, wie es aussieht.“ Nun lächelt sie und nickt. Er spricht mit leichtem Akzent, slawisch, wie sie vermutet. Nach einer Weile weiteren Schweigens nimmt er seine Mundharmonika und beginnt zu spielen, leise, eine sanfte Melodie, fast wehmütig. Als die Töne verklungen sind, schaut sie zum Himmel und sieht, dass die Schwärze einem Grau gewichen ist. Er ist ihrem Blick gefolgt mit den Augen. „Bald wird es Tag. Die Nächte sind kurz zu dieser Zeit.“ Gern würde sie ihm noch etwas sagen, bevor sie geht, aber sie hat keine Worte. Vielleicht braucht es diese auch nicht. So steht sie auf, nickt leicht und geht.

Ohne nachzudenken hat sie den Weg nach Hause eingeschlagen. Sie begegnet keinem Menschen mehr. In die Stille des beginnenden Morgens mischen sich plötzlich neue Töne. Sie gewahrt Vogelgezwitscher, verhalten zunächst, doch mit jedem Schritt, den sie zurücklegt, scheint diese Melodie anzuschwellen, immer neue Laute bereichern dieses Konzert – ein Frage- und Antwortspiel, welches Leben verkündet. Diese Töne verbinden sich in ihr mit dem Nachklang der Mundharmonika- Töne. Als sie vor ihrer Haustür ankommt, zieht sie die Schuhe wieder an. Jetzt endlich kann sie tief durchatmen. Die Nacht hat ihr eigenes Gesicht, denkt sie. All jenes, das am Tage untergeht, verborgen bleibt, bewusst oder unbewusst, erhält andere, manchmal schärfere Konturen. Für eine Weile hat sie Anteil gehabt an diesem Puls der Nacht, der seinen eigenen Rhythmus schlägt.

© Enya K.

Die Nacht gehört dem Fluglärm von Cecilia

Wir sind gegen das Vergessen der Nachtruhe.

Auch dem Uhu stinkt’s.

Wir fliegen mit Getöse und Gestank.

Er

unhörbar.

Das Nachtkleid von Helga und Cecilia

Er schenkt ein zartes Negligé für alles Geld im Portemonnaie. Er stellt sich vor, er sieht darunter, was sonst verhüllt, er lächelt munter.

Es kommt die Nacht in aller Schwärze. Da ist kein Strom und leider keine Kerze. Es denkt die kluge Frau mit viel Gefühl, das Nachtkleid leidet im Gewühl.

Sie spricht: “ In tiefster Dunkelheit, da wirkt kein Kleid.“ Und in Bescheidenheit geht sie dann völlig nackt zu Bett. Er findet’s nett. Er findet’s nett.

Das Negligé, es ist geknickt, dass ihn die Haut hat mehr entzückt. Es sagt bei sich: “Na, warte..”

Flugs schlüpft es rechts, dann links vom Bügel und breitet aus gleich seine Flügel und fliegt im Raum herum cum arte.

Die beiden sind noch ganz benommen sie seh’n das Negligé nicht kommen. Ein Lüftchen über ihre Leiber streicht, dann hat das Nachtkleid sie erreicht.

Sein zart’ Gewirk sich auf sie legt; Die Müdigkeit ist weggefegt, es ist wie: rosa Brille.

Der Liebe Feuer lodert wieder, schnell abgelegt das wiederumgeschnallte Mieder; genommen ist die Pille.

Das Negligé entfleucht versöhnt, das Pärchen angeregt nun stöhnt. So hat ein jeder, was er will, dann ist es wieder still.

Die Nachbarn legen sich zurück, das Auge, müd, schließt sich im Glück. Eh’ Morpheus sie nimmt in den Arm;

spritzt auf ein Notabene:

Es kommt auch so zu schön’ Gestöhne; das Geld : im Beutel bleibt es warm.

Tag der Veröffentlichung: 27.04.2015