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Bis heute stammen 90 Prozent der 550 Studie- Standorte im Ausland angehören.

ehören. Seit 2010 in einem Entwurfswettbewerb gegeneinander an.


renden an der belgischen Ecole d’architecture ist die Ecole d‘architecture eine Institution der Das Areal erwies sich als sperrig. Nur Lacaton &
de Tournai aus Frankreich. Der historische Rück- l’Université Catholique de Louvain (UCL). Vassal und den portugiesischen Preisträgern ge-
blick macht rasch deutlich, weshalb: Ursprüng- Sowohl die räumlichen Bedingungen als auch lang der nötige Abstand für die Entwicklung aus-
licher Sitz der Schule war Paris, die Katholische die neue institutionelle Zugehörigkeit legten reichend kompromissloser Lösungsansätze.
Kunstschule der Anfangszeit entstand als Grün- den Standortwechsel ins Stadtzentrum von Tour- Das Konzept der Brüder Manuel und Francisco
dung der Frères de Passy, eine Laienbrüderschaft nai nahe, immerhin setzt die Stadt im Kampf Aires Mateus frappiert durch Einfachheit, Kon-
der Fratres Scholarum Christianarum. Als sich gegen die fortschreitende Abwanderung stark sequenz und eine wagemutige Radikalität. Mit-
in Frankreich zu Anfang des 20. Jahrhunderts die auf die Universität. Angedacht war zunächst leidslos wurden Nebengebäude zugunsten ei -
institutionelle Trennung zwischen Staat und Kir- ein Neu -bau an der Place de l’Evêché in unmit- ner zentralen Mittelachse quer durch die Parzelle
che abzuzeichnen begann, emigrierte man nach telbarer Nähe der mittelalterlichen Kathedrale, niedergerissen, wodurch eine direkte Verbin-
Belgien. Ab 1904 bezog die Schule ihren neuen doch schließlich wurde der Schule die zentral ge- dung zwischen der Rue du Glategnies und der Rue
Standort in Froyennes, einer grenznahen kleinen legene Industriebrache zugesprochen, die mit Haigne entstand. In den so geschaffenen Frei-
Gemeinde bei Tournai. Das Konzept einer zwei- viel Raum, einem Herrenhaus aus dem 17. und raum setzten die Architekten einen Querriegel, der
stufigen Ausbildung unter einem Dach blieb unver- zwei backsteinernen Fabrikbauten aus dem sich zwischen die beiden einander gegenüber-
ändert, und im Sinne einer effizienten Anbin- 19. Jahrhundert aufwartet. liegenden Fabrikfassaden schiebt. Der Neubau
dung an die französische Hauptstadt sorgte man sorgt für ihre Erschließung und quasi nebenbei
Die Fassade der Hochschu- sogar für eine Eisenbahnlinie und einen eigenen Nach napoleonischem Vorbild wird auch gleich das Hofareal definiert. Dieser Akt
le in der Rue Haigne zeigt
Bahnhof. Später wurde das Ensemble Teil des In- souveräner Durchsetzungskraft hat durchaus
auf dem Weg Richtung
Schelde zunächst drei gro- stitut Saint-Luc, dem die 16 Kunsthochschulen 2013 traten fünf Büros – AAVO, Aires Mateus, napoleonischen Einschlag: 1810 befahl der Erobe-
ße, verglaste Flächen. im französischsprachigen Belgien und weitere Lacaton & Vassal, Robbrecht en Daem und V+ – rer in Venedig die „Alea Napoleonica“ als Ergän-

Kommt man hingegen vom


Architekten
Flussufer die Straße hin -
aires mateus e associados, auf, öffnen sich Gebäude
Lissabon und Gelände über eine
ausgesparte Ecke. Das Luft-
Projektarchitekt bild zeigt den Blick auf
Jorge P. Silva das Areal von Osten; links
oben die Schelde, hinten
Mitarbeiter die Rue Haigne
Susana Rodrigues, Joana
Carmo Simões, Vânia Fer-
nandes, Sara Nobre, Sofia
Paradela, Inês Gulbenkian,
Bernardo Sousa, Isabel
Sousa, Aiden Thornhill, Théo-
phile Legrain, Antoine Pru-
vost, Charles Cossement

Tragwerksplanung
Tradeco Belgium, Mouscron

Bauherr
Université Catholique de
Louvain

Architektur
Der neue Standort im Stadtzentrum
für die Architekturschule Tournai
ist eine sperrige, dicht bebaute In-
dustriebrache. Der überraschen-
de Lösungsvorschlag von Manuel

lernen
und Francisco Mateus konzen-
triert sich auf eine einzige, archi-
tektonisch prägnante und zu-
gleich urban wirkende Intervention.
Die Durchlässigkeit gegenüber

in Tournai
der Umgebung ist Konzept.

Text Richard Scoffier


Fotos Tim van de Velde

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zungsflügel zu den Neuen Prokuratien und westli-
chem Abschluss für den Markusplatz – und op-
ferte dafür San Geminiano, einen Renaissancebau
aus dem 16. Jahrhundert von Jacopo Sansovino.
Beidseits der Mittelachse finden die Bestands-
gebäude zu ihrer Bestimmung. Die Bibliothek
bzw. das Medienarchiv belegen die Erdgeschosse
von früherer Weberei und Spinnerei, während
sich die Studierenden ihre Arbeitsplätze im Ober-
geschoss einrichten. Das etwas abseits gele-
gene frühere Herrenhaus ist jetzt Sitz der Verwal-
tung, und in den Gebäuden jüngeren Datums
sind die neutral gehaltenen Seminarräume un-
tergebracht.
Die Hauptachse der Schule,
Blick Richtung Osten. Am
Ende links das „Giebelhaus“
des Audimax, rechts die
Öffnung in den Gartenhof
Schnitte im Maßstab
1:750

Nach Südwesten liegt im


Blockinneren ein gärtne-
risch gestaltbarer Hof, in
den sich die Hauptachse
der Architekturschule mit
einer großen Verglasung
gegenüber dem Audimax
öffnet. Oben der Blick
zurück zum Eingang an der
Rue Haigne

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Modellage der Form

Fraglos das Spannendste am Entwurf ist aber


die Art und Weise, wie die beiden Architekten
das zugrunde liegende konzeptuelle Leitmotiv
durchzusetzen wissen, und wie es ihnen ge-
lingt, mittels der dialektischen Gegenüberstel-
lung von negativer und positiver Form, von Mo-
dellieren und Aussparen, die Eigenheit der Stadt
Tournai aufzugreifen und neu zu interpretieren.
„Situative Ereignisse“ wäre vielleicht ein pas-
sender Ausdruck für das, was das Stadtgefüge
zu bieten hat – etwa dann, wenn durch eine naht-
los geschlossene Randbebauung perfekt ge-
rahmt wirkende Plätze unversehens dennoch
durchlässig werden und über herausmodellierte
Passagen miteinander in Verbindung treten. So
wird der Narthex der Kathedrale Notre Dame an
der Schmalseite der Place de l’Evêché von ei-
nem gedrungenen Rundbogen angeschnitten,
der den öffentlichen Raum an den dahinterlie-
genden Vieux Marché au Poteries anbindet.
Eben dieses Prinzip wenden nun die Architek-
Die allenthalben eingeschnit-
ten systematisch auf ihre neue Betonbox an,
tenen Hohlformen wirken die zwischen die Altbauten eingestellt für Zusam-
als Zitate einer ebenso simp- menhalt sorgen soll. Die allenthalben einge-
schnittenen Hohlformen wirken als Zitate einer
len wie archetypischen ebenso simplen wie archetypischen Haus-Sil-
Haus-Silhouette, zugleich houette, zugleich sind sie formale Marker für all
sind sie formale Marker die Übergangssituationen, die der Bau zu leis-
ten hat: Haupt- und Nebeneingänge, Toreinfahr-
für all die Übergangssitua- ten, Loggien mit vorgelagerten Terrassen,
tionen, die der Bau zu leis- scharf gegen den Himmel konturierte Oberlich-
ter, dazu in die Mauern des Forums gefräste
ten hat Durchgänge für eine bessere Anbindung an die
Quasi im Sinne eines Schlusssteins für das En- Nebengebäude, über die ja die zentrale Stellung
semble ist der neue Querriegel aus Ortbeton des Neubaus überhaupt erst definiert ist. Im Um-
als überdachtes Forum konzipiert. Der Wettbe- kehrschluss setzt das Auditorium mit seiner be-
werbsentwurf sah vor, den Raum ganz ohne wussten Positiv-Form einen Gegenpol zu all die-
Trennwände zum Hof hin offen zu halten, nach sen Aussparungen und Umrissen. Das Verfah-
Vorbild etwa der Gildehäuser, die mit Arkaden ren ist allgegenwärtig, und am Ende wirkt es dann
eine Öffnung auf den Platz gestalten. In der End- doch einige Male zu oft durchdekliniert.
Zur Rue de Glategnies im ausführung schützt eine fest eingebaute Glas- Bevor ich das Areal verlasse, werfe ich vom Hof-
Osten des Hochschul -
front das Herzstück des Areals: Hier werden öf- platz aus noch einen Blick auf das wuchtige
areals bildet das zwischen
zwei industrielle Altbau- fentliche Entwurfskritiken abgehalten, Aus- Kragelement, das bis auf einen schmalen Spalt
ten geschobene neue Ge- stellungen präsentiert, Feste gefeiert und Preise direkt an die alte Weberei heranreicht. Die Ne-
bäude einen Vorplatz. Hin-
vergeben; das Audimax ist Ort für Vorlesun - gativform eines spitzgiebligen Hauses formuliert
ter der geschlossenen
Wandpartie schraubt sich gen, Konferenzen und Workshops, wobei man hier ein emblematisches Portal. Es ist ein Vexier-
die doppelläufige Treppe das leicht abfallende Gelände wirkungsvoll für spiel aus räumlichem Bauelement und Zunftzei-
in die Höhe.
eine großzügige Abtreppung bis zur gegenüber- chen, dessen Hohlform nachgerade danach
Grundrisse Erdgeschoss
und 1. Obergeschoss im liegenden Straßenseite genutzt hat. schreit, mit Entwürfen gefüllt zu werden: Archi-
Maßstab 1 :1000 Die Innenausstattung ist wie bei der Bibliothek tektur ist die Kunst, Häuser zu bauen. Die Ge-
und der Mensa flexibel. In den Kopfstücken der samtwirkung ist eine schier bildhafte Komposi-
langgestreckten „Box“ liegen die beiden Treppen- tion mit leisen Anklängen an die Bilderwelten
häuser, auf der einen Seite – in Richtung der eines René Magritte, Paul Delvaux oder Philippe
Zeichensäle und Werkstätten – schraubt sich eine Dujardin. Dass diese Architektur derart bruch-
doppelläufige Treppenspirale dem Licht entge- los an die halluzinatorischen Nebelwelten Wallo-
gen, am anderen Ende erschließen streng paral- niens anknüpft, überrascht dann doch.
lel geführte Läufe die darüber liegenden Unter-
richtsräume. Aus dem Französischen von Agnes Kloocke

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