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Forschungen zur Religion und Literatur

des Alten und Neuen Testaments

Herausgegeben von
Dietrich-Alex Koch und Mattbias Köckert

Band 207

Vandenhoeck & Ruprecht


Andreas Wagner

Prophetie als Theologie


Die so spricht Jahwe-Formeln und
das Grundverständnis alttestamentlicher Prophetie

Vandenhoeck & Ruprecht


In Erinnerung an
Diethelm Michel
22.2.1931-2.7.1999

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
ISBN 3-S2S-S3071-4

© 2004. Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen


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Druck und Bindung: Hubert & Co.. Göttingen

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier


Vorwort

Die vorliegende Untersuchung wurde 2002 vom Fachbereich 02 Ev. Theo-


logie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Habilitationsschrifl an-
genommen und für den Druck gekürzt.
Der Anstoß für die Untersuchung der kö 'ämar-Formein ging aus von
meinem verstorbenen Lehrer Prof. Dr. Diethelm Michel (t 02.07.1999).
dem ich zu großem Dank verpflichtet bin und dessen Andenken die Arbeit
auch gewidmet ist.
Danken möchte ich Prof. Dr. Wolfgang Zwickel und Prof. Dr. Jan
Christian Gertz. die nach dem Tod von Prof. Dr. Diethelm Michel die Be-
gutachtung der Arbeit übernommen haben.
Gelegenheit zur Diskussion während des Arbeitsprozesses bot das Dok-
torandenkolloquium der alttestamentlichen Seminare des Fachbereichs 0 I
Kath. Theologie, des Fachbereichs 02 Ev. Theologie der Johannes Guten-
berg-Universität und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Frank-
furt/SI. Georgen; verbunden bin ich daher Prof. Dr. Helmut Engel. Prof. Dr.
Hans- Wilfried Jüngling. Prof. Dr. Norbert Lohtink. Prof. Dr. Rudolph Mo-
sis und Prof. Herman-Josef Stipp.
Darüber hinaus gilt mein Dank für kollegiale. hilfreiche und wegwei-
sende Gespräche Prof. Dr. Jan Assmann. Pfr. Dr. Achim Behrens. Prof. Dr.
Eberhard Bons. Prof. Dr. Angelika Berlejung. Dr. Johannes F. Diehl. The
Revd. Andrea Hofbauer. Annette Krüger. Dr. Reinhard G. Lehmann. Dr.
Martin Mark. Prof. Dr. Günter Mayer. Pfr. Dr. Achim Müller. Prof. Dr.
Manfred Oeming. Dr. Sigrun Welke-Holtmann. sowie. in besonderer for-
melgeschichtlicher Verbundenheit. Pfr. Anja A. Diesel. Prof. Dr. Doris
Prechel. Prof. Dr. Martti Nissinen und Prof. Dr. Josef Trapper haben
freundlicherweise Hinweise zur Bearbeitung der altorientalischen Texte
gegeben.
Ich danke Prof. Dr. Jörg Jeremias. Prof. Dr. Bernd Janowski und Prof.
Dr. Hans-Christoph Schmitt für ermutigende Gespräche nach dem Tod von
Prof. Dr. Diethelm Michel.
Für Zuspruch während des Arbeitsprozesses bin ich außerdem Frau
Maria-Theresia Küchenmeister sowie Pfr. i.R. Karl Börner dankbar.
Die Entstehung der Arbeit wurde wesentlich gefördert durch eine groß-
zügige Unterstützung. die im Rahmen der Habilitandenförderung des For-
schungsförderungsausschusses des Senats der Johannes Gutenberg-Univer-
sität gewährt wurde.
6 Vorwon

Für wissenschaftliche Hilfskraftarbeiten, die u.a. im Rahmen der Habi-


litandenförderung möglich waren, danke ich Christian Albers. Pfr. Ulrike
Höflich, Marcel Jung, Pfr. Steffi Kunz, Sonja Lindequist, Pfr. Michael Mai,
Mareike-Verena Tischer, Maike Westhelle sowie besonders Katja Adam.
Nicht zuletzt gilt mein Dank Prof. Dr. Matthias Köcken und Prof. Dr.
Dietrich-Aiex Koch für die Aufnahme der Studie in die Reihe .,Forschun-
gen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments" sowie der
Ev. Kirche in Baden, der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, der Ev. Kirche
der Pfalz (Prot. Landeskirche) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK)
für einen namhaften Druckkostenzuschuss.

Mainz, 2003 Andreas Wagner


Inhalt

I. Ausgangslage und Problemstellung ......................................................... II


1.1 Propheten als Boten -zur Herleitung dieser Vorstellung und zu
methodischen Folgerungen für die vorliegende Untersuchung ................. 11
1.2 Theologische Implikationen des Bildes vom Propheten als Boten ........... 19
1.3 Gang der Untersuchung .................................................................................... 22
1.4 Technische Hinweise. Abkürzungen .............................................................. 24

2. Bisherige Erforschung der k6 1Ömar-Formel und ihre


Implikationen für das Verständnis der Prophetie ................................ 25
2.1 Der Beginn der neueren exegetischen Diskussion über die
kö 'ämar-Formel bei Köhler und Lindblom .................................................. 25
2.2 Die Arbeiten zur kö 'ämar-Formel als .. Botenformel" bis
einschließlich Westermann .............................................................................. 30
Exkurs I: Die These von den Propheten als Boten und ihre Stellung :ur
Theologiegeschichte des 20. Jh.- eine Skiz;:e .............................................. 35
2.3 Forschungen zur kö 'ämar-Formel nach Westermann ................................ 38
2.3.1 Neue Erkenntnisse zu einzelnen Aspekten der kö 'ämar-Formel.. ............ 38
2.3.2 Kritik an der bisherigen Deutung der kö 'ämar-Formel... ........................... 43
2.3.3 Zur heutigen Verbreitung der Interpretation der kö 'ämar-Formel
als "Boten formet" und der These von den Propheten als Boten .............. .48
2.3.3.1 Grundtendenzen der neueren Forschung zur Prophetie ............................. .48
2.3.3.2 Die Interpretation der ko 'ämar-Formel als .. Botenformel" und die
These von den Propheten als Boten inderneueren Forschung ................. 56
2.4 Ertrag und Fragestellungen für die weitere Arbeit ...................................... 59

3. Grundlage einer Analyse der kö 1Ömar-Formel im


AT- Aspekte einer Theorie der Formel ................................................ 63
3.1 Zur Problemlage alttestamentlicher Form- und Formelgeschichte ........... 63
3.1.1 Alttestamentliche Farm-/Gattungsgeschichte ............................................... 63
3.1.2 Alttestamentliche Formelgeschichte .............................................................. 68
3.2 Einführung - Definitionen zum Begriff Formel .......................................... 70
3.3 Kennzeichen einer Formel, Aspekte eines Formelmodells für die
Arbeit im AT ..................................................................................................... 76
3.3.1 Unveränderliche äußere Gestalt? .................................................................... 76
3.3.2 Vorkommen in allen Bereichen der Sprache, stratisehe
Beschränkungen ................................................................................................ 77
8 Inhalt

3.3.3 Zum Problem der Konventionalisierung von Formeln durch


häufigen Gebrauch ........................................................................................... 78
3.3.4 Wort-/Satz-ffextidentität und Funktions-/Sinndivergenz. situationeil
gebundene und ungebundene Formeln .......................................................... 81
Exkurs 2: Die Unterscheidung von Ko- und Kontext .................................................... 83
3.3.5 Selbständige und nicht-selbständige Formeln, Formeln als Teiltexte ...... 84
3.3.6 Länge und Ausdehnung von Formeln ............................................................ 85
3.3. 7 Variierte Formeln als Feld, als System .......................................................... 86
3.3.8 Sprachpragmatische Aspekte einer Formeluntersuchung ........................... 87
3.3.9 Gleichzeitige Mehrdimensionalität in der Bedeutung ................................. 89
3.3.1 0 Texterfeiltexte als übereinzelsprachliche (inter-/transnationale)
Textsorten .......................................................................................................... 90
3.3.11 Der geschichtliche Aspekt einer Formeluntersuchung ................................ 91

4. Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel........... . 93


4.1 Vorüberlegungen........................................................................................ .93
Exkurs 3: Möglichkeiten und Gren:en eines Vergleichs von biblischen
ko 'ämar-Formeln und verwandten außerbiblischen
Belegen- genetische und kolllrastive Perspektive/1 .................................... 95
4.2 Außerbiblische, der ko 'ämar-Formel entsprechende oder eng
verwandte Formeln ........................................................................................... 97
4.2.1 Vergleichsbereich außerbiblisches Hebräisch, Moabitisch,
Edomitisch, Ammonitisch, Phönizisch .......................................................... 97
4.2.2 Vergleichsbereich Aramäisch ....................................................................... I 07
4.2.3 Ein auffälliger Beleg aus den Setire-lnschriften (I C I) ........................ 109
4.2.4 Vergleichsbereich Akkadisch ........................................................................ I 15
4.2.5 Vergleichsbereich Ugaritisch ........................................................................ 124
4.2.6 Vergleichsbereich Hethitisch ........................................................................ 126
4.2.7 Vergleichsbereich Ägyptisch ........................................................................ 127
4.2.8 Auswertung ...................................................................................................... 127
4.3 Sind Redeeinleitungen in Briefen .. Botenformeln"? ................................. I~ I
4.4 Finden sich Redeeinleitungsformeln schon außeraluestamentlich in
prophetischen Texten? ................................................................................. I ]6

5. Die kö 'ämar-Formeln in erzählenden Texten .................................. 143


5.1 Der Einsatz einer formelgeschichtlichen Untersuchung
bei Formeln im Erzählkotext.............................................................. .143
5.2 Das Grundproblem in der bisherigen Forschung hinsichtlich der
Analyse von ko 'ämar-Formeln im Erzählkotext............................. .. ... 144
5.3 Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang............. .... 145
5.3.1 ko 'ämar-Formeln in der Beauftragung und beim
Ausführungsgeschehen als Ausrichtungsformeln im Botenvorgang
(Einführung in die Analyse der ko 'ämar-Formeln in Erzähltexten) ...... 145
5.3.2 (we) ko 'ämar in Berichten und Erzählungen ............................................. 150
5.3.3 ki ko 'ämar-Formeln und ihre Funktion als Zitatformeln ......................... 153
Inhalt 9

5..14 Die ko 'ämar-Formel als Einleitungs- und Legitimierungsformel


für nicht wörtlich auszurichtende Aufträge (freier Gebrauch) ................. J60
5.3.4.1 Prägnante Beispiele für den Gebrauch der ko 'ämar-Formel
bei nicht wörtlich auszurichtenden Aufträgen ........................................... 160
5.3.4.2 Weitere Belege für ko 'ämar-Formeln im Ausführungskomplex
einer Erzählung. die als Einleitung nicht wörtlich auszurichtender
Aufträge verstanden werden können ........................................................... 169
5.3.4.3 Erzählmuster mit unerweiterten ko 'ämar-Formeln .................................. 177
5.3.4.3.1 Fragestellung ................................................................................................... 177
5.3.4.3.2 Erzählungen einer Beauftragung .................................................................. 178
5.3.4.3.3 Kombinationsformen aus Beauftragungs- und Ausführungs-
erzählungen ...................................................................................................... l82
5.3.4.3.4 Erzählungen des Ausführungsgeschehens ................................................... J84
5.3.4.3.5 Zusammenfassung ........................................................................................... 189
5.3.4.4 Erzählungen mit Beauftragungskomplex im Verhältnis zu
Erzählungen mit Ausführungskomplex; zur Funktion der
unerweiterten ko 'ämar-Formeln in den Erzähltexten ............................... 190
5.3.5 läken ko 'ämar-Formeln ................................................................................. l94
5.3.6 ko 'ämar-Formeln und offizielles Sprechen (Einleitung durch 'mrl
und 'mr '/) in den erzählenden Büchern ....................................................... 196
5.3.7 Mehrdimensionalität in der Bedeutung der bisher besprochenen
unerweiterten ko 'ämar-Formeln .................................................................. 198
5.4 Konturen des Formelfeldes der ko 'ämar-Formeln .................................... 199
5.5 Nachbemerkungen zu den ko 'ämar-Formeln der erzählenden
Bücher .............................................................................................................. 200

6. Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten ...................... 205


6.1 Überblick über die ko 'ämar-Formeln in den Büchern der
Schriftpropheten .............................................................................................. 205
6.2 Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Formcln bei den Schriftpropheten .. 207
6.2.1 Zum Vorgehen bei der Analyse im Bereich der Schriftprophetie ........... 207
6.2.2 kf ko 'ämar-Formeln ....................................................................................... 208
6.2.3 läken ko 'ämar-Formeln ................................................................................. 244
6.2.4 ko 'ämar 'elay- und kf ko 'ämar 'elay-Formeln .......................................... 259
6.2.5 Unerweiterte ko 'ämar-Formeln ................................................................... 269
6.2.5.1 Allgemeine Beobachtungen und Vorüberlegungen ................................... 269
6.2.5.2 Erzählmuster mit unerweiterten hi 'ämar-Formeln in Jer, Ez, Sach ...... 270
6.2.5.3 ko 'ämar-Formeln und offizielles Sprechen (Einleitung durch 'mr I
und 'mr '/)bei den Schriftpropheten ............................................................ 275
6.2.5.4 Unerwciterte ko 'ämar-Formeln bei Am. Mi und Jes ............................... 278
6.2.5.5 Häufiges Vorkommen von kö 'ämar-Formeln bei Jer, Ez und Sach ...... 281
6.2.5.6 ko 'ämar-Formeln im Amos-Buch ............................................................... 287
6.2.5.7 Auswertung und Bündelung .......................................................................... 292
6.3 kö 'ämar-Formeln in Deutero- und Tritojesaja .......................................... 294
6.3.1 Deuterojesaja ................................................................................................... 294
6.3.2 Tritojesaja ........................................................................................................ 296
10 Inhalt

7. ko 'ämar-Formeln und das prophetische


Selbstverständnis (Prophetie als Theologie) ....................................... 297
7.1 Ein erster Rückblick ....................................................................................... 297
7.1.1 Die These vom Propheten als Boten und ihre Herleitung als
Ausgangsproblem der Untersuchung, erste Folgerungen ......................... 297
7.1.2 Das Formelhafte der kö 'ämar-Formeln ...................................................... 298
7.1.3 Die überindividuelle Dimension der kö 'ämar-Formeln ........................... 300
7.2 Verständnis und Geschichte der kö 'ämar-Formeln .................................. 302
7.2.1 Das Formelfeld der kö 'ämar-Formeln ........................................................ 302
7.2.1.1 Überblick über das Feld der kö 'ämar-Formeln ......................................... 302
7.2.1.2 ki kö 'ämar-Formeln: Prophetie als traditionsaufnehmende
Theologie ......................................................................................................... 303
7.2.1.3 läken kö 'ämar-Formeln: Prophetie als reflektierende Theologie ........... 306
7.2.1.4 kö 'ämar 'elay- und ki kö 'ämar 'elay-Formeln: Prophetie, die auf
Offenbarungserlebnisse rekurriert ................................................................ 307
7.2.1.5 Unerweiterte kö 'ämar-Formeln: Prophetie im Namen Jahwes ............... 308
7.2.1.6 Abschied von "der" kö 'ämar-Formel als "Botenformel" und ,.den"
Propheten als Boten, konvergente Beobachtungen .................................... 311
7.2.2 Die Geschichte der kö 'ämar-Formeln und ihre sich wandelnden.
mit einem sich ebenfalls verändernden Selbstverständnis
korrespondierenden Funktionen ................................................................... 313
7.2.2.1 Die alttestamentlichen kö 'ämar-Formeln und außeralttestamentliche
parallele und verwandte Formeln ................................................................. 313
7.2.2.2 Geschichtliche und redaktionsgeschichtliche Beobachtungen zu
den kö 'ämar-Formeln im AT ....................................................................... 317
7.3 Explizite Theologie in der Prophetie -Zur theologisch-begrifflichen
Ausdrucksfähigkeit des kö 'ämar-Formelfeldes als Proprium
alttestamentlicher Prophetie .......................................................................... 329
Exkurs 4: Von der Unmöglichkeit, Offenbarungsepochen im AT cmhand von
Offenbarungsarten ::u umerscheiden ............................................... ... 332

8. Literaturverzeichnis ..................................................................................... 335


8.1 Erläuterungen und Abkürzungen........................................................... ..335
8.2 Quellen und Textausgaben ............................................................................ 336
8.3 Sekundärliteratur ............................................................................................. D8

Stellenregister (in Auswahl) ....................................................................................... 368

Sachregister (in Auswahl) ........................................................................................... 376


1. Ausgangslage und Problemstellung

1.1 Propheten als Boten - zur Herleitung dieser


Vorstellung und zu methodischen Folgerungen
für die vorliegende Untersuchung

Eines der geläufigsten Deutekonzepte alttestamentlicher Prophetie ist die


Vorstellung vom Propheten als Boten} Diese Auffassung geht davon aus,
dass Propheten das übermitteln. was ihnen von Jahwe aufgetragen wurde,
der prophetische Vorgang wird dabei als Botenvorgang verstanden. das
Prophetische als das Übermitteln einer Botschaft erklärt. 1 Der Vergleich.
das Bild vom Propheten als Boten ist in den verschiedensten Variationen in
Gebrauch; geredet wird von .Jahwes Boten"'. von der Beobachtung, dass
Propheten sich als Boten verstehen, und von der Botschaft der Propheten}
Auch wenn nicht in jedem Fall der bewusste Rekurs auf einen nach dem
Botenmodell verstandenen prophetischen Vorgang vorliegt, so ist doch, wo
im Zusammenhang mit der Deutung alttestamentlicher Prophetie ein Ele-
ment dieses Bildfeldes Bote/Botschaft auftaucht,' jede Botenevokation ein

' Auf die Verbreitung dieser Vorstellung geht Kap. 2 ein: stellvertretend für nc:uere Ar-
beiten sei hier aus dem HrwG-Artikel Prophetismus (über alttestamentliche Propheten) zi-
tiert: .. Die Propheten verstehen sich als Minler zwischen Gon und Mensch [... ). Als Botc:n
Gones leiten sie ihre Sprüche oft mit der[ ... ] Botenformel ein: »SO hat Jahwe gesprochen«:·
Ebach. Prophetismus. 350.
~ Vgl. Westermann. Grundformen. 70: .. [ ... )der ganze Botschaftsvorgang [ist] auf das
Geschehen der Prophetie übertragen vorauszusetzen. [... ] wir [haben) so die Struktur des
Vorgangs gewonnen. den wir Prophetie nennen." Der Botenvorgang wurde von Westermann
u.a. vor allem am Bsp. von Gen 32 beschrieben (vgl. Kap. 2.2): in Gen 32 sind Boten als
Überbringer einer Botschaft greifbar - passive. ausrichtende Boten ohne eigenen Anteil an
der Botschaft
' Schreiner, Theologie, 195: .)alru·es Boten treten ein für den da/[ ... )." Ähnlich formu-
liert Steck. Gon. 159: ln den Büchern der Propheten würde die ..Proplretengntalt a/.f Bote
des Königs Jahwe" gezeichnet (Hervorlrebungt'll von A.W.).
• Vgl. Kaiser. Einleitung. 213: .. Das Selbstverständnis der Propheten als Boten Jahwes
Irin deutlich in der Botenspruchformel kti 'ämar jalrwe. »So spricht Jahwe ... « [ ... ) hervor."
Zur Bezeichnung der Verkündigung der Propheten als .. Botschaft" vgl. Anm. 5.
' Für dieses Bild, seine Variationen und Ableitungen gibt es unzählige Belege: hier sei
lediglich auf einige wirkungsgeschichtlich markante Beispiele verwiesen (vgl. weitere: Belege
in Kap. 2 dieser Arbeit, Hen•orlrebungt'll im Folgenden von A.W.): Balla. Die Boudwft der
Propheten: Fohrer. Propheten. Bd.l: Fohrer nennt den 3. Teil seines Einführungskapitels:
12 Ausgangslage und Problemstellung

Hinweis auf das Verständnis des Propheten als Boten." Wie weit eine solche
Evokation im jeweiligen Anwendungsfalle reicht, wie sie gefüllt wird, z.B.
mit der Vorstellung eines passiven, nur ausrichtenden Boten, ist meist nicht
zu sagen bzw. wird nicht gesagt (vgl. etwa die Beispiele in Anm. I, 3, 5 und
28). So bleibt ein vager lnterpretationsspielraum, der die Bestimmung des
Prophetischen eher vernebelt als klarlegt.
Grundlage der Vorstellung vom Propheten als Boten ist eine relativ ein-
fache formgeschichtliche 7 Herleitung, nämlich die pauschale Deutung der
sehr häufig im corpus propheticum belegten ko 'ämar-Formeln als .. Boten-
formeln"."
Diese Herleitung soll hier unter forschungsgeschichtlicher Perspektive
kurz skizziert werden (vgl. dazu ausführlicher Kap. 2): Im Anschluss an die
Prophetendeutung des 19. Jh., in der die Propheten als große individuelle
Gestalten gesehen wurden," rückte Ende des 19. Jh. und zunehmend im 20.
Jh. stärker die Frage verbindender Gemeinsamkeiten unter den Propheten
ins Blickfeld; man war auf der Suche nach überindividuellen Phänomenen,
die Hinweise auf die Deutung der Prophetie insgesamt bzw. bestimmter As-
pekte der Prophetie, etwa der Offenbarungsproblematik, geben konnten. In
religionsgeschichtlicher Ausrichtung verband sich diese Problematik mit
der Suche nach den typisch israelitischen Aspekten der Propheten bzw. dem
Proprium der alttestamentlichen Prophetie. Um diesen Fragen nachzugehen
musste man hinter die individuelle prophetische Überlieferung, die bislang
im Zentrum des Interesses stand, zurückgehen bzw. sie überwinden. ohne

.. Die Botschaft der Vorexilischen großen Gerichtspropheten": diese Bezeichnung für das. was
die Propheten eigentlich sagen wolllen. wiederholl sich dann in allen Bänden auch für spätere
Propheten: vgl. auch den Titel der von Jeremias und Perlill herausgegebenen Festschrift für
Wolff. Die Botschaft und die Bmen, der mil diesem Bild spiell; auch in den neueren Publika·
lionen zur Prophetenforschung ist das Bild präsent. vgl. Becker, Jesaja - von der Botseiraft
zum Buch. Wie prägend dieses Bild ist, mag auch die Überlegung verdeutlichen. dass nicht
bei allen aluestamentlichen Texten/Büchern bzw. Text-/Buchsammlungen von Botschaft ge-
redet wird; eine Rede von der Bolschaft der Psalmen z.B. isl nicht geläufig. Allerdings gibt es
Übenragungen auf das ganze AT oder die ganze Bibel (Botschaft der Bibel): bei einer sol-
chen Anwendung hat aber wiederum der prophetische Vorgang als Ausgangspunkt für die
Übenragung gedient.
0 Dies gill natürlich nicht nur für die aluestamentliche Exegese. sondern auch für andere
theologische Bereiche. die sich auf biblisches/exegetisches Wissen stützen; erinner1 sei hrer
etwa an Heft 1/2000 der ZPT zum Thema .. Prophetisches lernen - prophetisches Lernen··:
allein im ersten Absatz des Editorials (S. I) falll dreimal das Stichwort von der prophetischen
Botschaft.
7 Der Begriff Formgeschichte soll hier gleichbedeutend mit Gauungsgeschichle hlw
Form-/Gauungskritik gebraucht werden. vgl. Müller. Fonngeschichte/Formkritik I. 274.
K Weitere Indizien für eine Botenrolle wurden meistens nicht gesucht; wie neucre Stu·
dien zu Boten im Allen Orient und Allen Testament zeigen, falll es auch schwer. von anderen
Indizien her eine Botenrolle der aluestamentlichen Propheten zu beschreiben. vgl. Anm. 15
(zu Greene ).
'' Diese Forschungsrichtung wurde auch idealistische Prophetensicht genannt. vgl.
Schmidl. Probleme, 41.
Propheten als Boten 13

sie freilich ganz aufzugeben; 10 man suchte nach verbindenden buchüber-


greifenden Phänomenen, die Anhaltspunkte für die Suche nach Gemein-
samkeiten unter den alttestamentlichen Propheten gaben. So lag es nahe.
neben inhaltlichen Gemeinsamkeiten die Sprachformen I Gatt u n g-
e n der prophetischen (Einzel- )Texte zu betrachten, die den Propheten (bu-
chübergreifend) gemeinsam sind. Phänomene. die mit Sprache bzw.
mit sprachlicher Form. mit sprachlicher Bedeutung verbunden waren, traten
in der fraglichen Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jh. und der
ersten Hälfte des 20. Jh. verstärkt in das allgemeine Bewusstsein. 11
Als auffällige und häufig gebrauchte Form wurde bei der Betrachtung
der prophetischen Texte die ko 'ämar-Formel erkannt: diese Formel kommt
in fast jedem prophetischen Buch vor (vgl. die Übersicht aufS. 206). über
400 mal im AT und ist mit weitem Abstand die bedeutendste überindividu-
elle Kleinform im Bereich der Schriftprophetie. Aufgrund dieser schon
äußerlich erkennbaren Bedeutsamkeil wurde sie - sicher auch nicht zu Un-
recht- zu einer Schlüsselformel bei der Deutung der ProphetieY Wenn fast
alle Propheten diese Formel benutzen, so dürfte sie etwas ausdrücken. was
eben auch für alle Propheten gilt. Blenkinsopp fasst diesen bis heute weit-
hin vertretenen Sachverhalt folgendermaßen zusammen: .. Die stereotype
Einleitungsformel >>So spricht Jahwe« [ ... ] verweist auf die prophetische
Selbstbezeichnung als Botschafter Jahwes. [... j Diese Redeform [die als .. Bo-
tenformel" gedeutete ko 'ämar-Formel] ist ein einfacher. aber wichtiger
Schlüssel zum prophetischen Selbstverständnis [ ... ]."P
Es spiegelt die Disparität der heutigen Forschungssituation, wenn einer-
seits formgeschichtliche Ergebnisse (noch) weithin Anwendung finden, an-
dererseits der formgeschichtlichen Fragestellung insgesamt mit Skepsis be-
gegnet wird. Kaum einer hat diese Situation so klar beschrieben wie
Smend: .. Mit dem gleichen Recht. mit dem einst Kittel und Greßmann das

'" •. [... 1 es ist [... 1 ein Wesenszug der Prophetie. daß die Sprache jedes einzelnen Pro·
pheten [ ... 1eine individuelle Sprache ist. d.h. es ist die Sprache eines bestimmten. einmaligen
Menschen. zu bestimmter Zeit und an einem bestimmten On. mit bestimmten Traditionen
aufgewachsen. mil seiner eigenen Sicht der Wirklichkeit. mil seinem eigenen Erfahrungs-
kreis:· Westennann. Theologie. 119.
11 .. Wenn man in ganz großer Sicht davon sprechen will. was eigentlich das 20. Jahr-

hundert im Rahmen der Philosophie Neues gebracht hat. so ist es genau dieses. daß die Spra-
che an die Stelle dessen getreten isl. was in früheren Jahrhunderten das Bewußtsein. die Ver-
nunft. das Subjekt oder andere zentrale Begriffe der Tradition der Philosophie und der Meta-
physik gewesen sind." Gadamer. Vielfall. 165. Die Entwicklung der Philosophie darf dabei
durchaus pars pro toto für die geisteswissenschaftliche Entwicklung des 20. Jh. überhaupt ge-
sehen werden. Wie nicht zuletzt z.B. die Entstehung der alt- und neutestamentlichen Fonn-
/Ganungsgeschichte in der nämlichen Zeil zeigt. betraf dieser Prozess auch die Theologie
bzw. die Exegese.
'~ Wobei die Deutung der kli 'timur-Formel als .. Botenfonnel'" ausschlaggebend für die
Deutung der Propheten als Boten war und die Botenrolle als die des passiven Botschafls-
überminlers verstanden wurde. vgl. Anm. 2.
'' Blenkinsopp. Geschichte. 36.
14 Ausgangslage und Problemstellung

lirerarkritische Zeitalter für beendet erklärten, müssen wir nicht erst heute
das gattungs-, form- und überlieferungsgeschichtliche Zeitalter für beendet
erklären:·•~ Es wird sich zeigen, dass dies nicht der Forschung und nicht
Smends letztes Wort zur Formgeschichte (s.u.) - und auch nicht zur For-
melgeschichte (vgl. S. 330) - ist, aber es beschreibt doch ganz deutlich die
veränderte Ausgangslage zu Beginn des 21. Jh. gegenüber der Forschung
des 20. Jh.
Gerade angesichts der Skepsis gegenüber formgeschichtlichen Überle-
gungen ist es verwunderlich, dass das über den formgeschichtlichen Weg
der Interpretation der ko 'ämar-Formeln als "Botenformeln" gewonnene
Deutekonzept der Propheten als Boten nicht hinterfragt wurde. Dabei gibt
es verschiedene Ansätze zur kritischen Beleuchtung, die bisher allerdings
nicht zu einer systematischen und alle vorkommenden Formeln einbezie-
henden Auseinandersetzung mit den ko 'ämar-Formeln geführt haben.'' Es
mag wohl an der (vermeintlichen) Deutekraft und der Eingängigkeil der
Vorstellung liegen, dass sich das formgeschichtlich hergeleitete Bild vom
Propheten als Boten in seiner Eindimensionalität (und Unbestimmtheit) so
stark bis in die Gegenwart gehalten hat.
So lässt sich in der heutigen Forschungsdiskussion ein eigenartiger Wi-
derspruch zwischen der Skepsis gegenüber der Formgeschichte einerseits
und der selbstverständlichen und teilweise unhinterfragten Tradierung und
Anwendung formgeschichtlicher Ergebnisse wie der Deutung des Prophe-
ten als Boten andererseits festhalten.
Dieser Widerspruch führte zu einigen Grundüberlegungen, die für die
Fragestellung und das methodische Vorgehen der vorliegenden Arbeit aus-
schlaggebend waren:
In der Auseinandersetzung mit der an der Formgeschichte geübten Kri-
tik ist formgeschichtliches Arbeiten weiterzuentwickeln. Formgeschichtli-
che Untersuchungen sollten - was leider nicht immer geschehen ist - auf

•~ Smend. Richtungen. 274. Vgl. zu diesem Problembereich bes. Kap. 2 und ~ dieser
Arbeit.
" Die Hinweise zur kritischen Auseinandersetzung mit der Deutung der l.:ii 'timur-For·
mel als .. Botenformel" werden in Kap. 2 dieser Arbeit ausfUhrlieh diskutiert. sie reichen von
Distanziertheil ausdrückenden Formulierungen [.. Die geläufigste Ein/eitung~(orme/ ist das
l.:oh 'ämur JHWH. So spricht Jahn·e. Man nennt sie die Botenspruchformel (Gen ~2. 4-6: II.
Reg 18. 29).'' Kaiser. Grundriß 2, 26: .. Eingeführt wird entweder der Gesamtspruch oder
dessen Zukunftsteil durch so hat Jahwä gesprochen (ko 'amar jh'H'h). eine später bei fast allen
Schriftprofeten aufgegriffene Wendung. Die Fors,·hung pflegt hier von Botenformel :u re·
den ... " Koch. Profeten I, 89. (Hervorhebungen von A.W.>I über modifizierende Neudeutun·
gen (etwa die Feststellung von Varianten wie der ki ko 'ämar·Formel> bis zur vollständigen -
und damit m.E. über das Ziel hinausschießenden - Ablehnung der Botenmetapher [etwa bei
Meier. Speaking; vgl. Gross, Rez. zu: Meier, Speaking). Die Deutung der Propheten als Bo-
ten ist nicht nur aus sprachlichen Gründen. sondern auch vom Vergleich ihrer Botenrolle mll
der Rolle anderer Boten im AO und AT her in Frage gestellt worden. vgl. Greene. Role (vgl.
bes. Kap. 7.2.1.6).
Propheten als Boten 15

dem neuesten Stand der sachlichen und methodischen Diskussion unter-


nommen werden; auch wurde oftmals die Interdependenz zwischen fonnge-
schichtlichen, literarkritischen. redaktionsgeschichtlichen u.a. exegetischen
Fragestellungen vernachlässigt. Handelt es sich bei dem untersuchten Ge-
genstand um übereinzelsprachliche trans-/internationale bzw. interkulturel-
le/-religiöse Fonnen/Gattungen. so ist auch der vergleichend religionsge-
schichtliche und sprach-/te~wissenschaftliche Forschungsstand einzubezie-
hen.
Vielfach hatte man sich von der Fonngeschichte auch entstehungs- und
kompositionsgeschichtliche Erklärungen versprochen. die die Fonnge-
schichte allein aber nicht einlösen konnte. Von diesem Anspruch ist fonn-
geschichtliches Arbeiten zu entlasten.
Im Falle der Untersuchung der ko 'ämar-Formeln im AT und der ver-
wandten Formeln im altorientalischen Kontext heißt das, dass vor allem
drei Aspekte berücksichtigt werden müssen
- der form-/formelgeschichtlich-methodische Aspekt (vgl. Kap. 3),
- der vergleichend-religionsgeschichtliche Aspekt (vgl. Kap. 4),
- der Aspekt des Verhältnisses der formgeschichtlichen Untersuchung zu lite-
rarkritisch-redaktionsgeschichtlichen u.a. Ergebnissen (vgl. Kap. 5 und 6).
Gerade dieser letzte Aspekt ermöglicht es, eine Ge schichte der ko
'ämar-Formeln in Angriff zu nehmen und dadurch die Statik mancher frü-
heren Formeluntersuchung zu überwinden.
Ein kritisches Hinterfragen der bisherigen formgeschichtlich erzielten
Ergebnisse zu den ko 'ämar-Fonneln kann allerdings nur von einem zwar
modifizierten und geläuterten. aber eben immer noch fonn- bzw. fonneige-
schichtlieh bleibenden Ansatz aus geschehen; nur ein solcher Ansatz wird
einer überindividuell im ganzen AT (und seiner Umwelt) gebrauchten
Forrn!Fonnel gerecht; es muss also auch zur Geltung gebracht werden, dass
fonngeschichtliches Arbeiten aus sachlichen Gründen unabdingbar ist. An-
ders gesagt: Aus (z.T. nicht unberechtigter) Kritik an der Fonngeschichte
kann man nicht einen grundsätzlichen Verzicht auf die Untersuchung von
Formen ableiten; 16 .. [ ... ) das Abgetane muß ja nicht schon deshalb immer
das zu Ende Gedachte sein, weil es abgetan ist. " 17 Hier ist noch einmal auf
Smend hinzuweisen, der in dem oben (S. 13-14) angeführten Zitat fortfährt:
.. Aber wie es auch nach Kittel und Greßmann in Grenzen Literarkritik ge-
geben hat. gibt es heute in Grenzen Gattungs-. Form- und Überlieferungs-
geschictue und bleibt die Frage nach dem Sitz im Leben auf vielen Ebenen
gestellt."'"

1• Zuweilen drängt sich der Eindruck auf. dass allerdings doch nach diesem Grundsatz

verfahren wird. Gerade die kö 'ämar-Formeln werden in manchen Betrachtungen und Kom-
mentaren völlig übergangen. obwohl das sachlich nicht gerechtfenigt ist.
11 Detering. Grundzüge. 13.

" Smend, Richtungen. 274.


16 Ausgangslage und Problemstellung

Hinterfragt man also die bisherigen formgeschichtlich erzielten Ergeb-


nisse zu den ko 'ämar-FormeJn bzw. deren unilineare Deutung als .. Boten-
formeln", gerät auch das aus dieser Deutung erwachsene Bild des Prophe-
ten als Boten ins Wanken. Dass es für dieses Hinterfragen Anhaltspunkte in
der Diskussion der letzten Jahre gibt, wurde schon angedeutet (vgl. Anm.
15). So bleibt bei den ko 'ämar-FormeJn. um es mit Smend zu sagen. gerade
angesichts der gegenwärtigen Forschungslage die form-/formelgeschicht-
liche Frage und die Frage nach dem Sitz im Leben bzw. dem Sitz in der Li-
teratur gestellt. An diese Problemlage anknüpfend hat in neuester Zeit Steck
die Analyse von Formeln wie den ko 'ämar-FormeJn als bisher noch offene
Forschungsaufgabe beschrieben: ..[... ] eine gezielte Untersu-
chung [... ] des Gebrauchs der [in den Büchern der Propheten] verwen-
deten Kommunikationsformeln steht noch aus [... )." 1' 1

(Hervorhebung von A.W.) Ziel ist dabei, Aufschlüsse über das ..Propheten-
bild in den Büchern selbst" zu erhalten. 20 Es wird sich dabei im Fortgang
der Untersuchung erweisen, dass das Bild von dem Propheten als Boten in
der bisher angenommenen Einlinigkeit nicht aufrecht erhalten werden kann.
dass die Formeln (noch) ganz andere - doch nicht weniger wesentliche -
Züge des prophetischen Selbstverständnisses bergen.
Unter diesen Prämissen seien einige Überlegungen zur Präzisierung der
Fragestellung und der Methodik angeführt:
- Formgeschichte und vor allem die Frage nach dem Sitz im Leben hatte
zuweilen die Tendenz, jede Gattung auf einen mündlichen Ursprung zu-
rückzuführen.21 Diese Tendenz kann sich schnell dahingehend verfestigen.
dass der Formgeschichte als Hauptaufgabe zugesprochen wird. nach dem
mündlichen Ursprung von Texten zu fragen. Gerade im Bereich der Pro-
phetie könnte es den Anschein haben, dass es das Ziel sei, mittels einer
formgeschichtlichen Untersuchung die Rekonstruktion mündlicher Prophe-
tenworte anzustreben. Ich teile diese Sicht von Formgeschichte nicht.
Formgeschichte als Methode dient nicht per se der Rückfrage in Richtung
einer mündlichen Vorstufe; damit wäre die Methode auch falsch verstanden
und überfordert. Bei der hier vorgelegten formgeschichtlichen Untersu-
chung geht es um den Sinn, den eine Form hat, um das Bedeutungspotemial
einer Fonn/Gattung/Textsorte, das bei der Auslegung berücksichtigt werden
muss, nicht um die Schriftlichkeil oder Mündlichkeit, den mündlichen Ur-
sprung oder die mündliche Überlieferung von Texten.!! Ein genereller Ver-

Sleck. Gon. 158.


1' 1

!<•Sleck. Gon. 158.


!I Vgl. elwa die EinteilUng von Eissfcldl. die mil der Analyse der GallUngen auf vorluc-
rarischer Slufe. den .. kleinslen (mündlichen!! Redeformen" beginnt die sozusagen die Qucll-
punkle für die Texle des AT damellen. vgl. Eissfeldl. EinteilUng. 8 und 10 u.ö.
!! Das heißl wiederum nichl. dass es beliebig isl. ob ein Texl mündlich oder schnfllich
vorliegl. Die Medialiläl isl durchaus zu berücksichligen; für die Frage nach dem Sinnpolenlial
einer Ganung aber isl sie nachrangig. Texle bzw. Texlsonen/Ganungen konslilu1eren m:h
Propheten als Bolen 17

zieht auf die formgeschichtliche Fragestellung und deren Beitrag zur Text-
interpretation hieße. eine wichtige Dimension der Textbedeutung außer
Acht zu lassen und ist deshalb m.E. nicht zu vertreten.
Auch wenn Formgeschichte nicht zuerst nach einer mündlichen Vorstu-
fe rückfragen will, so ist doch die geschichtliche Dimension auch bei dem
Phänomen Form zu berücksichtigen (vgl. Kap. 3). Nach dem Form-/Gat-
tungs-rrextsorten-Aspekt ist auf jeder Entstehungsstufe alttestamentlicher
Texte zu fragen. Die Rückfrage nach diesen Stufen muss im Methodenver-
bund geschehen und darf nicht nur formgeschichtlich erfolgen. Wenn sich
dabei erweist, dass ein Text bzw. eine Gattung mündlichen Ursprungs ist
bzw. dass die Gattung bis zu einer vorliterarischen Stufe zurückzuverfolgen
ist, so bedeutet das zwar sicher einen Erkenntnisgewinn. doch ist dies nicht
das eigentliche Ziel der Formgeschichte.
Die Möglichkeit der Rückfrage zur ursprünglich mündlichen Verkündi-
gung der alttestamentlichen Propheten darf also nicht grundsätzlich ausge-
schlossen werden.!' Eine solche Rückfrage wird bei der Beschreibung der
Geschichte der kö >ämar-Formeln eine Rolle spielen. Dabei ist wiederum
zweierlei zu bedenken: Zum einen ist mündliche Verkündigung nicht so zu
verstehen, dass man bis zu einer mitschnittartigen Rekonstruktion des pro-
phetischen Wortes gelangen könnte. sondern so, dass damit das am Anfang
einer Traditionsbildung stehende (prophetische) Wort gemeint ist, das nicht
ganz aus dem Blick geraten darf; zum anderen kann eine solche Rekon-
struktion nicht mit formgeschichtlichen Überlegungen allein angestellt wer-
den.
- Die Analyse einer Forme I im komplexen Gefüge des AT gleicht der
Untersuchung eines Einzelelementes in einem komplexen Bauwerk. z.B.
der Fenster oder des Lettners in einem großen Kirchengebäude mit einer
über Jahrhunderte reichenden Baugeschichte.
Zu analysieren sind Fenster oder Lettner zum einen je für sich; zu fragen
ist dabei z.B. nach ihrer Beschaffenheit, nach Varianten bei den Fenstern
untereinander, nach ihrem Bildprogramm, nach dem Schmuck des Lettners
usw. Zum anderen ist die Funktion der untersuchten Elemente für das Gan-
ze zu bestimmen: Wie sind die Fenster in das architektonische Gesamtkon-
zept integriert, welche Aufgaben übernimmt der Lettner u.ä.? Auch sind
Indizien für geschichtliche Veränderungen einzubeziehen, etwa wenn Fens-
ter ersetzt wurden, wenn Umbauten ihre Spuren hinterlassen haben etc.
Zum Verständnis eines komplexen Artefakts gehört auch seine ge-
schichtliche Dimension. Ausgehend von der Analyse der Einzelteile. den
Ergebnissen zur bisherigen Baugeschichte des Gesamtgebäudes und im
Vergleich mit ähnlichen Phänomenen aus anderen Bauten (und deren Ge-

nichl durch das Medium Schrifllichkeii/Mündlichkeil. sondern durch ihren inneren formalen
und inhalllichen Zusammenhang und ihre Funklion.
~· Vgl. zu dieser Thematik Kap. 2.3.3.1.
18 Ausgangslage und Problemstellung

schichte) kann man sich, falls es Anhaltspunkte für geschichtliche Verände-


rungen gibt, zurücktasten zu früheren Stadien der einzelnen Elemente und
des gesamten Baus; in diesen früheren Stadien können die Funktionen, die
Bedeutung, die Anzahl, die Detailausführung des untersuchten Elementes
andere gewesen sein; die geschichtlichen Veränderungen sind im Gespräch
mit der bisher rekonstruierten Baugeschichte (des Ganzen und der Einzel-
elemente) zu analysieren; manches wird durch die angestellte Untersuchung
eines Einzelelementes zu bestätigen, anderes zu verändern sein.
Am Ende wird man versuchen, Herkunft und Beschaffenheit des unter-
suchten Einzelelementes zu klären, seine Funktion im und für das Ganze zu
verstehen und die Geschichte seiner Verwendung zu rekonstruieren. Dies
geschieht ohne den Anspruch, mit der Analyse eines Teils des Gebäudes die
Deutung des Ganzen einschließlich anderer Einzelteile vollständig erbracht
zu haben. Eine Untersuchung der Fenster sagt natürlich nichts aus über das
Verständnis der Portale. Doch wird eine solche Untersuchung auch in dem
Bewusstsein angestellt, dass eine Deutung des Ganzen ohne Rückgriff auf
die Untersuchung der Teile nicht zu unternehmen ist, ja dass sich in den
Teilen das Ganze erschließt, dass wesentliche Züge des Ganzen in den Tei-
len bzw. durch die Analyse der Teile zu fassen sind.
Ähnlich muss die buchübergreifende Untersuchung eines Teils der pro-
phetischen Texte, nämlich der ko )ämar-Formeln, in ihren Bezügen zum
Ganzen der Prophetie gesehen werden. Auch hier gilt der Grundsatz: Die
Deutung eines Ganzen geschieht auch immer von Teilen aus, die Deutung
der Teile ist wiederum von der Sicht des Ganzen beeinflusst. 1•
Auf das Bild des Propheten als Boten angewandt heißt das: Das Bild
wurde an einem Teil der prophetischen Zeugnisse gewonnen - anhand der
Deutung der ko )ämar-Formeln als "Botenformeln" -, wobei die daraus
abgeleitete Vorstellung vom Propheten als Boten auch das Gesamtbild der
Prophetie bestimmt hat. Das Gesamtbild vom Propheten als Boten führte
wiederum dazu, dass jede ko )ämar-Formel als "Botenformel" gedeutet
wurde, dass Varianten der Formel etc. gar nicht erst wahrgenommen wur-
den u.ä.
Eine Überprüfung des Zusammenhanges von ko )ämar-Formeln und der
Vorstellung vom Propheten als Boten muss nun bei den Bausteinen anset-
zen, auf denen diese Verbindung ruht. eben den ko )ämar-Formeln und der
daraus abgeleiteten Gesamtdeutung; der in Frage stehende Zusammenhang
kann nicht adäquat von der Untersuchung anderer Teile der Prophetie her.
etwa von der Analyse eines prophetischen Buches oder gar einzelner pro-
phetischer Texte, auf sachliche Richtigkeit hin überprüft werden. 1 ~ Auch hat

1• Vgl. Gadamer. Wahrheit. 194-195: 227-228 u.ö .. derdoninsbesondere auf die: Posi·
tionen Schleiermachers und Diltheys eingeht.
1 ~ Dies erklärt zu einem gewissen Teil. warum sich das Bild vom Propheten als Botc:n so
ausgebrc:itc:t und so ungebrochen gehalten hat: trotz immens vieler Tc:ii·Untersuchungc:n zur
Theologische lmplikationen des Bildes vom Propheten als Boten 19

diese Überprüfung so zu geschehen. dass der ganze in Frage stehende Teil,


also das Gesamt der ko 'ämar-Formeln, untersucht wird; nur so können un-
sachgemäße und vorschnelle Deutungen von einem Gesamtbild her auf die
einzelnen Formeln vermieden werden.
Kommt die Untersuchung der ko 'ämar-Formeln als Teil der propheti-
schen Texte zu einem anderen Ergebnis als frühere Untersuchungen. so hat
dies wiederum Auswirkungen auf das Ganze der Prophetie bzw. die Deu-
tung des Ganzen der Prophetie: Sind die kö 'ämar-Formeln nicht durch-
gängig als .. Botenformeln" zu werten. so sind die Propheten auch nicht
durchgängig als Boten zu begreifen.

1.2 Theologische Implikationen des Bildes vom


Propheten als Boten

Wissenschaftliches Arbeiten schließt immer wieder Prozesse der Selbstbe-


sinnung ein, schließt ein, Selbstverständlichkeiten und Vertrautheilen zu
hinterfragen. Auch mit der Fachterminologie werden bisweilen Arbeitser-
gebnisse weitergegeben und fortgeschrieben, als Grundlage für weiterge-
hende Überlegungen gebraucht, die eigentlich hinterfragt werden müssten.
bevor sie (immer wieder erneut) zur Anwendung kommen.
Als besonders problematisch sind in diesem Zusammenhang bildhafte
Ausdrücke anzusprechen. Wie in Kap. 1.1 am Beispiel des Bildfeldes vom
Propheten als Boten angedeutet. ist durch die mögliche Deutungsbreite bei
der sachlichen Auflösung eines bildhaften Ausdrucks ein großer Interpreta-
tionsspielraum gegeben, der ohne weitere Informationen nur ungenau auf-
zulösen ist. Der Raum für mögliche lmplikationen ist also weit. Anderer-
seits besitzen bildhafte Ausdrücke ob ihrer Anschaulichkeit ein besonderes
Gewicht und eine besondere Beständigkeit. Im speziellen Fall des Prophe-
ten als Boten paart sich das mit der oben beschriebenen Deutekraft des
Bildes.
Um die Problematik des Propheten als Boten, abgeleitet aus der Inter-
pretation der kö 'omar-Formeln als .. Botenformeln". zu verstehen, muss

Prophetie in Form von Einzelstudien zu Problemen, Texten. Büchern usw. kam dieses die
ganze Prophetie betreffende Bild nicht in den Blick. Am ehesten hätten von der Untersuchung
anderer Teile her gewonnene Ausblicke auf eine neue. vom Grundkonzept des Propheten als
Boten abweichende Gesamtbedeutung der Prophetie den Anstoß zu einer Beschäftigung mit
dem fraglichen Grundkonzept und seiner Herleitung geben können: so wäre auch neu zu den
kri 'cimur-Formeln zurückzufragen gewesen: doch hätte dies nur im Rahmen einer formelge-
schichtlichen Untersuchung zu den kö 'cimur-Formeln erfolgen können. die bisher nicht ange-
stellt wurde.
20 Ausgangslage und Problemstellung

man also die theologisch wichtigen Implikationen des Bildes freilegen.


Ausgangspunkt ist dabei das Bild, das man vom alttestamentlichen Boten
hat. Ist der Bote so verstanden (wie es nach dem Mustertext Gen 32 weithin
geschah!•), dass Bote sein bedeutet. Botschaften auszurichten, ohne einen
größeren eigenen Anteil an der Botschaft zu haben. dann ergeben sich bei
der Übertragung des Bildes auf die Propheten einige für die Prophetendeu-
tung bedeutsame Folgeüberlegungen: Propheten können (bzw. müssten)
dann hinsichtlich der Frage nach dem Woher ihrer Botschaft ebenso nur als
Ausrichter, als Weiterleiter von Botschaften (Jahwes) verstanden werden.
In der Forschung wurde dieser Sachverhalt, dass die Propheten Ausrichter
von Botschaften Jahwes sind, zuweilen klar und explizit ausgesprochen, et-
wa von S.Wagner: .,At.liches Prophetenturn ist ausschließlich von der Bol-
schaftsübermittlung her zu begreifen, von der Sendung, mit der die Beauf-
tragung verbunden ist, und der Übermittlung, bei der durch die Botenformel
der Absender [Jahwe] genannt ist [ ... ]."! 7 (Hervorhebung von A.W.) Häufig
auch, gerade bei den Neueren. tritt das Deutekonzept des Propheten als
Boten in Nebenbemerkungen auf und wird mit jeder neuen Anwendung des
Bildes fortgeschrieben. 1~ Vor allem die letztgenannte Tatsache, dass das
Bild in neuerer Zeit vorzugsweise abseits der Hauptthesen und ohne expli-
zite Reflexion Anwendung findet, verhindert, dass das Bild und seine teil-
weise problematischen Implikationen thematisiert werden.
Doch genau dieses sollte geschehen, denn es gibt eine ganze Menge an
Fragen: Sind die mit einer ko 'ämar-Formel eingeleiteten Texte wirklich
nur so zu beurteilen, dass sie als direkte Rede aus dem Munde Jahwes gel-
ten wollen, als wortgetreue Protokolle, die von den Propheten nur weiter-
gegeben werden? Wie verhält es sich mit dem bei dem Bild vom Propheten
als Boten vorausgesetzten offenbarungstheologischen Hintergrund bei den
Tradenten und Redaktoren der Prophetenbücher; haben sie, da sie unter der
Autorität eines Propheten schreiben. eine vergleichbare .. besondere[n] In-

1" Vgl. Anm. 2.


n Wagner. iQI$ (ThWAT I). 366. Wagners These stellt keine Sondermeinung. höchs·
tens eine Zuspitzung dar; vgl. sehr ähnlich klingende Formulierungen aus der neuestcn Dis-
kussion in Kap. 2.:U.2. vgl. auch Anm. I u.a.
!~ Becker. Jesaja. 121. verwendet den Begriff der .. Wortausrichtung" im Zusammenhang
mit der Notiz in Jes 8.16* (Jes 8.16* umfasst nach Becker: Versdrniire das ZeugniJ. l'eniegl<'
die Tora 1 ) • ••die offenbar einen gewissen zeitlichen Abstand zur Wortauuidmmg voraus-
setzt". d.h. Becker nimmt an. dass es zuerst eine Wortausrichtung durch Jesaja gab. die später
verschnürt und versiegelt wurde (Hervorhebung von A.W.). vgl. dazu auch Kap. 6.2.4. Bar·
thel. Prophetenwort. 222, spricht von einem •. empfangenen Goues1mrt[ ... ]"" im Zusammen-
hang mit der kö 'ämar-Formel aus Jes 8.11 (Hen•orhebung von A.W.). Auch hier scheint die
Rolle des empfangenden Propheten. der empfangenes Wort weitergibt. durch. Wie stark bei
Barthel die .. Botenformel" mit dem Verständnis des Propheten als Boten verknüpft ist. zeigt
seine These. in Jes 8.11 spiele Jesaja (via .. Botenformel") ..auf seine Berufung :.um Boten des
heiligen Gottes [die Barthel in Jes 6 findet! an··. Barthel. Prophetenwort. 222 <Hem>~hebung
von A.W.).
Theologische lmplikationcn des Bildes vom Propheten als Boten 21

spirationserfahrung" wie der Prophet selbst?.!'' Ist die Zuspitzung auf den
a u s r ich 1 e n den Boten überhaupt zutreffend oder ist die zugrundelie-
gende Vorstellung eines Boten vielleicht breitgefächerter als die Engfüh-
rung auf einen ausrichtenden Boten nahelegt? Kann ein Bote doch einen
eigenen Anteil an der Botschaft haben? Ist das Bild des Propheten als Bo-
ten. wie es aus der Interpretation der ko 'ämar-Formeln als ..Botenformeln"
gewonnen wurde, bei der Interpretation jeder einzelnen ko 'ämar-Formel
tragfähig'?
Viele dieser Fragen können mit Positionen aus der bisherigen Forschung
verbunden werden: Ist etwa Gunkel zu folgen. der den ..schriftstellernden
Propheten" abspüren wollte ... daß sie ihre Gedanken von Jahwe selber ha-
ben" und daher .. ihre Predigt" beginnen .. mit dem Satze: .so hat Jahwe zu
mir gesprochen' ", d.h. ,.diese Gedanken hat Jahwe mir eingegeben"?" Ist
denjenigen zu folgen. die die .. Botenformel" als typisches Element aus dem
profanen Botenvorgang (Köhler) oder denjenigen. die sie aus dem Orakel-
wesen (Lindblom) herleiten? Oder sind neuere Stimmen im Recht. die eine
Unterscheidung verschiedener Formen bzw. Funktionen der ko 'ämar-For-
meln fordern (Bjll!rndalen, Michel)?' 1 Und wenn differenziert werden kann.
welches sind die spezifischen Funktionen der dann verschiedenen ko 'ämar-
Formeln? Lassen diese sich auch außerhalb des AT auffinden? Muss man
nicht noch weiter gehen und nicht nur weiter differenzieren. sondern die
Funktion( -en) auch grundsätzlich neu bestimmen (Meier)? Vor allem wären
diese Faceliierungen auf jeweilige korrespondierende Schallierungen im
Prophetenbild hin zu befragen: Wenn die ko 'ämar-Formeln vielleicht gar
keine oder nicht in jedem Fall .. Botenformeln" sind. die eine Botschaftsaus-
richtung einleiten. wie steht es dann mit der Herkunft der mit den Formeln
eingeleiteten Texte? Stammen sie vom Propheten selbst? Von den Redakto-
ren/Fortschreibem? Und wie steht es dann mit der weiterreichenden Grund-
bestimmung der Propheten als Boten? Wie ist dann das prophetische Selbst-
verständnis von den ko 'ämar-Formeln her zu bestimmen?
Diese Fragen machen noch einmal einen Zielpunkt der vorliegenden
Arbeit klar: Die Untersuchung der kri 'ämar-Formeln bleibt nicht auf ein-
leitungswissenschaftliche Probleme beschränkt. sondern ist eng mit Fragen
der Theologie und Religionsgeschichte des AT verknüpft. insbesondere mit
dem Problem des Selbstverständnisses und der Einschätzung alttestament-

.!'> Barthel. Prophetenwon. 218 spricht bei Jes 8.11 von einer .. Erweiterung der Botenfor·
mel um den ausdrücklichen Hinweis auf eine besondere Inspirationserfahrung des Prophe·
ten··: gemeint ist damit die Formulierung a/.1 die Hand miclr packte. Barthel spricht aus. was
viele nur denken oder offen lassen: dass die .. Botenformel" auf Offenbarung verweist und dass
hier in Jes 8.11 dieser Offenbarungshintergrund gesteigert hervonritt.
" Gunkel. Propheten. 1539.
11 Zu den genannten Forschern vgl Kap. 2.
22 Ausgangslage und Problemstellung

licher Prophetie und dem Verhältnis alttestamentlicher Prophetie zu außer-


alttestamentlichen vergleichbaren prophetischen Phänomenen.·~ Auch aus
diesem Grund ist die Untersuchung auf die außeralttestamentlichen ver-
gleichbaren Formeln, deren Herkommen und Funktionen ausgedehnt. Bei
alldem müssen die unterschiedlichen Ebenen exegetischen Arbeitens mit-
einander verknüpft bleiben. Und es gilt, die von Smend angesprochenen
Grenzen zu beachten: Eine Untersuchung der ko 'ämar-Formeln gerade in
der Prophetie kann zwar im Fragebereich der alttestamentlichen Offenba-
rungsproblematik angesiedelt werden, insofern in der vorliegenden Arbeit,
die Vorstellung von dem das Wort Gottes ausrichtenden Propheten als Bo-
ten bzw. konkurrierende Deutungen thematisiert werden. Der Anspruch
kann aber nicht sein, die gesamte Offenbarungsproblematik der Prophetie
oder gar die des AT insgesamt zu thematisieren.

1.3 Gang der Untersuchung

Um die in Kap. 1.1 und 1.2 angesprochenen Fragen zu beantworten, soll


das gesamte Vorkommen der ko 'ämar-Formeln im AT untersucht werden.
M.E. gibt es zu solch einer umfassenden Untersuchung keine Alternative.
Wie sollte man anders vorgehen, wenn man die ko 'ämar-Formeln verste-
hen will, als sie "in ihrem alttestamentlichen Zusammenhang"" darzustel-
len und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit verwandten bibli-
schen und außerbiblischen altorientalischen Erscheinungen hin zu befra-
gen? "In ihrem alttestamentlichen Zusammenhang" bedeutet zum einen.
dass alle Formeln untersucht werden müssen. zum anderen, dass ihr Zu-
sammenhang untereinander deutlich werden muss. Freilich sollten dabei
Fehler und Beschränkungen vermieden werden, die in der Vergangenheit
bisweilen ein zweifelhaftes Licht auf formelgeschichtliche Untersuchungen
geworfen haben.
Die Untersuchung der alttestamentlichen ko 'ämar-Formeln wird in der
vorliegenden Arbeit in Kap. 5 und 6 erfolgen. Kap. 5 behandelt die ko
'ämar-Formeln in den erzählenden Texten des AT. Kap. 6 die Formeln der
schriftprophetischen Bücher. Die Untersuchung der Formeln in den Erzähl-

·~ Dies lässt sich am besten festmachen an der Frage des Prophetenbildes bzw. der Be-
stimmung des Prophetischen. Jede Antwon auf diese Frage bzw. jede Konturierung eines Pro-
phetenbildeshat Konsequenzen für die Interpretation von Teltten. Büchern etc. und die theo-
logische Deutung alnestamentlicher prophetischer Verkündigung. vgl. Steck. Gon. 158-159.
" Smend. Alnestamentler. 290- damit also in typisch formelgeschichtlicher Weise. wie
es Smend in Aufnahme eines Dictums von Noth mit Blick auf die Arbeiten Zimmerlis for·
muliert hat.
Gang der Untersuchung 23

texten ist vorangestellt, weil Erzähltexte durch ihr Erzähl-Umfeld wesent-


lich mehr Informationen enthalten, um die dort verwendeten Formeln zu
analysieren, als dies in prophetischen Texten der Fall ist. Der Gebrauch der
Formeln lässt sich so besser verstehen.
Die vorliegende Untersuchung wird dabei zentriert sein auf die Analyse
der ko 1Ömar-Formel als derjenigen Formel. die verantwortlich für die Ent-
stehung des Bildes vom Propheten als Boten ist. Verwandte Formeln wer-
den natürlich in einzelnen Fällen zum Vergleich herangezogen, aber nicht
mit Anspruch auf Vollständigkeit besprochen.
Bevor die Untersuchung der Formeln begonnen werden kann, sollen in
Kap. 2 einige Forschungslinien, die zur prominenten heutigen Stellung der
These vom Propheten als Boten geführt haben, aufgewiesen werden. Dieser
forschungsgeschichtliche Rückblick erlaubt es zum einen, Grundpositionen
zu markieren, innerhalb derer die Bestimmung der Propheten als Boten
ihren Platz gefunden hat. Zum anderen ist es so besser möglich, die für eine
adäquate Bestimmung der ko 1ämar-Formeln notwendigen Methoden ein-
zuordnen.
In Kap. 3 wird die formgeschichtlich-formelgeschichtliche Komponente
dieser Arbeit, die ansonsten dem Methodenverbund verplichtet ist, entwi-
ckelt. Dies geschieht in Aufnahme von und Auseinandersetzung mit der
Kritik an form- und formelgeschichtlicher Arbeitsweise und im Gespräch
mit neueren Untersuchungsansätzen zu Formen und Formeln auch aus an-
deren Wissenschaften. So wird ein Modell formelgeschichtlichen Arbeitens
umrissen, das dieser Untersuchung zugrunde liegt.
Die Problematik der ko 1Ömar-Formeln war von Beginn der Forschungs-
geschichte an mit den parallelen Texten aus den Nachbarkulturen des AT
verknüpft. Dieses Feld hat Kap. 4 zum Gegenstand. Hier soll geklärt wer-
den, welche Vorläufer und Paralleltexte es zu den alttestamentlichen ko
1
Ömar-Formeln gibt, welche Gestalt und Funktion sie haben, ob sich alttes-
tamentliche Eigenarten zeigen. Schließlich ist die Frage zu diskutieren, ob
diese Formeln außerhalb des AT ebenfalls in Zusammenhang mit propheti-
schen Phänomenen zu bringen oder ob sie ganz anderen Bereichen zuzuord-
nen sind.
Das Schlusskapitel 7 bündelt die Ergebnisse; hier stehen die Frage nach
dem Zusammenhang von ko 1Ömar-Formeln und prophetischem Selbstver-
ständnis, die Geschichte der ko 1Ömar-Formeln und der theologische Ertrag
der Untersuchung im Vordergrund.
24 Ausgangslage und Problemstellung

1.4 Technische Hinweise, Abkürzungen

Im Folgenden werde ich den Begriff .. Botenformel" wie bisher schon in


Anführungsstriche setzen, um auf die Problematik des Begriffs aufmerksam
zu machen. In den meisten Fällen ist ohnehin statt von .. Botenformel" bes-
ser deskriptiv von der ko >ämar-Formel bzw. den kb >ämar-Formeln zu re-
den.
Bei den Literaturangaben im Text bzw. in den Anmerkungen sind Name
und Kurztitel angegeben, die vollständige Angabe findet sich im Literatur-
verzeichnis (Kap. 8). Für Abkürzungen bei den Literaturangaben vgl. das
Abkürzungsverzeichnis in Kap. 8.1.
Wenn in der vorliegenden Arbeit von ko >ämar-Formeln die Rede ist. so
lässt sich eine gewisse Mehrdeutigkeit nicht vermeiden: In Kap. 5 und 6
z.B. wird eine bestimmte Funktion der formal nicht durch zusätzliche Ele-
mente wie ki o.ä. erweiterten ko >ämar-Formel als unerweiterte ko >ämar-
Formel bezeichnet werden; die Formulierung .. unerweiterte ko >ämar-For-
mel" bezieht sich dann auf eine Untergruppe der ko >ämar-Formeln. Wie
am Ende des letzten Satzes gebrauche ich den Ausdruck ko >ämar-Formeln
aber auch für die zusammenfassende Bezeichnung aller Varianten von ko
>ämar-Formeln. Der Sinn lässt sich vom sprachlichen Umfeld her gut unter-
scheiden.
Als Umschriftsystem verwende ich das in der ZA W gebräuchliche: al-
lerdings mit der Erweiterung, dass II als dritte mater lectionis einbezogen
wird (z.B. bei ;,j ko).

Abkürzungen,.:

dtn. deuteronomisch
dtr. deuteronomistisch
DtrG Deuteronornistisches Geschichtswerk
ChrG Chronistisches Geschichtswerk
DtrH deuteronomistischer Historiker
DtrN nomistischer Deuteronomist
DtrP prophetischer Deuteronomist

•• Vgl. Smend. Entstehung. 110-125.


2. Bisherige Erforschung der kß )ämar-Formel
und ihre lmplikationen für das Verständnis
der Prophetie

2.1 Der Beginn der neueren exegetischen Diskussion über die


ko 'ämar-Formel bei Köhler und Lindbiom

Die beiden entscheidenden frühen Beiträge zur Erforschung der ko >ämar-


Formel stammen von Köhler und Lindblom; 1 sie markieren den eigentlichen
Beginn der Forschungsgeschichte zu dieser Formel. Allerdings diskutieren
beide Arbeiten die ko >ämar-Formel nur nebenbei; Lindbiom und Köhler
behandeln in der Hauptsache andere Grundprobleme der Prophetenfor-
schung des frühen 20. Jh.: Zum einen die Frage der prophetischen Gauung-
en, wie sie vor allem hinter Lindbioms Arbeit steht, zum anderen das Pro-
blem der Originalität und des Genies eines Propheten, das Köhler bezüglich
des Propheten Deuterojesaja zu klären versucht. Nur in diesen größeren Zu-
sammenhängen sehen sich beide genötigt, auch auf das bis dahin nicht mo-
nographisch untersuchte Phänomen der Einleitungsformeln des Propheten-
spruches (Köhler) bzw. des prophetischen Orakelspruches (Lindblom) ein-
zugehen.!
Köhler stellt den Botenspruch in den Kontext des altorientalischen Bo-
tenvorganges, den er insbesondere in altorientalischen Briefen greifen will:
.. Beispiele: .Zu Sin-idinnam sage: so [sagt) Hammurapi: jetzt sende ich hiermit
den ... · (UNGNAD. Babylonische Briefe aus der Zeit der Hammurapi-Dynastie.
1914. s. 21). [ ... )
.So sagt zu Amanappa, meinem Vater. Rib-adda. dein Sohn: ich falle zu den
Füßen meines .. .' (I<NUDTZON. Die EI-Amama-Tafeln, 1915. S. ~71)."'
Solche profanen, d.h. nicht an spezifisch religiöse Vorgänge und Sachver-
halte gebundenen, Botenvorgänge liegen nach Köhler auch im AT vor. etwa
in der Erzählung Gen 32,4-6. wo Jakob Boten vor sich her zu seinem Bru-

1 Köhler, Deuterojesaja (1923). bes. 102-109: Lindblom. Literarische Ganung (1924).


! Hinsichtlich der Wertung. dass die neuere Diskussion über die .. Botenformel" mit
Köhler und Lindbiom beginnt. gibt es einen Konsens in der Literatur: vgl. Westennann.
Grundformen. 23-28: Smend. Entstehung. 142: Schoors. Königreiche. 108-111.
' Köhler, Deuterojesaja. 102.
26 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

der Esau schickt; parallel dazu sieht Köhler die Formeln bei den Propheten.
z.B. Am I ,6-8:
"Gen 32,4-6 [... ) ,So sollt ihr zu meinem Herrn Esau sagen: So sagt dein Sklave
Jakob: Ich war Schutzbürger bei Laban und ... ich schickte aus, um es meinem
Herrn zu melden und ... ' (... I
Am I ,6-8 So sagt Jahwe: , Wegen der drei Freveltaten von Gasa und ... kommt
um·- sagt Jahwe."•
Der Botenspruch besteht für Köhler grundsätzlich darin, ..daß ein Absender
A zu einem Empfänger B einen Boten C schickt und dem Boten wörtlich
beibringt, was er zu sagen hat [... ). [... ) Im Botenspruch redet der Absender.
Der Bote ist nur Stimme, eine einleitende Formel nennt den Absender, oft
auch den Empfänger."\
Die Tatsache der Absenderangabe in der ko 'ämar-Formel ist ein ent-
scheidendes Faktum. Die Formel stellt also klar, wer eigentlich redet. Sie
führt die Botschaft auf einen Absender zurück und identifiziert diesen.
Köhler zieht ein kurzes und klares Fazit aus seinen Beobachtungen: Das
Beispiel aus Gen 32 zeigt "den Botenspruch in der Entstehung aus dem Bo-
tenbefehl"; die altorientalischen Beispiele .. zeigen eine entwickelte Form
seiner Abwandlung zum Briefstil"; das Beispiel aus Amos "zeigt ihn in
seiner geringen Abwandlung zum Prophetenspruch".•
Köhler hat zwar mit seinen Beobachtungen zur ko 'ämar-Formel einen
Grundstein gelegt, auf dem die meisten der Nachfolgenden aufbauen, doch
sind seine Ergebnisse gewissen Einschränkungen unterworfen. Köhlers
Zielpunkt ist ja der Stil Deuterojesajas;' von daher gründet er seine Aussa-
gen hauptsächlich auf Deuterojesaja und zieht zum Vergleich nur wenige
Stellen aus anderen Büchern heran. Eine umfassende Beurteilung der ko
'ämar-Formel im AT hat er nicht gewollt und daher auch nicht geleistet.
Nur in Abgrenzung zum Gebrauch bei Deuterojesaja wird bei Köhler spür-
bar, dass für ihn die nicht-schriftstellerisch gebrauchte ko 'ämar-Formcl

• Köhler. DeUierojesaja. 102.


\ Köhler. Deuterojesaja. 102.
• Köhler. Deuterojesaja. 103.
7 Köhler will auf Eigenarten deuteroJesajanischen Stils hinaus. es geht ihm nicht c:igc:nt·
lieh um die l.:ö 'ämar-Formel. Die kci 'ämar-Formel ist nur wichtig, weil sie prophetische Bo·
tensprüche einleitet; diese wiederum sind bei Deuterojesaja nicht so häufig wie bei anderen
Propheten. Vgl. Köhler, Deuterojesaja. 104: Den ..ganzen Botenspruch verwendet er [Deu·
terojesaja) weniger oft"; außerdem verwendet er nach Köhler .. mit Vorliebe die einzelnen
Formbestandteile des Botenspruches: Einleitungen; Weiterleitungen; Ausleitungen; und diese
meist aus künstlerischer Absicht und nicht mehr mit der sachlichen Strenge. mit der es die
früheren Propheten tun". Eine Zusammenstellung der gebrauchten Formen des Botenspruches
bei Deuterojesaja [Köhler. Deuterojesaja, 104-109]zeigt eine große Vielfalt. für Köhh:r Aus·
weis dafür. dass bei Deuterojesaja eine ..freiere·· Verwendung als bei älteren Prophetcn vor·
liegt. Alles in allem: Deuterojesaja redet für Köhler nicht als ein Prophet. sondern "ie ein
Prophet. vgl. Köhler. Deuterojesaja. 104; wie die Sprach- und Stilform nach Köhler zc:igt. ist
Deuterojesaja eher ein Schriftsteller als ein Prophet.
Der Beginn der neuerenexegetischen Diskussion über die kö 'ämar-Formel 27

zum echten Reden .,als" Prophet gehört; Deuterojesaja redet aber nach Köh-
ler nicht mehr .,als", sondern nur noch .,wie" ein Prophet, was bedeutet.
dass man Abstriche an dem prophetischen Selbstverständnis Deuterojesajas
machen muss. •
Lindblom"' bestimmt die Formel So spricht der Herr als eine Erschei-
nung des .,Orakelstils"' 0 • Er eröffnet seine Untersuchung mit einigen zutref-
fenden Beobachtungen:
Die ,,Propheten bedienen sich der mannigfachsten Ausdrucksmittel und
Stilfonnen. [... ] sie lieben es, ihre Worte in immer und immer wiederkeh-
rende Stilformen einzukleiden, und das unabhängig vom Inhalt und der Stil-
gattung im übrigen."'' Ob auch die ko 'ämar-Formel, die Lindbiom als Stil-
form begreift, ebenso unabhängig von Inhalt und Stilgattung steht, wird
sich unten zeigen; so oder so kündigt sich bei Lindbiom schon das Problem
der sog. geliehenen Gattungen der Propheten an.
Lindbiom beobachtet weiterhin einen nicht immer zwingenden Bezug
zum textlichen Umfeld bei der Verwendung der Formel:
.. Auch wenn diese Formeln nicht im Text stehen, hat man den Eindruck, dass
sie ebenso hätten eingesetzt sein können. Die einleitende Formel ,So spricht der
Herr' kommt z. B. kein einziges mal bei Hosea vor, und doch wäre sie bei ihm
sehr oft ebenso berechtigt wie bei seinem älteren Zeitgenossen Amos. " 1!
Ein Orakel ist für Lindbiom .,eine in der Regel kurze, formell und inhaltlich
stark zugespitzte Aussage, welche beansprucht, ein göttlicher Ausspruch zu
sein, meistens, obgleich nicht immer, in der Form einer Weissagung".'' Als
Beispiel führt Lindbiom I.Kön 21.19 an; dort tritt Elia Ahab entgegen mit
folgender Äußerung: .. ,So spricht Jahve: An der Stelle, wo die Hunde das
Blut Nabots geleckt haben, werden die Hunde auch dein Blut lecken'
[ •• .]_''IJ

Zu solchen Orakel-Texten gehört auch die Formel "So spricht Jahve".


Lindbiom resümiert:
.. Es steht also fest: bei den Schriftpropheten dient die Orakelformel ,So spricht
Jahve' in der Regel nur dazu. eine Aussage als eine prophetische Aussage zu
charakterisieren. Die Orakelform [sie!) ist nur eine Stilform, der Aussage lose
übergeworfen. Sie hilft uns aber gar nicht bei der Frage nach der literarischen
Gattung, und ebenso wenig wirft sie ein Licht auf die Entstehungsverhältnisse
der prophetischen Verkündigungen oder auf ihren Zusammenhang mit dem Le-
ben selbst." 11

' Vgl. dazu die vorige Anm .


., Vgl. Lindblom. Literarische Gattung.
111 Lindblom. Literarische Gattung. I.

11 Lindblom. Literarische Gattung. I.


1! Lindblom. Literarische Gattung. I.

1' Lindblom. Literarische Gattung. 2.


IJ Lindblom. Literarische Gattung. 2.
'' Lindblom. Literarische Gattung. 3.
28 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

Lindbiom sieht den Orakelstil bei den Propheten schon bei Amos aufgebro-
chen; sind die Fremdvölkersprüche in den Kap. 1-2 noch "wirkliche Ora-
kel". so die Weissagung gegen Israel in Kap. 2.6ff schon nicht mehr. "Sei-
ner wirklichen Natur nach ist das Stück eine Bussrede, die mit einem Ora-
kel nichts zu tun hat." Hinsichtlich der hier wie an anderen Stellen verwen-
deten Redeform heißt das, dass "die ursprüngliche Orakelformel übergeht,
eine Revelationsformel zu werden, die neben einer Anzahl anderer Formeln
und Ausdrücke dazu dient, die prophetische Aussage als ein von Gott kom-
mendes Wort zu kennzeichnen". 16
Die Formel "So spricht Jahve" bei den Schriftpropheten hält Lindbiom
für ein Erbe der alten Nebiim (vgl. Elia- und Elisa-Geschichten, etwa I.Kön
17 ,14; 21,18). Sie stammt allerdings aus "der allorientalischen Orakeltermi-
nologie überhaupt"."
Lindbiom weist auf Orakel aus der Zeit Assarhaddons und Assurbani-
pals hin, "die mit der Formel ,Fürchte dich nicht' anfangen, und wieder ei-
ne Anzahl, die mit einer Präsentationsformel dieses Typus ,Ich bin die lsch-
tar der Stadt Arbela' beginnen"; er stellt daneben diejenigen Texte, die .. in
ähnlicher Weise wie die alttestamentlichen Orakel eingeleitet werden".'"
etwa: .. ,Wort (a-bit, eigentl. ,Befehl') der Ischtar von Arbela an Assarhad-
don, den König von Assyrien: Die Götter, meine Väter. haben mich [ge-
sandt?]'."'"
Zwei Wurzeln dieser Orakelformel sind nach Lindbiom zu benennen:
a) die Proklamationsformel alter orientalischer Kundmachungen und Er-
lasse vom Typ: So spricht N.N. (zu N.N.). Lindbiom verweist dabei auf die
Darius-lnschrift an dem Felsen von Behistun, die Achämeniden-lnschriften.
assyrische Inschriften von Assurbanipal und etliche der Amarna-Briefe;
letztere bilden mit anderen Briefen zusammen die Belegbasis für die Aus-
sage Lindbloms, dass "die Proklamationsformel [ ... ) im altorientalischen
Briefsti I stereotypiert [sie!] worden" ist.~·
b) .. [ ... ) die Formel, mit der nach dem Stil der Erzählungen von Bot-
schaften die Botschaft selbst eingeleitet zu werden pflegt."~' Diese Wurzel

'" Alle Zitatein diesem Absatz: Lindblom. Literarische Ganung. 98. Westermann. Grund-
formen. 24-25, hebt an Lindbioms Arbeit hervor: .. Diese simple Entdeckung [die Phrase .So
spricht Jahve' sei typisch für die prophetische Literatur) ist von höchster Wichtigkeit: sie muß
etwas von dem Wesen der Prophetie aussagen können. so wie dies in den Prophetenbüchern
selbst verstanden ist! Es läßt sich daraus entnehmen: .Ursprünglich diente die Formel dazu.
wirkliche Orakel einzuleiten.' [Westermann zitiert hier und im Folgenden: Lindblom. Lite-
rarische Ganung. I00-10 I.) Später verlor sie diese präzise Bedeutung; . sie wird dazu benutzt.
alle möglichen prophetischen Aussagen einzuleiten'. Am Ende , wurde sie als selbstverständ-
liche Signatur einer prophetischen Aussage überhaupt aufgefaßt [... )'."
11 Lindblom. Literarische Ganung. I 02.

'" Lindblom. Literarische Ganung. 102.


''' Lindblom. Literarische Ganung. I 03.
10 Lindblom, Literarische Ganung. 104. vgl. dazu auch Koch, Profeten I. 89.
11 Lindblom. Literarische Ganung. 103-104.
Der Beginn derneueren exegetischen Diskussion überdie kö 'amar-Formel 29

deckt sich ungefähr mit der Herleitung aus dem Botenbefehl bei Köhler.
Als Beispiel führt Lindbiom etwa Num 22.15 an: Dort sendet Balak Häupt-
linge zu Bileam. Sie kommen zu ihm und sagen: .,So spricht Balak, der
Sohn Sippors: Lass dich doch nicht abhalten, zu mir zu kommen."!! Wie bei
Köhler ergibt sich bei Lindbiom durch die Ableitung aus dem Botenvor-
gang ein Hinweis auf den Charakter der Prophetie: .,Wenn ein propheti-
scher Ausspruch mit der Formel ,so spricht Jahve' eingeleitet wird. be-
kommt er dadurch in den meisten Fällen den Charakter einer Botschaft, die
dem Propheten in der Revelation erteilt worden ist, damit er sie dem Volke
oder der betreffenden Person übermiule.''!'
Wie Köhler versteht auch Lindbiom die Propheten als Boten, die eine
empfangene Botschaft ausrichten. In ihrem Offenbarungsverständnis treffen
sie sich in diesem Punkt mit Gunkel. Gunkel wollte den .,schriftstellernden
Propheten" abspüren, ,.daß sie ihre Gedanken von Jahwe selber haben" und
daher "ihre Predigt" beginnen ..mit dem Satze: ,so hat Jahwe zu mir gespro-
chen'", d.h . .,diese Gedanken hat Jahwe mir eingegeben".!~ "Die nicht ver-
miuelbare und letztlich unerklärbare Gotteserfahrung war für H.Gunkel
Kern und Wesen der Prophetie."!~
Bei Lindbiom deutet sich eine Differenzierung an, die sich bei Köhler
nicht findet; Lindbiom unterscheidet zwischen ,.so spricht Jahve" und
..... 'ämar Jahwe". Die Formel .. so spricht Jahve" kann. so Lindblom. etwa
bei Jeremia (wie auch bei Amos und Jesaja) .. nur in unechten oder überar-
beiteten Textstücken" aufgewiesen werden; weiterhin grenzt er von diesen
Formelvarianten den Typ ,.w~''dmaruf ('~'mor) ko 'ämar Jahwe" ab, der den
"ausdrücklichen Befehl" enthält, das göuliche Wort anderen zu verkün-
den.!• Mit dieser Differenzierung in verschiedene Unterformeln. die noch
sehr schwach und noch nicht zufrieden stellend vorgenommen ist. ist ein
Weg eingeschlagen, der in der weiteren Forschung - nicht zuletzt bis hin
zur vorliegenden Arbeit - zunehmend beschriuen wurde; Lindbioms Ar-
beiten haben also eine Entwicklung eingeleitet. die bis heute anhält.
Kaum eine spätere Arbeit verzichtet darauf. sich auf Köhler und Lind-
biom zu beziehen; alle Nachfolgenden lehnen sich an die Beobachtungen

:: Lindblom. Literarische Ganung. I06.


:• Lindblom. Literarische Ganung. 107. Zuweilen schimmert nach Lindbiom der Pro·
klamationsstil durch. wenn es etwa Jer 32.26ff heißt: ... Da erging das Wort Jahves an mich:
Fürwahr. ich bin Jahve. der Gon alles Fleisches. sollte mir irgend ein Ding unmöglich sein?
Darum. so spricht Jahve: Ja. ich übergebe diese Stadt in die Hand der Kaldäer und in die
Hand Nebukadnesars. des Königs von Babel. dass er sie erobert.· [ ... ] Es ist bezeichnend.
dass diese proklamatorische Stilform erst in späteren Zeiten auftrin. in denen man vorausset·
zen kann. dass das jüdische Volk mit der politischen Terminologie der Grassmächte in nähere
Berührung gekommen war." A.a.O. 108.
1• Gunkel. Propheten. 1539 .

.!" Blenkinsopp. Geschichte. 26.


:r. Alle Zitate in diesem Satz: Lindblom. Literarische Ganung. 110-111.
30 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Formel

der beiden an oder verweisen auf sie. Für beide Arbeiten gilt aber, dass es
sich nicht um Spezialuntersuchungen zur ko 'ämar-Formel handelt; Köhler
und Lindbiom wollten auf anderes hinaus und mussten das Problem der ko
'ämar-Formel nur unter anderem berücksichtigen. Etliche Fragen und Fol-
gerungen hinsichtlich der ko 'ämar-Formel und ihres Bezugs zum propheti-
schen Selbstverständnis blieben daher offen.

2.2 Die Arbeiten zur ko 1ämar-Forrnel als "Botenformel"


bis einschließlich Westermann

Nicht lange nach Lindbiom und Köhler hat Wolff2' in seinen Arbeiten, von
der Zweiteilung des Prophetenspruchs (im Anschluss an Gunkel u.a.) aus-
gehend, herausgearbeitet, dass das Drohwort, vor dem normalerweise die
ko 'ämar-Formel steht, dasjenige Stück des Prophetenwortes sei, das der
Prophet empfangen habe und nur weitergäbe. Das Scheltwort, das Wolff
"Begründung" nennt, beinhalte dagegen ein Stück prophetischer Reflexion,
das somit gegenüber dem geoffenbarten Drohwort eine nachträgliche Hin-
zufügung durch den Propheten selbst sei:
"Das Heils- und Unheilswort ist durch ko 'amar JHWH und verwandte Formeln
als empfangenes Jahwewon herausgehoben, während die Begründung weithin
als des Propheten eigenes Won außerhalb steht." 2"
Aufgenommen wurde von Wolff also die Ansicht, dass der Prophet das ei-
gentliche Gotteswort von Jahwe empfängt; dies wird "durch ko 'amar
JHWH und verwandte Formeln" eingeleitet; eine Differenzierung bzw. eine
Betrachtung der verschiedenen Formeln hat Wolff nicht im Blick. Für
Wolffist die als "Botenformel" verstandene kO 'ämar-Formel ein Schlüssel
für das Selbstverständnis der Prophetie;:!'' auch wenn bei ihm die Reflexion
des Propheten, die sich in der Begründung der Gottesworte findet. eine
große Rolle spielt.
Von Wildberger10 schließlich stammt der Terminus Botenforme/,' 1 der
spätestens seit Köhler in der Luft lag, vgl. Formulierungen Köhlers wie:

1' Vgl. Wolff. Begründung; Wolff. Zitat.


!H Wolff. Zitat. 71.
2'J •• Die Propheten sind offenbar ganz beherrscht von der Botschaft. die sie auszurichten
haben[ ... )."' Wolff. Goueserfahrung. 27.
10 Daraufhat hingewiesen: Schmid. ,~~ (THAT). 215. später auch: Rouzoll. KH 'MR ... ·
LegitimationsformeL 323.
' 1 •• Wir nennen [... ) die Formel [... ) dementsprechend Botenforme/." Wildberger. Jah-
wewort. 48.
Die Arbeiten zur kö 'ämar-Formel als .. Botenformel" bis Westermann 31

..Im Botenspruch redet der Absender, der Bote ist nur Stimme, eine einleitende
Formel nennt den Absender, oft auch den Empfanger."' 1
..Zusammenstellung der von Dtjs gebrauchten Formeln des Botenspruches.""
Wildberger untersucht die ko 'amar-Fonneln des Jeremiabuches. Auch er
unterscheidet nicht verschiedene Typen der ko 'amar-Fonnel. Auf seine Be-
obachtung vom Wuchern der Formel im Jeremia-Buch ist in Kap. 6.2.5.5
noch einmal einzugehen.

Viele der vorher geknüpften Fäden laufen bei Westennano zusammen; aus
diesem Grund wie auch aufgrund der starken Wirkung, die Westennanns
Arbeit bis heute ausgelöst hat, rechtfertigt sich eine ausführliche Darstel-
lung der Westennann'schen Position." Die These Westennanns lässt sich
dabei vorweg in einem kurzen Satz zusammenfassen: Propheten sind Boten.
Westennano hat in seinem Buch Grundformen prophetischer Rede den
Teil B. II diesem Problem gewidmet. Die Überschrift lautet: Das propheti-
sche Wort als Botenwort; die Unterkapitel behandeln die Botensendung
(70-82) sowie Botensendung und Botschaft von Gott {82-91 ). Westennano
bündelt die vorgetragenen Beobachtungen zur ko 'amar-Fonnel und wertet
sie hinsichtlich des Grund- bzw. Gesamtverständnisses der Prophetie aus.
Hauptfaktum ist für Westennano die Einsicht, dass das ,,Prophetenwort [... ]
Botenwort [ist)".·'~
Westennano kommt durch folgende Überlegungen zu dieser These: Zu-
nächst rekonstruiert er den Botenvorgang im AT anhand eines narrativen
Textes; er geht davon aus, dass man vor der Analyse prophetischer Texte
die Sachlage des Botenvorgangs an Stellen wie Gen 32,4-6 rekonstruieren
kann. Im Gegensatz zu den meisten Texten der Schriftprophetie bieten sol-
che narrativen Stellen den Vorteil, dass der Erzählzusammenhang einigen
Aufschluss gibt. Außerdem handelt es sich um einen Beleg für einen profa-
nen Botenvorgang; von daher ist eine solche Stelle nicht mit der ganzen
Offenbarungsproblematik verquickt und kann gelassener analysiert werden.
Das Vorgehen und die Wahl des Beispiels sind bei Westennano von seinen
Vorgängern beeinflusst; der Rekurs auf Gen 32 findet sich schon bei Köhler
{s.o.). Und Westennano hat wiederum mit seiner Ausrichtung auf Gen 32
auf die meisten nach ihm Einfluss ausgeübt. Das Beispiel Gen 32 ist daher
höchst repräsentativ; es soll auch hier zur Erläuterung von Westermanns
Sicht angeführt werden. Die folgende Übersicht zu Gen 32,4-6 entspricht
ganz der Westennano' sehen Darstellung: 16

'1 Köhler. Deu1erojesaja. 102.


" Köhler. Deulerojesaja. 109.
•• Vgl. Weslermann. Grundformen.
" Weslermann. Grundformen. 72.
'• Nach: Weslermann. Grundformen. 72.
32 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Fonnel

Gen 32,4-6
Bericht einer Sendung: Und es sandte Jakob Boten vor sich her
Adresse: zu seinem Bruder Esau
On: in das Land Seir, das Gefilde Edom.
Einleitung des Auftrags: Und er gebot ihnen also:
Botenauftrag: So sollt ihr sagen zu meinem Herrn Esau
Botenfonnel: So hat gesprochen dein Knecht Jakob:
Botenspruch:
berichtender Teil: Ich war Fremdling bei Laban u. weilte dort bis jetzt.
Ich gewann Rinder. Esel. Kleinvieh u. Knechte u.
Mägde.
finaler Teil: Und ich sandte Nachricht zu meinem Herrn.
Gnade zu finden in deinen Augen.
Die Westermann'sche Analyse von Gen 32, die sich in der voranstehenden
Übersicht über Gen 32 ausdrückt, ist zunächst einmal plausibel\7 - wenn
auch die ko 'ämar-Formel wohl eher nicht vergangen, sondern präsentisch
zu verstehen ist (vgl. dazu unten Kap. 4, 5 und 6), und wenn man von der
vorausgesetzten Verbindung von "Botenformel" und Botenspruch (vgl. da-
zu unten Kap. 5.5) einmal absieht. Westermann gewinnt mit dieser Analyse
die Struktur des Botenvorganges, den er analog auch bei den Propheten vo-
raussetzt:
.. Bei der Anwendung der Botenfonnel im Prophetenwort ist mit dieser Fonnel
der ganze Botschaftsvorgang auf das Geschehen der Prophetie übertragen vor-
auszusetzen. [... ] wir [haben] so die Struktur des Vorgangs gewonnen. den wir
Prophetie nennen. "'g
Zwei Grundannahmen, von denen Westermann ausgeht, behalten bis heute
ihre Gültigkeit: (a) erstens die Annahme, dass die ko 'ämar-Formel eine
Schlüsselformel für das Verständnis der Prophetie ist; das hatte Wester-
mann ja schon an Lindbiom hervorgehoben (vgl. oben Anm. 16); angesichts
des zahlenmäßig hohen Vorkommens in den Büchern der Propheten ist die-
se Annahme bis heute nicht ernsthaft bestritten worden; (b) zweitens die
Erkenntnis, dass der Einsatz bei den erzählenden Texten für die inneralt-
testamentliche Untersuchung der ko 'ämar-Formel der einzig sinnvolle ist.
weil nur erzählende Texte genügend Umfeldinformation bieten, um auf den
richtigen Sinn der ko 'ämar-Formel zu kommen.
Die Defizite des bis hierher vorgetragenen Wcstermann'schen Gedan-
kenganges werden sich schnell zeigen, wenn im nächsten Kapitel andere
Zugänge zur ko 'ämar-Formel und damit zum Botenvorgang behandelt wer-
den; diese werden deutlich machen, dass es nicht nur den einen, von Wes-
termann anhand von Gen 32 rekonstruierten Botenvorgang im AT gibt.
sondern dass es auch andere Deutungen des Botensystems und der .. Boten-

l7 E11plizit stimmt ihr auch Heinen. »Menschensohn ···"· 20-21 zu; vgl. auch: Grec:ne.
Role. 79-80.
"' Westermann. Grundformen. 72.
Die Arbeiten zur ko 'ämar-Formel als .. Botenformel" bis Westermann 33

formeln" gibt; entsprechend differenzierter wird man dann auch mit der
Übertragung des Botengedankens auf die Prophetie zu verfahren haben.
Das zentrale Problem, das bei allen Erörterungen Westermanns zur kO
'ämar-Formel im Hintergrund steht, ist das Offenbarungsproblem. Wester-
manncharakterisiert die Offenbarungsweise bei den Propheten ganz analog
zum Botenvorgang: Wie der Königs-Bote seine Botschaft vom König erhält
und sie ausrichtet, so erhalten die Propheten ihre Offenbarung von Gon, um
sie auszurichten. An anderer Stelle hat Westermann das noch einmal kon-
kretisiert:
.. Es ist die Botenformel, mit der der Bote die ihm aufgetragene Botschaft ein-
leitet. wenn er vor dem steht. dem er sie zu überbringen hat. Um Sinn und Be-
deutung dieser Formel recht zu verstehen, müssen wir uns eine Zeit vorzustellen
versuchen, in der es - noch vor der Erfindung der Schrift- eine Übermittlung
von Botschaften a/lei11 durch den Boten gab, der, vor dem Absender der Bot-
schaft stehend, sie in sein Gedächtnis aufnehmen, über den Abstand hinüber bei
sich bewahren und, wenn er vor den Adressaten trat, sie diesem mündlich wie-
dergeben mußte. Dies geschah in direkter Rede, die der Bote einleitete:
.So hat N N gesprochen: ... ·
Damals lag alles an der treuen und zuverlässigen Übermittlung des Boten. [ ... ]
Wenn die Propheten ihre Worte einleiten: .So hat Jahwe gesprochen', so weisen
sie sich damit als Boten in dem alten, ursprünglichen Sinn des Wortes aus."'''
Hier tritt Westermanns Botenverständnis noch einmal klar hervor: Der Bote
ist der Überbringer der ihm aufgetragenen Botschaft. Analog dazu über-
bringt der Prophet die von Gon empfangene Botschaft.
Ein solches vermitteltes Offenbarungsgeschehen ist nach Westermann
kennzeichnend für die Prophetie; er begreift die ganze alttestamentliche
Prophetie mit ihrer vermittelten Offenbarungsform als einen bestimmten
Zeitabschnitt innerhalb der biblischen Offenbarungsgeschichte:
.. Voraussetzung zum Verständnis des prophetischen Wortes als Botenwort ist,
daß vom Ganzen der Bibel her Gott an diese Offenbarungsform nicht gebunden
ist. daß es vor und nach der Prophetie andere Offenbarungsarten gegeben hat,
daß also die Prophetie einem bestimmten Zeitabschnitt zugehört und an diesen
Zeitabschnitt gebunden ist. .... ,
Westermann sieht die Propheten neben dem König und den Priestern agie-
ren; die Propheten setzten immer neben sich eine .,Instanz zur Leitung des
Volkes" voraus. bejahten also das Königtum; ebenso haben nach Wester-
mann die Propheten niemals das gonesdienstliche Geschehen revolutionie-
ren wollen; sie seien nicht der Meinung gewesen. dass "das durch sie erge-
hende Wort Gottes, das Botenwort also, [ ... ] an die Stelle des gonesdienst-
lich vermittelnden Wortes treten [müsse]"."•

''' Westermann. Altes Testament. 189-190.


"'' Westermann. Grundformen. 70.
~ 1 Westermann. Grundformen. 70.
34 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Formel

.. Bei aller Schärfe der Kritik am Königtum wie am Priestertum, Kultprophelie


und den Heiligtümern sind uns solche Prophetenworte nicht überliefert, die eine
Gesamtwandlung der politischen oder der gottesdienstlichen Ordnung forderten.
die das Programm einer Neuordnung des politischen oder des kulturellen Ge-
samtbereiches enthielten. "~ 1
Auf das Offenbarungsproblem gewendet heißt das für Westermann: .. [Die
Propheten] hatten einen Ruf in eine bestimmte Stunde hinein zu rufen. Das
Prophetenwort als Botenwort ist dann nicht überall und allezeit gültige
Offenbarungsform, sondern die für diesen Zeitabschnitt in diesen Grenzen
für notwendig befundene."~'
Für Westermann ist die wechselnde Offenbarungsform das Unterschei-
dungskriterium für die Abgrenzung der Offenbarungsabschnitte: Die ver-
mittelte Offenbarung ist für die Prophetie kennzeichnend. Davor sei die Di-
rektheit charakteristisch, in den Vätergeschichten etwa spricht Gott direkt
zu den Vätern. Ein Übergang zeige sich in der Josephsgeschichte, wo Gott
sich im Traum offenbart; eine ähnliche Übergangsform ist der malak yhwh,
der zwar auch Bote ist, aber nicht als "kontinuierliche Person existiert".~~
.. Nach der Epoche der Prophetie zeigt sich eine vielfach erkennbare und in der
Forschung allgemein erkannte Tendenz zur Transzendierung Gottes. Nach dem
Ende der Prophetie gehört die direkte wie die indirekte Gottesoffenbarung der
Vergangenheit an; Gotteswort ist jetzt identisch mit schriftlich vorhandenem
Gotteswort. Die Prophetie ist damit als ein Übergangsstadium bestimmt, das
Botenwort ist die bezeichnende Form der indirekten Offenbarung: Gott spricht
nicht mehr zu dem König, er spricht auch nicht mehr direkt in Zeichen oder aus
dem Opfer oder im Losorakel oder im Gottesurteil zum ganzen Volk; Gott
schickt Boten."~~
Unausgesprochen bleibt bei Westermann, wie er sich in der Epoche der
Prophetie die Beauftragung der Propheten konkret vorstellt. Mit dem Blick
auf zu Westermann zeitgenössische Vorstellungen könnte man auf Eissfeldt
verweisen, um diese Lücke zu schließen; er hat vermutet, dass die .. [l]etzte
Quelle des Prophetenspruches [ ... ] der Zustand ekstatischer Ergriffenheit
[ist). der den Propheten über dieser Wirklichkeit liegende Bilder schauen
und Menschenohr sonst unerhörte Stimmen vernehmen läßt. Schauungen
und Worte, die ihm Jahwes Wesen und Willen enthüllen" ..w. In dieselbe
Richtung weist Gunkels Wort von den geheimen Offenbarungen.

~ 2 Westermann. Grundformen. 70. Die Wertung der Propheten als Kritiker hat in neuerer
Zeit Zenger deutlich unterstrichen: .. Der Prophet ist von seinem Grundimpetus her Kritiker.
Visionär und »Protestant«, dessen einzige Legitimation die Gottunmittelbarkeit ist. Als »Pro-
testant« ist er (bzw. das nach ihm benannte Buch) die notwendige Gegeninstanz zum Amt
und zur Institution." Zenger, Einleitung. 377.
~· Westermann. Grundformen. 70.
~ Westermann. Grundformen. 71.
~· Westermann. Grundformen. 71.
"" Eissfeldt. Einleitung. 102-103. Ähnliche Positionen werden auch heute vemeten:
Niehr etwa führt den .. himmlischen Thronrat". in den sich der Prophet versetzt wähnt. als
Exkurs I 35
Das Offenbarungsproblem ist das entscheidende theologische Problem, das
mit den prophetischen Äußerungen. die kö >ämar-Formeln enthalten, ver-
bunden ist. Die These von der eigenen Offenbarungsepoche der Prophetie
bildet das Schlussstück einer ersten Entwicklung, die mit Köhler und Lind-
biom beginnt. indem beide die Formel so spricht Jahwe in den Zusammen-
hang des Botenwesens gestellt haben; diese Erkenntnis wurde von den Spä-
teren aufgenommen, bis Westermann den Botengedanken zum Hauptcha-
rakteristikum der Prophetie im AT erhob und ihn für die offenbarungsge-
schichtliche Einordnung der Prophetie nutzte. Dieses Bild der Propheten als
Boten samt einer damit korrelierenden Sicht der Offenbarung haftet den kö
>ämar-Formeln an, wo immer sie als .. Botenformeln" benannt werden} 7
Einzelne spätere Forschungen (vgl. folgendes Kap.) haben mit diesem
Diskussionsstand gerungen und teilweise neu oder anders angesetzt. Wenn
die kö >ämar-Formeln vom Typ so spricht Jahwe "etwas von dem Wesen
der Prophetie aussagen können, so wie dies in den Prophetenbüchern selbst
verstanden ist",.as bedeutet ein verändertes Verständnis der kö >ämar-Formel
auch ein verändertes Verständnis vom Wesen der Prophetie überhaupt. Das
bedeutet aber auch: Jede Erkenntnis über die kö >ämar-Formel schlägt dann
durch auf die Erkenntnis des Selbstverständnisses der Propheten bzw. Pro-
phetenbücher bzw. ihrer Verfasser und Bearbeiter.

Exkurs I : Die These von den Propheten als Boten und ihre
Stellung zur Theologiegeschichte des 20. Jh. - eine Skizze

Erst im 19. Jh. ist, so Rad, ..[... ] die Prophetie als ein religiöses Phänomen
sui generis - man kann geradezu sagen - entdeckt worden";'' nachdem
zuvor die Propheten (im Judentum wie im Christentum) meist als Ausleger
des Gesetzes verstanden wurden.<()
Ewald, Weilhausen und Duhm, die diese Phase der Prophetenforschung
prägten, zeichneten die Propheten als die geistig führenden Einzelgestalten
des israelitischen Volkes. In dieser frühen Phase der kritischen Propheten-

einen möglichen On der Beauftragung an: .. Mit der Verwendung dieser Formel gibt sich der
Prophet als von Gou gesandter und autorisiener Sprecher zu erkennen. Die voraufgehende
Botenbeauftragung kann im himmlischen Thronrat stallgefunden haben ([ ... ) Jes 6 [ ... )).
allerdings steht diese Vorstellung nicht hinter jeder Verwendung der Bf." Niehr. Botenfor-
meVBotenspruch. 319.
• 7 Vgl. dazu die Belege. auf die in Kap. 2.:U.2 verwiesen wird.
•• Westennann, Grundformen. 24.
•·• Rad. Theologie 2, 13. Diese Sicht wird weithin geteilt. vgl. Jeremias. Grundtenden-
zen. I: Blenkinsopp. Geschichte. 22.
'" Vgl. Koch. Profeten I. 16: Blenkinsopp. Geschichte. 20-22.
36 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Formel

forschung finden sich keine Hinweise auf eine Deutung der Propheten als
Boten: werden die Propheten als Angehörige der ,.höchste[n] Schicht von
Philosophen. Männern der Wissenschaft. Staatsmännern. Dichtern. Künst-
lern" eines Volkes betrachtet (so Duhm''). damit als herausragende Indivi-
duen. so führt kein Weg zum Bild des Propheten als Boten. einem Bild. das
immer in Gefahr steht, den Propheten - gar nicht mehr individuell - als
(unselbständiges) Instrument und Medium misszuverstehen.
Nachdem Form- und Religionsgeschichte' 1 die In-Frage-Stellung des
Bildes vom großen Propheten durch Aufweis der formbezogenen wie stoff-
bezogenen Bindung der Propheten eingeleitet hatten. waren es die Exegeten
um die Mitte des 20. Jh .. die einen neuen Zugang zur Prophetie fanden. Wie
anhand der Position Westennanns gezeigt (s.o. Kap. 2.2) stand die neue
Sicht. die von Wolff, Rad u.v.a. geteilt wurde (s.u. Kap. 2.3). wesentlich im
Bann der These vom Propheten als Boten.

M.E. lassen sich Gründe benennen, warum sich die Anschauung vom Pro-
pheten als Boten zur dominanten Deutekategorie des mittleren und ausge-
henden 20.Jh. entwickelt hat. Sie haben vor allem mit der Nähe zu Grund-
anschauungen der Dialektischen Theologie zu tun!' die prägende Wirkun-
gen bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, ja bis heute hat; für
die Exegese besonders bestimmend waren dabei Bultmann und Banh. ••
Um diese Nähe zu erläutern. will ich noch einmal bei Westermann als
dem repräsentativsten Vertreter der Deutung der Propheten als Boten anset-
zen (s.o.)." Er beschrieb den prophetischen Botenvorgang folgendennaßen:
..Zu ihrem [der Propheten] Wesen gehört das völlig Ungreitbarc. das [... ] aller
Institutionen, aller von Menschen aufgerichteten Grenzen und Konventionen
spottet. So steht ein Prophet plötzlich vor dem Volk oder vor dem König mit ei-
nem Wort von Gott."\6

'' Duhm. Israels Propheten. 7-8.


'1 Vgl. bes. die Arbeiten von Gunkel. Einleitungen zu: Die großen Propheten: Gunkel.
Reden: Gunkel. Propheten: Hölscher. Propheten: Hölscher. Hesekiel.
'' Vgl. Scholder. Emeuerungsbestrebungen. 264-271.
'"' Vgl. Scholder. Theologie. 314: .. Das beherrschende dogmatische Werk m dcn Jahren
nach dem Krieg stellte ohne Frage Karl Barths •>Kirchliche Dogmatik« dar. [... ( der uner·
schöpniche Reichtum dieser säkularen Leistung wirkte sich auf alle Gebiete der Theologie:
aus[ .. .(."' Moeller. Geschichte. 371: •. Die Dialektische Theologie hat sich mit ihren Grundaus-
sagen im Protestantismus Kontinentaleuropas weitgehend durchgesetzt. und auch in die an-
gelsächsischen Länder sowie in den katholischen Bereich ist sie eingedrungen. Und auch
don. wo ihre Einwirkungen im einzelnen begrenzt bleiben. bestanden doch in den Prinzipien
und in der Grundhaltung vielfach Gemeinsamkeiten."' Vgl. auch Härle. Dialektische Theolo·
gie. 683-696; Sauter. Dialektische Theologie. 865-870; Herms. Glauben und Verstehen. 346-
348.
" Vgl. das vorige Kap. 2.2.
"' Westcrmann. Altes Testament. 180.
Exkurs I 37

Die Propheten als Boten Gottes traten also, so die Sicht Westermanns, den
israelitischen Königen und dem Volk Israel gegenüber, sie konfrontierten
beide mit dem Wort Gottes, das (in wörtlichem Sinne) ihre Existenz in Fra-
ge stellte (Unheils-/Heilsankündigungen);'7 sie brechen quasi in die Existenz
des Königs und des Volkes (von Jahwe geschickt) herein; sie waren Ver-
treter des "völlig Ungreitbaren", kündeten das unverfügbare Wort Gottes;
auch vermittelten sie den Anspruch Jahwes gegenüber seinem Volk und
hatten "in eine bestimmte Stunde hinein" zu rufen.~
Wie an der pluralischen Formulierung (Westermann spricht meistens
von den Propheten) deutlich wird. stand bei dieser Gesamtsicht nicht die In-
dividualität des Propheten im Vordergrund, sondern die (Schrift-)Prophetie
als ganze, sozusagen als kollektives Sprachrohr des Wortes Gottes, geeint
durch den bei fast allen Propheten vorfindliehen Ausweis des Botenwortes,
der ko 'ämar-Formel.'''
Die Nähe zwischen der Deutung der Propheten als Boten und der Dia-
lektischen Theologie lässt sich etwa daran festmachen, dass die Charakte-
ristika der Westermann'schen Position in einer auffallenden Weise Topoi
dialektischer Positionen, etwa Bultmanns, entsprechen: Gott als Gegen-
über,00 der Anspruch an den Menschen, 61 die Infragestellung des Menschen,•1
seiner Existenz, Propheten als Künder des Wortes Gottes, 6 ' das völlig On-
greifbare der Prophetie bzw. des Wortes Gottes, Rufen in die Stunde hi-
nem. "' u.a.
..
Diese Entsprechungen haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass
die These vom Propheten als Boten eine so hohe Prominenz erreichen
konnte: Einsichten der Dialektischen Theologie ließen sich so unschwer im
biblischen Grund finden, dienten damit sofort auch der Legitimierung der
Dialektischen Theologie selbst, bestätigten den biblischen Ansatz.

' 7 Vgl. auch ähnliche Anklänge bei Rad: .. [... ) . Wort Jahwes'. Dieses Wort Jahwes isl
zwar Vorausselzung und lnhall ihrer [der Prophelen] Bo1schaf1. es isl schlechlerdings die
Grundlage ihrer ganzen Eltislenz [... 1." Rad. Theologie 2. 89.
'• Weslermann. Grundformen. 70.
·"' Nichl wesenllich anders ha1 in dieser Hinsichl Rad die Prophe1en verslanden: .. Es war
bekannllich im Allerturn ein weil verbreileler Brauch. daß der mil irgendeiner Meldung enl-
sandlc Bole sich seiner Bolschafl bei dem Empfänger derart cnlledigle. daß er im lchs1il sei-
nes Auflraggebers sprach. daß er also sein eigenes Ich ganz auslöschle und so sprach. als
spräche sein Herr aus ihm den Empfanger selbsl an. Beispiele filr diese mil .so sprich!...· ein-
geleilele, also ganz wehliehe Bolenrede finden sich im Allen Tes1amen1 noch. Dies isl also
die Form. deren sich die Prophelen vor allen anderen bedien! haben. um ihre Bolschafl auszu-
richlen. und diese Talsache isl für das prophelische Selbslversländnis wichlig. Sie haben sich
als Abgesandle, als Bolen Jahwes verslanden." Rad. Theologie 2. 45. Das Individuelle der
Prophelen drohl bei dieser Posilion hinler dem Signum des Bolen ganz zu verschwinden.
"' Vgl. Buhmann, Krisis, 9-10.
" 1 Vgl. Buhmann. Liberale Theologie. 19.
61 Vgl. Buhmann. Liberale Theologie. 18.
•• Vgl. Buhmann. Begriff. 281.
"' Vgl. Buhmann. Begriff. 273.
38 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Formel

Außerdem war diese dialektisch geschulte Sichtweise der Propheten


auch geeignet, auf Verhältnisse der Gegenwart angewandt zu werden: Der
biblische Grund, das prophetische Wort und die Stellung der Propheten als
Boten Gottes gegenüber König (und Volk) waren ohne weitere Umschweife
übertragbar in die Gegenwartstheologie, in die Handlungsfelder der Kirche.
vor allem auf die Gesamtsituation von Kirche und Staat; die existenzielle
Grundsituation, der Ruf zur Umkehr. die Stellung der Propheten als Antago-
nisten zum Staat hatten eine gewisse Entsprechung zu der Stellung der
(auch durch die Dialektische Theologie geprägten) Bekennenden Kirche ge-
genüber dem nationalsozialistischen Staat;•' die Entsprechung wurde nicht
weniger bedeutsam in der Zeit nach 1945, als führende Köpfe der Beken-
nenden Kirche das theologische und kirchliche Leben weithin dominierten
und die Position der Kirche als eigene Größe gegenüber dem Staat durch
den Gang der Geschichte in ähnlicher Weise legitimiert ansahen, wie die
durch den Gang der Geschichte bestätigte prophetische Verkündigung im
AT Auch profitierte die Deutung des Propheten als Boten selbst von dem
Ansehen der Dialektischen Theologie, sodass sich insgesamt ein Synergie-
effekt mit weit, z.T. bis heute, reichender Wirkung ergab.
Zu einem Hinterfragen der Bedeutung der ko 'ämar-Formeln kam es
erst, als die Bedeutung der Dialektischen Theologie und der Bekennenden
Kirche abnahm bzw. die Kritik geschah vor einem Hintergrund, der ohne-
hin nicht von diesen theologisch-kirchlichen Strömungen beeinflusst war
(vgl. das nun anschließende Kap.).

2.3 Forschungen zur k6 1ämar-Formel nach Westermann

2.3.1 Neue Erkenntnisse zu einzelnen Aspekten der ko 'ämar-Formel

Mit den nun anzuführenden Arbeiten zur ko 'ämar-Formel. die nach Wcs-
termanns Buch von 1960 erschienen sind, ist der Punkt erreicht, an dem
neue Probleme und Beobachtungen auftauchen; sie gehen zwar über die
bisher besprochenen Arbeiten hinaus. setzen aber die skizzierte Problem-
lage voraus. Es handelt sich dabei durchweg um Einzelansätze, die bisher

•·' Vgl. Weslennann, Alles Tes1amen1. 243-244: .. Das KönigiUm. das sich auf eine göll·
liehe Sliflung berief.[ ... ] bewirkle [ ... ).daß[ ... ] die wichligen Enlscheidungen sowohl polili·
scher als auch religiöser Arl immer mehr der LeiiUng. also den Königen und ihren Prieslern
überlassen wurden. [ ... ) Die Prophelen haben sich gegen diese Enlwicklung geslelll." ln
Enlsprechung zu dieser von der alueslarnenllichen Exegese akzeniUienen Sichl der Prophc1en
kann man von den Milgliedern der Bekennenden Kirche reden. die sich gegen die polilischen
Enlwicklungen nach 19JJ geslelll haben.
Forschungen zur ko 'ämar-Formel nach Westerrnann 39

noch nie systematisiert und vollständig in eine Untersuchung einbezogen


wurden.
Beginnen will ich mit einem Aufsatz von Bj0rndalen. der der Frage
nachgegangen ist, wie es sich mit der Zeitstufe in der ko 'ämar-Formel ver-
hält."" Bisher war diese Frage kaum eigens thematisiert worden, obwohl sie
unterschiedlich gehandhabt wurde. Köhler und Lindbiom etwa übersetzen
mit Präsens, Gunkel meist, Westermann oft mit Perfekt."' Allerdings diffe-
renziert Westermann explizit: Die ko 'ämar-Formel "kommt zweimal vor:
der Absender leitet mit ihr seinen Botenspruch ein [... ]. Wenn dann der
Bote angekommen ist, leitet er mit der Botenformel das ihm anvertraute
Wort ein [... ]. In diesem doppelten Ort der Botenformel ist es begründet.
daß das hebräische Perfekt 'ämar von uns nicht eindeutig mit unserem Prä-
sens oder Perfekt wiedergegeben werden kann. Denken wir an den Augen-
blick der Beauftragung, so müssen wir sagen: so sagt NN; denken wir an
den Augenblick der Ausrichtung. so ist genauer: so hat NN gesagt."""
Bj0rndalen führt nun als Kriterium für vergangene oder präsentische
Übersetzung in der ko 'ämar-Formel ein, dass präsentisch zu übersetzen sei,
wenn in der Botschaft jemand irn Vokativ angeredet werde. "Wo die For-
mel mit dem Vokativ des Empfängers oder der Empfänger kombiniert ist.
ist ihre Zeitstufe zwingend Präsens."6'' Bj0rndalen hat eine sehr eigene Vor-
stellung über den Vokativ, die ich an einem Beispiel erläutern will:
Gen 32.5 i~ll~
' .. : ·J~K~
. . ·~iOK;,
I I
;-rj ibK" .•
:JiiN
..
1;:;•': 5
-:-

[. . ]::~~r 1l=?~ iQ~ :1:


[Jakob sendet Boten zu Esau:] V.5 Er befahl ihnen folgendermaßt•n: So
Jollt ihr zu meinem Herm. :u E.wu. Jagen: So Jpricht dein Knecht Ja/wb:
/ ... }
Bj0rndalen ist nun der Auffassung, dass hier in dem ko 'ämar-Satz. der von
den Boten zum Adressaten gesprochen werden soll, eine ..Anredeform"
(il=?P) vorliegt, die er Vokativ nennt und die - laut Bj0rndalen - zwin-
gend darauf hinweist, dass die Zeitstufe hier Gegenwart sein muss ... Der

"" Bj0rndalen. Zeitslufen. Bj0rndalen gebraucht den Ausdruck .. Zilalformel"' synonym


zu .. Bolenformel'": um Verwechslungen mit anderen Auffassungen von .. Zitatformel'" zu
vermeiden. verwende ich den Ausdruck bei der Darstellung seiner Position nicht.
" So in neuerer Zeit: Meier. Speaking passim und daran anknüpfend Schöptlin. Theolo-
gie als Biographie. 93: .. Deshalb erschein! das Verbum im Perfekt. denn zu dem Zeitpunkt.
wo das Zitat als das Wort eines anderen wiedergegeben wird. liegt das aulhemische Ausspre-
chen desselben in der Vergangenheil - deshalb ist 'ämar auch präterilal wiederzugeben.""
Allerdings ist der Rekurs auf das hebräische Perfekt hier irreführend. zur Tempusproblematik
im Hebräischen vgl. immer noch Michel. Tempora: zur Übersetzungsproblematik auf prag-
matischem Hintergrund vgl. unten S. 42-43.
"" Westermann. Grundformen. 72. Andres Smalley. Translating. der für eine durch-
gängig präsentische Übersetzung plädiert.
"' Bj0rndalen. Zeitstufen. 398.
40 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Fonnel

Vokativ kann in verschiedener Weise ausgedrückt sein: durch selbständiges


und durch unselbständiges Personalpronomen 2. P. sowie durch Verbfor-
men 2. P." 70
Von solchen präsentischen Verwendungen unterscheidet Bj0mdalen ein-
deutig vergangen zu übersetzende Fälle. etwa diejenigen. die eine modifi-
zierte Form der ko 'ämar-Formel enthalten. nämlich ko 'ämar yhwh 'elay.
Die Zeitstufen der ko 'ämar-Formeln waren eigentlich solange kein Pro-
blem. wie die Forschung davon ausging. dass es bei dem Botenvorgang um
die Übermittlung. um die Ausrichtung einer zuvor im Wortlaut von dem
Adressaten festgelegten Äußerung ging. Eine Differenzierung der kO 'ämar-
Formel in verschiedene Formen und Verwendungsweisen. die sich in den
Übersetzungen in verschiedenen Zeitstufen niederschlagen. ist ein Novum
in der Forschungsgeschichte.
Michel greift den Ansatz Bj0rndalens auf und findet eine weitere Ver-
wendungsweise der ko 'ämar-Formel. die sich in einer Gestalt-Modifikation
der Formel niederschlägt: 71 Für Michel stellt die mit ki eingeleitete ko
'ämar-Formel eine Zitatformel dar. Ich zitiere aus dem Handout seines Vor-
trages auf dem Kongress der Society of Biblical Literafllre (SBL) in Wien
1990:
.. Allem Anschein nach wird in diesem Element [der mit ki ko 'ämar eingeleitete
Teil des Prophetenspruchs] ein- wie auch immer- vorliegendes und dem Pro-
pheten bekanntes Jahwewort als Begründung für seine Anrede bzw. Aufforde-
rung angeführt."
In einigen Fällen mit unerweiterten ko 'ämar-Formeln muss man nach Mi-
chel wohl annehmen. dass das Gotteswort dem Propheten .. in einer beson-
deren Weise (einer Schauung?) kundgetan worden ist"; in anderen mi1 ki ko
'ämar eingeleiteten Belegen scheint aber ein Zitat aus bereits vorhandenen
Worten vorzuliegen.

70 Bj0rndalen. Zeitstufen. 396 Anm. 22. Ähnlich wie Bj0mdalen argumentiert Warmuth.

der in Am 5.4 ein Zitat finden will. weil in der Formel der Adressat genannt ist. vgl. War-
muth. Mahnworl. 28; doch liegt der Zitatcharakter nicht am genannten Adressaten. sondern
am vorangestellten •;,, wie gleich anschließend anhand der Überlegungen Michels zu zeigen
sein wird.
71 Präludiert waren Michels Überlegungen zur Bedeutung von ki bei den kö 'cimar-For-
meln durch einige grammatische Arbeiten zu ki und einige Randbemerkungen in e~egeti­
schen Arbeiten; vgl. Michels eigene Arbeiten (dazu Kap. 5.3.3); vgl. außerdem Muilcnburg.
Linguistic. 144; Neumann. Wort. 229; Thorion. Studien. 9: .. Doch in einigen Fällen können
wir ein "::l. das nach einem verb11111 diandi und am Anfang einer direkten Rede steht. mcht
anders als ein •;, des Zitates betrachten. Die übliche Vermutung. daß das '::l in diesen Sätzen
eine Partikel zur Hervorhebung sei. ist keine Lösung des Problems. sondern verschleiert es
nur. Man muß erst beweisen. daß der Redner (oder der Schreiber) wirklich eine Hervorhe-
bung beabsichtigte und dafür die Partikel '::l benutzte; so und nicht umgekehrt: jedem '::l im
voraus eine Funktion zuzuschreiben. und nachher mit jeder Erscheinung dessen auf die Ab-
sicht des Redners (oder des Schreibers) zu folgern."
Forschungen zur ko 'ämar-Formel nach Westermann 41

.. Klar ist, daß in der Zitationsformel das Verb 'amar keine [performative) Funk-
tion hat, sondern berichtende. Es muß also durch das Tempus der Vergangen-
heit übersetzt werden."
Hinsichtlich der Frage nach der Zeitstufe stellt Michels These das Pendant
zu Bj0mdalen dar; hat Bj0rndalen Hinweise für das präsentische Verständ-
nis der Formel gefunden, so Michel für das präteritale. Bei beiden geht es
aber letztlich um die Eingrenzung bestimmter Verwendungsfunktionen der
ko 'ämar-Formel (in Kombination mit einem bestimmten Umfeld bzw. for-
malen Elementen). 11 Auf diesem Weg wird noch konsequenter fortzuschrei-
ten sein.
Von einer anderen Seite her hat Rendtorff begonnen. einen neuen Zu-
gang zum Botenphänomen zu eröffnen. 7 ' Er führt am Beispiel der Stelle
I.Kön 2,29f aus:
.. Als Joab im heiligen Zelt am Altar Asyl sucht, schickt Salomo den Benaja mit
dem Auftrag: »Geh, falle über ihn her!« Dann heißt es weiter: >>Da kam Benaja
zum 'Ohel Mo'ed und sagte zu ihm: so spricht der König: komm heraus!« Nicht
nur im Wortlaut, sondern auch in der Sache weicht das. was Benaja sagt. von
seinem Auftrag ab. Er hat überhaupt keine Botschaft zu überbringen. aber er
leitet seine Aufforderung an Joab mit der Botenformel ein. "N
Rendtorff geht also davon aus, dass bei der Ausrichtung bzw. Umsetzung
eines Grundauftrages in einer bestimmten Situation eine spezifische Boten-
beauftragung nicht vorausgesetzt werden muss.
Gewendet auf das oben skizzierte Offenbarungsproblem bei dem pro-
phetischen Gebrauch der ko 'ämar-Formel wäre das natürlich brisant; die
Verwendung durch die Propheten könnte nämlich in analoger Weise zu
dieser eben beschriebenen Art des Gebrauchs der ko 'ämar-Formel verstan-
den werden. Dann aber wäre gar keine wörtliche Beauftragung durch eine
geheime Offenbarung mehr notwendig. Der Prophet würde in freier Er-
mächtigung sprechen und durch die ko 'ämar-Formel nur klarmachen. dass
das. was nach der Formel gesprochen wird. nicht sein Wort, sondern Jah-
wewort ist- ohne dass ihm seine Rede wortwörtlich eingegeben wäre (vgl.
Kap. 5.3.4). 7 ~

7' Einen ersten wirkungsgeschichtlichen Nachklang hat Michels These gefunden bei
Rouzoll. Studien. 220-222. allerdings ohne dass Michel genannt wurde.
7 ' Rendtorff. BotenformeL Aufgenommen wurden Rendtorffs Anregungen etwa von Tu-

cker. Prophetie Speech, J5 und von Rouzoll. KH 'MR ... -Legitimationsformel. J27. der in der
Überschrift seines Kap. 2 [Die kh 'mr ... -Legitimatiomformel als .. im-Namen-deJ'"·Formel)
eine Formulierung wiedergibt. die sich schon bei Fohrer und Scharben findet. vgl. Fohrer.
Neuerc Literatur I. J29: .. Propheten als Sprecher im Namen Jahwes"; Scharben. Propheten I.
15: ..die biblischen Propheten [sind) [... ] Menschen. [... )die im Namen Goues sprechen".
H Rendtorff. BotenformeL 168.
" Für die Propheten hält Rendtorff jedoch weiterhin an der Aussage fest. dass durch den
Gebrauch der .. Botenformel" ein .. wichtige[r) Aspekt ihres Selbstverständnisses" zum Aus-
druck kommt. nämlich das des Boten. so: Rendtorff. Testament. 12J.
42 Bisherige Erforschung der ko 'ämar-Formel

Es wird zu zeigen sein, dass bei dieser Verwendungsweise die ko 'ämar-


Formel wohl am zutreffendsten mit Präsens zu übersetzen ist bzw. dass hier
etwas greift, was im nun folgenden Abschnitt besprochen wird: die DE-
KLARATIVE 76 Verwendung der Forme I.
Von der Untersuchung der Sprechhandlungsproblematik im AT ergaben
sich weitere Einblicke in das Funktionieren der ko 'ämar-FormeP'; sie
konnte von ihrem illokutiven Charakter her als DEKLARA TIVE Formel
verstanden werden.
Der Begriff DEKLARATIV bezieht sich auf die Handlungsdimension
einer sprachlichen Äußerung; die Sprechakttheorie'". der dieser Begriff ent-
lehnt ist, fragt, auf welche Art und Weise man mit sprachlichen Äußerun-
gen Handlungen vollziehen kann. Bei DEKLARATIVEN Sprechakten geht
es um solche Äußerungen, die durch Aussprechen das in die Tat umsetzen.
was sie semantisch beinhalten. Will ich jemandem meine Uhr schenken.
dann ist der Schenkungsakt umgesetzt, vollzogen, wenn ich sage: Hiermit
schenke ich dir meine Uhr. Entsprechend ist zu fragen, ob die Formel so
spricht N.N. ähnliches leistet. Berichtet sie etwas oder wird sie DEKLARA-
TIV verwendet,"' um auszudrücken, dass der Sprecher das nach der Formel
Gesprochene in eine Rede des Absenders wandelt (so spricht N.N. hiermit
durch Sprecher)?
Zwei sprachliche Argumente sprechen für eine DEKLARATIVE Ver-
wendung der ko 'ämar-Formel: a) Mit iD~ liegt ein performatives Verb
vor, das in vielen anderen DEKLARATIVEN Verwendungen belegt ist. b)
Es gibt etliche weitere Belege für DEKLARATIVE Formeln in der 3. Pers.;
dieses Faktum macht deutlich, dass es sprachlich ohne weiteres möglich ist,
eine solche DEKLARATIVE Formel auch in der 3. Pers. zu verwenden. So
kann man formulieren:
.. Was passien beim Aussprechen der Botenformel (ich behandle hier nur den
Typ: :11:1' ~~~ ;,:;,, vgl. etwa Ex 5,1; I. Kön 12,24; 13,2; 14,7; 20,13; 20,28.42:
Jes 56,1; 65,8; 66,1 u. ö.)? Die folgende Rede des Sprechers wird in besonderer
Weise qualifizien; die Äußerung des Sprechers, die nach der Botenformel folgt.
gilt als Jahwe-Won bzw. als Won desjenigen. in dessen Vollmacht der Bote

70 Die Schreibweise für Sprechhandlungen richlet sich nach sprachwissenschafllichen

Gepflogenheiten; Sprechhandlungen werden in GROSSBUCHST ABEN wiedergegeben: letz-


leres geschiehl auch manchmal bei Subslanliven. um den Aspekl der Handlung hervorzuhe-
ben (z.B. SEGEN).
77 Vgl. Wagner. Sprechakle und Sprechaklanalyse im Allen Teslamenl.
7" Vgl. Auslin. Sprechakle; Searle. Sprechakle; Pe1er. Pragmalinguislik; Wagner. Sprech-
akle. 20-27; Wagner. S!ellung .
.,.. Diese Möglichkeil hal z.B. Schneider abgelehn1. Für Schneider isl der Bolenspruch
nichl performaliv (in der Performaliv/konstaliv-Dislinklion gedachl - vgl. dazu Wagner.
Sprechakte, 7-17): ..So isl z.B. auch der Bolenspruch (:11:1'iott ;,:;,) nichl performaliv. Er
verslößl gegen die Regel. daß der Sprecher Subjekl sein muß." Schneider. Grammalik. 205.
Dem performaliven Versllindnis sieh! auch Meier ablehnend gegenüber. wenn auch ohne grö-
ßere Erönerung. vgl. Meier. Speaking. 290 Anm. 4.
Forschungen zur kö 'ämar-Fonnel nach Westennann 43

spricht. Die Funktion dieser Fonnel ist also klar: Sie schafft durch Aussprechen
die Wirklichkeit, die sie beinhaltet, nämlich: sie setzt das ihr Folgende als Wort
dessen in Kraft, der in ihr als Subjekt vorkommt. Sie ist somit als explizit per-
fonnative DEKLARATIVE Äußerung einzuordnen [... ].Das ist umso klarer. als
mit iQN ein Verb vorliegt. das eindeutig in anderen Zusammenhängen auch als
perfonnatives Verb vorkommt [... )."'""
Nicht jede ko 'ämar-Formel muss allerdings DEKLARATIV gemeint sein;
wie sich unten zeigen wird. sind etwa die ki ko 'ämar-Formeln anders zu
verstehen. Aufgrund der Mehrdeutigkeit der sprachlichen Indizien ist das
auch ohne weiteres möglich: Ein performatives Verb in der Afformativkon-
jugation kann, muss aber nicht DEKLARATIV verstanden werden. es kann
auch eine vergangene Handlung ausdrücken und damit einem REPRÄSEN-
TATIVEN/BERICHTENDEN Sprechakt dienen. Kl
Aus der Tatsache, dass viele ko 'ämar-Formeln als DEKLARATIVE
Äußerungen bestimmt werden können, ergibt sich ein weiterer Impuls, der
die Überlegungen Bj0mdalens, Rendtorffs. Michels u.a. hinsichtlich einer
notwendigen Unterscheidung von verschiedenen Formeln bzw. Verwen-
dungsweisen ergänzt, bestätigt, weiterführt.
Bündelt man die Fragen, die aufgrund der differenzierteren Phänomen-
wahrnehmung der letztgenannten Untersuchungen entstehen, hinsichtlich
des Verhältnisses von ko 'ämar-Formel und prophetischem Selbstverständ-
nis. dann ist zu fragen, ob in jedem Falle der prophetischen Verwendung
der ko 'ämar-Formel eine Botenbeauftragung vorausgesetzt sein muss; es
ist systematisch nach unterschiedlichen Formen und Funktionen der ko
'ämar-Formeln zu fragen.

2.3.2 Kritik an der bisherigen Deutung der ko 'ämar-Formel

Einen der neueren Beiträge zum Verständnis der ko 'ämar-Formel hat Mei-
er in seinem Buch Speaking of Speaking. Marking Direcr Discourse in the
Hebrew Bible ( 1992) geliefert. Er geht in seiner Studie in der Hauptsache
der Frage nach, welche sprachlichen Markierungen für direkte Rede im bib-
lischen Hebräisch verwendet werden. Im Schlussteil seiner Arbeit unter-
sucht er im Rahmen seiner Fragestellung auch Problems in the Marking of
Divine Speech (273-322); darin wiederum findet sich ein ausführliches Ka-
pitel zur ko 'ämar yhwh-Formel (273-298). Die Thesen. die Meier hier vor-
trägt. widersprechen weitgehend den bisherigen Forschungen zur k6 'ämar-

"" Wagner. Sprechakte. I 56-157. Ähnlich wird der Sachverhalt von Mayer. Untersu-
chungen. 189 gewertet: .. Hierher [zu den Belegen für den Koinzidenzfall bzw. DEKLARATI·
VEN Fall im Hebräischen) gehört wohl auch die .Botenformel': [ ... ) .So spricht NN (hiermit
durch mich)'. (Gen 32,5; etc.) [... )."
" Vgl. Wagner, Sprechakte, 9~-98 und 10~.
44 Bisherige Erforschung der kti 'ämar-Fonnel

Formel als .. Botenformel", sie fordern daher zu einer ausführlicheren Stel-


lungnahme heraus.
Meier eröffnet mit einer seiner Grundthesen: .~i1;"i' iD~ :i~ is hardly a
necessary marker for divine speech." Er begründet dies vor allem damit.
dass die Formel ..optional", nicht zwingend, sondern fakultativ ist. .. Even
where God's voice is mediated through another character in narrative. the
phrase :i1;"i' iD~ ;"i::> remains optional.""! Allerdings hebt auch Meier her-
vor. dass im Vergleich von Gottesreden in erzählender und prophetischer
Literatur die ko 'ämar yhwh-Formel .,characteristically present in prophetic
material" ist;•' dies macht einen charakteristischen Unterschied zwischen
erzählender und prophetischer Literatur aus, was den .. transmission pro-
cess" angeht, .. in which God gives instructions to the prophet".•• Aus der
Beobachtung, bei Gottesreden könne die ko 'ämar yhwh-Formel zuweilen
stehen oder fehlen, folgert Meier zu Recht. dass sie kein konstitutives Ele-
ment eines prophetischen Orakels ist: .. Since there is a split even within
prophetic material, it is inadequate to draw a one-to-one correspondence
between prophetic oracles and the phrase ;"i1;"i' iD~ ;"i::>."•~
An diese Erörterungen schließt Meier seine zweite Grundthese an, die
die ko 'ämar-Formel und ihre von der bisherigen Forschung vorausgesetzte
Verbindung zum Botenvorgang betrifft: "The following discussion will ar-
gue that PN iD~ ;"i::> is not diagnostic of messenger speech and cannot be
used in support of the metaphor of prophet as messenger."'"'
Wenn die kö 'ämar-Formel herangezogen wird. um auf das Selbstver-
ständnis der Propheten zu schließen, würden wir ja, so Meiers Argumenta-
tion, wenig über das Selbstverständnis der Propheten als Boten erfahren, die
keine ko 'ämar-Formeln benutzen;"7 aus dieser Überlegung heraus lehnt er
die ganze Argumentationsfigur, dass ko 'ämar-Formel und Selbstverständ-
nis der Propheten etwas miteinander zu tun haben, ab.
Das ist jedoch m.E. kein nachvollziehbarer Einwand; es kann ja nicht
darum gehen, unter Verweis auf einige Lücken beim Vorkommen der ko
'ämar-Formeln im Bereich der israelitischen Prophetie sich von der Frage
zu dispensieren, warum denn, bis auf Ausnahmen. nahezu alle Propheten kö
'ämar-Formeln benutzen. Anders gesagt: Der Einwand. dass aufgrund der
Lücken die kö 'ämar-Formel nicht für die Bestimmung des Selbstverständ-

"1 Meier. Speaking. 273.


"' Meier. Speaking. 275.
"" Meier. Speaking. 275.
"' Meier. Speaking. 275. Auf diesen Sachverhah hatte schon Rendtorff. Botenformel
hingewiesen. den Meier auch S. 277 zitien.
116 Meier. Speaking. 278.

" 7 •• lt must first of all be emphasized that if it were true. following Westermann. that
;"'1,;"'1. iQ~ ;"'1~ could tell us something about the selfperception of the prophets in those
books where it occurs. then we gain very little insight into the prophetic office from those
books where ;"1,;"1. i~ ;"1~ is absent or scantily attested." Meier. Speaking. 278.
Forschungen zur ko 'ämar-Formel nach Westermann 45

nisses aller Propheten herangezogen werden kann. ist noch kein Argument
gegen die zentrale Bedeutung der ko 'ämar-Formeln für den Großteil der
Prophetie.
Unklar ist die Aussage, die Meier im Anschluss an eine Betrachtung der
ko 'ämar-Formeln in erzählenden Passagen (Gen 32,5; 45,9; Ex 5.10; 2.Kön
1,11; 18,19 u.a.) trifft: "But since messengers used the phrase, does it fol-
low that one is justified in describing it as ,the messenger formula'?""" Ist
damit gemeint, dass ko 'ämar-Formeln zwar in Erzählungen über den Bo-
tenvorgang gebraucht werden. aber nicht als "Botenformeln" zu verstehen
sind? Sind sie dann nicht aber mindestens auch .. Botenformeln"?
Meier tritt für eine differenzierte Betrachtung der ko 'ämar-Formeln ein;
er empfindet völlig zu Recht. dass das gleichförmige Verständnis aller ko
'ämar-Belege als .. Botenformel" zu eng ist; hier trifft er sich mit dem auch
von mir vorgetragenen Anliegen. Doch den Zusammenhang von k6 'ämar-
Formel und Botenvorgang völlig in Abrede zu stellen, ist nicht überzeu-
gend. Meier schwankt hier auch etwas: Einerseits will er die ko 'ämar-
Formel ganz vom Botenvorgang getrennt sehen, andererseits scheint er
doch auch ko 'ämar-Formeln im Zusammenhang mit dem Botenvorgang im
AT anzunehmen.""
Meier argumentiert hauptsächlich von dem Vergleich mit dem Akkadi-
schen aus; Formeln, die den hebräischen k6 'ämar-Formeln vergleichbar
sind, wertet er als Zitatformeln (vgl. Kap. 4). Von dieser Bedeutung her will
er auch die alttestamentlichen Formeln durchweg nicht als Boten-. sondern
als Zitatformeln verstehen. Zur Begründung dieser Hypothese führt er fol-
gende Stellen mit ko 'ämar-Formeln an. in denen er eher Zitat-Funktionen
als den Botenvorgang zu finden glaubt:'"' Am 7.11. l.Sam 9,9; 2.Sam 16,7;
2.Sam 19,1; Jes 21,6; Jer 17 .19; Jer 30,2; Jer 26,2; Jer 33,25.
Meier hat hier durchaus Belege zusammengestellt, die keine .. Botenfor-
meln" sind; ob allerdings bei diesen neun Belegen jeweils Zitatformeln vor-
liegen, ist nach den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit zu bezweifeln.
Meier differenziert nicht nach den verschiedenen Gestalten der .k{J 'ämar-
Formeln und er fragt nicht nach korrespondierenden l'erschiedenen Funkti-
onen. So entgeht ihm, dass es ein differenziertes hebräisches ko 'ämar-For-
mel-System gibt; auch wenn die angeführten Belege sämtlich keine .. Boten-
formeln" darstellen, so sind sie deshalb nicht einfach alle Zitatformeln. Die
Verschiedenheit der neun Formeln, mit denen Meier argumentiert. zeigt fol-
gende kleine Übersicht, in die die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit ein-
geflossen sind:

"" Meier. Speaking. 279.


"'' .. Both umma and PN ir::l~ ~~ may appear in messenger contexts but they occur even
mon: frequently in other contexts that have nothing to do with messenger activity." Meier.
Speaking. 284 .
.• , Ygl. Meier. Speaking. 281-28J.
46 Bisherige Erforschung der /.:ö 'ämar-Formel

Am 7,II -> Kap. 5.3.3 (/.:i /.:o 'ämar-Zitatformel)


I.Sam 9,9 -> Kap. 5.3.2 (Berichtsformel)
2.Sam 16,7 -> Kap. 5.3.2 (ßerichtsformel)
2.Sam 19,1 -> Kap. 5.3.2 (ßerichtsformel)
Jes 21,6 -> Kap. 6.2.4 (/.:i /.:ö 'ämar 'elay- 1/.:o 'ämar 'elay-Formel)
Jes 17,19 -> Kap. 6.2.4 (/.:i/.:6 'ämar 'elay- 1/.:ö 'ämar 'elay-Formel)
Jer 30,2 -> Kap. 6.2.5.5 (Sonderfall)
Jer 26,2 -> Kap. 6.2.5.5 (Sonderfall)
Jer 33,25 -> Kap. 6.2.5.5 (Sonderfall)
Geleitet von seiner Vermutung über die Formeln des Akkadischen (wo er
gar keine "Botenformeln", sondern nur Zitatformeln sieht) und anhand der
oben aufgeführten neun Zitat-Belege will er den alttestamentlichen Bestand
deuten: "[ ... ) the citation dimension of the phrase ... iD~ ;"!~ is recognized
[ ... ].'">~ Ziel seiner Argumentation ist es, zum einen die Vorstellung der
Propheten als Boten zu revidieren, zum anderen auf "the over-theologizing
of the verb tense" in "the debate over the significance of the verb tense in
koh 'ämar yhwh" hinzuweisen "when applied to God's speech";" 1 ,.the verb
tense" im Falle der Wertung als Zitatformel ist nach Meier "past"; wiede-
rum gebraucht er in seiner Argumentation den Vergleich mit dem Akkadi-
schen, um dies zu beweisen: "The Akkadian phrase kiam iqbi is unequivo-
cally past tense, and the citation function of the Hebrew cognate is precisely
the same.'"''
Meier hat also durchaus richtig gesehen, dass nicht überall im AT mit
den ko 'ämar-Formeln "Botenformeln" vorliegen; auch sind viele seiner
Einzelbeobachtungen zutreffend, etwa wenn er die ko 'ämar yhwh 'elay-
Formel als nicht zur Gruppe der "Botenformeln" gehörig wertet. oder wenn
er den wuchernden Gebrauch der ko 'ämar-Formeln in den Büchern Jere-
mia und Ezechiel mit dem auffallend ähnlichen Proklamationsstil vergleicht
u.a. Es gibt also etliche zustimmenswerte Ansätze, aber die Annahme. alle
ko 'ämar-Formeln des AT seien Zitatformeln, tut seinem Vorgehen doch
erheblichen Abbruch. Im Folgenden will ich ein paar Haupteinwände weiter
ausführen:
- Meier gebraucht gerne das Argument, die ko 'ämar yhwh-Formel sei
nicht als Hinweis auf göttliche Rede zu verstehen, weil göttliche Rede auch
ohne kO 'ämar yhwh-Formel vorkomme, etwa bei einigen Propheten. die
diese Formel gar nicht haben (z.B. Hosea). Sicher, die kO 'ämar yhwh-For-
mel ist in Texten, die als Gottesrede gestaltet sind, nicht der einzige Hin-
weis auf Gott als den eigentlich Redenden; das kann auch über die Gattung.
über den Erzählzusammenhang, über Erzähleinleitungen etc. geschehen.
Aber das ist ja gar nicht die Frage bzw. der Ausgangspunkt des Problems.
M.E. muss sich eine Untersuchung der kO 'ämar yhwh-Formel zuerst darauf

'>I Meier. Speaking, 290.


'' 1Meier. Speaking. 291.
''' Meier. Speaking. 291.
Forschungen zur kö 'ämar-Fonnel nach Westennano 47

konzentrieren zu erklären, warum diese Formel verwendet wird und was sie
leistet! Denn von dem Faktum. dass sie an mehreren hundert Stellen vor-
kommt, kann man doch nicht absehen. Dieses Vorkommen verlangt nach
einer Erklärung. Diese Erklärung kann dann auch eine Antwort auf die Fra-
ge von kö 'ämar yhwh-Formeln in Gottesreden bzw. eine Betrachtung der
kö 'ämar yhwh-Formel neben anderen "markers of divine speech" ein-
schließen. Von der Beobachtung ausgehend, dass die Formel nicht in allen
Fällen von Gottesrede vorkommt, kann jedoch nicht geschlossen werden,
die Formel habe für die Prophetie keine zentrale Bedeutung.
- Meier behandell in seinem Buch nur die kö 'ämar yhwh-Formel und
blendet profane kö 'ämar-Formeln fast völlig aus. Das ist ein problemati-
sches Vorgehen, denn eine so elementare und geschlossene Formel wie kö
'ämar N.N. funktioniert in einer Sprachgemeinschaft. was ihren Grundsinn
angeht, nicht völlig verschieden, nur wenn sich der eigentliche Absender
ändert (vgl. dazu Kap. 5-7 dieser Arbeit). Im AT wird durchweg, wenn
Gottesreden vorkommen, die Rede Gottes hinsichtlich der sprachlichen
Grundaspekte (Syntax etc.) nicht anders behandelt als menschliche Rede -
von gewissen semantischen Restriktionen abgesehen•~ und wenn keine Gat-
tungskonventionen vorliegen bzw. es sich nicht um eine nur als Gottesrede
vorkommende Gattung handell; damit finden wir hier ein typisches Phäno-
men des alltestamentliehen Anthropomorphismus. Die profanen ko 'ämar-
Formeln nun bezeugen auch für das AT, dass das Verständnis der kO 'ämar-
Formel als "Botenformel" durchaus vorhanden ist (s.u. Kap. 5). Dass auf
Menschen und auf Gott bezogene kö 'ämar-Formeln nicht grundsätzlich
verschieden funktionieren, zeigt nicht zuletzt auch die Übernahme von Er-
zählpassagen, die menschenbezogene kö 'ämar-Formeln enthalten, in pro-
phetische Bücher (etwa Jes 36-39/2.Kön 18-20); die Bearbeiter und Redak-
toren hatten sichtlich keine Probleme, Formeln aus der Erzählliteratur und
aus prophetischer Überlieferung bzw. menschenbezogene und jahwebezo-
gene kö 'ämar-Formeln innerhalb eines Buches zu kombinieren.
- Der Vergleich allein mit dem Akkadischen ist letztlich nicht ausrei-
chend, um Phänomene des Hebräischen zu erklären. Neben den akkadi-
schen Formeln sind zum Vergleich auch andere außerbiblische Formeln he-
ranzuziehen. Erst auf einer breiteren Vergleichsgrundlage kann sich dann
eine international gebrauchte Formel abzeichnen, können Fragen binnen-
sprachlicher Vielfall und einzelsprachlicher Besonderheiten geklärt werden
(vgl. Exkurs 3).
- Schließlich dürfte das gewichtigste Argument gegen Meiers pauschale
Wertung der kö 'ämar-Formeln als Zitatformeln sein, dass sich im Hebräi-
schen eine differenzierte Gebrauchsweise der kö 'ämar-Formeln durchge-
hend zeigen lässt (s.u. Kap. 5 und 6); Form und Funktion korrespondieren

.. :• Bes1imm1e Termini z.B. bleiben ganz oder vorwiegend Jahwe vorbehallen. vgl. e1wa
~ ·-·
48 Bisherige Erforschung der J.:ö 'ämar-Formel

miteinander und lassen sich auch entsprechend darstellen; die Funktionen


der ko 'omar-Fonneln lassen sich dabei aber nicht auf die einer Zitatformel
reduzieren.''' Das differenzierte System dieser Formel entgeht Meier. da er-
wiederum vom Akkadischen her - nur nach der Möglichkeit fragt. ob nicht
auch das hebräische ko 'omar eine Zitatformel sein kann. Da Meier auch
nicht alle Belege der ko 'omar-Formel behandelt hat, wurde er auch von der
zu geringen Belegbasis her gehindert, die Vielfalt wahrzunehmen.
Meiers Versuch geht insgesamt in die richtige Richtung; vor allem drei
seiner Erkenntnisse zu den ko 'omar-Formeln führen weiter: a) nicht alle ko
'omar-Formeln sind .. Botenformeln"; b) auf das unterschiedliche Vorkom-
men der ko 'omar-Fonneln in den prophetischen Büchern ist zu achten (vgl.
unten S.206); c) der Vergleich mit außeralttestamentlichen Formeln (aller-
dings nicht nur den akkadischen) ist in eine Untersuchung der ko 'omar-
Formeln konstitutiv einzubeziehen.'"'

2.3.3 Zur heutigen Verbreitung der Interpretation der ko 'omar-Formel


als .. Botenfonnel" und der These von den Propheten als Boten

2.3.3.1 Grundtendenzen der neueren Forschung zur Prophetie


Die gegenwärtige Prophetenforschung ist geprägt vom redaktionsgeschicht-
lichen Zugang (in verschiedener Ausprägung, s.u.). Der Rekurs auf die re-
daktionsgeschichtlichen Richtungen der Prophetenforschung ist notwendig.
um die Verbreitung des Bildes vom Propheten als Boten und der Interpreta-
tion der ko >amar-Fonnel als ..Botenformel" auch in der neueren und neues-
ten Forschung zu beleuchten sowie um den Hintergrund für einige in Kap. 3
dargelegte methodische Erörterungen zu gewinnen.
Der Übergang von traditions- und formgeschichtlichen Arbeiten des mittleren
20. Jh. zu redaktionsgeschichtlichen und verwandten Studien war fließend und
von Forschern wie Rad angeregt.' 17 Rad hatte in seiner Theologie ausführlich auf

'" Meier analysien z.B. auch Am 7.tl und wenet die Stelle- zu Recht (s.u. Kap. 5.3.3)
- als Zitat; doch er übersieht dabei. dass hier nicht eine kti 'ämur-Formel. sondern eine /..i l.ti
'limar-Formel vorliegt! Vgl. Meier. Speaking. 281-282.
'"' Vgl. auch Gross. Rez. zu: Meier. Speaking. 1026--1028. Aufnahme hat Meiers Positi·
on auch gefunden bei Schöpnin. Theologie als Biographie. 92-93; sie schlägt a.a.O. vor. d1e
i..li 'ämar ylrwh-Formel, die nicht weiter differenzien wird, als .Zitatansage"' zu bezeichnen.
•n Auch wurden und werden von der redaktionsgeschichtlichen Forschung wichtige Er-
gebnisse der traditions- und formgeschichtlichen Untersuchungen bei der Exegese der Pro-
pheten aufgenommen. sodass sich eher eine Übergangszone als eine klare Grenzlinie ergibt.
Die Dominanz der redaktionsgeschichtlichen Arbeiten hat sozusagen die Dominanz der tradi-
tions-/formgeschichtlichen Arbeiten schleichend abgelöst. Und wie sich bei einem adäquaten
Auslegen der Texte des AT während der traditions- und formgeschichtlichen Hochphase auch
immer literarkritisch-redaktionelle Fragen erhoben haben. werden sich auch bei einer domi-
Forschungen zur kö 'ämar-Fonnel nach Westennann 49

dt:n Prozess der Traditionsbildung hingewiest:n.''" Er benannte dort dit:jt:nigt:n


Tht:men, die in den Jahrzehnten nach dem Erscheinen der Theologie auch tat-
sächlich ins Zentrum der Forschung rückten:
Zum einen die Rekonstruktion des Entstehungsweges prophetischer Über-
lit:ferung, angefangen von einzelnen prophetischen Äußerungen bis zu Überlie-
ferungskomplexen und schließlich den Prophetenbüchem. Rad war skeptisch.
ob die Sammlungen .. noch von dem Propheten" stammen oder "von einem Jün-
gerkreis".'" Sicher war er sich nur über die Bt:deutung der Jüngerkreise: ..Ob-
wohl wir von diesen Jüngerkreisen [... ] nur sehr wenig wissen. tut die neuere
Forschung doch recht daran. wenn sie ihnen bei der Sammlung und Überliefe-
rung der prophetischen Botschaften eine entscheidende Funktion zuschreibt."'"'
Zum anderen die Entstehung der prophetischen Bücher und ihre weitere Be-
arbeitung. Mit den ersten Sammlungen .,war der Prozeß der Fixierung der pro-
phetischen Botschaft noch lange nicht zum Stehen gekommen: eher kann man
sagen. daß er jetzt erst eigentlich begann". 101 .. Die Grundüberzeugung. die hinter
diesem Überlieferungsprozeß stand, war die, daß ein einmal ergangenes Prophe-
tenwort unter keinen Umständen hinfallen kann." 102 .. Dieser produktive Traditi-
onsprozeß läßt sich in den Prophetenbüchern auf Schritt und Tritt beobachten.
Ohne Zweifel muß es unsere Prophetenexegese noch mehr lernen, diese lang-
same Anreicherung der prophetischen Überlieferung unter einem anderen Ge-
sichtspunkt zu betrachten als dem der . Unechtheit' und einer unerfreulichen
Entstellung des Ursprünglichen. Ist dieser Prozeß doch vielmehr ein Zeichen für
die Lebendigkeit, mit der die alte Botschaft weitergegeben und neuen Situatio-
nen angepaßt wurde. " 101
Man halte gegen diese Aussage etwa die folgende Fonnulierung von Fohrer.
der Kontrast könnte nicht schärfer ausfallen: "»Wort Gottes« enthalten oder be-
zeugen lediglich die ursprünglichen Worte der Propheten selbst [... ),die sorg-
sam herauszuschälen demnach eine der vornehmsten Aufgaben der Wissen-
schaft ist." 1().1
Die neuere Forschung zur Prophetie hat gelernt, die ,.langsame Anreiche-
rung der prophetischen Überlieferung unter einem anderen Gesichtspunkt
zu betrachten als dem der , Unechtheit'" (Rad, s.o.). Man kann von dieser
Sicht aus die Forschungslage am Ende des 20. Jh. geradezu als Gegenpol
zur an den originalen prophetischen Worten interessierten Forschung am
Ausgang des 19. und zu Beginn des 20. Jh. charakterisieren:
.. ln der gegenwärtigen Prophetenforschung zeigt sich ein ausgeprägtes Interesse
am Spätstadium der prophetischen Literatur bis hin zum .Abschluß der Prophe-

nierc: nde n Tendenz zum literarkritisch-redaktionsgeschichtlichen Forschen traditions- und


formgc:schichtliche Fragen nicht ignorieren lassen. Vgl. Smend, Richtungen. bes. 274 .
.,. Vgl. Rad. Theologie 2. 47-57.
'" Rad, Theologie 2. 47.
"" Rad. Theologie 2. 47.
1411 Rad, Theologie 2. 53.
1" 1 Rad. Theologie 2. 53-54.

"" Rad, Theologie 2. 54-55. vgl. auch 57.


"'' Fohrer. Neuere Literatur 2. 20~.
50 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Fonnel

tie im Alten Testament'. [in Anm.: So O.H. Steck, Der Abschluß der Prophetie
im Alten Testament. Ein Versuch zur Frage der Vorgeschichte des Kanons.
BThSt 17, 1991.) Dieses Interesse bildet eine merkwürdige Gegenbewegung
gegen die früher weithin herrschende Tendenz. durch literarische Analysen der
Prophetenbücher die ,originalen' prophetischen Worte herauszuarbeiten und sie
von späteren Zusätzen zu befreien. Unter der veränderten Fragestellung wird
jetzt den späteren und spätesten Stadien bis hin zur kanonischen Endgestalt der
Prophetenbücher ihr eigenes Recht zuteil, und sie werden vielfach zum eigen-
ständigen Forschungsgegenstand gemacht. Dies steht offenkundig in Zusam-
menhang mit einem neu erwachten Interesse an der nachexilischen Geschichte
Israels. die nicht mehr nur als Zeit des Niedergangs betrachtet wird. sondern
weithin als die fonnative Epoche der alttestamentlichen Literatur.""'~
Das Herauswachsen der redaktionsgeschichtlichen Forschung aus der form-
und traditionsgeschichtlichen ist deswegen zu betonen. weil bei diesem
Umorientierungsprozess kein radikaler Bruch entstand, der dazu geführt
hätte, alle erreichten Forschungsergebnisse einer harten und neuen Prüfung
zu unterziehen. Etliche Forschungsergebnisse und Thesen wurden beibehal-
ten und nicht selten als Argument in die neuen Fragestellungen einbezogen.
ohne dass sie mit dem jeweils zur Verfügung stehenden Instrumentarium
noch einmal neu und zeitgemäß untersucht worden wären. Bestes Beispiel
dafür ist die kö 'ämar-Formel und ihre Deutung als .,Botenformel" sowie
die damit implizit verbundene These der Propheten als Boten.
Bei den Forschern des mittleren 20. Jh. (Rad, Wolff. Westermann u.a.)
brach sich Bahn, dass die Nachgeschichte der Prophetie. die sich im Über-
lieferungs-. Verschriftlichungs- und Redaktionsprozess der prophetischen
Botschaft ereignete, mit einer bisher nicht da gewesenen Aufmerksamkeit
und Achtung betrachtet wurde. Doch blieb die ursprüngliche prophetische
Botschaft immer der zentrale Ausgangspunkt des Nachdenkens über die
alttestamentliche Prophetie. Und für dieses ursprüngliche prophetische Wir-
ken war die Charakterisierung des Propheten als Boten, greifbar über die als
.. Botenformel" gedeutete kö 'ämar-Formel, bestimmend.
Das Verfahren, die ursprüngliche (mündliche) prophetische Verkündi-
gung von der (verschrifteten und weiterhin im Schriftmedium sich ereig-
nenden) redaktionellen Weiterbearbeitung zu unterscheiden, ist bis heute
Grundvoraussetzung der Forschung zur Prophetie.
Keine neuere Einführung. Einleitung etc. kommt daher ohne ein Kapitel
aus, das den Weg vom (mündlichen) Prophetenwort zum Prophetenbuch
thematisiert. 10f>

10 ~
Rendtorff. Kontinuität, 169. Vgl. auch: Schmid. Schriftauslegung. l-22.
Vgl. Kaiser. EinleiiUng. 306-313 (§ 26 Vom Wort zur Schrift); Smend. Entstehung.
1116

140-143 (§ 24 Prophetenbuch und Prophetenwort); Schmidt. Einführung. 178-185 (§ 13 a


Prophetenwort und Prophetenbuch); Schmidt. Glaube. 313-320 (§ 14 b I. Prophetenwort und
·buch); Kaiser. Grundriß 2. 21-28 (§ 20 Vom Prophetenspruch zum ProphetenbuchJ: Koch.
Profeten I. 26-52 (1.2 Profetenbuch und Profetenspruch. Die Profeten als charismatische Red-
Forschungen zur ko 'ämar-Fonnel nach Westennano 51

Ziel und Methode der neueren Forschung hat Kaiser folgendennaßen zusam-
mengefasst: ..Die Prophetenbücher selbst haben bis zu ihrem Abschluß eine oft
Jahrhunderte umfassende Geschichte durchlaufen. Wieweit sie von den Pro-
pheten selbst oder ihren unmiuelbaren Zeugen aufgezeichnete Worte enthalten,
ist grundsätzlich problematisch und fallweise zu klären. In ihrer vorliegenden
Gestalt sind diese Bücher jedenfalls das Ergebnis eines oft vielschichtigen Re-
daktionsprozesses, in dessen Verlauf die ursprünglich in ihnen enthaltenen Tra-
ditionen mannigfach überarbeitet, erweitert, umgestellt, durch Worte anderer
Herkunft ergänzt und selbst mit ganzen Traditionsblöcken eigener Provenienz
vereinigt worden sind, um das von den Vätern überkommene Erbe jeweils für
die eigene Gegenwart und Zukunft lebendig zu erhalten. Die Redaktionsge-
schichte der Bücher ist unzureichend erforscht. Bei der Beantwortung der Frage
nach ihren Tradenten und Redaktoren sind wir auf Vermutungen angewiesen.
Die Enniulung der jeweils einem bestimmten Propheten zuweisbaren Einzel-
worte ist von einer sorgfältigen Abgrenzung der Einheiten unter Berücksichti-
gung strenger Gauungskriterien, vergleichender Untersuchung des Wortschat-
zes, Stils und Vorstellungsgehaltes und nicht zuletzt dem allgemeinen Ge-
schichtsbilde der Epoche abhängig." 107
Kaiser geht bei der Rekonstruktion der Geschichte der prophetischen Bü-
cher davon aus, dass am Anfang der Traditionsbildung "eine Zeit lebendiger
Prophetie" steht, dass also zwar die Zeit danach die fonnative Epoche der Bü-
cher, nicht aber die fonnative Epoche der Prophetie ist: "Wenn wir im folgen-
den unbeschadet dieser Vorbehalte die Grundphänomene und Probleme der is-
raelitischen Prophetie skizzieren, gehen wir davon aus, daß die Anfänge der
einschlägigen Traditionsbildung jedenfalls in eine Zeit lebendiger Prophetie zu-
rückreichen und auch die Epoche der literarischen Ausgestaltung nicht ohne
Anschauung auf diesem Gebiet gewesen ist." 1011
Smend bringt in einer ähnlichen Stellungnahme deutlicher zum Ausdruck.
dass es sich bei den Äußerungen aus der Zeit ,lebendiger Prophetie' zunächst
um mündliche Äußerungen handelt: .. Den Prophetenbüchern liegen zuletzt
Worte (bzw. Sprüche, auch Reden) zugrunde, die gesprochen, nicht geschrieben
waren."'"' Dieser mündliche Charakter vieler prophetischer Äußerungen scheint
in außerordentlich vielen Überlieferungen bzw. Einzelzügenl-fonnen von Über-
lieferungen noch auf. 110 Mit Schmidt kann man in diesem Zusammenhang z.B.
auf den Auftrag :.ur mündlichen Verkündigung hinweisen, der sich in den Be-
auftragungsfonneln greifen lässt "»Auf, geh!« (2 Kön 1,3; vgl. I Kön 21.18
u.a.), »Geh hin und sprich!« (Am 7,15f; Jes 6,9; vgl. Jer 1,7; 2,2; Ez 3,4)"; auch
die Anrede "»Höre!« (Am 7,16)" lässt an ein Auftreten .. im unmiuelbaren Ge-
genüber zu den Hörern" denken.''' Ebenso gehören die ko 'ämar-Formeln zu

ner und als Schriftsteller): Zenger. EinleiiUng. 372-375: Gerstenberger. Ausblick. 267-270
(Vom Wort zum Buch) u.a.
"' 7 Kaiser. Einleitung. 212.

""' Kaiser, Einleitung, 212.


'"' Smend. Entstehung. 142.
''"Auch der stark rhetorische Charakter vieler prophetischer Texte weist m.E. auf einen
zunächst mündlichen Text. So votiert auch Seybold, Sprache, 6.
111 Schmidt. Glaube, 316.
52 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

dic::sem großen Ensemble von Indizien, die auf die Mündlichkeil von propheti-
scher Botschaft weisen. denn auch diese Formeln wollen dem Wortsinn nach ja
gesprochenes Wort transportieren.
Die Diskussion wird von Steck einen Schritt weiter geführt: er hat seinen
Ansatz als "prophetische Prophetenauslegung" bezeichnet.' 1! Mit der Kenn-
zeichnung der ursprünglichen Prophetie als lebendige Prophetie kann die Wer-
tung verbunden sein, dass die Nachgeschichte dieser lebendigen Prophetie we-
niger bedeutsam sei als die lebendige Prophetie selbst. Man könnte mehr als ei-
nen medialen Unterschied, als den Wechsel von der Mündlichkeil zur Schrift-
lichkeit, sehen wollen und spätere Verschriftlichungen, (schriftliche) Redaktio-
nen. Fortschreibungen usw. gegenüber der ersten Stufe der (mündlichen) leben-
digen Prophetie herabsetzen. Dies will Steck explizit vermeiden. Er hält nicht
nur die Epoche der mündlichen Prophetie für formativ, sondern zählt auch die
späteren Erweiterungen gleichberechtigt zur formativen Arbeit. 11 ' Des Weiterc::n
geht es dieser neueren Richtung um "buchübergreifende Redaktionsprozesse",
was nach Jeremias als "Umbruch" in "der Propheten-Forschung" gelten darf. 11 '
Die Position von Steck und anderen Vertretern dieser Richtung kann fol-
gendermaßen skizziert werden: Zuerst ist, ganz in Übereinstimmung mit Rad
(vgl. oben zu Beginn dieses Kapitels), die bleibende Gültigkeit prophetischer
Botschaft zu betonen, die den Hintergrund für den nachprophetischen Traditi-
onsprozess bildet. Daher kann Zenger formulieren: .• Die Erstverschriftung pro-
phetischer Einzelworte hatte nicht das Ziel, den ursprünglichen Auftritt des Pro-
pheten zu dokumentieren, sondern wollte die bleibende Gültigkeit der in c::inem
Einzelwort konzentrierten prophetischen Botschaft festhalten. [... ) Hinter dem
Wachstumsprozeß der Prophetenbücher steckt demnach die Vorstellung. daß
ein einmal ergangenes Prophetenwort. gerade insofern es auf eine geschicht-
liche Stunde bezogen war, dieser Geschichte so konstitutiv eingebunden bleibt.
daß es die Geschichte weiterhin gestaltend und deutend begleiten will - und
deshalb fortgeschrieben werden muß." 11 ' Als zweiter Schritt ist anzunehmen.
dass erstverschriftete Anfangsformen erweitert werden: "Das zunächst aufgc::-
zeichnete Originalgut wurde um weiteres originales und nicht originales Sam-
melgut literarisch vermehrt, vor allem aber schon bald durch rezeptive Passagc::n
erweitert, die all dieses aufgezeichnete, älteste Gut unter der Aufnahme seiner
Formulierungen für eine etwas jüngere Zeit applizieren - in diesem Fall keine
integrierten Anonymprophetien und keine Einzelzusätze an Einzeltexte [ ... ].
sondern eine quantitative Verlängerung des zuerst Aufgezeichneten um nc::ufor-
muliertes, aneignendes Textgut im unmittelbaren Anschluss zur Erweitc::rung
derselben Schrift.'' 116
Im Gegensatz zur bisherigen Redaktionsgeschichte liegt der Akzent bei
Steck darauf. "daß die Endgestalt dieser Bücher durch Redaktionen zustande-

Vgl. Steck. Prophetenauslegung.


11 !
111Eine kritische Einschätzung der redaktionellen Arbeit als prophetischer Arbeit bietet
Schan. Redaktionsgeschichte. 31-32.
11 ' Jeremias. Rezeptionsprozesse. ·'0.
11 ' Zenger. Einleitung. 374-375.
11 " Steck. Prophetenauslegung. 209.
Forschungen zur kö 'ämar-Formel nach Westermann 53

kam. die jeweils diese Bücher als gan:e betrafen". 117 Willi-Piein plädiert daher
folgerichtig dafür, das Anliegen dieser Forschungsrichtung .. nicht redaktionsge-
schichtlich (zu] nennen". 11 " •.ln den Prophetenbüchern heben sich nämlich auf
verschiedenen. aufeinander folgenden Werdeebenen Texte jeweils gleichen Pro-
fils und Ursprungs heraus. die auf die Prophetenschrift im damaligen Umfang
als gan:.er gerichtet sind und sie als ganze (!) unter neuen Akzenten immer wie-
der aneignen wollen. Texte. die anders als verschriftete Einzellogien. aber auch
Einzelzusätze angesichts der Merkmale literarischer Verweise. Querbezugnah-
men. Positionierung im Ganzen. makrostruktureller Inklusionen der Stellung
besonders am Beginn bzw. Ende des Buches offenbar von vomherein für den
größeren Zusammenhang einer überlieferten Gesamtschrift geschaffen sind.
Tell.te. die in diesem Ganzen als Leseanleitung und Perspektive fungieren. den
gesamten Aussagebestand der Schrift. wie er überkommen ist. wieder mit ande-
ren Augen zu sehen. " 11 ''
Zenger etikettiert in seiner Einleitung diese Position noch einmal folgender-
maßen:'20 .. Man kann diese Art von abgeleiteter Prophetie literarische Prophetie
oder prophetische Prophetenauslegung bzw. Tradenten-Propheten!Prophetie'!'
nennen." Auf den Unterschied dieses Forschungsansatzes zu früheren weist
auch Kratz: .. In der neueren Prophetenforschung hat sich das Bild der Fort-
schreibung gewandelt. ( ... ) gesucht wird in erster Linie nicht das von Zusätzen
befreite. ursprüngliche Prophetenwort, sondern die relative Chronologie der
Texte. und zwar sämtlicher Tell.te, ganz gleich. ob sie ursprünglich sind oder
nicht. Das Interesse richtet sich im Gegenteil heute eher auf die sekundären Zu-
sätze und späteren Tell.tschichten.'''!!
Eine gewisse Gefahr bei der neueren (prophetischen) Prophetenauslegung
besteht darin, dass das Interesse sich nicht .,eher" [Hen•orhebung von A.
W.] .,auf die sekundären Zusätze und späteren Textschichten" richtet, son-
dern nur auf dieseY' So ist hier noch einmal auf die Notwendigkeit der

117 Zenger. Einleitung. 374.


m Willi-Piein. Zwölfprophetenbuch. 355.
11 '' Steck. Prophetenauslegung. 209f. Hier könnten etliche ähnlich lautende Aussagen an·

geschlossen werden. Ich beschränke mich auf zwei: Bosshard-Nepustil. Rezeptionen. I 3: er


vertritt .. [... ) die Annahme von literarisch geschlossenen Schichten bzw. von Redaktionen. die
ganzen Büchern oder Bücherreihen bzw. -gruppen ein neues Gepräge geben." Kratz. Redak-
tion. 15. formuliert: .. Mit einem Wort: Die Fonschreibung ist der Schlüssel zur Redaktion der
Prophetenbücher. Textzuwächse von der kleinsten Glosse bis zu längeren Tell.teinheiten. die
einen vorgegebenen Tell.t ergänzen und von ihm abhängig sind. sind im und für den Kontext
entstanden und konstituieren den literarischen und sachlichen Zusammenhang des Buches auf
allen literarischen Ebenen bis hin zur Schlußfassung. Ihre Bedeutung ergibt sich aus den lite-
rarischen Anleihen. von denen ihre Formulierungen leben. und aus dem Zusammenhang. den
sie über die Textanleihen herstellen."
'.!<' Zenger. Einleitung (2. Aufl.). 298.
1! 1 Hinzufügung der .. Tradenten-Propheten/Prophetie" ab der 3. Aun .. a.a.O ..'75.

"! Kratz. Redaktion. 14.


1!' Die an den späteren und spätesten Stadien interessierte Forschung hat die Frage Rads

nach dem .Zustandekommen der prophetischen Botschaft" (Rad. Theologie 2. 15) und nach
der prophetischen .. Eigenart" (a.a.O. 14) nun noch einmal ganz eigen akzentuiert: Die De-
struktion der Anschauung des Propheten als großer religiöser Persönlichkeit. die bei Form-
54 Bisherige Erforschung der ko 'amar-Formel

Rückfrage nach den Ausgangsüberlieferungen der Propheten zu verweisen.


Rad hatte festgehalten, dass es der Bedeutung der Nachgeschichte nicht ad-
äquat sei, nur zum historischen Wort eines Propheten zurückzufragen. dass
es aber auch nicht sachgemäß ist, zugunsten der Nachgeschichte auf die
Rückfrage nach dem (mündlichen) prophetischen Wort zu verzichten.~~·
Diese letztgenannte Perspektive darf nicht zu kurz kommen, die Mahnung.
dass die Möglichkeit der Rekonstruktion von ursprünglichem (mündlichem)
Prophetenwort einschließlich der Erstverschriftung durch den Propheten
nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden darf, ist daher verständlich. 1 ~' In
seiner Einleitung zum AT hat Smend eindringlich darauf hingewiesen.
keinen der ..beiden möglichen Einsatzpunkte" für die .. Aufhellung der Ge-
schichte, die zu den fertigen Prophetenbüchern geführt hat", nämlich "der
Prophet [einerseits], der dem jeweiligen Buch den Namen gegeben hat und
von dem wir in der Regel den histor. On und einiges von seiner individuel-
len Eigenart wissen oder ennitteln können," und "das abgeschlossen vorlie-
gende Buch" [andererseits] zuungunsten des jeweils andern Punktes zu
verabsolutieren. 126 Auch Jeremias hält "eine Rekonstruktion der Botschaft
der sog. Schriftpropheten theologisch für unaufgebbar". 127
Entscheidend wird es also sein, nicht bei der letzten Stufe der propheti-
schen Prophetenauslegung stehen zu bleiben, sondern auch die Geschichte
der Fonschreibungen rückwärts zu beschreiten. Nur wer den Prozess der
Entstehung eines Buches (bzw. der Bücher) von der lebendigen Prophetie
bis zur letzten Buchgestalt im gesamten Werdegang überblickt, wird die
Sinngehalte der Prophetie adäquat verstehen.
So ist es auch notwendig, sich einer Methodik zu bedienen, die sich auf
diesem Weg des Zurückschreitens wie dem des Nachschreitens als hilfreich
erweisen kann. M.E. kann hier in beiderlei Richtung nicht auf die Erkennt-
nisse und die Methodik der Fonngeschichte verzichtet werden - was nicht
heißt, dass nicht andere methodische Überlegungen (Literarkritik, Tendenz-
kritik, Analyse der historischen Situation u.v.a.m.) miteinbezogen werden

und Religionsgeschiehtlern begonnen haue. setzle sich dahingehend fort. dass der Anteil der
nachprophetischen Persönlichkeiten in der Analyse des redaktionellen Prozesses und der lite-
rarischen Stadien der prophetischen Überlieferung immer deutlicher zu Tage trat; damit ging
auch von dieser Seite weirere individuelle Substanz der hinrer einem prophetischen Buch
stehenden prophetischen Persönlichkeit verloren. Ähnlich beurteilt Rendtorff. Kontinuität.
186. diesen Sachverhalt: •. Es war früher unter anderen Voraussetzungen üblich. den Prophe-
ten einen zentralen Platz in [der Geistesgeschichte) anzuweisen. wie es etwa im Tirel des Bu-
ches von Bernhard Duhm .Die Theologie der Propheten als Grundlage für die innere Enr-
wicklungsgeschichte der israelitischen Religion· von 1875 zum Ausdruck kommt. Die gegen-
läufige Entwicklung hat die Propheten inzwischen bis zur .Total-Opposition· marginalisiert ...
12 • Vgl. Rad, Theologie 2. 47-57; s.o. zu Anfang dieses Kapitels.

w Vgl. Kratz. Kyros, 157-161; vgl. auch Jeremias. Amos 3-{). 154-156.
126 Smend. Entstehung. 141.
127 Jeremias. Rezeptionsprozesse. 30.
Forschungen zur kö 'ämar-Formel nach Westermann 55

müssen. Dies hat auch Schmidt im Sinn, wenn er (mit Blick auf die Rück-
frage zur Stufe der ersten Prophetie) fordert:
.. Allerdings sind aus dem vielgestaltig gewachsenen Buch - zumal durch Be-
achtung der Redeformen, abgrenzender Formeln, auch Wechsel der Adressaten
u.a. - die Prophetenworte erst wieder zu gewinnen und ihre Situation zu re-
konstruieren. Dieser Rückschluß läßt sich nur mit Vorsicht und gelegentlich un-
ter Vorbehalt vornehmen. ist aber wahrscheinlich. kann nämlich jene formalen
Gegebenheiten erklären."'!"
Schmidt betont hier zu Recht, dass eine fundierte Prophetenexegese - auch
eine solche. die auf redaktionsgeschichtliche Aussagen zielt - ohne eine
Bestimmung der Einzelworte der Propheten nicht auskommt. Und für die
Bestimmung der Einzelworte, sowohl für ihre Abgrenzung wie auch ihre
inhaltliche Bedeutung, kann auf eine gattungs-/forrnkritische Untersuchung
nicht verzichtet werden. Dieses Plädoyer für einen Methodenverbund steht
in einem merkwürdigen Gegensatz zu bestimmten Tendenzen der neueren
Forschung, die der Formgeschichte als Methode nicht viel Vertrauen schen-
ken (s.u. Kap. 3).
Kaiser hat diesen methodischen Grundsatz in ähnlicher Weise zum Aus-
druck gebracht:
..Jeder Leser der Prophetenbücher wird mit der Schwierigkeit konfrontien. die
einzelnen Prophetenwone von einander abzugrenzen und sich die sachlichen
Spannungen innerhalb der Einzelwone wie innerhalb der Bücher verständlich
zu machen, wenn er nicht lediglich nach Kernsprüchen Ausschau hält. Den
Ausgangspunkt für die Prophetenexegese bietet daher die Bestimmung der
kleinsten primär selbständigen Einheiten mittels formgeschichtlicher und form-
kritischer Beobachtungen. Erst auf ihrer Grundlage lassen sich einigermaßen si-
chere literar- und in der Überschau über größere Textbereiche auch redaktions-
kritische und redaktionsgeschichtliche Uneile fällen. Daher bildet die Kenntnis
der Grundformen der prophetischen Rede die Voraussetzung für jedes ge-
schichtliche Verständnis der Prophetenbücher."'!''
Vielleicht haben Kritiker Recht, wenn sie in der Aussage Kaisers gleich ein
Modell zur Entstehung prophetischer Bücher heraushören. das die Entste-
hung der Bücher von zunächst getrennt entstandenen (primär selbständigen)
Worten, die dann gesammelt und später in Sammlungs- und Buchform von
Redaktoren überarbeitet wurden, nachzeichnet; ein Modell, das möglicher-
weise zu einfach ist bzw. das nicht für jeden Propheten oder jedes propheti-
sche Buch zutrifft; Kratz hat mit Blick auf Deuterojesaja auf die Möglich-
keit hingewiesen, dass man nicht nur von wahllosen Sammlungen ausgehen
muss, sondern dass man den Anteil der Propheten an Platzierung. Ergän-

•!• Schmidt. Glaube. 316.


'!'' Kaiser. Grundriß 2. 26-27. Auch Steck bedient sich des Arbeitssehrins Formge-
schichte bei der Bestimmung prophetischer Texte. vgl. Steck. Exegese. 119 u.a.
56 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

zung der Einzelworte und einen Eigenanteil an Letztformulierung nicht un-


terschätzen darf. 110
Es bleibt aber die Forderung, die jeweiligen textlichen Einheiten auch in
ihrem Gattungscharakter zu beschreiben (auch wenn damit nicht impliziert
sein muss, über die Beschreibung einer Gattung/Form sofort zum ursprüng-
lichen Prophetenwort durchzustoßen); die Bedeutungsdimension, die die
Gattungsqualität zur Gesamtbedeutung eines Textes beisteuert. darf nicht
unterschlagen werden. Formen werden auf jeder Stufe des Werdegangs ei-
nes Textes/Buches verwendet, d.h. auch spätere Texteffeiltexte werden in
bestimmten Formen/Gattungen formuliert bzw. nachgetragen - wobei die
Wahl der Form durch die Späteren sicher nicht zufällig ist."'

2.3.3.2 Die lllferpretation der ko 'ämar-Formel als .. Botenformel" und die


These von den Propheten als Boten in der neueren Forschung
Die bis heute anhaltende exegetische Prominenz und Verbreitung des Kon-
zeptes vom Propheten als Boten, das sich auf die als .. Botenformeln" ge-
deuteten ko 'ämar-Formeln beruft, lässt sich am besten dokumentieren, in-
dem man die wesentlichen theologischen und einführenden bzw. einlei-
tungswissenschaftlichen Darstellungen zur alttestamentlichen Prophetie so-
wie wichtige Spezialuntersuchungen heranzieht.
Die Gründe für die Prominenz des Konzepts vom Propheten als Boten
liegen in seiner verblüffend einfachen Herleitung und seiner allgemein-
theologischen Anschlussfähigkeit (Propheten als Vertreter einer Wort-Got-
tes-Theologie, vgl. Exkurs I).
Eine der prononciertesten Formulierungen stammt von S.Wagner; er hat
die These vom Propheten als Boten sehr zugespitzt zur Grundlage seiner
Bestimmung der Prophetie gemacht:
.. At.liches Prophetenturn ist ausschließlich von der Botschaftsübermittlung her
zu begreifen, von der Sendung, mit der die Beauftragung verbunden ist. und der
Übermittlung. bei der durch die Botenformel der Absender genannt ist [... ]."":
[Hervorltebung von A.W.]
Zimmerli formuliert ganz ähnlich wie Westermann und Rad:
.. Im Gewand des Boten trill nun auch der Prophet auf. [... ) Nicht aus einer mys-
tischen Einheit mit Jahwe heraus redet danach der Prophet, wo er sein Wort in

•~• Vgl. Kratz. Kyros. 157.


1' 1Auf diesen Aspekt weist auch Kratz hin: .. Die Fortschreibung ist der Schlüssel zur
Redaktion der Prophetenbücher. [... (Ihre [der Te'ltzuwächsc( Bedeutung ergibt sich aus den
literarischen Anleihen, von denen ihre Formulierungen leben. und aus dem Zusammenhang.
den sie über die Te'ltanleihen herstellen. Daß sie auch ihre je eigenen traditions- und formge·
Jchidulichen Hintergründe haben. versteht sich vo11 ulbst." (Henorhtbwrgell von A.W.I
Kratz. Redaktion. 15.
" 2 Wagner. iQ~ (ThWAT 1). 306.
Forschungen zur kö 'ämar-Fonnel nach Westennano 57
I. pers. als Jahwes eigenes Wort aussagt, sondern im Verhältnis des Gesandten
zu dem ihn Sendenden, in dem er vonjenem das Wort empfangen hat."'"
Für Kaiser nimmt die ko 'ämar-Formel unter den .. Eröffnungs- und Schluß-
formeln" der prophetischen Rede einen besonderen Rang ein. denn sie ist
die geläufigste.' 4 Auch nach Kaiser weist die ko 'ämar-Formel (neben eini-
gen anderen Formeln wie der Gottesspruchformel n~''um jahwe etc.) auf das
Selbstverständnis der Propheten hin:
.. Das Selbstverständnis der Propheten als Boten Jahwes tritt deutlich in der Bo-
tenspruchfonnel kö 'ämar jahll'e, .So spricht Jahwe .. .'. am Anfang und in der
Zitations- oder Gottesspruchfonnel n"um jahll'e. ,Ausspruch Jahwes', bzw. ei-
nes einfachen 'ämar jahwe, ,spricht Jahwe', am Ende eines Wortes hervor."''j
Ähnlich votieren Schmidt'"' und Preuss 117 • Etwas vorsichtiger formulieren
Smend"K und Koch''"· Niehr fasst im Neue11 Bibellexikoll im Artikel Botell-
formel/Botellspruch seine Sicht folgendermaßen zusammen:
.. Mit der Verwendung dieser Fonnel [Botenformel] gibt sich der Prophet als
von Gott gesandter und autorisierter Sprecher zu erkennen ... ,.. ,
Auch Schreiner spricht in seiner Theologie von den Propheten als .Jahwes
Boten".'" Ebenso versteht Zenger die Propheten als Boten:
.. Mit der aus der altorientalischen Diplomaten- und Korrespondenzsprache stam-
menden Botenspruchformel (mit der Fonnel »So hat N.N. gesprochen/ spricht
N.N.« werden im Alten Orient amtliche Briefe eingeleitet; mit der Fonnel leiten
»Boten/Botschafter« die Übennittlung eines ihnen gegebenen Wortauftrags ein,
vgl. z.B. Gen 32,4-6) deuten die Propheten an. wie sie sich selbst verstehen: als

1" Zimmerli. Grundriß. 87.


1" Vgl. Kaiser. Grundriß 2. 26.
1 " Kaiser, Einleilung. 21J. Zusammenfassend schreibt er in seiner Theologie de.{ Alteil

TeJtame111J: .. Nach ihrer atl. Deutung verdanken der Prophet. der Seher und der Schauer ihre
Botschafl und ihren Auftrag unbeschadet der terminologischen Umerschiede göulicher Inspi-
ration: Es ist Jahwe. der ihnen Auge und Ohr öffnet. ihnen sagt. was er zu tun beabsichtigt.
und der sie beauftragt. seine an sie ergangene Botschaft auszurichten. Daher sind die sog. Bo-
tenformel So spricht Ja/m·l' und der sog. Aufmerksamkeitsruf Hiirt claJ Wort Ja/u,·l'.< die typi-
schen Einleitungen für ein Prophetenwort." Kaiser. Gon I. 215.
••• Vgl. Schmidt. Einführung, 180-181.
117 Vgl. Preuss. Theologie I. 8J.

"' Smend. Entstehung, 142: .. Die Drohungen und Verheißungen beanspruchen meist
Jahwes eigene Rede zu sein. während in den Scheltworten überwiegend der Prophet spricht.
Die Jahweworte sind in der Regel schon an der einleitenden »Botenformel« kolr 'cimar jh...-11
,.so spricht Jahwe« [... J kenntlich."
'''' Koch. Profeten I. 89: ..Eingeführt wird entweder der Gesamtspruch oder dessen Zu-
kunftsteil durch .so hat Jahwä gesprochen (kn 'amar jhwlr)". eine später bei fast allen Schrift-
profeten aufgegriffene Wendung. Die Forschung pflegt hier von Botenformel zu reden und
deren Aufgabe darin zu erblicken. den Nabi als Mund der Gonheil zu legitimieren." ln Koch.
Formgeschichte. 292. führt er jedoch aus. dass die .. Botenformel" eine nachfolgende Äuße-
rung ..als gönlich wirksames Wort ausweist. das durch Boten überminell wird".
,.. , Niehr. Botenformei/Botenspruch. J 19.
'" Schreiner. Theologie. 195.
58 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

Boten, Abgesandte JHWHs. die ein ihnen von JHWH selbst aufgetragenes Got-
leswon öffentlich und quasi-amtlich bekanntzugeben haben. " 1• 2
Bezüglich des prophetischen Selbstverständnisses fonnuliert Zenger:
.. Der Prophet isl Überbringer bzw. Bole ihm zuteil gewordener konkreter Got-
leswone. die er ungefragt und kompromißlos überrnilleln muß:·••'
Ebach und Blenkinsopp wurden in Kap. I (s. Anm. I und 12) angeführt.' ....
Neben diesen Standardwerken der Einleitungs- und Überblicksliteratur
sind auch die neueren Spezialabhandlungen über einzelne Propheten. Pro-
phetenbücher oder andere Felder der Prophetenforschung auf die Präsenz
der Vorstellung vom Propheten als Boten und der als ,.Botenformel" ver-
standenen kö 'ämar-Fonnel hin zu befragen.'•~

••z Zenger. Einleitung. 376.


•• 1 Zenger. Einleitung. 377.

,.... Blenkinsopp steht im englischsprachigen Raum in keinster Weise allein. vgl. Zyl.
Message Formula; Ross. Prophet. 99. der wie die meisten bei Gen 32 ansetzt; March. Prophe-
cy. 141-177; Tucker. Prophetie Speech; Schmidt. Prophetie Delegation. 206--212; Knierim.
Criticism_ 141 und 143 Anm. 14; Roft!. lntroduction. 61-62 (Chapter 4.2 .Thus Says the
Lord': A Messenger's Formula); u.a.
••~ Zur Verdeutlichung weise ich auf folgende Beispiele hin: Dietrich. David. 13. zu I.
Sam 9.9 [C'~:J i~tpi::>): .. [... ) dtr dürfte auch die Botenspruchformel V.2au sein[ ... ].". vgl.
auch Dietrich. Prophetie. 70f. - Steck. Beobachtungen. 224-225. interpretiert die l.:ti 'cinwr-
Formel ebenfalls als .. Botenformel" wie sich z.B. in seinen Studien zu Tritojesaja zeigt; er
spricht etwa alle kö 'ämar- wie ki kö 'ämar-Formeln in Jes 65f als .. Botenformeln" an und
sieht sie in Jes 63-66 aufeinander bezogen. - Kratz. Kyros. 159. spricht ebenfalls die k1i
'cimar-Formel als .. Botenformel" an: ..ln ihrer [der Tradenten) Sicht ist der Prophet vielmehr
Träger. mithin Garant und Autorität des Wortes Jahwes. wie es üblicherweise in der Boten-
formel (.So spricht Jhwh') zum Ausdruck kommt [ ... )." Allerdings registriert er z.B. in Jes
45.18 die ki kö 'ämar-Formel als .. ungewöhnliche Form der Botenformel", ohne diese Auf-
fälligkeit weiter zu verfolgen. vgl. Kratz. Kyros. 101. - Schmid. Buchgestalten. 256. identifi-
ziert die kli 'ämar-Formeln in Jer 24.5 und 8 ebenso als .. Botenformeln" wie die ki kci 'cimar-
Formel in Jer 30.5 (a.a.O. 116).- Von .. Botenformeln" spricht Barthel. Prophetenwort. 406.
z.B. in Jes 30.12 und 15. die er .. mit p~ bzw. '::l" eingeleitet sieht.- Hecker. Jesaja. 256.
wertetz.B. die kö 'ämar-Formel in Jes 7.7 als .. Botenformel" und nimmt sie als Indiz für enge
Berührungen mit Jes 30.15. wo allerdings eine ki kö 'ämar-Formel steht - Weippert. Das
Frühere. 164. spricht die kö 'ämar-Formel in Deuterojesaja als .. Botenformel" an: .. Der Text
[Jes 42.5-9] beginnt in Vers 5 mit der sog .. Botenformel' in der für Deuterojesaja typischen
erweiterten Form, bei der dem Namen .Jahwe· Auribute im hymnischen Panizipialstil bei-
gegeben sind;[ ... ]."- Ebenso geht Willi-Piein. Spuren. 81-82. von der Interpretation der kci
'ämar-Formel als .. Botenformel" aus: .. Auch die vielen wohl nicht nur makrosyntaktisch den
Text gliedernden. sondern v.a. immer wieder den mündlichen. und d.h. prophetischen Cha·
rakter der Einzelworte sichernden interjektorischen Formeln .Orakel JHWHs' (:"!~:"!' i:I~Jl.
.hlll JHWH gesprochen' (:"11:"1' iO~) oder die Botenformel .So hat JHWH ges{Jmchen· als
Überschrift über Einzelworteinheiten innerhalb der Prophetenbücher sind eindeutige Signale
der Mündlichkeit"- Ferry. Juda. 71. parallelisiert z.B. die ..formule du messager" aus Jer
35.19 ( .. Ainsi parle YHWH Sabaot. Je Dieu d'lsrael:") mit ..Car ainsi parle YHWH:" aus Jer
33.17 (a.a.O. 78). - Seybold. Sprache. 124. schreibt zu Nah 1.12: .. Mit der einleitenden Bo-
tenspruchformel: .. so spricht JHWH~ meldet sich prophetische Rede unüberhörbar zu Wort."
Die Reihe ließe sich weiter fonsetzen.
Ertrag und Fragestellungen für die weitere Arbeit 59

Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: Die in Frage stehenden Konzepte fin-
den sich überall, kaum irgendwo 1.16 wird das Konzept der ..Botenformel"
(und damit der Botenrolle der Propheten) hinterfragt. 1•'
Aus dem hier angeführten Überblick zur neueren und neuesten For-
schung lässt sich folgendes Fazit ziehen:
(a) Auf breiter Front findet sich die Bestimmung des Propheten als Bo-
ten in der wesentlichen neueren und neuesten einführenden und zusammen-
fassenden exegetischen Literatur. Fast jedes Statement führt als Beweis für
die These vom Propheten als Boten die als .. Botenformel" verstandene ko
'ämar-Formel an. Allerdings wird die These bei keinem der Neueren noch
einmal durch eigene Arbeit begründet; entweder es wird nur auf den als be-
kannt und richtig vorausgesetzten Argumentationsgang verwiesen. dass sich
durch die als ..Botenformel" verstandene ko 'ämar-Formel das prophetische
Grundverständnis als Bote zeigt. oder es gibt einen Hinweis auf Köhler,
Lindbiom und Westermann (die den Argumentationsgang formuliert ha-
ben). Auch wird in der Regel nicht weiter thematisiert, wie das Botesein zu
verstehen ist; das Bild vom Propheten als Boten ist ja offen für verschiede-
ne Deutungen der Botenrolle, der Prophet kann alles vom Wort ausrichten-
den Propheten bis zum frei agierenden Botschafter sein.
(b) Die Zielrichtung der Aussagen zur ko 'ämar-Formel ist unklar: blei-
ben sie auf die historischen Propheten bezogen oder beziehen sie die Re-
daktionstätigkeit ein?

2.4 Ertrag und Fragestellungen für die weitere Arbeit

Es gibt bisher keinen Versuch, die von den verschiedensten Seiten herkom-
menden neuen Überlegungen zur ko 'ämar-Formel zusammenzufassen und
zusammenzuschauen oder von einer der neuen Positionen aus eine Gesamt-
schau zu unternehmen. Die einzelnen Arbeiten bieten jeweils nur den Blick
auf einen Ausschnitt des Gesamtbestandes an Formeln. Ein weiterführender
neuer Zugang muss also versuchen, die verschiedenen Beobachtungen zu-
sammenzuführen und vor allem eine Untersuchung auf der Basis des ge-
samten ko 'ämar-Formelbestandes durchzuführen.

1"" Eine Ausnahme stellen in erster Linie die Abhandlung von Meier. Speaking und die

dazugehörigen Rezensionen dar, vgl. etwa Gross. Rez. zu: Meier. Speaking (deutlich wahr-
nehmbare Spuren innerhalb der Prophetenforschung haben sie aber nicht hinterlassen). sowie
Maier. Jeremia. 139, die auf Rendtorff zurückgehend die legitimierende Funktion der /,;(i
'ämur-Formel beobachtet.
1., Dies gilt auch für den Bereich epigraphischer Forschung. vgl. dafür slellvenrelend

HAHI. 121 (.. message formulae in the Bible"); HAE. I0-11, mil Verweis auf Niehr. Boten-
formei/Botenspruch: Westermann. Grundformen: u.a.
60 Bisherige Erforschung der ko 'amar-Fonnel

Leitend muss m.E. dabei die aus den Untersuchungen besonders von
Rendtorff, Bj0rndalen und Michel resultierende Erkenntnis sein, dass bei
der ko 'ämar-Formel nicht von einer einheitlichen Gestalt, Funktion und
Verwendungsweise ausgegangen werden kann, sondern von verschiedenen
Formeln. Daher der Plural in dem Untertitel der vorliegenden Arbeit .. Die
so spricht Jahwe-Formeln und das Grundverständnis alttestamentlicher
Prophetie".
Die Zeit für eine formelgeschichtliche Untersuchung über die k() 'änwr-
Formeln ist reif. Wie inzwischen aus vergleichbaren Untersuchungen her-
vorgegangen ist, ist ein zentrales Faktum die Einsicht in die Ko- und Kon-
textabhängigkeit von einzelnen Formeln. 1""' Bei gleich bleibendem Wortlaut
ändert sich zuweilen die Bedeutung. Ebenso muss der textgrammatische
Aspekt einbezogen werden. Zu untersuchen ist also die Eigenart der ko
'ämar-Formel als nicht-selbständig vorkommender Teiltext mit besonderer
Berücksichtigung des Ko- und Kontextes. Anregungen für eine formelge-
schichtliche Arbeit kommen aber nicht nur aus der linguistischen Pragma-
tik, sondern auch aus der Literaturwissenschaft sowie aus Parömiologie und
Volkskunde. All dies wird das Kap. 3 thematisieren.
Bei der Bearbeitung des Materialbestandes muss man zwei Wege ge-
trennt beschreiten und sie später kombinieren:
- Zunächst ist von den ko 'ämar-Formeln im Erzählumfeld auszugehen:
sie ermöglichen am ehesten, das inneralttestamentliche Verständnis zu er-
heben. weil die Erzählumfelder die beste Möglichkeit ergeben, über die In-
formationen des Erzählzusammenhangs das Funktionieren der ko 'ämar-
Formel zu begreifen.
- In einem zweiten Schritt können dann auch die ko 'ämar-Formeln in
prophetischen Texten, die nicht in einem Erzählzusammenhang stehen. un-
tersucht werden. Damit soll nicht gesagt werden, dass nicht auch die Ge-
samtkomposition von Prophetenbüchern eine deutende und bedeutende
Funktion für das Verständnis der ko 'ämar-Formeln haben kann; diese Be-
deutungsdimensionen sind aber in der Regel weniger klar zu erheben. als
das bei der Erzähltextanalyse möglich ist. Evident wird das Vorgehen ohne-
hin nur dann, wenn ein nachvollziehbarer Korrelationszusammenhang zwi-
schen beiden Beobachtungsfeldern hergestellt werden kann.
Deutlicher als vormals tritt heute die Tatsache der sog. geliehenen Gat-
tungen der Propheten hervor. 1•'' Das wichtigste dabei ist. dass die Propheten
(und ihre Tradenten) die mit diesen Gattungen verbundenen Bedeutungen
und Wahrheitsansprüche z.T. übernehmen, z.T. aber auch verändern. Die kO

1••Zur Unterscheidung von Ko- und Kontext vgl. Exkurs 2 in Kap. 3.


1•"Weitere Beispiele für geliehene Gattungen bei den Propheten sind: Leichenklage (Am
5,2). Liebeslied (Jes 5.1-7 ), Trinklied (Jes 22.13; 56.t2). Fiirclrre-dich-nidrr-Formel (Jes
41.10 u.ö.). Heroldsinstruktion (Am 3.9-11) u.ä .. vgl. auch die Hinweise bei Koch. Formge-
schichte. ]]0 (Lit. !).
Ertrag und Fragestellungen für die weitere Arbeit 61

'ämar-Formel gehön zu diesen geliehenen Gattungen. wenn man in diesem


Fall einmal von der Gattung der ko 'ämar-Formel sprechen will. Dann ist
aber auch zu fragen, was denn vom profanen bzw. außeralttestamentlichen
Gebrauch übernommen. was verändert worden ist und ob es Differenzie-
rungen und Eigenarten bei den verschiedenen Propheten und deren Tra-
denten gab.
Der letztgenannte Aspekt fordert das Einbeziehen außeralttestamentli-
cher Parallelen, mithin die religionsgeschichtliche Perspektive. Dies betrifft
sowohl die Religionsgeschichte Israels wie die religionsgeschichtlich-ver-
gleichende Perspektive, die israelitische im Kontext altorientalischer Ent-
wicklungen betrachtet.
Ich will hier nur auf ein Problem aus diesem Kontext hinweisen; ver-
gleicht man die Briefe der Mari-Propheten mit prophetischen Texten des
AT. so fällt eine gewisse formale Ähnlichkeit auf: wie die alttestamentlich-
prophetischen Texte die kö 'ämar-Formel gebrauchen. so einige Texte aus
Mari das akkadische Pendant (vgl. Kap. 4). Die Funktion der Äquivalente
zur ko 'ämar-Formel aus Mari besteht nicht zuletzt darin, im polytheisti-
schen Kontext die Botschaft auf einen göttlichen Absender, nämlich eine
der verschiedenen Gottheiten. zurückzuführen. Im Bereich Israels dachte
man an solche Funktionen in der früheren Forschung kaum. Die Debatte zur
alttestamentlichen Religionsgeschichte der letzten Jahrzehnte hat allerdings
gezeigt. dass doch stärker von einem innerisraelitischen Pluralismus auszu-
gehen ist, als man z.B. noch in der ersten Hälfte des 20. Jh. annahm.•"' Die
Funktion der kö 'ämar-Formeln ist auch auf diesem Hintergrund zu beden-
ken. Die Funktion, mit der kö 'ämar yhwh-Formel den göttlichen Absender
- Jahwe - zu identifizieren, könnte für die frühen Propheten nach heutigem
Kenntnisstand durchaus eine Rolle gespielt haben. Mit zunehmender Jah-
weisierung der israelitischen Religion muss sich allerdings dieser Aspekt
der ko 'ämar yh1-vh-Formel verändern. Bei den späteren nachexilischen Re-
daktoren und Theologen war die Grundsituation anders. war Jahwe schon
zum einzigen Gott geworden. Unter diesen Bedingungen konnte der Iden-
tifikationsaspekt der kO 'ämar yhwlr-Formel ganz aus dem Blickfeld gera-
ten.
Es kommt ein Weiteres hinzu: Die Tatsache einer schriftlichen Samm-
lung - etwa eines Prophetenbuches - bringt es mit sich, dass die Identifika-
tionsfunktion beim Einzelspruch keine Rolle mehr spielt; wenn die ganze
Sammlung als Won Jahwes gilt. braucht nicht jeder Einzelspruch als von
Jahwe stammend ausgewiesen werden. Die Frage ist nun. ob in diesem Fall

1 ~' Vgl. (passim) Keel. Monotheismus: Lang. Gon: Haag. Gon: Weippert. Synkretismus:

Keel/Uehlinger. GGG; Albertz. Religionsgeschichte: Dietrich!Kiopfenstein. Gon: Stolz. Mo-


notheismus: Zwickel. Religionsgeschichte: Krebernik!Oorschot. Polytheismus und Mono-
theismus; Lang. Jahwe. 228-2JJ; Ka1ser. Gon J. J4J-J92; Oeming/Schmid. Der eine Gon
und d1e Göller.
62 Bisherige Erforschung der kö 'ämar-Formel

eine Akzentverschiebung ausgelöst wurde, die stärker die Autorisation, Le-


gitimation und/oder Bekräftigung des prophetischen Wones in den Vorder-
grund stellt.
3. Grundlage einer Analyse der ko )amar-Formel im
AT - Aspekte einer Theorie der Formel

3.1 Zur Problemlage alttestamentlicher Form- und


Formelgeschichte

3.1.1 Alttestamentliche Form-/Gattungsgeschichte

Die Problemlage hinsichtlich der Formeln steht in unmittelbarem Zusam-


menhang mit der Problemlage beim formgeschichtlichen Arbeiten über-
haupt. Daher ist zunächst ein Blick auf dieses größere Gebiet zu werfen.
Die Form-/Gattungsgeschichte unterliegt derzeit einem Wandel und ist
teilweise harter Kritik ausgesetzt. Bis in die sechziger und siebziger Jahre
des 20. Jh. stand formgeschichtliches Arbeiten in der alttestamentlichen
Wissenschaft nicht in Frage. Formgeschichte folgte den Theoremen des Va-
ters der Gattungsforschung Hermann Gunkel ( 1862-1932). 1 Gunkel hat
postuliert, ..daß [ ... ] Gattungen da anzunehmen sind, wo wir zu gleicher Zeit
gewahren: 1. einen bestimmten Schatz von Gedanken und Stimmungen, 2.
eine deutliche Formensprache. in der diese sich äußern. 3. einen Sitz im Le-
ben. aus dem Inhalt und Form erst verstanden werden können".~ Am si-
chersten ist von einer Gattung zu sprechen, wenn es mehrere Textexempla-
re gibt, die bezüglich dieser drei Aspekte so große Gemeinsamkeiten auf-
weisen. dass die Gattung als ein das Textexemplar übergreifendes gemein-
sames Muster festzustellen ist.
Lange Zeit gehörte die Exegese gerade hinsichtlich der Gattungsfor-
schung zu den Ideen exportierenden Wissenschaften; viele verwandte Dis-
ziplinen haben vor allem die mit dem Begriff des Sitzes im Leben verbun-
dene Theorie der Verankerung einer Gattung in der außersprachlichen Welt
aufgenommen; die Übernahme des deutschen Begriffes als "the/le Sitz im
Leben" spiegelt dabei auch die internationale Rezeption der Gunkel'schen
Gattungstheorie.'

1 Gunkel hat seine Ganungsforschung u.a. in folgenden Werken angewandt bzw. in der
Theorie ausgeführt: Gunkel, Genesis; ders .. Reden; ders .• Literatur; ders., Psalmen; ders .. Ein-
leilung in die Psalmen. vgl. dazu auch Klau. Gunkel (passim).
~ Vgl. Gunkel. LiteraiUr. 57.
' Vgl. zu diesem Problemkreis Wagner. Ganung; Ehlich ...Sitz im Leben".
64 Grundlage einer Analyse der /.:.ö 'änrar-Fonnel

Doch seit den siebziger Jahren häufen sich Anfragen an die Formge-
schichte.~ Überzeichnungen in Gunkels Theorie wurden deutlich. etwa die
von der Gedankenwelt des 19. Jh. geprägte Vorstellung. dass jede Gattung
eine Geschichte mit idealen Urformen hat, bis sie in späterer Zeit zersungen
wurde. Fundamentale Teile von Gunkels Theorie wie die Konzeption des
Sitzes im Leben wurden auch in dem Moment hinterfragt. wo sich die Exe-
gese auf den schriftlichen Werdegang eines Textes. seine Redaktionen etc.
konzentrierte; auf der Stufe von Literatur ist z.B. mit dem Begriff Sitz im
Leben nicht einfach zu operieren.~ Schwierig wird es in der Tat dann, wenn
formgeschichtliche Erkenntnisse zu schnell herangezogen werden. um die
Entstehung von Texten/Buchteilen/Büchern zu erklären. wenn Fomlge-
schichte in Konkurrenz zur Redaktions-/Kompositionsgeschichte tritt; oder
auch wenn zu schnell von Sprachformen auf einen (vermeintlichen) Sitz im
Leben geschlossen wird. 6
Gerade in der Prophetenexegese war die Gefahr vorschneller Ableitun-
gen groß; ..manche Formgeschichtler [neigten z.B.) zu der Annahme, [dass]
traditionell liturgische. von den Propheten gebrauchte Sprachformen [ ... ] als
Indikatoren für ein kultisches Amt dienen" können. 7 Waldow~ etwa folgerte
.,aus den Heilsorakeln im zweiten Jesajabuch, der Autor müsse Kultprophet
gewesen sein, denn derartige Sprüche kommen in Liturgien vor-·:• McKanes
Kritik an einem solchen Vorgehen ist zuzustimmen: .. Die Annahme. Sprach-
form und Sitz im Leben seien unzertrennbar. auf der manchmal der Über-
gang von formkritischen Beobachtungen zu den kultischen Funktionen al-
lein ruht, erscheint außerordentlich brüchig." 10 Doch enthebt diese Zustim-
mung zur Kritik von McKane die Exegese nicht von der Frage nach form-

4 So spricht etwa Müller. Formgeschichte/Formenkritik I. 275 von .. tendenzieller Ab·


wendung von gauungs- und überlieferungsgeschichtlichen Denkmodellen". die .. neuerdings··
auftriu zugunsten einer Zuwendung zu literarkritischen-redaktionsgeschichtlichen Modellen
in der Tradition Wellhausens. Doch will Müller zwischen Redaktionsgeschichte und Formg.:·
schichte keinesfalls einen unüberbrückbaren Graben sehen und begegnet daher dieser Krit1k
skeptisch. indem er im Anschluss an die obige Feststellung die Frage stellt: .. Was läßt ~ich
über die Formgeschichte interpretierender Gattungen ausmachen. zu denen die Redaktionen
doch wohl gehören?" Vgl. auch die Beiträge in: Sweeney/Ben Zvi. The Changing Face of
Form Criticism for the Twenty-First Century.
' Becker. Jesajaforschung,ll weist am Beispiel der Jesaja-Forschung auf Stimmen aus
dem Bereich des canonical approach hin. die die .. Angemessenheil der Formgeschkht.: Gun·
kelscher Prägung" für die Auslegung deswegen bestreiten. weil .. mit ihrer [der Formge·
schichte) Fixierung auf die kleinsten Verkündigungseinheiten und deren .Sitz im Le~n· das
Buch selbst [... )aus den Augen verloren'" wird.
6 Vgl. auch die Kritik von Kratz an Versuchen. die Entstehung des Deuterojesaja-Bu·
ches formgeschichtlich zu erklären, Kratz, Kyros. 6-11.
7 Blenkinsopp. Geschichte. 29.
" Vgl. Waldow. Anlaß .
., Blenkinsopp. Geschichte. 29.
10 McKane, Prophecy. 164. Übersetzung nach Blenkinsopp. Gesch1chte. 29.
Zur Problemlage alttestamentlicher Form- und Formelgeschichte 65

kritischen Beobachtungen, 11 sondern warnt nur vor voreiligen weiterführen-


den bzw. zu weit führenden Schlüssen aus formgeschichtlichen Erkenntnis-
sen. Diese Kritik bezieht sich also eher auf einen unsachgemäßen Gebrauch
formgeschichtlicher Methodik als auf die Methodik selbst. Gunkel selbst ist
mit diesen Problemen wesentlich sensibler umgegangen als viele seiner
Nachfolger; daran muss künftige Formgeschichte anknüpfen.
Weiterhin sind im Gespräch mit Nachbardisziplinen bezüglich der
Formgeschichte auch neue Akzentuierungen ins Blickfeld getreten: So wur-
de z.B. der Begriff der Form von der strukturalistischen Sprach- und Litera-
turwissenschaft her besonders im französischsprachigen und angelsächsi-
schen Raum neu gefüllt und bestimmt als Strukturbeschreibung eines Tex-
tes. Wichtige Anstöße hat in dieser Hinsicht für die alttestamentliche Exe-
gese Richter gegeben. Er betont, dass es sich bei Form und Gattung um
zwei Größen handelt:
.. Es werden unmittelbar Größen verglichen, die auf verschiedenen Ebenen ste-
hen. als stünden sie auf einer Ebene: ein Einzeltext als Gegenstand der Analyse
und eine Größe, die in verschiedenen Einzeltexten nicht ganz gleich vorliegt
und vielleicht ,hinter' den Einzeltexten liegt und diese prägt; sie sei ,Texttypus'
genannt. Mit der Gattung .Drama· ist nicht bereits jedes einzelne Drama be-
schrieben. [... ) Dem Einzeltext kommt primär eine Form zu, dem Texttypus nur
in einer übertragenen oder abstrahierten Weise [... ). Damit bezieht sich .Form'
auf einen Einzeltext.. Gattung' auf einen Texttypus. Unter .Form· wird [... )die
Beschreibung eines Einzeltextes verstanden." 11
Hatte bei Richter noch eine Zweiheit ihren Platz. nämlich Form und Gat-
tung, so rückt bei einigen nachfolgenden Arbeiten die Form bald in eine
Vorrangstellung;JJ damit ist das alte Gunkel'sche Konzept und besonders
die Rückbindung an einen Sitz im Leben zumeist aufgegeben bzw. die Fra-
ge nach Gattungen weitgehend verdrängt worden.
Diese Vorliebe für die Form in Richter'schem Sinne hängt mit einem
Vorwurf zusammen, der in neuerer Zeit zuweilen gegenüber der Formge-
schichte erhoben wurde: Formgeschichte, die nach Gattungen fragt, könne
dazu führen. dass man die Texte .. kategorisierend nivelliere" 1\ weil man

11 Vgl. Steck. Exegese. 121: .. Die FG [=Fonngeschichle) ist nicht auf bestimmte Texte

oder Überlieferungsstufen begrenzt Vielmehr ist sie gleichermaßen bedeutsam: auf der
mündlichen wie auf der schriftlichen Überlieferungsstufe. für ein Teilstück (GiiedganungJ
innerhalb eines größeren Texrabschnins (Rahmengauung) wie für ein selbständiges Stück. für
eine kleine Einheil wie für einen umfassenden Textkomplex [ ... )." Vgl. auch die oben S. 56
Anm. 131 angefühnen Hinweise von Kratz.
11 Richter, Exegese, 74.
1 ' Vgl. etwa folgende Arbeiten: Amit, Judges 4; ders .. Story; Brandscheidt ... Bestellt über

Völker und Königreiche"; Christensen. Fonn; Cohn. Fonn; Edelman. The Manassire Genea-
logy: Franzmann. Odes; Lee. Studies; Lugt. Form; Ogden. Psalm 60; Robinson. Form; Ro-
wold. Yahweh's Challenge; Smilh. God: Soll. Psalm 119; Tromp. Psalm lxxx.
1• Spieckennann. Hymnen, 103.
66 Grundlage einer Analyse der ko 'ämar-Forrnel

immerzu nur die Gattung und nicht den Einzeltext im Sinn hat. Eine solche
Grundposition verkennt aber folgenden Sachverhalt:
.Jede individuelle sprachliche Aussage entwickelt sich erst auf einem textlich
bestimmten Hintergrund [... ). Dies neben der individuellen Aussage eines jeden
Textes hervorzuheben ist keine Nivellierung. sondern die notwendige und adä-
quate Feststellung eines übereinzeltextlichen Aspektes. der mit den individuel-
len Aussagen des EinzeltelUes untrennbar verwoben ist. Die Frage nach der
Textqualität, der Textsorte, der Gattung unterstützt daher eine idiographische
Interpretation, sie behindert sie nicht. " 1j
Erst wenn die Fragestellung in Richtung der übereinzeltextlichen Muster
bzw. Gattungen ausgeweitet ist, ergibt sich ein adäquates Vorgehen. Frei-
lich haben kritische Stimmen Recht mit ihrer Kritik. wenn diese Fragerich-
tung nach den übereinzeltextlichen Aspekten so stark ausgeprägt ist. dass
wiederum das Aussageprofil der Einzeltexte nicht deutlich genug wahrge-
nommen wird. Die Lösung dieses Konflikts besteht aber nicht darin, einen
Pol zugunsten des anderen aufzugeben. sondern einen Text in der Spannung
zwischen Individualität und Gattungsgebundenheit zu erfassen.
Zu den angeführten Kritikpunkten kommt eine ganze Anzahl innerer
Probleme der formgeschichtlichen Methodik selbst hinzu: Die Problematik
von Gattung und Struktur/Form wurde oben schon angesprochen; problema-
tisch wird zuweilen das Verhältnis von Form und Stoff in Überlieferung
und Tradition gesehen;'• die genaue Fassung des Sitzes im Leben bereitet
Probleme, 17 ebenso die Frage der konstitutiven Merkmale einer Gattung;"
nicht klar sind die Regeln der Hierarchisierung von Gattungen (Rahmen-/
Gliedgattung); und nicht zuletzt werden derzeit etliche Anregungen und In-
Frage-Stellungen durch die linguistische Textsortenlehre diskutiert.'''
Den auf die Formgeschichte bezogenen Verdikten und kritischen Anfra-
gen stehen die Arbeiten gegenüber, die explizit auf die Unumgänglichkeit
der Gattungsdimension und den exegetischen Gewinn dieser Fragerichtung
hinweisen. Hier ist auf alle gängigen Einführungen und Einleitungen hin-
zuweisen,10 die den formgeschichtlichen Forschungsstand ebenso berück-

lj Wagner. Lobaufruf. 147.


16 Vgl. Müller. Formgeschichte/Formkritik I. 277-279: Koch. Formgeschichte. bes. ~~ 4
und 7: Knierim. Crilicism. 136-150.
17 Culley. New Directions. 186-187 weist auf die Diskussion um eine neue soziologi-

sche und anthropologische Fassung des Begriffes. vgl. Knight. Understanding: Long. Field
Studies: Buss, ldea: vgl. auch Wagner. Gauung: Ehlich ...Sitz im Leben··.
'" Vgl. Raible. Wie soll man typisieren.
''' Ygl. u.a. Preuss. Gauungsforschung: ders .. Linguistik: Koch. Formgeschichte. 271-
324: Jenni. ZÄQEN. bes. 61: Müller. Formgeschichte und Textgrammatik: ders .. Textsone
und Situation: Hardmeier. Textwehen. Ygl. für den Bereich der Ägyptologie etwa Reiche.
Ein hymnischer Text.
:!0 Ygl. etwa von den neueren Kaiser. Einleitung: Smend. Entstehung: Gouwald. Hebrew
Bible: Kaiser. Grundriß I ff: Rendtorff. Testament: Schmidt. Einführung: Zenger. Einleitung:
vgl. auch KnighlfTucker. Hebrew Bible: Schouroff/Schroer/Wacker. Exegese. 65-66 u.a.m.
Zur Problemlage alttestamentlicher Form- und Formelgeschichte 67

sichtigen wie die Kommentare. Exemplarisch sei hierfür folgende Formu-


lierung herausgegriffen:
.. Wer ein Schriftstück liest, sollte sich darober klar werden, um welche Textsor-
te es sich handelt. Sonst sind Mißverständnisse unvermeidbar! Jeder Text kann
nämlich nur solche Signale und Informationen weitergeben, die seinem Wesen
und seiner Herkunft, seinem Gebrauch und seiner Absicht entsprechen. Tele-
fonbuch, Roman. Geschäftsbrief. Zeitungsmeldung. Werbespot. Gebrauchsan-
weisung, Verkehrsschild, Kochrezept - wir gehen täglich mit einer Vielzahl
sehr unterschiedlicher Textsorten um. Aus Erfahrung wissen wir, wie jede Gat-
tung und jeder Einzeltext in die Lebenswirklichkeit einzuordnen sind. wie wir
sie entschlüsseln können und was sie uns zu sagen haben. Wehe uns, wenn wir
die Giftwarnung auf einer Flasche für einen Faschingsscherz halten oder eine
Rechnung als Liebesbrief Iesen!"11
An diese Grunderkenntnis schließen die neueren Lehrbücher und Lexika11
sowie eine Vielzahl von Publikationen 1 ' an.
So stehen sich also kritische und befürwortende Positionen in der neue-
ren Diskussion gegenüber. Da es aufgrund der Kritik und neuerer Erkennt-
nisse nicht möglich ist, Formgeschichte auf dem Stand von Gunkel weiter
zu betreiben, muss nach einer Neubestimmung des form- bzw. gattungsge-
schichtlichen Arbeitens gefragt werden, die das Gunkel'sche Erbe produk-
tiv fortführt. Ohne eine Neuorientierung auf diesem Gebiet ist zukünftiges
Arbeiten an Gattungen in der alttestamentlichen Exegese schwerlich mög-
lich. Die vorliegende Arbeit kann dies für die Frage der Fonngeschichte
insgesamt nicht leisten. Allerdings soll versucht werden, den Teilausschnitt
der Farnzeigeschichte neu zu konturieren. Das Hauptanliegen ist dabei, in
Weiterführung der bisherigen Konzeption, in Aufnahme der vorgebrachten
Kritik und im Gespräch mit anderen am Phänomen ..Text" arbeitenden Dis-
ziplinen (Sprach- und Literaturwissenschaft. andere Phitotogien etc.) ein
leistungsfähiges Fonnelanalysemodell zu entwickeln.

11 Gerstenberger. Leviticus. I.
11 Vgl. u.a. Steck, Exegese. 98-125; Kreuzer [u.a.]. Proseminar. 66-78; Müller. Formge-
schichte/Formkritik I (TRE); Rösel. Formen/Gauungen II (RGG'); Utzschneider/Nitsche. Bi-
belauslegung.
1' Drei Hinweise mögen die Fülle der Literatur verdeutlichen: (a) Koch, Formgeschichte

führt in seiner Auswahlbibliographie (!)zur Formgeschichte (zusammen mit den Literaturhin-


weisen in den einzelnen Kapiteln) in der neuesten Auflage von 1989 über .100 Arbeiten zur
Formgeschichte auf. (b) Für den Bereich der Prophetenforschung resümiert Neumann. Pro-
phetenverständnis. 44: ..Zur Formenkritik prophetischer Rede. Hier ist die Literatur selbst im
deutschen Sprachbereich praktisch nicht mehr überschaubar [ .. .]:' (c) Die Internet-Bibliogra-
phie Bibelwisstn.fchaftliche Literaturdokumentation lnnsbrud (BILD/) [hup:/lbibfutheol.ui-
bk.ac.allbildilsearchlindex.html) verzeichnet hunderte von Einträgen zu den Stichworten
Form. Formen. Formgeschichte und Formkritik, Gattung. Gatfllngen. GattungsgeJChidue.
Gattungskritik. Te.ttgrammatikl-lingui.ltik und Texuone mit ansteigender Tendenz.
68 Grundlage einer Analyse der kö 'ämar-Forrnel

3.1.2 Alttestamentliche Fonneigeschichte

Hinsichtlich der Untersuchungen von Fonnein ist eine merkwürdige Zwei-


heit festzustellen: Einerseits sind Fonneluntersuchungen kein Hauptthema
in der alttestamentlichen Exegese der letzten Jahrzehnte, das ausgiebig mo-
nographisch diskutiert oder zu den prominenten Themen zählen würde.~•
Doch zeigt eine große Zahl von Aufsätzen zu Fonnein aus den letzten Jah-
ren, dass Fonneluntersuchungen in nicht geringem Maß immer Gegenstand
der Exegese und verwandter Disziplinen geblieben sindY
Die Skepsis gegenüber Formeluntersuchungen nährt sich durch die Kri-
tik, wie sie etwa von Noth ausgesprochen wurde. Noth hat in einem Aufsatz
von 1963 festgestellt, "daß sich das Interesse nicht mehr den ,Formen',
sondern den Fonnein zuwendet [ ... ] und daß unter der stillschweigenden
Voraussetzung der immer gleichbleibenden Bedeutung einmal geprägter
Fonnein die ,Fonnel-Geschichte' sich zu einer ,Fonnel-Ungeschichte' ent-
wickelt".~6
Noth hat damit sicher einen zentralen Punkt der Formelanalyse der Exe-
gese um die Mitte des 20. Jh. erfasst. Und seine Kritik gilt nicht nur für
Untersuchungen der 50er und 60er Jahre des 20. Jh., sondern auch noch für
viele spätere. Welche Art von Fonneigeschichte Noth im Blick haue. will
ich an zwei Beispielen illustrieren:
a) Müller führt in seinem Artikel zu Formgeschichte in der TRE als Bei-
spiel für eine solche "Fonnel-Ungeschichte" den "zeitweise geradezu modi-
schen Vergleich zwischen Mosebund vom Sinai und hethitischen Vasallen-
verträgen" an, 17 der sich aufgrund von Fonnelähnlichkeiten zwischen he-
thitischen Verträgen und alttestamentlichen Texten anbot; dabei besteht die
Gefahr, dass durch das Hervorheben der Ähnlichkeiten der Formeln die Un-
gleichheit der Phänomene verschleiert wird. 1~ Bei einem Aufweis von Ana-

1• Monographisch-selbständige Publikationen mit Formeluntersuchungen gibt es nicht

allzu viele. vgl. etwa alttestamentliche und verwandte Arbeiten: Seidl. Formen und Formeln;
Babut. Expressions idiomatique; Rendtorff. Bundesformel; Rechenmacher. Ausschließlich·
keitsformel. ln vielen Monographien werden Formeln nicht ausschließlich. aber doch sehr
häufig thematisiert, vgl. dafür etwa Kreuzer. Gott; Disse. lnformationsstruktur; Schwiderski.
Handbuch; Williams. I am He: Schöptlin. Theologie als Biographie. Altorientalistische Ar·
beiten: Salonen, Gruss- und Höflichkeitsformeln; Polentz. Eigenbegriftlichkeit; Pomponio.
Formule; Lohwasser. Formel: Sallaberger. Interaktion u.a.
1 ~ Auch hier ist ein Blick in die bibliographischen Organe hilfreich: BILDI [hup://bibfu·

theol.uibk.ac.allbildi/searchlindex.html). BIBIL [hllp://eliot.unil.ch/Bbibil.htm) u.a. verzeich·


nen auch für den Bereich der Untersuchungen zu Formeln eine große Zahl einschlägiger
Publikationen.
!• Noth. Tendenzen. 120. Vgl. zur Wirkungsgeschichte dieses Dictums Müller. Formge·
schichte/Formkritik I. 276: Smend. Aluestamentler. 274.
27 Müller. Formgeschichte/Formkritik I. 276.
~· Vgl. Mendenhall. Recht und Bund. :n. wo er auf die Parallelität von Fluch- und Se·
gensformein aus hethitischen Verträgen und alttestamentlichen Texten wie Dtn 28 hinweist.
Zur Problemlage alttestamentlicher Fonn- und Fonneigeschichte 69

logien darf man also nicht stehen bleiben; zu Recht verweist Müller in die-
sem Zusammenhang auf die Mahnung Nötschers!'l: Es können .,bei der
Gleichförmigkeit des menschlichen Geistes sich für gleiche Verhältnisse
auch ähnliche Ordnungen und Ausdrucksformen ergeben". Aufgrund einer
beobachteten Analogie muss noch keine Abhängigkeit postuliert werden,
muss nicht unbedingt auf mangelnde Eigenständigkeil etc. geschlossen wer-
den. Aus dem Aufweis von Ähnlichkeiten und der Postulierung von Abhän-
gigkeiten darf man also kein Gesetz machen: Allzu oft dürften zwar ähnli-
che Formen, die unabhängig voneinander entstanden sind, nicht vorkom-
men. aber wenn Abhängigkeiten und geschichtliche Beeinnussungen ange-
nommen werden, so müssen diese durch mehr Indizien als nur durch Analo-
gien erhärtet werden. wenn sie evident sein sollen.
b) Als weiteres Beispiel für eine Formelgeschichte, die an einer eher
statischen Handhabung des Formelbegriffs litt, sind auch die Untersuchun-
gen zur bäruk N.N.-Segensformel anzuführen. Auf sie wird unten in Kap.
3.3.4 noch einmal ausführlicher einzugehen sein; doch kann hier schon fest-
gehalten werden, dass die bäriik N.N.-Formel als Formel betrachtet wurde.
bei der man eine gleich bleibende Bedeutung im gesamten AT annahm. Ge-
recht wird der Formel aber nur ein Untersuchungsansatz, der nicht für das
gesamte Vorkommen im AT nach einer einheitlichen Erklärung sucht, son-
dern der die Mehrdimensionalität (s.u. Kap. 3.3.4 und 3.3.9) in der Bedeu-
tung. abhängig vom Ko- und Kontext (s.u. Exkurs 2), zum Zentrum der Un-
tersuchung macht und so offen ist, auch den Wandel der Formel bzw. der
Formelbedeutung zu begreifen.
Die Beispiele für Untersuchungen, die den Gehalt einer Formel bestim-
men wollen, ohne auf ihre historische und textliche Bedingtheit zu achten,
ließen sich leicht vermehren: Auch die .,Botenformel" wurde bisher meist
so betrachtet u. v.a.m. Mit der statischen Betrachtung ist auch der Punkt
angesprochen. der im Zentrum der Kritik Noths stand, nämlich dass bei
Formelgeschichten die Möglichkeiten geschichtlicher Zusammenhänge und
Wandlungen nicht ernstlich erörtert wurden.
Eine neue Formelgeschichte muss diese grundsätzliche Kritik nicht nur
berücksichtigen, sondern aus ihr geradezu eine neue Prämisse entwickeln:
Wie jedes sprachliche Phänomen ist auch eine Formel grundsätzlich dem
geschichtlichen Wandel unterworfen; jede Untersuchung von Formeln muss
daher auch nach ihrer Bedeutungsvielfalt fragen, die in geschichtlichen
(kontextlichen) und/oder in vom Textumfeld abhängigen Unterschieden be-
gründet sein kann. Hier trifft sich die Forderung Noths mit den Erkenntnis-
sen neuerer Sprachforschung (s.u. Kap. 3.3.4 und 3.3.9). Erst dann kann
man den Hinweis Müllers aufgreifen, .,einmal die frühen Selbstverständ-
lichkeiten hinter den kleinsten überlieferungsgeschichtlichen und literari-
schen. auch grammatischen Einheiten sowie damit die Religion hinter der

1'• Müller. Formgeschichte/Formkritik I. 276.


70 Grundlage einer Analyse der ko 'ämar-Fonnel

bespöttelten »Fonnel-Geschichte« zu thematisieren". 10 Denn das soll ja das


Ziel einer jeden exegetischen Formelgeschichte sein: einen Beitrag zum
Verständnis der alttestamentlichen Literatur und des alttestamentlichen
Glaubens zu leisten, allerdings nicht in seinem statischen Sein, sondern in
seiner Dynamik, nicht in einer unhistorischen Verallgemeinerung. sondern
in seinem geschichtlichen Wandel.
Im Folgenden soll unter der genannten Prämisse der geschichtlichen Di-
mension auch der Fonnein eine Fonneltheorie entworfen werden, die dem
neuesten Forschungsstand der Exegese und derjenigen Disziplinen, die sich
mit Formelinterpretationen beschäftigen, Rechnung trägt. Eine explizit for-
meltheoretische Erörterung findet sich innerhalb der doch zahlreichen Un-
tersuchungen zu einzelnen Fonnein bisher kaum.' 1 Erst nach Erfüllung die-
ses Desiderats kann man m.E. eine weiterführende Untersuchung der ko
'ämar-Formeln, wie sie sich diese Arbeit zum Ziel gesetzt hat, durchführen.

3.2 Einführung - Definitionen zum Begriff Formel

Ein Teilbegriff des wie selbstverständlich gebrauchten Begriffs "Botenfor-


mel" ist derjenige der Fonnel. Unter Begriff verstehe ich das gedankliche
Konzept einer Sache.'2
Was ist nun das gedankliche Konzept von Formel? Um sich diesem
Konzept zu nähern, kann man zunächst von einigen geläufigen Definitionen
ausgehen. Sie zeigen, was im heutigen Diskurs von verschiedenen Seiten
her, im jeweiligen Fachgebiet als Fonnel verstanden wird. In einem zweiten
Schritt wird man sich die Frage stellen müssen. inwieweit diese Definitio-
nen geeignetes Gedankengut für die Analyse alttestamentlicher sprachlicher
Phänomene enthalten und ob bzw. wie sie zu modifizieren und/oder zu er-
gänzen sind; hier nießen dann bereits Erkenntnisse aus der Analyse der ko
'ämar-Formeln mit ein.

10 Müller. Segen, I.
" Selbsl in denjenigen Arbeilen nichl, die sich Slark um Definilionen, insbesondere von
linguislischer Seile, bemühen und den Begriff Formel hochfrequenl gebrauchen. e1wa: Re·
chenmacher. Ausschließlichkeilsformel; Disse. lnformalionsslrukiUr; Schöpllin. Theologie
als Biographie. Arbeilen wie die von Rülerswörden. Die Beamlen, 102-105. die an Einzel·
problernen die Fragwürdigkeil mancher Formeldefinilion in Frage slellen, sind sehen.
' 2 Vgl. LSW (An. Begriff). 128: .. Durch Abslraklion gewonnenes gedankliches Kon·
zepl. durch das Gegenslände oder beslimmle Sachverhalle aufgrund beslimmler Eigenschaf-
len und/oder Beziehungen klassifiziert werden."
Einführung - Definitionen zum Begriff Fonnel 71

Beginnen möchte ich mit einer geläufigen und repräsentativen Defini-


tion aus der Linguistik:''
.. Formel. (... ] Terminus der Phraseologie: lexikalisch und syntaktisch unverän-
derliche, häufig satzwenige Wortgruppe. nach pragmatischen Gesichtspunkten
systematisierbar als Kontakt- oder Höflichkeitsformel (Guten Tag!. Frohes
Fest!, Zum Wohl!. Hals- und Beinbruch!). Schellformel (Verflixt und zuge-
näht!), Beschwichtigungsformel (Ruhig Blut!) u.a."'4
Mit Blick auf die Gegenwartssprache wird hier versucht, eine Art deskripti-
ve Kategorie zu entwickeln. die die Äußerungen. wie sie in der Definition
zitiert sind, adäquat beschreibt. Weitere Ableitungen, wie sie sich z.B. in
der unten angeführten Iiteraturwissenschaftlichen Definition des SWL fin-
den, werden von linguistischer Seite meist nicht unternommen. Auch wird
Formel in fast allen neueren sprachwissenschaftlichen Definitionen als ein
Spezialfall der Phraseologie angesehen, die Idiome, idiomatische Wendun-
gen. Redewendungen usw. einer Sprache beschreibt.'~ Formeln bleiben da-
bei meist als selbständige sprachliche Einheiten (Sätze) von anderen nicht
selbständigen Phraseologismen abgegrenzt."' Auch Stein plädiert dafür. for-
melhafte Einheiten in den Gegenstandsbereich der Phraseologie miteinzu-
beziehen: a) aus methodischen Gründen, "aufgrund der linguistischen Ge-
meinsamkeiten zwischen idiomatischen und formelhaften Wendungen und
aufgrund der vielfältigen Anknüpfungspunkte für die Beschreibung formel-
hafter Sprache in der Phraseologieforschung" ." b) weil eine Ausweitung der
Phraseologieforschung nach pragmatischer und textlinguistischer Wende in
der Linguistik in Richtung der Formeln als über den Gebrauch erklärbare
(Pragmatik) und texthafte Sprachgebilde (Textlinguistik) nur konsequent
ist; mit dieser Erweiterung sind Formeln ganz in den Forschungsbereich der
Phraseologie eingeschlossen."' ..Pragmatisch" aus der oben angeführten De-
finition ist im Sinne der linguistischen Pragmatik zu verstehen; die linguis-
tische Pragmatik geht von der Grunderkenntnis aus, dass eine sprachliche
Äußerung auch immer eine Handlung darstellt, dass die Beziehung zwi-

" Im Verlauf der Diskussion in diesem und den nächsten Kapiteln gehen noch folgende
Definitionen mit ein. die ich hier nicht alle im Wortlaut wiederzugeben brauche: Boor/Mohr.
Formel: Holbek. Fonnelhaftigkeit. Fonneltheorie: Schaeder. Formel; Schmid-Cadalbert. For-
mel.
" LSW (An. Fonnel). 249.
" Vgl. auch Schaeder. Fonnel. Vgl. als Definition von idiomatisch auch das Kriterium
(I) aus folgender Phraseologiedefinition: .. Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder
mehr Wörtern dann. wenn (I) die Wörter eine durch die syntaktischen und semantischen
Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden [ ... )." Burger/Buhofer/Si-
alm. Phraseologie. I. Zum Geltungsbereich von Phraseologismen vgl. auch Aeischer. Phrase-
ologie. 72-73; zum Bereich der alttestamentlichen Idiomatik vgl. Babut. Expressions idioma-
tique.
'' Vgl. Palm. Phraseologie.
" Stein. Fonnelhafte Sprache. 59.
'" Vgl. Stein. Fonnelhafte Sprache. 59.
72 Grundlage einer Analyse der kö 'ämar-Formel

sehen Sprache und Verwendungssituation für das Entstehen sprachlicher


Bedeutung konstitutiv ist u.ä."'
Stein bringt seine Sichtweise in einereigenen Formeldefinition zum Aus-
druck:
.. Formelhaft sind sprachliche Einheiten, die durch Rekurrenz, d. h. durch häuti-
gen Gebrauch, fest geworden sind oder fest werden. Aufgrund der Festigkeit im
Gebrauch sind oder werden sie lexikalisiert, d. h. sie sind Bestandteile oder wer-
den zu Bestandteilen des Wortschatzes, so daß sie von den Sprachteilhabern als
fertige komplexe Einheiten reproduziert werden.""'"
Stein knüpft an diese Definition drei Folgerungen: a) Wichtigstes Bestim-
mungsmerkmal ist die Rekurrenz, die Gebrauchshäufigkeit."' 1 b) .. Die Merk-
male ,Rekurrenz', ,Festigkeit im Gebrauch' sowie ,Lexikalisierung' und
,Reproduzierbarkeit' sind nicht auf eine bestimmte Größe und Bauweise
hin festgelegt; sie können sich sowohl auf einzelne Lexeme und auf Lexem-
kombinationen als auch auf Textteile und ganze Texte beziehen."•~ c)
"Nicht eine besondere Semantik, sondern eine starke Funktionalisierung ist
typisch für formelhafte Einheiten.""''
Verwirrend ist bei den sprachwissenschaftlichen Definitionen ihre Viel-
falt; es wurde eine große Zahl an Begriffen hervorgebracht, die nicht immer
auf vergleichbare Sachverhalte bezogen sind:
.. Der ,Reichtum' an Bezeichnungen - Redewendung, Redensart. formelhafte
Wendung, fest(stehend)e Wendung, verbales Stereotyp, Floskel, phraseologi-
sche Einheit, Phraseologismus, vorgeformter Ausdruck, sprachliches Fertigteil,
Routineformel usw. - ist deswegen verwirrend, weil gleiche Begriffe teilweise
auf verschiedene Arten sprachlicher Einheiten bezogen werden."..,
Die Vielfalt kann nur sinnvoll für die weitere Arbeit nutzbar gemacht wer-
den, wenn über die Begriffe jeweils Rechenschaft abgelegt wird; dies soll
später in diesem Kapitel für diejenigen Aspekte des Problemfeldes Formel
geschehen, die in einer historischen Formeluntersuchung eine Rolle spielen
(vgl. Kap. 3.3).
Wie die nächste Definition zeigt, werden Formeln auch in der Literatur-
wissenschaft als Forschungsgegenstand gesehen:

"' Vgl. Searle. Sprechak1e: Kaiser. ln1erpre1a1ion: Wagner. Sprcchakle. bes. 27-J6: Pe-
ler. Pragmalinguislik: Wagner. Slellung.
"'' S1ein. Formelhafte Sprache. 57.
"' 1 Slein. Formelhafle Sprache. 57 verweis! dabei auf eine Beschreibung von Coulmas:
.. Viele kommunikalive Funklianen werden in so ähnlicher Weise immer wieder wahrgenom-
men. daß sie die wiederhalle Verwendung einmal geprägler Formen erlauben oder sogar er-
zwingen. Die Ähnlichkeil der funklionalen Ansprüche. die in vergleichbaren Si1ua1ionen an
die Verbalisierung geslelll werden. mach I die Neuprägung von Ausdrücken überflüssig." Coul-
mas. Rouline. 54.
·~ Slein. Formelhafte Sprache. 57-58.
"'' Slein. Formelhafle Sprache. 58.
.... Stein. Formelhafle Sprache. 45.
Einführung- Definitionen zum Begriff Formel 73
.. Formel, (lat. formula = Norm. Regel. Wort der Rechtssprache). feststehende
Redewendung (Satz. -teil). aus individueller Prägung e. Begriffes oder Gedan-
kens stammend und von der Allgemeinheit als bes. treffend anerkannt und ü-
bernommen. die in gewissen Vorstellungszusammenhängen sich immer wieder
aufdrängt und meist unverändert wiederkehrt. dabei jedoch als abgegriffene
Marke durch Konventionalisierung ihren ursprünglichen tieferen Sinn meist
verloren hat (Brief-, Gruß-. Anrede-. Dankes-F.). Häufig dient Rhythmus, Asso-
nanz. Alliteration oder Endreim (Reim-F.) als Gedächtnisstütze [... ). Zahlreiche
F.n entstammen der Rechtssprechung (Schwur-F.), Kultgebräuchen (Zauber-.
Beschwörungs-, religiöse Gebets-F.). andere als geflügelte Worte der Lit., Poli-
tik u.ä. Die Verwendung fester F.n ist meist Ausdruck e. in sich ruhenden.
gleichbleibenden Lebensgefühls ..... ~
Bleiben die sprachwissenschaftlichen Definitionen meist deskriptiv, so sind
literaturwissenschaftliche wie die hier zitierte nicht frei von Wertungen.
Wie unten zu zeigen ist. hängt das an bestimmten ästhetischen Grundüber-
zeugungen, die (vor allem bei den älteren Definitionen) stark von der Deut-
schen Klassik geprägt sind. Interessant ist an dieser Definition, dass sie eine
entstehungsgeschichtliche Perspektive einbezieht: Wie wird eine Formel
zur Formel? - Dadurch, dass die Allgemeinheit die .,Prägung e. Begriffes
oder Gedankens" als gelungen ansieht und die Formel zum Ausdruck dieses
Begriffes oder Gedankens benutzt. Damit ist zumindest ein Problem aufge-
worfen, das die sprachwissenschaftlichen Definitionen so nicht sehen, dem
aber auf altorientalischem Hintergrund ganz anders begegnet werden muss,
als das SWL es hier für den indogermanischen Bereich beschreibt.
Die nächste Definition beinhaltet als Hauptkriterium die Konventionali-
sierung eines sprachlichen Ausdrucks. erweitert das Problemfeld aber u.a.
um die Frage unterschiedlicher Formeltypen, die Unterschiedliches leisten:
.,<F.> bezeichnet im allgemeinen einen konventionalisierten Ausdruck. Im
einzelnen kann es sich dabei um Mode- oder Schlagwörter. feststehende Bei-
wörter (Epitheta), Redewendungen (Idioms) oder habitualisierte Sätze (Sprich-
wörter oder Sentenzen) handeln.
Bei Wortpaaren gibt es die formale Differenzierung in Zwillingsformeln
(z.B. «Gold und Silber>•). Reimformeln mit Binnenreim (z.B. «Mann und
Maus») oder mit Endreim (z.B. «Stein und Bein»). Je nach praktischem An-
wendungsbereich sind unterschiedliche Formeltypen in unterschiedlichem Gra-
de verbindlich: Zauber-. Segens-. Fluch-. Glaubens- oder Beichtformeln sind für
den religiös-kultischen Bereich typisch. Im Rechtswesen gelten Eid-. Schwur-.
Gesetzes- und Urkundenformeln. Im Rahmen von Korrespondenz und Kon-
versation kursieren Gruß-. Devotions- und Abschiedsformeln. Der Gebrauch
von Eingangs- und Schlussformeln sowie F. der Ausschmückung (epische F.)
ist besonders verbindlich in mündlichen Literaturgenres wie Epen oder Mär-
chen.
ln der geisteswissenschaftlichen Forschung gibt es bislang noch keine Ver-
ständigung über eine einheitliche Definition von <F.>. Der Begriff wird häufig

•~ SWL (An. Formell. 305.


74 Grundlage einer Analyse der kö 'ämar-Formel

entweder eingeengt auf einzelne Formelvarianten oder ausgeweitet auf stereoty-


pe Inhalte (Topoi/Klischees) sowie Erzählschemata. [... ) Die rhetoriksystemati-
sche Einordnung ist problematisch, da <F.> als terminus technicus in der Rheto-
riktheorie nicht in Erscheinung tritt. [ ... ) Im stilkritischen Zusammenhang wird
formelhafter Sprachgebrauch in der Regel mit Ausdrucksleere und Klischeehaf-
tigkeit zusammengebracht.'""'
Die bisher vorgelegten Definitionen für Formel in der alttestamentlich-exe-
getischen Diskussion•' beschränken sich ebenfalls meist auf das Festhalten
der Konventionalität:
,.Gattung nennen wir also das überindividuelle (typische) Ge-
präge selbständiger sprachlicher Einheiten. Formel
dagegen jene geprägten Wortverbindungen, die zwar eine sinnvolle Einheit er-
geben, aber meist nur aus einem Satz bestehen und einer (größeren) Gattung
zugeordnet werden. Der Übergang vom einen zum anderen ist selbstverständ-
lich fließend.''-~~~
.. Von »Gattung« abzusetzen ist der Begriff der »Formel«. Eine Formel ist eine
kurze, festgeprägte Wortverbindung. [Anm.: Beispiele: »mit starker Hand und
ausgestrecktem Arm (b~jäd ~1°:aqä lihi:ro0 ' n'tlijä) für das machtvolle Handeln
Jahwes (z.B. Dtn 4,34; 2Kön 17,36; Jer 21.5), »ich bin Jahwe (dein/euer Gott)«
('"ni jhwh) für die Selbstvorstellungsformel Jahwes (z.B. Ex 20,2; Lev 18.2; Ps
50,7). RICHTER ( ... )1-wl will zwischen »Formel« und »geprägter Wendung«
(letztere beschränkt auf ein literarisches Werk) noch differenzieren.)""'
Alle angeführten Formeldefinitionen, sprach-, literaturwissenschaftliche und
exegetische, zielen auf die Beschreibung von feststehenden Wendungen.
geprägten Einheiten, konventionalisierten Ausdrücken etc. Damit versuchen
sie, den Bestand an Formeln zu erfassen, wie er sich in Geschichte und Ge-
genwart in den verschiedensten sprachlichen Bereichen und Gattungen fin-
det; das wird insbesondere an den Beispielen deutlich.
Von diesem in den bisher angeführten Definitionen beschriebenen Phä-
nomen der Formel ist grundsätzlich zu unterscheiden der Bereich der For-
melhaftigkeit/1 wie er im Gefolge von Parry und Lord untersucht wird. ~ 1 Die
von Parry und Lord beschriebene Formelhaftigkeit bzw. die von ihnen ent-
wickelte Formeltheorie zielt auf die Erklärung von Dichtungswerken (hes.

"" Dietz. Formel. 411 .


• , ln der aluestamentlichen Exegese gibt es keine ausgedehnte theoretische Diskussion
über das sprachliche Phänomen der Formel. Lellllich war bisher das Vorgehen pragmatisch
(pragmatisch im alhagssprachlichen. nicht im linguistischen Sinne): alles. was irgendwie kurz
und geprägt war, wurde als Formel behandelt. Von daher verwundert es auch nicht. dass etwa
der (ansonsten sehr materialreiche) Artikel von Reventlow. Formeln direkt mit der Beschrei·
bung der Quellenlage beginnt und auf einen Definitionsversuch ganz verzichtet.
""' Koch, Formgeschichte. 6.
•~ Vgl. Richter, Exegese. 99-103.
~ Steck. Exegese, 105.
~~ Vgl. Holbek, Formelhafligkeit. Formehheorie.
~.! Vgl. u.a. Parry. Making: Lord. Singer.
Einführung - Definitionen zum Begriff Formel 75

Epen) auch großen Umfangs. bei denen vorgefertigte Bauelemente (festste-


hende Wendungen. Topoi, Formeln, Rhythmen, Strukturelemente, inhaltli-
che Bauelemente usw.) eine große Rolle spielen.~'
Zwischen diesen beiden Phänomenbereichen gibt es hinsichtlich der
Formeln natürlich viele Überschneidungen; vor allem ist davon auszuge-
hen, dass in formelhafter Dichtung Formeln aus allen Feldern der jeweili-
gen Sprache als Bauelemente gebraucht werden. Doch soll hier die Frage
nach Formelhaftigkeit im Sinne von Parry und Lord nicht weiter verfolgt
werden, dies wäre ein eigener Untersuchungsgegenstand .... Wenn es in der
vorliegenden Arbeit um Formeln geht, dann sind immer diejenigen gepräg-
ten sprachlichen Elemente gemeint. die in dem Gesamtbereich der Sprache
und der Texte gebraucht werden, nicht nur die Bauelemente formelhafter
Dichtkunst. Leider lässt es sich nicht vermeiden, besonders das Adjektiv
fon11elhaft zu gebrauchen, das in vielen Definitionen (s.o.) als Ableitung
von Fom1el im Sinne "wie eine Formel" bzw. "wie in einer Formel üblich"
gebraucht wird; Missverständnisse gibt es damit zuweilen, weil es in der Li-
teratur auch verwendet wird, wenn es um formelhafte Dichtung im Sinn
Parrys und Lords geht. Wird es in der hier vorliegenden Arbeit gebraucht,
so also durchweg im einfachen Sinne mit der Bedeutung wie eine Formel
bzw. wie in einer Formel üblich.
Eine zweite Abgrenzung sei hier ebenfalls schon vorgenommen: Unter
den Formelbegriff. wie ich ihn im Rahmen der vorliegenden Untersuchung
zu den ko 'ämar-Formeln entwickeln will, sollen rein metrische, rhythmi-
sche oder inhaltliche, sich wiederholende Phänomene nicht subsumiert wer-
den. Sie werden zuweilen auch als Strukturformel (z.B. Reihung), Schema,
Motiv bezeichnet, gehören aber nicht zur Erscheinung einer im Wortlaut
festliegenden Wendung, also eines Formelbegriffs, wie er in den oben zi-
tierten Definitionen umschrieben wurde.~~
Für die hier vorangestellten Definitionen gilt - mit Ausnahme der ex-
egetischen und der von Parry und Lord -, dass sie sich am Material meist
neuerer (bei sprachwissenschaftlichen Definitionen) bzw. indoeuropäischer
(Literatur- )Sprachen (bei Iiteraturwissenschaftlichen Definitionen) ausge-
richtet haben; die Begriffsinhalte können daher nicht unbesehen für das AT
übernommen werden, sie müssen jeweils am alttestamentlichen Sachverhalt
geprüft werden.
Im folgenden Kapitel will ich die wesentlichen Charakteristika einer
Formel zusammenfassend darstellen; Ausgangspunkt sind Kennzeichen, die
in der allgemeinen oder exegetischen Diskussion eine Rolle gespielt haben;

" Vgl. Haymes, Epos; Holbek. Formelhaftigkeit, Formellheorie.


·~ Vgl. Culley, Language, der versucht hat, die Theorien von Parry und Lord auf die
Psalm~n des AT anzuwenden: zu diesem Problembereich insgesamt: Wahl. Jakobserzählun-
gen. bes. 164-168. vgl. für den prophetischen Bereich auch Culley. Orality.
" Vgl. Boor/Mohr. Formel. 471-472.
76 Grundlage einer Analy~e der kö 'ämar-Fonnel

sie werden ergänzt durch einige Aspekte. die bisher für die Erforschung von
Formeln noch nicht herangezogen wurden. die aber m.E. eine Schlüsselstel-
lung bei der Untersuchung von Formeln einnehmen (etwa der Feld-Gedan-
ke). In dieses methodisch-theoretische Kapitel sind zum einen Ergehnisse
eingetlossen. die ich im Laufe der Arbeit an den ko 'ämar-Formeln gewon-
nen habe. Zum anderen liegen diesem Kapitel auch Beobachtungen und Er-
gebnisse anderer formelgeschichtlicher Untersuchungen zugrunde, so dass
die hier entwickelte Methodik nicht nur auf die Untersuchung der kiJ 'ämar-
Formeln zielt. sondern auch Grundlage für weitere Formelgeschichten sein
kann.

3.3 Kennzeichen einer Formel, Aspekte eines Formelmodells


für die Arbeit im AT

3.3.1 Unveränderliche äußere Gestalt?

Eine fundamentale Beobachtung bei der Beschreibung von Formeln ist ihre
äußerliche beständige Selbstidentität; Formeln bleiben ihrer Gestalt nach
meist unverändert. Diesen Sachverhalt kann man von linguistischer (.. lexi-
kalisch und syntaktisch unveränderliche, häufig satzwertige Wortgruppe",
aus der Definition des LSW. s.o. S. 71) wie von literaturwissenschaftlicher
Seite [..feststehende Redewendung (Satz. -teil) .... die in gewissen Vorstel-
lungszusammenhängen sich immer wieder aufdrängt und meist unverändert
wiederkehrt", aus der Definition des SWL. s.o. S. 73] festhalten.
Probleme mit dem Aspekt der Unveränderlichkeit ergeben sich aller-
dings sofort, wenn man die Welt der Definition verlässt und in die Wirk-
lichkeit der Sprache eintritt. Nehmen wir als Beispiel Verabschiedungsfor-
meln in Briefen: Eine der geläufigsten Briefunterschriften ist die Formel:
Mir jreu11dlichen Grüßen. Doch kann ich auch schreiben: Mir herzlichen
Grüßen. Gleiche Formel, Variation oder andere Formel? Bei dem nächsten
Beispiel tritt ein weiteres, von der Ausgangsform abweichendes. Element
hinzu: Mir ganz herzlichen Grüßell. Der Grundbestand der Formel (Mir ...
Griißen) bleibt auch in dieser Variation erhalten. sorgt dafür, dass die For-
mel als solche erkennbar ist. wird aber durch das zusätzliche Element gam.
ergänzt. Somit haben wir zwar keine andere Formel. aber eben auch keine
Unveränderlichkeit. Mit der Unveränderlichkeit darf man es daher nicht 1.u
genau nehmen; in gewissen Grenzen sind Variationen möglich; das Kriteri-
um ist. ob jeweils ein Grundbestand an Elementen für die Erkennbarkeil der
Formel sorgt.
Kennzeichen einer Formel, Aspekte eines Formelmodells 77

Bei den ko >ämar-Formeln tritt genau diese Problematik auf: In Kap. 2


wurde bereits festgehalten. dass es nicht nur eine unveränderliche Gestalt
der ko >ämar-Formel gibt, sondern dass sie verschiedene Zusätze zum Kern
(kO und >ämar) haben können (z.B. mit und ohne ki etc.); der Variationen-
bestand wird unten noch einmal systematisch beschrieben (vgl. Kap. 5. 6
und 7). Eine absolut unveränderliche Gestalt gibt es also bei diesen Formeln
nicht. Trotzdem ist es sinnvoll. hier mit dem Begriff der Formel zu operie-
ren. denn ko >ämar ist ja als ein invariabler Kernbestandteil in jedem For-
melexemplar enthalten.
Der Aspekt der Unveränderlichkeit aus der begrifflichen Definition soll-
te also nicht überstrapaziert werden. Auf dem Hintergrund der Gestaltiden-
tität des Kerns treten variable Zusätze umso bedeutungsvoller hervor. so
dass nach ihrem jeweiligen Sinn gefragt werden muss bzw. die Formelvari-
anten in ihrem Verhältnis zueinander betrachtet werden müssen.

3.3.2 Vorkommen in allen Bereichen der Sprache.


stratisehe Beschränkungen

Formeln finden sich in allen Bereichen der Sprache. Die linguistische. aus
der Phraseologie stammende Definition weist daruf. dass bei der Frage nach
dem Vorkommen von Formeln kein Bereich der Sprache ausgeschlossen
bleiben darf: Eine Beschränkung auf Literatursprache. geschriebene oder
gesprochene Sprache, lokale. stratische, soziale o.ä. Varietäten ist nicht
möglich. Auf diese Offenheit muss auch beim Vorgehen in der Exegese des
AT rekurriert werden: das AT ist Zeugnis verschiedenster Sprachvarietäten
und -bereiche, in ihm findet sich Alltagssprache wie literarische Sprache.
Schriftsprache wie Spuren von Mündlichkeil usw."' In allen Bereichen des
AT ist daher mit Formeln zu rechnen. Zu beachten ist allerdings. ob eine
Formel, die im AT belegt ist. nur in gewissen sprachlichen Registern vor-
kommt;" auch eine solche stratisehe Beschränkung kann für die Interpreta-
tion der Formeln bedeutsam sein. Die vorliegende Untersuchung wird gera-
de diesen letztgenannten Aspekt besonders zu beachten haben (vgl. Kap.
5.3.6 und 6.2.5.3).

'" Vgl. u.a. Rendsburg. Diglossia; ders .. Srrara: Young. Diversiry.


" Vgl. Jenni. Rede. 25.
78 Grundlage einer Analyse der ko 'ämar-Formel

3.3.3 Zum Problem der Konventionalisierung von Formeln


durch häutigen Gebrauch

Unterschiedlich ist die Zugangsweise von Literatur- und Sprachwissen-


schaft zum Problem der Konventionalisierung: Wie die Definition des SWL
(s.o. S. 73) zeigt, wird die Konventionalisierung ambivalent gesehen: Zum
einen wertet das SWL Formeln als eine ..abgegriffene Marke". die ..durch
Konventionalisierung ihren ursprünglichen tieferen Sinn meist verloren hat
(Brief-. Gruß-, Anrede-, Dankes-F.)"; andererseits hebt die SWL-Definition
die Bedeutung für das Lebensgefühl einer Sprachgemeinschaft hervor: .. Die
Verwendung fester F.n ist meist Ausdruck e. in sich ruhenden, gleich blei-
benden Lebensgefühls." Hinter beiden Aussagen des SWL stehen m.E. be-
stimmte Ansichten, die von der neueren Diskussion in Literaturwissen-
schaft und Linguistik zumindest relativiert worden sind:
a) Konventionalisierung darf man nicht nur unter dem Aspekt betrach-
ten, dass der tiefere Sinn verloren gegangen ist; tut man das mit dem aus
der Geniezeit stammenden Anspruch auf höchste Originalität eines einzel-
nen Dichters und seines literarischen Werkes, so erscheint eine konventio-
nalisierte Formel natürlich unoriginell, leer und abgegriffen. M.E. besteht
hier die Gefahr. dass sich aufgrund einer an einem bestimmten Abschnitt
unserer Literaturgeschichte ausgerichteten Position eine Wertung über For-
meln herausbildet, die nicht sachgemäß ist, weil es auch um Formeln außer-
halb des literarischen Bereiches und außerhalb des Zuständigkeitsbereiches
geniezeitlicher Ästhetik geht. Formeln der Alltagssprache etwa wollen et-
was ganz anderes als literarisch originell sein.~M Formeln ermöglichen eine
verständliche und problemlos funktionierende Kommunikation (aufgrund
ihrer Konventionalisierung; die Formeln sind allen bekannt, werden so von
allen benutzt und verstanden), die verschiedenen kommunikativen Zielen
dient. Lande hat diesen Aspekt bei der Formeldefinition in ihrer Arbeit For-
melhafte Wendungen der Umgangssprache im Alten Testamellf treffend zu-
sammengefasst:
.. Das Wesen der Formel könnte vielleicht am ehesten dahin definien werden.
dass sie einer häufig vorkommenden Situation den ihr gernässen Ausdruck ver-
leiht, und - entsprechend häufig angewendet - zum stehenden Ausdruck
wird."w
Der Bedeutungsaspekt der einzelnen Formel, will sagen ihre Wortbedeu-
tung (=lexikalische BedeutungM), kann zuweilen über dem erzielten kom-
munikativen Effekt vernachlässigt werden; die lexikalische Bedeutung
schleift sich daher bei vielen Formeln ab. an der Formel haftet nunmehr oft
nur der Wert in der Kommunikation, ihre Funktion in der Kommunikations-

~M Vgl. dazu insgesamt Stein. Fonnelhafte Sprache.


~·· Lande, Fonnelhafte Wendungen. IX.
60 Vgl. Wagner. Sprechakte. 27-36.
Kennzeichen einer Formel. Aspekte eines Formelmodells 79

situation (vgl. Verabschiedungsformeln, etwa Tschüss- wer weiß schon au-


ßer den etymologisch Versierten, dass es von .,wallon. adjuus", einer Vari-
ante zu ..frz. adieu" herkommt, über ..adjüs, adjes, tjiis, tschüs, letzteres vor
allem nord- und mitteldeutsch""'). Damit ist aber die Formel nicht sinnlos;
die durch die Konventionalisierung herbeigeführte wart-/satzsemantische
Entleerung ist nur Folge des Gebrauchs in bestimmten Situationen, der wie-
derum weniger durch den Wortsinn als durch die ganze Formel im Zusam-
menhang mit der Situation gesteuert wird. Diesen Aspekt spricht auch Stein
in seiner oben (Kap. 3.2) angeführten Formeldefinition an: Formelhafte
sprachliche Einheiten .. [... ) sind Bestandteile oder werden zu Bestandteilen
des Wortschatzes, so daß sie von den Sprachteilhabern als fertige komplexe
Einheiten reproduziert werden".": Zum Bestandteil des Wortschatzes einer
Sprache können Formeln jedoch nur werden, wenn sie wirklich oft im Ge-
brauch sind, so dass der häufige Gebrauch ebenfalls zu den Definitionskri-
terien einer Formel zählt (vgl. auch oben Kap. 3.2).
Allerdings darf man auch beim Problem der Konventionalisierung nicht
zu rigoros verfahren: Nicht alle Formeln sind/werden idiomatisch und/oder
semantisch entleert; viele können aufgrund der Wort-/Satzbedeutung neu
belebt werden, etwa durch situationeil bedingte Aspekte. Wem ist es nicht
schon in den Sinn gekommen, eine Fonnel wie das uns aus Briefen ge-
läufige Mit freundlichen Grüßen auf ihre innere Treffsicherheit zu befragen.
Will ich den Adressaten wirklich mit freundlichen Grüßen versehen? Oder
ist eine neutralere Formel nicht angebrachter? - Solche Überlegungen set-
zen voraus, dass die lexikalische Bedeutung von Formeln doch nicht völlig
ohne Sinn ist; jede Fonnel ist daher in jeder Anwendungssituation bezüg-
lich dieser Problematik individuell und neu zu prüfen.
Für die Arbeit am AT ergibt sich eingedenk des hier diskutierten As-
pektes der Konventionalisierung eine wichtige methodische Konsequenz:
Manifestiert sich der Sinn einer Formel - ganz oder teilweise - aus ihrem
Gebrauch in der Situation, so kann das Verständnis der Formel nicht (al-
lein) aus der Analyse ihres Wort-/Satzsinns gewonnen werden, sondern nur
aus der Analyse des Zusammenspiels von Formel und Situation; dabei ist
auch die geschichtliche Dimension zu beachten (vgl. auch Kap. 3.3.11 ).
b) Vom Gebrauch vieler Formeln auf ein in sich ruhendes. gleich blei-
bendes Lebensgefühl zu schließen. ist m.E. ebenfalls nur schwer möglich.
Wie die Definition aus dem Reallexikon der deutschen Literawrgeschichre,
aus der das SWL geschöpft hat, 6 ' zeigt, werden hier etwas vorschnell ro-
mantische Vorstellungen eingetragen, die bei Boor und Mohr im Reallexi-
kon noch deutlicher- allerdings auch reflektierter -formuliert waren:

"' Kluge. Erymologisches Wönerbuch. 15.


•! Slein, Formelhafle Sprache, 57.
"' Das zeigen z.B. die in beiden Anikeln vorkommenden Wendungen wie .. Prägung ei-
nes Begriffs oder Gedankens", ähnliche lohalle der Anikel usw.
80 Grundlage einer Analyse der ko 'amar-Formel

.. Wir erkennen in der F.[ormel) die von der Allgemeinheit anerkannte und über-
nommene und dadurch traditionell gewordene Prägung eines Gedankens oder
Begriffes, die in derselben oder annähernd der gleichen Fassung in verschiede-
nen Zusammenhängen wiederkehren kann. Sie erblühte in einer Zeit. in der die
individuelle Lebensgestaltung noch zaghaft und unbeholfen war, und wo der
Einzelne in seinem Tun und Denken noch eingebettet war in Beziehungen zu
den natürlichen oder politisch-sozialen Verbänden. Familie, Sippe. Stand. Ge-
folgschaft und Stammesverband. Wo das Leben sich in fest gegebenen und als
unabänderlich empfundenen Formen und Forderungen vollzog. wurde auch der
nötige Ausdruck aller Bezüge und Gedanken. alles Fühlens und Wissens in ein
für allemal festen Formeln gefunden. [... ) Sie ist Ausdruck einer vergangeneo
und nicht wiedererweckbaren Epoche der geistigen Entwicklung unseres Vol-
kes. [... ) Wir streben nach der individuellsten und persönlichsten Nuance alles
Denkens und Fühlens und seines künstlerischen Ausdrucks. Aber zugleich er-
füllt uns die romantische Sehnsucht. aus der Vereinzelung herauszutreten, ans
Allgemeine angeschlossen, an den geheimnisvollen Kräften und Schwingungen
teilzuhaben, die uns etwa aus der F.sprache des Volksliedes [... ) entgegenwe-
hen.""'
Eine Kultur, die z.B. viele religiöse Formeln benutzt, muss sich nicht im-
mer aufgrund des Gebrauchs vieler Formeln als mit einem .. ruhenden Le-
bensgefühl" (s.o. S. 73) ausgestattet erweisen. Ein Blick auf die Propheten
des alten Israel. auf die bewegte und unruhige Geschichte des Volkes und
der Religion Israels etwa während der Königszeit. zeigt. dass auch in einer
Kultur. die Texte mit sehr vielen Formeln und formelhaften Elementen hin-
terlassen hat," vermutlich nicht nur ein in sich ruhendes, gleich bleibendes
Lebensgefühl bzw. die Angeschlossenheil an das Allgemeine empfunden
wurde. Boor/Mohr erweisen sich durchaus als auf romantischem Boden
stehend. wenn sie den heutigen vereinzelten Menschen der geschlossenen
und z.B. über die Formelsprache mit dem Allgemeinen verbundenen alten
Welt entgegensetzen. Man darf diese an Idealen der Geniezeit orientierte
Position nicht verabsolutieren; nicht-formelhaftes Sprechen mit belebter
Originalität. Bewegung. Dynamik gleichzusetzen. formelhaftes Sprechen
dagegen mit Ruhe, Geborgenheit, Gleichklang. ist nicht überzeitlich gültig.
Das Beispiel Deuterojesaja aus dem AT wird zeigen. wie ein originell-in-
dividueller Formelgebrauch möglich ist (vgl. Kap. 6.3.1 ).
Zudem wird gegenüber der Annahme. Formeln entwickelten sich aus
einem geprägten Begriff durch Reduktion (Boor/Mohr, SWL u.a). festzu-
halten sein, dass sogar ein völlig entgegengesetzter Prozess stattfinden
kann: Formelsysteme können sich zu Ausdruckssystemen entwickeln. die
einem differenzierten Begriffssystem sehr nahe kommen; der Begriff stünde
dann nicht am Anfang, sondern am Ende der Entwicklung! Doch soll das
unten weiter ausgeführt werden ( vgl. unten Kap. 7.3 ).

~ Boor/Mohr. Formel. 471-472.


'' Vgl. Reventlow. Formeln. 252-256.
Kennzeichen einer Fonnel, Aspekte eines Formelmodells 81

3.3.4 Won-/Satz-ffextidentität und Funktions-/Sinndivergenz.


situationeil gebundene und ungebundene Fonnein

Was macht die Bedeutung eines Wones. eines Satzes aus? Die traditionelle
Bedeutungslehre etwa der Sprachwissenschaft gab darauf die Antwon: Der
Begriffsinhalt und die Prädikation. Die Antwon bewegte sich also ganz im
Binnenraum der Sprache. Die Bedeutungslehre - nicht nur der Sprachwis-
senschaft - hat hier in der zweiten Hälfte des 20. Jh. einen fundamentalen
Wandel durchlaufen, die sog. Pragmatische Wende."" Im Gefolge von Den-
kern wie Wittgenstein, den Philosophen der ordinary language philosophy
u. v .a. ist die eminente Rolle des außersprachlichen Kontextes bei der Be-
deutungskonstitution ins Bewusstsein getreten; erinnen sei hier nur an das
dieturn Wittgensteins: Die Bedeutung eines Wones ist sein Gebrauch in der
Sprache, in einer Situation, in einem konkreten Anwendungsfall (Sprach-
spiel). Die eigentliche Bedeutung einer sprachlichen Äußerung erschließt
sich also erst auf dem Hintergrund ihres spezifischen sprachlichen und
außersprachlichen Umfeldes."'
Daraus ergibt sich nun vor allem eine Konsequenz. die wiederum die -
allgemeine wie exegetische - Betrachtung von Fonnein in ein neues Licht
stellt: Wenn nämlich das eigentlich Gemeinte erst in der Gebrauchssituation
konstituiert wird und nicht allein durch den Won- bzw. Satzsinn, dann er-
gibt sich zwangsläufig die Möglichkeit. dass eine Fonnel identischen Won-
und Satzinhalts in unterschiedlichen Gebrauchssituationen unterschiedliche
Bedeutung haben kann. Oder anders gesagt: Bei Wort-/Satzidentität ist zu-
weilen mit einer Funktions-. einer Sinndivergenz zu rechnen. Das klingt
nun vielleicht wenig bahnbrechend. ist aber in der exegetischen Praxis bei
einer systematischen Untersuchung von Fonnein bisher niemals konsequent
berücksichtigt worden.
Nehmen wir als Beispiel Segensfonneln: Bisher fragte man bei der Be-
stimmung der Bedeutung von hänik N.N.: Was heißt das. was bedeutet
bäruk, wer ist N.N .. was leistet der Nominalsatz?"" Die Antwon wurde bis-
her immer pauschal gegeben. quasi als Übersetzungsvorschlag für alle vor-
kommenden bäruk N.N.-Fälle. Fragt man allerdings genauer nach dem Ge-
brauch dieser Segensformel, so treten deutlich Unterschiede zutage. die v.a.
zeitlich bzw. durch bestimmte Entwicklungsstufen der religiösen Welt lsra-

"" Vgl. Wagner. Sprechakte. 27-J6; Wagner. Stellung. 56-6J.


"' Auff:illig ist hier eine gewisse Analogie zu dem über Formeln bisher Gesagten. wenn
man etwa an die Definition von Lande denkt (s.o. Kap. J.J.J). Nicht zuletzt an der Untersu-
chung von Formeln als sprachlicher Erscheinung der Alltagssprache hat sich ein Sinn dafür
entwickelt. dass die eigentliche Bedeutung. das wirklich Gemeinte und die Wort-/Satzbedeu-
tung auseinander treten können. Dass die Arbeit von Lande gerade in den JOer/40er Jahren
verfertigt und veröffentlicht wurde. als international die Alltagssprache ins Blickfeld zu
rücken begann. ist daher kaum ein Zufall.
"' Vgl. Scharben. ii: (ThWAT I); Keller. "";i: hrl. (THAT I).
82 Grundlage einer Analyse der ko 'änrar-Formel

els bedingt sind; eine Übersetzung, die die jeweilige Bedeutung zum Aus-
druck bringen will, muss entsprechend differenziert verfahren. So gibt es
Belege der bäruk N.N.-Formel, die im Parallelismus zu einem Jussiv oder
einer ähnlichen Form stehen; es legt sich dann nahe, diese nicht als DE-
KLARATIV zu verstehen und mit hiermit ist N.N. gesegnet zu übersetzen:
vielmehr sind sie als WUNSCH oder BITTE aufzufassen und mit N.N. sei
gesegnet zu übersetzen (etwa Jer 17,7; Ps 115,14.15); dabei treten auch
zeitlich klar zu differenzierende Entwicklungen hervor/"'
Die Funktions-/Sinndivergenz bei gleichbleibender Gestalt ist - neben
Funktionsvarianten, die mit Gestaltveränderungen verbunden sind - eine
der Hauptursachen für die Multifunktionalität von Formeln. Diese Erkennt-
nis erbringt eine nicht zu unterschätzende Entlastung bei der Analyse von
Formeln, denn die Formeln müssen nun nicht mehr alle von einer einzigen
Funktion her aufgefasst werden; die Frage muss nicht lauten, auf welche
(eine) Funktion/Bedeutung eine Formel zurückzuführen ist, sondern es ist
grundsätzlich mit der Möglichkeit einer Vielfalt von Funktionen/Bedeutun-
gen zu rechnen. Dieser Sachverhalt sollte als methodische Grundeinsicht
bei jeder neueren Formeluntersuchung beachtet werden. So ist auch ein Teil
der Ursache für das oben mit Noth (Kap. 3.1.2) kritisierte statische Vorge-
hen behoben: Die Funktion kann sich ja auch in unterschiedlichen Zeitkon-
texten wandeln, was dann bei einer umfassenden Formeluntersuchung zu
berücksichtigen ist. Gerade die Analyse der ko 'ämar-Formeln wird von der
Erkenntnis der Möglichkeit einer Funktions-/Sinndivergenz bei Gestaltiden-
tität sehr profitieren.
Die grundsätzliche Bedeutung der Situation für das Verständnis von
Formeln ist also bei der Formelanalyse zu beachten. Es hat sich dabei be-
währt, zwei entgegengesetzte Pole anzunehmen, die den Rahmen für die
mögliche Beziehung zwischen Formel und Situation darstellen:"' Zum einen
situationeil (und teilweise auch institutionell) gebundene Formeln, zum
anderen völlig situationsunabhängige Formeln. Situationeil gebundene For-
meln sind durch folgende Merkmale gekennzeichnet: Sie kommen oft selb-
ständig vor und sind meist eingeschränkt funktional, "d.h. auf die Wahr-
nehmung einer immer gleichen Funktion spezialisiert"." Solche Formeln
können in der Regel nicht wiederholt bzw. hintereinander gesetzt werden:
ein Beispiel für eine solche (textlich) selbständige situationeil bzw. institu-
tionell gebundene und in einer Situation nicht wiederholbare Formel wäre
die Taufformel. Situationsunabhängige Formeln dagegen kommen meist
nur unselbständig als Teil von übergeordneten Äußerungen vor, sind meist
multifunktional und wiederholbar; ein Beispiel für eine solche situationsun-
abhängige Formel wäre das gegenwartssprachliche ich würde sagen. Die

""' Vgl. Wagner. Sprechakte, 253-285.


10 Vgl. für den folgenden Absatz Stein. Formelhafte Sprache. 48-51.
71 Stein. Formelhafte Sprache. 50.
Kennzeichen einer Formel, Aspekte eines Fonnelmodells 83

sprachliche Wirklichkeit nun lässt selten Fonnein zu, die in idealtypischer


Weise dem einen oder dem anderen Pol ganz entsprechen. Doch kann diese
Unterscheidung von situationsungebundenen und -gebundenen Fonnein
helfen. eine Formel als mehr dem einen oder dem anderen Pol näher ste-
hend zu beschreiben. Und dies bringt einen wesentlichen Aspekt der ko
'ämar-Fonnei-Problematik ans Licht: Die in Kap. 2 vorgestellte bisherige
Forschung, insbesondere die ältere Forschung von Lindbiom und Köhler bis
Westermann, hat die ko 'ämar-Formel als eher situations- bzw. institulians-
gebundene Fonnel gesehen, die aus der Institution des Botenvorgangs ab-
geleitet wurde; entsprechend wurde der ko 'ämar-Fonnel eine monofunkti-
onale Bedeutung als "Botenfonnel" unterlegt. In Kap. 4, 5 und 6 wird sich
dagegen erweisen, dass der ko 'ämar-Fonnel (in ihren Variationen) eine
viel größere Situationsunabhängigkeit und Multifunktionalität zuzuschrei-
ben ist, als bislang gesehen wurde, dass sie also viel näher an den entge-
gengesetzten Pol zu rücken ist.

Exkurs 2: Die Unterscheidung von Ko- und Kontext

Es hat sich als hilfreich erwiesen, bei der Analyse von sprachlichen Äuße-
rungen, die von ihrem sprachlichen und außersprachlichen Umfeld ab-
hängig sind, den Kalitext von dem Kotext zu unterscheiden. Der Linguist
Wunderlich hat diese Unterscheidung eingeführt. Der Begriff des Kontextes
umfasst bei ihm alle Elemente einer Kommunikationssituation: Den verba-
len und non-verbalen (z.B. Mimik) Kontext, den Kontext der Sprechsitua-
tion. den allgemeinen sozialen/religiösen/kulturellen Kontext, in den Spre-
cher und Hörer eingebunden sind u.ä. Von diesem Kontext ist der Kotext
als die im engeren Sinne nur sprachliche Umgebung unterschieden. ' 1
Um ein Beispiel zu geben. sei noch einmal auf Gen 32,5 verwiesen:
Gen 32,5 1~.P'7 '!1~7 Pi9~M ;,j ib~7. OQM 1~~1 5
(... ] ::l~lt 1"'9-P ir;l~ ;,j
[Jakob sendet Boten zu Esau:] V.5 Er befahl ihnen folgendermaßen: So
sollt ihr zu meinem Hernr. zu Esau .mgen: So spricht dein Knecht Ja/wb:
/ ... ]
Die Form ,~:1 ist dabei ohne weiteres auf kotextueller Ebene aufzulösen
und zu verstehen: Es spricht - auf der kotextuellen Ebene der Erzählung ge-
dacht -eine 3. Pers. sg. m .. nämlich Jakob. Der Sprecher, Jakob, kann über

71 Vgl. Wunderlich, Tempus; LSW (Art. Kontext). 416-417; Glück. Kontext; Miege.

Kontext. Diese Unterscheidung hat sich bei der Untersuchung sprachlich-historischer Phäno-
mene bewährt. vgl. Wagner. Sprechakte. 83: bes. auch Lehmann. Brief; Dieckmann. Segen.
84 Grundlage einer Analyse der kö 'ämar-Formel

die Infonnationen aus dem Korexr des Verses erschlossen werden; die ge-
schilderte Situation ist klar: Jakob will Esau treffen und schickt zuvor Bo-
ten zu ihm; die handelnden Personen sind folgende: Jakob. Esau. Boten. All
dies kann man erkennen. ohne bereits eine Aussage über den Kontext der
Vätererzählung machen zu müssen. also ohne eine Aussage darüber zu
treffen. wann diese Erzählung entstanden ist, wer der Verfasser ist. in wel-
chem größeren literarischen Zusammenhang diese Erzählung steht usw.
Auf der Ebene des Kotextes sind also viele Fragen des sprachlichen Funkti-
onierens zu beantworten. ohne dass immer schon auf den Kontext rekurriert
werden muss. Die Frage nach dem Konrext ist dagegen zunächst auf zwei
Aspekte gerichtet: Einmal kann sie auf den Kontext der Vätergestalten be-
zogen werden, auf die historischen Gestalten der Väter. ihre Lebenswelt. ih-
ren sozialen/religiösen/kulturellen Kontext;'' zum anderen kann man die
Vätergeschichten (wie alle Texte des AT) daraufhin befragen. welche Infor-
mationen sie über die Verfasser. Tradenten und Redaktoren der Texte preis-
geben.H Beide Aspekte können wiederum in Beziehung zu anderen Texten
des AT und besonders zu textexternen Daten gesetzt werden, seien es nicht-
textliche Erkenntnisse (z.B. aus der Archäologie. Ikonographie etc.) oder
außeralttestamentliche Texte. Inschriften usw. Den Kontext müssen wir
also wie in jeder historischen Disziplin. im Zusammenspiel von alttesta-
mentlicher Textinfonnation. außeraluestamentlichen Texten und außer-
textlicher Infonnation. rekonstruieren.'~ Kotextinfonnationen können dabei
Quelle und Ausgangspunkt für Kontextrekonstruktionen sein.
Die Frage nach dem Kontext kann die Wirkungs- und Auslegungsge-
schichte eines Textes einbeziehen; bei alttestamentlichen Texten. die im
christlichen Bereich ausgelegt und angewandt werden. kann dies bis zur
Frage nach dem AT im Kontext von christlichem Kanon. christlicher Pre-
digt und Kirche gehen.

3.3.5 Selbständige und nicht-selbständige Formeln. Formeln als Teiltexte

Koch hat bei der fonngeschichtlichen Analyse Rahmengauung und Glied-


gauung- worunter auch Formeln fallen- unterschieden.'"
Bei den Fonnein als Gliedgauungen ist nun weiter zu differenzieren hin-
sichtlich der Frage der EigenständigkeiL Es gibt nur zwei Grundmöglich-
keiten: Entweder wir haben es mit selbständigen (Teil-)Texten zu tun. die in
7 ' Auf dieser Ebene liegt z.B. die These Alts. der versucht hat. den Kontext der Väterre-

ligion zu beschreiben. vgl. Alt. Gott.


7• Diesen letztgenannten Aspekt stellen die neueren Arbeiten zu den Vätergeschichten
meist in den Vordergrund. bis dahin. dass sie einen Rekonstruktionsversuch im Gefolge von
Alt ablehnen. Köcken. Vötergott; Wahl. Jakobserzählungen.
7 ~ Vgl. Wagner. Sprechakte. 83.
76 Vgl. Koch. Formgeschichte. 29-] I.
Kennzeichen einer Formel. Aspekte eines Formelmodells 85

Rahmengattungen eingebaut werden können, die aber auch ohne jeden wei-
teren Kotext stehen können (so z.B. die bäruk N.N.-Formel). oder es han-
delt sich um nicht-selbständige Formeln. die nur im Zusammenhang mit
weiterem Text vorkommen. Sicher können Formeln wie bäriik N.N. mit fa-
kultativen Ergänzungen oder mit weiterem Text stehen oder bestimmte
Funktionen in komplexeren Textgebilden einnehmen. Aber sie bleiben. da
im Kern selbständig, immer ein eigenes kleines Text- und damit auch Be-
deutungszentrum. Anders dagegen Formeln, die nur im Zusammenhang mit
weiterem Text vorkommen, wie etwa die kö 'ämar-Formeln; ihre Bedeu-
tung erschließt sich von vorneherein nur im Zusammenhang mit dem Rah-
mentext, ihre Bedeutung ist viel abhängiger von dem Gesamuext. von der
Gesamtaussage, von der Textsorte/Ganung etc.
Textlinguistisch gesprochen kann man den Formeln den Status eines
Teiltextes zusprechen, im Fall der bärük N.N.-Formel (u.ä.) als eines selb-
ständigen, im Fall der kö 'ämar-Formeln (u.ä.) als eines unselbständigen
Teiltextes.
Auch hieraus ergeben sich Konsequenzen für eine Formelgeschichte:
Die Entwicklung von Formeln, die nur als abhängiger Teiltext vorkommen,
ist natürlich in einer völlig anderen Weise an die Entwicklung der überge-
ordneten Haupttexte gebunden als die selbständiger Formeln; selbständige
Formeln (wie z.B. die bäritk N.N.-Formel) verhalten sich daher wesentlich
konservativer, was die Bewahrung der Oberflächengestalt anbelangt; sie
werden weniger variiert.

3.3.6 Länge und Ausdehnung von Formeln

Die allgemeinen Definitionen heben alle als ein Hauptcharakteristikum die


Kürze von Formeln hervor; gesprochen wird von einer ..Wortgruppe"
(LSW}, von .. Redewendungen" (SWL) etc. Aber auch dieses Kriterium ist
relativ; eine Zahl von Wörtern etwa. die typisch ist für Formeln. kann nicht
genannt werden. An dieser Stelle muss noch einmal auf Koch verwiesen
werden, der in seiner Formeldefinition (s.o. Kap. 3.2) das Problem schon
umrissen hat; er hat betont, dass ..Formel" im Gegensatz zur Gattung jene
..geprägten Wortverbindungen" genannt werden, ,.die zwar eine sinnvolle
Einheit ergeben. aber meist nur aus einem Satz bestehen"; bezüglich der
Abgrenzung hebt er zu Recht hervor. dass der .. Übergang vom einen zum
anderen [ ... ] selbstverständlich fließend" ist. 71

" Koch. Fonngeschichte. 6.


86 Grundlage einer Analyse der l.:o 'ämar-Fonnel

3.3.7 Variierte Formeln als Feld, als System

Für die neuere Sprachwissenschaft stellt der Feld-Gedanke eine zentrale


Einsicht in die Organisation von sprachlicher Struktur und Bedeutung dar.
Das Grundprinzip ist dabei einfach: Trier hatte 1931 den Begriff Wortfeld
eingeführt zur "Bezeichnung einer Menge von sinnverwandten Wörtern,
deren Bedeutungen sich gegenseitig begrenzen und die lückenlos (mosaik-
artig) einen bestimmten begrifflichen oder sachlichen Bereich abdecken
sollen" 7 ~. N
Ein augenfälliges Beispiel für ein Wortfeld, in dem die Bedeutung eines
einzelnen Teils durch die Struktur des ganzen Feldes determiniert wird, bie-
ten verschiedene Benotungssysteme: Habe ich die Noten 1-6 zur Verfü-
gung, so umfasst die Note I einen kleineren Ausschnitt aus der möglichen
Bewertungsskala als in einem Feld mit nur fünf oder drei Noten.

1 2 3 4 5 6

1 2 3

1 5

Bei Sprachvergleichen stellt sich heraus, dass die Wortfelder verschiedener


Sprachen unterschiedlich sein können. dass daher Übersetzungen z.T. große
Schwierigkeiten bereiten. Zudem wird klar, dass differenziertere Wortfelder
auch die Wahrnehmung anders lenken .
.. Wenn ich in ein südliches Land komme, sehe ich ganz undifferenziert überall
nur Palmen. Wenn jemand, der eine Bantusprache spricht, in der es etwa fünfzig

7" LWS (An. Wortfeld), 854 (in Aufnahme von Trier. Wortschatz).
70' Die Wonfeldtheorie nimmt eine Grunderkenntnis Saussures auf. steht also in Zusam-
menhang mit dem linguistischen Strukturalismus. der sich in der ersten Hälfte des 20. Jh.
entwickelte: Saussure schrieb: ..La valeur de n'impone quelterme est dc!terminc!e par ce qui
l'entoure." (Saussure, Cours, 172.) Jedes Element einer Sprache ist in seinem Wen (valeur),
seiner Bedeutung, bestimmt durch die anderen Elemente einer Sprache. die zu dem Un-
tersuchten in einer (inhaltlichen/assoziativen) Beziehung stehen. Von dieser These aus kon-
struiert Saussure sein System der rappans associatifs. Die Wortfeldtheorie Triers und Weis-
gerbers ersetzt das ungenaue Saussure"sche System durch die Theorie der Wortfelder und
definiert noch schärfer. dass jede Wortbedeutung nicht allein für sich. sondern nur zusammen
mit begriffsverwandten Wörtern existiert: entsprechend ist auch der gesamte Wortschatz einer
Sprache nach Wortfeldern strukturiert ... Im Wortschatz einer Sprache lassen sich [... ] ver-
schiedene Strukturtypen unterscheiden: einer davon ist das paradigmatische Wortfeld [... ).""
Wiegand/Wolski. Semantik. 200. Ein anderer ist das syntagmatische Feld (vgl. Trier. Wort·
schatz: Porzig. Bedeutungsbeziehungen).
Kennzeichen einer Fonnel, Aspekte eines Fonnelmodells 87

Wörter für Palme gibt, in dasselbe Land kommt, wird er sicherlich verschiedene
Palmensorten wahrnehmen, die mir gar nicht bewußt werden."*)
Dieses Prinzip des sprachlichen Feldes ist nun nicht nur auf den Bereich des
Wortfeldes beschränkt, sondern es ist auch bei höheren Einheiten der Spra-
che zu finden: Es gibt Felder von bestimmten syntaktischen Formen (etwa
bestimmte Satzarten) bis hin zu Feldern von Textsorten/Gattungen."l Und
natürlich müssen auch Formeln unter dem Feldgedanken betrachtet werden.
Insbesondere dann, wenn es sich um ein System von Variationen einer For-
mel mit gleich bleibendem Kernbestandteil und variierenden Zusätzen han-
delt. Eine jede Variation erhält dann ihre Bedeutung durch die Stellung in
diesem System. Daraus ergeben sich für die Deutung erhebliche Konse-
quenzen, denn jede Formel ist dann auch vom System her zu verstehen und
kann z.B. nicht allein durch einen Vergleich mit außeralttestamentlichen
Parallelen erläutert werden; ein solcher Vergleich kann zwar Aufschluss
über einzelne Fonnulierungen. auch über manche Kontexte bringen, aber
das eigentliche Verständnis kann man nur auf dem Hintergrund der Analyse
des gesamten Fonnelfeldes erwerben, wenn die jeweilige Fonnel an ihrem
Platz im Feld beobachtet wird. Wenn man vergleicht, dann müssten ganze
Formelfelder verglichen werden.
Ein solches System. ein solches Formelfeld stellt die alttestamentliche
kö 'ämar-Formel mit ihren Variationsmöglichkeiten dar (vgl. Kap. 5-7).
Bisher wurde dieses System nicht als ein Formelfeld erkannt und unter-
sucht.

3.3.8 Sprachpragmatische Aspekte einer Formeluntersuchung

Wie alle sprachlichen Äußerungungen haben auch Formeln - sprachanaly-


tisch gedacht - verschiedene Bedeutungsdimensionen. Neben den semanti-
schen, syntaktischen und textbezogenen Dimensionen sind auch die prag-
matischen Aspekte der Formeln zu berücksichtigen (zur Pragmatik s.o.
Kap. 3.2). Zwei Aspekte aus dem Bereich der Pragmatik sollen hier stell-
vertretend für viele ähnliche Fragestellungen angesprochen werden:
a) Fonnein haben wie alle sprachlichen Äußerungen eine Handlungsbe-
deutung/Sprechaktbedeutung. Sie sind dabei nicht festgelegt auf eine be-
stimmte Art von Sprechhandlung, sie können je nach kommunikativem Ziel
und je nach Formel jede mögliche Klasse von Illokutionen ausdrücken.
Auch in der sprachlichen Realisierungsart sind Fonnein nicht festgelegt, es
kommen sowohl primär performative. explizit performative wie indirekte

'"' Michel. lnlerprelalion. 73. Ncuere Unlersuchungen im Bereich der Exegese. die mil
dem Wonfeldgedanken arbeilen: Brenner. Colour 1erms; Hayman. meaning: Kim. Vocabula-
ry; Jenni. Sludien passim; Zehnder. Wegmelaphorik.
" Vgl. Adamzik. Zukunfl. 25-29.
88 Grundlage einer Analyse der ko 'ämar-Formel

Sprechakte vor. Terminologisch und sachlich besonders nahe kommen den


hier besprochenen Formeln die explizit performativen Äußerungen;•~ sie
werden zuweilen auch explizit performative Formeln genannt. weil in ihrer
Sprechaktgruppe häufig formelhafte Wendungen auftauchen (z.B. im Deut-
schen die Schenkungsformel Hiermit schenke ich Dir ... ; im Hebräischen
ähnlich: ... 't:10~ ii~;:t hiermit gebe ich .... etwa Gen 1.29 u.a.).
b) Da Formeln als Sätze bzw. Wortgruppen aus verschiedenen Bestand-
teilen zusammengesetzt sind, können in Formeln auch pragmatische (wie
andere) Aspekte bedeutsam werden. die eigentlich nur einen Teil der For-
mel betreffen. Ein solcher Fall wird bei den k6 'ämar-Formeln eine Rolle
spielen. nämlich das Phänomen des prädizierenden Bezugnehmens bei For-
meln mit Personenangaben. Die k6 'ämar-Formeln enthalten alle einen Per-
sonennamen (z.B. Jakob) oder eine Personenbezeichnung (z.B. der König).
die den eigentlich Redenden angibt. Mit Hilfe des Namens bzw. der Be-
zeichung wird auf eine außersprachliche Person Bezug genommen. Diese
Bezugnahme (Referenz) kann auf verschiedene Art und Weise geschehen.
Die einfachste Art der Bezugnahme stellt die Nennung des Namens ohne
Zusätze dar (so spricht Jakob). Zur bloßen Nennung des Namens können
aber weitere Elemente hinzutreten. die Informationen. Wertungen. Einstel-
lungen zu dem genannten Namen vermitteln (vgl. etwa Jes 42.5 So spricht
der Gott Jahwe. der den Himmel schafft und ihn ausspa1111t, der die Erde
ausbreitet und ihre Gewächse, der Atem gibt fiir das Volk auf ihr und Le-
benskraft denen, die auf ihr gehen: ... )."
Auf solche pragmatischen Erscheinungen ist bei Formeln zu achten.
auch wenn die pragmatischen Aspekte der beschriebenen Art. bei denen es
sich ja um allgemeine sprachliche Phänomene handelt. nicht speziell zu
einer Formeltheorie gehören.

x! Vgl. Austin. Sprechakte. 52 u.ö.; Wunderlich. Studien. I.H u.ö.: LSW (Art. Perfor-
mative Äußerung).
'' Polenz. Satzsemantik. 125: .. Es gibt eine An von Referenz. die neben dem Reh:nen:n
auch noch etwas prädizien: es soll etwas Neucs über das Bezugsobjekt ausgesagt werden. [ ... 1
Solche Referenzprädikationen gehören nicht mit zum Hauptprädikat des betreffenden Satzin-
halts. werden also nicht offen BEHAUPTET. unterliegen also auch nicht der VERNEINUNG
des Hauptprtidikats. Diese untergeschobenen Prädikationen verdienen bei sprachkritischer
Textanalyse alle Aufmerksamkeit. Wer z.B. sagt: Diese Opportwris;e" gelriirm 11iclrt ;" de11
Brmdewrg. hat nicht nur auf bestimmte Personen KLASSIFIZIEREND BEZUGGENOM-
MEN. sondern hat über sie MITBEHAUPTET. sie seien .Opportu11i.He11·. Auch wenn das
Hauptprädikat hier nicht verneint wtire. bliebe in .Diese Opportuniste11· das Wenurteil über
die Bezugspersonen unterschwellig MITBEHAUPTET. Solche Benennungen können zur ma-
nipulativen Wirkung von Texten und zur Bildung von Vorurteilen beitragen. da sie den An-
schein von Gattungsbezeichnungen als Kennzeichnungen nach dem gemeinsamen Vorwissen
erwecken. in Wirklichkeit aber versteckte Prädikate sind. die mitbehauptet wurden. ohne daß
der SprecherNerfasser so stark zu ihrer Begründung verpflichtet wäre wie bei den Hauptprä-
dikaten."
Kennzeichen einer Formel. Aspekte eines Formelmodells 89

3.3.9 Gleichzeitige Mehrdimensionalität in der Bedeutung

In diesem Kapitel soll auf einen Sachverhalt hingewiesen werden, der bei
allen bedeutungstragenden sprachlichen Äußerungen und somit auch bei
Formeln anzutreffen ist: Das Problem der Mehrdimensionalität. Ein sprach-
liches Phänomen kann mehrdimensional, vieldeutig/ambig sein. und das aus
mehreren Gründen in mehreren Richtungen:
a) in semantischer und syntaktischer Hinsicht,
b) hinsichtlich einer Mehrfachadressierung,
c) hinsichtlich des gleichzeitigen Vorhandenseins verschiedener
Funktionen/Sprechhandlungsbedeutungen.
Zu a): Zur semantischen und syntaktischen Ambiguität ist am wenigsten
zu sagen, denn inhaltliche Mehrdeutigkeit ist ein geläufiges Problem bei
allen sprachlichen Äußerungen: semantische Disambiguierungsstrategien
sind uns aus der eigenen sprachlichen Wirklichkeit ausreichend bekannt
und werden auch ohne Schwierigkeiten bei der Untersuchung historischer
Texte angewandt: Disambiguierung durch den Ko-/Kontext, durch ver-
gleichbare Texte, verwandte Wörter, Synonyme etc.""
Zu b): Eine sprachliche Äußerung kann gleichzeitig an verschiedene
Adressaten gerichtet sein und u.U. hinsichtlich der unterschiedlichen Adres-
saten unterschiedliche Funktionen tragen. Am Beispiel des BEKENNENS
kann man zeigen, inwiefern eine solche Mehrfachadressierung zu beachten
ist.K' Dieser Aspekt wird auch bei der Beurteilung der ko 'ämar-Formeln ein
Rolle spielen, denn die Bedeutung der ko 'ämar-Formeln schwankt zuwie-
len bzw. hat je eigene Nuancen hinsichtlich der Adressaten auf der Erzähl-
ebene. also der Aktanten innerhalb einer Erzählung, und der realen Leser/
Hörer als einer zweiten Adressatenebene.
Zu c): Bühler hat darauf hingewiesen, dass jede sprachliche Äußerung
einen dreirelationalen Akt darstellt (mit Bezügen auf den Sprecher, den Hö-
rer, die Dinge), dessen drei Grundfunktionen (darstellen, appellieren, aus-
drücken) immer gleichzeitig vorhanden sind, nur in unterschiedlichen Do-
minanzverhältnissen."" Von daher kann auf der funktionalen bzw. auf der
Sprechhandlungsebene eine Mehrdeutigkeit entstehen, die bei der Analyse
von sprachlichen Äußerungen beachtet werden muss (vgl. auch Kap. 3.3.4).
Fazit: Eine sprachliche Äußerung wie eine Formel muss nicht nur eine
Funktion haben, sondern es können mehrere im Spiel sein. Gerade bei der
Analyse der ko 'ämar-Formeln spielt dieser Aspekt eine große Rolle: etli-
che Schwierigkeiten bisheriger Interpretationen erklären sich aus der Mehr-
deutigkeit der Formeln.

•• Vgl. LWS (Art. Ambiguität). 75-76.


'' Vgl. Wagner. Sprechakte. 211-:!1:! und :!15-220.
"" Vgl. Bühler. Sprachtheorie. 32.
90 Grundlage einer Analyse der kö 'ämar-Forrnel

3.3.10 Texterfeiltexte als übereinzelsprachliche (inter-/transnationale)


Textsorten

Coseriu hat in der neueren Diskussion um Texte und Textsorten hervorge-


hoben. dass Texte nicht .,einfach [nur] als eine Erscheinung einer histori-
schen Einzelsprachel'7 anzusehen" sind."" Coseriu erläutert seine These mit
folgenden Hinweisen:"''
a) Mehrsprachige Texte sind möglich; ein ..Text ist zwar normalerweise
in einer bestimmten Einzelsprache verfaßt, jedoch nicht notwendigerwei-
se";'IO Coseriu weist auf moderne mehrsprachige Romane hin (James Joyce,
Finnegans Wake; ..er enthält nicht nur englische Passagen, sondern auch
italienische und französische - und zwar fast völlig amalgamiert, zu einer
neuen Einheit verschmolzen"'"); in gewisser Weise vergleichbar wären aus
dem altorientalischen Bereich die Bi- bzw. Trilinguen (z.B. der Stein von
Rosette). in denen ein Text zwar nicht amalgamiert, aber immerhin doch in
mehreren Sprachen geboten wird. b) ..Texte folgen nicht unbedingt in je-
dem Punkte den Regeln einer Sprache; Abweichungen von den Regeln
einer Einzelsprache sind immer möglich.'"'1 c) ..Texte sind - ganz im Ge-
gensatz zu den historischen Einzelsprachen - durch das Universum der Re-
de bedingt.'"'~ Es gibt z.B. keine besondere Sprache für die Mythologie.
sondern nur Aussagen über die Mythologie und entsprechende mythologi-
sche Texte in den historischen Einzelsprachen. Trotzdem können mytholo-
gische Texte von anderen Texten abgegrenzt werden. Diese Unterscheidung
wird aber auf der Ebene der Texte, nicht auf der der Sprache getroffen. d)
Texte sind situationeil bedingt. ,,Sie stehen in einem spezifischen extraver-
balen Kontext und erhalten erst dadurch einen Sinn_ ...... e) Texte haben ganz
besondere Traditionen .. unabhängig von einer bestimmten Sprache" (z.B.
literarische Gattungen).''~
Eine ähnliche Position nimmt auch Hartmann ein, wenn er feststellt:
.. Das Interessante an der Textlinguistik ist, dass die Textkonstitutionsregeln

"' Historische Einzelsprache meint eine in der Welt vorfindliehe Sprache, der der Statu~
einer Sprache zugeschrieben wird: sie ist in der Regel das Resultat langfristiger. von unter-
schiedlichen inneren und äußeren Faktoren bewirkter Prozesse und kann gegenüber Sprach-
varietäten und anderen historischen Einzelsprachen abgegrenzt werden. Vgl. Glück. Ein-
zelsprache, 159.
1111 Coseriu, Textlinguistik, 37.

"'' Vgl. Coseriu. Textlinguistik. 37-40.


'10 Coseriu, Textlinguistik. 37.
" 1 Coseriu, Textlinguistik, 37.
'11 Coseriu. Textlinguistik. 37. Vgl. hierzu bes. Kap. 4.2.3.
"' Coseriu. Textlinguistik. 39.
•u Coseriu. Textlinguistik. 40. Daher werden auch spezifische Konstellationen textexter-
ner Merkmale als übereinzelsprachliche Kennzeichen eines Textes bzw. einer Textsorte zu
bestimmen sein.
''~ Coseriu. Textlinguistik. 40.
Kennzeichen einer Formel, Aspekte eines Formelmodells 91

übergrammatisch, aber auch übersprachlich sind. Die einzelsprachliche


Grammatik wird durch die Textbildungsregeln überlagert.''%
Wie hat man sich das vorzustellen? Texte bzw. Textsorten als überein-
zelsprachliche Größen sind mit für die Auswahl und Ausprägung der Text-
konstitutionsmitlei einer Sprache in einem Textexemplar bzw. der einzel-
sprachlichen Ausformung einer Textsorte verantwortlich. Eine textsorten-
spezifische Auswahl von sprachlichen Gestaltungsmitteln führt zuweilen zu
einem bestimmten Textsortenstil, der ebenso wie die Textsorte übereinzel-
sprachlich sein kann. Beim Telegramm z.B. ist ein sehr auffälliges Stilmit-
tel die kurze, abgehackte und auf das absolut Wesentliche beschränkte Dar-
stellungsweise. Der Telegrammstil ist dabei nicht an eine bestimmte Spra-
che gebunden, er ist im Englischen genauso zu realisieren wie im Deut-
schen oder Koreanischen.
Auf diese Dimension der Übereinzelsprachlichkeit einer Textsorte ist
bei der Charakterisierung auch von Formeln, die als kleine Textsorten zu
begreifen sind, ebenfalls zu achten. Von hier aus liegt es auch nahe, ver-
gleichende Untersuchungen über Textsorten und deren Realisierung in ver-
schiedenen Sprachen anzustellen, um die übereinzelsprachlichen Merkmale
von den einzelsprachlichen zu trennen bzw. das Verhältnis der beiden zu-
einander zu bestimmen.

3.3.11 Der geschichtliche Aspekt einer Formeluntersuchung

Noth hat mit Blick auf die Auslegung des Exodus-Buches folgendes for-
muliert, was auch für eine Untersuchung von Formeln gelten muss:'17 "Die
Auslegung eines Buches hat es mit seiner Endgestalt zu tun." Das ist auch,
übertragen auf das ganze AT, der Ausgangspunkt für eine Formeluntersu-
chung: Der Ausgangspunkt ist zunächst die Endgestalt des alttestamentli-
chen Textes. Die Formeln sind flächig zu sichten und zu untersuchen. Wie
man aber die Auslegung eines Buches "nicht ohne ständige Berücksichti-
gung der einzelnen Stadien" durchführen kann, so auch nicht die Auslegung
von Formeln. Auch der Bestand an Formeln im AT ist "ein Gewebe, das
aus einer Reihe von Fäden kunstvoll zusammengesetzt worden ist", und
diese Fäden gilt es aufzuspüren, ihre Entwicklungsgeschichte offen zu le-
gen.
Die Geschichte von Formeln ist dabei natürlich durch andere Faktoren
bestimmt als die Geschichte eines Textes bzw. Textkomplexes. Da die For-
meln, was ihre Gestalt anbelangt, in der Regel nicht wie ein Text durch An-
bau. Umbau und Ausbau wachsen können, muss die Geschichte einer For-
mel stark ihren Gebrauch in ihren Kotexten berücksichtigen. Zuweilen

'"' Hanmann, Religiöse Texte, 124.


' 17 Noth, Exodus, alle angefühnen Zitate von S. 8.
92 Grundlage einer Analyse der ko 'ämar-Fonnel

wandelt sich nicht eine Formel (bezüglich ihrer Form und Funktion). son-
dern ihr Gebrauch in den Texten; das kann sich auf die Bedeutung der For-
meln übertragen; wenn etwa die ki ko 'ämar-Formeln häufig in nachgetra-
genen redaktionellen Texten in der Schriftprophetie verwendet werden.
prägt der häufige redaktionelle Gebrauch der Formel auch ihre Bedeutung.
Die Geschichte einer Formel zu schreiben heißt also, die Geschichte ihres
Gebrauchs nachzuvollziehen. Eine weitere Facette einer Formelgeschichte
ist die Beobachtung der Häufigkeit ihres Gebrauchs in verschiedenen Ko-
und Kontexten (auch zeitlichen) und bei Formelfeldern die Entwicklung des
Feldes und seiner Teile. was Häufigkeit sowie zu- und abnehmende Diffe-
renzierung des Feldes anbelangt.
4. Außeralttestamentliche Parallelen zur
ko )ämar-Formel

4.1 Vorüberlegungen

Bereits Köhler und Lindbiom haben auf mit der hebräischen kö 'ömar-For-
mel vergleichbare außerbiblische altorientalische Formeln verwiesen. um
zu zeigen. dass die kö 'ömar-Formel im Sinne einer .,Botenformel" bzw .
..Orakelformel" keine spezifische Eigenart Israels darstellt. An der Fest-
stellung, dass sich verwandte Formeln im außerbiblischen Bereich finden.
hat sich gegenüber Köhler und Lindbiom zwar nichts Grundsätzliches ge-
ändert. doch sind heute bei einem Vergleich die neueren Entwicklungen zu
beachten: Nach vielen weiteren Funden. Editionen und Einzeluntersuchun-
gen kann sich ein Vergleich heute auf eine wesentlich breitere Text- und
Untersuchungsbasis stützen; zudem mahnt die Forschungslage zu den kö
'iimar- (vgl. Kap. 2, ebenso Kap. 5 und 6) und den verwandten außeralttes-
tamentlichen Formeln zu einer wesentlich differenzierteren Phänomenwahr-
nehmung als noch zu Beginn des 20. Jh.; und nicht zuletzt bietet eine neue
Zugangsweise zum Phänomen der Formel. wie sie in Kap. 3 skizziert wur-
de. Anstöße für eine neue Sichtung der Belege.
Diese veränderten Voraussetzungen sind von vornherein einzubeziehen.
Eine Konsequenz daraus ist. dass der Vergleich zwischen biblischen und
außerbiblischen Formeln möglichst offen angelegt werden muss. Vor allem
mit Rückschlüssen von am AT gewonnenen Einsichten auf die Deutung
außeralttestamentlicher Formeln muss man vorsichtig sein - vorsichtiger.
als es etwa Köhler und viele seiner Nachfolger gewesen sind.
Zeitlich und sachlich allen voran deutete Köhler die außerbiblischen Be-
lege. die mit der hebräischen ko 'ämar-Formel vergleichbar sind. vom altte-
stamentlichen Botenvorgang aus. wie er ihn aus Gen 32 rekonstruiert hatte
(vgl. oben Kap. 2.2), auch Briefe. in denen sich die meisten außerbiblischen
Belege für .. Botenformeln" finden, seien nichts anderes als geschriebene
Botensprüche.' Oder anders gesagt: Alle kö 'ämar-Formeln im AT und ihre
Entsprechungen außerhalb des AT werden von Köhler nach dem alttesta-
mentlichen Modell als .. Botenformeln" begriffen. Köhler hat die Formeln

1 Vgl. Köhlc!r. Dc!uterojesaja. 102: vgl. auch Kap. 4.3.


94 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ämar-Formel

über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg als Formeln mit festem Gebrauchs-
kontext.~ als situationsabhängige Formeln (s.o. Kap. 3.3.4) aufgefasst.
Diese Deutung, dass alle schriftlichen und verschriftlichten ko )ämar-
Formeln und verwandte Formeln in den Zusammenhang des mündlichen
oder verschriftlichten Botenvorgangs gehören und daher als .. Botenfor-
meln" zu begreifen sind, ist aber dann problematisch, wenn die Funktionen-
vielfalt erkannt ist - inneralttestamentlich wie auch außeralttestamentlich.
Nicht etwa deswegen, weil nicht vielleicht eine (oder sogar die) Wurzel die-
ser Formel in Zeiten rein oraler Kulturen der Botenvorgang gewesen sein
könnte; für die Erklärung z.B. vieler Briefeingangsformeln aus dem ver-
schriftlichten Botenvorgang spricht m.E. auch heute noch einiges (vgl. Kap.
4.3). Problematisch ist die Auffassung Köhlers und derer. die sich ihm an-
geschlossen haben/ deswegen, weil sie der Funktionen- und Formenvielfalt
dieser Formel(n) nicht gerecht wird. Eine Redeeinleitung wie (w'·) ko )ämar
N.N. im Erzählkontext, im biblischen Hebräisch mehrfach belegt ( I.Sam
9,9; 2.Sam 16,7; 19,1; vgl. auch I.Kön 2,30), ist eben mit einem Botenvor-
gang schwer in Übereinstimmung zu bringen. Ebenso verhält es sich mit
vielen außeralttestamentlichen Belegen (s.u. Kap. 4.2). Nimmt man trotz-
dem wie Köhler an, dass immer da. wo die Formel auftritt, der Botenvor-
gang evozien wird, dann verschließt man sich den Zugang zur Anwen-
dungsvielfalt sowohl inner- wie auch außeralttestamentlich. Es geht nicht
um eine Formel mit festem, sondern um eine mit inkonstantem Gebrauchs-
kontext.•
Drei Aspekte sollen bei dem Vergleich im Vordergrund stehen:
(a) In Kap. 4.2 ist auf die Frage einzugehen. wo sich verwandte/ähnliche
Formeln außeralttestamentlich finden; dies ermöglicht grundsätzliche Erwä-
gungen etwa zum Alter der Formel. zu ihrer Herkunft (manche führen hier
den diplomatischen Bereich an. vgl. bes. Kap. 4.2.1 und 4.2.8) etc.; außer-
dem ermöglicht diese Fragestellung einen Vergleich der Funktionen und
Formen der Formel, der Stellung (Textanfang/-mitte) u.ä. Es werden vor al-
lem solche Formeln herangezogen, die mit dem Verb )mrlreden, sprechen
bzw. äquivalenten Verben/Nomen als Kernelement gestaltet sind; es wird
keine Vollständigkeit beansprucht. sondern es geht um den Aufweis wichti-
ger Grundlinien.'

~ Vgl. Stein. Fonnelhafte Sprache. 40-41.


' Vgl. etwa Eissfeldt. Einleitung. 28-29: Ellermeier. Prophetie. 121: .. Diese Einführung
[das Formular in ARM XIII 112) muß im Lichte der Botenformel der alttestamentlichen Pro-
pheten .So spricht Jahwe' gesehen werden."
• Vgl. Stein. Fonnelhafte Sprache. 40-41.
' Dies bestimmt auch (neben der Quellenlage) die Auswahl der außeralttestamentlichen
Vergleichsbereiche: Auszugehen ist dabei von den nahe verwandten und historisch-geogra-
phisch eng bei der Größe ..historisches Israel"' liegenden außcralnestamentlichen Tell.ten und
den kanaanäischen Nachbarsprachen des Hebräischen (Edomitisch. Moabnisch. Ammonitisch
Möglichkeiten und Grenzen eines Vergleichs mit außerbiblischen Belegen 95

(b) In Kap. 4.3 soll nach einem Zusammenhang der Formeln mit dem
Botenvorgang im außeralttestamentlichen Bereich gefragt werden.
(c) Kap. 4.4 geht der Frage nach. ob solche Formeln schon in sog. au-
ßeralttestamentlicher prophetischer Literatur vorkommen bzw. ob sie zum
typischen Repertoire dieser Texte gehören.

Exkurs 3: Möglichkeiten und Grenzen eines Vergleichs von


biblischen ko 1ämar-Formeln und verwandten außerbiblischen
Belegen- genetische und kontrastive Perspektiven

Eine vergleichende, über das AT hinausgehende Untersuchung von For-


meln. die in Fonn und Leistung mit dem alttestamentlichen kö 'ämar ver-
wandt sind, sollte m.E. zwei Fragebereiche einschließen:
(a) Es kann nach dem genetischen Aspekt eines zu analysierenden Phä-
nomens gefragt werden: Woher stammt ein - in unserem Falle sprachliches
-Phänomen? Wo liegt sein Ursprung? Kann seine Geschichte rekonstruiert
werden? Wie ist es nach Israel gekommen, welche geschichtlich nachweis-
baren bzw. möglichen Wege der Beeinflussung gab es'?f> Wie hat sich das

etc.): dann ist weiter nach dem Aramäischen. Akkadischen. Ugaritischen. Hethitischen und
Ägyptischen zu fragen.
• Um dieses Problem an einem für die hier vorliegende Fragestellung relevanten Thema
zu illustrieren. sei auf die Bewertung der Mari-Prophetie als Vorläufer der israelitischen Pro-
pheten verwiesen: Noth konnte noch auf der Grundlage seines Bildes über die Frühgeschichte
Israels einen Zusammenhang herstellen: .. Es läßt sich[ ... ] kaum zweifeln. daß[ ... ] die aus den
Mari-Texten [ ... ] bekannt gewordene Gestalt des Gottesboten [ ... ] zur Vorgeschichte der
Prophetie gehört. Ein geschichtlicher Zusammenhang muß hier vermutet werden. zumal ja
auch sonst. wie erwähnt. auffallige Beziehungen zwischen den Mari-Texten und dem Alten
Testament bestehen. Genau läßt sich die Art und Weise dieses geschichtlichen Zusammen-
hanges noch nicht fixieren. [... ] Vorerst wird man sich mit der allgemeinen Feststellung be-
gnügen müssen. daß wahrscheinlich die Ursprünge der israelitischen Stämme eben in jenen
Kreisen zu suchen sind. die geschichtlich erstmalig zur Zeit der ersten Dynastie von Babyion
in den Kulturländern an den Rändern der syrisch-arabischen Wüste unzweideutig greifbar
werden." Noth, Geschichte und Gotteswort. 239. Solche Erklärungen werden natürlich we-
sentlich problematischer. wenn die Frühgeschichte Israels anders rekonstruiert wird. Nachfol-
gende Untersuchungen, wie etwa die von Noort oder Schmitt. beschränken sich daher in der
Regel auf einen strukturellen bzw. phänomenologischen Vergleich. vgl. Noort. Untersuchun-
gen. 109: Schmitt. Gottesbescheid. Untertitel: Eine Strukturuntersuchung: vgl. auch Huffmon.
Expansion. 17: ..Obviously there is a temporal and geographical gap between the Mari texts
and early Israel[ ... ]. Nonetheless. the Mari activiry does provide a phenomenological back-
gmund for biblical prophecy [... ]." Andere Untersuchungen fordern eine starke Beschränkung
auf den Bereich. für den man .. konkrete historische Abhängigkeiten" nachweisen kann. bei
denen eine .. reale Möglichkeit zur gegenseitigen Einflußnahme bestand", so Schwiderski.
Handbuch. 275, bei der Untersuchung der hebräisch-aramäischen Briefformulare.
96 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'amar-Fonnel

Phänomen innerisraelitisch entwickelt? Bis hin zur Frage: Trägt die Rekon-
struktion dieser Vorgänge etwas zum besseren Verständnis des zu untersu-
chenden Phänomens bei? - Das dürfte immer dann gegeben sein. wenn man
über die Verwendung, die Funktion. den Gebrauch etc. eines Phänomens im
außeralnestamentlichen Alten Orient aufgrund besserer Dokumentation. Er-
haltung. kontextueller Situierung usw. - zumal in einem Zeitraum nach-
weisbarer Beeinflussung - mehr Aufschluss erhält als durch das inneralt-
testamentliche Vorkommen.
Vor allem der letztgenannte Aspekt führt sofort zurück zu Grundproble-
men der kö 'ämar-Formel: Wenn mit den zur kö 'ämar-Formel parallelen
sprachlichen altorientalischen Ausformungen eine (alte) transnationale Text-
sorte (s.o. Kap. 3.3. 10) vorliegt, so ist es nicht verwunderlich. dass Israel
genau wie andere altorientalische Einzelkulturen eine adäquate Formel zur
Einleitung einer Rede - unter den Bedingungen der hebräischen Sprache -
ausgebildet bzw. übernommen und sprachlich umgesetzt hat.
(b) Genau diese Beobachtung führt zu einem zweiten Frageaspekl: Wie
verhält sich die Ausformung eines Phänomens in Israel zu vergleichbaren
Phänomenen außerhalb Israels? Hat Israel das Phänomen unverändert über-
nommen? Gab es Modifikationen, Differenzierungen? Wenn ja, wie sehen
diese aus? Wird das Phänomen sprachlich, formal, inhaltlich verändert? Wird
es in andere Funktions- und Textzusammenhänge gestellt? Wird es umge-
prägt. israelitisiert, mit typisch israelitischen religiösen Vorstellungen ver-
sehen? u.v.a.m. Ein solcher Vergleich kann dabei auch angestellt werden,
wenn eine historische Beeinflussung (noch) nicht oder nicht klar aufzuwei-
sen ist; Prozesse des Kulturaustausches sind z.T. schwierig zu beschreiben.
vor allem bei einer problematischen Quellenlage; auch erstrecken sie sich
oft über eine für uns schwer nachvollziehbare lange Dauer. Es geht bei ei-
nem solchen Vergleich nicht um die reine historische Ableitung eines Phä-
nomens, sondern um die Unterschiede, die besser hervortreten. wenn ein
Phänomen, das unter verschiedenen kulturellen Vorzeichen auftritt, kon-
trastiert wird. 7
Auch diese Frage des kontrastiven Vergleichs ist für die Behandlung der
alttestamentlichen kö 'ämar-Formeln von großer Wichtigkeit: In den nächs-
ten Kapiteln wird sich zeigen, dass die kö 'ämar-Formeln nicht nur zu ei-
nem Signum der israelitischen Prophetie werden. es wird sich auch zeigen.
dass sich innerhalb des alttestamentlichen Gebrauchs Differenzierungen in
Form und Funktion ergeben haben, die aus vergleichbaren Kulturen und
1 Die Frage. die sich hier sofort einstt:llt. ist die nach der Gn:nze des zu verglo:ichendcn
Kulturraumes. ln der Tat wäre prinzipiell gegen das Vergleichen auch weit auseinander lie-
gender Kulturräume nichts Grundsätzliches einzuwenden. weil Strukturanalogien etc auch
durch den Vergleich eines Phänomens aus zwei Kulturen. die sich sicher nicht gegenseitig be-
einflusst haben. deutlicher zu Tage treten können. So vert'ährt ja weithin z.B. die Religions-
phänomenologie. Doch für den Bereich der vorliegenden Arbeit will ich mtch aus den unter
(a) angeführten Gründen auf den altorientalischen Kernraum beschränken.
Außerbiblische, kö 'iimar entsprechende oder eng verwandte Formeln 97

Sprachen nicht in diesem Maß bekannt sind: Nimmt man etwa das Vor-
kommen in den Mari-Texten, so ist die so (spricht)-Formel dort eher gleich-
förmig und im prophetischen Kontext selten: im Gegenteil zum Gebrauch
bei den alttestamentlichen Propheten. wo ein hochfrequentes Vorkommen
zu beobachten ist und sich eine starke Differenzierung in ko 'amar-. kf ko
'amar- u.a. Formeln mit je eigener Funktion herausgebildet hat.
Solche Unterschiede zwischen alttestamentlichen und vergleichbaren
außeralttestamentlichen Phänomenen treten auf der Grundlage eines kontra-
stiven Vergleichs besonders deutlich hervor. Entscheidend ist also die Er-
kenntnis. wie, mit welchen neuen Akzentsetzungen. zum Ausdruck welcher
Inhalte etc. Israel Stoffe, Motive, Formen etc .• wie sie auch bei anderen
Kulturen, Religionen, Völkern zu beobachten sind, weitergebildet hat. Kon-
trastive und genetische Fragen sind dabei nicht als Alternativen zu behan-
deln: beide Aspekle ergänzen sich.

4.2 Außerbiblische, der k6 1ämar-Forme1 entsprechende


oder eng verwandte Formeln

4.2.1 Vergleichsbereich außerbiblisches Hebräisch, Moabitisch,


Edomitisch. Ammonitisch. Phönizisch

Im außeralttestamentlichen Hebräisch ist eine mit den biblisch-hebräischen


ko 'ämar-Formeln im Wortlaut identische Formel bisher nicht belegt. Al-
lerdings gibt es form- und funktionsverwandte Formeln mit dem Kernele-
ment 'mr und nachfolgender direkter Rede in zwei althebräischen Briefen
und einige Formeln aus den Nachbarsprachen des Althebräischen.
Zunächst zu den außerbiblischen althebräischen parallelen Formulierun-
gen. zu Texten aus Kuntillet 'A.~riid" und Wadi Murabha'at''.
HAE 1: KAgr(9):8: AHI: 8.017:
'mr '{. .. / 11{... /k. 'mr lyhlf ... jll'l)'lt''.UI. H'{ ... / hrkr.
'tkm. lyhwh. smm. 11'/'srth. 111
Gesagthat/Wortdes { ... /:Sprich ;:u yhl{. .. / und ;:u yw'sh und {. .. fleh segne
Euch hiermit 11 von/durch Jahwe I'On Samaria 1111d (seine/r 11 ) Aschera.

' Möglicherweise ist auch neben KAgr(9):8 noch KAgr(9):9 heranzuziehen. wenn Cha·
se. Note. 63--67: Müller. Kolloquialsprache. 22: HAHI. 157 und Schwiderski. Handbuch. 30
Recht mit ihrer Vermutung haben. dass vor ~·-,oK noch ein einleitendes ir-K gestanden hal.
Man kann sich nur Schwiderski. a.a.O. 29. anschließen: .. Eine kritische Edition der Texte
bleibt ein dringendes Desiderat." - Bis dieses erfülll ist. muss die Frage offen bleiben .
., Vgl. HAE 1111. 10.
1" Text nach AHI [ohne Rekonstruktionsvorschläge).
98 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formet

Bei diesem Text handelt es sich um die Aufschrift auf einem Pithos (Pithos
I bzw. A) aus Kuntillet 'AgrüdY Der Text ist .. mit roter Tinte auf einen
Pithos oberhalb der zweifachen Darstellung der Gottheit Bes aufgemalt";'~
Renz geht dabei davon aus, dass die Zeichnungen und die Inschrift nicht
zusammengehören; er datiert den Text ins 9. Jh.v.Chr.'~
Die in diesem Text vorausgesetzte Kommunikationsstruktur ist trotz der
Lücken gut erkennbar:
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
'mr X-> 'mr I Y Wort des X/es hat gesprochen X'• ->sprich zu Y
Der Imperativ vor der Adressatenangabe macht klar, dass hier eine vermit-
telte Kommunikation intendiert ist. In unserem Zusammenhang interessiert
der erste Teil dieses Textes besonders; er führt das Folgende auf den ei-
gentlichen Sprecher/Absender zurück. der wohl namentlich genannt war.
Der zweite Text, der eine vergleichbare Formel zur Redeeinleitung (im
Folgenden: Redeeinleitungsformel, vgl. Kap. 4.2.8) bietet, ist Papyrus A
aus Wadi Murabba'at; 17 es handelt sich dabei um einen mit Tinte beschrif-
teten Papyrus (Palimpsest) aus der ersten Hälfte des 7. Jh.v.Chr.• '" dessen
Text einem Briefformular folgt:'''
HAE 1: Mur(7): I; AHI: 33.001:
~nii·. [... ]yhw. lk. [sjl~l. s/~;(, 't slm hytk
11·'t. '1. tim~ lk[l. d]bi: 1}i· ydhr. 'lyk.
Hiermit spricht N.N.-jahu ;:u dir: Gewiss [senjde ich Schalom deinem Haus.
Und nun: Hörenichtauf je[ des W]ort, das (nran/N.N.) :u dir spricht.
Zwar ist hier wiederum eine Redeeinleitungsformel mit Kernelement 'mr
gebraucht ('mr X), doch ist die aus dem Text zu erhebende Kommunikati-
onsstruktur unklarer als im zuvor besprochenen Text von Kuntillet 'Agrüd:
Es fehlen zunächst alle Hinweise auf eine vermittelnde Instanz, etwa Auf-
trag an einen Boten/Vorleser, zum Empfänger zu sprechen;:!" die zweite
Person wird nach der Absendernennung direkt angeredet. Die vermittelnde

11 Zur Überselzung der Segensformel als explizil performaliver Sprechakl vgl. Wagnc:r.

Sprechaklc:. 258.
I:! Gc:gen die verbreilele lnlerprelalion dc:s II in 11'/'irtll als Pronominalsuffix hal Trapper
die Deu1ung als Kasusendung vorgeschlagen. was für ihn auf ein Göllerpaar Jahwe und
Aschir(a)la verweis!. vgl. Trapper. Gonesname. 100-102.
" Vgl. HAE I. 47-66 (Lil.!); vgl. außerdem: Xella. dieu; Mc:shel. Aspecls.
I~ HAE I. 60.
'' Ygl. HAE I. 59--64.
,. Dic:se beiden Überse1zungsmöglichkei1en erwägl auch Schwiderski. Handbuch. 29.
17 Vgl. HAE I. 283 (Lil.!); vgl. auch Pardee. Handbook. 114-122 (lit!).
1" Vgl. HAE I. 283.

''' Vgl. Schwiderski. Handbuch. 33 u.ö.


:!0 Das Argumenl von Schwiderski. Handbuch. 33. isl einleuchlend: .. 1'? kann sich we·
gen der anschließenden Segensformel nur auf den Empflinger. nichl jc:doch auf dc:n B01c:n be·
ziehen. Eine imperalivische DeuiUng von "'\ON scheide! aus diesem Grund aus."
Außerbiblische, kö 'ämar entsprechende oder eng verwandte Fonnein 99

Instanz (BoteNorleser o.ä.) wird hier also scheinbar oder tatsächlich um-
gangen, was ihre sprachliche Repräsentation anbelangt. Dies zieht eine
Funktionsänderung der Formel nach sich: das 'mr X dient in dieser Korn-
munikationskonstellation als ein explizit performativer DEKLARATIVER
Akt, der das nachfolgend Geschriebene durch Vollzug (durch Lesen/Hören)
der Äußerung 'mr X (in der Konstellation mit direkt nachfolgend genann-
tem Absender /k/zu dir) in der Verlautbarungs- bzw. Lesesituation explizit
zum Wort des Absenders macht; die adäquate Übersetzung wäre: hiermit
spricht N.N. zu dir. 11
Typ (X=Sprecher. Y=Adressat):
'mr X·> I Y (hiermit) spricht X zu Y
Weitere inschriftliche Belege stammen aus dem Text vom Tell Deir 'Alla
und aus dem aufgrund seiner fraglichen Authentizität nicht unumstrittenen
mar:ea~-Papyrus. 11
Die sprachlich-dialektal schwer einzuordnende (s.u.) Inschrift von Tell
Deir 'Alla, fand sich auf Verputzbrocken, die auf dem Fußboden zweier
Räume eines teilweise freigelegten Gebäudes gefunden wurden. 1 ' Der Text
wird aufgrund der Schrift in das 8. Jh. datiert: .. All this leaves a rough mar-
gin of dating for the plaster script between 800 and 720 BC." 1• Dies stimmt
mit archäologischen Überlegungen übereinY Die mit roter und schwarzer
Tinte beschrifteten Verputzteile "müssen ursprünglich auf Wänden, Tür-
pfosten (vgl. Dtn 6,9; 11,20) oder einer getünchten Stele (vgl. Dtn 27,1-
4.8) angebracht gewesen sein". 16
Die als Kombination I bezeichnete Rekonstruktion des längsten Textes
beginnt mit der Überschrift (in roter Tinte geschrieben 17 ): .. /Dies sind die
Gesichte/Dies ist das Buch des Bileam, des Sohnes Beo}rs, des Sehers der
Götter" (vgl. dazu Num 22,1-24.25). 18 .. Es folgt die Erzählung, wie Bileam
Zeuge einer nächtlichen Götterversammlung wurde und auf Befragen am
nächsten Morgen Auskunft über das Gesehene und Gehörte gab. [ ... ] Da

11 Für diese Auffassung plädien auch Renz in HAE I. 284. Zur Möglichkeil. das Verb

'mr im e"plizit performativen DEKLARATIVEN Akt zu verwenden. vgl. Wagner. Sprech-


akte. 100-103; sachlich wird diese Auffassung auch von Schwiderski. Handbuch. 34. geteilt.
Die DEKLARATIVE Interpretation wäre sozusagen das Pendant zur DEKLARATIV inter-
pretierten entsprechenden alnestamentlichen Formel. vgl. 2.2.3.1. Eine andere Möglichkeit
wäre. e.1 hat gesagt zu übersetzen; auch ein nominales Verständnis von 'mr ist denkbar (Wort
des N.N. :u dir). analog zu ugaritischen Parallelen (vgl. unten Kap. 4.2.5): doch finden sich
für die beiden zuletzt angefühnen Deutungsmöglichkeiten keine weiteren Indizien.
11 Vgl. Bordreuii/Pardee. Papyrus.
1 ' Vgl. Weippen. Palästina. 626: Hoftijzer/Kooij. Balaam Te"t.
1• Kooij. Book. 257.

:~ Vgl. lbrahim/Kooij. Archaeology. 28.


1• Weippen. Palästina. 626.
17 Vgl. Hoftijzer/Kooij. Aramaie Te"ts. 184: Weipperl. Balaam Te"t. 153-156.
1' Hoftijzer. Inschrift. 139.
100 Außeralttestamentliche Parallelen zur /.:6 'ämar-Fonnel

nicht anzunehmen ist, daß diese und die gattungsmäßig vermutlich ver-
wandten anderen Wandinschriften in einem Privathaus angebracht waren,
wird man die ausgegrabenen Räume als Teil eines Heiligtums interpretieren
und wegen des FehJens von Installationen für den Opferkult vielleicht wie
die Anlage auf der Kuntilet 'Agrüd als Wallfahrts- oder Memorialstätte ein-
ordnen dürfen. "!'•
In der besagten Kombination I findet sich in Z.2 die Wendung:"'
11·y'mrw I[Bf]m br B'r /.:h:
und sie sprachen zu Bileam, dem Sohn Beors, so: ... ' 1
Hier liegt ohne Zweifel eine Parallele zur biblisch-hebräischen ko 'ämar-
Formel vor, die zur Einleitung nachfolgender direkter Rede dient; doch
zeigt die in Z.2 verwendete Formulierung einige Besonderheiten:
- Eine Besonderheit gegenüber dem sonstigen inschriftlichen Bestand ist
das Auftauchen von kh. Bis auf den gleich zu besprechenden Beleg im mar-
zea~-Papyrus und eine interessante Interferenz in KAI 222 (s.u. Kap. 4.2.3)
fehlt in der hebräisch-inschriftlichen Überlieferung kh durchgängig.' 1
- Im Biblisch-Hebräischen ist ein nachgestelltes kh nach dem Verb 'mr
nur in einer besonderen Redewendung in I.Kön 22.20 (verbunden mit der
Präposition b zu bkh) zu finden;'' kh steht sonst immer vor dem Verb 'mr;
kh nach anderen Verben ist im AT durchaus belegt (z.B. Num 22,30 nach
'sh). So stellt die Wendung 'mr mit nachgestelltem kh aus Z.2 des Deir
'AIIa- Textes eine Besonderheit gegenüber dem Biblisch-Hebräischen dar.
- Das Vorkommen von kh in einer Redeeinleitungsformel mit dem Verb
'mr ist mindestens als hebräische Interferenz zu werten (ähnlich wie in KAI
222, s.u. Kap. 4.2.3). denn im Aramäischen wird die dem hebräischen ko
'omar entsprechende Formel mit kn und nicht mit kh konstruiert - wenn es
nicht sogar als Argument gegen eine aramäische Einordnung gelten kann.'•

!'> Wc:ippert. Palästina. 62lr-627. Kumillet 'A.~nid wird allerdings auch anders gedeutc:t.
vgl. Zwickel. Überlegungen. 139-142.
~· Text nach Weippert/Weippert .. Bileam·-lnschrift. 83: Müller. Inschrift. 216: Wc:1p·
perl. Balaam Text. 153-156; alle drei ziehen kh zu dem vorangehenden Kotexl. was aufgrund
der Farbgc:bung auch naheliegt. vgl. die folgende Anmerkung.
·' 1 Es folgt direkte Rede. in der Inschrift mit roter Farbe ausgeführt; die Wörter davor
sind mit schwarzer Tinte geschrieben, vgl. Hoftijzer. Inschrift. 140; Weippert. Balaam Text.
153-156.
·'1 Vgl. etwa den (negativen) Konkordanzbefund im AHI; für die neuesten entdeckten/
publizierten Inschriften vgl. die Dokumentation neu emdeekler Texte der ZAH: vgl. auch
Hoftijzer/Jongeling. Dictionary I. 489.
" I.Kön 22.20: Und Jalm·e sprad1: Wer ll'ill Ahab betiiren. dau er hinauf:ieht und ''"r
Ramtll in Gilead fiillt? ;t:::~ i~k :-:n :-:::>:; :-:r
i9tot'1 Und einer Jagte die.1. der andere
da.1.
"' Le1der diskutiert Garr das Problem von kh bei seiner Einordnung des Deir 'AIIa-Tex·
tes nicht: die Beobachtung passt aber genau in seine Beschreibung des Deir 'A//a-Textes als
zwischen dem Aramäischen und dem Moabilischen. Hebräischen. Edom11ischen. Ammoniti·
Außerbiblische, kö 'ämarentsprechende oder eng verwandte Formeln 101

- Gegenüber den biblischen ko 'ämar- und verwandten außerbiblischen


Formeln steht hier im Deir 'AIIa-Text keine Afformativkonjugation von
'mr, sondern Waw-Präformativkonjugation. Damit ist ein singulärer Fall in-
nerhalb der Überlieferung gegeben. Waw-Präformativkonjugation wird als
Bestandteil einer Redeeinleitungsformel sonst nicht verwendet. Funktional
vergleichbare Formeln aus dem AT, die als Einleitungen von direkter Rede
in Erzählungen dienen (Berichtsformeln), sind mit Afformativkonjugation
konstruiert (I.Sam 9,9; 2.Sam 16,7; 19,1; vgl. auch I.Kön 2,30).
Wie die Narrativ-Form zeigt, handelt es sich bei dem Deir 'AIIa-Text
um einen Text mit erzählenden Passagen; er stellt insofern eine wichtige
Parallele zu alttestamentlichen Prophetenerzählungen. zudem solchen mit
Unheilsprophetie, dar."
Die Redeeinleitungsformel des Deir 'AIIa-Textes folgt dem Muster:
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
wy 'mr XX-> I Y kh und es sprachen XX ->zu Y so
Bei aller Unsicherheit über die sprachliche Einordnung des Textes ist aber
deutlich, dass es sich um einen Text aus dem Bereich (narrativ) religiöser
Überlieferung und nicht dem diplomatischen Bereich o.ä. handelt. Diese
Beobachtung ist deswegen von Bedeutung, weil einige Ausleger den diplo-
matischen Bereich als den Herkunftsraum der so spricht-Formein betrach-
ten (vgl. das Resümee am Ende des Kapitels).
Auch im sog. marzea~1-Papyrus findet sich eine kh 'mr-Formel:
kh. 'mrw. 'lhn.lsr)./k.hmr:~l. whr~l)'/1. wh
hyt.wys".r~lq.mhm.wmlk'.hSH
a
.. I J Ainsi ont par/e (/es) dieux Sara': Pour toi le mar:ea~ etles meu/es et Ia
2) maison; et que [Yis'a') 111 (y) renonce (litt. [en/ est loin); et [Milka')' 7 (est) /e
gara/11. "·111
Bei diesem Papyrus handelt es sich um einen Text, der zuerst von Bordreuil
und Pardee publiziert wurde. Aufgrund paläographischer Beobachtungen
datieren ihn Bordreuil und Pardee auf das 7./6. Jh.v.Chr.:
..On a vu que Je I I) de Ia bulle se rapprochait de formes connues a Deir Alla a
panir de 500 av. J.-C. Le (m) de Ia bulle, dont l'aspect est identique a celui des
sceaux moabites des 7• et 6° siecles, pourrait nous ramener au debut du 6° siec-
le. et l'ecriture de Ia bulle qui scellait ce papyrus parait foumir unterminus post
quem pour Je papyrus lui-meme."'''

sehen und Phönizischen stehend, vgl. Garr. Dialeer Geography. 231: auch in Hoflijzer/Kooij.
Balaam Text. gibt es zu diesem Problem keine weiterführenden Hinweise.
'' Vgl. Srnelik, Dokumente, 80.
"' Merkwürdigerweise steht bei BordreuiUPardee, Papyrus. 52 in der Übersetzung Yii'a'.
' 7 Merkwürdigerweise steht bei BordreuiUPardee. Papyrus. 52 in der Übersetzung Mill.:a'.
•• BordreuiUPnrdee, Papyrus. 52.
''' BordreuiUPardee. Papyrus. 61.
102 Außeraluestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel
Möglicherweise. wenn man der mit dem Papyrus gefundenen Bulle folgt;'"
stammt der Text aus dem östlich vom Toten Meer gelegenen Tell lktanu.
Sprachlich ist der Text als "dialecte moabite quelque peu different de celui
de Ia stete de Mesha" einzuordnen.~•
In diesem Text findet sich (bis auf KAI 222, vgl. Kap. 4.2.3) der (bis-
her) einzige außerbiblische Beleg für eine Redeeinleitungsformel mit kh
und 'mr mit Afformativkonjugation:~ 2 kh.'nuw.'lhn.lsr' [ ... ] So sprechen
(hiermit)/haben gesprochen (die) Gottheiten~' zu Sara' [ ... ].
Wenn der Text echt ist.~ liegt hier eine deutliche Parallele zur bibli-
schen ko 'ämar-Formel vor; sie dient auch hier der Redeeinleitung, die Ab-
sender- und Empfängerangabe enthält:
Typ (X=Sprecher, Y=Adressal):
kh 'mr XX -> I Y so spreche11 ( hiermit)lhabell gesproche11 XX-> :u Y
Die Formel dieses Textes stellt auch insofern eine Auffälligkeit dar, als es
sich hier - zusammen mit der allerdings auch formal ungewöhnlichen For-
mel des Deir 'AIIa- Textes -um die einzigen Belege aus dem palästinischen
Raum handelt, die eine Gottheit bzw. Gottheiten als Absenderangabe ha-
ben. Die nächsten Parallelen dazu bieten die zeitlich viel weiter zurücklie-
genden und geographisch völlig anders einzuordnenden akkadischen Mari-
Texte (s.u. Kap. 4.2.4 und 4.4). Die Absenderangabe legt für den mar:ea~l­
Papyrus einen kultisch-religiösen Kontext nahe; Bordreuil und Pardee se-
hen in dem Text einen Rechtsentscheid, so dass auch ein juristischer Kon-
text vorliegen kann.
Einen weiteren Beleg für einen der biblischen ko 'ämar-Formel ver-
gleichbaren Teiltext bietet ein Ostrakon aus f:lorvat 'Uza mit einem nach
der Einschätzung der Erstpublikatoren edomitischen Text (7./6. Jh.):~j
'mr.lml/.:. 'mr. lblb/.2. hSlm. 't. ll'hhr/.:tk lqll's. ll''t [... )
Wort des Lmlkles hat gesproche11 Lmlk"': Sage :u Bibi: Ist dir Sclwlom? Ich
seg11e dich hiermit beilvor Qaus. U11d 111111 [ ... )

.ao Vgl. BordreuiVPardee. Papyrus. 63-65.


~1 BordreuiVPardee, Papyrus. 63.
~! Text und Übersetzung nach: Meier. Speaking. 287: Bordreuii/Pardee. Papyrus; vgl.
auch ZAH 7 ( 1994). Dokumentation neuer Texte. 264-265.
~.' Zum Problem von 'lh11 vgl. BordreuiVPardee. Papyrus. 52-54.
~ Wofür nach Bordreuil und Pardee. auch wenn der Text sprachlich schwer einzuordnen
ist. vieles spricht: .. II nous semble plus plausible de voir ici un texte authentique datant de Ia
lin de Ia premi~re moitit! du premier millt!naire av. J.-C. et rt!vt!lant un nouveau dialecte ca-
naneen. que nous identifions jusqu'a preuve du contraire comme un dialecte du pays de Moab
different. par le maintien de Ia diphtongue /a.1/. du dialecte de Mesha." BordreuiVPardee. Pa·
pyrus. 68.
~· Text nach Beit-Arieh/Cresson. Edomite Ostrakon. 97. Vgl. weiterhin zu diesem Text
Zwickel. Ostrakon; Knauf. Supplementa lsmaelitica; vgl. auch HAE II/I. 10.
"" Anders will Zwickel den Text verstehen; er plädiert für zweimaligen Imperativ:
..Sprich zum König. sprich zu blb/." Zwickel. Ostrakon. 37: doch wäre ein zweimaliger Impe-
rativ im Briefformular singulär. vgl. HAE 1111. I0 und Schwiderski, Handbuch. 30-31.
Außerbiblische, ko 'ämar entsprechende oder eng verwandle Formeln I 03

Das Text beginnt wie derjenige aus Wadi Murabba'at mit einem konventi-
onellen Briefeingangsformular(7 das Absender- und Empfängerangabe ent-
hält. Der Typ (mit verbaler oder nominaler Absenderangabe, Imperativ +
Empfängerangabe) ist vergleichbar mit HAE 1: KAgr(9):8; AHI: 8.017
(s.o.).
Typ (X=Sprecher, Y=Adressal):
'mr X -> 'mr I Y Wort des X/es hat gesprochen X-> sprich :u Y
Zwickel dürfte mit seiner Einschätzung Recht haben, dass es hier um ein
.. Auftragsschreiben aus dem Wirtschaftsleben" geht; ,.es soll [ ... ] die Abga-
be von Getreide reklamiert werden".-"' So liegt hier also wiederum deutlich
kein diplomatischer Kontext vor (zum Problem des diplomatischen Kontex-
tes vgl. das Ende dieses Kapitels).
Ein ammonitisches Ostrakon (Ende 7. Jh./Anfang 6. Jh.v.Chr.) vom Tell
ei-Ma:är (Ostrakon IIIY' bietet die nämliche Formulierung wie der voran-
stehend angeführte Text aus l:forvat 'Uza:
Z.l. 'mr.plf. 'mr.l'~th fbd'[IJ Z.2 slm 't ll''t
Wort des PLTfso hat gesagt PLT: Sprich .:u seinem Bruder. ::.u 'BD'[L]. Ist
dir/hast du Schalom? Und nun[ ... ]
Der Kommunikationstyp dieses Privatbriefes lässt sich somit folgenderma-
ßen beschreiben:
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
'mr X -> 'mr I Y Wort des X/es hat gesprochen X-> sprich ::u Y
Schließlich findet sich noch ein phönizischer Beleg des 6. Jh.v.Chr. aus
Saqqara (KAI 50):j()
(Adresse außen: 'I 'rit bt 'snmylml' 1 An Arisut. Tochter ''nn 'snmyltn])
'mr nuy. 'rit. 'mr '~llk. bs'. wslm 't. 'p 'nk. slm brktyk. lh'l ~p11. ll'lkl 'I t~1p11~1S.
yp'lk. slm [... ]
.. Sage ::u meiner Schwester AriSi1t: Es sagt [hiermit] deine Schwester Basa:
Geht es dir gut? Auch mir geht es gut. Ich segne dich (hiermit b:;K·. habe dich
gesegnet) beilvor Ba'al-$aphon und allen Göttern 1'011 Ta~tpan~tes. Mögen sie
dir Heil sclzaffen! "'~
Auch bei diesem Brief handelt es sich um einen Privatbrief. ,.The type of
this Ietter is: personal Ietter between equals of a kin relationship dealing

" Vgl. Schwiderski, Handbuch. 30-31 u.ö .


•,. Zwickel. Ostrakon. 39 .
•., Tex1 nach: CAI (Aufrechl) 1989. 334-337. Vgl. auch Yassineffeixodor. lnscriprions:
Hübner. Ammoniler, 34-35 (hegl Zweifel an der sicheren Einordnung als ammonilisches
Oslrakon): HAE II/I, 10; Schwiderski. Handbuch. 31-32.
~' Text nach: KAI 50 und Keei/Uehlinger. GGG. 258; vgl. auch Pardee. Handbook.
165-168 (Lil.!).
'1 Vgl. Pardee. Handbook. 166.
'1 Überselzung nach: Keei!Uehlinger. GGG. 258.
104 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Fonnel

with money mauers. "~' Der aus der Einleitungsformel zu erhebende Korn-
munikationstyp ist eigen:~ er ähneh sehr dem Text aus Wadi Murabba'at
(s.o.):
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
'mrl Y -> 'mr X SC/ge ::u Y ->(es) spricht hiermit XI
es hat gesproche11 X
In der folgenden Zusammenschau sind die bisher besprochenen Formeln
zusammengestellt; die Formeln sind nach Kommunikationstypen, wie sie
für jeden Text aufgezeigt wurden, gruppiert:
Text Typ Zeit Kontext/An
(X=Sprecher.
Y =Adressat)
Kwrtillt•t 'Ainid 'mr X·> 'mrl Y Won dn XI 9. Jh.v.Chr. Aufschrifl auf
(hebräisch) es hat ge.t11ro- Pithos.
dre11 X·> sprich Übung? Kul-
;u y tisch?
Telll'I-Mazär 'mr X·> 'mrl Y Wort des XI Ende 7./Anfang Ostrakon.
(ammonitisch) e.t hat gespm· 6. Jh. V. Chr. Privatbrief
dren X·> sprich
.."y
J:lnnut 'Uza 'mr X·> 'nrrl Y Wondes XI 7./6. Jh.v. Chr. Ostrakon.
(edomilisch) n hat gi'JIIrt>· Geschäflsbri.:f.
dren X·> .tprich privat
zu y

Wadi Murah· 'mr X·> I Y (hiermit} spridrt 7. Jh.v.Chr. Papyrus. Privat·


hu'at X·> Zll Y bric:f?
(hebräisch)
nrarzeu~r- Papy · kh 'mr XX-> I Y .w spredren 7./6. Jh.v.Chr. Papyrus. kuhi-
rus 1/riemrit }I haben scher/juristi-
(dialecte moa- gesprodren XX scher Kontext
bite?) ·> :.u y
Suqqara KAI 50 'mr I Y - > 'mr X sage :u Y ·> 6. Jh.v.Chr. Papyrus. Privat-
(phönizisch) (es} .tpricht brief. geschäfl-
hiermit XI lieh
es hat gespm-
drenX
T e/1 Drir 'Alla wy 'mr XX - > I und es spradren 8. Jh.v.Chr. Wandaufschrift.
y kh XX·> :u Y .w religiös-kuhi-
scher Bereich.
Erzählung

Alle aufgelisteten Fonnein haben als Gemeinsamkeit, dass


sie als Kernelement eine Fonn von 'mr besitzen,
- es immer um die Absenderangabe (X) geht,

" Pardee. Handbook. 168.


-. Auch Schwiderski, Handbuch ..~3. häh diese Formel für einen eigenen Typ.
Außerbiblische. ko 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln I05

- sie immer vor weiterer direkter Rede stehen, die auf die Einleitungsformel
folgt.
Daraus lässt sich die Grundfunktion ableiten: Es geht um die Einleitung
einer direkten Rede durch das Zurückführen der folgenden direkten Rede
auf den Absender X; die Absenderidentifikation stellt die Hauptleistung
dieser Formel dar; bei allen handelt es sich um Varianten einer Redeeinlei-
tungsformel mit dem Grundmuster:
Typ (X=Sprecher):
(kh) 'mr X: ..... " (so) spricht hiermit/es hatgesprochen/Wortdes X: ..... "
Unterschiedlich wird mit der Adressatenangabe verfahren: in fast allen Tex-
ten steht sie nach, nur im Saqqara-Papyrus ist sie vorangestellt; das hat evtl.
zur Folge, dass die nachstehende Redeeinleitungsformel DEKLARA TIV zu
übersetzen ist (s.u.). So wäre also in diesem Fall mit der unterschiedlichen
Stellung eine Funktionsänderung verbunden (stilistische Gründe, höhere
Verbindlichkeit, höhere Stufe offiziellen Redens?).~~ Interessanterweise be-
sitzen aber alle Belege eine Adressatenangabe und verzichten nicht darauf.
wie die meisten biblischen kö 'ämar yhwh-Formeln (s.u. Kap. 5 u. 6).
Die Redeeinleitungsformeln finden sich, mit Ausnahme der Formel des
Deir <Alla-Textes, am Text- bzw. Briefanfang. In der Stellung als Briefan-
fang nehmen die Formeln neben der Redeeinleitung, also dem Signal. dass
unmittelbar anschließend direkte Rede folgt, gleichzeitig auch die Funktion
der Absender- und Adressatenangabe ein (die Formel des Deir <Alla-Textes
ähnelt akkadischen Redeeinleitungen, die innerhalb eines Textes stehen.
vgl. Kap. 4.2.4). Besonders die Adressatenangabe ist interessant, weil sie
für die Formeln allgemein nicht konstitutiv ist (in den biblischen kö 'ämar-
Formeln kommen die Adressaten innerhalb der Formel nur selten vor. vgl.
z.B. Ob 1,1; 2.Chr 20,15 u.a.m.); in der brietliehen Kommunikation aller-
dings- und aus dieser stammen alle (bis auf den Tell Deir <Alla-Text) oben
besprochenen Belege - erzwingen die Textsortengegebenheiten des Briefes
für die Formeln in der Briefadresse die Aufnahme der Adressatenangabe.
jedenfalls bei den hier verwendeten Adresstypen. So kann man für die oben
angeführte Textgruppe festhalten: In der Briefadresse ist die Adressatenan-
gabe konstitutiv.~•

" Vgl. auch die Formulare der Amarnabriefe. die ähnliche Variationen aufweisen. unten
Kap. 4.2.4.
'" ln alttestamentlichen Erzählungen mit entsprechenden Formeln bietet der Erzählko-
text die zum Verstehen notwendige Information (meist in der Beauflragung. vgl. dazu Kap.
5.3.4.3) über den Adressaten. so dass in der Formel keine Adressatenangabe erfolgen muss:
auffällig bleibt aber die fehlende Adressatenangabe in den meisten prophetischen hi 'cimur-
Formeln des AT. sie besitzen in der Regel ja keinen Erzählkotext. der Klärendes zur Adres-
satenfrage beitragen könnte (vgl. Kap. 6).
I 06 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämor-Formel

Die Fonnein kommen in den meisten Fällen (im Unterschied zu den bib-
lischen kö 'ämar-Fonneln) ohne ein kataphorisches Element kh aus; nur an
zwei Stellen ist es belegt. vgl. allerdings auch KAI 222 (s.u. ).
Die Übersetzung der Formeln ist schwierig: Nach dem Vorbild der alt-
testamentlichen ko 'ämar-Fonnel könnte 'mr vor dem Absender X als eine
Verbalform (AK) gedeutet werden; dann wäre 'mr vergangen zu verstehen
(hat gesproche11 X) oder als DEKLARATIV (hiermit spricht X); letzteres
kommt am ehesten bei nachgestelltem 'mr X (vgl. Beleg aus Saqqara KAI
50) in Frage. Einen eigenen (DEKLARATIVEN) Typ könnte die Formulie-
rung aus Wadi Murabba'at und dem marzea~1-Papyrus darstellen: (so)
spricht (hiermit) X zu Y. Nach dem Vorbild etwa ugaritischer Formeln (s.u.
Kap. 4.2.5) könnte 'mr X auch nominal aufgefasst werden: Wort des X.
So oder so liegen hier in diesen Belegen mit der biblischen ko 'ämar-
Fonnel verwandte Redeeinleitungsformeln vor, die die Existenz dieses For-
meltyps im hebräisch-kanaanäischen Sprachraum vom 9. bis zum 6. Jh.v.
Chr. bezeugen. Sie enthalten als Kernbestandteil eine Form von 'mr, dienen
der Einleitung unmittelbar nachfolgender direkter Rede und geben den
Absender bzw. den eigentlich Sprechenden an. Ab dem 6. Jh.v.Chr. wandelt
sich das Brieffonnular; es findet sich dann "eine Kurzform, die nur noch
den Empfänger des Briefes benennt, teilweise auch auf diese Angabe ver-
zichtet".~7
Hinsichtlich der Herkunft der so spricht-Formeln haben einige die These
vertreten, dass sie aus dem diplomatischen Bereich stammen.'• Die bisher
besprochenen außeralttestamentlichen Fonnein lassen aber keine besondere
Verwurzelung im diplomatischen Bereich erkennen; sie stammen meist aus
geschäftlicher Privatkorrespondenz, der Text aus Tell Deir 'AIIa (evtl. Kun-
tillet 'Agrüd) und der mar::ea~1-Papyrus haben einen kultisch-religiösen
bzw. juristischen Hintergrund, beim Text aus Tell Deir 'Aila liegt zudem
ein Erzähltext vor. Die Deutung der hier besprochenen Redeeinleitungsfor-
meln als diplomatische Formel ist also für das außerbiblische Hebräisch
und seine unmittelbaren Nachbarsprachen nicht aufrechtzuerhalten. Es wird
zu prüfen sein, wie sich die Fonnein anderer Sprachen zu diesem Problem
verhalten.
Die meisten Fonnein ließen es von ihrer Beschaffenheit und der sich
darin wiederspiegelnden Funktion durchaus zu. von einem verschriftlichten

" HAE 1111. 12.


'" Jt:remias. Proprium. 23: ähnlich auch: Jeremias. Amos. 9: .. Die Formel entstammt der
Diplomatensprache; mit ihr wies sich ein Bote eines Königs vor einem ausländischen Herr-
scher aus ! ... ]:· Zenger. Einleitung. J76: .. Mit der aus der altorientalischen Diplomaten- und
Korrespondenzsprache stammenden Botensprudiformel (mit der Formel »So hat N.N. ge-
sprochen/spricht N.N.« werden im Alten Orient amtliche Briefe eingeleitet! ... )) ( ... ]:·(das
Zitat findet sich in erweiterter Form auch in Kap. 2.J.J.2. S. 57-58). Ebach, Prophetismus.
J50: .. Als Boten Gottes leiten sie !die Propheten] ihre Sprüche oft mu der aus der Diploma-
tensprache stammenden Botenformel ein: .. so hat Jahwe gesprochen ... "
Außerbiblische. kö 'ämar entsprechende oder eng verwandte Fonnein I 07

Botenvorgang auszugehen; allerdings sind sie als Briefeingangsformeln


mindestens schon teilweise -es geht ja angesichts des schriftlichen Medi-
ums Brief sicher nicht mehr um einen rein mündlichen Botenvorgang -.
wenn nicht sogar ganz in einem schriftlichen Kontext vorftndlich, eben dem
Brief bzw. der Erzählung.'• Es ist daher sachlich angemessener, statt von
.. Botenformeln" von Redeeinleitungsformeln zu sprechen, die der .. Klärung
der Kommunikationssituation" dienen.fl()

4.2.2 Vergleichsbereich Aramäisch

Das Aramäische besitzt mit kn (so) + 'mr (sprechen) + Absendername eine


dem biblisch-hebräischen ko 'ämar entsprechende RedeeinleitungsformeL
Im biblischen Aramäisch ist die Funktion von kn 'mr der von (w'') ko
'ämar in Berichten und Erzählungen vergleichbar (vgl. I.Sam 9,9; 2.Sam
16,7; 19,1; vgl. auch I.Kön 2.30); in Dan 2,24; 4,11; 6,7; 7,5 und Esr 5,3 ist
kn 'mr ebenfalls mit w' eingeleitet, anders Dan 7,23, dort steht kein w'; in
diesen Stellen geht es jedesmal um die Redeeinleitung von direkter Rede in
Erzählungen und nicht um Botenvorgänge.
Dan 2.24 ·~'?.!!0 1:;+i:i~_.,~ ':;l; 'Q'~r:r'? :+?.-i~ Pl (... J
=~3i'J~ ~:;>7r.7 ~!t;if;l1 ~:;>'?~ ::lli?.
[ ... ) Und so sprach er [Daniel) Zll ihm: .. Die Weisen voll Babel .wll.tt du
nicht töten. führe mich vor den Kii11ig 1111d ich will dem Kiinig die Deutung
sagen."
Dan 7.23 r... J ~Q~.f:;ll ~~rij i~~ P
So sprach er: .. DaJ 1•ierte Tier [. .. }. ..

In der Redeeinleitungsformel hat kn im biblischen Aramäisch, wie Dan


2,24 und 7,23 zeigen, analog zu hebr. kh (und akk. umma) durchweg kata-
phorischen Charakter. 61 Muraoka/Porten halten das für das ägyptische Ara-
mäisch fest: ..The word p [... )very often and immediatly precedes the verb:
e.g .. cataphoric-1" i'O~ p ,it has been said to us as follows' [TAD)A3.
3:4 [... ].'"'! Der kataphorische Charakter von kn (in der Redeeinleitungsfor-
mel) ist für den ganzen aramäischen Sprachbereich anzunehmen, vgl. die
unten besprochenen Belege, die von dieser Deutung nicht abweichen.
Im Altaramäischen (10.-8. Jh.v.Chr.) ist, wenn man der Einteilung von
Degen u.a. folgt."' keine kn 'mr-Formel belegt."'

,., Ein ähnliches Fazit zieht Schwiderski. Handbuch. 34.


,., Schwiderski. Handbuch. 34.
" 1 Vgl. HAL II 1995. Art. p. 1725: .. (... )immer vorwärtsweisend [... )."
"~ Muraoka/Porten. Egyptian Aramaic. 312.
"' Vgl. Degen. Allaramäische Grammatik.
"' Vgl. Hoftijzer/Jongeling. Dictionary I. 516-518.
108 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ömar-Formel

Im reichsaramäischen Sprachraum kommt die kn 'mr-Formel (quellen-


bedingt) am häufigsten in Briefen vor; wie die umfassende und aufschluss-
reiche Untersuchung von Schwiderski gezeigt hat, 0 ' gehört sie allerdings
nicht zu den üblichen Formulierungen des Brief-Präskripts, sie findet sich
meist im Korpus. Schwiderski verweist auf nur einen Text, bei dem eine
Redeeinleitungsformel am Briefanfang steht,"" ein Text, der allerdings
schon formal aufgrund des FehJens jedweden Präskripts auffällig ist:
TAD A 4.10,1-7 (5. Jh.v.Chr.)
(4 weitere PN) 1 -' I :-roi.J[ ;"1'""\)r.lJ ""\:::l :-t':i' T-:::Jll 1
j""\~~ p' jJ(On):-rr.l Kii""\':::l :::l':::l 'T p:J'\0• 5 j""\:::lJ .,:l
,.Deine Knechte, I mit Namen JDNJH br GM[RJH] (usw.),
insgesamt 5 Männer, Leute aus Syene. die in der Festung JB Erb[eig )uer sind.
so sprechen sie:"67
Die Grundfunktion der kn 'mr-Formel weicht hier aber nicht vom sonstigen
Gebrauch ab; die Formel gibt die Sender der Rede und den Beginn der Re-
de an; sie leitet also die im Brief übermittelte Rede ein und leistet Ähnli-
ches wie die im vorigen Kapitel besprochenen Redeeinleitungsformeln in
Briefanfängen; allerdings fehlt eine Adressatenangabe. Ein besonderer Be-
zug zu einer Botenrolle lässt sich in T AD A 4.10,1-7 nicht erkennen.
Häutig findet sich die kn 'mr-Formel dagegen außerhalb des Präskripts,
wenn es um die Rückbindung einer direkten Rede an den eigentlichen Sen-
der bzw. die Markierung der direkten Rede geht:
TAD A 6.3
From Arsanes to Artavant: I send you abundant (greetings of) wel fare and
strength. And [now] ... PN complaines here. He said thus (""\0~ ~:): .. When I
was coming ... " [... ].
,Order toRepair a Boat. 412 B.C.' Cowley. Aramaie Papyri, Nr. 26. Z.2-~:
2 [ ... ) Thus says Psamsineith (""\0~ i:l) ....... [sie!) the boatmen [sie!) of ~ the
fortification says thus (""\OK p): ..... "
.Petition to the Govemor of Judea. 408 B.C." Cowley. Aramaie Papyri. Nr. 30.
Z.22:
[... ) Now your servants Yedoniah and his colleagues and the Jews. all of them
inhabitants of Yeb, say as follows (""\~ ;=>>: ..... "
.A further Petition, connected with No. 30. 407 B.C. · Cowley, Aramaie Papyri.
Nr. :n. Z.7:
5 Hosea b. Nathun by name [... ) 7 say as follows (""\0~ P>: .... .'"""

M Vgl. Schwiderski. Handbuch. 91-240.


"" Vgl. Schwiderski. Handbuch. 113; ders. Präsenz. 104-106.
67 Übersetzung von: Schwiderski. Handbuch. IIJ {das Schriftbild folgt der Wiedergabe
bei Schwiderski).
"" Funktionsgleiche Formeln sind aus vielen anderen Briefen bekannt. vgl. Cowley. Ara-
maie Papyri [Nr. 69.A.J]. 178 u.ö .. dazu die Liste bei Hoftijzer/Jongeling. Dictionary I. 517.
Außerbiblische, kii 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln I 09

Auch außerhalb der Gattung Brief ist die kn 'mr-Formel belegt. ohne Funk-
tionsabweichung, z.B. in einer Grabinschrift aus Saqqara:
KAI267 A 3 (5. Jh.v.Chr.)
I Gesegnet seien 'BH und .. .
2 'BSLI, der Sohn des 'BH .. .
3 hat gesprochen so (iO~ P> (Zeitangabe): ...
4 durch die Hand/ausgefiiltrt von PMN flOD i':l) [Lücke]"''
Wiederum mit der Funktion der Redeeinleitung finden sich zwei kn 'mr-For-
meln in der Inschrift von Arebsun (5.-4. Jh.v.Chr.?) KAI 264.
Die kn 'mr-Formeln weisen also ein gemeinsames Grundmuster auf (das
wiederum mehrere Funktionen haben kann wie z.B. Einleitung zitierter Re-
de. direkter Rede in Erzählungen usw.):
Typ (X=Sprecher):
Kotext [ ... ]: /.:11 'mr X: " ... ·· Kotext [... ]: (so) spricht hiermit/es hat
gesprochen!Wort des X: ..... "

4.2.3 Ein auffälliger Beleg aus den Sefire-Inschriften (I C I)

In der Inschrift aus Sefire I C I findet sich ein für den vorliegenden Zu-
sammenhang sehr aufschlussreicher und singulärer Beleg. Bevor dieser be-
sprochen werden kann, ist kurz und nur soweit es bezüglich der knlkh 'mr-
Formeln notwendig ist, auf einige Probleme und Sachverhalte der Sefire-
Inschriften einzugehen.
Bei den Inschriften von Setire handelt es sich um Steininschriften auf Stelen.
die aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Nähe von Selire. das 22 km südöstlich
von der Zitadelle von Aleppo liegt, stammen.'" Erhalten sind allerdings nur
Fragmente der Stelen. Die Stelen I und II hatten die Form eines Pyramiden-
stumpfs, beide ungefähr 1,30 m hoch; es sind jeweils drei Seiten beschriftet
(A.B,C). Die Texte der Inschriften sind als Venräge zu identifizieren (vgl. z.B. I
A I: 'i.tl, vgl. akk. ade11 ); bei Stele I und II handelt es sich um Venräge zwi-
schen Mati-EI von Arpad (ca. 30 km nördlich von Aleppo) und einem bisher
noch nicht sicher identifizierten König Bar-Gaja (ein aramäischer König aus
dem Euphratgebiet? 71 ); der Yenragspanner (des Mati-EI) von Stele 111 ist bisher

"' Die Formulierung ..durch die: Hand" könnte in einem wörtlichen Verständnis auf den
Akt dc:s Schreibens bzw. auf den Aspekt der schriftlich vermittelten Rede des Absc:nders
bezogen werden: dass parallel zu einer m Jpridu ('mr)-Formel eine .w Jchreibt lkrh)·Formel
stehc:n kann. zeigt eindeutig Sefire I C I. vgl. dazu Kap. 4.2.3.
7" Vgl. für das Folgende Fitzmyc:r. Sefire [Lit.l). der sich in seinen Aussagen über dc:n
historischen Hintergrund wie alle neueren Arbeiten auf Noth. Hintergrund bezieht: vgl. außer-
dem KAI 222: Rössler. Verträge: Lemaire/Durand. inscriptions: Beyerlin. Textbuch. 272-
282.
71 Vgl. etwa Fitzmyer. Sefire, 57.
7 ~ So der Vorschlag Noths. vgl. Noth. Hintergrund. 186-200.
110 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

ebenfalls nicht sicher geklärt (Stele III nennt den Vertragspartner nicht mit Na-
men und hat einige Besonderheiten gegenüber den Stelen I und W': möglicher-
weise handelt es sich aber um einen dritten Vertrag bzw. eine dritte Vertragsfas-
sung mit Bar-Gaja'"). Da Tiglatpileser 111. Arpad 740 v.Chr. erobert hat. müssen
die Inschriften älter als 740 v.Chr. sein (terminus ante quem). 7 ~
Die Verträge beinhalten gegenseitige Verpflichtungen der Könige Mati-El
und Bar-Gaja. Das Verhältnis zwischen den Königen und damit der Charakter
der Verträge wird unterschiedlich beurteilt. Beyerlin vertritt mit etlichen ande-
ren die Position. dass es sich um Vasallenverträge handelt. um Dokumente des
.. Vasallitätsverhältnisses Mati-Eis gegenüber Bar-Gaja". um .. Urkunden eines
Bundes zwischen ungleichen Kontrahenten: Der schwächere König von Arpad
haue dem stärkeren König von Katk größere Rechte einzuräumen. selbst aber
vermehrt Verpflichtungen zu übernehmen". 76 Anders werden die Verträge von
Noth beurteilt: Er lehnt die These vom Vasallenvertrag ab. da das Hauptkriteri-
um für einen Vasallenstatus. die Einsetzung des Vasallen durch den Oberherrn.
nicht gegeben ist. Außerdem gibt es doch einige deutliche .. Indizien einer Ge-
genseitigkeit"," die entweder für paritätische Verträge sprechen oder aber für
,.ungleiche Verträge zwischen selbständigen Herrschern [... ). in denen der eine
mehr fordern konnte und der andere mehr konzedieren musste". 7"
ln neuerer Zeit vertritt auch Voigt die These von paritätischen Verträgen
zwischen den ungleichen Partnern Bar-Gaja und Mati-El: als Indiz verweist er
auf die Parität der Götterliste: sieben mesopotamischen/ostsemitischen Göttern
stehen sieben aramäische/westsemitische gegenüber.'"
Sehr hilfreich bleibt die Beobachtung Noths. dass nach altorientalischem
Brauch mit einer zweifachen Ausfertigung des Vertragstextes zu rechnen ist. je
einer für die beiden vertragschließenden Parteien, und zwar so. dass nach ge-
wiss gemeinsamer Vereinbarung jede Partei den Vertragstext so formulierte.
wie sie ihn von der anderen Partei eingehalten zu wissen wünschte; er verweist
als bekanntestes Beispiel auf den paritätischen hethitisch-ägyptischen Vertrag
[in Akkadisch) 110 zwischen Hauusil 111. und Ramses 11." 1
Wendet man diese Erkenntnisse auf die Sefire- Verträge an. so findet sich
nach Noth dort Vergleichbares: .. Was wir auf den Stelen I und II vor uns haben.

7'Vgl. Noth. Hintergrund. 189-191.


'" Vgl. Lemaire/Durand. inscriptions. 56-58.
7' Nach Noth. Hintergrund. 169 stammen die Venräge ..aus der Zeit vor oder nach 754
v.Chr".
'" Beyerlin. Textbuch. 272-273.
77 •• Wohl aber weisen die dem Matiel gegebenen Nichtangriffsversprechen auf eine Ge-

genseitigkeit des Vertragsverhältnisses hin. ln I B 24/25 wird dem Matiel zugesagt. daß im
Falle der Vertragstreue Barga'ja nicht .seine Hand ausstrecken· wolle gegen ihn und seine
Nachkommenschaft: und in dem nur teilweise erhaltenen Passus II B 5-7 hat im wesentlichen
dasselbe gestanden. und zwar mit der gleichen Formulierung. nur im einzelnen etwas ausführ-
licher." Noth. Hintergrund. 185.
'" Noth. Hintergrund. 185.
''' Vgl. Voigt. Struktur. 64.
111 Über eine hethitische Übersetzung und Publikation weiß man (bisher) nichts. aber der

akkadische Yenragstext wurde im Archiv in Bogazköy gefunden.


"' Vgl. Noth. Hintergrund. 182.
Außerbiblische, ko 'anwr entsprechende oder eng verwandte Fonnein III

sind die Fassungen des Vertragspartners Barga'ja. Dieser erscheint als Subjekt
des Vertragsschließens. [... ) in dem Abschnitt I A 7-13 kommen in der Aufzäh-
lung der den Vertrag garantierenden Gottheiten offenbar zuerst die Gottheiten
des Barga'ja und dann die Gottheiten des Matiel an die Reihe. [ ... ) Diese Fas-
sungen waren mithin für Matiel bestimmt und wenn die Vertragstexte in oder
bei sejire wahrscheinlich in einem Heiligtum monumental veröffentlicht wur-
den, und zwar in der Landessprache, so geschah das durch Matiel innerhalb sei-
nes Herrschaftsbereiches entsprechend der monumentalen Veröffentlichung der
hethitischen Vertragsfassung durch Ramses II. im Reichsheiligtum und in sei-
nem Totentempel bei Theben:·•!
In der Deutung des Verhältnisses zwischen den Textteilen werden ebenfalls
unterschiedliche Positionen diskutiert: McCarthy"' (im Anschluss an Noth) vo-
tiert dafür, in I B den eigentlichen Beginn des Vertragstextes zu sehen, auch
zeitlich I A vorgeordnet, so dass sich für Stele I folgende Ordnung ergibt: I B
Anfang (vor 754 v.Chr.). I A zeitlich nachgeordneter Vertrag (nach 754 v.Chr.),
dann I c.><-~ Davon abweichend hat Rooy vorgeschlagen,M~ A als Anfang zu be-
greifen, dann mit einer Seite D zu rechnen. die nicht erhalten ist und die die
Seite A fortgesetzt hat, dann B und C. Fitzmyer resümiert entsprechend: ..The
structure of the treaties would have been: lntroduction. List of gods, Curses.
Document clause, Stipulations [... ). This structure. then. would agree with the
structure of Assyrian treaties of the first millenium." 116 Es wird abzuwarten sein.
welches Strukturmodell sich als das tragfähigste erweist; für den vorliegenden
Zusammenhang ist es zunächst entscheidend. die gewisse Eigenständigkeil der
Teile zu begreifen, sei es. dass sie nacheinander, sei es. dass sie einander zuge-
ordnet entstanden sind. Teil C ist thematisch und von der Anordnung auf der
Stele her jedenfalls als ein eigener. in sich abgeschlossener (Teil- )Text (der ge-
samten Stelenkomposition) aufzufassen. dessen Beginn wie ein echter Textan-
fang bzw. mindestens wie ein starker Abschnittsanfang zu behandeln ist.
In diesem Teil C und zwar gleich am Anfang findet sich nun die für den
vorliegenden Zusammenhang interessante Formel:
pn[(?p ;"T:n] fio~ ;"T:l Setire 1 c 1
(für die Übersetzung vgl. den nächsten Absatz)
Wie in 4.2.2 ausgeführt, lautel die aramäische Redeeinleitungsformel kn
'mr; außergewöhnlich innerhalb einer (aramäischen) Redeeinleitungsformel

s! Noth. Hintergrund. 183.


"' Vgl. McCarthy. Trea1y.
""' ..Auch die eine allein verbliebene Schmalseite von Stele I trägt noch eine Inschrift (I
Cl. die zwar nur recht lückenhaft erhalten. deren Anfang und Ende aber vorhanden ist. da sie
nicht die ganze Schmalseite. sondern nur deren minieren Teil einnimmt. Sie enthält Segens-
und Fluchworte für die Nachkommen des Autors der Inschrift. Diese Inschrift zeigt einen el·
was gröberen und weniger sorgfaltigen Schriftduktus als die Inschriften der beiden anderen
Seiten und ist schwerlich mit diesen gleichzeitig angebracht worden. Ihre Plazierung und ihr
Schriftcharakter sprechen dafür. daß sie das letzte Stadium der Beschriftung des Steines dar·
stellt." Noth. Hintergrund. 166-167.
'·' Vgl. Rooy. Structure; ders .. remarks.
"" Fitzmyer. Sefire. 20.
112 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'amar-Formel

mit 'mr wäre hier daher das kh (zudem ist kh in der Bedeutung so im Ara-
mäischen überhaupt auffällig, s.u.). Trotzdem liegt nach übereinstimmender
Meinung der Interpreten hier in Sefire I C I eine Redeeinleitungsfonnel
vor, die entsprechend - wie das sonst gebräuchliche aramäische kn 'mr -
übersetzt wird:
Degen:"' So haben wir gesprochen [... ).
Rössler: 101 Also haben wir gesprochen [und also haben wir ge]schrieben.
Lemaire/
Durand:~<'~ Ainsi avons-nous parle [et ainsi avons-11ous e]crit.
Beyerlin:YO So haben wir gesprochen [und so] haben wir [gesch]rieben.
Meier:'" Thus we have spoken [... ].
Fitzmyer:•~ Thus have we spoken [and thus have we writ]ten.
Bevor wir der Frage von pn[(?P ii~1] 01iO~ ii~ als Redeeinleitungsfor-
mel nachgehen, müssen zuerst einige Fakten zusammengetragen werden:
Syntaktisch gesehen liegt hier ein Verbalsatz mit den Verben 'mr (und
ktb) in Affonnativkonjugation vor, mit inhärentem Subjekt I. pers. pl.; ein-
geleitet wird der Satz durch die Partikel kh. Der Text geht in Z.l weiter mit
einer Mahnung an Sohn und Nachkommen des Mati-EI. in Ich-Form vorge-
tragen; die Seite C lautet daher, soweit sie erhalten ist:'''
I Also haben wir gesprochen [und also haben wir ge)schrieben. Was
2 i[ch Mati ']-II geschrieben habe, sei zur Mah
3 nung für meinen Sohn [und meinen En]kel,
4 die an meine [Stelle) treten werden: zum Guten
Zeile 5-9 ... [sehr lücke11hafter Text]; Lücke [ 1~14]
15 Mögen die Götter seine Lebens
16 zeitund sein Haus bewahren! Und wer
17 die Worte der Inschrift. die auf dieser Stele ist, nicht bewahrt
18 und sagt: ,Ich will (etwas) tilgen von seinen Wort
19 en!' oder: ,Ich will das Gute umkehren und
20 zum Bösen 19 machen!'- 20 an dem
Tag, an dem er dies
21tut, sollen die Götter [die]sen [Ma]nn um
22 stürzen, sein Haus und alles was [dar)
23 innen ist, und sollen sein Unterstes [zu]
24 [o]berst kehren, und seine Li
25 [n]ie soll keinen Namen erben!

"' Degen. Allaramäische Grammatik. 104.


101 Röss1er. Verträge. 184.

"'' Lemaire/Durand. inscriptions. 125.


'"' Beyer1in. Textbuch. 278.
'" Meier. Speaking. 287.
''! Fitzmyer. Sefire. 53 .
.,, Text nach: Röss1er. Verträge. 184.
Außerbiblische, kö 'ämar entsprechende oder eng verwandte Fonnein 113

Vom Textautbau und Inhalt der Seite C her ist soviel klar: Der Text beginnt
mit der angesprochenen Formel. Der folgende Kotext schließt noch in Zeile
I an die Formel an. Nichts spricht daher für eine Abkoppelung der Fonnel
vom Folgenden. Nach der Eingangsformel findet ein Sprecher- bzw. Sub-
jektswechsel statt: In der Fonnel spricht ein Wir. nach der Formel Mati-EI
in /eh-Form. Das Wir ist im Kotext der Stele I nur als Wir des Mati-EI und
des Bar-Gaja zu identifizieren. denn nur diese beiden haben miteinander ge-
sprochen bzw. schreiben den Vertrag miteinander. Der weitere Inhalt ist im
Großen und Ganzen auch klar: es handelt sich um eine Mahnung an Sohn
und Nachkommen des Mati-EI, den Vertrag mit Bar-Gaja einzuhalten.
Wie erklärt sich der Sprecherwechsel? Und wie ist das kh aus Z.l zu
verstehen?
Beide Fragen hängen zusammen. Die in Wir-Form vorgetragene Verab-
redung bezieht sich sicher auf eine Absprache während der Vertragsaus-
handlung, nach der sich beide Vertragspartner verpflichten mussten, für die
Einhaltung zu garantieren. Hierauf bezieht sich das Wir aus der Eingangs-
formel; de facto musste jeder Vertragspartner dies für sich tun. worauf sich
die in Ich-Form vorgetragenen Mahnungen des Mati-EI beziehen. Am ein-
fachsten kann man sich diesen Vorgang auf dem Hintergrund der von Noth
beschriebenen Praxis vorstellen (s.o.), dass beide Vertragspartner eine Ab-
schrift des gemeinsamen Vertrages (monumental) publizierten; beide haben
verabredet, für die Einhaltung mit Mahnworten zu garantieren; und man hat
sich entsprechende Mahnungen von Bar-Gaja auf dessen Vertragsausferti-
gung/-publikation vorzustellen.
Bevor nun die Frage zu erörtern ist, ob sich die Fonnel auf die in der
Vergangenheit getroffene Absprache bezieht oder anders zu verstehen ist.
muss die Bedeutung von kh aus Z.l erörtert werden. kh ist zunächst einmal
im aramäischen Ko-/Kontext sehr auffällig; in der sonst üblichen Redeein-
leitungsfonnel des Aramäischen wird ja das gut belegte kn und nicht kh
gebraucht (s.o. Kap. 4.2.3). kh im Altaramäischen ist singulär. es gibt nur
diesen einen Beleg aus Sefire I C I.'" Wenig wahrscheinlich ist es. kh im
Sinne von iT~ wie in der Wendung iT~-i~ des Biblisch-Aramäischen (Dan
7,28) aufzufassen.''~ Außerdem macht die Bedeutung hier in Setire I C I
inhaltlich keinen Sinn, denn die Verträge wurden vermutlich nicht in Setire
abgeschlossen, sondern nur veröffentlicht (s.o.). Außerbiblisches aramäi-
sches k' mit der Bedeutung so ist in KAI 233,8 (Assur-Ostrakon, Mine 7.
Jh. v.Chr.) belegt. So hätte also im Aramäischen des 8./7. Jh. v.Chr. neben
kn. das ja in den Setire-Inschriften selbst mehrmals belegt ist (I A 35, 37,
38, 39. 40, 41, 42; I B 43; I C 21 ). auch k' als (kataphorische/deiktische?)
Partikel zur Verfügung gestanden. In der Formel aus Sefire I C I ist aber

.,. Vgl. Hoftijzer/Jongeling. Dictionary I. 489.


'" ln Qumran (4QenGiants"2:]) ist auch die Wendung~: ilJibi.< hierher (Z.I2 und 20)
belegt. vgl. Beyer. Te1tte. 264.
114 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'amar-Fonnel

nun kh in der Bedeutung wie hebräisch bzw. kanaanäisch kh gewählt. So


fassen es auch die Interpreten auf (s.o.). kh ist in der hebräisch-kanaanäi-
schen Redeeinleitungsformel durchgängig als vorausweisend aufzufassen.
es bezieht sich auf das nachfolgend zur Redeeinleitungsformel Gesagte.
Da"s weist auf den Tatbestand, dass sich die Formel Setire I C I ~ir.~ ;'i;:
pn[(?)~ ii~i] auf das Folgende bezieht und nicht etwa als rückverweisen-
der Abschluss des in Stele I auf den Seiten AlB Gesagten dient. Auf diesem
Hintergrund muss man den oben festgestellten Sprecherwechsel in der Tat
innerhalb des einheitlichen Textstückes I C zu verstehen suchen (s.o.).
Wenn nun die Formel den Eingang zu I C darstellt und sich nicht zurück
auf AlB bezieht, sondern vorausweist auf den Rest von I C, dann stellt sich
auch noch einmal die Frage nach der Tempus- und Sprechaktbedeutung der
Eingangsformel neu. Dann nämlich dürfte sich die Formel nicht auf das
vorausliegende Geschehen der Vertragsaushandlung bzw. die Niederschrift
des Vertragstextes beziehen, sondern ist als Ausführung der gemeinsamen
Verabredung zu verstehen, für die Einhaltung des Vertragswerkes auch bei
den Nachkommen durch die im Anschluss dargebrachten Segens- und
Fluchbestimmungen zu sorgen. Es handelt sich dann um einen (abschlie-
ßenden?) DEKLARATIVEN Akt. Eine Paraphrase wäre: So [folgenderma-
ßen] sagen und schreiben wir hiermit, wie wir verabredet haben, jeder an
seinem Ort und in seiner Vertragsfassung, dass meine, des Mati-EI. [bzw.
meine. des Bar-Gaja] Nachkommen den Vertrag einhalten sollen; dazu die-
nen [für die Seite Mati-Eis] die in I C 1-23 von mir, Mati-EI, hier und jetzt
aufgeschriebenen Fluch- und Segenswünsche.
Warum allerdings greift der Text hier auf kh zurück und benutzt nicht
aram. kn oder k'? Wenn man diese Frage nicht mit einer unbeabsichtigten
Schreiberinterferenz erklären will. dann ließe sich als Grund anführen (der
sich u.U. mit einer Schreiberinterferenz verbinden lässt bzw. sie wahr-
scheinlicher machen könnte), dass sich diese Formulierung aus I C I an die
hebräisch-kanaanäische Redeeinleitungsformel anlehnt. Dies deshalb. weil
es - und hierin stimmen alle Belege überein (s.o.) - im Aramäischen nicht
möglich ist, einen Text (oder einen Großabschnitt), wie ihn Setire I C dar-
stellt, mit aram. kn 'mr anzufangen.'"' Die kn 'mr-Formel kommt am unmit-
telbaren Textanfang nie vor! Hier gibt es offenbar innersprachliche Restrik-
tionen, die auch dafür verantwortlich sind, dass die Redeeinleitungsformel
im aramäischen Briefpräskript nicht gebraucht wird.'' 7 Die hebräisch-kanaa-
näische Redeeinleitungsformel kann dagegen ohne weiteres als Textanfang
gebraucht werden, was hier in Setire I C I aus Gründen der (übereinzel-
sprachlichen) Gattung Vertrag zur Anwendung gebracht wurde. So dürfte
hier also ein Kanaanismus/Hebraismus vorliegen. Ein kanaanäisch-hebräi-

'16 k' isl in einer Redeeinleilungsforrnel nich1 belegl. der einzige Beleg KAI 2:13.8 zeigl k'
in adverbieller Verwendung.
'' 1 Vgl. Kap. 4.2.2 sowie Schwiderski. Handbuch. 102-154.
Außerbiblische, kö 'ämar entsprechende oder eng verwandte Fonnein 115

scher Einfluss lässt sich für die Setire-Inschriften auch sonst feststellen;
Fitzmyer z.B. hat auf ..Canaanite interference" im Bereich des Infinitivge-
brauchs hingewiesen (zu III,6).""
Sind diese Überlegungen zutreffend, dann ist in Sefire I C I ein indirek-
ter Beleg für eine hebräische/kanaanäische Redeeinleitungsformel mit kh
aus der Mitte des 8. Jh. v.Chr. gegeben.

4.2.4 Vergleichsbereich Akkadisch

Im Akkadischen werden als Einleitungsformeln für direkte Rede verschie-


dene Formulierungen benutzt; sie können nominal bzw. elliptisch [umma
(so) + Absendername] oder verbal [umma (so)lkiam (so) iqbi (sprach) o.ä.,
manchmal in Kombination beider] formuliert sein.'"
Belege finden sich ausgesprochen viele: a) Hier ist einmal auf Belege
aus den Amarna-Briefen 1110 und den Maritexten 101 einzugehen. Die Amarna-
briefe bezeugen den Gebrauch der akkadischen Redeeinleitungsformel auf
palästinischem Boden, sie sind als "erstrangige Quelle" anzusehen, die .. un-
schätzbare Daten" nicht nur für ..Topographie. Namensforschung. Rel ..
Wirtschaft usw." liefert, sondern auch für Textformen bzw. Formeln. 1111 Be-
einflussungen hinsichtlich der Redeeinleitungsformeln, u.U. vermittelt über
die Kulturen Kanaans. sind denkbar. Die akkadischen Redeeinleitungsfor-
meln finden sich jedenfalls von der Amama-Zeit bis zu in Palästina gefun-
denen akkadischen Texten späterer Zeit (vgl. das am Ende dieses Kapitels
über akkadische Dichtungen Gesagte). 10 ' Nach den Maritexten ist aufgrund
der viel diskutierten Ähnlichkeiten zwischen Mari-Propheten und alttesta-
mentlichen Propheten zu fragen. b) Zum zweiten sollen auch andere Text-
gruppen und -formen angesprochen werden, die Hinweise auf die Verbrei-
tung der akkadischen Redeeinleitungsformeln geben. Dies kann im Rahmen
dieser Arbeit zwar nur andeutungsweise geschehen, aber es soll deutlich
werden, dass die Redeeinleitungsformeln sich im akkadischen Sprachraum
für nahezu alle Sprachstufen und Dialekte aufzeigen lassen und dass sie
nicht auf irgendeine Gattung beschränkt sind. 11"

''" Fitzmyer. Sefire. 148; vgl. zum Problem der Kanaanismen im Allaramäischen auch:
Degen. Allaramäische Grammatik. 2-3.
'" Zur Funktion von kiam und ummu vgl. Soden. Grundriß, § 120 und § 121.
11 " Zu den Amarna-Briefen vgl. Knudtzon. Amarna-Tafeln; Rainey, tablets; Na'aman.

gods; Moran. Amarna leuers; Rainey. Canaanite; lzre'el. Canaano-Akkadian; Liverani. Leue-
re; lzre'el. Amarna Tablels. Vgl. außerdem die Bibliographien von Heinlz. Index documenlai-
re d'EI-Amarna; ders.: Bibliographie d'EI-Amarna; Heintz/Millol. Bibliographie.
101 Zu Mari s.u. Kap. 4.4.
1111 Liverani. Amarna, 388.
111 ' Vgl. auch Engel. Quellenlexte; Hess. Psalms; Moran. Scribe; Na'aman. contribulion.
11 " Vgl. Soden. Grundriß. § 120 und§ 121.
116 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ämar-Formel

Zuerst zu den Belegen aus den Amama-Texten. 10~ Es folgen zunächst


Belege, die mit einem Verb und kiam gebildet sind; sie finden sich durch-
weg nicht am Briefanfang, sondem im Inneren von Brieftexten. 11"'
Redeeinleitung mit kiam +Verb:
45.26 (Brief aus Ugarit 107 )
25 Ein zweites Mal schrieb er {mir]
26 ,; ki-ia-am iq{-ta-bi
und so sp[rach) er: ..... "
51.7 (Brief aus Nubasse, südlich von Aleppo 100<)
6 [... ) als Manabpiya, König von Ägypten, dein Vorfahr. [T]a[ku), meinen Vor-
fahr. zum König in Nubasse machte. gab er Öl auf seinen Kopf
7 [... ] ,; ki-a-a{m i]q-{t]a-bi
[und) sprach er so: ..... "
53,61 (Brief aus Qatna, nördlich von Damaskus 11 ~')
60 Täglich schreiben sie an Aitukama
61 1i ki-ia-am iq-bu-nim
und (sie) sprechen so: ..... "
56.38 (Herkunft nicht klar, vermutlich syrischer Raum 110)
36 Und der Bote meines Herrn
37 kam zu mir
38 ,; {k]i-ia-am iq-ta-bi
und (er) sprach so: ..... "
250,15, ebenso 40 (Brief aus Palästina 111 )
15 ,; ki-ia-am ti-iq-bu-na
[U]nd so haben gesagt
16 die 2 Söhn(e) Lab'ayus zu mir: ..... "
294.27 (Brief aus Gazru/Gezer. Palästina 11 !)
27 .(um-ma ki-ia-am yi-iq-bu
Wenn so spräche

10 ~ Die Formelfunklionen sollen hier in exemplarischer Telllauswahl veranschaulich!


werden. für einen Formehyp sind nichl sämlliche BelegsleiJen aufgefühn.
11 "' Überselzung in Anlehnung an: Moran. Amarna leners (kursil' bedeu1e1 bei Moran

zweifelhafl. dies wurde hier übernommen): akkadischer Telll nach: lzre'el, Amarna Tablels:
Moran und lzre'el folgen bei der Zählung der Briefe: Knud1zon. Amarna-Tafeln: einfache
Zahlenangaben oder EA + Zahlenangabe beziehen sich auf dieses auch im Zusamml!nhang
dieser Arbeil verwendele Zählungssyslem.
107 Vgl. Moran. Amarna leuers. 118.
1011 Vgl. Moran. Amama leuers. 391.

11 " Vgl. Moran. Amarna leuers. 124: Knudlzon. Amarna-Tafeln, 1107.


110 Moran. Amarna leners. 129: .. Provenience unknown. bullines 3~2 = EA 54:38-43.

and lherefore EA 56 musl be closely associaled wilh lhe Akizzi correspondence [... ]."
111 Der Brief stamml von Ba'lu-UR.SAG ... mayor in Palesline". vgl. Moran. Amarna lel-

lers. 381: der im Brief erwähnle Lab'ayu. "mayor of sakmu" (Sichern). weisl auch auf eine
Lokalisierung in Paläslina. vgl. Moran. Amarna leuers. 382.
11 ! Vgl. Moran. Amama leuers. 379.
Außerbiblische, ko 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln 117

28 der König, mein Herr, zu mir:


29 .. Verlass deine Stadt
30 vor Peya!",
31 dann würde ich (sie) fürwahr verlassen und
32 gehen ....
Ähnlich: 124,17 (Brief aus Gubla 11 '); 169.26 (Brief aus Amurru, Syrien 11 ")
Gemeinsam ist allen diesen Redeeinleitungsformeln, dass sie sich nicht am
Text- bzw. Briefanfang befinden, sondern im Briefionern stehen und direk-
te Reden einleiten. Alle Einleitungsformeln geben den Sender der folgen-
den direkten Rede an; auf die direkte Rede wird vorausgewiesen mit kiam.
Eine Variation innerhalb des syro-palästinischen Raums zeigt sich hier
nicht; auffällig ist jedoch der Nicht-Gebrauch dieser Formelvariante in der
.,International Correspondence", in den Briefen der Großkönige (EA 1-44,
dort wird, falls notwendig, umma verwendet).
Eine solche Redeeinleitung im lnnem eines Textes kann auch mit
(Verb+) umma formuliert werden:
Redeeinleitung mit (Verb+) umma:
1.28, ebenso 67 (Brief des Pharao Nibmuarea!Amenophis 111.)
26 [... ) Du sprachst (ta-aq-ta-bi-mi)
27 zu meinen Boten, als deine Frauen versammelt da standen
28 vor dir, also (um-ma-a): .,Siehe eure Herrin an, die da steht
29 vor euch!" [... )
19,49 (Brief des Tusratta von Mittani)
Jetzt. (da) mein Bruder Geld übersandt hat, spreche ich also (a-qah-bi-i um-ma-
a): .,... u
253,23 (Brief aus Sakmu, Palästina)
um-ma a[-n}a-[k]u-mi
So (sage) ich: ..... "
Ähnlich: 29,22.29.62.65.81.133.149.155 (Brief des Tusratta von Mittani 11 '):
162,2.8.17 .21.42.50.56 (Brief des Pharao 116).
Die Funktion der Formelvariation mit (Verb +) umma im Textinneren un-
terscheidet sich hinsichtlich der Einleitung einer direkten Rede (im Textin-
neren) und der Angabe des Senders nicht gegenüber der Variante kiam +
Verb. Diese Formelvariation findet sich sowohl in der Großkönigskorres-
pondenz wie in den Vasallenbriefen. auffällig ist allerdings die häufigere
Verwendung in den Großkönigsbriefen, in denen kiam-Formeln nicht vor-
kommen.

111 Vgl. Moran. Amarna leuers. 384.


••• Vgl. Moran. Amarna Ieiters. 256.
''' Vgl. Moran. Amarna Ieiters. 92.
11 " Vgl. Moran. Amarna leuers. 248.
118 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ämar-Formel

Die bisher vorgeführten Belege bieten also Einleitungsformeln von di-


rekter Rede im Textinnern. Die nachfolgend gebotene direkte Rede wird als
gesprochen eingeleitel (1,26-28; 19,49). Es finden sich aber auch explizite
Hinweise auf einen Schreibprozess (45,26). Die Formelstruktur lässt sich
folgendermaßen formalisieren:
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
[Kotext) kiam +Verb X/ [Kotext] so (hat) X (gesproche11)
(Verb+) umma X /so (sprach/spricht) X
[fakultativ: -> :.u Y] [Kotext] [fakultativ: -> ::.u Y] [Kotext)
Die Hauptfunktion dieser Formeln ist es, die unmiuelbar folgende direkte
Rede anzuzeigen und den eigentlichen Sprecher/Schreiber/Autor zu benen-
nen. Eine Verankerung in einem Botenvorgang ist hier nicht auszumachen.
Die Formeln lassen sich am ehesten informationstheoretisch erklären: Will
ich eine direkte Rede anführen und sie eindeutig zuordnen, so muss ich für
den Leser/Hörer die Autorschaft klarmachen; Formeln wie die bisher ange-
führten dienen dazu, diese Information über den Autor mitzuteilen. Außer-
dem markieren sie den folgenden Text als direkte Rede. d.h. sie weisen auf
die Tatsache hin. dass der Formel eine Rede folgt. 117
Weiterhin finden sich Redeeinleitungsformeln am Briefanfang:
ohne (einleitenden) Imperativ:
73, 1-2 (Brief aus Gublam)
I a-110 m.a-ma-an-ap-pa a-bi-ia [sie!)
An/zu Amanappa, meinenl-ern Vater
2 um-ma m.ri-ib-ad-da [... ] [sie!]
.also'/, Nachricht des" 19 Rib-Hadda [... ): ..... "
Ähnlich: 53 (Brief aus Qa!na, nördlich von Damaskus 1.!0); 59 (Brief aus Tu-
nip1!1); 61 (Brief aus Amurru, Syrien 1!1); 97 (Brief aus Beirut? 11 '): 282-284
(Briefe aus Qiltu, Palästina? 1 l~): 298-299 und 301-306 (Briefe aus Gazru/Ge-
zer, Palästina? 1 l~); 320-326 (Briefe aus Asqaluna/Askelon. Palästina? 1!•) u.a.

117 Solche RedeeinleiiUngsfonneln im Texlinneren lassen sich nichl nur in den Amarna·
Briefen finden. sondern auch in anderen akkadischen SprachsiUfen und Texlbereichen: vgl.
e1wa Ebeling. Briefe aus Uruk. 94-95 (Nr. 117): Cole/Machinisl. Leners. 7 (Nr. 6. Z.7) u.a.
11 " Vgl. Moran. Amarna leners. 384.
11 '' Zum unlerschiedlichen Versländnis von umma in der lmernalional Correspondence
gegenüber dem Gebrauch in der Vasallenkorrespondenz vgl. die Erläulerung im Texl im
Anschluss an die Darbielung der Belege.
l.!tl Vgl. Moran. Amarna leners. 380 und 124.
1! 1 Vgl. Moran. Amarna leners. 392.

lll Vgl. Moran. Amarna leners. 388.


I!.• Vgl. Moran. Amarna leners. 385.
I!~ Vgl. Moran. Amarna leners, 384.
11 ~ Vgl. Moran. Amarna leners. 385 und 389.
1! 6 Vgl. Moran. Amarna leners. 388.
Außerbiblische, kö 'ämar entsprechende oder eng verwandte Fonnein 119

::10.1-2 (Brief des Tusratta von Minani'l' 1')


I An die Könige von Kanaan.
2 Diener meines Bruders, ,also' (umma)' 1" der König: .......
Ähnlich: 33 und 34 (Briefe aus Alasia'!''): 369 (von Pharao an Milkilu von Gaz-
ru/Gezer'~'). "'
mit (einleitendem) Imperativ:
21.4-5 (Brief des Tusratta von Mittani)
I Zu Nimmureya, dem großen König[ ... ]
4 [... ] ,sprich' (qibima):
so (umma) Tusratta (... ]: ..... "''1
330.2 (Brief aus Lakisa/Lachisch. Palästina'">
I Zu dem König. meinem Herrn.
2 .sprich' (qibima): .also'/,Nachricht des· (umma)'u
3 Sip~i-Ba'Iu. dein Diener/deines Dieners [... ]: ..... "
Ähnlich die Briefanfange aus der International Correspondence: I; 2: 3: 6: 7: 8:
9: 10: II: 12: 15: 16: 17: 19:23: 26: 28:29 u.a., aus den Vasallenbriefen vgl.:
227-228 (Briefe aus t:Ja~ora!Hazor'"): 242 (Brief aus Magidda!Megiddo' "'):
285-290 (Briefe aus Jerusalem' ") u.a.''"
Bei den Präskriptformulierungen werden mehrere Probleme diskutiert:
- Moran weist auf unterschiedliche Formulare hin, die s.E. innerhalb der
International Correspondance auf die Rangstellung der Briefeschreiber zie-
len: Für die (häufigere) Normalform hält er .,Say"'' to PN. Thus PN2" (EA
21,4-5, s.o.); er geht dabei davon aus, dass solche Briefe über einen Schrei-
ber den eigentlichen Adressaten (König) erreichen: .. [ ... ) the address [ ... ) is
directed to the scribe who will read the Ietter [ ... )."'.10 Abweichend von die-
ser Form, so Moran, wird ein Formular gebraucht, das den Absender voran-
stellt: ..umma PN: ana qibima PN:(: dieses Formular diene u.a. einem Hö-
hergestellten bzw. Gleichrangigen, seiner Höherstellung oder Gleichrangig-

' 1' Vgl. Moran. Amama Ieiters. 100.


' 1" Zum Verständnis von ummu wie Anm. 119.
o!'• Vgl. Moran. Amama Ieiters. 104-107.
1 ~· Vgl. Moran. Amama Ieiters. 366.

''' Briefanfange ohne umma und kium gibt es z.B. in 68; 76.
•·~ Zum Verständnis von ummu wie Anm. 119.
111 Vgl. Moran. Amarna Ieiters. 384 und 390.

"• Zum Verständnis von '"'""a wie Anm. 119.


1 " Vgl. Moran. Amama Ieiters. 390.

••• Vgl. Moran. Amama Ieiters. 381 und 390.


''' Vgl. Moran. Amama Ieiters. 379.
''" Zu weiteren ganz seltenen und ohne 11111111a gestalteten Briefanfangen vgl. Salonen.
Gruss- und Hönichkeitsformeln. 62-63.
'''' Im Gegensatz zu Erwägungen von Knudtzon. Amarna-Tafeln. 989. wird in der neue-
ren Diskussion qihimu einheitlich als Imperativ aufgefasst. so übersetzen Moran. Amarna
Ieiters und Liverani. Leltere durchgängig mit Imperativ .. say". ähnlich plädieren Rainey.
Canaanite II. 273-274; Sallaberger. Interaktion (passim) u.a.
,.. , Moran. Amarna leners. xxii.
120 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

keit Ausdruck zu verleihen, indem er sich zuerst nennt (so in EA 5 und 31


Pharao; EA 41 der Hethiterkönig Suppiluliuma an den Pharao ). 1• 1
- Ein weiteres Problem stellt das Verständnis von umma dar. Soden unter-
streicht die hinweisende Funktion von umma. 1• 1 ähnlich wird es von ande-
ren gewertet als ..presentational adverb" im .,Standard Akkadian" (mit ab-
weichender Bedeutung im Amurru Akkadian. s.u.); 1•' die meisten Überset-
zungsvorschläge gehen auch in diese Richtung und geben umma mit so/al-
solfolgendermaßen/thus wieder. 1.. Für den Bereich der Vasallenbriefe aus
Amarna haben allerdings einige Forscher eine andere Deutung vorgeschla-
gen: Moran z.B. will umma in den Briefen, die den syro-palästinischen
Raum betreffen, als "word, message" verstehen; für die International Cor-
respondence dagegen (mit Ausnahme von EA 19,3 und 29,2) hält er fest an
der ..conventional translation of umma by ,thus"'. 1 •~ Das Verständnis von
umma als .. word, message" legt sich von den Belegen her nahe, bei denen
eine nach umma und Absendername stehende Apposition zum. Absender-
namen im Genitiv steht, z.B. EA 60,2-3 um-ma '/R-"as-ra-tum IR-ka ep-ri
[ ... ] "Message of Abdiasirta, your servant, the dust [under your feet]". 1"'
Dieser Gebrauch von umma als word. message. Nachricht .. seems to have
been the rule in the Syro-Palestinian area", so Moran. 1•' Umma in der Be-
deutung von Nachricht kommt dem ugaritischen Formeltyp sehr nahe (s.u.
Kap. 4.2.5). 1"" ..The problern is complex. given the wide dialectical range of
the PN's in these letters, but the genitiv construction with umma is a factor
that must be taken into consideration. " 1•''
Die Grundstruktur (Absenderangabe und Verweis auf eine nachfolgend
gebotene Rede des Absenders) bzw. die Funktion der Formel als Redeein-
leitung betrifft diese Problematik allerdings nicht; somit lässt sich die erör-
terte Grundstruktur folgendermaßen zusammenfassen: 1'10
Typ (X=Sprecher, Y=Adressat):
[Brief-ffextanfang] umma X [Brief-ffextanfang) so (hat) X (gespro-
-> :u/an Y [Kotext) chen)lso (sprach) X/so (spricht) X (hiermit)
Nachricht des X-> :ulan Y [Kotext)

1• 1Vgl. Moran. Amarna letters. xxii.


1• 1Vgl. Soden. Grundriß. §121.
1•' Vgl. Izre'el. Amurru Akkadian I. 182.

IJJ Vgl. etwa: Kraus. Briefe; Salonen. Gruss-und Hönichkeitsforrneln; TGI. 25 (Zu EA
286); Izre"el. Amurru Akkadian I. 182; Sallaberger. Interaktion (passim) u.a.
"~ Moran. Amarna letters. xxii. So auch (einschließlich 19.3 und 29.2): Liveram. Leucrc.
1•• Izre'el. Amurru Akkadian I. 182 und 194.

w Moran. Amarna Ieuers. xxii; im Anschluss z.B. an Albright. Case. 33. Anm. 7. Ähn·
lieh: Liverani. Lettere. 54.
1"" Darauf weist auch Liverani hin. vgl. Liverani. Lettere. 53.
1•'• Rainey. Canaanite 111. 180.
1'" Zur Frage. ob es sich im Briefanfang um eme .. Botenformel"" handelt. vgl. Kap. -Ll.
Außerbiblische. ko 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln 121

In Form und Funktion ganz ähnliche Formeln finden sich in den Texten aus
Mari. Als Beispiel kann ARM III 40''' dienen (siehe nachfolgende Über-
sicht); der Briefeingang dieses Mari-Textes weist einen Formelbestand auf.
wie er auch aus der Amama-Korrespondenz bekannt ist: Zu meinem Herrn
[sc. dem König Zimrilim] sprich: So (ttmma) Kibri-Dagan, dein Diener.
Allerdings ist .,der Anfang der Mari-Briefe [... ] völlig feststehend und der-
selbe wie in altbabylonischen Briefen"Y!
Interessant ist hier die im Brief explizit thematisierte Nachrichtenüber-
mittlungssituation: Der Brief ist reales Zeugnis von dem Auftrag. den der
mu[ltulm an Kibri-Dagan weitergegeben hat, dem König zu schreiben, um
ihm (dem König) mitzuteilen. was er (der mubbtim) empfangen hat. Der
mu[lbfim formuliert aber keinen Botenbefehl o.ä. an Kibri-Dagan, sondern
gibt seine Botschaft. die schon die Aufforderung an ihn (den mubbtim). dem
König zu schreiben. enthält, an Kibri-Dagan weiter.'" Kibri-Dagan. so ist
vorauszusetzen. versteht diese indirekte Aufforderung und realisiert sie mit
dem vorliegenden Brief.
I Zu meinem Herm [sc. dem König Zimrilim] sprich: Imperativ
2 So (ulllma) Kibri-Dagan. dein Diener: Redeeinleitungs-
Formel

Won Inhalt: [... ] 7 An dem Tage. an dem ich diesen Bericht über die Begeg·
des meinen Brief lll meinem Herrn bringen ließ. 9 nung mit dem 1111/ltluim
Kib- kam der nwltluim des Dagan w mir und sagte und Einleitung der wön-
ri ein Wort zu mir folgendermaßen (a·wa·tam Iichen Rede des 11111/tluim
ki-a-am [i]q·bi·[e·em] 11m-ma-a· mi)[sic!]:

Yi2a 13 Der Galt lwtmich ge~andt· der multlu'illl verweist auf


w 14 Schrejbe dem Kiinjg eilendi. seine Sendung (Legitimation):
","",";", Totei!Of,?fer wllmqn dem Tou•n· imperativischer Auftrag an den
geist des Yqhd11n·Lim u·rjhen 111ult[uim. Inhalt der Sendung

Da- 19 Dies hat dieser multluim :11 mir ge· Abschlussmarkierung der
gan sagt. Ich beridlle eJ meinem Herm. wönlichen Rede des llm[lluim:
Verweis auf die Berichtsfunk-
tion des Absenders der Bot-
schaft (Kibri-Dagan)

22Mein Herr miige t11n. um ihm richtig erscheint. Schlusstloskel 1 ~

Die hier angeführte umma-Formel steht im Briefpräskript (Kibri-Dagan an


Zimrilim) und hat mit dem prophetischen Übennittlungsvorgang (Gott über

1 ' ' Übersetzung in Anlehnung an: AEM 1.1. 449-450 (danach auch Zeileneinteilung I:

vgl. auch Ellermeier. Prophetie. 33. Vgl. dazu auch Beyerlin. Textbuch. 147-148: Sallaber·
ger. Interaktion. 22-24.
1'! Salonen. Gruss- und Hötlichkeitsformeln. 51.
1" Man kann die Schreibaufforderung auch als (direkte) Aufforderung des multluim an
Kibri-Dagan verstehen, vgl. Koch. Briefe. 167.
''" Zur Funktion dieser Formel vgl. Noon. Untersuchungen. 76--82.
122 Außeralttestamentliche Parallelen zur l.:o 'ämar-Formel

Prophet zu Adressat), der den Inhalt des Briefes bestimmt. nichs zu tun;
zum prophetischen Hintergrund der Mari-Briefe vgl. Kap. 4.4.
Nach den Briefen aus Amama und Mari soll noch auf einige weitere ak-
kadische Texte hingeweisen werden; sie können im Rahmen dieser Arbeit
zwar nicht ausführlich diskutiert werden, aber sie veranschaulichen wichti-
ge Aspekte der Befundlage: sie zeigen zum einen, dass das Vorkommen der
Redeeinleitungsformeln im Akkudisehen nicht auf den Bereich der Brietli-
teratur (Textsorte Brief) oder auf nur einen Funktionsbereich festgelegt ist:
zum anderen machen sie klar, dass das Vorkommen von Redeeinleitungs-
formeln nicht auf Texte des 2. Jahrtausends beschränkt ist.
So ist hinzuweisen auf Redeeinleitungsformeln in Epen. Weisheitstexten
etc.; es handelt sich dabei also um Belege aus dem Bereich der Dichtungen:
Weisheitstext (VAT 8807, Plates 55-57, Reverse 111) 1 ~~
50 A mosquito. as it settled on an elephant,
51 said (um-ma) • .. Brolher, did I press your side [... ).''
Erra-Epos. Tafel IV
113 Und du sagtest in deinem Herzen so (um-ma): ..... " 1 ~6
Erra-Epos. Tafel V
48 Und so sprach (l.:i-a-am iq-ta-bi) der Held Erra: ..... " 1"
Oe Liagre Böhl hat angesichts des in Megiddo gefundenen Fragmentes des
Gilgamesch-Epos vermutet, dass ..[... ] solche Dichtungen [... ] außer in Ba-
bylonien nicht nur in ijaui (Bogazköy) und in Ägypten (Amama), sondern
auch an kanaanäischen Königshöfen und Palastschulen bekannt [ ... )" wa-
renY" Damit wäre auch für Texte aus dem Bereich der Dichtung ein mögli-
cher Überlieferungsweg bis in den palästinischen Kontext aufgewiesen.
Die Belege von Redeeinleitungsformeln aus Dichtungen sind vor allem
hinsichtlich der Frage nach dem Anwendungsbereich der Redeeinleitungen
zu berücksichtigen. Schon bei den vorangegangenen Untersuchungen zur
Redeeinleitungsformel des außerbiblischen Hebräisch und verwandter Spra-
chen (Kap. 4.2.1 ). sowie des Aramäischen (Kap. 4.2.2) haue sich ja gezeigt.
dass die Verwendung der Redeeinleitungsformeln nicht auf einen festen
Redekontext, etwa den der Diplomatie, beschränkt ist. Dies lässt sich durch
die oben angeführten Texte auch für das Akkadische sagen (vgl. bes. Kap.
4.2.1. und 4.2.8). 1 ~'
1 ~·'
Lambert. Wisdom Literature. 216-219.
1~ Übersetzung in Anlehnung an und akk. Te'lt nach: Cagni. Erra. 116-117: vgl. auch
Gössmann. Era-Epos. 30-3 I.
1' 7 Übersetzung in Anlehnung an und akk. Te'lt nach: Cagni. Erra. 126-127: vgl. auch

Gössmann. Era-Epos. 36-37.


1 '~ Liagre Böhl, Gilgames. 366. Zu den Te'ltfunden vgl. TGI. 13-14. Liste von in Paläs-

tina gefundenen Keilschriftte'lten des 2. Jahrtausends v.Chr.. 61. Liste von in Palästina ge-
fundenen Keilschriftte'lten des S.n. Jh.v.Chr.: Ergänzungen bei: Weippen. Palästina. 267.
1''' Vgl. das in Soden. Handwörterbuch 3. 1413 zum Bestand Notiene: .. umma" kommt

vor: .. I l briefeinleitend [ ... ) 2) im Briefte'lt [ ... ) 3) in Urk. vor Prozeßaussagen [ ... )4) lit."
Außerbiblische, ko 'amar entsprechende oder eng verwandte Formeln 123

Ein weiterer Text ist hervorzuheben, der ebenfalls für einen Textbereich
außerhalb der Brietliteratur steht. nämlich die Behistun-Inschrift des Kö-
nigs Darius (522-486 v.Chr.). Bei ihr handelt es sich um eine Monumental-
inschrift, die Propagandazwecken dient. 160 Die Inschrift ist sukzessive ent-
standen, einer etamischen Textfassung wurden eine babylonische und eine
altpersische hinzugefügt. 161 Darius ließ Abschriften der Inschrift anfertigen,
um sie überall in seinem Reich verlesen zu lassen.'"! Die Inschrift weist eine
außergewöhnliche Häufung von Redeeinleitungsformeln des Elamischen
bzw. Babylonischen bzw. Altpersischen auf:'"'
Ich (bin) Darius, der Großkönig ...
§ 2 Es spricht Darius der König ["1da-ri-ia-mus sanu ki-a-am i-gab-bi"'"'):
Mein Vater (ist) Hystaspes ...
§ 3 Es spricht Darius der König: Deswegen werden wir Achämeniden
genannt ...
§ 4 Es spricht Darius der König: Acht meines Geschlechtes ...
§ 5 Es spricht Darius der König: Nach dem Willen Ahuramazdas ...
§ 6 Es spricht Darius der König: Dies sind die Länder ... [... ) 16 ~
Auf die Häufung der Formeln und auf die Funktion dieses Stilmittels wird
unten in Kap. 6.2.5.5 noch einmal zurückzukommen sein. Angesichts der
Häufung der Formeln mit dem jeweils identischen Absender (Darius) dürfte
klar sein, dass hier keine "Botenformeln" vorliegen können.
Der babylonische Text der Behistun-Inschrift ist für den akkadischen
Sprachbereich auch deswegen aufschlussreich, weil er zeigt, dass während
einer Zeitspanne von den oben besprochenen Texten des 2. Jtsd. über die

'"'' Koch. Dareios. 13: .. Nachdem Dareios die Königsherrschafl errungen und durch 19
Schlachten in fast allen Teilen des Reiches gefestigt halle. beschloß er. nun auch programma-
tisch allen seinen Untenanen seine Herrschaft kundzutun. Ein großes Relief sollte seine Taten
verherrlichen. Hierfür wählte er eine hervorgehobene Stelle an der uralten Heeresstraße. die
von Medien nach Babylonien führt. Auf ihr muß es immer einen lebhaften Verkehr gegeben
haben. und an dieser Straße fand sich schon eine ganze Reihe anderer teilweise sehr viel
älterer Reliefs."
161 Vgl. Koch. Dareios. D-22.
16 ~ Von der Inschrift sind Fragmenle in Babel zutage gekommen; eine aramäische Fas-

sung (des 5. Jh.v.Chr.) ist in Elephantine (Ägypten) gefunden worden ... Der Großkönig hat
also seine Urkunde überall in seinem Reiche verbreiten lassen." Borger/Hinz. Behistun-ln-
schril"t. 419.
'"' Übersetzungstext nach: Borger/Hinz. Behistun-lnschrift. 421-424.
,".. Text (8) nach: Weissbach. Keilinschriften. II. Die Verwendung von kiam in B ent-
spricht dem auch sonst im Akkadischen zu beobachtenden Gebrauch (s.o. in diesem Kap.)
von l.:iam + Verb: diese Verbindung scheint nicht unmiuelbar am Text-/Briefanfang aufzu-
treten. in der Behistun-lnschrifl ist§ I vorgeschaltel.
IM •• Die Einleitung fast aller (der über 70) Paragraphen lautel in P [altpersische Fassung):
Es kündel Darius der König. in B [babylonische Fassung): Darius der König spricht folgen-
dermaßen. in E [elamischer Fassung): Und Darius der König spricht." Borger/Hinz. Behistun-
lnschrifl. 420; a.a.O.: •. Diese Einleitung fehlt in B [in) § II. 23. 25. 27. 28. _,0. 32. 42. 46. 47.
50. 61. 66 und 67; in E fehlt sie auch für§ 70 [... ):·
124 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

neuassyrische Zeit' 66 bis in die Zeit des Darius akkadische so spricht-For-


mein an prominenter Stelle verwendet wurden.

4.2.5 Vergleichsbereich Ugaritisch 167

Im Ugaritischen wird die Redeeinleitungsformel aus t~m (Auftrag. Ent-


schluss, Botschaft) .,mit fol. Bezeichnung des Auftraggebers" gebildet."'"
..Der ug. Text lautet in den überwiegenden Fällen wie folgt:
I NN rgm ,Zum EMPFÄNGER sprich!
t~m NN Botschaft des SENDERs.'
Daneben ist bei Briefen an untergebene Personen mehrfach auch die umge-
kehne Reihenfolge der Sätze bezeugt, nämlich:
t~m NN . Botschaft des SENDERs.
I NN rgm Zum EMPFÄNGER sprich!'"'"''
(vgl. KTU 2.14, 2.36+. 2.39 u.a.)
Tropper weist noch einmal darauf hin, dass auch in ugaritischen Briefen
Empfänger wie Sender durch Epitheta erweitert werden können. die ver-
schiedenste Funktionen haben. 17" Auffällig im Ugaritischen (wie in den au-
ßerbiblisch-hebräischen Belegen) ist das Fehlen eines kataphorischen Ele-
mentes (wie hebr. ko; akk. ummalkiam); vermutlich reicht hier die hinwei-
sende Funktion der Textteilstellung (t~m vor der folgenden Nachricht) aus
und muss nicht explizit durch eine Partikel ausgedrückt werden.
Interessant ist weiterhin, dass das Lexem t~m (Auftrag, Entschluss. Bot-
schaft) auch in der ugaritischen Epik bezeugt ist: ,,Es bezeichnet dort einer-

166 Texte aus der neuassyrischen Zeit sind wegen der Parallele der sog. neuassyrischen

Prophetie (vgl. Kap. 4.4) zur alltestamentliehen Prophetie interessant (allerdings fehlt in den
neuassyrischen prophetischen Texten selbst jedwede RedeeinleitungsformeL vgl. dazu Kap.
4.4): die .m spricht-Formeln bzw. der Gebrauch dieser Formeln unterscheidet sich aber nicht
wesentlich von dem bisher Besprochenen. vgl. an Texten (mit 111111110) z.B.: Cole/Machinist.
Leiters. Text 6 ( .. Enlil Will Go Out in lyyar"J. 7. 7; Hunger. Repons. Text 271 ( .. Full Moon
on 14'" Day"), I. 150: Kataja/Whiting. Grants. Text 87 (ein Dedikationstext). 1'. 108: Lan-
franchi/Parpola. Correspondence. Text 250 ( .. Assembling Troops for War and Counting Ra-
tions"). Rev. 23'. 178; Parpola, Leners. Text 109 ( ..Omen of the Kingship of Esarhaddon").
6'. 86: Parpola!Watanabe, Treaties. Text I ( ..Treaty of Samsi-Adad V 1... )"). 9. 4: Starr.
Queries. Text 42 (.. Ka.~taritu Organizing War". umma im Botenkontext). 3. 47.
167 Vgl. Kaiser. Formular: Ahl. Texts: Kristensen. Formulas: Pardee/Whiting. Aspects:

Cunchillos( -llarri), Estudios: ders .. The Ugaritic Leiters: Tropper. Briefformular.


'"" Aistleitner. Wönerbuch, 324: vgl. etwa KTU 1.14 V 33: VI 3: so auch bis in die neu-
esie Diskussion. vgl. Cunchillos( -llarri). Leners: Tropper. Briefformular. 65: .. Dem substanti-
vischen Lexem 1~111 (wahrscheinliche Vokalisation: lta!mm/) .Botschaft' entspricht in akk.
Briefen das Adverb 11m111a. das mit .folgendermaßen' wiedergegeben wird." t!m1 kann auch
mit Personalpronomina (auch mit der enklitischen Partikel -y) stehen: thm-h-y uint' Nach·
richt. vgl. auch Tropper, Ugaritische Grammatik. 228.
'"'' Tropper, Briefformular. 64.
171 ' Vgl. Tropper. Briefformular. 64-65.
Außerbiblische, ko 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln 125

seits ebenfalls (mündlich vorgetragene) Briefbotschaflen, etwa ,Botschaft


(t~m) des (Gottes) Jammu, eures Herrn; eures Gebieters, des Richters Naha-
ru • (KTU 1.2:1: 17 .33-34) [vgl. auch 1.3:111: 13f; 1.1 :11: 17f II 1.1 :III:5-6].
andererseits aber auch .Bescheid' im Sinne eines weisheitliehen Ratschlus-
ses. z.B. ,Dein Ratschluß (t~mk). o Ilu, ist weise; deine Weisheil währt in
Ewigkeit; eine Offenbarung des Schicksals(?) ist dein Ratschluß (t~m1k)'
(KTU 1.3:V:30-31 )." 171 Diese Belege zeigen zum einen - was in Kap. 4.4
noch zu diskutieren sein wird -, dass Redeeinleitungsformeln im Zusam-
menhang mit Götterbotschaften auch in Ugaril vorkommen; zum anderen
liegen mit den Belegen aus der ugaritischen Epik wiederum Gebrauchswei-
sen vor, die nichts mit dem diplomatischen Bereich zu tun haben (vgl. dazu
Kap. 4.2.1 und 4.2.8).
Die ugarilische Redeeinleitungsformel kann auch im Botenvorgang ver-
wendet werden - auch, nicht nur! -, analog zu unerweiterten alttestamentli-
chen ko 'ämar-Formeln (vgl. Kap. 5.3.1 ); dies zeigt der folgende Beleg aus
dem Kerel-Epos:
Keret KTU 1.14 V.l2-45; VJ.I-1517!
Dann rief 13 König Puba/ I. Erzählauftakt 11 '
laut :u 14 seiner Frau:
·Hiire doch 15 .... meine Frau.
{Z 16-29 sind sehr schlecht erhalten/ [4. Bericht über Beauftragung?)
·Dann 30 macht euch auf 5. Beauftragungsbefehl ( I)
J I ;:u Keret in sein Lager 2. Angabe des Adressaten +
J. Angabe des Zielones
J2 und sprecht zum noblen Keret: 5. Beauftragungsbefehl (2)
33 Eine Botschaft des Kiinigs Pubal: 6. Redeeinleitungsformel
34 ·Nimm Silber und 35 gelbes 7. Redetext
Gold samt seiner Schatzliammer
und 36 e1l"ige Sklaven. Offiziere.
J7 Pferde. Streitwagen.
J8 aus dem Hof Knechte! {1reiterer
Redetext in 39-45 /••
VI {Liide l'tm ca. 4 ZLilenj
I [:/u [Keret in .fein Lager} 8. Bericht über Uberbringung
2 Sie erhob[en ihre Stimmen und riefen.} 9. Redebericht
J ·Eine Botschaft des Kiinigs Pubal: II. Redeeinleitungsformel
4 •Nimm Silber und 5 gelbes 12. Redetext
Gold/ samt seiner Schatzkammtri
6 und ewige Sklaven, [Offiziere}.
7 Pferde. Streit[1ragen.J
8 aus dem Hof Knechte' [1\·eiterer
Redetext in 9-15/••

171 Trapper. Briefforrnular. 65.


m Text nach: Dietrich/Loretz. Keret-Epos. 12J0-12J I.
17 ' Die Bezeichnung der Einzelabschnitte des Vorgangs folgt Kap. 5.J.4.3.
126 Außeraluestamentliche Parallelen zur kö 'ämar-Formel

Hier haben wir eine deutliche Parallele zu dem Erzählmuster, das auch in
alttestamentlichen Texten zu finden ist (vgl. Kap. 5.3.4.3). Wichtig ist bei
diesem Text für die oben angerissene Frage nach einer Veronung der Rede-
einleitungsfonnein in einem diplomatischen Kontext, dass man hier sicher
nicht von einem solchen sprechen kann. Kontextuell befinden wir uns im
Bereich der Epik, und kotextuell thematisiert die Erzählung keinen diplo-
matischen Vorgang, sondern eine (einfache) Botschafts- bzw. Redeüber-
mittlung.
Für den ugaritischen Bereich bleibt also festzuhalten, dass es auch hier
ein gemeinsames Grund- und Funktionsmuster für Redeeinleitungsformeln
aus verschiedenen Bereichen gibt:
Typ (X=Sprecher):
Kole~tl ( ... ]: t~1m X: " ... " Kote~tl (... ]: Wort/Botschaft o.ii. des X: .... :·
Im Unterschied zu anderen Redeeinleitungsformeln fällt im Ugaritischen
die durchweg nominale Formulierung und das Fehlen eines kataphorischen
Elementes auf.

4.2.6 Vergleichsbereich Hethitisch

Es liegt nahe, bei der Erkundung der altorientalischen Redeeinleitungsfor-


meln auch das Hethitische einzubeziehen.m Im Bereich der Briefe finden
sich als Redeeinleitungsformeln im Präskript eigentümlicherweise akkadi-
sche Formeln. m
Die Formeln, die in hethitischer Korrespondenz gebraucht werden. fol-
gen zwei aus dem akkadischen Sprachraum entlehnten Typen:
..a) umma PN J-ma ana PN2 qihima .Folgendermaßen (spricht) PN I· Zu PN2
sprich!·
b) ana PN2 qihima umma PN J-ma .Zu PN2 sprkh! Folgendermaßen (sprich!)
PN I· '"176
Diese Formeltypen wurden oben (Kap. 4.2.4) bei den Erönerungen zu den
akkadischen Formeln bereits besprochen.

174 Vgl. zur hethitischen Briefliteratur die grundlegende Studie von Hagenbuchnc:r. Kor·

respondenz I. sowie Prechel. Orakelberichte. 53: .. Briefe gehören zu den in dc:r keilschriftli-
ehen Überlieferung des Hethiterreiches weniger gut bezeugten Textgauungen. lc:diglich cini·
ge Hunden Tontafeln bzw. Tontafelfragmente konnten bislang als solche idc:ntifiziert wer-
den:·
17 ~ Hagenbuchner. Korrespondenz I. 41: •.ln Hauusawird sowohl bei Briefen in hethiti·

scher Sprache als auch in akkadischer Sprache ausnahm.tlos die akkadische Formel ange·
wandt. ln welcher Sprache jedoch ein hethitischer Bote diese Einleitung [ ... ) den Adressaten
übermittelte. ist nicht bekannt. [ ... )ln hethitischer Übersetzung würde die Anrede kiS.Iun=mu
PNJ·.I PN2·i (Dat.) memi lauten:· [Hemll"hebung von A.W.]
176 Hagenbuchner. Korrespondenz I. 40. vgl. auch Kap. 2.4.
Außerbiblische. ko 'ämar entsprechende oder eng verwandte Formeln 127

Mit der Verwendung einer Formel aus einer anderen Sprache liegt ein
mit dem Beleg aus den Sefire-Inschriften vergleichbarer Sachverhalt vor;
auch dort wurde (in einem Fall) mindestens ein Teil der Formel (kh) aus
einer anderen Sprache übernommen (vgl. Kap. 4.2.3).

4.2.7 Vergleichsbereich Ägyptisch

Ägyptische Belege für eine Redeeinleitungsformel in Briefen sind nicht


bekannt. Die Berücksichtigung der ägyptischen Quellen ist dadurch er-
schwert, dass es bisher "keine alle Perioden umfassende Untersuchung"
gibt. 117 Allgemeinere Erwägungen lassen den Erkenntniswert ägyptischer
Texte für den vorliegenden Zusammenhang relativ gering erscheinen; der
Briefstil der älteren Epoche - Schwiderski weist auf die Untersuchung von
Bakir zu den Texten der 18.-21. Dynastie (zweite Hälfte des 2. Jahrtau-
sends) hin -unterscheidet sich sehr stark von den hier ansonsten zugrunde-
gelegten Texten; es finden sich dort keinerlei Redeeinleitungsformeln.""
Auch Verhoeven weist in ihrer Studie Post ins Jenseits: Formular und
Funktion altägyptischer Briefe an Tote keine Redeeinleitungsformeln als
Bestandteile des Briefformulars an Tote aus. 1""' Aus dem 10. und 6. Jh. sind
nach Caminos bis auf zwei hieratische Briefe (7. Jh.) kaum Briefe be-
zeugt;1110 demotische Zeugnisse liegen erst ab dem 6. Jh.v.Chr .. in dem sich
das Briefformular im akkadischen und kanaanäischen Bereich insgesamt
ändert, vor. So bleibt für Ägypten nur das (bisherige) Fehlen einer Rede-
einleitungsformet zu konstatieren.

4.2.8 Auswertung

Redeeinleitungsformeln finden sich also, mit Ausnahme des Ägyptischen,


in den meisten dem Althebräischen bzw. dem AT benachbarten Sprachen.
Konstruktion und Funktion lassen dabei auf ~emeinsame und konstante
Grundstrukturen schließen (vgl. nachstehende Ubersicht): Die Einleitungs-
formeln direkter Rede stellen Formein/Kleintexte bzw. Teiltexte dar. die
sprachübergreifend an identifizierbaren und konstanten Kernelementen zu
erkennen sind:
- sie haben ein kataphorisches oder funktionsäquivalentes Element;
- verbal sind sie meist mit einem Verb in der Bedeutung von sprechen
konstruiert; nominale Formeln arbeiten mit semantischen Äquivalenten;

177 Schwiderski. Handbuch. 276.


17" Vgl. Schwiderski. Handbuch. 276; Bakir. Epistolography.
1 ~' Vgl. Verhoeven. Post ins Jenseits.
1110 Caminos. Brief. 857.
128 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'änrar-Formel

sie geben immer den eigentlichen Autor/Sprecher/Absender an;


- sie kommen nur als Textteil vor. sind also nicht selbständig;
sie leiten immer eine direkte Rede ein;
sie sind als Textform ohne weiteres von der einen in eine andere Spra-
che zu übertragen, wenn auch sprachliche und funktionale Eigenheiten in
der einen oder anderen Sprache auftauchen (z.B. nur nominale Formulie-
rungen im Ugaritischen); deutlichstes Indiz dafür ist die trilinguale Behis-
tun-lnschrift, in der auch die Redeeinleitungsformeln dreisprachig sind.
- deutliche Hinweise für die Internationalität geben die Formeln aus den
Amarna-Texten: akkadische Formeln im kanaanäischen-ägyptischen Kon-
text; eine transnationale Erscheinung stellen auch die in hethitischen Brie-
fen gebrauchten akkadischen Formeln dar; vgl. auch die kanaanäisch-hebrä-
ische Interferenz (kh stau kn in der Redeeinleitungsformel) in der aramäi-
schen Inschrift von Sefire (vgl. Kap. 4.2.3).
kataphori- verbale nominale im Erzähl- Brief- im erzähl-
sches Formulie- Formulie- texi/Briefin anfang ten Boten-
Element rung rung nern vorgang
Außerbibl. - belegt - - belegt -
ln~ !knn.
Hebräisch
m&nrt\ilnd
IC I aLI' Se-hrt
hiRlU. ''fl IUp
.&.!J•I
Edomit.. kh (?) belegt - belegt belegt -
Moabit..
u.ä.
Aram. kn belegt - belegt belegt -
Akk. wmna. belegt belegt (nur belegt belegt -
kiam (umma) 111111110)
Ugarit. - belegt belegt belegt belegt
(Kap. 4.4)
Heth. gebraucht gebraucht - - belegt -
Akk. Akk.
umma tmuna
Bibi. H~br. kh b~l~gt I ni~ mit b~l~gt b~l~gt belt'gt
(1•gl. Kap. ( kö 'timar) hi. l'g/.
5 u.6) ".,"",
yltll'lt./

Diese Formeln sind daher als Exemplare einer übereinzelsprachlichen.


transnationalen Textsorte anzusprechen.'"' die man folgendermaßen be-
schreiben kann:

1" 1 Auf die übereinzelsprachliche Qualität von Textsonen haben Coseriu und Hanmann

hingewiesen: Texte (z.B. literarische Gattungen) haben eigene Traditionen .. unabhängig von
einer bestimmten Sprache" (Coseriu. Textlinguistik. 40); vgl. oben Kap. :U.I 0. Beispiele für
übereinzelsprachliche Textsonen sind: Weisheitssprüche. Fiircht~ didr nicht- Formeln etc.
Außerbiblische, ko 'iimar entsprechende oder eng verwandle Formeln 129

Es handeil sich um eine Einleitungsformel für nachfolgende (als ge-


sprochen oder geschrieben vorgestellte oder dargebotene) direkte Rede,
in der der eigentliche Sprecher/Autor/Absender etc. der direkten Rede
genanm ist und innerhalb derer mit lexikalischen (z.B. einem katapho-
rischen Element wie hebr. kh) oder funktionsadäquaten Mitteln (z.B.
Stellung vor der direkten Rede) auf die unmittelbar nachfolgende Rede
verwiesen wird. Solche Formeln finden sich in verschiedenen Ko- und
Kontexten mit entsprechend unterschiedlichen Binnenfunktionen (und
Formen). Die Formeln stellen unselbständige Teil!exte dar und kommen
daher nur in Zusammenhang mit weiteren Texteinheiten vor. Die Text-
teilstellung ist regelhaft; Formeln mit kataphorischem Element stehen
immer vor der direkten Rede. Aufgrund der erkennbaren Konstanz in
der Formation der Elemente, in der Disposition der Formel als Teil!ext
und in der basalen Funktion (als Redeeinleitung) ist die Formel als ei-
gene Kleintextsorte, als Redeeinleitungsformel ausgewiesen.
Aus der Erkenntnis der Kleintextsorte Redeeinleitungsformeln ergeben sich
nun schon einige Folgerungen:
- Die seit Köhler bestehende Vermutung, dass auch die der ko 'ämar-For-
mel vergleichbaren außeralttestamentlichen Formeln nach dem Muster von
Texten wie Gen 32 als ,.Botenformeln" zu deuten seien, kann nicht bestätigt
werden: weder sind die außeralttestamentlichen Formeln funktionsgleich,
noch kommen sie aus soziologisch oder gattungsmäßig festgelegten An-
wendungsbereichen. Nur vereinzel! im außeralttestamentlichen Kontext (zu
Ugarit vgl. Kap. 4.2.5) sowie in alltestamentliehen Texten (vgl. Kap. 5)
werden solche Formeln auch innerhalb von Texten gebraucht, die einen Bo-
tenvorgang wiedergeben. Der Gebrauch im Botenvorgang stell! somit nur
eine Teilmenge aus dem Funktions- und Anwendungsspektrum dieser For-
mel dar und darf nicht als Deutekriterium für alle Formeln verwendet wer-
den. Die Formel hat keinen festen Gebrauchskontext. schon gar nicht den
des Botenvorgangs; jeder Automatismus (nach dem Motto: sobald eine so
spricht-Forme! auftaucht, handeil es sich um einen Botenvorgang) muss
also vermieden werden.
- Auch die These, dass die ko 'ämar-Formel aus dem diplomatischen Be-
reich kommt, 1" 1 entspricht nicht dem Vorkommen der altorientalischen so
spricht-Formeln. Was sich für die außeralttestamentlichen allhebräischen
und verwandten Formeln gezeigt hat (Kap. 4.2.1 ). war auch für die entspre-
chenden Formeln der altorientalischen Kontexte aufzuweisen. Die Redeein-
leitungen sind so breit und in den verschiedensten Ko- und Kontexten be-
legt. dass von einer Herkunftsbestimmung aus dem Bereich der Diplomatie
bzw. des diplomatischen Boten-/Schriftverkehrs nicht ausgegangen werden

'"~ Vgl. die in Kap. 4.2.1 angefühnen S1a1emen1s von: Zenger, EinleiiUng. 376; Jeremias.
Amos. 9; ders., Proprium. 23; Ebach. Prophelismus. 350.
130 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ämor-Formel

kann. 1"' Damit verbunden ist die Feststellung, dass es auch keine einheitli-
chen Textformen und Inhalte nach den Redeeinleitungsformeln gibt. 1..
Zeitliche Übersicht:
2. Jtsd. 9. Jh. 8. Jh. 7. Jh. 6. Jh. 5. Jh.
v.Chr. v.Chr. v.Chr. v.Chr. v.Chr. v.Chr.
breite Be- -> -> -> ab dem 6.
zeugung Jh. neue
imakk .. Briefein-
heth .• uga- gangsform
rit.Sprach- elim
raum. auch Aide .. s.u.
in Palästi-
na (z.B.
Amarna-
Briefe)
Aram. Briefe Briefe KAI267:
Belege: 264
? Tell Deir
'AIIa
_(_8. Jh.)?
Außerbibl. Kuntillet Beleg aus Wadi
hebr. 'Agnid Sefire I C Murah·
Belege: I ha'at
Moabit mar:eaiJ-
Belege: Papyrus
Edomit. f:lmTat
Belege: 'Uza (7./6.
Jh.)
Ammonit. Tell el-
Bele2e: Ma:är
Phöniz. Saqqura
Belege:
ab dem 6.
Jh.neue
Briefein-
gongsform
el im ka-
naan.
Raum. vgl.
Kap. 4.2.1

1"' Das schließt auch die These von Steck ein. dass als nächstliegende formgeschichtliche

Parollelen zu den Prophetenbüchern des AT Aufzeichnungen von Königsboten heranzuziehen


wären (vgl. Steck. Gott. 158-159). Diese Analogie kann man über die Verwendung und das
Vorkommen der Redeeinleitungsformeln (allein) nicht begründen. wie Steck es im Sinn hat.
1-. Diese Beobachtung wird auch von den Untersuchungen Greenes bestätigt. vgl. Gree-

ne. Role. 75.


Sind Redeeinleitungen in Briefen .. Botenfonneln"? 131

Die zeitliche Übersicht zeigt ganz deutlich, dass nach einer breiten Bezeu-
gung im 2. Jahrtausend v.Chr. vor allem im akkadischen Sprachraum (auch
auf palästinischem Gebiet, vgl. Amarna-Texte) Redeeinleitungsformeln in
den nordwestsemitischen Sprachen seit dem 9. Jh. v.Chr. vorfindlieh sind;
die Bezeugung im Akkadischen läuft parallel dazu weiter. In genetischer
Hinsicht sind die Redeeinleitungsformeln (ihrer Grundstruktur und Grund-
funktion nach) somit weder als genuin israelitische bzw. alttestamentliche
Schöpfungen anzusprechen noch ist ihr alttestamentliches Vorkommen auf-
grund einer außeralttestamentlichen Evidenz auf einen bestimmten Zeitab-
schnitt des sukzessive entstehenden AT, etwa den der exilisch-nachexili-
schen Zeit, festzulegen; von der äußeren Bezeugung und möglichen äuße-
ren Einflüssen her sind Übernahmen der Formel in jedem Abschnitt des für
Israel und das AT relevanten Zeitraumes (bes. des l. Jahrtausends v.Chr.)
vorstellbar.
Wie sich vor allem in Kontrast zum Feld der ko 'ömar-Fonneln des AT
zeigen wird, war in keinem anderen sprachlichen Bereich eine große Sin-
nenvariation an Fonnein zu beobachten; die Formeln des Akkadischen biet-
en hierzu vielleicht noch am ehesten Parallelen, doch sind auch hier die
Formen und Funktionen nicht so klar geschieden, wie sich das für das Bib-
lische Hebräisch zeigen wird. Auf diese Tatsache wird zu achten sein, da es
die Gründe für die Entstehung des differenzierten Formelfeldes des Hebräi-
schen herauszufinden gilt.

4.3 Sind Redeeinleitungen in Briefen "Botenformeln"?"'

In Kap. 4.1 wurde schon kurz auf die Diskussion hingewiesen, ob Rede-
einleitungen in Briefen als verschriftlichte "Botenformeln" aufzufassen sind
oder nicht. Von Köhler bis Ellermeier haben Ausleger immer wieder darauf
hingewiesen, dass Briefe, die mit einer Redeeinleitungsformel beginnen.
"nichts anderes als ein geschriebener Botenspruch" seien. 1"" Der mündliche
Vorgang sei dabei dem Brief entstehungsgeschichtlich vorgeordnet.

1' ' Zuweilen wird im akkadislischen Konleltl der lmperaliv im Briefeingangsformular als

.. B01enformel" bezeichne!, e1wa bei Sallaberger. ln1erak1ion. 2:1: .. Der lmperaliv qibi »sprich«
isl an den Bolen gerichlel. der den Brief dem Adressalen überbringl, demgemäß wird die
Adresse auch als » BOlenforme I« bezeichne!." Auf diesen 1erminologischen und begrifflichen
Unlerschied gegenüber dem e11ege1ischen Gebrauch isl zu achlen; vgl. dazu Wagner. Bole.
8-9.
"'" Köhler. Deulerojesaja. 102. Vgl. auch Ellenneier. Prophe1ie. III: ... So [sagl) y· ver·
weisl auf den Ursprung: die SiiUalion der Bolensendung,." Vgl. auch KAI II. 68: .. Der Brief
venrill den Bolen. häh aber die Fiklion des mündlichen Ubenninelns aufrechl."
132 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Fonnel

Die Befürworter dieser These gehen davon aus, dass die Redeeinlei-
tungsformeln im Brief der "Botenformel" aus dem mündlichen Botenge-
schehen entsprechen. Zuweilen geht diesen Formeln ein Botenbefehl vor-
aus, so dass im schriftlichen Text (Brieftext) die Grundsituation von Boten-
beauftragung und "Botenformel" vorliegt, wie sie für einen Botenvorgang
nach dem Muster von Gen 32 und anderen Texten typisch ist (vgl. dazu u.
Kap. 5.3.6). Diese Auffassung lässt sich durch einen Text aus Mari illustrie-
ren, den schon Noth als Beispiel für eine Parallele zum Botenvorgang he-
rausgestellt hat und der oben schon besprochen wurde,'"' nämlich ARM Ili
40;'"" in diesem Text findet sich die beschriebene Struktur von Botenbefehl
und "Botenformel":
I Zu meinem Herrn [sc. dem König Zimrilim) sprich: Botenbefehl
2 So (umma) Kibri-Dagan, dein Diener: .. Botenfonnel'"
Inhalt: [... ) 7 An dem Tage, an dem ich diesen meinen Botschaft
Brief :.11 meinem Herrn bringeil ließ[ ... )
Diese Struktur zeigen viele ähnliche Brief-Texte, vgl. die oben in den Kap.
4.2.1 ff angeführten Beispiele.'""
Die Wertung solcher Strukturen in Briefeingängen als verschriftlichte
Botenvorgänge wurde durch Meier für das Akkadische bestritten. Wie in
Kap. 2.3.2 ausgeführt plädiert er für eine Betrachtung des Phänomens der
Redeeinleitungsformeln, die nicht vom Botenvorgang her denkt. Hauptar-
gument Meiers ist, dass umma in den vorfindliehen akkadischen Texten
vielfältig verwendet wird und nicht nur bzw. nie (Meier schwankt hier et-
was) als "Botenformel" gebraucht wird: Nie, da Meier es in Briefanfängen
nicht in Analogie zum mündlichen Botenvorgang, sondern als ..epistolary"
versteht, "!hat begins a written message in Babylonian".''"' Nicht nur, weil
nach Meier umma doch wenigstens in einigen Fällen im Botenvorgang vor-
kommt: .. Both umma and PN ir:l~ :-T~ may appear in messenger contexts
but they occur even more frequently in other contexts that have nothing to
do with messenger activity." 1'' 1 Insgesamt liegt für Meier die Sache so. dass
das Akkadische mit 11mma keine "Botenformel" habe, die im Besonderen
auf die Weitergabe von Botschaften hinweist; das in den Briefen belegte
umma ist für ihn nicht mit dem Auftrag verbunden, zu jemand anderem zu
sprechen, wie es beim Gebrauch einer "Botenformel" analog zu Gen 32.5
zu erwarten wäre: "This is not a commissioning to speak to another as is re-
quired of ,the messenger formula' as used in a locus such as Gen 32:5.""'!
Umma ist für Meier Zitateinleitung wie kiam iqbi (und Variationen): "Um-

'"' Vgl. Noth, Geschichte und Gouesworl. 236.


'"" Übersetzung in Anlehnung an: AEM I. I, 449-450 (danach auch Zeileneinteilung I.
1"'1 Vgl. Greene, Role, 45-76 (mit etlichen Belegstellen); vgl. auch Sallaberger. lnterakti·

on. bes. 22-24.


1"'1 Meier. Speaking. 284.

" 11 Meier. Speaking. 284.


"'! Meier. Speaking, 286.
Sind RedeeinteilUngen in Briefen .. Botenforrneln"? 133

ma is the Standard introduction for any type of quotation in Babylonian


(outside of Poetry)."'") So lässt sich Meiers Position folgendermaßen zusam-
menfassen: (a) Die so (spricht o.ä.)-Formeln des Akkadischen sind nicht
von einem festen Gebrauchskontext Botenvorgang her zu verstehen; diese
These Meiers kann von den Ergebnissen aus Kap. 4.2 bestätigt werden. (b)
Da das Akkadische somit keine ..Botenformel" hat, können Briefe auch
nicht vom Botenvorgang her interpretiert werden.
Nun sind bei der geschilderten Problematik, die die Deutung der Briefe
bzw. Briefeingänge betrifft, zwei Fragen ineinander verschränkt, die aus-
einander gehalten werden müssen; beide oben skizzierten Positionen ( Köh-
ler und Nachfolgende einerseits, Meier andererseits) schenken dieser Ver-
schränkung zu wenig Beachtung:
- Zum einen muss die Analyse auf die vorfindliehen Texte - die Briefe -
gerichtet sein, die sicher nicht einfach verschriftlichte Botenvorgänge sind;
wie die Entwicklung des Briefformulars mit seinen z.B. bei den Amama-
briefein Je iIungen unterschied I ichen Präskriptformulierungsmöglichkeiten
nahe legt, haben sich im Medium Brief bereits verschiedene Konventionen
ausgebildet (z.B. die Anordnung der Präskriptbestandteile zum Ausdruck
des Absenderranges), die eigene Aussagemomente tragen; die Tatsache,
dass die Anordnung der Präskriptbestandteile eine große Rolle spielt (vgl.
oben Kap. 4.2.4), spricht dafür, dass diese Konventionen erst auf schriftli-
cher Ebene ausgeformt worden sind. So sind Briefe mehr als nur verschrift-
lichte Botenvorgänge, sie sind verschriftlichte Botenvorgänge, die sich be-
reits im Medium der Schrift weiterentwickelt haben. Aufgrund dieser Ei-
genentwicklung kann man Briefe, wie Meier es tut, von mündlichen Boten-
vorgängen absetzen und darauf bestehen, dass Briefe im oben beschriebe-
nen Sinn mehr sind als nur verschriftlichte Botenvorgänge. So kommt die
Position Meiers zu ihrem Recht. Wertet man dann noch die Formeln der
Briefpräskripte als bereits echte schriftliche ("epistolary") Formeln, dann ist
der Brief in der Tat weggerückt vom mündlichen Botenvorgang. 1''"
- Zum anderen ist die Frage der Herkunft der im Briefeingang vorfindli-
ehen Formeln zu stellen. Und hier hat die Position Köhlers u.a. ihre Stärke.
Eine historische Herleitung des Briefpräskripts aus einem mündlichen Bo-
tenvorgang dürfte immer noch die wahrscheinlichste Erklärung für ein
Briefpräskript mit so (spricht o.ä. )-Formeln sein. 1"\

"" Meier, Speaking. 284.


"'" So auch das Fazit von Schwiderski. Präsenz. II 0-112.
1''' Auch Sallaberger. Interaktion. 23. geht davon aus. dass sich im Briefpräskript die

Botensituation spiegelt: s.E. ist der .. Imperativ qihi »Sprich« [... J an den Boten gerichtet", das
Briefkorpus selbst ist aber an den Empf:inger direkt gerichtet. wie an den Anreden erkennbar
ist. A.a.O.: .. Dieses Formular läßt sich [... ] historisch aus der Formulierung sumerischer
Briefe im 3. Jahnausend herleiten. die insgesamt als Botenauftrag an den in der 3. Person
bezeichneten Adressaten formulien sind.""
134 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

Auch die Tatsache. dass in den vorfindliehen Texten mit so (spricht


o.ä.)-Formeln kein einheitlicher und fester Bolen-Gebrauchskontext vor-
liegt. spricht nicht zwingend gegen die Möglichkeit. die so (spricht o.ä.)-
Formeln etwa des Akkadischen (in Briefen). - zumal in Formulierungen
mit umma (s.o. Kap. 4.2)- mit dem Botenvorgang genetisch in Verbindung
zu bringen. Allerdings muss man das gesamte Briefpräskript einbeziehen,
man darf sich nicht auf die so (spricht o.ä.)-Formeln beschränken. Das Prä-
skript eines altbabylonischen Briefes besteht ja nicht nur aus umma + Ab-
sendername, sondern enthält auch den Auftrag (Imperativ) zum Adressaten
zu ~rrechen. An wen wendet sich dieser Auftrag? Doch wohl an den
Schreiber/Überbringer/Vorleser. der das leistet, was im rein mündlichen
Vorgang der Bote geleistet hat.''"' Außerdem ist zu bedenken, dass es sich
um den Imperativ qibima/sprich handelt: die Aufforderung sprich (und
nicht lies bzw. lies vor o.ä.) weist doch wohl auch auf die Herkunft aus dem
mündlichen Bereich: die Formel aus Imperativ (von spreche11) + Adressat
ist aufgrund ihrer Geprägtheil auch in den schriftlichen Bereich übernom-
men worden, obwohl sie dort sachlich nicht recht am Platz scheint: erst in
späterer Zeit - was auch immer heißt: mit zunehmender Schriftlichkeil -
ändert sich auch der Briefeingang: in neubabylonischen Briefen lauten die
Briefeingänge- ganz schriftsprachlich -meist .. Brief des N.N. an N.N."."17
Die Argumentation kann also nicht allein bei umma ansetzen, sondern muss
das gesamte Einleitungsformular umfassen. Berücksichtigt man aber das
gesamte Formular (mit: Botenbefehl - .. Botenformel" - Botschaft). dann ist
eine Herleitung aus Botenvorgängen (wie in Gen 32) doch möglich.''"
Die These von der (genetischen) Verbindung der Präskript-Redeeinlei-
tungsformeln mit dem Botenvorgang wird auch von der allgemeinen Ein-
sicht gestützt, dass der Botenvorgang einen der grundlegenden Informati-
onsübermittlungsvorgänge im Alten Orient darstellt. Greene und Meier
selbst haben in jeweils breit angelegten Untersuchungen nicht nur Briefe
etc. ausgewertet, sondern sind vielerlei Berichten, Thematisierungen. Bo-
tenbeauftragungen. direkten und indirekten Zeugnissen von Boten und Bo-
tenvorgängen im AO nachgegangen.''" Sie haben den Botenvorgang als

''"' So sieht das auch Tropper. Briefformular. 65: .. Der Imperativ rgm .sprich!"- er steht
an der Stelle. wo akk. Briefe die Imperativform qibi-ma bezeugen - ist abgeleitet von der
Wurzel 'lrgm, dem gewöhnlichen Verb für ,sprechen· im Ug. Er impliziert, daß der Bote die
Briefbotschaft mündlich vonragen soll, und zwar den gesamten Wonlaut der Brieftafel mit
Ausnahme des Briefkopfes, einschließlich der Prostrationsformel. Der Bote spricht in der ers-
ten Person. als wäre er selbst der Sender:·
1'17 Vgl. Ebeling, Briefe aus Uruk: Ebeling. Briefe.

'''" Auch im alttestamentlichen Hebräisch spricht alles dafür. dass Briefe. deren Briefrede
(Jer 29) mit derselben kö 'ämar-Formel eingeleitet wird wie eine Botenrede (vgl. Kap. 5.:1.1 ).
in analoger Weise zu behandeln sind.
'"' Vgl. Greene. Rote: Meier. Messenger: ergänzt wird die Arbeit Meiers durch: ders ..
Speaking.
Sind Redeeinleitungen in Briefen .. Botenfonneln··? 135

einen grundlegenden Vorgang herausgestellt. wie er in den Kulturen von


Sumer. Babylonien und Assyrien. Ugarit, Ägypten bis zu den Hethitern u.a.
von frühester Zeit an üblich war. .. Messengers--if one takes this Iiterature
seriously--were important in the ANE societies vo11 der Wiege bis zur Bah-
re!"!<"' Es ist daher nicht verwunderlich, wenn dieser fundamentale Vorgang
den medialen Wechsel von der Mündlichkeil in die zunehmende Schrift-
lichkeit der Kultur mitvollzieht.
So lässt sich also die altorientalische so (spricht)-Formel des Briefprä-
skripts vom Ursprung her relativ ungezwungen aus dem Botenvorgang ab-
leiten. Andere Ableitungsmöglichkeiten kommen kaum in Frage und wur-
den auch kaum erwogen; Lindbiom nahm als eine Wurzel seiner Orakel-
formel Proklamationstexte in Anspruch;:!()' doch konnte er dabei fast nur auf
persische Inschriften verweisen (etwa die Darius-lnschrift von Behistun:!O!).
Meier hebt in diesem Zusammenhang ganz richtig hervor. dass der Ge-
brauch der so (spricht)-Formel im .. royal proclamation style" beschränkt ist
,.to the Persian period";m es kann sich daher kaum um eine grundlegende
Wurzel der ko >ämar-Formel handeln. Der Proklamationsstil ist zwar auch
für das Verständnis der alttestamentlichen ko >ämar-Formeln von Bedeu-
tung. aber nur. was das häutige Vorkommen bei den späteren Propheten
wie Ezechiel und Jeremia angeht (vgl. Kap. 6.2.5.5), nicht was die Herkunft
der so (sprichr)-Formel im Präskript anbelangt.
Die Herleitung des Briefpräskripts bzw. der so (sprichr)-Formel des
Briefpräskripts aus dem mündlichen Botenvorgang darf allerdings nicht he-
rangezogen werden, um sämtliche so (spricht)-Formeln - auch die außer-
halb von Briefen vorfindliehen - (genetisch) zu erklären. Da es sich bei der
so (spricht)-Formel nicht um eine Formel mit festem Gebrauchskontext
handelt. kann man kaum eine monokausale Entstehung - etwa den mündli-
chen Botenvorgang - erwägen. Redeeinleitungsformeln außerhalb von Bo-
tenvorgängen dürften eher aus der allgemein-kommunikativen Notwendig-
keit heraus denn aus Botenvorgängen entstanden sein. indem sie Äußerun-
gen eines anderen auf den eigentlichen Absender zurückführen. der eben
nicht mit dem Sprecher identisch ist.

1<• 1 Greene. RoJe. 40.


!<II Vgl. Lindblom. Literarische Gauung. 103-104.
!<I! Vgl. Borger/Hinz. Behistun-lnschrifl.
1< 1' Meier. Speaking. 298; vgl. auch 291-298.
136 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

4.4 Finden sich Redeeinleitungsformeln schon


außeralttestamentlich in prophetischen Texten?

Im letzten Teil des Vergleichs alttestamentlicher ko 'ämar-Formeln mit ver-


gleichbaren außeralttestamentlichen Formeln soll nun gefragt werden. ob
sich diese auch in Texten, die unter dem Stichwort .. prophetische Literatur"
diskutiert werden, finden. Dahinter steht die Frage, ob die für die alttesta-
mentliche prophetische Verkündigung charakteristische Verwendung von
Redeeinleitungsfonneln ein Proprium Israels darstellt oder nicht. .. Prophe-
tisch" soll dabei nach folgender Definition Weipperts bestimmt sein:
,.Ein(e) Prophet(in) ist eine Person männlichen oder weiblichen Geschlechts. die
I. in einem kognitiven Erlebnis, einer Vision, einer Audition, einem Traum o.ä ..
der Offenbarung einer Gottheit oder mehrerer Gottheiten teilhaftig wird. und
2. sich durch die betreffende(n) Gottheit(en) beauftragt weiß, die Offenbarung
in sprachlicher oder metasprachlicher Fassung an einen Dritten, den eigentli-
chen Adressaten. zu übermitteln." 11].1
Die Textgruppe, die im Zusammenhang mit solchermaßen prophetischen
Parallelen bisher am intensivsten diskutiert wurde, ist die Gruppe der Mari-
Texte (vgl. auch Kap. 4.2.4).11!~ Diese Texte stammen aus dem 18./17. Jh.v.
Chr.; sie sind damit zeitlich den alttestamentlichen Texten eindeutig voraus-
gehend. Hier ist auf Texte einzugehen, die als Briefe an den König fonnu-
liert sind und in denen eine Botschaft von einem mub&iim an den König mit
einer Redeeinleitungsfonnel eingeleitet ist:!O<>
ARM.T XIII 112
Wort des Kibri-Dagan:
I Zu meinem Herrn [sc. dem König Zimrilim] sprich: Imperativ
So (um-ma) Kibri-Dagan, dein Diener: Redeeinleitungsformel
Inhalt:[ ... ] 5' An dem Tage, cm dem er diesen Traum Bericht über den
schallte, sprach er zu niemandem (davon). mubbum
am folgenden Tage schaute er wiederum den Traum:
Wort des mubbum:
8' So der Gott (um-ma-a-mi AN-Ium-ma): Redeeinleitungs-
formel (.. Boten-
formel")
9' Baut dieses Haus nicht Inhalt der
[ ... ) Botschaft

Weippert. Aspekte. 289-290; vgl. auch Nissinen. Relevanz. 218-222.


11J.I
M Vgl. Anm. 6 und 208; außerdem: ARM; Heintz. Index documentaire des textcs d.:
Mari; ders .. Bibliographie de Mari; Young. Mari: Lafont. Messagers; Cagni. Profezie: Gaher.
Religion: Lemaire. textes propht!tiques: Manhews. Messengers.
11 "' Übersetzung in Anlehnung an und akk. Text nach: Durand. Archives 1.1. 476 (danach
auch Zeileneinteilung); vgl. auch Ellermeier. Prophetie. 45.
Redeeinleitungsfonneln außeralttestamentlich in prophetischen Texten? 137

Ähnlichkeiten solcher Texte aus Mari wie dem voranstehenden (mit umma
+ Absender als Redeeinleitungsformel vor der prophetischen Botschaft) und
alttestamentlichen Prophetentexten (mit der ko 'ämar-Formel als Redeein-
leitungsformet vor der prophetischen Botschaft) sind so auffallend, dass sie
schon früh gesehen wurden. Schon 1949 hat Noth daher sagen können:
.. Unverkennbar aber ist die Ähnlichkeit jener Gottesboten vom mittleren Euph-
rat mit der Art des Auftretens der alttestamentlichen Propheten. Auch sie geben
sich ja ganz eindeutig als Boten Gottes; auch sie verkünden ungefragt und un-
gebeten das Wort, das ihnen jeweils aufgetragen ist. Die übliche Einführung ih-
rer Worte: ,So hat Jahwe [sie!] gesprochen' ist die herkömmliche Botenspruch-
fonnel [... I. " 207
Hinter dieser Wertung steht allerdings die auch von Noth unbezweifelte
Anschauung von einem Botenvorgang, der durch die Präsenz einer ..Boten-
formel" evoziert wird. Nimmt man von dieser Annahme, dass die Redeein-
leitungsformet als ,.Botenformel" verstanden wird, allerdings einmal Ab-
stand - wie sich das nach den bisher angestellten Erörterungen nahe legt -
so besteht die Analogie zwischen diesem Mari-Text und alttestamentlichen
Prophetentexten zunächst einmal nur in einer in beiden Fällen vorkommen-
den Redeeinleitung; ob diese Gemeinsamkeit als Indiz desselben Grundver-
ständnisses gelten kann, ist zwar zu fragen; es darf aber nicht vorschnell ein
gemeinsames und gleichartiges Botenverständnis (der Bote als wortgetreuer
Ausrichter einer ihm aufgetragenen Botschaft) vorausgesetzt werden.
Zunächst will ich auf Verschiedenheiten zwischen den alttestamentli-
chen Propheten und den Mari-Propheten hinweisen. 20" Unterschiede beste-
hen vor allem im Inhalt der Verkündigung: Alttestamentliche Prophetie
geht .. in ihrer Tiefe und Grundsätzlichkeil weit über das hinaus, was wir
von den Worten der Gottesboten von Mari wissen"; besonders die Aussa-
gen der Schriftpropheten des Alten Testaments lassen sich .. mit den Aussa-
gen der Gottesboten von Mari inhaltlich nicht mehr vergleichen"; in ihren
Texten ..geht es um Schuld und Bestrafung. um Sein oder Nichtsein, um
Gegenwart und Zukunft des israelitischen Volkes als eines von Gott zu be-
sonderem und einmaligem Dienst ausersehenen Volkes, um eine Erklärung
des gegenwärtigen großen und bewegten Weltgeschehens als eines nach
dem Willen Gottes sich vollziehenden Ablaufs der Dinge, der einem gottge-
wollten künftigen Ziele zugeführt werden soll" ..?t>~ Ähnlich Koch: ..Allein im

!<" Noth. Geschichte und Gotteswort. 2.l8.


!o• Hier ist nicht der Ort. das Verhältnis von Mari-Prophetie und alttestamentli,her Pro-
phetie grundsätzlich zu erörtern; eine solche Erörterung müsste differenzierter geschehen als
es in dem Statement von Noth zum Ausdruck kommt. vgl. etwa Koch. Briefe; Noort. Unter-
suchungen; Sasson. Vision; Schmitt. Gottesbescheid; Malamat. Forerunner; ders .. New Light;
Loretz. Entstehung; Parker. Attitudes; Jcremias. Proprium; Durand. proph~ties: Huffmon. Ell-
pansion; Malamat. Mari; Köckert/Nissinen. Propheten. Dann müssten auch Fragen der Kult-
prophetie. des spontanen und/oder erfragten Verkündigens usw. diskutiert werden.
2"' Noth. Geschichte und Gottcswort. 24 I.
138 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ömar-Formel

hebräischen Sprachraum erheben Profeten den Anspruch. die entscheiden-


den, von Gott autorisierten Deuter der Gegenwart wie der Zukunft, ja selbst
der vergangenen Geschichte zu sein."! 1" Zu solcher Entfaltung fundamen-
taler Geschichts- und Existenzfragen ist es in Mari nicht gekommen. Koch
vermutet, dass dies an der Diskrepanz zwischen "Weissagung und Erfül-
lung" gelegen haben könnte, nämlich der Weissagung eines großen Sieges
des Zimrilim über Harnmurabi von Babyion und der nicht eingetretenen
Erfüllung bzw. der Zerstörung Maris durch Hammurabi.
"Vielleicht hat diese Diskrepanz zwischen Weissagung und Erfüllung dazu bei-
getragen. daß auf Jahrhunderte hinaus jede weitere Nachricht von profetenähn-
lichen Gestalten in Syrien fehlt. Die ugaritischen Texte. die über die Verhältnis-
se im 13. Jahrhundert Aufschluß geben, bezeugen zwar noch eine intensive
Verehrung des Gottes Addu von Aleppo. der in den Maribriefen eine wichtige
Quelle inspirierter Äußerungen gewesen war; doch sie lassen nichts davon er-
kennen. daß der Gott noch durch Orakel auf menschliche Geschichte ein-
wirkt."!11
Vom Typus und von den Sprachformen her ist die Mari-Prophetie bisher
die der alttestamentlichen Prophetie am nächsten verwandte prophetische
Erscheinung. Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Grundverständnis
der Propheten wurde (s. z.B. o. bei Noth) immer wieder auf den Gebrauch
der so (spricht)-Formel verwiesen, um auch das Selbstverständnis der Mari-
Propheten als das von Boten zu bestimmen. Hier ist allerdings auf einige
Probleme und Unterschiede gegenüber der alttestamentlichen Literatur zu
verweisen, die inzwischen deutlich hervorgetreten sind:
Entgegen der oben zitierten Ansicht Noths ("Die übliche Einführung
ihrer Worte: ,So hat Jahwe [sie!] gesprochen' ist die herkömmliche Boten-
spruchformel") ist die so (spricht)-Formel als Einleitung der von den Bol-
schaftsvermittlern wiedergegebenen Prophezeihungen und Weisungen eher
selten: "In den prophetischen Maribriefen wird jedoch von der Botenformel
mit der Gottheit als Sprecher sparsam Gebrauch gemacht."!l! Mit Noort
sind aus allen Mari-Texten letztlich nur wenige Belege anzuführen, die eine
Redeeinleitungsformel mit einem Gott als eigentlichem Absender haben;
neben dem oben angeführten finden sich noch die drei folgenden Texte:!~'

ARM.T XIII 112 (Z.8), s.o.


8 C'etaitle dieu (qui parlait) [um-ma-a-mi ilum(/um)-ma]: ..... "

Koch. Profeten I. 62.


llo
Koch. Profeten I. 60.
111

m Noon. Untersuchungen. 31.


w Vgl. Noon. Untersuchungen. 31.
Redeeinleitungsformeln außeralttestamentlich in prophetischen Texten? 139

ARM X 7 (Z.7)
5 Dans Je temple d' Annunitum, avant-hier.
6 Selibum
7 s'est mis a vaticiner. Ainsi (a parle) Annunitum (um-mu An-nu-ni-tum-mu):

ARM X 9 (Z.I8)
18 Le dieu Ea en personne a dit (um-ma ''E-a-ma): ..... "
Diesen Belegen, die Noort 1977 angeführt hat, sind aus seitdem erschlosse-
nen Texten ("new material"11 •) zwar noch zwei weitere (s.u.) an die Seite zu
stellen, doch hat sich dadurch das Faktum des äußerst geringen Vorkom-
mens an Redeeinleitungsformeln, die die nachfolgende Rede auf einen gött-
lichen Absender zurückführen. in den prophetischen Maritexten nicht
grundlegend verändert:
ARM XXVI (AEM 1). 205
Dagan has informed (me), as follows (''da-gan 1i-sa-hi-:a-[an-nil um[mlu-a-mi):
u,!l~

ARM XXVI (AEM 1). 194


[Sp]e[ak t]o Z[i]mri-L[im. T]hus (says) the äpilu ([ulm-ma a-pf-lum) [olf
[Shama]sh:
..Thus (says) Shamash (um-ma-a dutu-ma): , ... ' [... 1
And furthermore, thus (says) Shamash (um-ma-a dutu-ma): , .. .' [... j."~ 1 •
Es ist also bis heute bemerkenswert, dass sich nur sehr wenige Belege für
Redeeinleitungsfonneln mit einem Gott als eigentlichem Absender Iinden.
So ist schon aufgrund der geringen Anzahl (immer noch) Noort zuzustim-
men, der votiert hatte, von der These einer Botenfunktion bei den Mari-Pro-
pheten Abstand zu nehmen:
.. Ein erheblicher Teil der [Mari-IBriefe jedoch weist diese Merkmale [Formeln,
die den eigentlichen Sender angeben etc.] überhaupt nicht auf. So zeigt sich
[zwar], daß die Botenfunktion in Mari eine gewisse Rolle spielt. Auf keinen Fall
kann diese Botenfunktion jedoch als Kriterium für die ganze Mari-Prophetie
angesehen werden. Dazu ist sie in zuvielen Briefen nicht belegt." 111
Zudem ist eine Festlegung der oben angeführten Belege auf die Funktion
einer .. Botenformel" und ein daraus abgeleiteter Schluss auf das Selbstver-
ständnis der Mari-Propheten nicht möglich: In Kap. 4.2 wurden entspre-
chende Formeln als Redeeinleitungsfonneln verstanden, die nicht zwingend
die Metapher vom Propheten als Boten evozieren.m Das Vorkommen der
Redeeinleitungsfonnel ist wohl eher durch das Erfordernis begründet, in der

11 " Vgl. Huffmon. Expansion. 10-17.


~ 1 ' Übersetzung nach: Huffmon. Expansion. 10.
~~· Übersetzung nach: Huffmon. Expansion. 12.
l 17 Noon. Untersuchungen. 32.
liM Im Gegensatz dazu finden sich im AT immerhin explizite Belege für den Botenkon-
text bl!i den l.:ö 'ämar-Formeln (neben anderen Kontexten). z.B. Gen 32 u.a .. vgl. Kap. 5.
140 Außeralttestamentliche Parallelen zur kö 'ämar-Formel

Kommunikationssituation den eigentlichen Sender der Rede zu markieren


(s. übernächsten Abschnitt). Das Sendungsbewusstsein der Mari-Propheten
zeigt sich viel eher daran, dass sie sich von der jeweiligen Gottheit ge-
schickt wissen: Noort hat auf etliche Stellen hingewiesen, die zum Aus-
druck bringen, dass sich die Mari-Propheten geschickt wussten, sie lauten
fast alle ähnlich: Der Gott hat {mich/ geschickt (ARM.T Xliii 114, II ),
Dagau hat mich geschickt (ARM X 6,1 0) u.ä. 21 ''
Doch von diesem Schickungsbewusstsein ist nun wiederum nicht zwin-
gend auf Boten zu schließen, womöglich enggeführt auf ein Verständnis
vom Boten, der eine Botschaft wörtlich auszurichten hat; der Sendungsauf-
trag kann viel allgemeiner verstanden werden.
Aus dem Vergleich der Redeeinleitungsformeln der Mari-Prophetie und
der alttestamentlichen Prophetie bleibt also festzuhalten: Das zahlenmäßige
Vorkommen der ko >amar-Formeln ist bei den meisten der alttestamentli-
chen Propheten ungleich höher, die Verbindung von Selbstverständnis und
Grundauftrag mit den ko >amar-Formeln wesentlich ausgeprägter (s.u. Kap.
7). Hinzu kommen noch weitere grundlegende Unterschiede, auf die unten
eingegangen wird (vgl. unten das zum Formelfeld Gesagte, vgl. Kap. 5.4).
Und es bleibt festzuhalten, dass es sich (s.o.) bei den in den Mari-Briefen
vorfindliehen Fonnein mit Göttern als Absendern wohl gar nicht um "Bo-
tenformeln" handelt. Andererseits sind Ähnlichkeiten in der Grundsituation
nicht zu verleugnen: Das Wort eines Gottes wird durch Menschen vermit-
telt weitergegeben; das Gotteswort wird dabei eindeutig durch eine Rede-
einleitungsformet als das Wort eines bestimmten Gottes eingeführt - was
auf dem Hintergrund einer polytheistischen Situation noch einmal eine
völlig andere Anforderung an die Redeeinleitungsformel stellt, als in einem
monoiatrischen oder gar monotheistischen Kontext, denn durch die Fonnel
muss ja der jeweils sprechende Gott identifiziert werden. 1.!0
Neben den Mari-Texten sind hier Texte der sog. neuassyrischen Prophe-
tie zu bedenkenY 1 Es handelt sich dabei um eine Gruppe von akkadischen
Prophetien, die an die Könige Asarhaddon (681-669 v.Chr.) und Assurba-
nipal (669--629 v.Chr.) gerichtet waren. Diese Texte sind bisher für die Dis-
kussion um "Propheten als Boten" kaum herangezogen worden, da sich in
ihnen keine zu den ko >amar-Formeln analoge Redeeinleitungsfonneln fin-
den (keine Formeln mit umma oder kiam). Die vielfach belegten Schluss-
formeln aus dem Mund des N.N. dienen als Unterschriften und als Angabe

2 "'
Vgl. Noon. Untersuchungen. 32.
Eine gewisse Analogie zu den Mari-Briefen stellen brienich mitgeteilte Orakel aus
l:!O
dem mantischen Bereich dar. vgl. für den hethitisch-assyrischen Kontext Prechel. Orakelbe·
richte; doch können solche Orakelbriefe gemäß der oben angefühnen Definition des Phäno·
mens Prophetie nicht als prophetische Parallelen gewenet werden.
111 Vgl. Renger. Königsinschriften; Weippert. Aspekte; Nissinen. Relevanz: ders .. Fal·

sehe Prophetie; ders .. Prophecy; ders .. References; Parpola. Assyrian Prophecies (mit aus·
führlicher Bibliographie CIX-CXII).
Redeeinleitungsformeln außeralttestamentlich in prophetischen Texten? 141

des Propheten bzw. der Prophetin, nicht als Verweis auf den göttlichen Ab-
sender; diese Fonnein leisten also anderes als die ko 'ämar yhwh-Fonneln.
Auf ein spezielles Botenbewusstsein lassen sie ebenso wenig schließen wie
die an wenigen Stellen vorfindliehe Wendung Wort der/des N.N. (Gorres-
1/ame f 11 • die dem biblischen dbr yhwh 11 ' entspricht und nicht dem ko 'ämar
yhwh. Ein vergleichbar extensiver Gebrauch von Formeln wie in den alt-
testamentlichen Texten findet sich hier also nicht. Wie die Mari-Texte be-
zeugen die neuassyrischen Texte aber den prophetischen Vorgang mit einer
Vermittlung einer göttlichen Offenbarung an einen Dritten, und dies in
großer zeitlicher Nähe zum AT. 11 ~
Abschließend ist auf eine interessante verwandte Erscheinung in Ugarit
einzugehen, die bisher in der Diskussion um die Vorgeschichte israeliti-
scher Prophetie noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Aus Ugarit
sind Redeeinleitungsfonneln in den Epen überliefert. die Reden von Göt-
tern einführen (vgl. auch oben Kap. 4.2.5); damit liegen, wenn man von der
Funktion der Redeeinleitungsfonneln her denkt, die ein Götterwort einlei-
ten, durchaus vergleichbare Texte vor mit alttestamentlichen Gottesworten,
die durch ko 'ämar yhwh-Fonneln eingeleitet sind: 11 ~
KTU 1.2 I, 30-35 Kampf zwischen Baal und Yamm 116
[Yamm sendet zwei Boten aus: die Götter um EI, darunter Baal, waren beim
Speisen, als die Boten Yamms ankamen.]
30 Danach kamen die Boten Yamms an,
die Gesandtschaft des Richters Auß.
Zu den Füßen Eis 31 fielen sie nicht nieder.

111 Diese Wendung leistet die Identifikation des eigentlichen Absenders und ist daher in

gewisser Weise auch mit den ko 'ämar-Formeln verwandt. Doch darf nicht jede vermittelte
Kommunikation mit einem Botenvorgang gleichgesetzt werden. Würde man jede indirekte
Kommunikation als .. botenhaft" werten. dann verlöre dieser Begriff jede Definitionskraft.
Zum Botenvorgang gehört nicht nur die indirekte Kommunikation. sondern auch die Beauf-
tragung. der Transport von A nach B u.ä. (vgl. Kap. 7.2.1.6). Hinzu kommt. dass wir nicht
sicher sein können. dass die fragliche Wendung von den Propheten stammt: möglicherweise
wurde sie erst bei der Verschriftlichung der Eindeutigkeit halber hinzugefügt: in diesem Fall
könnte sie auch nicht als Ausweis eines .Botenbewusstseins' des Propheten gelten. - Eine
ähnliche identifizierende Funktion leisten Formeln der Selbstpräsentation (z.B.: a·na·ku ''15
.fu U R{U.urbu·il/ •.Ich bin !Star von Arbe Ia", Text eines unbekannten Propheten 1.6. 7'. Zäh-
lung und akk. Text nach Parpola. Assyrian Prophecies). Beginnt ein Text mit solch einer For-
mel. die ihn sofort auf seinen Urheber bzw. seine Urheberin zurückfUhrt. entfallt auch jede
Notwendigkeit. ihm eine Redeeinleitungsformel voranzustellen: der Text spricht sozusagen
für sich. Dies dürfte erklären. dass bei den besagten Texten nach den Eingangsformeln mit
uhmu N.N ./Wort des N.N. niemals ein Text mit einer Selbstpräsentation beginnt (ganz ähnlich
wie es im AT- mit Ausnahme von Jes 44.24: 48,17. wo die Bedeutung der Formel umstritten
ist- keine "'nf yh ... h·Forrnel unmittelbar nach einer kö 'ämar-Formel gibt).
11 ' Vgl. Parpola. Assyrian Prophecies. LXV: er verweist a.a.O. 47 auf sechs Belege.
11 ~ Zu dieser Problematik vgl. auch Anm. 222.
11 ' Tropper verweist neben dem hier zitierten Text auf KTU I.J 111 Df: 1.1 II 17f II 1.1

111 5-6: vgl. Tropper. Briefformular. 65.


11 ' Text nach: Dietrich/Loretz. Baal-Epos. 1122-1123.
142 Außeralttestamentliche Parallelen zur ko 'ämar-Formel

warfen sich nicht nieder in der Vollversammlung.


Stehend sprachen sie die Rede
32 [wiederhol)ten sie ihr Wissen.
Ein Feuer. zwei Feuer sprachen sie.
ein scharfes Schwert 33 (sprach) ihre [Zu)nge.
Sie sprachen zu EI, seinem Vater:
»Botschaft von Yamm [1~1m ym), eurem Meister. Redeeinleiwngsformel
34 von eurem [Herrn) Richter Fluß.
Gebt her. oh Götter, den ihr beschützt, Rede
den ihr beschützt 35 oh Menge! Jams,
Gebt her Baal und seine Diener. durch Boten
den Dagan-Sohn. dessen Gold ich beerben werde!« übermittelt
In der Vorstellungswelt der ugaritischen Epen war es somit kein außerge-
wöhnliches Faktum, dass Götter Botschaften überbringen lassen, die mit
Redeeinleitungsformeln eingeführt sind. Doch bleibt die Übermittlung der
Rede des Jam an EI und seine Versammlung ganz innerhalb der GötterweiL
Von hier aus ist es noch einmal ein Schritt, Worte der Götter per Bote zu
den Menschen zu tragen. 227 Die Tatsache, dass die Botenvorgänge innerhalb
der Götterwelt bleiben, darf aber den Blick für die Analogie der durch Re-
deeinleitungsformeln eingeleiteten Gottesworte nicht verstellen. Aufgrund
der im Vergleich zu Mari größeren räumlichen11M und zeitlichen Nähe zu Is-
rael dürfen diese Parallelen bei der Frage nach der Vorgeschichte propheti-
scher Redeformen nicht außer Acht gelassen werden.

Der hier gebotene Blick auf den außeralttestamentlichen Bestand an Rede-


einleitungsformein bildet den Hintergrund für die alttestamentlichen ko
,ämar-Formeln. Die prophetische Literatur des AT zeigt dabei gegenüber
den außeralttestamentlichen Parallelen einige Eigenheiten. Zwar sind Rede-
einleitungsformein in allen engeren und weiteren Nachbarkulturen zum AT
bekannt; das Aufgreifen dieser Formel an sich verwundert daher nicht. ist
auch zu jeder Zeit der israelitischen Sprach- und Religionsgeschichte denk-
bar. Aber ein gehäuftes Auftreten wie in den alttestamentlichen propheti-
schen Texten ist sonst (bis auf eine Ausnahme, die Behistun-Inschrift) nicht
zu beobachten, auch nicht bei vergleichbaren prophetischen Texten. Als Ei-
genart der alttestamentlichen Texte tritt dagegen ein stark ausdifferenziertes
Formelfeld hervor sowie die Tatsache. dass im AT die Formeln zu einem
bedeutenden Bestandteil der prophetischen Texte geworden sind. Seide
letztgenannten Aspekte sind signifikant und erklärungsbedürftig und wer-
den in den nächsten Kapiteln zu erläutern sein (vgl. Kap. 5, 6 und 7).

227 Dieses Faktum sieht auch Hinh. Gottes Boten. 37. ohne allerdings auf die Analogie zu
den durch Redeeinleitungsformeln eingeleiteten Gottesworten in Ugaril zu verweisen.
!lK Vgl. Zobel. Kulturregion Ugarils. 301-315; er plädiert dafür. Ugarit bis Südpalästina
zu einer Kulturregion Kanaan zu rechnen.
5. Die ko )ämar-Formeln in erzählenden Texten

5.1 Der Einsatz einer formelgeschichtlichen Untersuchung bei


Formeln im Erzählkotext

In Kap. 2 wurde hervorgehoben, dass der Einsatz einer formelgeschichtli-


chen Untersuchung bei den Formeln, die in einen Erzählkotext eingebunden
sind. die bestmögliche Art des Einstieges darstellt; soweit war der von Köh-
ler und Lindbiom bis Westennann eingeschlagene Weg richtig. 1 Auf dem
Hintergrund der Überlegungen zu einer Theorie der Formel (Kap. 3) sind
noch einmal die tiefer liegenden Gründe für ein solches Vorgehen deutlich
geworden: Die Bedeutung einer Formel erschließt sich in verschiedener
Hinsicht nur im Zusammenhang mit Ko- und Kontext (Kap. 3.3.3), folglich
kann man am meisten über Fonnein erfahren. wenn sie zunächst in den Zu-
sammenhängen betrachtet werden, die möglichst viel Ko-/Kontextinfonna-
tion bieten.
Vor allem der Kotext bietet im Bereich von Erzählungen hilfreiche In-
formationen; er enthält durch Hinweise aus dem Erzählverlauf (Auftrittssi-
tuation, Auftrittsort etc., Wissen über Personen. die in der Erzählung vor-
kommen, deren Amt und Stand u.ä. - freilich alles auf der Ebene der Er-
zählung, die nicht mit der historisch-realen Ebene zu verwechseln ist -) we-
sentlich mehr deutungsrelevante Fakten als etwa ein Prophetenwort, das
sich oft nur isoliert, ohne genaue Situationsangabe etc., im Kotext anderer
Prophetenworte findet bzw. einen Platz in einem Prophetenbuch gefunden
hat, der nicht mit dem ursprünglichen Verwendungsko- und -kontext iden-
tisch ist.
Mit Hilfe der Analyse von Formeln im Erzählkotext. mit Hilfe des dort
vorausgesetzten, aber rekonstruierbaren sprachlichen und sachlichen Wis-
sens, kann man also am ehesten den Versuch wagen, die Bedeutung bzw.
die verschiedenen Bedeutungen einer Formel zu rekonstruieren. Da anzu-

1 Da die vorliegende Fragerichtung diejenige nach der Bedeutung. Form und Funktion
der Formeln ist. kann sich die Untersuchung auch auf diejenigen Erzählungen konzentrieren.
die Redeeinleitungsformeln enthalten; es gibt auch eine ganze Reihe von Erzählungen. in de-
nen ein Redebeitrag vorkommt. der nicht durch eine Redeeinleitungsformel eingeleitet ist;
letztere werden in der vorliegenden Untersuchung aber nicht berücksichtigt. Vgl. zu einigen
Texten dieser Art Schwiderski. Handbuch, 293-300.
144 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

nehmen ist, dass die alttestamentlichen Erzählungen mit vergleichbarem


(sprachlichem) Grundwissen bzw. vergleichbaren sprachlichen Bausteinen
operieren wie prophetische und andere nicht erzählende Texte, kann die Er-
zähltextanalyse einen Zugang zu dem 1 alttestamentlichen Verständnis von
Formeln (wie den kö 'ämar-Formeln) ermöglichen: das anhand der erzäh-
lenden Texte rekonstruierte Wissen über die Formen und Funktionen einer
Formel kann herangezogen werden, um diejenigen Formeln besser zu ver-
stehen, die in nicht erzählenden Texten vorkommen und aufgrund des feh-
lenden Kotextes keine treffsicheren Interpretationshinweise geben.
Wenn hier von Erzähltexten die Rede ist, dann sind in der Hauptsache
die erzählenden Werke des AT (Gen-2.Kön, ChrG) gemeint; fallweise wur-
den weitere Erzählstücke (z.B. Am 7,10-17) herangezogen.

5.2 Das Grundproblem in der bisherigen Forschung hinsichtlich


der Analyse von ko )ämar-Forrneln im Erzählkotext

Nachdem Köhler und Lindbiom die kö 'ämar-Formeln des AT in den Kon-


text des Botenwesens gestellt hatten, war sozusagen ein Grundverständnis
festgeschrieben, das zwar später immer wieder aufgenommen. nicht aber
grundsätzlich hinterfragt wurde. Erstaunlich ist dabei, dass die Analyse von
kö 'ämar-Formeln in Erzählkotexten meist auf wenige, oft auf nur ein einzi-
ges Beispiel, nämlich auf Gen 32, beschränkt wurde (etwa bei Wester-
mann). Das an diesem einen Beispiel erhobene Verständnis des Botenvor-
ganges und der "Botenformel" wurde dann auch für alle anderen Fälle der
"Botenformel" vorausgesetzt.
Dieser Sachverhalt bringt zwei Probleme mit sich:
a) Zum einen: Die anhand von Gen 32 für das AT entwickelte Botenidee
hat den Blick verstellt für andere Varianten des Botenvorganges bzw. des
Gebrauchs der kö 'ämar-Formeln im AT; bei diesen anderen Varianten
kommt zwar die kö 'ämar-Formel vor, doch muss man auch, wie in Kap. 3
beschrieben, auf Sinn-/Funktionsdivergenzen achten; weil dies nicht ge-
schehen ist bzw. die von Gen 32 her entwickelte und zugegebenermaßen

2 Natürlich gibt es im engeren Sinne nicht nur ein einziges Verständnis einer Formel.
das hat ja Kap. 3 unmissverständlich deutlich gemacht. Auch bin ich mir bewusst. dass die
Rekonstruktion des Verständnisses einer alttestamentlichen Formel aus hermeneutischen
Gründen immer nur eine bestmögliche Annäherung darstellen kann. Und doch ist eine solche
Rekonstruktion der einzig mögliche Weg. sich ein adäquates Verständnis der aluestamentli·
chen Formeln und Texte zu erwerben; Evidenz erhält die Rekonstruktion im Gespräch mit
dem Text durch die Schlüssigkeil der Argumentation und Interpretation. Vgl. Gadamer.
Wahrheit. 391-392.
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 145

(für dieses Beispiel) sehr einleuchtende Vorstellung des Botenvorganges je-


de andere Vorstellungsvariante von vornherein verdrängt hat,' wurde nach
anderen Möglichkeiten meist gar nicht erst gefragt.
b) Zum anderen ist es ein entscheidender Mangel gewesen, dass nur ein-
zelne bzw. wenige Belege der kö 'ämar-Formeln untersucht wurden; denn
durch eine Untersuchung aller vorkommenden Formeln im Erzählkotext
hätte man auf Funktionsverschiedenheiten aufmerksam werden müssen, wie
sie sich etwa bei Rendtorff, Michel u.a. (s.o. Kap. 2.2.3) angedeutet hatten.
So liegt auf der Hand, was nun in den nächsten Abschnitten zu tun ist:
nämlich die kö 'ämar-Formeln im Erzählkotext in ihrer Gesamtheit zu ana-
lysieren.~ ohne sich dabei den Blick von einer durchgängigen Interpretation
der kö 'ämar-Formeln als "Botenformeln" verstellen zu lassen.

5.3 Analyse der ko )ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang

5.3.1 kö 'ämar-Formeln in der Beauftragung und beim


Ausführungsgeschehen als Ausrichtungsformeln im Botenvorgang
(Einführung in die Analyse der kö 'ämar-Formeln in Erzähltexten)

Gehen wir zunächst noch einmal von dem Beispiel Gen 32 aus. Ein gewis-
ses Problem stellt etwa bei Westermanns Analyse von Gen 32.~ (s.o.) die
Tatsache dar, dass die Ausrichtung, die für ihn ja entscheidend zum Boten-
vorgang dazugehör!, nicht berichtet wird. Berichtet wird in der Erzählung in
Gen 32 nur das Beauftragungsgeschehen. In V.7 erfahren wir zwar, dass die
Boten zurückgekommen sind und offenbar die Botschaft überbracht haben,
aber das Ausführungsgeschehen selbst ist nicht thematisiert:

' Vgl. Rad. Genesis, 257-258; Scharbert. Genesis. 218-219: Westermann. Genesis.
617-618; Soggin. Genesis. 395; Seebass. Genesis II. 380--386.
• Um die Konsequenzen klarzumachen. die ein verändertes Verständnis der .. Botenfor·
mein" mit sich bringt, sei noch einmal wiederholt, was oben in Kap. 2 ausgeführt wurde: We-
stermann fasst die Analyse seines Beispiels Gen 32.4-6 fol$endermaßen zusammen: .. Die
Botschaft besteht aus drei Vorgängen: I. Beauftragung 2. Uberbringung 3. Ausrichtung."
Ohne ein weiteres Beispiel zu diskutieren. schließt Westermann von dem so rekonstruierten
Botenvorgang auf das Grundverständnis der Prophetie: .. Bei der Anwendung der Botenformel
im Prophetenwort ist mit dieser Formel der ganze Botschaftsvorgang auf das Geschehen der
Prophetie übertragen vorauszusetzen. [... ) wir [haben) so die Struktur des Vorgangs gewon-
nen. den wir Prophetie nennen." Westermann. Grundformen. 72. Was aber. wenn nicht jeder
Botenvorgang, nicht jede .. Botenformel" so zu bestimmen ist, wie es Westermann von Gen
32.4-6 her voraussetzt?
146 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

Die Boten kamen Zll Jakob zuriick und sprachen: Wir kamen Zll deinem Bruder
Esau und er zieht dir auch emgegen mit 1•ierhundert Mann.

So fehlt die letzte Sicherheit, die ko 'ämar-Formel aus Gen 32 als eine zum
Botenvorgang gehörige Formel zu identifizieren, denn zum Botschafts-
übermittlungsvorgang gehört ja auch die Ausrichtung der Botschaft. Wollte
man die These von der Verbindung der kO 'ämar-Formel mit dem Boten-
vorgang stützen, so müsste man nach Belegen fragen, in denen sowohl die
Beauftragung wie auch die Ausrichtung einer Botschaft geschildert wird.
wobei beide mit einer kO 'ämar-Formel eingeleitet sein sollten und die Bot-
schaft übereinstimmen müsste. Immerhin gibt es zwei Belege. die diese Be-
dingungen (mit Einschränkungen) erfüllen: 2.Kön 9,17.18 und 2.Kön 9.3.
6.12.' Sie sind die deutlichsten Belege für einen Botenvorgang. in dem kö
'ämar-Formeln eine Rolle spielen.
Die beiden Belege sollen nun zunächst analysiert werden, um an diesen
Fällen die Frage nach dem Formelverständnis aus der Kotextanalyse heraus
zu veranschaulichen und in die Untersuchung der Formeln in den Erzählun-
gen einzuführen.
2.Kön 9. n'?tl/~ :J~! nr. O"')i;"t~ i~"1 ~., ·~~ 6jj.p~ i~"1 [... J 11
17.18
i~"1 \~"')P,7 O~;:T ::1:;?"1 1'?~1 18 :::li~Vj::) iQ~'1 O~"')P,'?
:Jb oi~vJ7~ 17-;'io ~1.i~. i9~"1 oi~vJ::I 1'?90 i~-ii~
::JVj-~~1 C;:)-i,P 1~7Q0-~~ i~7. ii~~;:T i~~1 'li1~-',~
V.l7 [... ) Und er {der Späher/ sagte: Eine Schar sehe ich' Da sagte Joram:
Nimm einen Reiter und sdricke ihn ihnen eil/gegen. Und er soll sagen: Ist Frie·
de? V.l8 Er ging. das Pferd reitend. ihm eil/gegen: und er sagte: So .1pridrt
der Kiinig: Ist Friede? Und da sagte Jehu: Was ist hitlJichtlich dir und hin·
sichtlich des Friedens? Wende dich in (das nach mir =J mein Gefolge. Da
meldete der Spiiher (folgendermaßen): Der Bote kam bis zu ihnen. doch er
kelrn nicht zuriick.
Kotext: Die Szene spielt nach der Salbung Jehus zum König des Nordrei-
ches Israel. Joram ruht sich in Jesreel von dem Kampf gegen Hasael aus.
Ahasja von Juda ist bei ihm zu Besuch. Jehu sucht Joram dort auf. V. 17 und
18 spielen in Jesreel. 7
Von der Erzählung her ist klar: Joram gibt den Auftrag, einen Reiter zu
der beobachteten Schar zu schicken, um zu fragen, ob sie in friedlicher Ab-

·' Vergleichbar wäre auch 2.Kön 1.4.6.16 und 2.Kön 19.32; 21.12. doch liegt hier mit
läken J..ö 'ämar ein Untertyp der kö 'ämar-Formeln vor. den ich aufgrund des elttrem geringen
Vorkommens (nur die genannten beiden Stellen) in den Erzählteliten erst bei den l.:ö 'cimar·
Formeln aus prophetischen Büchern besprechen will (dazu vgl. Kap. 6.2.3). Zu I.Chr 21.10-
12 vgl. Kap. 5.3.4.1.
6 Für die Constructus-Form von M (:i.l/~) ist kein Grund ersichtlich. daher ii,P~t:i.
7 Die beiden Verse bilden den Anfang eines einheitlichen Erzählstücks in V.17ff; vgl.
Würthwein. I. Könige 17ff. 331. der aufgrund der dramatischen Gestaltung des Erzählstückes
als Türmerszene annimmt, dass hier ein ..geschulter Erzähler am Werk ist".
Analyse der kö 'ämor-Fonneln im Erzählzusammenhang 147

sieht gekommen sei. Joram gibt dem Reiter ein entsprechendes Wort mit
auf den Weg: Ist Friede? Der Reiter richtet das Wort aus. leitet es mit kO
'ämar hammteltek ein; die ko 'ämar-Formel wird allerdings in der Beauftra-
gung nicht genannt. Es ist hier wohl vorauszusetzen. dass der Reiter die
Konvention der Botschaftsübermittlung kennt und bei der Ausrichtung der
Botschaft die ko 'ämar-Formel hinzufügt. die nach dem Bericht bei der Be-
auftragung nicht genannt wurde (der Vorgang wiederholt sich in 2.Kön
9,19)." Dass es sich hier um eine ko 'ämar-Formel als Ausrichtungsformel
handelt. macht der identische Wortlaut der übermittelten Botschaft klar.
Darin liegt auch die Hauptfunktion der Formel: Die Botschaft wird als Wort
des eigentlichen Absenders. des Königs. kenntlich gemacht; die Formel
dient also der Identifikation des Sprechers. der die Botschaft in Auftrag ge-
geben hat.
Allerdings ist die Bedeutung der Formel damit keineswegs erschöpfend
beschrieben; wie in Kap. 3.3.4 und 3.3.9 ausgeführt können gleichzeitig
noch weitere Bedeutungsdimensionen in einem einzelnen Verwendungsfall
vorhanden sein. Dabei spielt z.B. eine nicht unwesentliche Rolle. in wel-
chem Rang. in welcher Stellung sich der Bote befindet: In 2.Kön 9,17.18
geht es um einen anonymen Boten. was darauf schließen lässt. dass es sich
nicht um einen Boten hohen Ranges handelt (vgl. dazu Kap. 5.3.4.2 und
5.3.6).
Somit lassen sich in 2.Kön 9,17.18 folgende Funktionen beobachten:
- Zum einen (als Hauptfunktion): Der Bote überbringt. wie die Erzählung
unmissverständlich zu erkennen gibt. ein Wort des Königs; dieser Aspekt
der Ausrichtung. der den eigentlichen Sprecher klarstellt und die übermit-
telte Botschaft als die Botschaft des eigentlichen Absenders qualifiziert, ist
als DEKLARATIVER Akt zu verstehen (hiermit spreche nicht ich. der
Überbringer. sondern der eigentliche Absender. der König bzw. die über-
brachte Nachricht ist nicht mein. des Boten. Wort. sondern Wort des Kö-
nigs); die kO 'ämar-Formel fungiert dabei als DEKLARATIVE Formel
(vgl. Kap. 2.2.3). Die Botschaft wird also durch das Aussprechen der For-
mel zur Botschaft des eigentlichen Absenders; die Qualität des nach der
Formel Gesprochenen wird dadurch verändert: es handelt sich dann nicht
mehr um das Wort des gerade Sprechenden (des Boten), sondern um das
Wort desjenigen, der als Absender in der Formel genannt ist (des Königs).
Das geht aber keineswegs so weit. dass ..Subjekt [das ,Ich' des Königs] und
Sprecher [der Bote] idelltisclr sind". wie Krispenz irrtümlicherweise an-
nimmt;• der Reiter wird hier genausowenig zum König wie die Propheten.
wenn sie eine ko 'ämar yhwlr-Formel gebrauchen. zu Jahwe werden; nur
das Wort wird eben als das Wort des eigentlichen Senders qualifiziert.

• Ähnliche Begriffe verwendet Schwiderski. Handbuch. 294-295 u.ö.: .. Auftragsszene··


und .. Ausrichtungsszene··.
'' Krispenz. Grammatik. 136.
148 Die ko >ämar-Fonneln in erzählenden Texten

- Zum zweiten wird durch den Übermittlungsvorgang und die Gestaltung


des Ausrichtungsteils der Erzählung - und hier spielt wiederum die ko
>amar-Formel und die Übermittlung durch einen Boten eine Rolle - klar.
dass es sich nicht um ein beliebiges Wort des Königs, sondern um eines
handelt, das ex cathedra gesprochen ist; ein beliebiges Wort würde nicht
zielgerichtet von einem Boten von A nach B transportiert und mit der in of-
fizieller Rede gebräuchlichen kö >amar-Formel für diese Fälle eingeleitet
(vgl. Kap. 5.3.7).
- Zum dritten weist sich auch der Bote durch dieses überbrachte Königs-
wort selbst als Königsbote aus, er spricht im Auftrag (des Königs), nicht
aus eigenem Antrieb; er wird durch die Übermittlung des Wortes, das durch
die kö >amar-Formel als Wort des Königs ausgewiesen ist, als Königsbote
legitimiert (indem ich diese Formel benutze, weise ich mich als Königsbote
aus bzw. hiermit spreche ich nicht als Privatperson, sondern bevollmäch-
tigt-offiziell).
Die Funktion einer kö >amar-Formel kann durchaus, wie in dem hier be-
schriebenen Fall, mehrdimensional sein, die Formel kann verschiedenen
Zwecken dienen; sie immer nur auf eine Funktion festlegen zu wollen, wäre
der sprachlichen Leistungsfähigkeit unangemessen.
Ähnlich verhält es sich bei 2.Kön 9,3.6.12:
2.Kön 9.3 [... ] '~"1~~-'?1$ 1797 ':j'i:lt:IQQ ;,p~ iQ~-;,j t;\""\0~1 [... 1
[... ] und du sollst sagen: .. So spricht Jahll"e: Ich salbe dich (hiermit) :um
König iiber Israel. [ ... ]"
2.Kön 9.6 {Da stand er (Jehu) auf und ging in das Haus. Er (der Prophetenjünger) gou
ihm das 0/ iiber das Hauptund er sagte llt ihm:}
'~"1~~ ·;:r?~ ;,p~ iQ~-;,j
,~"1~~-'?1$ ;,p~ ::J,V-'?1$ 1797 '9'i:'r:tt7JQ
.. So spricht Jahll"e, der Gott Israels: Ich salbe dich (hiermit) zum Kiinig iiber
das Volk Jahwes. iiber Israel. " 10
2.Kön 9.12 {( ... )So und so hat er zu mir ge.wgt (folgendermaßen):}
'~"11.?~-L::t$ 1797 '9'i;lr:t~l? ;"!);"!~ iQ~ ;"!~
.. So spricht Jah11·e: Ich salbe dich !hiermit) 7um Kiinig iiber Israel. " 11

Kotext: Salbung Jehus durch einen Prophetenjünger des ElisaY


Im Auftrag Elisas führt einer seiner Jünger die Salbung Jehus aus. Hier
steht sowohl in der Beauftragung als auch in der Schilderung der Ausfüh-
rung als auch im Bericht über die Ausführung die kö >amar-Formel. Wir
finden die kö >amar-Formel somit

10 VV.7-10 sind ein verdeutlichender Zusatz (von DtrP). Auch die Erweiterung der kti

'ämar-Formel dürfte von DtrP herrühren.


11 Für die Annahme, dass die Formel im Laufe der Textgeschichte hinzugefügt wurde.

gibt es keine Hinweise; so auch: Coganffadmor. II. Kings. 108.


I! Die hier angesprochenen Verse bilden wohl einen zusammengehörigen Text; Würth-
wein. I. Könige 17ff. 324-330. weist den Abschnitt 9,1-6.10b-IJ DtrP zu.
Analyse der ko 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 149

a) im Beauftragungskomplex der Geschichte, in dem Teil der Erzählung.


in dem die Beauftragung geschildert wird,
b) im Ausführungskomplex. in dem Teil der Erzählung, der die Ausfüh-
rung des Auftrages des Boten schildert,
c) im Berichtskomplex über den Ausführungskomplex, in dem Teil der
Erzählung, der über die geschehene Ausführung berichtet.
An allen drei in einer Erzählung möglichen Stellen erscheint somit die
ko 'amar-Formel. Für die weitere Analyse möchte ich die hier eingeführten
Begriffe für die Erzählabschniue verwenden, in denen eine ko 'ämar-For-
mel auftauchen kann (Beauftragungskomplex, Ausführungskomplex. Be-
richtskomplex über die Ausführung). auch wenn sich in anderen Erzählun-
gen nur einer oder zwei der hier beschriebenen Erzählkomplexe findet. Eine
solchermaßen volltönig gestaltete Erzählung wie 2.Kön 9,3.6.12 ist einma-
lig im AT (vgl. dazu auch Kap. 5.3.4.3.5).
Angesichts der in der Erzählung beobachtbaren Übereinstimmung von
Auftrag und Ausführung (wörtlich in V.3 und V.l2, mit kleinen Abwei-
chungen in V.6) in den hier angeführten Stellen ist der Grundcharakter der
ko 'ämar-Formel wiederum folgendermaßen zu bestimmen: Die Formel
dient jeweils der Einleitung einer Botschaft, die möglichst wortgetreu aus-
gerichtet wird. Unter diesem Aspekt kann man wieder wie in 2.Kön 9,18
von einer Ausrichtungsfomzel sprechen (vgl. Kap. 5.3.4.3.3).
Die Tatsache, dass es- bei einigen Dutzend vorkommenden ko 'ämar-
Formeln mit Erzählumfeld - nur die beiden (!) eben besprochenen Belege
gibt, in denen Beauftragung und Ausführung geschildert werden, macht den
Ausnahmecharakter dieser beiden Belege deutlich. Wie erklärt sich diese
Sachlage? Westermann, der diese Sachlage als einer der wenigen überhaupt
gesehen hat, will sie folgendermaßen verstehen:
.. Der dritte Vorgang [Ausführung. nach Beauftragung und Überbringung) wird
bei den meisten Erzählungen von einer Botensendung nicht berichtet, weil er
einfach die Ausführung des Auftrages enthält. Er besteht in der Wiedergabe des
Botenspruchs (d.h. des zu überbringenden Wones) an dem On. zu dem der Bote
gesandt wurde, vor dem Adressaten. Diese Wiedergabe leitet der Bote nun wie-
derum mit der Botenformel ein." 11
Zu dieser Einschätzung kann Westermann allerdings nur kommen, weil er
voraussetzt, dass es letztlich nur einen Botenvorgang gibt, nämlich den mit
einer wortwörtlichen Ausrichtung der Botschaft. der in sich eine Einheit
bildet und der als Kern den von der ko 'ämar-Formel eingeleiteten Boten-
spruch hat; der Botenspruch, so Westermanns Modell, kommt dabei sowohl
im Beauftragungs- wie im Ausführungskomplex in identischer Weise vor;
der Ausführungskomplex, so kann man nach diesem Modell folgerichtig
schließen, ist daher hinsichtlich des Botenspruchs uninteressant, weil er ja
nur die Wiederholung des Botenspruchs aus der Beauftragung darstellt. Nur

'' Westermann. Grundformen. 72.


150 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

von diesem Modell aus kann Westermann behaupten, dass "die meisten Er-
zählungen" den "dritten Vorgang", nämlich die Ausführung, "nicht berich-
ten", da er nur in der "Wiedergabe des Botenspruches" besteht. Doppelun-
gen, die Erzählung der Beauftragung und der Ausführung, werden nach
Westermann in Erzählungen (aus ökonomischen Gründen?) meist vermie-
den. Die beiden oben genannten Stellen diskutiert Westermann leider nicht.
Bezüglich Westermanns Behauptung, die Ausführung entfalle meist in
Erzählungen über Botenvorgänge, sind Zweifel angebracht. Unten wird
auszuführen sein, dass nicht von einem unilinearen Verständnis des Boten-
vorganges auszugehen ist; entsprechend ist auch gar nicht erst bei allen Er-
zählungen, in denen ko 'ämar-Formeln vorkommen, vorauszusetzen, dass
sie in einen dreistufigen Vorgang eingebunden sind, dessen letzte Stufe
wegfallen könnte. Und es wird sich weiterhin zeigen, dass die Behauptung,
die meisten Erzählungen enthielten nur die Beauftragung, nicht den tatsäch-
lichen Gegebenheiten der alttestamentlichen Erzählungen entspricht.
Doch zunächst sind einige auffällige erweiterte Formen der ko 'ämar-
Formeln zu besprechen, nämlich (w') ko 'ämar- und ki ko 'ämar-Formeln;
sie werden zeigen, dass die ko 'ämar-Formeln nicht als einheitlicher Block
zu behandeln sind, wie Westermanns These intendiert, sondern dass zu-
nächst verschiedene Formen mit korrespondierenden Funktionen, später
auch verschiedene Funktionen bei gleichen Formen zu unterscheiden sind.
Die Funktionsweise eines Formelfeldes 1 ~ legt es nahe, mit formal erwei-
terten Formelvarianten zu beginnen. In einem Feld übernehmen die einzel-
nen Teile des Feldes Funktionen, die spezifisch sind und die sich von den
Funktionen anderer Teile unterscheiden - sonst müsste ein Feld nicht aus
verschiedenen Teilen bestehen; so können die von den erweiterten Formeln
übernommenen Funktionen von dem Bedeutungsspektrum der unerweiter-
ten Formeln abgegrenzt werden; es ist innerhalb eines Feldes nicht anzu-
nehmen, dass durch Zusätze erweiterte Formeln dieselbe Funktion einneh-
men wie unerweiterte.

5.3.2 (w') ko 'ämar in Berichten und Erzählungen

Beginnen will ich mit einer Gruppe von Texten, in der ko 'ämar-Formeln
verwendet werden, ohne dass ein Rekurs auf einen Botenvorgang. der die
Ausrichtung einer Botschaft zum Ziel hat, vorliegt:

1 ~ Für die Tatsache. dass die Bedeutung eines Teils eines Feldes abhängig ist von der

Bedeutung der restlichen Bestandteile des Feldes. vgl. Kap. 3.3.7 und Kap. 5.4.
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 151

2.Sam ;'1~01 ü''")~i!Yi.P i')": 1790 tq~ 5


16.5-7 N~' N"')n~ ·~9~ i~~ '?~tQ-il'~ nr:te~~Q N~i· ~·~ O~Q
1790 ''!.=;l.P-'?~-~1 i')T~ t::n:;~~~ '?pQ~1 6 :'?'?.P-9' Ni:.::
i~~-;'1:,1 1 :~'?Nbt?Q~ iJ'Q'Q O'!:J~0...,~1 o~ry-'?~1 '!l
:':;.p~'?:;l0 i.:l'~1 ü'Q"f-1 t:i·~ N~ N~ i'?'?f?:;l ·~9Q
V.5 Als der Kiinig Da~•id bis Badrurim kam. (und) siehe. da kam l'lln dort ein
Mann heraus von der Sippe des Hauses Sauls. dessen Name Schimi. Sohn
Geras war. der kam heraus und fluchte. V.6 Und er be•rarf Da1•id und alle
Diener des Königs Da~•id mit Steinen, wobei das gan~e Volle und alle Krieger
zu seiner Rechten und seiner Linken ll'aren. V. 7 Und so spmch Schimi bei
seinem Fluchen: Hinaus. hinmu. Mann der Blutschuld und Mann der Bosheit.

Berichtet wird hier innerhalb der Erzählung, was Schimi gerufen hat. Der
Kotext der Erzählung macht klar, dass hier der Wortlaut des von Schimi
Gesagten mit (w') k6 >ämar eingeleitet wird; ein Botenvorgang liegt nicht
vor. Aufgrund des Kotextes ist eindeutig vergangen zu übersetzen. 1 ~
Ähnlich ist auch 2.Sam 19, I zu verstehen:
2.Sam 19.1 in:i'(:;l ir;l~ ;"Tj1 1:;"1 .P~0 n~'?~-'?.p '?.P:11790 fr'r!
CJi'?~:;J~ ·~=;1 ·~; oi'?Q:;J~ ·~:;:
•~:;J ·~:;l oi'?Q:;J~ ';rt:)t;ri:l ·~~ 'i}~o 1D:-·Q
Da war der König erregt und ging hinauf in das Obergemach des Tores und er
weillte. Und so sprach er bei seinem Gehen: .. Mein Sohn Abschalom' Mein
Sohn! Mein Sohn Absdralom 1 (Wer gibt mein Sterben statt deiner =J Wäre ich
doch an deiner Stelle gestorben 11 • Absdwlom 1 Mein Sohn! Mein Sohn!"

Auffällig ist, dass die Formeln aus 2.Sam 16,7 und 2.Sam 19, I mit waw ein-
geleitet sind; vermutlich wird auf diese Weise das wörtliche Zitat in den Er-
zähtnuss eingebunden. Ähnliches leistet das ~~1~~~ o·~~~ in I.Sam 9,9:
I.Sam 9.9 t:i·~ry iQ~i'Ü> '?~"')~~:;l 0'~~'7
N':;l~'? ':;> ;"Ttti;:T-i.P ;'1:('7~1 ~~'7 0';'1?~ t.:iii\'7 i."'1=?7:;l
:m~~ry o·~~'7 N'1i'?: oi•0
Vorzeiten (so) sagte man in Israel. wenn einer ging. Gott :11 befragen: Auf.
lasst uns z.um Seher gehen! Denn den man heute nabi nenllt. (nanme mau).frii·
her Seher.
Ganz eindeutig liegt hier ein Nachtrag vor, der innerhalb der Erzählung von
der Salbung Sauls eine Erläuterung zu dem Seher gibt. 1' Wiederum ist der
Wortlaut k6 >ämar hier nicht im Sinne eines Botenvorganges gebraucht; k6
'ämar dient hier innerhalb der Erläuterung zur Einführung einer - aus der

1' So verstehen es auch die Kommentare. vgl. Hertzberg. Samuelbücher. 280 und 284-
285: McCarter. II Samuel. 398-411: Stoebe. Das zweite Buch Samuelis. 374 und 378-379.
Das Nämliche gilt für 2.Sam 19.Iff.
1' Ähnlich übersetzt Stoebe. Das zweite Buch Samuelis. 408.
17 Vgl. Hertzberg. Samuelbücher. 58: McCarter. I Samuel, 169: Stoebe. Das erste Buch

Samuelis, 194-195 und 202-203.


152 Die ko 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

Sicht desjenigen, der hier in den Text erläuternd eingegriffen hat - früheren
Praxis.
I.Kön 2.30 :-r1;,· ';:;,~-'?~ w::::J ~:n
m~~' :-TEl ':>. ~? ·.,a~·1
.,. -
~~.. ··~~1;):::'
I ... ·: •
~~~:.:;,:,
- ,.
,-~~
,. ..
-.~~·,
·.· .
·nv ;,j! :::l1$i' -,:;i,-;,:;, ib~7. 1:;11 l7 9 ;~n·.tS 1:1:~:;~ :::liq.:1
Als Benaja zum Zelt Ja/ures kam. da sagte er ~~~ ihm: So spricht der KOnig:
Komm heraus! Und er .wgte: Nein. denn hier will ich sterben' Da brachte
Benaja die Sache wrück t•or den Kiinig (folgendermaßen): So redete Joab und
so antwortete er mir.

Aus I.Kön 2,30 soll hier nicht die kö 'ämar-Formel diskutiert werden (dazu
vgl. Kap. 5.3.4.1 ), sondern die Berichterstattung Benajas vor dem König.
Benaja hatte zuvor von Salomo den Auftrag erhalten, Joab zu töten; Benaja
versuchte, den Auftrag auszuführen, scheiterte aber, weil sich Joab an den
Altar flüchtete (s.u. Kap. 5.3.4.1 ). Von diesen Ereignissen berichtet Benaja
gegenüber Salomo (So redete Joab und so antwortete er mir). Die Fügun-
gen kö + cnh (antworten) und kö + dbr (reden) leisten hier Vergleichbares
wie die zuvor besprochenen (w') kö 'ämar-Formeln, allerdings ohne eine
Rede einzuleiten. Schon durch die Einleitung [Da brachte Benaja die Sache
zurück vor den König (folgendermaßen)] wird dabei deutlich, dass es sich
nicht um DEKLARATIVE, wie in Botenvorgängen (s.o. Kap. 2.2.3.1 sowie
Kap. 5.3.1 und 5.3.7), sondern um einen Bericht (REPRÄSENTATIV)
handelt. Diese verwandten Wendungen sind deswegen interessant, weil
durch den Gebrauch der Verben cnh (antworten) und dbr (reden) klar wird,
dass hier- in zu den (w') kö 'ämar-Formeln in gewisser Weise parallelen
Formeln - keine andere Funktion als eine erzählende, berichtende etc. vor-
liegt; beide Verben werden nämlich nie in explizit performativen Äußerun-
gen bzw. in DEKLARATIVEN verwendet.'" 'mr dagegen kann sowohl in
explizit performativen bzw. DEKLARATIVEN wie auch anderen Äußerun-
gen [z.B. bei den (w') kö 'ämar-Formeln in REPRÄSENTATIVER Funk-
tion) stehen.'''
Liest man die oben angeführten Belege hintereinander. so macht der Er-
zählkotext klar, dass keine unterschiedlichen Funktionen der besprochenen
mit kö eingeleiteten Äußerungen vorliegen: In allen vier Fällen wird etwas
(Vergangenes) berichtet. Für diesen Typ der kö 'ämar-Formeln will ich den
Begriff Berichtsfomlel verwenden. Diese Formeln entsprechen einer Viel-
zahl von außeralttestamentlichen Redeeinleitungsformeln (vgl. Kap. 4).
deren Funktion es ist, im Erzähltext direkte Reden einzuleiten. Auffällig ge-
genüber den außeralttestamentlichen Belegen ist im AT. dass für die Ein-
bindung der Berichtsformeln w' gebraucht werden kann. Vor dem Hinter-
grund des Feldes der alttestamentlichen kö 'ämar-Formeln (s.u. Kap. 5.4

'" Vgl. Wagner. Sprechakte. 93-132.


1'1 Vgl. Wagner. Sprechakte. 100-103.
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 153

u.a.) dürfte darin die sprachliche Entwicklung zu beobachten sein, die Be-
richtsforrnel formal von anderen Verwendungsweisen der ko 'ämar-For-
meln abzusetzen.

5.3.3 ki ko 'ämar-Formeln und ihre Funktion als Zitatformeln

Von den bisher besprochenen Stellen heben sich schon von der Oberflä-
chenstruktur her diejenigen Belege ab, in denen der ko 'ämar-Formel ein ki
vorangestellt ist. Auch bei diesem Typus ist nun zu fragen, ob mit der Ver-
schiedenheit in der Oberflächenstruktur auch eine Funktions-/Sinnverschie-
denheit korrespondiert.
Durch die neuere Forschung zur Partikel ki wird dabei die Notwendig-
keit deutlich, von der ganzen Bedeutungsbreite dieser Partikel her zu fra-
gen; die Sachlage sei mit Michel zusammengefasst:
..Der ursprüngliche Gebrauch von ':;;> ist der einer deiktischen Partikel. die zur
Verstärkung dient In diesem Sinn wird sie auch noch im AT verwendet; die be-
kannteste Stelle ist vielleicht Jes 7,9 (... ). Aus diesem Gebrauch hat sich die
Verwendung als Hypolaxensignal entwickelt, wobei ursprünglich lediglich das
Faktum der Hypotaxe. nicht aber ihre Eigenart angezeigt wurde. So kann ':;;> ei-
ne für uns verwirrende Vielfall von Bedeutungen haben: es kann Subjekt- oder
Objektsätze, Kausalsätze, Konditionalsätze, Konzessivsätze und vielleicht auch
Relativsätze einleiten. Es muß also in jedem einzelnen Fall geprüft werden,
durch welche Art von spezieller Hypotaxe in unserer in dieser Hinsicht entwi-
ckeheren Sprache das hebräische ':P wiedergegeben werden muß - oder ob gar
keine Hypotaxe, sondern emphatischer Gebrauch vorliegt" 20
Zu dieser Bedeutungsvielfalt kommt hinzu, dass ki auch auf der textgram-
matischen Ebene Funktionen einnehmen kann: Es kann Textteile verbinden,
die jeweils auch selbständig sein könnten; so verbindet etwa das ki in Hym-
nen Lobaufruf und Corpus. Es kann gliedernde Funktion haben, kann aber
auch als Einleitung von Zitaten stehen, wie Michel bei Qohelet gezeigt
hat.!' Die textgrammatische Funktion hebt die syntaktische Bedeutung nicht
auf, sondern stellt eine Leistung auf einer weiteren sprachlichen Ebene dar;
ein ki, das ein Zitat anschließt, kann also durchaus begründend sein.!!
Ein idealtypischer Beleg für die spezielle Funktion der ki ko 'ämar-For-
meln findet sich in dem Erzählabschnitt Am 7.1~17 in V. II:!'

-"' Michel, Untersuchungen. 200. Vgl. außerdem Joüon/Muraoka. Grammar. 567ff.


589ff. 617-618,627,629,638.640-642 passim.
!I Vgl. Michel, Untersuchungen. 12-14. zu Qoh 1.17-18.
!! Vgl. Benigni. Panieie •;:,, 126-145.
!' Auf diesen Beleg hat besonders Michel hingewiesen (in seiner Kap. 2.3.1 besproche-
nen Untersuchung). er hat auch insbesondere auf die Zitateinleitungsfunktion von J.:i kii 'ämar
in Am 7.11 aufmerksam gemacht: vgl. aber auch Bj0rndalen. Zeitstufen passim: Meier. Spea-
king. 281. der allerdings das ki völlig übergeht. Das Buch Am gehön zwar nicht zu den er-
154 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

Am7.11 Oir:ll1 ir;l~ i'Tj-•:;>


im,~ ?11o iT?r iT~~ ?~~o·; i:l~~i· mo· :JiiT:
Y : • • '' •,• ; • 1' '' 'I' I ' ; 1' I 1'1' 1' ·: '." •

Denn su hat Amos gesprochen: Durch das Sdnl'err ll'ird Jembeam sterben und
Israel muss ins Exil. ll'eg 1'011 seinem Boden.
Der viel diskutierte Abschnitt Am 7.10-17 gibt etliche Fragen auf.!• Doch
hinsichtlich der (sich z.B. in den Übersetzungen implizit aussprechenden~')
Funktionsbeschreibungen der ki kö 'ämar-Formel in Am 7,II gibt es kaum
einen Dissens, obwohl nicht explizit über die Formel nachgedacht wird;
Amazja benutzt - in der Erzählwelt gedacht - die ki ko 'ämar-Formel. um
das Wort des Amos einzuleiten. Amazja ist ja gerade dabei, Jerobeam von
dem Wirken des Amos zu berichten. Innerhalb dieses Berichts zitiert er das
in V.11 wiedergegebene Wort des Amos. Die ki ko 'ämar-Formel steht also
zur Einleitung des von Amazja angeführten, des zitierten Amoswortes.!•
Damit ist die Funktion und die Übersetzung der ki ko 'ämar-Formel hier
klar: Es geht nicht darum, wie in vielen ko 'ämar-Formeln. das auf die For-
mel folgende Wort im Moment bzw. in der Gegenwart des Gebrauchens der
Formel als Wort des eigentlichen Absenders so zu qualifizieren, dass es als
vom Absender gegenwärtig gesprochen erscheint; hier ist die Funktion ein-
deutig die, das bereits in der Vergangenheit gesprochene Wort des Amos
anzuführen und einzuleiten; die Einleitung durch die ki ko 'ämar-Formel ist
notwendig, um den Beginn des zitierten Amos-Wortes zu markieren und
um das Wort auf den Absender Amos zurückzuführen. Die ki ko 'ämar-For-
mel ist vergangen zu übersetzen, es liegt keine DEKLARATIVE Funktion
vor, sondern eine BERICHTENDE, eine REPRÄSENTATIVE.
Dem Zitieren des Amos-Wortes geht natürlich auch keine spezielle Be-
auftragung durch Amos voraus; das Zitat mit der einleitenden ki ko 'ämar-
Formel wird von Amazja sozusagen selbständig angeführt. Dieser Rück-
griff auf etwas Vorausliegendes, für dessen Anführen keine spezieHe Be-
auftragung notwendig ist, ist charakteristisch für diese Formel. Man kann
sie daher Zitateinleitungsformel oder Zitatformel nennen. Der Rückgriff
kann sich auf verschiedenen Ebenen bewegen: In Am 7 ist der Vorgang auf
der Ebene des erzählten Geschehens angesiedelt; das Geschehen selbst, d.h.

zählenden Büchern des AT, Am 7,I 0-17 als Erzählpassage darf aber hier in die Argumenlali-
on einbezogen werden.
1• Vgl. Bj0rndalen, Erwägungen: Weimar. Schluß: Hardmeier. Exegese: Ulzschneider.
Amazjaerzählung; Jeremias, Amos. 105-112: Rouzoll, S!udien. 251-252 (Li!.!): Behn:ns.
Grammalik: Gilberl. Amos's prophelic slalus; Noble. Amos and Amaziah; Werlilz. Amos:
Behrens. Visionsschilderungen. 76-104.
2 ~ Die meislen Oberseizen vergangen. vgl. e1wa Jeremias, Amos, 105.
1" Auf den Vorgang des wörtlichen Zilierens weis! auch Jeremias. Amos. 108. hin. Es
muss sich deswegen allerdings nichl unbedingl um ein echles Amos-Zilal handeln: vom Tex!
Am 7.10-17 her lässl sich nur sagen. dass der Tex! so 1u1. als ob es sich um ein Zilal handeiL
Die Möglichkeil. dass es sich bei dem als zi1ier1 eingeführten Won um eine spälere ideallypi-
sche Zusammenfassung von Schülern handell. isl damil nichl ausgeschlossen.
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 155

der agierende Amos oder sein zitiertes Wort, ist dem Leser des Amos-Bu-
ches. wenn man eine linear-progressive Lektüre annimmt, nicht bekannt ge-
wesen. In den nächsten Texten wird die Formel benutzt, um den Rückgriff
auf Bekanntes zu markieren, das - zumindest in der heutigen Form des
Textes - schon im linear-progressiven Erzählablauf vorgekommen ist. Au-
ßerdem wird dieser Rückgriff auf Bekanntes dazu benutzt, um eine Auffor-
derung zu begründen. Das ist in den folgenden Texten (s.u.) deutlicher als
in Am 7,10-17. Auch für Am 7,11 ist aber festzuhalten, dass das mit der kf
ko 'ämar-Formel eingeleitete Zitat nicht zu Beginn der Ausführungen des
Amazja steht und eine Begründung für den festgestellten Sachverhalt der
Untragbarkeit des Amos darstellt; die Feststellung der Untragbarkeit, durch
Amazja dem König mitgeteilt, dürfte einer indirekten Aufforderung zum
Eingreifen gleichkommen. 27 Insofern liegt hier eine begründende kf ko
'ämar-Formel nach einer (indirekten) Aufforderung vor. 1K
In den folgenden beiden Stellen sind Sprüche verwendet, die mit der kf
ko 'ämar-Formel ein- bzw. angeführt -zitiert- werden; die Sprüche dienen
im vorliegenden Zusammenhang als Begründung:
I.Kön {V./3: Elia sprach zu ihr: Fiirchte dich nicht! Geh. 11/e. wie du gesagt hast.
17.14 Nur fiir mich mach zuerst voll do11 ein k/eine.t Gebackenes u11d bri11ge es her-
aus zu mir. Und für dich u11d deinen Soh11 mache da11ach.j
.,151~: ·::r~~ ;"!J;'i~ iQ~ ;"!::;, ·~
;"1'(::(0 ~~ MQR0 ,~
iQ;:tQ ~~ 1~0 m~~1
;"101~:-: 'J9-',l1 c~~ ;"!1;"!'2',..m ci· 1l1
T T •1 T •• I • •: '/ T ; '' -

V. /4: Denn so hat Jahwe. der Go// Israels. gesprochen:


Der Mehlkasten wird nicht leer
rmd der 0/krug 1\"ird nicht versiegell
bis zu dem Tag. da Jalnre einen Rege11 auf das A11ge.ticht der Erde gibt.

! 1 Dass Erzählungen, Berichre erc. als indirekre Sprechakre gebraucht werden können.
um Aufforderungen auszudrücken (dass sie also für DIREKTIVE Sprechakre slehen können),
ist auch im Hebräischen nichrs Ungewöhnliches. vgl. Wagner, Sprechakre. 36-44 und
243-251.
!• Am 7,I 0-17, ein Tex!, der in der drillen Person über Amos berichlel. isl sicher kein
aurhenrischer Amos-Texl. Da er keine klaren drr. Spuren enlhäh. andererseirs aber die Theo-
logie des Amos zuspirzr. isr der Einschiilzung Jeremias. Amos. XXI. zuzuslimmen. der als
Enrsrehungszeir des Texres circa ein Jahrhundert nach Amos wahrscheinlich machr: .. Im fol-
genden [7.) Jahrhundert. dem Zeilaher des Propheren Jeremia. sind die genannren rheologi-
schen Tendenzen [z.B. Zielgruppe der Amosworte wird immer srärker das Gonesvolk insge-
samr; die Rechtsrhemarik Irin stärker hervor u.ä.) in Juda kräflig verslärkr worden. indem äl-
rere Amosrexre mireinander kombiniert wurden. um sich gegenseirig zu deuren (6.8ff.: 8.3ff.).
[... ] Vor allem aber werden die Reflexionen des Amos über sein Ami (vgl. 3.3-8" sowie die
Visionsberichre) in Vorwegnahme der dir Theologie so zugespilzl. daß einem Israel. das mehr
auf den Sraar als auf das prophelische Wort hört, unerbinlich der Unrergang angesagl wird
(7.10-17)."
1', Da Jahwe Subjekl isl. das Kelib !1iilil 3.Pers.f/2.Pers.m. isr mir dem Qere zu lesen.
156 Die ko 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

In I.Kön 17 wird in VV.I 0-16 ein Speisungswunder, vollbracht von Elia,


geschildert. In V.l3 fordert Elia die Witwe, die er zuvor am Stadttor von
Sarepta getroffen hatte, auf, ihm Brot zu backen. Die Aufforderung wird
begründet mit einem Spruch. Der Spruch ist eingeleitet mit einer ki ko
'ämar-Formel. Der von ki ko 'ämar eingeleitete erste Teil des Spruches
wirkt in sich abgeschlossen, darauf weist schon die Form als synonymer Pa-
rallelismus membrorum: Der Mehlkasten wird nicht leer und der Olkrug
wird nicht versiegen. Der letzte Teil (bis an den Tag, da Jahwe einen Regen
auf das Angesicht der Erde gibt) hebt sich sowohl von der Länge wie auch
von seinem Inhalt her von dem ersten Teil des Spruches ab; das Motiv des
ersten Teils ist ein typisches Märchenmotiv.)() Der zweite Teil des Spruches
dürfte erst später hinzugekommen sein, einmal, um den märchenhaft-magi-
schen Hintergrund des ersten Teils des Spruches zu jahweisieren, zum an-
deren, um die Elia-Geschichte in den Kontext (Dürre und Regen in Kap. 17
und 18) einzubinden.·" So oder so ist der Spruchcharakter deutlich, und die
Tatsache, dass hier mit dem nicht ausgehenden Vorrat ein auch anderswo
vorkommendes Motiv angeführt wird, spricht sehr dafür, keine individuell
ergangene prophetische Botschaft vorauszusetzen, sondern davon auszuge-
hen, dass das mit einer ki ko 'ämar-Formel eingeleitete Zitat eines (be-
kannten) Spruches vorliegt. Wie bei den meisten Belegen mit ki ko 'ämar-
Formeln dient auch hier der durch die ki ko 'ämar-Formel eingeleitete Text-
teil als Begründung für eine voranstehende Aufforderung (V.I3).
2.Kön 4.43 ~·~ ;"1~~ ·~-~7 ;"1! 11JIS ;"11? irll~l? i9~'1
i'Ji;"ll 'j~ ;"lp~ iQ~ ;"lj ·~ ~,:;?~'1 Cl?'? 11J i9~'1
Da sagte sein Diener: Wie .w/1 ich dies geben angesichts voll hundert Mon11 7
Da sagte er: Gib (es) dem Volk. so dass sie essen. Denn so hat Johll"e gespm·
chen: Essen (wird mon). und übriglassen (wird nron).

Nicht zu übersehen ist die Verwandtschaft dieser Elisa-Geschichte mit dem


zuvor besprochenen Elia-Text:' 1 In beiden Texten geht es um ein Spei-
sungswunder, in beiden wird die Aufforderung. das Essen zu bereiten bzw.
zu geben, mit einer ki ko 'ämar-Formel begründet, hier wie da ist ein Satz
in einer in sich abgeschlossenen Spruchform angeführt/' der als Begrün-
dung für die Aufforderung dient. Eine ganz analoge Stelle findet sich in

·10 Vgl. Gunkel. Märchen. 69; Fritz. Könige. 165 weist auf die allgemeine Verbreitung
dieses Motivs hin: .. [... ) daß ein bestimmter Vorrat im Krug oder in der Flasche nicht ausgeht.
findet sich auch sonst in der Literatur. so etwa im Märchen «Der süße Brei» der Sammlung
der Gebrüder Grimm".
11 Vgl. Würthwein. !.Könige 17ff. 213; dies geschah im Zusammenhang mit dem Ein-

bau der ki ko 'änrar-Forrnel. möglicherweise wurde der Spruch aber bereits zuvor erweitert.
' 2 Auf diesen Sachverhalt verweisen etwa: Coganffadmor. II. Kings. 59: .. lt is often ob-
served that several deeds told of Elisha - the multiplication of oil (vv. 4-5) and bread (vv.
43-44) [... ]- have their counterpart in the Elijah cycle of stories; cf. I Kgs 17:14-16:
17:20-22."
11 Der zitierte Spruch ähnelt 2.Chr 31.10: vermutlich wird er auch dort vorausgesetzt.
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 157

einer weiteren Elisa-Erzählung, in 2.Kön 3,17; hier scheint ebenfalls auf ein
Sprichwort rekurriert zu werden.'•
Jos 7.13 i1'J97 1i.:ilP-17"":t ~""\~1 o.y~-~ tli1P- op
[... ) ~~'1~~ ':j:;r:p~ OliJ ~~'1(41~ '::!?~ iip~ ir;ltS ii:, ·~
Steh auf. heilige das Volk und sprich: Heiligt euch für morgen. denn so hat
Jahu-e. '~ der Gott Israels. gesprochen: Gebanntes ist in deiner Mitte. Israel!
[ ... ].

Dem Erzählgeschehen zufolge erhält Josua in einer Jahwerede den Auftrag,


zu den Israeliten zu sprechen; Josua wird schon bei der Beauftragung die
gesamte Rede aufgetragen; Josua soll die Israeliten auffordern. sich zu hei-
ligen (heiligt euch ftir morgen); die ki ko 'ämar-Formel leitet innerhalb der
Rede die Begründung für die Aufforderung an: denn so hat Jahwe, der Gott
Israels, gesprochen: Gebanllfes ist in deiner Mitte, Israel."' In Jos 7,13 liegt
der Beauftragungskomplex einer Erzählung vor; nachzeitig zur Beauftra-
gung soll Josua den Auftrag ausführen. Auf diese Situation der Ausführung
hin ist der Auftrag schon formuliert: die Mitteilung Jahwes an Josua in 7 ,II
bezüglich des Gebannten ist in der Ausführungssituation schon Vergangen-
heit, sie wird zitiert, wird schon als Zitat in die Rede, die Josua an die Isra-
eliten zu halten hat, eingebaut.
Die Beauftragung Josuas mit der Rede an die Israeliten, also der Vor-
gang innerhalb des erzählten Kommunikationsgeschehens, ist eigentümlich
verknüpft mit dem Kommunikationsgeschehen der Sprachebene Text -
realer Leser. Die mit ki ko 'ämar eingeleitete Begründung aus V.l3 greift
sachlich auf einen dem Leser bekannten, im Erzählverlauf schon geschil-
derten Sachverhalt zurück, nämlich auf das Verbot, von dem Gebannten zu
nehmen (vgl. Jos 6,18)." Der Sachverhalt, der zur Aufforderung, sich zu
heiligen führt, nämlich dass Gebanntes in der Mitte Israels ist, setzt das ge-
nannte Verbot voraus. Der Leser kennt (im Gegensatz zum Volk der Israeli-
ten in der Erzählung) bereits die Ursache für das fehlende Kriegsglück (vgl.
Jos 7,2-5): In Jos 7,1 wurde dem Leser schon mitgeteilt, dass Achan von
dem Gebannten genommen hat. Die Übertretung des Verbotes, vom Ge-
bannten zu nehmen, die Sache also, die Josua als Grund für das Scheitern
vor Ai in V. II direkt (und noch einmal aus V.l3 indirekt) aus der Jahwe-

'• Im vorliegenden Kapitel wurden alle ki kö 'amar-Formeln der erzählenden Bücher be-
sprochen. Nicht ganz klar ist mir die oben ausgesparte Stelle 2.Kön 18.31. Greift dort der
Rabschake in seiner Rede auf ein Wort Sanheribs zurück? Auch dort wird eine Aufforderung
durch eine Äußerung. eingeleitet mit der ki kö 'ämar-Formel, begründet.
" Auch Hertzberg. Josua. Richter. Ruth. 47 übersetzt die ki kö 'ämar-Formel vergangen.
'h Der Anfang der Josua aufgetragenen Rede an die Israeliten in Jos 7. die Aufforderung.
sich zu heiligen, könnte - wiederum auf der Erzählebene des Josuabuches gedacht -durchaus
auch ohne besondere Beauftragung durch Jahwe von Josua stammen, wenn man an die pa-
rallele Formulierung aus Jos 3.5 denkt. Die kf kö 'ämar·Formel bringt somit eine deutliche
Klarstellung. wer die Verfehlung Israels benannt/entdeckt hat.
17 Vgl. Boling. Joshua, 229.
158 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

rede an ihn erfahrt, ist dem Leser ebenfalls schon bekannt. Der reale Leser
ist nicht verwundert über die in V.l3 gebrauchte ki kö 'ämar-Formel. die
auf der Ebene Text - realer Leser auf bereits Bekanntes rekurriert und die
somit auch auf dieser Kommunikationsebene als Zitatformel, als Formel,
die auf Bekanntes zurückgreift, funktioniert.
Diese Bedeutungsdimension der ki kö 'ämar-Formel hinsichtlich der
Ebene Text - realer Leser muss man unterscheiden von der Bedeutungsdi-
mension, die nur innerhalb der Erzählwelt besteht. Ein Beispiel, in dem es
nur eine erzählweltimmanente Bedeutungsdimension der ki kö 'ämar-For-
mei gibt, war Am 7,10-17; dort weiß der Leser nicht mehr als die erzählen-
de Figur (Amazja) kundtut, der Leser muss ganz der erzählten Darstellung
des Geschehens folgen; die Funktion der ki kö 'ämar-Formel als Zitatfor-
mel ergibt sich in Am 7,10-17 allein aus dem Erzählgeschehen. das jeder
Leser ohne weitere Vortext-Kenntnisse nachvollziehen kann.
l.Kön iO~ ;ö ':;> ~:l'.\lli? illUJP. 1"rni?c-\':n:'7
iq~·1
11.31 ,:Q i!:(7~9:::-~ 111P 'iP ~~l~~ ·;::r?~ ;,p~
1... 1i!b?~
Da sagte er :u Jerobeam: Nimm dir 10 Lappen. denn .w hat Jahu·e. •• der Gott
Israels. gesprochen: kh bin im Begriff. die Kiinig.tmacht aus der Hand Salo-
mos zu reißen [... ].

Im Umfeld von l.Kön II ,31 geht es um die Aufstände gegen Salomo; in


V.31 spricht Ahia von Silo zu Jerobeam. Auch hier kann auf der textimma-
nenten Ebene gesagt werden, dass die Rede Ahias so gestaltet ist, als ob ein
bereits empfangenes Jahwewort zur Begründung angeführt wird. Wiederum
dürfte auch in sachlicher Hinsicht ein Rückgriff auf Bekanntes vorliegen.
denn der in der Begründung geschilderte Sachverhalt ist die mehrmals er-
wähnte Tatsache, dass Jahwe Salomo angedroht hat, ihm das Königtum bei
Verfehlungen wegzunehmen (LKön 9,6-9; LKön 11,9-13). Von der vor-
liegenden Gesamtkonzeption des Kapitels ist vorauszusetzen. dass Ahia -
wie der Leser - von Salomos ausländischen Frauen und seinen Fremdgöt-
tern weiß ( l.Kön II ,5-8) und angesichts der Androhungen Jahwcs davon
ausgehen kann, dass Salomo sein Königtum an jemanden außerhalb seines
Hauses verliert. Die ki kö 'ämar-Formei steht auch hier wieder nach einer
(DIREKTIVEN) Aufforderung, also nicht zu Beginn eines Textes, und lei-
tet die Begründung für die Aufforderung ein.'"

•• Fritz, Könige. 122 übersetzt die ki kti 'cimar-Formel ebenfalls vergangen.


''' Falls mit l.Kön II, wie schon Noth und Wünhwein vermutet haben (vgl. Noth. Köni-
ge. 259-260; Wünhwein. l.Könige 1-16. 130-146). ein literarisch konstruierter dtr. Text
vorliegt. der auf vorausliegendes Material und Gedankengut zurückgreift. so wird noch ein-
mal verständlicher. dass hier eine Zitatformel zum Einsatz kommt. um das Wort Ahias von
Silo zu gestalten: Zumindest die Begründung für den Verlust des Königtums ist aus den
bekannten Fakten bzw. den vorausgesetzten dtr. Maßstäben (das Beuneilen der Könige nach
dem Maßstab der Jahwetreue etc.; vgl. etwa l.Kön 9,4; 15.3 u.a.) ohne weiteres als Jahwe-
wort abzuleiten.
Analyse der kö 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 159

Zusammenfassung: a) In allen Belegen mit ki stehen die ko 'ämar-Formeln


nicht zu Beginn einer Äußerung, sondern nach einer Aufforderung (DI-
REKTIV); durchweg haben die mit ki ko 'ämar eingeleiteten Sätze be-
gründenden Charakter, dienen argumentativen Zwecken. Als Gründe wer-
den in den mit ki ko 'ämar-Formeln eingeleiteten Äußerungen bereits be-
kannte Texte zitiert oder als bekannt vorausgesetzte Sachverhalte geschil-
dert; Letzteres kann sowohl innerhalb der Erzählwelt wie auch auf der
Kommunikationsebene Text - realer Leser geschehen, ein Aspekt, der sich
bei den ki ko 'ämar-Formeln in prophetischen Büchern als bedeutsam er-
weisen wird (vgl. Kap. 6.2.2). Die Funktion der ki ko 'ämar-Formeln liegt
hauptsächlich auf der lnfonnationsebene (bleibt also im Bereich eines RE-
PRÄSENTATIVEN Sprechaktes): Die im Anschluss an die Formel stehen-
de Begründung soll deutlich auf den in der ki ko 'ämar-Formel genannten
eigentlichen Sender zurückgeführt werden, um klarzustellen, auf wen die
angegebenen Zitate/Gründe zu beziehen sind. Die kf ko 'ämar-Formeln sind
am besten mit einem Vergangenheitstempus zu übersetzen. Die Aufforde-
rung, die den mit den kf ko 'ämar-Formeln eingeleiteten Texten voransteht,
muss nicht wie die Begründung auf den in der kf ko 'ämar-Formel genann-
ten eigentlichen Sender zurückgeführt werden, sie kann auch in der Verant-
wortung des jeweils Redenden stehen (das wäre z.B. in Am 7,11 Amazja, in
I.Kön 11,31 Ahia von Silo usw.-10). b) In denjenigen Fällen, in denen etwas
Bekanntes aufgenommen und als Begründung in einen größeren Zusam-
menhang eingebaut wird (z.B. in I.Kön 17,14), kann man von einer expli-
ziten Traditionsaufnahme sprechen; es handelt sich damit um eine theolo-
gische Elementartechnik, die durch Aufnahme von Tradition und Weiter-
entwicklung der Inhalte bzw. durch neu hergestellte Bezüge neue Aussagen
schafft. Dieser Sachverhalt wird in Kap. 6.2.2 und 7.2.1.2 noch einmal
ausgeführt. c) Die in den Kap. 5.3.2 und 5.3.3 angestellten Beobachtungen
zu den (w') ko 'ämar-Formeln und den kf ko 'ämar-Formeln haben gezeigt,
dass diese beiden Fonneltypen nicht mit dem Konzept einer "Botenformel"
zu erklären sind. Es handelt sich um formale Varianten, mit denen auch je
eigene Funktionen verbunden sind. Der von Westermann u.a. postulierte
Gedankengang ko 'ämar-Fonnel = "Botenformel" = Botenvorgang ist für
diese Formelvarianten also nicht nachzuvollziehen; hier handelt es sich um
Unter-/Teiltypen der ko 'ämar-Formel. Auf diese Weise sensibilisiert für
Funktionsverschiedenheiten bei ko 'ämar-Formeln sind nun formal uner-
weiterte ko 'ämar-Fonneln zu untersuchen; auch hier muss die Frage nach
möglichen Funktionsverschiedenheiten gestellt werden.

"' Eine Ausnahme bildet Jos 7 .13. wo durch die Gestaltung als Redeauftrag Jahwes an
Josua deutlich gemacht wird. dass auch die Aufforderung Won des in der l.:i 1.:0 'ämar-Formel
genannten eigentlichen Absenders ist. Allerdings ist dieser spezielle Charakter nur aufgrund
des besonderen Kotextes erkennbar: die aufgetragene Rede Josuas alleine ließe davon nichts
erkennen.
160 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

5.3.4 Die ko 'ämar-Formel als Einleitungs- und Legitimierungsformel für


nicht wörtlich auszurichtende Aufträge (freier Gebrauch)

5.3.4. 1 Prägname Beispiele für den Gebrauch der ko 'ämar-Formel


bei nicht wörtlich auszurichtenden Aufträgen
Rendtorff hat als Erster darauf hingewiesen, dass an manchen Stellen, in
denen ko 'ämar-Formeln vorkommen, nicht von einer wortwörtlichen Über-
mittlung eines Auftrages gesprochen werden kann! 1 Allerdings betrachtet
er diese Fälle unter der Fragestellung der Zusammengehörigkeit von "Bo-
tenformel" und Botenspruch, er will zeigen, dass "Botenformel" und Boten-
spruch nicht zwingend aufeinander bezogen sind, weil der Auftrag nicht
wörtlich mit der Ausführung übereinstimmt. Bei Rendtorff fehlt auch ein
systematisches Durcharbeiten des Gesamtbestandes der ko 'ämar-Formeln
im AT. ~ 2 Im Folgenden wird nun zu zeigen sein, dass es sich bei den hier zu
diskutierenden Stellen mit (unerweiterten) ko 'ämar-Formeln eigentlich
überhaupt nicht um Botschaftsübermittlungsvorgänge handelt. Ich will den
Sachverhalt zunächst an den prägnantesten dieser Stellen erläutern: I.Kön
2,30; Ex 5,6-11; 2.Kön 18,29. Zuerst zu I.Kön 2,30:
I.Kön 2.30 {V.29 (... )Da sandte Salnmo Benaja. den Sohn Jojadas (folgendemwßen):
Geh. stoß ihn nieder! I
~p~ ':l:JN-':ltS ~~:1=t ~:J:1 30
n~o~ ii!:l '::;> ~? i9~'1 ~~ 1790 iQ~-iij 1·7~ i9~'1
=·~1-\1 ii:,1 :l~i· i:;;rr~j ib~~ i~l 1790-rl!S ,~:;~ :1t;!:1
V.30 Als Benaja zum Zelt Jah11·es kam. da sagte er zu ihm: So spricht der Kii-
nig: Kmnm heraus! Und er sagte: Nein. denn hier will iclr .Herben.' Da brachte
Benaja die Sache zurück 1•or den Kiinig (folgendermaßen): So redete Joab und
so annwrtete er mir.

Dieser Text wurde schon kurz in Kap. 5.3.2 bei der Frage von (w'') ko 'ämar
in Berichten und Erzählungen wegen der Wendung ::l~i· i:;f!-;"Tj bespro-
chen. Hier geht es nun um die Funktion von ko 'ämar in V.30.
I.Kön 1-2 bildet den Abschluss der Thronfolgegeschichte!' Der Text
handelt u.a. davon, dass Salomo bei den Regelungen unmittelbar nach sei-
nem Regierungsantritt mögliche Widersacher ausmerzt. Ausgehend von der
Annahme der Uneinheitlichkeit der Thronfolgegeschichte hat Bietenhard

~1Vgl. Rendtorff. Botenfonnel.


~2Das Nämliche gilt für Rottzoll. der noch einmal auf die Beobachtungen Ri!ndtorffs
hingewiesen hat. vgl. Rottzoll. KH 'MR ... -Legitimationsfonnel.
~~ Zur Thronfolgegeschichte vgl. Rost. Überlieferung; zur heutigen Diskussion vgl. bes.
Kaiser. Einleitung. 157-160; Smend. Entstehung. 131-133; Kaiser. Grundriß I. 118-120;
Schmidt. Einführung. 159-161; Dietrich. Königszeit. 202-212; Niehr. Samuelbücher/Königs-
bücher. 210--234 passim; Bietenhard. Heerflihrertraditionen; Stoebe. Thronnachfolge.
Analyse der kö 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 161

sehr plausibel herausgearbeitet,"" dass mit dem Tod Joabs und Schimis ur-
sprünglich ein Erzählkreis endete, der mit dem Auftritt von Abner und Joab
begonnen hatte.'~ Dieser "ursprünglich antisalomonische Bericht" hatte sei-
nen Höhepunkt in der Schilderung des Endes der salomonischen Gegner:••
"Mit dem gewaltsamen Tod am Altar weist dieser unmissverständlich auf
die Blasphemie hin, die die Nachfolge und beginnende Herrschaft Salomos
für diese Kreise [Davids Vasallen, das Landpriestertum Abjatars] bedeu-
ten.''" Diese alte Erzählung ist nach Bietenhard vom Thronfolgeerzähler
übernommen worden und wurde zum Grundgerüst der neuen Erzählung.
Allerdings entschärft der Thronfolgeerzähler mehrfach die Spitze dieses an-
tisalomonischen Berichts: .. [ ... ] sprachlich, indem er sich einer vollendeten,
höfischen und höflichen Sprache bedient und für Verständnis gegenüber
den [ ... ] Anliegen Natans und Batsebas werben kann; literarisch, indem er
eine hohe Zweideutigkeit der Aktionen beider Parteien erzeugt; theolo-
gisch, indem er die Nachfolge Salomos unter den Schutz des beim Namen
Jahwes geleisteten Versprechens stellt; und inhaltlich, da er das Thema des
alten Berichts, den Werdegang Salomos, ins Ganze der Erzählung über das
Königtum einbettet und diese zu einer Darstellung der Ereignisse in ihrem
unabänderlichen Hergang ausformt."""' Bietenhard geht davon aus, dass der
Thronfolgeerzähler unter dem Eindruck des Untergangs des Nordreiches
geschrieben hat;~• für den dieser Erzählung vorausliegenden Bericht 2.Sam
2-3; 10-12; (20); I.Kön 1-2 erwägt sie (im Anschluss an Dietrich/Nau-
mann und Anderson-.o) einen Verfasser aus der antisalomonischen Oppositi-
on.''

"" Nach Ansätzen schon bei Rost. Überlieferung vgl. bes. die Arbeiten von: Würthwein.
Erzählung: Ackroyd. Succession Narrative: Veijola, David u.a.: vgl. bes. die Liste der späte-
ren Bearbeitungen bei Dietrich. Königszeit. 209.
~' Vgl. Bietenhard. Heerführertraditionen. 251.
~ Bietenhard. Heerführertraditionen. 250.
" Bietenhard. Heerführertraditionen. 251.
~· Bietenhard. Heerführertraditionen. 251. Vgl. auch Dietrich. Ende. 41-43 .
•. , Vgl. Bietenhard, Heerführertraditionen. 324-325: anders Kaiser. der für eine Entste·
hung der ..ganzen Grunderzählung" die Zeit .. nicht vor dem letzten Drittel des 8.Jh." an·
nimmt: s.E. besitzen die Erzählungen 2.Sam 2.12ff und 2.Sam 20 .. keine zureichenden Vor-
stellungen mehr von dem talsliehliehen Hergang der Ereignisse". Kaiser. Grundriß I. 120.
'" Vgl. Dietrich/Naumann. Samuelbücher. 213ff: Anderson, Samuel. xxviii.
' 1 .. Dafür und für die zeitliche Situierung des Berichts nahe an den Ereignissen. viel·
leicht in der Frühzeit Salomos oder auch gegen Ende seines als verfehlt beurteilten Regimes.
spricht auch der überaus sachliche. die Ereignisse in Politik und Königshaus nüchtern be-
richtende Stil. Auch wenn die fiktiven Elemente. wie zum Beispiel das Motiv vom Sendbrief
in 2 Sam II die Erzählung als literarisches Werk charakterisieren. zeigen doch die Kriegser·
Zählungen und die Schilderung der Thronnachfolge Salomos einen über die Vorgänge an der
Staatsspitze wohlinformierten Verfasser. Er entstammt vielleicht selbst dem inneren Kreis der
Machtträger im Königreich und vertritt diejenigen Kreise aus Juda und Israel. die David zur
Macht verhelfen und sich von der Politik der ersten Könige grausam enttäuscht s.:hen." Bie-
tenhard. Heerführertraditionen. 329-330.
162 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

In diesem - wenn man Bietenhard folgt alten - Text findet sich nun eine
sehr auffällige Verwendung der kö 'ämar-Formel. In I.Kön 2,29 beauftragt
Salomo Benaja, Joab umzubringen: Geh, stoß ihn nieder! Die Ausführung
dieses Auftrages wird im Folgenden geschildert, so dass in der Erzählung
Beauftragung und Ausführung enthalten sind, die sozusagen aus zwei Korn-
munikationsakten bestehen:
I. Kommuni- Salomo (Sender A) ~ BEFEHL an Benaja (Empfanger)
kationsakt

2. Kommuni-
"'"'
Sender A' ~ an Joab
kationsakt so spricht (Empfänger)
der König
Zunächst ist deutlich zu machen, dass es hier nicht um einen Botenauftrag.
sondern um einen Handlungsauftrag, nämlich den Befehl, Joab umzubrin-
gen, geht.~ 2 Die ko 'ämar-Formel ist also im Kontext einer Befehls-/Beauf-
tragungshandlung zu betrachten und nicht im Kontext eines Botenvorgangs.
Strukturell gibt es allerdings deutliche Ähnlichkeiten zum Botenvor-
gang: Zum einen liegt bei beiden eine vermittelte Kommunikation vor:
Befehlsvorgang ~ A befiehlt B: tue so und so mit C
Botenvorgang ~ A befiehlt B: sage so und so zu C
Zum anderen wird der Befehl hier in I.Kön 2,30- weil Benaja Joab nicht
einfach niederstoßen konnte - mindestens ersatzweise sprachlich ausgeführt
bzw. begleitet (deutlicher ist die sprachliche Ausführung in Ex 5, s.u.). so
dass also doch so etwas wie eine vermittelte Kommunikation stattfindet.
Doch dürfen die strukturellen Ähnlichkeiten nicht über die Unterschiede
zwischen Botenvorgang und Befehls-/ Auftragsausführung hinwegtäuschen.
Im Vorgang der Auftragsausführung ist es nun Benaja offensichtlich erlaubt
bzw. es ist ihm sogar geboten, die ko 'ämar-Formel zu gebrauchen, obwohl
er dafür keinen dezidierten Auftrag erfahren hat (vgl. V.29!). Da Benaja ja
keine Botschaft zu überbringen hat, sondern Joab umbringen soll, kann die
ko 'ämar-Formel hier nicht die Funktion einer Botschaftseinleitung haben.
Was sind nun die Funktionen dieser Formel in I.Kön 2,30?
- Sie bildet den Auftakt der Rede des Benaja, die notwendig wird, weil er
den Grundauftrag Salomos, Joab niederzustoßen, nicht ohne weiteres (we-
gen der Schutzfunktion des Altars) ausführen kann;
- sie dient also nicht als Einleitung einer wortwörtlichen Ausrichtung ei-
ner Botschaft;
- sie dient als Ausweis offizieller Rede (was Benaja ausführt, ist Auftrag
des Salomo, nicht des Privatmanns Benaja), ist dezidierte Klarstellung. dass
es um den Willen Salomos geht;

~1 Auf den Akt des Befehls weist auch Houtman. Altar. 363 ausdrücklich hin.
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 163

durch die Formel wird Legitimation, Amtsautorität für Benaja erzielt


bzw. kenntlich gemacht.
Die Stellung des Benaja als Amtsträger unter Salomo erlaubt es ihm -
um die alte Formulierung Fahrers aufzugreifen - im Namen Salomos zu
sprechen;~' in der spezifischen Situation, in der sich Joab an den Altar ge-
flüchtet hat.~ ist es nötig, Joab herauszulocken.~~ um den von Salomo er-
teilten Grundauftrag ausführen zu können. Benaja entscheidet das ange-
sichts der Situation selbst, ohne für diese sprachliche Handlung speziell be-
auftragt zu sein. Der Gebrauch der ko 'ämar-Formel zielt dabei hauptsäch-
lich auf die Legitimierung des Handeins Benajas als eines von Salomo au-
torisierten.
Der nächste hier zu besprechende Text ist Ex 5,6-11. Die Passage über
den Auftrag zur Fronverschärfung steht in dem größeren Abschnitt Ex
5,1-6,1. Diese Erzählung wurde bisher meist als einheitlicher Text beur-
teilt, etwa von Noth: "Literarisch ist der Abschnitt 5,1-6,1 ziemlich glatt.
Nur V .4 befremdet, da er sich mit dem folgenden V.5 stößt. "jf,

" Vgl. Fohrer. Neuere Literatur 2..U9.


•• .. He knows that he can expect no mercy: that is why he refuses 10 come out (v. 30)."
Provan. Narrative art, II I.
·~ Zur Schutzfunktion des Altars. zu dem Joab sich genüchtet hat. und zum Versuch. Jo-
ab wegzulocken, vgl. auch Houtman. Altar. 363-364.
" Noth. Exodus. 38. Noth. der den Abschnill Ex 5.1-6.1 wie andere auch zu J rechnet
(s.u.). wertet ..das Stück 5,3-13. in dem Mose nicht erwähnt wird. als ein eingebautes Ele-
ment älterer Tradition" (Noth, Exodus. 38). Schmidt, Exodus. 256. findet dagegen keine In-
dizien. um eine ältere Überlieferung auszugrenzen. Er plädiert flir mindestens eine Mitgestal-
tung von Ex 5.6ff durch J. Albertz. Religionsgeschichte. 219. hält den Einzeltext Ex 5* für
einen Propagandatext aus dem Arbeitskampf gegen Salomo bzw. Rehabeam (vgl. I.Kön
12.1 Of): .. Die eigenen Unterdrücker werden bewußt polemisch dem Pharao gleichgesetzt. der
Israel einst in Ägypten mit Fronarbeit geknechtet halle!" Seters. Life. 71 f. rechnet den Ab-
schnill auch zu J. datiert J aber später als Schmidt; J habe Pharao als kritisches Ebenbild
Nebukadnezars beschrieben. Nach Gertz ist in Ex 5.3-6.1 dagegen die Pentateuchendredak-
tion am Werk; zu den Querbeziehungen dieses Textes zu anderen. von Gertz der Endredakti-
on zugesprochenen Texten, vgl. Genz. Tradition. 339-343. Die Endredaktion könnte aller-
dings auf eine Vorlage zurückgegriffen haben: .. Kein Einwand gegen eine Zuweisung von
5.3-6.1 an die Endredaktion sind natürlich Bezüge auf vorgegebene ältere Texte. wie sie
zuletzt Schmidt. Exodus. 248 für eine jahwistische Herkunft des Abschnius angeführt hat.
Daß Redaktoren die redigierten Texte aufnehmen. liegt in der Natur der Sache." Genz. Tra-
dition. 34. Geschaffen wurde so ein Überleitungstext zum P-Bericht der Berufung des Mose.
wobei der .. zweite Gesprächsgang in V. 3f(5), die Schilderung der verschärften Fron in V.
6--19 sowie die abschließende Anschuldigung Moses und dessen Fürbille in V. 20ff [ ... 1dem-
nach ursprünglich [zusammengehören]··. Gertz. Tradition. 337. Bedenkenswen ist auch die
von Särkiö vorgetragene These. dass gerade am Beispiel von Ex 5 zu zeigen ist. dass J sich
auf vor-deuteronomistische Texte wie I.Kön 12* bezieht; damit wäre J wohl vor 587 v .Chr.
einzuordnen. vgl. Särkiö. Exodus. 69-77. der davon ausgeht. dass J den Untergang des Nord-
reiches kennt (Ex 32,34) und vermutlich in der zweiten Hälfte des 7. Jh. gewirkt hat. vgl.
a.a.O. 169.
164 Die ko >ämar-Fonneln in erzählenden Texten

Ex 5.6-11 :ib~~ 1'l~tD-~l c:~; i:r·~~MJ-n~ ~~ii;:t ci•;J. iÜ.ll~ ~~~1 6


~;:,7~ CiJ ciD7~ ?ioi;l~ ~:n::~'?iJ J!!77 c.v7 pl) i\J7 p~~;, ~? 1
?ir:ll;l o·~:tl OiJ i~~ o·~::l'?::t n~~::v;n·~tSl s q:;l) 0;:17 ~iDt?f'l
O~i;t 'iP.~J ~~~~1 10 [... J mp,Q ~l.l""\~-:'1 ~'? ory·'(.~ ~o·Q~ ot:i7t:i
0~'( lt::lJ ·~r~ ii:tl""\~ i~~ ii~ ib~'(. O~i;t-',IS ~i9~'! i''")tr~l
l.l'")~~ 1'~ ·~ ~~91:\ i~~Q pl) C~'( ~nP, 1;:,'{ Cl)~ 11 =]:;;i}
:i::;l"1 O~t;l'"!~~Q
V.6 Und Pharao gebar am seihen Tag den Anrreibem/Fronviigren de.1 Volke.!
und seinen Aufsehern Folgendes: V.7 (Ihr .wllr nichr forifahrm w geben=)
Gehr dem Volk keine Srmhhäckul mehr zum Ziegelmaciren wie ge.11ern und
vorgesTern. Sie sollen (u/ber) gehen und .1idr Srmhhädse/ zusammenlesen.
V.B Legr ihnen aber (das gleiche) Soll an Ziegeln auf 11·ie sie gesrern und vor-
gestern angeferrigr haben. nichrs .wllr ihr von ihm mindern. [... ] V./0 Da gin-
gen die Alllreiber/Fronviigre des Volke.f hinau.1 und seine Aufseher und sagren
zu dem Volk (folgendermaßen): So spricht Pharao: (Nielli bin iclr gebend eudr
=) Ich gebe euclr keine Srmhlräckse/. V./1 Ge Irr selbsT und lro/1 eudr Srmh-
lräc:ksel. wo ihr es findeT. Von eurer ArbeiT aber 11·ird euch niclr1.1 erla.uen.

Für weitere Brüche oder Spannungen (neben der angesprochenen Spannung


zwischen V.4 und V.5) gibt es keine zwingenden Indizien,j 7 auch nicht in
dem hier besonders interessierenden Abschnitt V.6-ll. Die Unterschiede
zwischen Auftrag und Ausführung, auf die nun einzugehen ist, sind nicht
literarkritisch zu erklären, sie stellen Eigenheiten des erzählten Vorgangs
dar.jjl
Die Ausgangskonstellation ähnelt I. Kön 2,30: Pharao trägt den Fron-
vögten auf, seinen Befehl gegenüber den Israeliten auszuführen, und die
Fronvögte tun dies; beide Kommunikationsakte. der Befehl des Pharao an
die Fronvögte und die Ausführung des Befehls durch die Fronvögte. wer-
den in der Erzählung geschildert:
I. Kommuni- Pharao (Sender A) ~ BEFEHL an Fronvögte (Empfänger)
kationsakt .J..
.J..
2. Kommuni- Sender A· ~ an lsral!liten
kationsakt so spricht (Empfänger)
Pharao
Vom eigentlichen Zweck der Handlung her handelt es sich also - wie in
l.Kön 2,30 - nicht um die Übermittlung einer Botschaft, sondern um die
Beauftragung mit einem Befehl und dessen Ausführung!

jJ Auff:illig diesbezüglich ist die Konvergenz der zur Diskussion gestellten Hypothesen
zu Ex 5. vgl. die vorige Anm.
jjl Eine zeitliche Einordnung ist nicht einfach. doch wird eine vorexilische Entstehung
dieses Textes bzw. einer Vorform bei fast allen Vorschlägen (bis auf Seters) durchaus als
möglich erachtet (s. Anm. 56).
Analyse der /.:6 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 165

Die Nähe zu einem Botenvorgang wird wiederum durch die schon bei
I.Kön 2,30 beschriebene (s.o.) strukturelle Ähnlichkeit hervorgerufen; da
hier in Ex 5 der Befehl sprachlich mitgeteilt wird, ist die Ähnlichkeit mit
einer Botschaftsübermiulung groß, was die Nähe zum Botenvorgang ver-
stärkt; in Ex 5 wurde zuweilen auch die in V.IO vorkommende ko 'ämar-
Formel als Indiz für einen Botenvorgang angeführt.'''
Versteht man Ex 5,6ff als Befehlsausführung. dann ist die in V.IO vor-
kommende ko 'ämar-Formel nicht unter dem Aspekt der Botschaftsüber-
miulung. sondern unter dem Aspekt der Befehlsausführung zu verstehen.
Die ko 'ämar-Formel kommt hier erst in der Ausführung des Pharao-Auf-
trags aus V.6ff zum Einsatz; und es fällt sofort ins Auge, dass der Inhalt,
der nach der ko 'ämar-Formel steht, nicht wörtlich übereinstimmt mit dem
Auftrag des Pharao in V. 6ff; die Fronvögte des Pharao geben zwar den
Grundinhalt des Auftrags korrekt weiter. tun dies aber nicht durch wort-
wörtliche Ausrichtung des Pharao-Befehls. Dies verwundert nicht, wenn
man den hier geschilderten Vorgang eben nicht vorschnell als Botenvor-
gang begreift. Der Befehl des Pharao ist zunächst an die Fronvögte und
nicht an die Israeliten gerichtet. Die Fronvögte haben somit nicht den Auf-
trag, den Befehl des Pharaos auszurichten, sondern sie haben den Auftrag,
ihn auszuführen! Bei der Ausführung gebrauchen sie nun die ko 'ämar-For-
mel. Da es hier nicht um eine botenmäßige Ausrichtung einer Botschaft
geht, leitet die ko 'ämar-Formel hier auch keine wortwörtliche Übermill-
lung einer Botschaft ein und dient somit nicht als "Botenformel". 111'
Den Fronvögten wird von Pharao nicht eigens aufgetragen, die ko
'ämar-Formel zu benutzen. Von der Erzählung wird also vorausgesetzt.
dass es zur Freiheit bzw. Amtsausführungskompetenz der ägyptischen Vög-
te gehört, sich bei der Ausführung eines pharaonischen Auftrages der ko
'ämar-Formel zu bedienen und den allgemein erteilten Auftrag im An-

''' Vgl. z.B. Schmidt. Exodus. 256: .. Die vor allem aus der prophetischen Verkündigung
bekannte Botenformel »So spricht ... « [ ... ] stammt aus der Übermittlung einer Botschaft von
einem Absender an einen Empfänger durch einen Dritten als Sprecher [... )." Noch deutlicher
fasst Johnstone den vom Text beschriebenen Vorgang als Botenvorgang auf. den er als Anti-
zipation des Plagenzyklus versteht: .. As the plague narratives contain in principle five sce-
nes-the commissioning of Moses by Yahweh. the delivery of the message. including the
messenger formula followed by an inceptive participle. the execution of the message. the
reaction to the execution and the outcome. prefaced by Moses' intercession-so it is here: vv.
6-9 are the comissioning; vv. 10-11 the delivery of the message including the messenger
formula and inceptive participle; vv. 12-14 the execution; vv. 15-21 the reaction; vv. 22-6.1
the outcome. prefaced by Moses' intercession." Johnstone, Deuteronomistic Cycles. 176.
Doch sind an dieser Auffassung aus den oben genannten Gründen Zweifel anzumelden; ins-
besondere ist der Befehlscharakter des Pharao-Auftrages in Ex 5 zu gering gewichtet. die In-
terpretation wohl auch zu stark von der klassischen Auffassung der l.:ti 'ämar-Formel als .. Bo-
tenformel" geprägt.
"'' Auf diesen Sachverhalt verweist auch Schmidt. Exodus. 256.
166 Die kö 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

schluss daran eher frei zu formulieren. Die Funktionen der ko >amar-Formel


kann man dabei analog zu I.Kön 2.30 beschreiben:
- sie bildet den Auftakt der Rede der Fronvögte, die den Grundauftrag des
Pharao beinhaltet;
- sie dient nicht als Einleitung einer wortwörtlichen Ausrichtung;
- sie dient als Ausweis offizieller Rede (Auftrag des Pharao, nicht der
Fronvögte), ist dezidierte Klarstellung, dass es um den Willen des Pharao
geht;
- durch die Formel wird Legitimation, Amtsautorität für die Fronvögte er-
zielt/kenntlich gemacht. 61
2.Kön :-rp~-:r1 :::J;:t'?.~ if?.~'1 19
18.19 7.
'?ii~ij 1 90 ....,o~-:-r:;, 1:-r:p~r:t-'?~ ~r1. . . 9~
=~r:tc;l~ i~~ ;-r!iJ JinQ::;liJ :-trj) iWi~ 171?.
V./9 Da sagte zu ihnen der Rabschake: Sagt doch dem Hiskia: So sprid1t der
große König. der König von Assur: Was ist dasfiir ein Vertrauen. das du hast 7
[Es folgt in Y.l9ff weitere Rede des Rabschaken.]
Auch hier liegt mit der Rede des Rahschaken kaum die Übermittlung einer
wörtlichen Botschaft vor. 2.Kön 18,13-19,37 reflektiert die assyrische In-
vasion von 701 während der Herrschaft Hiskias. 62 Nach der Darstellung des
Textes führt der Rahschake einen diplomatischen Auftrag aus, 6 ' der ihm
grundsätzlich aufgetragen ist (vgl. 2.Kön 18,17); er legitimiert sich dann in
der in 2.Kön 18 geschilderten Situation in V.19 mit der ko >amar-Formel.

61 Wenn man die Analogie zur Erzählung eines Botenvorganges wie in Gen 32 stark ma-
chen will. so ist noch einmal festzuhalten. dass die kö 'ämar-Forrnel nur Bestandteil des Aus-
führungskomplexes der Erzählung ist: im Beauftragungskomplex fehlt sie.
6 ~ Zur historischen Situation vgl. Millmann. Hiskia: Goldberg. Assyrian Campaigns.
6 ·' Diese Möglichkeit, im Namen des Königs zu sprechen. dürfte das Amt des Rabscha·

ken mit sich bringen: der Rahschake als militärischer Führer und Stauhalter war qua Amt er·
mächtig!. im Sinne und im Namen des Königs zu handeln und zu sprechen. Vgl. Nelis/Röllig.
Rabsake: Grayson. Rabshakeh: Holloway fasst die Reden des Rahschaken in 2.Kön 18-19 als
.. works of the Deuteronomistic authors" auf...composed long after the events they purport to
describe", Holloway, Harran, 308. Die meisten neueren Ausleger nehmen aber eine Entste-
hung des Textes noch in vorexilischer Zeit an. vgl. Camp. Hiskija: Hardmeier. Prophetie:
Schoors. Königreiche. 22-32: mindestens betonen sie die Aufnahme von Quellen aus vorexi-
lischer Zeit: für die erste Erzählung des Rahschaken (2.Kön 18.19-25) .. liegt eine Grund-
schicht zugrunde, die 18,19a.20a.23-24a umfassen könnte und in 18.19b.21.24b.25 theolo-
gisch überarbeitet worden ist". Schoors. Königreiche. 26: auch für 2.Kön 18.29 wird von
Schoors die Zugehörigkeit zur theologischen Bearbeitungsschicht angenommen (a.a.O. 27):
es wäre aber doch zu erwägen, ob gerade die beiden vorkommenden /ai 'ämar-Forrneln nicht
anders zu bewenen sind: vermutlich wurden sie bislang deswegen zur theologischen Überar-
beitung gerechnet, weil sie als typisch prophetisch-theologische Formel verstanden wurden:
doch sprechen die breite außerbiblische Bezeugung (vgl. Kap. 4) und auch die parallelen
innerbiblischen Belege mit menschenbezogener Verwendung eher für die Zugehörigkeit zur
Grundschicht. denn es liegt ein auch von anderen Belegen her bekannter profan-diplomati-
scher Verwendungsfall vor.
Analyse der kti 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 167

ohne dass der Rabschake vorher erkennbar auf einen Wortlaut festgelegt
worden wäre. Seine Rede sollen die Ältesten dem Hiskia überbringen."'
Entsprechendes gilt für die ko 'ämar-Formel in 2.Kön 18.29:
2.Kön 1:i:p~ii =~? ~-~~-'?~ 1790 iQt$ ;"l:;, 29
18.29
[ ... ] :::l~~ '?·~0~ '?:i1' K~-·:;>
V.29 So spricht der Kiinig: Hi.d.:ia .w/1 euch nicht betriigen. denn er u·ird euch
nicht rerren kiinnen [... ).[Es folgl in V.29ff weilere Rede des Rabschaken.)

Die ko >ämar-Formel im zweiten Teil der Rede dient dazu, a) dem neuen
Adressaten der Rede, dem Volk. deutlich zu machen, dass der Rabschake
nicht für sich, sondern im Auftrag des assyrischen Königs spricht. und b)
dem Leser gegenüber in Erinnerung zu rufen. dass Sanherib, der König As-
syriens. der eigentliche Absender der Rede ist; beides unterstreicht die Be-
mühung um Legitimation." Parallel zu 2.Kön 18 ist Jes 36. entsprechend
parallel sind die k6 >ämar-Formeln (2.Kön 18,19.29; Jes 36,4.14).""
Wie eine Zusammenfassung des Geschehens aus 2.Kön 18-19 erscheint
dagegen der Bericht in 2.Chr 32. Der Rabschake spielt hier keine heraus-
ragende Rolle mehr, er wird nicht einmal namentlich erwähnt. 2.Chr 32,9
und 16 sprechen nur von den Großen des Königs. die Sanherib nach Jerusa-
lem sandte, um Hiskia seine Position darzustellen. Gestaltet ist diese Passa-
ge aber eher als eine konventionelle Botensituation, in der eine Nachricht

"' ln diesem Texl liegen in gewisser Weise zwei Perspekliven vor: ein Ausführungsbe-
richl. wenn man die Rede des Rabschaken be1rach1e1. eine Beauflragung. wenn man die Ad-
ressierung der Rede des Rabschaken an die Äheslen bedenk!. die Hiskia sagen sollen. was
ihm der König von Assyrien durch den Rabschaken milleilen will. Für mich s1eh1 der Aspekl
der Ausführung der Rede des Rabschaken slärker im Vordergrund. weil beim Rabschaken die
eigenlliche lnilialive und damil der Ausgangspunkl des erzähhen Geschehens liegl.
•' Bezüglich der Funklion der kti 'ämur-Formel spieh es keine große Rolle. ob man in
diesem Abschnill (2.Kön 18.17-2.Kön 19) die Zusammenarbeilung äherer Tradilionen an-
nimm! oder nich1: vgl. e1wa Würlhwein. !.Könige 17ff. 419. der hier ähere Tradilionen in
2.Kön 18.280 Iabcd2ajU6oo und 2.Kön 18.18-21.2J-24 ..~6*-J7 sieh I. So oder so lieg I ein
freierer Gebrauch der kti 'ämur-Formel vor. Und auch zwei ursprünglich selbsländige Tradi-
lionen müssen. wenn sie in einen neuen Texl umgearbeilel werden. im neuen Tcxlganzen
sinnvoll sein; die Wiederholung der kti 'cimur-Formel in V.29 dürfle also keine sprachliche
Unmöglichkeil dargesleih haben. sonsl hälle sie beim Zusammenarbeilen nichl slehen bleiben
können. Außerdem isl das zwei- bzw. mehrmalige Vorkommen der kti 'cinwr-Formel keine
Sellenheil. wie viele prophelische Texlc zeigen.
"" Zuweilen finde! sich die Meinung. die Rede des Rabschaken sei nach der propheli-
scher GonesbOlen geslahel (vgl. e1wa den Kommenlar der S1u11gar1er ErklärungsbibeL 497).
Indizien seien a) Gebrauch der kti 'cimar-Formel. b) Anmaßung einer gaugleichen Slellung
des assyrischen Königs. weil er, wie Jahwe. von sich sagl. dass niemand aus seiner Hand er-
reuen kann. Insbesondere die beiden vorher besprochenen Sielien scheinen mir aber doch na-
he zu legen. dass auch andere Amlslräger die kii 'cimur-Formel in vergleichbaren Silualionen
gebrauchen können und nichl unbedingl nur eine prophelische Spezialiläl vorlieg!. Treffender
schein! mir die Parallelisierung zwischen assyrischem König und Jahwe.
168 Die kö 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

(2.Chr 32,10-15) übermittelt wird. die mit einer ko 'ämar-Formel im Sinne


einer Ausrichtungsformel eingeleitet wird. 67
Doch zeigt ein weiterer Beleg aus l.Chr 21,10. dass es auch in der Chro-
nik eine Verwendungsweise der ko 'ämar-Formel ähnlich den hier bespro-
chenen Belegen gibt; der Beleg gehört zwar zur Gruppe der jahwebezoge-
nen Belege, kann aber hier wegen seiner strukturellen Ähnlichkeit mitein-
bezogen werden (es handelt sich um die einzige jahwebezogene Stelle. die
Beauftragung und Ausführung bietet): In l.Chr 21.10 wird Gad durch Jah-
we der Auftrag erteilt, zu David zu gehen und zu sagen: So spricht Jahwe:
Drei (Dinge) lege ich dir vor, 'IVähle du eines l'OII ih11e11, u11d ich will es dir
(an-)ttm. In VV.II-12 wird die Ausführung des Auftrages geschildert, Gad
leitet sie wiederum (und im Gegensatz zu 2.Sam 24,11-12) mit so spricht
Jahwe ein, führt den Redeauftrag dann aber imperativisch aus (Erwähle dir)
und ersetzt die in der Beauftragung genannten Drei (Dinge) durch konkrete
Strafen: drei Jahre Hungersnot, drei Monate Flucht vor Widersachern oder
drei Tage Pest. Auch wenn der Chronist der Intention folgte. mit der ko
'ämar-Formel in V.ll ..ausdrücklich zu betonen, daß Gad auf göttliches Ge-
heiß handelt", 611 so schafft er doch die offensichtlich tolerierbare Tatsache,
dass eine Abweichung zwischen Auftrag und Ausführung stehen bleibt; wä-
re ein solches inkongruentes Verhältnis zwischen Beauftragung und Aus-
führung unmöglich erschienen, hätte der Chronist sicher zu einer anderen
Ausdrucksmöglichkeit gegriffen.
So lässt sich über eine große Zeitspanne alttestamentlicher Textproduk-
tion, von der frühkönigszeitlichen Stelle l.Kön 2,30 an, eine Verwendungs-
weise der ko 'ämar-Formeln beobachten, die - im nicht-prophetischen.
nicht jahwebezogenen Bereich - von der Funktion, eine wörtlich aufgetra-
gene Botschaft auszurichten, abweicht. Im vorliegenden Kapitel wurden nur
Belege angeführt, die Beauftragungs- und Ausführungskomplex einer Er-
zählung enthalten, so dass die Funktion besonders evident aufgewiesen
werden kann. Bei fast allen Belegen dieser Art war zu beobachten. dass es
sich bei den Personen, die die ko 'ämar-Formeln benutzen, um (nicht unbe-
deutende) Amtsträger handelt und nicht um anonyme Personen, um Amts-
träger also, die mit bestimmten Amtsgewalten ausgestattet sind und die im
Rahmen ihres Amtes einen Auftrag erhalten, den sie auszuführen haben.
Bei der Ausführung dieses Auftrages obliegt es ihnen, falls die Situation es
verlangt, sich mit einer ko 'ämar-Formel, mit der sie im Namen des eigent-
lichen Auftraggebers sprechen, in ihrem Tun zu legitimieren.

67 Freiere Botschaftsübermittlungsvorgänge wie in I.Kön 18 sind im AT auch ohne kil

'ämar-Formel belegt. etwa 2.Sam 11.19-23. Doch im Zusammenhang mit der hier entfalteten
Frage, wie die k/i 'ämar-Formeln zu deuten sind. müssen diese Stellen nicht diskutiert wer-
den, weil sie eben keinen Aufschluss über das Verständnis der kil 'ämar-Formel geben. Eine
Untersuchung des Botenvorganges überhaupt hat diese Belege allerdings zu berücksichtigen.
vgl. Greene, Role. 98; Meier. Messenger. 38 u.ö.
"" Micheel, Seher- und Prophetenüberlieferungen. 22.
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 169

5.3.4.2 Weitere Belege für ko 'ämar-Formeln im Ausführungskomplex


einer Erzählung, die als Einleitung nicht wörtlich auszurichtender
Aufträge verstanden werden können
Von der Einsicht ausgehend, dass es verschiedene Gebrauchsweisen der ko
'ämar-Formeln gibt, können nun die übrigen Belege der ko 'ämar-Formeln
im Erzählkotext besser befragt bzw. von diesem neuen Erwartungshorizont
her betrachtet werden. Bei vielen dieser Belege besteht mindestens grund-
sätzlich die Möglichkeit, m.E. sogar die größere Wahrscheinlichkeit, dass
es sich um Befehle/Aufträge (mit eigenem Ermessensspielraum) handelt,
die auszuführen sind, und nicht um wörtliche Botenaufträge. Bisher sind sie
unhinterfragt als Botschaftsausrichtungen verstanden worden, da man zu
sehr vom "Botenforrnei"-Modell geleitet war; doch ist das Verständnis als
Botschaftsausrichtungen überhaupt nicht zwingend, da es ja bei diesen Be-
legen keine erzählte Botenbeauftragung gibt, von der man auf eine wört-
liche Ausführung schließen müsste. Man muss sich von der zu engen Auf-
fassung lösen, diese Formeln nach dem "Botenforrnei"-Modell zu interpre-
tieren; viel eher sollte man sich von dem Erwartungshorizont leiten lassen,
wie er sich von Belegen wie I.Kön 2,30; Ex 5,6-11 u.a. (s. voriges Kap.)
nahe legt. Dafür spricht vor allem die Ämterrolle, die die betreffenden Per-
sonen innehaben: Auffällig häufig handelt es sich bei den Personen, denen
Äußerungen in den Mund gelegt werden, nicht um anonyme Boten, sondern
um Amts- bzw. Würdenträger, die qua Amt und/oder zu einem bestimmten
Anlass mit einem Grundauftrag ausgestattet sind.
Zunächst führe ich Belege an, in denen eine (zumindest nach israeliti-
schen Vorstellungen) nicht-göttliche, menschliche Person handelt; ich nen-
ne daher diese Beispiele "Belege aus dem menschenbezogenen Bereich'':
ko 'ämar-Formel: Amtsträger. die die kö
'ämar-Formel gebrauchen:
Num 22.16 So spricht Balak. der Soh11 Zippors Fürsten Balaks
Jos 22.16 So spricht die gwr:.e Gemei11de Jahwes Pinhas und zehn Fürsten
2.Kön 1.11 So spricht der Kö11ig Hauptmann der 50
2.Kön 19.3 So spricht Hiskia Eljakim. Schebna und die
Ältesten
Hinzu kommen die in 5.3.4.1 besprochenen Stellen:
Ex 5.6-11 So spricht der Pharao Antreiber/Fronvögte
I. Kön 2.30 So spricht der Kö11ig Benaja
2.Kön 18,19 So spricht der große Kö11ig. der
Kö11ig voll Assur Rahschake
2. Kön 18.29 So spricht der Kö11ig Rabschake..'

'" Bei den Formeln aus Ausführungskomplexen gehören noch folgende Belege zum
menschenbezogenen Bereich: Ri 11.15 So sprich/ Jef/adr (Boten); I.Kön 20,3.5 So .f{Jrichl
Ben-Hadad (Boten); 2.Chr 32.10 So .fprichl Sanherib (Diener Sanheribs); allerdings wird
nicht deutlich. ob hier von ähnlichen Ämtern auszugehen ist wie bei den in der obigen Liste
170 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

Diese Häufung von Amtsträgern bei Belegen, die nur die Ausführung bie-
ten, dürfte kein Zufall sein (das zeigt auch die Gegenprobe: bei den Beauf-
tragungserzählungen aus dem menschenbezogenen Bereich finden sich bei
fünf vorkommenden Belegen vier Mal anonyme Boten, vgl. Kap. 5.3.4.4).
Es ist wohl vorauszusetzen. dass es in der Vollmacht der Amtsträger liegt.
die kö 'ämar-Formel zu gebrauchen, wenn sie im Namen ihres Dienstherrn
bzw. Grundauftraggebers sprechen. Dies würde auch der Deutung der Bele-
ge aus Kap. 5.3.4.1 entsprechen, in denen die ko 'ämar-Formeln bei der
Ausführung eines Auftrags/Befehls hinzugesetzt wurden, obwohl sie im
Beauftragungskomplex der Erzählungen nicht genannt waren.
Für die hier angeführten Belege ist noch einmal zu unterstreichen, dass
sie nur den Ausführungskomplex einer Erzählung bieten (gegen Wester-
manns Behauptung, die ko 'ämar-Formeln würden ..bei den meisten Erzäh-
lungen" nur im Beauftragungskomplex stehen,m vgl. auch Kap. 5.2 und die
abschließende Bewertung in Kap. 5.3.4.4).
Bei den soeben thematisierten Stellen einer freieren Anwendung der
unerweiterten ko 'ämar-Formel aus dem menschenbezogenen Bereich wur-
de der Wille menschlicher Auftraggeber von Bevollmächtigten in der Aus-
führungssituation frei interpretiert. Lässt sich ein ähnlicher Gebrauch auch
bei Texten feststellen, bei denen Jahwe der Auftraggeber ist? Wenn ja, dann
müssten sich daraus Erkenntnisse für das Prophetenverständnis gewinnen
lassen; Propheten erschienen dann nicht als Überbringer einer Botschaft.
sondern als aus einem (Grund-)Auftrag heraus agierende Bevollmächtigte.
Um diese Frage zu klären, sind wiederum einige Texte zu betrachten.
Ich will mit 2.Sam 12,7b-12 beginnen. Der Charakter von 2.Sam 11.27b-
12,15a als deuteronomistischer Text, aller Wahrscheinlichkeit nach von
DtrP, wurde von vielen Auslegern bereits gesehen." Hauptargument dabei
ist der deutlich eigene Akzent. den 2.Sam 11.27b-12.15a in die Erzählung
um die Thronfolge Davids einbringt. Insbesondere Dietrich hat hervorgeho-
ben. dass dieser Text David nicht entlastet, wie es der prodavidisch-dynas-
tisch denkende .. ursprüngliche Erzählverlauf der Thronfolgegeschichte
(2.Sam ll,l-27a; 12,24aba.25a.26ff)" tut.' 1 sondern dass David hier zu-
sätzlich belastet wird: ..[ ... ] durch eine schneidend scharfe Konfrontation
mit dem Propheten Nathan, letztlich mit Gott selber."''

genannten Stellen. In 2.Chr 36,23, Esr 1.2 So spricht Kyms. der Kiinig wm Persien scheint es
deutlich um eine fixierte Botschaftsübermittlung zu gehen (vgl. z.B. Esr 1.1: [... ] Kyms ließ
in seinem ganzen Kiinigreicll mündlidrund auch .lcllrifrlich l'erkiinden [ ... ]).
70 Vgl. Westermann. Grundformen. 72.
71 Vgl. Dietrich. Prophetie. 127-132: ders .. David. 111-113; Stoebe. Das zweite Buch
Samuelis. 301-302: Dietrich. Königszeit. 260: Schoors. Königreiche. 168: Bietenhard. Heer-
führertraditionen. 284-286.
72 Dietrich. David. II I.
7 ·' Dietrich. David, 112.
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 171

Im Zentrum der Interpretation dieses Textes soll nun die Art, wie der
Prophet agiert, stehen; der Text soll daraufhin befragt werden, wie er sich
das prophetische Wirken vorstellt. In einem zweiten Schritt kann dann nach
den Hintergründen dieser Prophetenvorstellung gefragt werden, eventuell
nach Verbindungen zu vergleichbaren Aussageabsichten der betreffenden
dtr. Schicht, u.U. auch nach Vorlagen der Bearbeitungsschicht
2.sam ·~J~ ":l~"")ilt ·::-1~~ :-tp~ i0~-:1::> ~·~iJ :-tl;l~ ,n-":l~ 1>:'~ ir;l~'1 7
12.7-12 :-t~t;~~1 s ="~vJ ,:r;l ";ri;\7~~ ':;>J~1 ":lt:n~~-":l.p 17r;7 ":"J'Di:t~9
n·:;rns ":"J7 :"!~I;\~) ":'JP.'::-1=;1 ":"J't'l~ ·~r~1 ":"J't'i~ il':;r~ ":"J7
>;l't:;l ~~,0 9 ::-tp;r: ;"!~;:"):;> ":"J'? :-t~Q~1 0~9-c::::~: :"11~:;·1 ":lt:n~~
:::l"!rJ~ >;~·~~ 't:lr:r::r ;;~~~ ~ ·~·.!-/=;! 7~ l1iiJ iliOP,'? :-t):-:~ i~T~
:-ti;l.P1 10 =Ji~.P .,.~ ="!iJ~ i:'niJ t~1 :-t~7 ":"J'? l;lr;rP-7 t"'t?~-~1
~-ns nf-lt:11 ·~>;~t:t ·~ ::JP..P. c'(il1-,.P 1>:''~r.l ::l"!rJ i'IO>;I-~~
·~~i} :"!):"!~ iQ~ :-t::> I I ::-tQ~7 ":"J7 l"'i'iJ'? 't:lr:r:Y :"!~~~
":"J'~!.7 't:1t:~~1 ":"J'r.P.7 ":"J'i4ir~ 't:1r;rP-711v'~r;l :-t~.,-:;·7~ o·pQ
it::'Q~ t:~·~~ :-tt;~~ ·~ 12 =~f::r ~~::r ·r.P.7 ":"J'i4irc~ :::1~vJ1
=~~Q::r ,~~1 ":lt:n~~-":l:;> ,~~ :-t!::r i~liJ-~ :-t~~IS ·~~1
V. 7 Da sagte Natan w David: Du bist der Mann! So spricht Jahwe. der Gott
Israels: .. Ich habe dich gesalbt ::um König über Israel und ich habe dich ge·
rettet aus der Hand Souls V.B und ich gab dir das Haus deines Herrn und die
Frauen deines Herrn in deinen Seiroß und ich gab dir das Haus l.trael und
Juda. Und u·enn es (zu) u·enig ist..w ~ri/1 ich dir dies und jenes hinwfiigen. V. 9
Aus welchem Gnmlr hast du das Wort Jah~res verachtet und getan. u·as biiJe
ist in meinen Augen' Uria. den Hethiter. hast du er.tclrlagen mit dem Sch~rert
und seine Frau hast du fiir di,·h als Frau genommen. (und) ihn hmt du um-
gebracht durch das Schll"ert der Ammoniter. V.IO Jem aber 1rird nicht ••·ei-
chen das Sch~rert von deinem Haus flir immer. dafür dass du mich l'eraclrtet
und du die Frau des Hethiters Uria genommen hast. dass sie dir zur Frau u·ur·
de. V. I/ So spricht Jalnre: Ich bin im Begriff. aufstehen zu lassen gegen dich
Beises aus deinem Haus und so nel11ne ich deine Frauen vor deinen Augen und
ich gebe sie deinem Nllclrsten und er wird bei deinen Frauen liegen am hel-
lichten Tag. V.l2 Ja. du hast es heimlich getan. ich aber ~<·erde diese Sache vor
ganz Israelund am hellen Tag tun."

Nach der Beispielerzählung vom reichen Mann, der das einzige Schaf eines
armen Mannes genommen hatte, spricht Natan David als jenen Reichen an.
Angefügt ist dann die mit der kö 'ämar yhwh-Formel eingeleitete Strafpre-
digt für David (V.7-12). Der Text ist im jetzigen Stadium folgendermaßen
aufgebaut:

u Da eine Jahwerede vorliegt. ist mit dem Qere (!.Pers.) zu lesen (statt Ketib: iJ'.!-/:jl).
" Zur Übersetzung von ~~,0 mit aus ll"elchem Gnmd vgl. Michel ...Warum" und .. Wo-
zu".
172 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

V. 7 Du bist der Mann! Folgerung aus der Erzählung, abrupter Übergang


zur Strafpredigt:
ko 'ämar yhwh, der
Gott lsraels-Fonnel Einleitung der Strafpredigt
Jahwerede: Beginn der Jahwerede: Ich habe dich gesalbt [... ]
V.8 Jahwerede: Erinnerung an Jahwes Taten an David, läuft zu auf:
V.9 Jahwerede: ~~"Tr;l-Frage: Aus welchem Grund hast du das Wort
Jahwes verachtet [... )?Rekurs auf das Vergehen
V.I 0 Jahwerede: :1i'1l11 + KOMMISSIV (das Schwert wird vo11
_______ ----- _________ ------ _c!~~;!~'!!J!g!l_s_ !'}~~!-'Y_ej~fl_e!!~'~ __________ • ___________ _
V.ll ko 'ämar yhwh-For-
-12 mel + Jahwerede: KOMMISS IV (und so 11ehme ich deine Frauen
vor deinen Augen und ich gebe sie deinem
Nächsten)
Der Text weist einige Spannungen (bes. Doppelungen in V.9-12) und Auf-
fäHigkeiten auf, was schon Rost bewogen hatte, nur ~·~ry ii~~ Du bist der
Mann! aus V.7a als alt gelten zu lassen; später seien VV.ll-12 und danach
VV.7b-IO sekundär hinzugekommen. 77 Koch will eine Komposition aus
zwei Sprüchen sehen.'~ Am überzeugendsten ist m.E. die Analyse Dietrichs,
der in ..V.7b.8aßy.*9aa[ab n1iVI7"].9aßy.IOaba" DtrP am Werk sieht;"' In-
dizien sind für ihn die füllige .. Botenformel" (So spricht Jahwe, der Gott Is-
raels), die typisch für DtrP ist, im Gegensatz zur kürzeren ko 'ämar-Formel
aus V.II (So spricht Jahwe), oder die an l.Kön 21,20 (DtrP) erinnernde
Formel ·~· .P.:;l l'!iJ niiv.P,'?. DtrP hat nach Dietrich ein vorliegendes Stück
bearbeitet und mit 2.Sam 11,27b als Bindevers 2.Sam II, 27b-12,15a in die
Thronfolgegeschichte eingebaut. Das DtrP vorliegende Stück dürfte aus
dem von Dietrich und anderen angenommenen Buch der Prophetenge-
schichten (s.u.) stammen; DtrP hat die Erzählung aufgenommen, um ein
weiteres Exempel für sein Theologumenon von Weissagung und Erfüllung
zu liefern. 110
Die Frage ist nun, wie das Handeln Natans zu verstehen ist. Bisher wur-
de etwa angenommen, dass der Spruch Natans (VV.7-12) ..aus göttlicher
Eingebung entsprungen" sei, der Prophet habe ihn dann in einen verständli-
chen und kunstvoll aufgebauten Spruch .,übersetzt".~' Indiz für die göttliche
Herkunft des Spruches ist für Koch die .,Botenformel", die den .. Nabi als
Mund der Gottheit" ausweist.~ 1 Diese Interpretation des Natan- Wortes legt

76 Zur Funktion von :1Q.P1 vgl. Wagner. Sprechakte. 238-239. zu KOMISSIVA a.a.O.

21 und 240-242. zu 2.Sam 12.11 bes. 242.


77 Vgl. Rost, Überlieferung. 92ff.
7 ~ Vgl. Koch. Profeten I. 87-89.
7'1 Dietrich. Prophetie. 131.
110 Vgl. Dietrich. Prophetie. 134.

~~ Koch. Profeten I. 88.


" 1 Koch. Profeten I. 89.
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 173

sich nur dann nahe, wenn man von einem bestimmten Botenverständnis
bzw. von dem einen Verständnis der ko 'ämar-Formel als Einleitung einer
empfangenen und zu übermittelnden Botschaft ausgeht.
Betrachtet man die Rede Natans auf dem Hintergrund der oben vorge-
führten Äußerungen der Fronvögte, des Benaja, des Rabschaken u.a., dann
drängt sich eine große Ähnlichkeit mit dieser anderen Verwendungsweise
der ko 'ämar-FormeJ auf: Dies gilt schon für den DtrP vorliegenden Text:
Wenn David Uria in einem Akt der Willkür die Frau weggenommen hat,
kann Natan auch ohne spezielle Offenbarung voraussetzen, dass David da-
mit das Wort Jahwes übertreten hat.~' Um diese Einsicht zu gewinnen, ist
nicht unbedingt ein spezielles Jahwe- Wort als Erkenntnisquelle notwendig,
das Natan ausrichten müsste.""' Allerdings ist es für Natan notwendig, David
die Konsequenzen coram deo aufzuzeigen, und dazu muss er die Konse-
quenz als Jahwe-Wort, markiert durch die ko 'ämar-FormeJ, formulieren.
Auch erfahren wir nichts von einer irgendwie gearteten speziellen Beauf-
tragung Natans für dieses Wort an David. Natans Handeln erfolgt hier, in
dem DtrP vorliegenden Text, schon aus seinem Grundauftrag, seinem Amt.
seinem Selbstverständnis als (auch, falls notwendig) kritischer Hofprophet
heraus.
Ähnliches gilt nun auch für die von DtrP geschaffene Fassung: Hier fällt
zunächst die zweimalig auftretende ko 'ämar-FormeJ ins Auge; als reine
Ausrichtungsformel wäre es unsinnig, die ko 'ämar-FormeJ zweimal zu ge-
brauchen. Auch der jetzige Aufbau und der Kotextbezug des Textes spre-
chen nicht für eine wörtliche Ausrichtung: Der Text geht von dem Bezug
zur Beispielerzählung aus (nicht als Jahwewort gestaltet), läuft dann, nach
einer rückgreifenden Exposition (V.7b-9) auf die ~~11;1-Frage zu und gibt
mit VV.I0-11 die Konsequenzen aus Davids Verfehlungen an. Die ko
'ämar-FormeJn in V.7b und II bilden eine Klammer und weisen den gan-
zen Deuteteil der Rede Natans als in Jahwes Namen gesprochen aus. Die
Zweiheit von Beispielrede und Deuteteil weist hinsichtlich des Handeins
Natans auf einigen Freiraum; dieser Freiraum bezüglich der Gestaltung des
Sündenaufweises, die Veranschaulichung durch die Beispielrede etc. Jassen
eher darauf schließen, dass Natan hier frei im Namen Jahwes kraft seines
Grundauftrags formuliert, und nicht darauf, dass eine wörtlich auszurichten-
de Offenbarung vorliegt.
Diese Überlegungen führen auf das Prophetenverständnis, das hinter
diesem Text und seinen Vorstufen steht. Zwar darf er nicht als Beleg für
prophetisches Agieren in der Zeit Davids und Natans verwendet werden.
Aber selbst wenn eine deuteronomistische Verfasserschaft vorausgesetzt
wird und der Text später entstanden ist als in der von ihm thematisierten

'' Vgl. Dietrich. Prophetie. DO.


•• Dietrich. Prophetie. IJ I geht noch davon aus. dass Natan David mit eigenen Worten
anklagt. dann das Jahwewort .. ausrichter·.
174 Die kö 'ämor-Fonneln in erzählenden Texten

Zeit, muss er keine freie Erfindung sein, auch nicht, was sein Prophetenver-
ständnis angeht. Dietrich hat herausgearbeitet, dass sich vor allem DtrP vor-
liegender Quellen bedient hat, wohl einem "Buch der Prophetengeschich-
ten", in dem ,,Einzelgeschichten zusammengestellt" sind, ..die sämtlich von
Zusammenstößen zwischen Propheten und Königen erzählen".~' Die Ver-
mutung von Dietrich, eine Vorform von 2.Sam 12, von DtrP später aufge-
nommen, habe "in einem ,Buch der Prophetengeschichten' gestanden", hält
auch Schoors für plausibel; die Geschichten stammten dabei "weder einfach
aus der frühesten Königszeit noch aus der Exilszeit, sondern überwiegend
aus der Zeit dazwischen, aus der Epoche des Königtums"."" Und damit kä-
men wir in die Zeit der Prophetie der Königszeit. in der sich Entscheiden-
des für das prophetische Selbstverständnis ereignet hat (vgl. Kap. 7.2.2).
So dürfte das hier in 2.Sam I I.27b-12, 15a thematisierte Auftreten Na-
tans nicht nur inhaltlich, etwa hinsichtlich des Kampfes gegen selbstherrli-
che Könige, dem Charakter vorexilischer israelitischer Prophetie entspre-
chen. Bedenkenswert ist auch das prophetische Agieren Natans: Hier gibt
es m.E. keine Indizien für einen wortgetreu auszurichtenden Auftrag Na-
tans. Die Verwendung der ko 'ämor-Formel erklärt sich aus seinem Amt,
seinem Grundauftrag, seinem Selbstverständnis; er legitimiert durch die ko
'ämar-Formel sein Handeln als das eines Propheten Jahwes. Wie er in der
spezifischen Situation handelt und was er sagt, bleibt dabei ihm überlassen,
resultiert aus seiner Kenntnis des (über die Tradition bekannten) Willens
Jahwes.~ 7

I.Kön i~~·1 "~l~:-l7~ :~ry~-'?~ i.:m .,r:t~ ~·~~ :1~01 13


20.13-14
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V./3 Und siehe. ein Prophet trat heran an Ahab. den Kiinig von l.frael. Und er
sagte: So spricht Jahwe: Siehst du diesen ganzen großen Haufen? Ich bin im
Begriff. ihn heute in deine Hand w geben. und du 1rir.f/ erkennen. da.u ich
Jahwe bin. V./4 Und Ahab Jagte: Drtrch ll'en? Da sagte er [der Prophet]: So
spricht Jahwe: Durch die jungen llute der Land1•iigte. Und er [Ahab) mgre:
Wer soll den Kampf eriiffnen' Da mgre er: Du'

"' Dietrich. David, 138.


"" Schoors. Königreiche. 168. Ähnlich verhielte es sich. wenn man der Deutung von
McCaner folgte. dass 2.Sam 12 zu einer prophetischen Geschichte, die im Nordreich entstan-
den ist. gehöne. Vgl. dazu die Erönerung durch: Schoors. Königreiche. 169-170.
n Diese An. das prophetische Wirken darzustellen. geht über DtrH hinaus. wo die Pro-
pheten in der Regel die Rolle haben. auf den angekündigten Untergang hinzuweisen. Die hin-
weisende Funktion aber verlangt kein eigenständiges Agieren. sondern nur ein getreues Aus-
richten. So ist wohl DtrH für viele ko 'ämar-Formeln im Sinne von Ausrichtungsformeln in
prophetischem Mund verantwonlich.
Analyse der ko 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 175

Im Kotext von I.Kön 20, 13-14 werden die Aramäerkriege thematisiert.


Ben-Hadad belagert Samaria; Ahab verhandelt mit Ben-Hadad, provoziert
ihn, Ben-Hadad greift an, da kommt ein Prophet zu Ahab (V.I3).
Wiederum handelt es sich um eine sehr mit der Situation bzw. mit dem
erzählten Ablauf der Ereignisse verschränkte Szenerie. Der plötzlich auftre-
tende Prophet lässt sich mit Ahab auf ein kurzes Gespräch ein, das mit einer
k6 'ämar yhwh-Fonnel eröffnet wird. Ahab fragt den Propheten, durch wen
die Aramäer geschlagen werden sollen, und erhält eine mit kö 'ämar yhwh
eingeleitete Antwort. Könnte man bei dem ersten kö 'ämar yhwh noch an-
nehmen, dass es sich um eine Ausrichtungsfonnel eines zuvor empfangenen
Jahwewortes handelt, so beim zweiten sicher nicht. Das kö 'ämar yhwh ist
ganz aus der Situation, aus dem Gespräch als Antwort auf eine Frage gebo-
ren. Der Prophet ist offensichtlich ermächtigt, im Namen Jahwes zu spre-
chen und nach eigenem Ennessen über die kö 'ämar yhwh-Fonnel zu ver-
fügen.><~<
Die beiden bisher besprochenen Stellen wurden bislang DtrP zugeord-
net, wobei DtrP wohl aus Quellen schöpft, die bis in die mittlere Königszeit
zurückreichen (zu DtrP bzw. zum Buch der Prophetengeschichten gehören
weiterhin wohl auch die Belege aus I.Sam 2,27;"'' 15,2;'10 I.Kön 13;'11 I.Kön
20 und 22''2). Doch sind die Belege für eine solchennaßen freiere Verwen-
dung der kö 'ämar-Fonnel, wie sie oben beschrieben wurde, nicht auf DtrP
beschränkt. Zum einen finden sich einige Belege in Exodus (Ex 5, I; II ,4;
32,27), zum anderen solche aus dem Bereich von DtrN (2.Kön 20, 1.5"').
Wieder andere scheinen aus älterem Material zu stammen, das in die später
überarbeiteten Texte aufgenommen wurde, z.B. I. Sam I0,18aa.""
Die Annahme, dass in den voranstehend diskutierten Belegen ein freier
Gebrauch der kö 'ämar-Formel durch einen Propheten vorliegt, hat natür-
lich Konsequenzen für das Verständnis der Propheten bzw. der propheti-
schen Offenbarung.") Doch sollen hier nicht vorschnell Schlüsse gezogen

><~< Schoors weist auch I.Kön 20 der Quelle von DtrP zu. die eine "bloße Sammlung in
sich abgeschlossener Erzählungen" darstellt. Schoors. Königreiche, 168-169. Wünhwein will
in VV.I3 und 14 einen Einschub sehen. datiert ihn aber nicht näher. vgl. Wünhwein. !.Kö-
nige 17ff. 236-237.
"'' Vgl. Dietrich, David, 168 .
.•, Vgl. Dietrich, David. 169.
'" Vgl. Schoors, Königreiche, 168-169 .
.,~ Vgl. Schoors, Königreiche, 168-169; Dietrich. David. 42-43 .
.,. Vgl. Schoors, Königreiche. 34 .
.,. Vgl. Dietrich, David. 168.
''' Vielleicht ist noch stärker im Prophetenbild zwischen DtrP und seinen Vorlagen zu
unterscheiden; der oben beobachtete freiere Gebrauch der l.:ö 'amar-Formeln gehön mögli-
cherweise eher zu den DtrP-Vorlagen als zu DtrP selbst, dessen Prophetenbild, mit Dietrich
gesprochen, darauf ausgerichtet ist. dass ein rechter Prophet alles tut. was Jahwe ihm sagt.
unter der Voraussetzung, der Prophet stehe ständig in unmiuelbarem Kontakt zu Gou. vgl.
Dietrich. David, 54.
176 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

werden; die Frage nach dem Offenbarungsverständnis ist unten, nachdem


auch die Texte der Schriftpropheten besprochen sind, weiter zu thematisie-
ren. Hier soll nur festgehalten werden, dass ein solches freieres Verständnis
dann angenommen werden kann (nicht muss), wenn in einer Erzählung nur
der Ausführungskomplex berichtet wird. wenn wir also nichts über das Be-
auftragungsgeschehen erfahren. Und man achte auf die Tatsache, dass es
hier durchgängig "Amtsträger" sind, die die ko 'ämar yhwh-Formeln in den
Ausführungserzählungen gebrauchen. Wenn eine Botschaft von anonymen
Boten überbracht wird (bes. in Beauftragungserzählungen), dann ist kaum
anzunehmen, dass sie die Befugnis haben, über den reinen Ausrichtungs-
auftrag hinauszugehen (vgl. Kap. 5.3.4.4).'~<~
In der Übersicht finden sich alle Belege mit ko 'ämar yhwh-Formeln im
Ausführungskomplex einer Erzählung ohne Beauftragung:
kö 'ämar-Fonnel: Amtsträger, die die
Fonnel gebrauchen:
Ex 5,1 So spricht Jahwe. der Gott Israels Mose'" und Aaron
Ex 11,4 So spricht Jahwe Mose
Ex 32,27 So spricht Jahwe, der Gott Israels Mose
Jos 24,2 So spricht JahH·e, der Gott Israels Josua
Ri 6,8 So spricht Jahwe, der Gott Israels Prophet (~':;l~ ili'~)
I.Sam 2,27 So spricht Jahwe Mann Gottes
(t:l';:!"?!ft.:i't~)
!.Sam 10,18 So spricht Jahwe, der Gott Israels''" Samuel
I.Sam 15,2 So spricht Jahwe Zebaoth Samuel
2.Sam 12,7 So spricht Jah11.·e, der Gott Israels Natan
2.Sam 12,11 So spricht Jahwe Natan
I.Kön 13,2 So spricht Jahwe Mann Gottes
(C';:T?~-ili'~)
I.Kön 13,21 So spricht Jahwe ein alter Prophet
I.Kön 14,7 So spricht Jahwe Ahija
I. Kön 20, 13-14 So spricht Jahwe (2x) ein Prophet
(ii;t~ ~·:;;)
I.Kön 20.28 So spricht Jahwe Mann Gottes
(C';:T'?~iJ ~i't:t)
I.Kön 20.42 So spricht Jahwe ein Prophet (von
den Prophetenjün-
gern)
I.Kön 22,11 So spricht Jahwe Zidkija
2.Kön 1,6.16 So spricht Jah11·e Elia

'J6 Doch sind wir auch bei Beauftragungen. von denen keine Ausführung berichtet wird.
nie sicher. dass die /a) 'änrar-Forrnel immer nur eine wörtliche Ausrichtung einleitet; insbe·
sondere wenn es um gewichtige Amtsträger geht. kann auch mit dem oben skizzierten freie·
ren Verständnis gerechnet werden.
'' 7 ln Ex 3 wurde der Auftrag an Mose nur allgemein beschrieben. ohne den Befehl. eine
Botschaft wörtlich auszurichten.
"" Der Text schließt erzählerisch an Kap. 8 an. allerdings nicht wörtlich.
Analyse der /.:ö 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 177

2.Kön 2,21 So spricht Jahwe Elisa


2.Kön 3.16 So spricht Jahwe Elisa
2.Kön 7,1 So spricht Jahwe Elisa
2.Kön 19.20 So spricht Jahwe. der Golf Israels Jesaja
2.Kön 20,1 So spricht Jahwe Jesaja
2.Kön 20,5 So spricht Jahwe Jesaja
2.Kön 22,15 So spricht Jahwe. der Golf Israels Hulda
2.Kön 22,16 So spricht Jahwe Hulda
2.Kön 22,18 So spricht Jahwe. der Golf Israels Hulda
2.Chr 1~.5 So spricht Jahwe Schemaja, der
Prophet
2.Chr 18,10 So spricht Jahwe Zidkija
2.Chr 20,15 So spricht Jahwe ::u euch Jahasiel
2.Chr 21.12 So spricht Jaltwe, der Golf Davids.
deines Vaters Elia
2.Chr 24,20 So spricht ha-elohim Secharja
2.Chr 34,23 So spricht Jalnve, der Golfisraels Hulda
2.Chr 34,24 So spricht Jahwe Hulda
2.Chr 34,26 So spricht Jahwe. der Golf Israels Hu1da
Vgl. auch die in 5.3.4.1 besprochene Stelle l.Chr 21,10.11.

5.3.4.3 Erzählmuster mit unerweiterten ko 'ämar-Forme/n"'


5.3.4.3.1 Fragestellung
Bevor die Erzählungen mit Ausführungskomplex denen gegenübergestellt
werden, die nur die Beauftragung thematisieren, soll in einem Zwischen-
schritt nach Unterschiedlichkeilen der unerweiterten ko 'ämar-Formeln, die
als Ausrichtungsformeln dienen einerseits, und derer, die in freiem Ge-
brauch Anwendung finden andererseits, hinsichtlich des kotextuellen Er-
zählmusters gefragt werden. Im vorigen Kapitel hat sich das Kriterium des
Amtes als bedeutsam herauskristallisiert. Möglicherweise könnten ja Bele-
ge wie die aus Kap. 5.3.1, in denen die ko 'ämar-Formeln als Ausrichtungs-
formeln zu werten sind, weiteren spezifischen Kriterien unterworfen sein;
sie könnten z.B .. und danach soll jetzt gefragt werden, ein eigenes Erzähl-
muster aufweisen gegenüber solchen Belegen, die eine freiere Verwendung
erkennen lassen (vgl. Kap. 5.3.4.1 und 5.3.4.2). Ließen sich die Verwen-
dungsweisen nach Erzählmustern unterscheiden, wäre ein wichtiges Unter-
scheidungskriterium gegeben.
Gegliedert ist die folgende Auflistung wiederum in Erzählungen, die nur
eine Beauftragung schildern (Kap. 5.3.4.3.2), solche, die Beauftragung und
Ausführung beinhalten (Kap. 5.3.4.3.3), und solche, die allein eine Ausfüh-
rung thematisieren (Kap. 5.3.4.3.4).

'" In diesem Kapitel nehme ich dankbar Hinweise und Erläuterungen von Diethelm Mi-
chel auf.
178 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

5.3.4.3.2 Erzählungen einer Beauftragung


Am Anfang soll noch einmal der Text aus Gen 32,4-7 stehen; wie sich in
der nachstehenden Übersicht zeigt, kann der Text in verschiedene typische
Unterabschnitte eingeteilt werden; sie sind durchnummeriert, weil sich die
einzelnen Abschnitte in den nachfolgend angeführten Erzählungen immer
wieder finden und die Nummerierung eine schnelle Orientierung ermög-
licht.
Gen 32.4-7
,.~~'7 c·~'7r.l ~p P.~ n'?u,i~! I. Erzählauftakt (Bericht über
Jakob sandte Boten vor sich her Botensendung o.ä.)
,.r:t~ 1t(.1r'~ 2. Angabe des Adressaten
z.u seinem Bruder Esau
Cii~ i11iQ i'~~ :1~"')~ 3. Angabe des Zielortes
ins Land Seir. in das Gebiet von Edmn
ibN'?. c~ ,~~1 4. Bericht über Beauftragung
und er befahl ihnen folgendermaßen:
1i;{ s;.'7 't'IN"( pir,lN;, ;"!j 5. Beauftragungsbefehl
So sollt ihr zu meinem Herrn Esau sagen:
~pP,: il=;I.V ir;l~ n:;, 6. kii 'ämar-Formel
So spricht dein Knecht Jakob:
I---1 'i:'l"'\~ 1:trc~ 7. Redetext
Bei Laban bin ich in der Fremde gewesen
[ ... ]

Aus Gen 32 gewinnen wir die typischen Elemente der Erzählung einer Bo-
tenbeauftragung, wie sie sich im alttestamentlichen Horizont darbietet: Eine
solche Erzählung beginnt mit einem Erzählauftakt ( 1.), der etwa aus einem
Bericht über eine Botensendung o.ä. bestehen kann; es folgen Angaben des
Adressaten und des Zielortes, an den die Nachricht gebracht werden soll (2.
und 3.); ein Bericht über die Beauftragung (4.) kann den Beauftragungsbe-
fehl (5.) einleiten; dann folgen ko 'ämar-Formel (6.) und Redetext (7.).
Dass Gen 32 keinen für das AT außergewöhnlichen Vorgang enthält, er-
gibt ein Vergleich mit etlichen anderen verwandten Erzählungen, in denen
die typischen Elemente des Botenvorgangs (z.T. in anderer Reihenfolge)
ebenfalls auftreten; da Gen 32 der ausführlichste Bericht ist, orientiert sich
die Nummerierung der einzelnen Schritte der Beauftragung an ihm; damit
soll aber keine zeitliche oder sonstige Vorordnung verbunden sein.
Gen45.4.9
1'f"J~-,~ 'lQi' iT;~"! I. Erzählauftakt (Bericht über
Da sagte Josefzu seinen BrUdem: Botensendung o.ä.)
~i::Jr;l [... 1 ·'?~ Nr,fti~ 5. Beauftragungsbefehl (I)
Tretet doch heran :.u mir{ .. .]. beeilt eudr
Analyse der ko 'ämar-Fonneln im Erzählzusammenhang 179

1?V,! 3. Angabe des Zielones


und :ieht hinauf (gemeint: nach Kanaan)
·::;~~-?~ 2. Angabe des Adressaten 100
:u meinem Vater
1''?~ Cl)"V;l~! 5. Beauftragungsbefehl (2)
und Jagt zu ihm:
=']Qi' ':JP iQ~ :t;> 6. kö 'ämar-Formel
So spricht dein Sohn Jouf"

·7~ ;-::: [... ) 7. Redetext


[... ]Zieh henmter w mir.'
Num 20.14
d1P,Q c·~~'?Q ;-:~b i17~t1 I. Erzählauftakt (Bericht über
Und es entsandte Mose Boten l'lm Kade.<ch Botensendung o.ä.)
Ci,~ 17.~-?IS 2. Angabe des Adressaten
zum Kiinig vvn Edom:
?~")tq~ Tr:t~ iQ~ ;-:;, 6. kö 'ämar-Formel
So spricht dein Bruder Israel:
(... Jl;l.l?"'!: ;"!~ 7. Redetext
Du kemrst (... ].

In den voranstehenden Belegen handelt es sich bei den beauftragten Perso-


nen nicht um (höher stehende) Amtsträger o.ä., worauf unten (Kap 5.3.4.4)
noch einmal einzugehen sein wird. Da zudem die ko 'ämar-Formel bei der
Beauftragung bereits gesetzt ist, dürfte es sich um echte ,.Botenformeln"
bzw. um einen Botenvorgang handeln, der eine wörtliche Botschaftsüber-
mittlung zum Ziel hat.
Es folgen jahwebezogene Belege:
2.Sam 7.5
i;\!Q~11'? 5. Beauftragungsbefehl
Geh und sage
,n...,~ '"'!~~r?tS 2. Angabe des Adressaten
~u meinem Knecht. zu Da1•id:

So spricht Jahwe:
' : - .
;"!1;"!' ir.~ ;-:j 6. kö 'ämar-Formel

(... ] ;·q ·7-;-:~=;~:'\ ;"!~~iJ 7. Redetext


Du u·il/st mir ein Haus bauen [ ... ).'

"" Der Adressat kann in der Beauftragung (wie hier) oder im Erzählauftakt (vgl. dit!
nächste Stelle. Num 20.14) genannt sein.
180 Die ko 'amar-Fonneln in erzählenden Texten

2.Sam 24,11 12
~tS :-t:::t iip~-i:;l\~ i8!l:;l ir'! ~i?:1 I. Erzählauftakt (Bericht über
ibN7. ,." :-~r.n ~·~rr ,~ Botensendung o.ä.)
Als Dcn·id aufstand am Morgen, da war das
Wort Jahwes (schon) ergangen a11 Gad. den
Prophett>n. de11 Seher Davids. jolge11derma-
lßell:
i;\\~"'!11il;l;:: 5. Beauftragungsbefehl
Geh u11d rede
ir!~~ 2. Angabe des Adressaten
zu Da~·id:

:-t)ii~ ir;l~ ii:> 6. kö 'ämar-Formel


So spricht Jahwe:
[... 11'7-V l;lo.i) ·~j~ r;;'l;lrzJ 7. Redetext
Dreierlei lege ich vor dich [... ].
I. Kön 21.17ff
':J~i'lii
' I ' -
~ii·l;l~~~
1' • " \'
ii1ii'-i:J'1 'ii'1
" : - : ' :-
I. Erzählauftakt (Bericht über
ib~7. Botensendung o.ä.)
Da geschah das Wort Jahwes zu Elia. dem
Tischbiter, folgendermaßen:
,~ ~:np 5. Beauftragungsbefehl (I)
Steh auf. steige hinab,
l;l~:~:-,7~ :J~r:t~ ~!P.~ 2. Angabe des Adressaten
Ahab, dem König von Israel. entgege11.
[... ] 1ii~:f itq~ 3. Angabe des Zielortes
der i11 Samaria ist. [ ... ]
ibNI;l.. ,.l;l~
. i'l~:i1
....
: · .. 5. Beauftragungsbefehl (2)
u11d .~prich w ihm folgt>lldermaßell:
ii)ii~ i~~ :-r:> 6. kti 'cimur-Formel
So spricht Jahwe:
[... ] l;l~l:-c~i l;lr:t~l::! 7. Redetext
Du hast gemordet und scholl geerbt?[ ... ]
2.Kön 19.5-6
~ii:~~~-l;ltS ~ii:p VI 17r;iJ '1=;1~ ~~:J:1 I. Erzählauftakt (Bericht über
~ii:J?vJ~ cry? i9~'1 Botensendung o.ä.)
U11d es kame11 die K11ecl11e des Kii11igs
Hiskia :u Jesaja und Jesaja mgte lll ihnen:
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 181

pif?~M ;,~ 5. Beauftragungsbefehl


So sollt ihr sagm
o~·,."it.r'?tS 2. Angabe des Adressaten
:u eurem Herm: 1111
ilp~ ir;~ :1~ 6. k6 'ämar-Formel
So spricht Jah••·e:
[... ] ~Tt:l-'?~ 7. Redetext
Fiirchte dich nicht[ ... ].

Die voranstehenden Erzählungen sind am ehesten zu vergleichen mit den


Belegen, die zu Beginn dieses Kapitels angeführt wurden; auch hier spricht
die bei der Beauftragung gesetzte ko 'ämar-Formel für eine Botschaftsaus-
richtung. Erzählungen, die Botenbeauftragungen enthalten, müssen nicht
unbedingt auch die .. Botenformel" enthalten:
I.Kön 20.9
,,::r-p ':;?~7o7 i~'! 4. Bericht über Beauftragung
Er mgte zu den Boten Ben·Haddado~:

~i9~ 5. Beauftragungsbefehl
Sagt
1'?90 ·~,~~ 2. Angabe des Adressaten
w meinem Herrn. dem König:
;,~tzi~!:;l ';n~~r'?tS Qr;t~~-i~~ '?~ 7. Redetext
:-:~~!$
Alles. ll'as du zuerst deinem Knecht embo·
ten hast. "·i/1 ich tun { ... ].
2.Kön 19.9f
c·:;l~7o n~~~! [... ] I. Erzählauftakt (Bericht über
{ ... ]Da sandte er [der König von Assyrien] Botensendung o.ä.)
Boten
ib~7. ~il:i' ~r:t-'?tS 2. Angabe des Adressaten
:u Hiskia folgendermaßen:
:11~;,~-179 ,;,:p~ry-?~ pif?~M il~ 5. Beauftragungsbefehl
ib~7.
So sollt ilrr Zll Hiskia, dem Känig \'Oll Juda.
sagen (folgendermaßen):
[ ... J-:r·;:r?!5 ,~~~"""~ 7. Redetext
l..a.u dich nid11 betrügen von deinem Go//
[ ... ].

Texte wie 2.Kön 9,17.18 (vgl. Kap. 4.3.6.3) zeigen allerdings, dass. wenn
die ko 'ämar-Formel in der Beauftragung innerhalb eines echten Botenvor-

"" Vgl. Gesenius. Handwörterbuch. 9.


182 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

gangs fehlt, sie dennoch im Bericht über die Ausrichtung hinzugesetzt wer-
den kann. Auch die Erzählungen, die den freieren Gebrauch der ko 'ämar-
Formel voraussetzen, folgen diesem Erzählmuster, sofern sie eine Beauftra-
gung thematisieren:
2.Kön 18.19 102
:1p~-:l! CiJ'?.~ i~'! 4. Bericht über Beauftragung
Da sagte Rabschake :u ihnen:
~:1~pVf-',~ Kr~iQK 5. Beauftragungsbefehl
Sagt dodr zu Hiskia:
i~IZ;i~ 179 '-,i,~ij l7~iJ i0~-:1~ 6. kö 'änrar-Formel
So spricht der Großkiinig. der Kiinig von
A.uur:
t;~r:tt;l~ i~ :1!iJ ]int;J~iJ :1r;l 7. Redetext
Was ist das ftir ein Vertrauen. das du da
hast [wönl.: das du 1•ertraustl'

Diese Stelle, die bezüglich des kotextuellen Erzählmusters keine Eigenhei-


ten aufweist, gibt einen ersten Hinweis darauf, dass sich die Gebrauchswei-
sen der unerweiterten ko 'ämar-Formeln (freier Gebrauch oder wörtliche
Ausrichtung) vom Erzählmuster her nicht unterscheiden lassen, vgl. dazu
auch unten Kap. 5.3.4.4.

5.3.4.3.3 Kombinationsformen aus Beauftragungs- und


Ausführungserzählungen
Die nächsten beiden Texte führen über die Beauftragung hinaus, da sie ne-
ben der Beauftragung auch die Erzählung von der Ausführung des Boten-
vorganges enthalten; vor allem in 2.Kön 9,1-6 sind Beauftragungskomplex
und Ausführungskomplex vollständig thematisiert:
2.Kön 9.1-6 10J
'i:;lr;l ,lj~7 K)P, K'~~ij l1~·"(~J I. Bericht über Botensendung (eines
c·~-~~0 Prophetenjüngers)
Und der Pmplret Elisa rief einen der Pm·
plretenjiinger
;'-, i9~'j 4. Bericht über Beauftragung
und sagte zu ihm:
-:n::;l :1!iJ l~iJ 1~ nr-11'~~ il~ 5. Beauftragungsbefehl ( I)
Giirte deine Hüften und nimm diesen Ö/krug
in deine Hand

102 Man kann diesen Text als Beauftragung verstehen: man kann ihn aber auch. wie oben
hervorgehoben. als einen Bericht über eine Ausführung lesen (s.o.).
10 ' Dass sich hier noch ein Bericht über die Ausrichtung anschließt (VV.II-12). wurde:

oben schon erwähnt; auch. dass dies singulär im AT ist.


Analyse der k6 'ämar-Forrneln im Erzählzusammenhang 183

[... )1-\'7~ i\~l 171 3. Angabe des Zielones


und gehe nach Ramur Gilead [ ... )
[... l'il;irtn~ C!l~iii~-1~ ~~ii~ c~t~"'\~ 2. Angabe des Adressaten
und Jieh dort nach Jehu. dem Sohn Josdra·
fatJ. dem Sohn Nimsdris [ ... )

t;\"'\~1 5. Beauftragungsbefehl (2)


und .1priclr:
ii1;"!'
1' :
ir.~-;"!j
• '
6. kö 'ämar-Formel
So .1pricht Jalr11·e:
[... ] ~·i'lr:rt:.irt 7. Redetext
Hiermit salbe ich dich [ ... ).

1... 11.v7~ m: ~·~~i'J 'D"i,P~;'J 17~1 8. Bericht über Überbringung


Da ging der Jünger des Propheten nach
Ramot Gilead [ ... )
i~N"1 9. Redebericht
und er sagte:
[... ) iVJij ';r7~ ·'? ,;., 10. Aufmerksamkeitserregung
Ein Wort habe ich für dich. Oberster'[ ... ) (durch Vokativ)
;-, i~~-1 9. Redebericht
und er sagte zu ihm:
"~itv• 'iii;l~ ;"TW ir;l~-;"Tj
•• 1' I' •• 'II 1' ; 'r
II. kö 'ämar-Formel
So .1priclrt Jahll·e. der Gott Israels:
[... ) ~·i'lr:r~rt 12. Redetext
Hiermit salbe ich dich [ ... ).

2.Kön 9.17 18
::::~:P.7 n'?t;i~ :J~i nj? c;i:-:~ ,~~·1 I. Bericht über Botensendung
[ ... )
[ ... )Da sagte Joram: Nimm einen Reiter
und Je/ricke (ihn) ihnen entgegen.
ir;l~'l 5. Beauftragungsbefehl
Und er .w/1 sagen:

Ci"~::J 7. Redetext
Ist Friede?

i~lP.7 0~0 ::~'i 17~1 8. Bericht über Überbringung


Er ging. das Pferd reitend. ihm emgegen
,~~·1 9. Redebericht
und sagte:

"'' ln M wohl Dittographie des i,P~;'J. vgl. BHS.


184 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

179iJ iQ~Il:> II. kli 'ämar-Formel


So spridll der Kiinig:
[ ... J ci~t?::: 12. Redetext
Ist Friede? [ ... ]

5.3.4.3.4 Erzählungen des Ausführungsgeschehens


Erzählungen, die nur die Ausführung eines Botschaftsübermittlungs- bzw.
Auftrags-/Befehlsgeschehens thematisieren, arbeiten mit denselben Elemen-
ten, wie sie in den voranstehenden Texten, die Beauftragung und Ausfüh-
rung kombinieren, aufgezeigt wurden; auch hier will ich die an 2.Kön 9 ge-
wonnene Nummerierung (s. voriges Kap.) beibehalten, ohne dass eine Vor-
ordnung dieses Textes impliziert wäre. In den meisten Texten, die nur den
Ausführungskomplex beinhalten, tritt an die Stelle eines Berichts über die
Beauftragung, die Überbringung bzw. die Ausführung des vorher erteilten
Auftrages (vgl. Nr. 1-7 und 8 oben) eine zusammenfassende Bemerkung
über die Entsendung, die auch Adresse und Zielort einschließen kann; statt
8. Bericht über Überbringung soll dieses Element 8a Bericht über Entsen-
dung heißen. Das entscheidende Kriterium für eine Ausführungserzählung
(im Vergleich zu einer Beauftragungserzäh1ung) ist Nr. 9, der Redebericht;
unter den Elementen des zugrunde liegenden Erzählmusters (vgl. dazu Kap.
5.3.4.3.5) gibt er das entscheidende Signal zum Verständnis als Ausfüh-
rungserzählung: er steht in der Regel im Narrativ (z.T. stellvertretend dafür
auch ib~7.) und leitet die in direkter Rede thematisierte Ausführung des
Auftrags bzw. die Botschaftsübermittlung ein.
Num 22.15f
:l':;l! C'"')~ l"!?tq P7~ 1iJJ I:'JY-"1 8a. Bericht über Entsendung
c.g";':;l_,~ ,~j~1 ;")?~Q. 0'!:;.=?;: und Ankunft beim Adressaten
Da sa11dte Balak IIO('h mehr u11d mächtigere
Fürstell als je11e. Als sie zu Bileam kamen.
il;l ii9~'1 9. Redebericht
sagteil sie m ihm:
ii9:n~ P7~ iQ~ ;")::> II. kö 'ämur-Formel
So spricht Balak. Solm des Zippor:
1... 1·7~ 1?::JQ. JJ~9;:~ Nr'~ 12. Redetext
Weigere dich doch nidll. zu mir zu kommm
[ ... ].

Ri 11.12-15
o·~~'?Q ni;\~~ n'?t?~1 8a. Bericht über die Entsendung
Da schickte lefta,·h Boten
iio.p-·'-~ 171?,-~~ 2. Angabe des Adressaten
zum Kiinig der Amnumiter
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 185

ib~'?. 9. Redebericht
(und .fie sagten) folgendermaßen:
orJ707 ·'?~ ~~-·~ 1'?1 ·7-:-ro 8. Redetext
[ ... ] ·:;;:~~
Was ist z~rischen mir und dir. da.u du :u
mir gekommen bist, um in meinem Land
Krieg :u fiihren? [... ]
o·~~'?r.l n7~~1 iil;lf?~ 1i.t1 =)yi"1 8a. Bericht über die Entsendung
Da .wndte Jeftach noch einmal Boten
1ir:l,V 'i:;l 17~-.,~ 2. Angabe des Adressaten
zum König der Ammoniter
;-, ,~~·1 9. Redebericht
und .wgte lll ihm:
iil;lf?: iQ~ :-r:> 7. M 'ämur-Formel
So Jpricht Jeftach:
[... ] :J~io rl~-~ .,~lilt i1i?"n~? 8. Redetext
/Jrael hat das Land Moab nicht genommen
[ ... ).

I.Kön 20.2.3
o·~~'?Q n7~~1 8a. Bericht über die Entsendung
Und er schickte Boten
"~ltQ:-,7~ :J~r:r~-.,~ 2. Angabe des Adressaten
zu Ahab. dem Kiinig von Israel.
:il~~;:t ]. Angabe des Zielones
in die Stadt.
i? i9~"1 9. Redebericht
Und er Jagte zu ihm:
11::n; ,o~ :-rj II. kti 'ämur-Formel
So spricht Ben-Hadad:
1... 1~:tn-·7 '9~~\i ':):;li;l~ 12. Redetext (Befehl)
Dein Silber und dein Gold gehiiren mir. ( ... ]

Interessant sind Ri II und I.Kön 20 auch, weil hier Boten (PI.!) geschickt
werden, der Redebericht (9.) aber im Sg. fortfährt. Der Erzähler will also
klarstellen, dass durch die Boten Jeftach bzw. Ben-Hadad selber sprechen.
2.Kön 1.11
i!J~ O'~r;lr:)IQ ~·7~ n'?9"1 :~:1 8a. Bericht über die Entsendung
(... ] ,.~QI:;1
Und er sandte noch einmal eineu anderen
Hauptmann iiba Fünfzig und seine fiin(:.ig
Ma1111
186 Die kö 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

zu ihm I ... ). 3. Angabe des Adressaten


1·~~ i~T1 9. Redebericht
Der sagte zu ihm:
C';:T,~:'J ~i't~ 10. Anrede
Gorresmann:
17~;:~ ir;~-;,~ II. kti 'ämar-Formel
So spricht der Kiinig:
:11"1 :1T!9 12. Redetext (Befehl)
Komm .wforr herunter!
2.Kön 18.28f
;,p,~-:l"'\ ib~~1 (Erzählanschluss)
Da stellte sich der Rahschake hin
i~"1 i:;+T1 n··p;,~ ~;~;,rL;~ip:;J ~lP.~1 9. Redebericht
und rief mir lauter Stimme auf judäisch. er
redete und sagte:
i~O~ 179 l;lii~;:t 17~iJ-i:::Jl ~.!)~ 10. Aufmerksamkeitserregungs-
Hiirr dm Wort de.1 Gmßkiinigs, des Kiinig.1 forme I
von A.uur:
17~0 iQ~ ;,j II. ko 'ämar-Formel
So spricht der Kiinig:
(... J ~;,:p~r:T c~~ ~-~~-',~ 12. Redetext
Hiskia soll euch nicht betrügen( ... ).
2.Chr 32.9 10
1'"'!~~ i~tzi~-179 :l'!r:po n~~ (... J 8a. Bericht über die Entsendung
( ... ) und Sanherib, der König wm Auur.
schickte seine Diener
(... ) :1r;J'~~~i~ 3. Angabe des Zielortes
nach Jemsalem ( ... )

:1"'!~;,~-L;~~-',.p1 :1"'!\i~ 17~ ~;,:p~;,~-',.p 2. Angabe des Adressaten


o'?~~i·:;: ~~~
zu Hi.d:.ia. dem Kiinig von Juda. und zu
allen Judäem. die in Jerusa/em ll'ohnren.
ib~'?. 9. Redebericht
(und .!ie sagten) folgendemraßen:
i~tzi~ 17~ :l'"'\D~Q iQ~ ;,:;: II. ko 'amar-Forrnel
So SfJridu Sanherib, der Kiinig von Assur:
ii~Q~ c·:;~~·~ C'r:Tct!! c~~ :1Q-~;~-l' 12. Redetext
O~Q~i':;!
Worauf 1•enra111 ihr denn. dass ihr im bela-
gerrm JeniSalern bleibt?
Analyse der ko 'änrar-Forrneln im Erzählzusammenhang 187

Wiederum unterscheidet sich der Erzählvorgang bei den vorzugsweise zur


Legitimation verwendeten freieren ko 'amar-Formeln nicht von dem. der im
Zusammenhang mit Ausrichtungsformeln belegt ist. Das zeigt besonders
deutlich das Nebeneinander von 2.Kön 18,29 und 2.Chr 32,9-10: Die Chro-
nikstelle hat den Amtsträger, den Rabschaken. ganz getilgt. so dass nun ein
anonymer Sendungsvorgang vorliegt, bei dem man kaum ein selbständiges
Agieren der Diener voraussetzen kann.
Bei den Beauftragungserzählungen unterscheidet sich der Aufbau bzw.
Ablauf des Botenvorganges von menschenbezogenen Auftraggebern und
solchen, die Jahwe als eigentlichen Sender voraussetzen, nicht; in den Aus-
führungserzählungen ist das ebenso:
Ri 6.7-8
'?.l)

;,,;,·-,~ '~j(,:)•-•J::J ~P~r·~ ·;:~~1
Y l •,• '" 'f' I • •· I Ba. Bericht über die Entsendung
~·:;l1 ~·~ ;,1;,~ n'?U/~11:·v;l niik
Und als die Israeliten zu Jahll'e schrieen
11·egen Midian. da sandte Jahwe einen Pro-
pheten-Mamr

'~l~~ ·~:;~-'~ 2. Angabe des Adressaten


Zll den Israeliten
cry~ i~'1 9. Redebericht
und er sprach Zll ihnen:

'~l~~ •;,?~ ;'11;'1' iQ~-:1!:>


•• '•'I 'f' : 'f'
II. kii 'ämur-Formel
So spt"it'ht Jahll'e. der Gott Israels:
[ ... 1C~!~QQ C:?,~ ·1:1·'?. ~;:! •::;J~ 12. Redetext
ldr fiilrrte euclr herauf aus Ägypten 1... ].

Ein Gottesmann oder Prophet kann auch plötzlich auftreten, ohne dass et-
was speziell über seine Entsendung gesagt ist:
I.Sam 2.27
c•;:t?t:r~·~ ~:J:1 ( Erzählanschluss)
Da kam ein Gottesmann

·~.v.-'~ 2. Angabe des Adressaten


w Eli
,.~~ if?K'1 9. Redebericht
und sagte ~~~ ilrm:
;"!);"!~ iQ~ :1!:> II. kii 'ämur-Formel
So spricht Jah~<·e:
[ ... J 1':;l~ n·:;+-',~ ·1:1·'?.~~ w~?~~ 12. Redetext
Ich habe mich offenbart dem Haus deines
Vaters[ ... ].

'"' Mit LXX u.a. ist ohne lnterrogativpanikelzu lesen (M: ;"!?~~;:')>.
188 Die k6 'ämar-Formeln in erzählenden Texten

Ähnlich, wenn hier auch die Vorgeschichte (!.Sam 9) dazugehört, ist I.Sam
10,17-18:
I.Sam 10.17-18
:·qii~-"~ o,vi:ni~S ,~,o~ i' P.~~1 (Erzählanschluss)
ii~~Q:j
Da rief Sa1m1el das Volk zusammen m Jah·
~t·e nach Mizpa

"~"'l~~ 'l~-"~ ir;~·j 9. Redebericht


und er sagte zu den Israeliten:
"~i~' 'ii?~ ii1ii' iQ~-;tD
•• T I ' •• '/1 T : Y II. k{i 'ämar-Formel
So spricht Jahll"e, der Gott Israels:
[... ] ::l~"'l~Qr;l "~"'lUf~-~ 't:l''?;!:J -~)~ 12. Redetext
Ich habe Israel aus Ägypten heraufgeftilm
[ ... ].

Der Bericht über eine Sendung kann auch in der !.Pers. fonnuliert werden:
I.Sam 15.1-2
"~vt"~ ,~,o~ ir;~'1 9. Redebericht
Da sagte Samuel zu Sau/:
i~~r'?.p 17~7 1r:!~rt'? ii}i~ n7~ ·~ 8a. Selbstbericht über die Entsendung
"~"')U(:-'? .p
Mich hat Jahll"e gesandt. um dich zum Kii-
nig zu salben iiber uin Volk, iiber Israel.
iiJii~ '"1:;J"! "iP7 JJ~~ ;,~.p1 10. Aufmerksamkeitsaufruf
Und nun hiire auf den Schall der Worte
Jahn·es:
ni~~~ iip~ iQ~ ;,;, II. k{i 'cimar-Formel
So spricht Jahwe Zebaoth:
'?~"')t;/~7 p'?~v. iiÜ(,V-i~~ ~ '0:1\i?~ 12. Redetext
[ ... ]
kh habe gesehen, was Amalek luael ange-
tOll hat. ( ... ]
2.Kön 19.20
rio~-l:;i ,il:~tti~ il'?~~j 8a. Bericht über die Entsendung
Da sandte Jesaja. der Sohn des AmOJ.
,il:P. ~i}-,~ 2. Angabe des Adressaten
w Hiskin
ib~7. 9. Redebericht
(und sagte J folgendermaßen:
"~iiD' 'il?~ il1:1' iQ~-;,;,
•• y I' •• '/1 1' ; T II. kö 'ämar-Formel
So spriclu }ahn-e, der Gott Israels:
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 189

~in~o-',~ .,~
''': \' • ''
"'' en-:
iO~
1' I • I' •:•1
12. Redetext
[... ]'t:\.!?9~ i~i3~-l7Q
Was du zu mir gebetet/rastwegen Sanlrerib.
des Kiinigs von Assur. habe ich gehiirt. [... ]

5. 3.4. 3.5 Zusammenfassung


Hinter all diesen Texten steht ein übergeordnetes Textmuster. Nur 2.Kön 9
bietet es einigermaßen vollständig, in anderen Texten sind einzelne Ele-
mente bzw. der komplette Beauftragungs- oder Ausführungsteil nicht reali-
siert. Das Muster hat in dem Fall, da alle Elemente realisiert sind, die im
Folgenden angeführte Beschaffenheit; es variiert nach Beauftragungs- bzw.
Ausführungserzählung; die Beauftragungserzählung bleibt unverändert, un-
abhängig davon, ob eine Ausführungserzählung folgt oder nicht; bei der
Ausführungserzählung gibt es einen unterschiedlichen Anfang, je nachdem,
ob eine Beauftragungserzählung vorausgeht oder nicht.
Beauftragungserzählung
I. Bericht über Botensendung
2. Angabe des Adressaten
3. Angabe des Zielortes
4. Bericht über Beauftragung
5. Beauftragungsbefehl
6. J.:(J 'ämar-Formel
7. Redetext
Ausführungserzählung nach Ausführungserzählung ohne
Beauftragungserzählung Beauftragungserzählung
8. Bericht über Überbringung Sa. Bericht über die Entsendung
9. Redebericht 9. Redebericht
I0. Aufmerksamkeitserregung 10. Aufmerksamkeitserregung
(durch Formel, Wendung. Vokativ) (durch Formel, Wendung. Vokativ)
II. 1.:0 'ämar-Forrnel II. 1.:6 'ämar-Forrnel
12. Redetext 12. Redetext
Zunächst einige allgemeine Bemerkungen: Volltönig ausgeführte Erzählun-
gen wie 2.Kön 9,1 ff entsprechen nicht dem stark raffenden israelitischen
Erzählstil und sind daher selten; 106 in der Regel fehlen etliche der einzelnen
möglichen Abschnitte, sie werden aber als selbstverständlich dazugedacht
bzw. sind vom Kotext her klar (Adressatenangabe etc.). Auch kann die Rei-
henfolge der Elemente variieren; der Begriff Muster soll nicht bedeuten.

""" Vor allem Auerbach hat den Erzählstil des AT am Beispiel der Sagen treffend be-
schrieben: nur Zentrales wird erzählt. es wird straff erzählt. ohne Nebenhandlungen. vgl.
Auerbach. Mimesis, 5-27.
190 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

dass innerhalb der zugehörigen Elemente des Musters nicht auch die Abfol-
ge verändert werden könnte.
Bezüglich der Ausgangsfrage (Kap. 5.3.4.3.1) nach Differenzen im Er-
zählmuster bei freiem Gebrauch der ko 'ämar-Formeln und bei solchen ko
'ämar-Fonneln, die eine wörtliche Ausrichtung einleiten, lässt sich kein sig-
nifikanter Unterschied erkennen, das Erzählmuster ist somit offen für beide
Deutungen. Bei einem Vergleich von Belegen wie 2.Kön 9,1 ff (wörtliche
Ausrichtung, Botenvorgang) und Stellen wie 2.Kön 18,19, die einen freie-
ren Gebrauch zum Inhalt haben, zeigt das Muster einer Beauftragungser-
zählung keine wesentlichen Differenzen (vgl. dazu Kap. 5.3.4.3.2 und Kap.
5.3.4.3.3). Das Nämliche gilt für die Ausführungserzählungen, wenn man
etwa Belege wie 2.Kön 18,28f und 2.Chr 32,9-10 oder 2.Kön 9.lff ver-
gleicht (vgl. Kap. 5.3.4.3.3 und 5.3.4.3.4). Das Muster kann nicht zur funk-
tionalen Unterscheidung von Ausrichtungsfonnein und Formeln des freie-
ren Gebrauchs herangezogen werden.
Nachdem nun erkannt wurde, dass das Erzählmuster nicht per se als Un-
terscheidungskriterium funktionaler Varianten der unerweiterten ko 'ämar-
Fonneln dienen kann, muss nach anderen unterscheidenden Aspekten Aus-
schau gehalten werden (s. nächstes Kap.). Das Erzählmuster wird auch in
Kap. 6.2.5 noch einmal eine Rolle spielen bei der Deutung der ko 'ämar-
Formeln aus dem Bereich der Schriftprophetie; im Zusammenspiel mit be-
stimmten prophetischen Gattungen wird es dabei in seiner Bedeutung ver-
ändert bzw. verei ndeutigt.

5.3.4.4 Erzählungen mit Beauftragungskomplex im Verhältnis zu


Erzählungen mit Ausfülmmgskomplex; zur Funktion der
unerweiterten ko 'ämar-Formeln in den Erzähltexten
Westermann hatte die Behauptung aufgestellt (vgl. Kap. 5.2), 107 dass bei den
meisten Erzählungen mit ko 'ämar-Formeln - von ihm durchweg als "Bo-
tenformeln" gedeutet - die Ausführung der Botschaftsübermittlung nicht
berichtet wird. Für den Bereich der Erzähltexte (Gen-2. Kön, ChrG) lässt es
sich nun aber auszählen, dass diese Behauptung nicht der wirklichen Sach-
lage entspricht: Man muss nur den Belegen mit Beauftragungskomplex die-
jenigen mit Ausführungskomplex gegenüberstellen:
Die Zahl der Belege mit ko 'ämar-Fonneln, bei denen nur die Ausfüh-
rung geschildert wird, ergibt sich aus den bisher besprochenen Belegen:
menschenbezogen 14 vgl. Kap. 5.3.4.1/5.3.4.2
jahwebezogen 37 vgl. Kap. 5.3.4.2
~ --> ll
Bei den Belegen mit Beauftragungen handelt es sich sodann um folgende
Stellen:

1117 Vgl. Westennann. Grundformen. 72.


Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 191

a) menschenbezogene Belege:
ko 'ämar-Formel: Boten:
Gen 32.5 So spricht dein Knecht Jakob Boten
Gen 45,9 So spricht dein Sohn Josef Brüder Josefs
Num 20,14 So spricht dein Bruder Israel Boten
I.Kön 22,27 So spricht der König Diener/Knechte
2.Chr 18,26 So spricht der König Diener
b) jahwebezogene Belege:
ko 'ämar-Formel: Boten:
Ex 4,22 So spricht Jahwe Mose
Ex 7,17 So spricht Jahwe Mose
Ex 7,26 So spricht Jahwe Mose
Ex 8,16 So spricht Jahwe Mose
Ex 9,1 So spricht Jahwe, der Go// der Hebräer Mose
Ex 9,13 So spricht Jahwe, der Go// der Hebräer Mose
Ex 10,3 So spricht Jahwe, der Go// der Hebräer Mose und Aaron 1011

"'" Sehr auffällig ist die Häufung der l.:ri 'ämar yhll"h-Forrneln in den Plagenerzählungen:
die Plagenerzählungen werden von den neueren Bearbeitern der Pentateuchtexte einer späte-
ren. nach P erfolgten Redaktionsarbeit zugeschrieben. Levin. der J nachdeuteronomisch und
vordeuteronomistisch und vordeuterojesajanisch datiert (vgl. Levin. Jahwist. 430-435). rech-
net die Plagenerzählungen nicht zu J. sondern hält sie für spätere Hinzufügungen (vgl. Levin.
Jahwist. 335). Schmid beobachtet ebenfalls die auffällige Häufung der ko 'ämar-Formeln in
Ex 7-11; er hält sie für spät mit dem perserzeitlichen Plagenzyklus in die Exoduserzählung
eingetragen (vgl. Schmid. Erzväter. 143-145). Gertz wertel Ex 7.17a.26; 8.16 [9.1) und 9,13
als .. Zusätze zur nichtpriesterschriftlichen Exoduserzählung", die er als .. ursprünglich selb-
ständige Komposition" betrachtet (Gertz. Tradition. 395); Ex 10.3* schreibt er aufgrunddes
Abweichens ..der v. 1-3 vom Schema der als jahwistisch beurteilten Plagenerzählungen"
(a.a.O. 158) als Text der Endredaktion (R) der biblischen Exoduserzählung zu (vgl. a.a.O.
395): Aaron in Ex 10,3 erachtet er als noch später nachgetragen (vgl. a.a.O. 122). Blum.
Studien behandelt das Problem der Häufung der l.:ii 'ämar-Formeln in den Plagenerzählungen
nicht. Schmiu hat bei der Gestaltung der Plagenerzählungen durch den Endredaktor die Auf-
nahme .. prophetischer Vorstellungen" beobachtet. Schmiu. Tradition. 58. Der häufige Ge-
brauch der kli 'ämar yhwh-Formeln. den er nicht diskutiert hat. könnte in eine ähnliche Rich-
tung weisen. Vertreter einer Frühdatierung von J. etwa: Schmidt. Einführung. 47-48 u.a ..
kommen angesichts der So Jpridrt Ja/11re-Formeln in den Plagenerzählungen in die Proble-
matik. die typisch prophetische Formel in vorprophetischer Zeit erklären zu müssen. Im Ge-
folge von Noth hat Schmidt auf die Erklärung zurückgegriffen, dass J Mose mit_ propheti-
schen Zügen gestaltet; Noth verweist auf die Formulierung "~'1~~ 'i:;J'? iQ~n ii:l .fo
solloft d11 w den Israeliten sagen in Ex 3,14. die mit den kii 'ämar-Formeln verwandt und als
Beauftragungsbefehl auch aus dem Erzählmuster der Texte mit unerweiterten kii 'ämar-For-
meln bekannt ist (s.o. z.B. Gen 32 in 5.3.4.3), vgl. Noth. Exodus, 17 und 27. Schmidt nimmt
nun diese Beobachtung in seinem Exodus-Kommentar auf und formuliert mit Blick auf die
Plagenreihe (Ex 7,17.27 u.a. bis 11.4): .. Mose triu also wieder[ ... ) in Gestalt eines Propheten
auf. allerdings noch nicht im Sinne der Propheten. die sich mit jener [l.:ii 'ämar yhll"h-] Fonnel
gegen den eigenen König (wie 2Kön 1.2ft) oder das eigene Volk (Am 5.3 u.a.) wenden."
Schmidt. Exodus. 257. Eine Datierung des Jahwisten in die frühe Königszeit und die Zurech-
nung der nichtpriesterschriftlichen Plagenerzählungen zu J vorausgesetzt, ergäbe sich so na-
türlich auch ein Beleg für das frühe Vorkommen von 1.:6 'ämar-Formeln; wenn die Stilisie-
rung von Mose als Prophet zutreffend wäre. ergäbe sich darüber hinaus ein Hinweis für eine
192 Die kO 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

2.Sam 7.5 So spricht Jahwe Natan


2.Sam 7,8 So spricht Jahwe Zebaoth Natan
2.Sam 24,12 So spricht Jahwe Gad
I.Kön 12,24 So spricht Jahwe Schemaja
I. Kön 21,19 So spricht Jahwe Elia
2.Kön 19,6 So spricht Jahwe Eljakim, Seheboa
und die Ältesten
I.Chr 17,4 So spricht Jahwe Natan
I.Chr 17,7 So spricht Jahwe Zebaoth Natan
2.Chr II ,4 So spricht Jahwe Schemaja
Die Zahl der Belege mit kö 'ämar-Formeln, bei denen nur die Beauftragung
geschildert wird, beträgt damit:
menschenbezogen 5
jahwebezogen 16
~ -->ll
Insgesamt ergibt sich ein Zahlenverhältnis von 51 : 21 bzw. 2,4 :I zuguns-
ten der Belege mit Ausführungskomplex.
Die Falsifikation von Westermanns These hat nun mehrere Konsequen-
zen: Sie kann als Argument dienen, weitere Aspekte der bisherigen stark
von Westermann geprägten Theorie zur "Botenformel" begründet zu hinter-
fragen, um zu einem differenzierteren Verständnis der alttestamentlichen kö
'ämar-Formeln zu kommen. Außerdem ergibt sich jetzt, mit einem deutli-
chen Übergewicht derjenigen Stellen. die nur die Ausführung thematisieren,
eine deutlich andere Perspektivierung des Gesamtbefundes innerhalb der
Erzählungen: Denn die Betrachtung wird nun durch die Mehrheit der Stel-
len nicht zunächst auf den Vorgang der Beauftragung gelenkt, sondern auf
den der Ausführung. Westermann sah bei der Gesamtbetrachtung der Stel-
len vorzugsweise auf die Beauftragungen - was, wie eben aufgezeigt, nicht
den realen Zahlenverhältnissen entspricht; damit lag für ihn, verbunden mit
der Deutung des Botenvorgangs als Ausrichtungsvorgang. der Schluss sehr
nahe, dass alle Beauftragungen auf eine Ausrichtung hinauslaufen; dies
wiederum zog die Deutung aller kö 'ämar-Formeln als "Botenformeln" im
Sinne von Ausrichtungsformeln nach sich. Liegt der Akzent der Gesamtbe-
trachtung aber nun auf den Stellen, die die Ausführung thematisieren, dann
lässt sich weniger klar auf eine vorauszusetzende wörtliche Beauftragung
schließen; denn eingedenk der in 5.3.4.1 und 5.3.4.2 besprochenen Stellen.
anhand derer aufgewiesen werden konnte, dass kö 'ämar-Formeln in legi-
timatorischer Funktion bei freien Auftragsausführungen zum Einsatz ge-
bracht werden können und eine wörtliche Beauftragung gar nicht voraus-
setzen, liegt es sogar nahe, diese letztgenannte Bedeutung als die dominan-

frühe Aufnahme von J.:ö 'ämar-Formeln als Redeform der Prophetie. Doch spricht gegen eine
solche DeuiUng, dass die J.:ö 'ämar-Formeln kaum vor dem Auftreten der Schriftpropheten so
verbreitet waren, dass sie schon als charakteristisch für eine als prophetisch zu gestaltende Fi-
gur verwendet werden konnten (vgl. Kap. 6 und 7.2.2).
Analyse der kö 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 193

te, die Deutung der unerweiterten ko 'ämar-Formel als ausrichtende .. Bo-


tenformel" als die für die alttestamentlichen Erzähltexte marginalere zu
werten.
Hier ist auch hervorzuheben. dass es bei der Analyse der unterschiedli-
chen Gebrauchsweisen der unerweiterten ko 'ämar-Formeln um eine Funk-
tionsbestimmung auf der Ebene der alttestamentlichen Texte geht. Mit ei-
nem Rückschluss auf die außertextliche Situation (Sitz im Leben) unerwei-
terter ko 'ämar-Formeln muss man vorsichtig sein. Es ist zwar eher wahr-
scheinlich, dass die außeralttestamentliche sprachliche und institutionelle
Wirklichkeit des Alten Israel den Vorstellungen der Texte zugrunde lag,""
doch könnte man dies treffsicherer sagen. wenn dafür taugliche Quellen zur
Verfügung stünden. Die Belege für verwandte Formeln, die in Kap. 4 dis-
kutiert wurden. geben über die Frage des Sitzes im Leben der so (spricht)-
Formeln in der außeralttestamentlich-sprachlichen Welt keinen sicheren
Aufschluss. Die Verwendung in Briefen. Inschriften u.ä, also im Bereich
der Schriftlichkeit, stellt nur einen Ausschnitt der sprachlichen Wirklichkeit
entsprechender Formeln dar; die in Kap. 5.3.4 verhandelte Sachlage betrifft
dagegen nicht direkt den Bereich der echten Schriftlichkeit, sondern die in
den (schriftlichen) Erzählungen thematisierte Mündlichkeil - die Erzählun-
gen wollen ja ein mündliches Geschehen darstellen, gehören damit zur
konzeptionellen Mündlichkeit. 110 Auf diesen medialen Hiatus ist zu achten;
über echte oder konzeptionelle Mündlichkeil in der außeralttestamentlichen
Welt wissen wir noch wenig,''' nichts (bisher) über mündliche so (spricht)-
Formeln. Da die außeralttestamentlichen Belege (aus dem schriftlichen Be-
reich) auch kaum Explizites von einem Botenvorgang im Sinne eines wört-
lichen Ausrichtungsvorgangs erkennen lassen. das Vorkommen in Briefen
wohl eher von den mit dieser Textform verbundenen Kommunikationsnot-
wendigkeiten (Absenderangabe zur Identifikation) bestimmt ist. lässt sich
eigentlich nichts finden. was im außeralttestamentlichen hebräisch-kanaa-
näischen/aramäischen Umfeld auf die Funktion der ko 'ämar-Formeln als
.,Botenformeln" in einem Botenvorgang. der womöglich eine wörtlich ge-
treu auszurichtende Botschaft zum Gegenstand hat, hinweisen würde. Bei

"" Vgl. dazu auch Schwiderski. Handbuch. 293: .. Daß originale mündliche Te"le als
Quelle nichl zur Verfügung slehen und nur schriflliche Wiedergaben bzw. fiklive Gesprächs-
silualionen in erzählenden Texlen emhallen sind. deren Realilälsgrad sich nichl immer rekon-
slruieren läßl. könnle als möglicher Einwand vorgebrachl werden. Dagegen läßl sich m.E.
sagen. daß auch ein hierarischer Berichl eines Gesprächs oder einer Botschaflsüberminlung
sich hinsichllich der formalen Elemenle vermullich an den Formen orientieren wird. die
denen seiner realen Gegenwart enlsprechen:·
1111 In allen Erzählungen mil kö 'amar-Formeln ging es bisher um einen mündlichen Vor-

gang. in dem die kö 'ämar-Formeln benuiZI wurden! Vgl. Kap. 7.2.2; zum Begriff der kon-
zeplionellen Mündlichkeil vgl. z.B. Koch/Oeslerreicher, Schriftlichkeil. 587-604.
111 Vgl. die in1eressan1en Überlegungen von SaUaberger zur Frage: .. Können wir gc:radc:

den Briefen Hinweise auf eine gesprochene Alhagssprache enlnehmen?" Sallaberger. lnlc:r·
aklion. 10-12; vgl. auch Wagner. oral communicalion.
194 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

der Verwendung entsprechender Formeln in Briefen, die aus dem diploma-


tischen Bereich stammen, ist es wahrscheinlicher. dass die Schreiber/Beam-
ten/Diplomaten - jedenfalls mit einem Amt/Grundauftrag ausgestattete
Personen - einen allgemeinen Auftrag ihres Dienstherren in freier Ausfüh-
rung umsetzen, als eine wörtliche Beauftragung. ein Diktat anzunehmen.
Festhalten lässt sich also nur das Vorhandensein von außeralttestamentli-
chen so (spricht)-Formeln, die zeigen, dass die alttestamentlichen Formeln
überhaupt (wenn auch in anderen Kotexten bzw. Textenffextsorten) Ent-
sprechungen in der außeralttestamentlichen Sprachwelt haben und dass auf
diesem Hintergrund eine Verwendung bereits in der Königszeit und eine
Aufnahme (und Umprägung) der Formel durch die Propheten nicht un-
wahrscheinlich ist.
Auch wenn ein treffsicherer Rückschluss auf die außeralttestamentliche
Wirklichkeit (bisher) nicht möglich ist, so enthebt dies die Ausleger nicht
ihrer Pflicht, die Funktionsbestimmung der ko 'ämar-Formeln auf der Ebe-
ne der alttestamentlichen Texte - sozusagen textimmanent - vorzunehmen.
Denn hier ist der interpretatorische Boden einigermaßen sicher: Wir können
ja verstehen, analysieren, interpretieren, was in den Texten steht. Und hier
finden wir bezüglich der unerweiterten ko 'änrar-Formeln die oben be-
schriebene Sachlage, dass bei den meisten dieser Formeln nicht die Funkti-
on einer "Botenformel" aus einem wörtlichen Ausrichtungsvorgang anzu-
nehmen ist, sondern eine freiere Verwendung aus einem Grundauftrag he-
raus vorliegt. Dieses bei den Erzähltexten des AT greifbare und im Ver-
gleich zur älteren Forschung wesentlich differenziertere Verständnis muss
auch der Interpretation prophetischer Texte zugrundegelegt werden - aus
der Überzeugung heraus, dass es im AT Beziehungen zwischen den Texten
gibt, welche darauf schließen lassen, dass wir nicht in jedem Text. in jedem
Buch, in jeder Vorstufe bzw. Bearbeitungsstufe eine völlig andere. jeweils
eigene sprachliche und institutionelle Grundvorstellung haben. Das soll nun
nicht heißen, dass sich im gesamten AT diesselben Auffassungen finden.
sondern nur hervorheben, dass es doch einen gemeinsamen Fundus gibt, der
Raum für Verschiedenheiten und Charakteristika lässt. Zu prüfen ist, ob
sich die hier skizzierten Vorstellungen bezüglich der Verwendung uner-
weiterter ko 'amar-Formeln in den Erzähltexten (im Bereich der Prophetie
angewandt) im Zusammenhang mit anderen Deutungshinweisen (vgl. dafür
Kap. 6) als sinnvolle interpretatorische Möglichkeit erweisen.

5.3.5 läken ko 'ämar-Formeln

Eine weitere kleine Gruppe von Belegen, die aus der Gesamtzahl der ko
'änrar-Formeln auszugrenzen ist, ist die der läken ko 'amar-Formeln. Sie
sollen hier nur gestreift werden, denn die Anzahl der Belege in den erzäh-
Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 195

Ienden Büchern des AT ist gering; in wesentlich häufigerer Zahl kommen


sie in den prophetischen Büchern vor (vgl. Kap. 6); ihre Funktion kann da-
her ausführlich in Kap. 6 diskutiert werden.
Einige Feststellungen sollen aber doch bereits hier getroffen werden: a)
läken ko 'ämar-Formeln kommen in drei Texten vor: 2.Kön 1.4; 11 ~ 2.Kön
19,32 und 2.Kön 21,12. Bei diesen Texten sind es jeweils Propheten, die
die läken ko 'ämar-Formel gebrauchen (in 2.Kön 1,4: Elia; in 2.Kön 19,32:
Jesaja; in 2.Kön 21,12: seine Knechte, die Propheten). b) Die läken ko
'ämar-Formeln stehen nicht zu Beginn eines Textes; den von den läken ko
'ämar-Formeln eingeleiteten Äußerungen ist meist eine Begründung voran-
gestellt, etwa bei 2.Kön 19,32 und 2.Kön 21.12:
2.Kön [Voran geht das Wort Jesajas an Hiskia. V .20-J I. das die Gründe für das Ein-
19J2 greifen Jahwes nennt. I
M~ij i',?:J-'?~ ~j: ~' i~~~ 179_.,~ :11:-t~ ir;ll$""7ij P'? 32
rr:r
1... 1 o~ :-t"Ji·-~'1
V.32 läken 1.:0 'ämar yhwh im Hinblick auf den König l'lm Assur: Er 1rird nicht
in diese Stadt kommen und keinen Pfeil dort hineinschießen. [... J
2.Kön {V.IO Da redete Jahwe durch seine Knechte. die Propheten:}
21.11-12
1---1 :-t7~:J ni::l.ph;:r ;,·p;,~-17.9 ;,~~9 :-t~.g i~~ :~: II
t:l'?~~i~-'?~ :-t.g") ~·:;l~ ·~p "~lVf~ ·:::r'~ :-tl:-t~ ir,ll$-;,:;, P7 12
[... ) :1·~~1$ '0~ :-t~7~i:1 111ii-\}9ti-'-,~ i~~ :-tl!l.i'!
V.ll Weil Manasse. der König wm Juda. diese Greuel getan hat [... ). V.l2
läken ko 'ämar yhwh. der Gott Israels: Ich bin im Begriff. Bii.!es iiber Jerusa-
lem und Juda zu bringm. vmr dem jedem. der es hiirt. seine beiden Ohren
klingeln werden. [... ]
Die läken kö 'ämar yhwh-Formel bringt in diesen beiden Texten eine enge
logische Verbindung zwischen Gotteswort und vorangestelltem Propheten-
wort zum Ausdruck. In ihrer Funktion ähnelt sie unerweiterten kö 'ämar-
Formeln, vgl. dazu und zur Übersetzung Kap. 6.2.3; dort kann auf der
Grundlage einer breiteren Belegbasis mehr gesagt werden. Wie bei der ki
ko 'ämar-Formel handelt es sich bei der läken kö 'ämar yhwh-Formel um
eine Formel, die Teiltexte einleitet; sie hat verbindende Funktion in einem
Textgefüge; allerdings schließt die läken kö 'ämar yhwh-Formel im Gegen-
satz zu ki kö 'ämar, das fast immer nach einem DIREKTIV steht, nicht an
einen bestimmten Sprechhandlungstyp an.

11 ~ ln 2.Kön 1.4.6.16 wird mit Ieiken jonglien; nur in V .4 steht eine echte läken kn 'cimur

yhwlr-Fonnel. ln VV .6 und 16 steht Ieiken von der kö 'einrar yhwh-Forrnel getrennt: ln V .6


leitel die kö 'ämar yhwh-Forrnel die überbrachte Botschaft ein. mitläken wird die Folgerung
angeschlossen; ähnlich in V .16. wo allerdings die logische Verknüpfung von Begründungs-
und Folgerungsteil durch die Konstruktion ya'un - läken noch stärker ist.
11 ' Für die Bezeichnung eines Sachverhaltes, auf den man sich zurückbezieht. wird in der

Regel das Suffix der J.sg.f. gebraucht; daher ist mit dem Qere zu lesen [stan Ketib: 1•.t1ai.:i].
196 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

5.3.6 kö 'ämar-Formeln und offizielles Sprechen (Einleitung durch 'mr I


und 'mr 'I) in den erzählenden Büchern

Jenni hat in seinem Aufsatz "Einleitung formeller und familiärer Rede im


Allen Testament durch 'mr 'I- und 'mr 1-" darauf aufmerksam gemacht, dass
sich die beiden Möglichkeiten, den Adressaten nach 'mr anzugeben, näm-
lich mit ('mr) I und ('mr) '1, nicht synonym zueinander verhallen, sondern
dass sie unterschiedlichen sprachlichen Registern zuzuordnen sind: 'mr I
wird verwendet bei inoffizieller Rede oder unter Gleichgestelllen (vertrauli-
che bis herablassende Redeweise), 'mr 'I dagegen bei offizieller Rede (re-
spektvolle Redeweise). 11 • Diese Erkenntnis ist nun auch für die Analyse der
kö 'ämar-Formeln aufschlussreich, denn es lässt sich für die erzählenden
Bücher des AT eine signifikante Verteilung von 'mr 'I und 'mr I vor den kö
'ämar-Formeln beobachten (zunächst ohne Belege aus dem ChrG. dazu
s.u.):
Belege mit einleitendem 'mr und Einleitung des Adressaten durch '/
Auftragge- Redende/r: Adressat:
ber/Sender:
Gen 45,9 Joseph Brüder Josephs Jakob
Ex 4,22 Jahwe Mose Pharao
Ex 5.1 Jahwe Mose und Aaron Pharao
Ex 5,10 Pharao Fronvögte des Pharao Volk der Israeliten
Ex 7,26 Jahwe Mose Pharao
Ex8.16 Jahwe Mose Pharao
Ex 9,1 Jahwe Mose Pharao
Ex 9,13 Jahwe Mose Pharao
Ex 10,3 Jahwe Mose und Aaron Pharao
Jos 24,2 Jahwe Josua Volk der Israeliten
I.Sam 2,27 Jahwe ein Mann Gottes Eli
I.Sam I 0,18 Jahwe Samuel Israeliten
2.Sam 7,5 Jahwe Natan David
2.Sam 12,7 Jahwe Natan David
I.Kön 2,30 König Salomo Benaja Joab
I.Kön 20.28 Jahwe ein Mann Gottes Ahab
I.Kön 20.42 Jahwe ein Prophet Ahab
2.Kön 1,6 Jahwe Boten Ahasja [mit 'mr + dhr)
2. Kön 9,12 Jahwe Prophetenjünger Elisas Jehu
2.Kön 18,19 König von Rabschake Eljakim. Schebna. Joach
Assur bzw. Hiskija
2.Kön 19,3 Jahwe Jesaja Hiskija
2.Kön 19,6 Jahwe Jesaja Hiskija
2. Kön 20. I Jahwe Jesaja Hiskija
2.Kön 20.5 Jahwe Jesaja Hiskija

11 • Vgl. Jenni. Rede, 32.


Analyse der ko 'ämar-Formeln im Erzählzusammenhang 197

2.Kön 22,15 Jahwe Hulda Hilkija, Ahikam. Achbor.


Schafan. Asaja
2.Kön 22,18 Jahwe Hulda wie 2. Kön 22.15
Belege mit einleitendem 'mr und Einleitung des Adressaten durch I
Gen 32,5 Jakob Boten Esau
Ex 32,27 Jahwe Mose Leviten
Num 22,16 Balak Fürsten Balaks Bileam
Ri 6,8 Jahwe ein Prophet Israeliten
Ri 11.15 Jephta Boten König der Ammoniter
2.Sam 7,8 Jahwe Natan David
[ I.Kön 11.31 Jahwe Ahija Jerobeam (ki ko 'ämar))
I.Kön 14,7 Jahwe Ahija Jerobeam
I.Kön 20,3 Ben-Hadad Boten Ahab
2.Kön 9,6 Jahwe ein Prophetenjünger
Elisas Jehu
Zunächst fällt beim Vergleich der Beleggruppen die wesentlich geringere
Anzahl der Belege mit I auf; es ergibt sich ein Zahlenverhältnis von 26 : 10.
also 2,6 : I. Dieses Verhältnis legt nahe, dass die mit der ko 'ämar-Formel
verbundene Redeweise vorzugsweise bzw. im (häufigeren) Normalfall dem
.. formellen" Rederegister zugerechnet wird. Für die Belege mit 'mr /lassen
sich meist erzähltechnisch motivierte Gründe für einen Registerwechsel er-
kennen: Am deutlichsten zeigt dies 2.Kön 9,6, wo der Prophetenjünger Eli-
sas geschickt wird, um Jehu zu salben: bei der Beauftragung in V.3 fehlt
noch eine Präposition, in V.6 wird dann für die Rede des Prophetenjüngers.
der sich ja allein mit Jehu in der Kammer befindet, das familiär-vertrauliche
I verwendet; zuvor hatte der Prophetenjünger, angesichts der Heeresobers-
ten, die mit Jehu zusammensaßen, das offizielle '/gebraucht (V.5, ohne ko
'ämar-Formel); in V. I 2 dagegen, als Jehu über das Geschehnis berichtet.
tritt wieder das offizielle '/zutage. In Num 22.16 dürfte sich die Verwen-
dung von I aus einer eher herablassenden Redeweise erklären. ebenso in
I.Kön 20,3. In Ri 6,8 liegt wohl ein Fall besonderer Zuwendung zu den um
Hilfe schreienden Israeliten vor. der die vertrauliche Redeweise erklärt. In
Ri II, I 5 lässt der Erzähler einen vertrauten Ton anklingen, als Jephta Boten
zum König der Ammoniter schickt, um ihn zu besänftigen. In I.Kön 11.31
erklärt sich das I aus der zweisamen Sprechsituation (V.29 und es waren
beide allein auf dem Felde).
Die Belege aus der Chronik weichen von dem bisher erhobenen Befund
ab:
Belege mit einleitendem 'mr und Einleitung des Adressaten durch'/
Auftragge- Redende/r: Adressat:
ber/Sender:
I.Chr 17.4 Jahwe Natan David
2.Chr 34,26 Jahwe Hulda Hilkija
198 Die ko 'dmar-Fonneln in erzählenden Texten

Belege mit einleitendem 'mr und Einleitung des Adressaten durch I


J.Chr 17,7 Jahwe Natan David
J.Chr 21,11 Jahwe Gad David
2.Chr 12,5 Jahwe Schemaja Rehabeam und die Obersten
Judas
2.Chr 24,20 Jahwe Secharja Volk
2.Chr 34,23 Jahwe Hulda Hilkija u.a.
Für die Chronik hatte Jenni vermutet, dass die Verwendung von 'mr I und
'mr 'I "anscheinend regelkonform" ist.m Doch kehrt sich hier das Verhält-
nis des Gebrauchs von 'mr 'I und 'mr I vor kö 'ämar-Formeln um: 2 Belegen
mit 'mr 'I stehen 5 mit 'mr I gegenüber, also ist das Verhältnis nicht mehr
2,6 : I sondern I : 2,5. Außerdem zeigen einige Belege der Chronikbücher
einen gegenüber den Parallelstellen aus den Königsbüchern (s.o.) gegen-
sätzlichen Gebrauch: Z.B. wurde in 2.Kön noch 'mr 'I verwendet, in der
Parallele 2.Chr 24,23 steht dagegen 'mr I.
Die Verwendung des offiziellen Sprechregisters bei den meisten Bele-
gen mit kö 'ämar-Formeln ist ein Indiz für das offizielle Auftreten derjeni-
gen Personen, die eine kö 'ämar-Formel benutzen. Bei der Analyse der ko
'ämar-Formeln in den Prophetenbüchern und der Frage ihres Registerbe-
zugs wird noch einmal auf dieses Faktum zurückzukommen sein (vgl. Kap.
6.2.5.3).

5.3.7 Mehrdimensionalität in der Bedeutung der bisher besprochenen


unerweiterten kö 'ämar-Formeln

Bei den kö 'ämar-Formeln haben wir grundsätzlich zu unterscheiden zwi-


schen den als Ausrichtungsformeln gebrauchten kö 'ämar-Formeln und der
freieren Verwendung der kö 'ämar-Formeln; auf die Möglichkeit. dass eine
Formel bei Gestaltidentität mehrere Bedeutungen haben kann, wurde schon
in Kap 3.2.4 hingewiesen. Die unerweiterten kö 'ämar-Formeln realisieren
dabei in beiden Verwendungsweisen mehrere Funktionen, die in einer Äu-
ßerung gleichzeitig vorhanden sind (vgl. Kap. 3.3.9):
Ausrichtungsfonnein
identifizieren den eigentlichen Sprecher/Sender (ldentifikationsfunktion).
indem sie die überbrachte Rede zur Rede des eigentlichen Absenders machen
legitimieren den Überbringer als autorisierten Sprecher (Legitimations-/
Autorisationsfunktion)
heben die überbrachte Äußerung in den Rang offizieller Rede (Stellung
des Überbringers eher niedrig; vgl. auch Kap. 5.3.6).

II.< Jenni. Rede. 32.


Konturen des Formelfeldes der kö 'ämar-Fonneln 199

Funnein in freierem Gebrauch


identifizieren den eigentlichen Auftraggeber (ldentifikationsfunktion),
indem sie den auszuführenden Auftrag zu dem des eigentlichen Absenders ma-
chen
legitimieren den Sprecher als vom Auftraggeber autorisien (Legitima-
tions-/ Autorisationsfunktion)
heben die überbrachte Äußerung in den Rang offizieller Rede (Stellung
des Überbringers eher gehoben; vgl. auch Kap. 5.3.6).
Mindestens hinsichtlich der jeweils ersten Funktion liegt eine DEKLARA-
TIVE Äußerung vor, weil die der ko 'amar-Formel nachfolgende Äußerung
durch Aussprechen der Formel als Wort bzw. Auftrag des eigentlichen Ab-
senders qualifiziert wird.
Wird eine ko 'amar-Formel in einem Text innerhalb einer Äußerung
mehrmals gebraucht, so kann sie bei ihrer zweiten Verwendung nicht mehr
denselben Identifikationseffekt haben wie beim ersten Gebrauch (vgl.
2.Kön 18). Der Legitimationsaspekt dagegen kann durch die Wiederholung
erneut unterstrichen werden. Daher sollte darauf geachtet werden, ob eine
ko 'amar-Formel einmal oder mehrmals in einem Text verwendet wird. In
den bisher besprochenen Texten liegt nirgendwo eine Häufung von ko
'amar-Formeln vor, wie sie sich bei Jer oder Ez (vgl. Kap. 6.2.5.5) findet;
bei einem gehäuften Vorkommen innerhalb eines Textes tritt der Identifika-
tionsaspekt stark in den Hintergrund.

5.4 Konturen des Formelfeldes der ko )ämar-Forrneln

In Kap. 5.1-3 waren die ko 'amar-Formeln im Erzählkotext Gegenstand der


Analyse. Dabei wurde nach den Formen und Funktionen der ko 'amar-
Formeln gefragt. Das Ergebnis dieses Untersuchungsvorganges lässt sich so
formulieren: Es ist nicht von einem einheitlichen Verständnis der ko 'amar-
Formeln als "Botenformeln" in den Erzähltexten des AT auszugehen. also
nicht von einer .. Botenformel" mit einem festen Boten-Situationsko-/-kon-
text (vgl. Kap. 3.3.4), sondern von verschiedenen Formen und verschiede-
nen, z.T. mit den Formvarianten korrespondierenden. Funktionen. Jede
Form-/Funktionsvariante stellt eine Art Untertyp der ko 'amar-Formel dar;
die Untertypen lassen sich unter dem Oberbegriff der ko 'amar-Redeeinlei-
tungsformel zusammenfassen; Kriterium für die Zugehörigkeit zur ko
'amar-Redeeinleitungsforrnel sind die in jedem Untertyp enthaltenen Kern-
bestandteile: kataphorisches Element ko, Form von 'mr. Stellung vor einer
direkten Rede. Vgl. folgende Übersicht:
200 Die kö 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

Unrertypen der Redeeinlei- Vorkommensbereich: Texrsrellung:


rungsformel:
( w') l.:ti 'cimor in Berichren nur menschenbezogen im Erzähhexr
und Erzählungen
ki kö 'cimar-Zirarformeln nur jahwebezogen (bis auf nach DIREKTIV. nichr am
Am 7.11. dort aber in pro- Texranfang
pherischem Korexl)
kti 'ämar-Formeln im freien menschenbezogen und ofr am Texranfang (kann
Gebrauch eines Amrsrrägers jahwebezogen wiederhol! werden)
kti 'ämur-Formeln als Einlei- menschenbezogen und meisr am Texranfang (wird
rung einer wörtlich zu über- jahwebezogen in den Erzähllexren nichr
mineloden Borschafl (Aus- innerhalb desselben Texres
richrungsformel) wiederhol!)
lcike11 kti 'ämor-Formeln nur jahwebezogen nichr am Texranfang
Ausgehend von der in den Erzähltexten beobachteten Vielfalt an ko 'ämar-
Formeln ist nun auch in schriftprophetischen Texten mit einer entsprechen-
den Vielfalt der Formen und Funktionen zu rechnen (vgl. Kap. 6).

5.5 Nachbemerkungen zu den k6 )ämar-Formeln der


erzählenden Bücher

( l) Auf dem Hintergrund des in Kap. 4 angeführten Vergleichsmaterials ist


die ko 'ämar-Formel - soweit sie bisher anhand der erzählenden Texte be-
sprochen wurde - als alttestamentliche Ausprägung einer altorientalisch
transnational verbreiteten Redeeinleitungsformel und nicht als eine exklusiv
alttestamentliche Besonderheit zu werten (vgl. 4.2.8); innerhalb der For-
melgeschichte der Redeeinleitungsformeln im Kulturkreis der Nachbarvöl-
ker Israels in der zweiten Hälfte des 2. und der ersten Hälfte des l. Jahrtau-
sends v.Chr. erscheint eine israelitische RedeeinleitungsformeL die zur An-
gabe des eigentlich Redenden dient, die mit dem Verb 'ämar konstruiert ist
und das kataphorische Element k6 beinhaltet. als israelitische Ausprägung
einer in vielen semitischen Sprachen verbreiteten Kleintextsorte. Da man
Israel in vielerlei Hinsicht als Teil des altorientalischen Kulturraums sehen
muss (vgl. Kap. 2.3.2) und es sicher auch wie seine Nachbarkulturen vor
der Notwendigkeit stand, (schriftlich/mündlich) übermittelte Reden auf ih-
ren Absender zurückzuführen, verwundert dieser Umstand nicht.
Wesentlich auffälliger ist dagegen die Differenzierung der Formen und
Funktionen dieser Formel im AT (vgl. Kap. 5.4) im Vergleich zum Formel-
gebrauch in den Nachbarkulturen. Dies gilt sowohl für den Vergleich mit
dem Gesamtbestand an Parallelen (vgl. Kap. 4.2.1-4.2.8) wie im Beson-
deren auch für den Vergleich mit den hebräischen und nahnachbar-
Nachbemerkungen zu den ko 'ämar-Formeln der erzählenden Bücher 201

sprachlichen Texten (vgl. Kap. 4.2.1 ). Von diesem Vergleich her liegt die
Frage nahe. ab wann und unter welchem Einfluss sich das alttestamentliche
Formelfeld entwickelt hat; sie wird erst nach der Analyse der kO 'ämar-For-
meln aus der Schriftprophetie zu beantworten sein (vgl. Kap. 7.2.1 ).
(2) Als auffällig ist die Verteilung der ko 'ämar-Formeln in den Erzähl-
texten im AT zu registrieren:
tmenreiterte kö wtetweiterte kri uner- Be- ki kö ltiken ge-
'ämar-Forme/n 'cimar·Formeln wei- richts 'ämar kö samt
tene -For- -For- 'ämar
kti mein mein -For-
'ämar mein
-For-
mein

menschenbezogen jalnrebezogen zusam


rnen

Dtr(i Formeln in Aus· Formeln in Atu· 46 4 6 3 59


richtungser.:.äh· ricltlllngserzält·
Iungen: 9 Iungen: 26
Formeln in Be· Formeln in Be·
auftragungser· auftragungser·
zältlungen: I zältlungen: 6
Formeln aus Formeln aus
Erzöltlungen mit Erzältlungen mit
Beauftragungs· Beauftragungs·
und Ausrich- und Ausri,·h·
tungskomplex: 0 tungskomplex: 4
Penta- Formeln in Aus· Formeln in Aus· 15 - - 15
teuch richtungsenäh· riduungser:.ält·
Iungen: 2 Iungen: 3
Fonnein in Be· Formeln in Be·
auftragungser· auftragungset··
Zählungen: 3 zältlungm: 7
ChrG Formeln in Aus· Formeln in Aus· 17 - - - 17
ridt/1/ngur::.äh· ridttllngserzält·
Iungen: 3 Iungen: 8
Formeln in Be· Formeln in Be·
auftragungser· auftragungser·
zälrlungen: I zähl11ngen: 3
Formeln aus Formeln a11s
Erzählungen mit Erzähltmgen mit
Beauftragllngs- Beauftragllngs-
und Ausridt- und Ausrich-
tungskomplex: 0 t11ngskomplex: 2
gesamt 91
ko 'ämar-Formeln kommen sowohl im Pentateuch (bis auf Lev und Dtn) als
auch in den Büchern des DtrG und ChrG vor. Allerdings ist die zahlenmä-
ßige Verteilung unterschiedlich: Die meisten ko 'ämar-Formeln aus den Er-
202 Die ko 'amar-Fonneln in erzählenden Texten

zähltexten finden sich im DtrG; im Pentateuch wie im ChrG kommen sie in


deutlich geringerer Zahl vor.
a) Betrachten wir zunächst die unerweiterten menschenbezogenen ko
'amar-Formeln im DtrG (Anzahl: 10). 116 Wie die besprochenen Texte zei-
gen, finden sich fast alle der menschenbezogenen ko 'amar-Formeln im
Umfeld von Königen und Fürsten (vgl. Kap. 5.3.4.2 und 5.3.4.3). Die mit
diesen Formeln vollzogenen Handlungen wie Nachrichtenübermittlung.
Boten-Verkehr, diplomatische Missionen, Befehle/Aufträge an Amtsträger
etc. sind wie bei den Nachbarvölkern auch und wie am außeralttestamentli-
chen Vorkommen der Formel (vgl. Kap. 4) zu sehen ist, alltägliche Hand-
lungen während der Königszeit; 111 gerade angesichts der politischen und
wirtschaftlichen Aktivitäten und Beziehungen der israelitischen Staaten und
Könige zu benachbarten Königtümern ist dies auch kaum anders zu erwar-
ten; aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Kontaktsituation war Is-
rael verschiedenen Einflusssphären (Ägypten, Assyrien. Babylonien etc.)
ausgesetzt, aus denen wir Belege über vergleichbare Formeln haben (s.o.
Kap. 4). Dass die Umgangsweise der alttestamentlichen Texte mit men-
schenbezogenen ko 'amar-Formeln den historischen Verhältnissen der Kö-
nigszeit entspricht, halte ich daher für wahrscheinlich. Es ist jedenfalls nicht
zu sagen, dass dieser Sachverhalt zwingend die Verhältnisse einer späteren
Zeit (babylonische, persische?) widerspiegelt. Auch ist keine signifikant un-
terschiedliche Verwendung der menschenbezogenen ko 'amar-Formeln in-
nerhalb der Schichten des DtrG zu beobachten.
b) Nun zu den unerweiterten jahwebezogenen Formeln: Auch hier fällt
zunächst die Verteilung auf: im DtrG finden sich mehr Belege als im Pen-
tateuch und dem ChrG zusammen. Dazu bilden die Belege aus den Plagen-
erzählungen innerhalb des Vorkommens der Formeln im Pentateuch einen
eigenen Block (vgl. dazu oben Anm. 108). Im DtrG ist zu registrieren. dass
die große Mehrheit der Stellen mit ko 'amar-Formeln eine jahwebezogene
Verwendung aufweist; bei fast allen Propheten, die in den Büchern Jos-
2.Kön vorkommen, ist die eine oder andere Variante der kö 'amar-Formel
zu finden, so bei:
- Elia - Hulda - Samuel
- Elisa - Jesaja - Schemaja
- Gad - Natan - anonymen Propheten und Gottesmännern.
Dass die ko 'amar-Formeln somit eine überindividuelle Sprachform der
Propheten bzw. Prophetenerzählungen darstellen, ist also auch vom Befund
der Erzähltexte her zu sagen; ebenso. dass die prophetische ko 'amar yhwh-
Formel die typische ko 'amar-Formel des DtrG ist.

116 Im Pentateuch gibt es fünf menschenbezogene Belege. davon zwei im Umfeld von

Königen: im Chr(i gibt es vier, alle vier im Umfeld von Königen.


117 Vgl. Zwickel. Kommunikation. 117-122.
Nachbemerkungen zu den kö 'ämar-Formeln der erzählenden Bücher 203

Da die Prophetie historisch eng mit der Königszeit verknüpft ist und da
das DtrG großenteils (nur drei Belege mit unerweiterten ko 'ämar-Formeln
stammen aus Jos und Ri) die Königszeit bzw. das Agieren königszeitlicher
Propheten zum Gegenstand hat (vgl. die jüdische Kanonbezeichnung vorde-
re Propheten), verwundert es auch nicht, wenn sich besonders viele ko
'ämar-Formeln als ko 'ämar yhwh-Formeln im Munde prophetischer Ge-
stalten finden. Diese allgemeine Überlegung, dass die kö 'ämar yhwh-For-
mel von dem textlichen Vorkommen her mit der Erscheinung der Prophetie
zu verbinden ist, wird durch entstehungsgeschichtliche Ergebnisse gestützt:
Die Entstehung etlicher Texte (bzw. ihre Vorstufen vom jetzigen DtrG aus
gedacht) mit ko 'ämar yhwh-Formeln ist in der Königszeit wahrscheinlich
zu machen (etwa 2.Sam 12 u.a., vgl. Kap. 5 passim).
(3) Darf die Beobachtung. dass die ki ko 'ämar- und läken kO 'ämar-
Formeln im DtrG nur im jahwebezogenen Bereich - bei Propheten - vor-
kommen, als Hinweis darauf gelten, dass diese Formeluntertypen von den
Propheten ausdifferenziert wurden?
(4) Einen (ersten) zeitlichen Hinweis auf eine Entwicklung der ko
'ämar-Formeln ermöglicht das ChrG: Hinsichtlich des ChrG ist festzuhal-
ten. dass dieses jüngste (wohl zwischen dem 4. und 2. Jh.v.Chr. entstande-
ne11") erzählerische Literaturwerk des AT - gerade im Vergleich mit dem
DtrG und angesichts der textlich-stofflichen Beziehungen des ChrG zum
DtrG - keine Formdifferenzierungen bei den kO 'ämar-Formeln kennt. Man
darf das wohl als Indiz dafür nehmen, dass die Differenzierungen in der
Zeit des ChrG keine bedeutende Rolle mehr gespielt haben bzw. dass die
Ausdifferenzierung des ko 'ämar-Formelsystems, von dem die älteren Texte
zeugen, sich entsprechend vor dem ChrG ergeben hat.
(5) In ältere Uberlieferungsbereiche als bis zu den ältesten Texten des
DtrG lassen sich die ko 'ämar-Formeln kaum zurückverfolgen. 11 '' Der Be-
stand im Pentateuch (s.o.) ist nur schwer als älter zu deuten; ko 'ämar-
Formeln kommen in P-Texten nicht vor; die häufigsten Belege finden sich
in den nichtpriesterschriftlichen Teilen der Plagenerzählungen, die von den
neucren Auslegern des Pentateuch der Priesterschrift nachgeordneter re-
daktioneller Tätigkeit zugeschrieben werden (s.o.). Die verbleibenden 8 Be-
lege (menschenbezogen Gen 32,5; 45,9; Ex 5,10; Num 20,14; 22,16; jah-
webezogen Ex 4,22; 5,1; II ,4) sind für zeitliche Aussagen wenig aussage-
kräftig.

11 " Vgl. Kaiser, Grundriß I. 147-148 und141-142.


11 '' Eigenartigerweise finden sich in den
Schlusskapileln des DlrG keine kti 'änrur-For-
meln mehr. die Ieilien Belegeslehen 2.Kön 22.15.16 und 18. Diese Beobachlung isl deswe-
gen beachlenswert. weil nach der These von Cross. Nelson u.a. der ersle Block des DlrG mil
2.Kön 23.25 ende! und sich mil 2.Kön 23.26-2.Kön 25.30 ein zweiler, spälerer Block an-
schließ!, vgl. Cross. Themes; Nelson. Double Redaclion. Das Fehlen der kö 'änrar-Formeln in
diesen Kapileln könnle in diesem Zusammenhang ein Argumenl dafür sein. dass nach 2.Kön
2J.26-2.Kön 25.30 ein eigener Block- im Sinne der These von Cross und Nelson -beginn!.
204 Die ko 'ämar-Fonneln in erzählenden Texten

(6) Zuweilen wird die k6 'ämar-Fonnel immer noch Botenspruchformel


genannt. 1:!0 Dabei kann das Missverständnis mitschwingen. die k6 'ämar-
Fonnel stehe immer bei einem Botenspruch.
Rendtorff hat schon darauf hingewiesen, dass die Verbindung zwischen
Botenspruch und k6 'ämar-Fonneln nicht zwingend ist; es gibt (zweiteilige)
Botensprüche auch ohne k6 'ämar-Fonneln. 111 Ein Blick auf die oben aufge-
führten, mit k6 'ämar-Formeln eingeleiteten Texte (Kap. 5 passim) zeigt
außerdem, dass nach den k6 'ämar-Formeln keineswegs immer ein zweitei-
liges Wort folgt (Bsp.: 2.Kön 9,17.18; 2.Kön 9.3.6.12 u.a.); die Verschie-
denheit in Textfonn und Inhalt des auf die k6 'ämar-Fonneln Folgenden ist
sehr groß. 112 Auch verbietet die bisher skizzierte Verschiedenheit der ko
'ämar-Formeln, die Texte, in denen sich k6 'ämar-Fonneln finden, aus-
schließlich von der Botenfunktion her als Botenspruch zu bestimmen. So
sind z.B. kf ko 'ämar-Fonneln Bestandteil eines ganz anderen Textmusters
(Begründung von DIREKTIVEN, s.o.) als unerweiterte ko 'ämar-Fonneln.

l:.'ll Vgl. etwa Zenger. Einleitung. 376.


111 Vgl. Rendtorff. BotenformeL
1! 1 Zum selben Ergebnis kommt: Greene, Role, 131.
6. Die ko )amar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

6.1 Überblick über die ko 'ämar-Formeln in den Büchern


der Schriftpropheten

In den Büchern der Schriftpropheten finden sich die meisten ko 'ämar-For-


meln des AT Der Variantenbestand der ko 'ämar-Formeln bei den Schrift-
propheten entspricht dabei mit geringen Abweichungen dem aus den Er-
zähllexten aufgewiesenen Formelfeld. Der tabellarische Überblick über den
Bestand der formal unterscheidbaren ko 'ämar-Formeln der Schriftprophe-
tie (s. nächste Seite') im Vergleich zum Formelfeld aus den Erzähllexten
(vgl. Kap. 5.4) lässt schon auf den ersten Blick die große Übereinstimmung
erkennen. Die nachstehende Tabelle zeigt den Variantenbestand in der
Schriftprophetie und die jeweilige Zahl der Belege.1 Es finden sich neben
den schon aus Kap. 5 bekannten unerweiterten ko 'ämar-. ki ko 'ämar- und
läken ko 'ämar-Formeln einige Formeln mit der Gestall ko 'ämar 'elay und
kf ko 'ämar 'elay, die in den erzählenden Büchern nicht vorkommen; außer-
dem wird häufiger als in den erzählenden Büchern die Form läken ko 'ämar
gebraucht. Damit ist der Bestand des ko 'ämar-Formelfelds, wie er sich all-
testamentlich darbietet, in den Prophetenbüchern nahezu komplett enthal-
ten. mit Ausnahme der relativ sellenen (w~') ko 'ämar-Berichtsformeln.
Wie die folgende Tabelle zeigt, sind die Varianten der Formeln nicht
gleichmäßig auf die Propheten verteilt. sondern ihr Vorkommen unterschei-
det sich signifikant: Einige Prophetenbücher gebrauchen keine ko 'iimar-
Formeln (Hosea. Joel, Jona, Habakuk. Zephanja). manche nur sehr wenige
(Micha), andere sehr viele (Jeremia. Ezechiel); manche verwenden nur die
unerweiterte Formel (Obadja. Nahum, Maleachi). wieder andere greifen auf
verschiedene Varianten zurück; das Jeremia-Buch gebraucht als einziges
Buch alle in der Schriftprophetie möglichen jahwebezogenen Varianten;
Formeln mit 'elay kommen nur im Jesaja- und Jeremia-Buch vor.

1 Das Material wurde mit Hilfe der Konkordanzen Mandelkern. Yeteris Testarnenti
Com:ordamiae; Even-Shoshan. Concordance und OakTree AcCordance'M zusammengestelll.
: Eine zusammenfassende Darstellung der Verwendung der k1i 'ämar-Formeln der Pro-
phetie gibt es bisher genauso wenig wie eine den Gesamtbestand der Formeln umfassende
Untersuchung.
206 Die ko 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

Überblick über das Vorkommen der ko 'ömar-Forme!n in den Büchern der


Schriftpropheten:
Zur Darstellweise der Beleganzahl in der Tabelle: Zahl vor dem Schrägstrich =
Zahl der Belege. die auf Jahwe als Sprecher bezogen sind. bei 6/3 sind also 6 Bele-
ge auf Jahwe bezogen
Zahl nach dem Schrägstrich = Zahl der Belege. die auf Menschen als Sprecher
bezogen sind, bei 6/3 sind also 3 Belege auf Menschen bezogen

kö 'ämar lr.o 'ämar H kö 'ämar H kö 'änrar läkt:'ll kö kti 'timar


'elay 'eluy 'cin1ar Formc!ln
pro (Ca.)
I000 W ör-
1er. An-
gaben für
Büchc!r mil
un1er I000
Wönem in
Klammem
Jesaja
-Protojesaja 613 - I/I 5/0 5/0 1.8
-Deute! roje- 1610 - 4/0 - - 5
saja

-Tri!ojesaja 3/0 3/0 - 1/0 2.8


Jeremia 95/0 3/0 28/0 1/0 27/0 7.7
Ezechiel 89/0 - 10/0 - 2610 6.95
Hosea - - - -
Joel - - - - -
Amos 9/0 - 2/1 3/0 7
Obadja 1/0 - (I)
Jona - -
Micha 1/0 - 1/0 u
Nah um 1/0 - - ( Il
Habakuk - - -
Zephanja - - -
Haggai 410 - 1/0 - (5)
Sacharja 17/0 - 210 1/0 6,67
Maleachi 1/0 - (I)

Alle Belege im Bereich der Schriftprophetie sind jahwebezogene ko 'ämar-


Forme!n, bis auf vier Ausnahmen: Drei Belege in Jes 36-39 (die Parallelen
zu 2.Kön 18ft) und Am 7.I 0 (amosbezogener Beleg: so hat Amos gespro-
chen). Aus dieser signifikanten Verteilung kann geschlossen werden. dass
Form und Funktion der Formel. die Häufigkeit des Vorkommens usw. auch
Gestalt und Funktion der kö 'ämur-Fonneln bei den Schriftpropheten 207

bei den Schriftpropheten zum individuellen theologischen Profil eines (Pro-


pheten bzw.) Prophetenbuches gehören.
Diese Feststellung bestätigt einerseits Bekanntes, indem die Verschie-
denheit der Prophetenbücher auch in der Verschiedenheit des Gebrauchs
von ko 'ämar-Formeln zutage tritt.' Andererseits weist die spezitische Rol-
le. die die Formelvarianten und ihre Verwendung bei der Profilbildung ei-
nes prophetischen Werkes einnehmen, selbst wieder auf ein Bewusstsein
für die Unterschiedlichkeil der Formeln und ihrer Anwendung - sonst wür-
den die Formeln ja nicht auf verschiedene Weise (unterschiedlich häufige
Anwendung. Rückgriff auf mehr oder weniger Varianten usw.) gebrauch!.
Weiterhin deutet sich im voranstehenden Überblick über den Bestand
der ko 'ämar-Formeln der Schriftprophetie eine zeitliche Perspektive an: in
den Büchern der älteren Propheten (wie Mi. Jes) kommen die Formeln
wesentlich seltener vor als in den Büchern der späteren (wie Jer, Ez. Sach).
Auch eingedenk der Möglichkeit späterer Bearbeitungen spiegeln sich hier
unterschiedliche Verwendungsstrategien der ko 'ämar-Formeln. Dieser zeit-
lichen Perspektive wird im Zuge von Kap. 6 und 7 immer wieder nachzuge-
hen sein.

6.2 Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Formeln


bei den Schriftpropheten

6.2.1 Zum Vorgehen bei der Analyse im Bereich der Schriftprophetie

Bei der Darstellung der Analyseergebnisse zu den kö 'ämar-Formeln in den


Büchern der Schriftpropheten will ich- parallel zu dem Vorgehen in Kap. 5
-mit den formal (nach vorne) erweiterten Formeln (»ki« kö 'ämar in Kap.
6.2.2 und »läken« ko 'ämar in Kap. 6.2.3) beginnen. Anschließend werden
die mit »'elay« erweiterten Formeln besprochen (Kap. 6.2.4), zuletzt die
unerweiterten (Kap. 6.2.5).
Hinsichtlich der Grundfunktionen der Untertypen der kö 'ämar-Formeln
können nun die Ergebnisse der Untersuchung der Formeln in den Erzähl-
texten (vgl. Kap. 5) herangezogen werden. Es ist nicht zu erwarten, dass die
Formeltypen der kö 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten völlig andere
Grundfunktionen einnehmen als in den Erzähltexten; die Formeln verhalten
sich als feststehende Wendungen ähnlich wie vergleichbare lexikalisierte

' Vgl. zur tndividualiläl der prophelischen Überlieferung das in Kap. I Anm. 10 ange-
fühne Zilal von Weslermann. Theologie. 119: die von Weslermann markienc:n Unlc:rschiede
innerhalb der prophelischen Überlieferung sind m.E. kaum in Abrede zu slellc:n.
208 Die ko 'ämar-Fonndn bei den sog. Schriftpropheten

Sprachphänomene, z.B. Wörter. Wortgruppen u.ä.; die im Bereich der Er-


zähltexte grundsätzlich auch nicht anders funktionieren als in den Texten
der Schriftpropheten. Die Erzähltexte und die schriftprophetischen Texte
sprechen in einer gewissen Hinsicht dieselbe (hebräische) Sprache. Diese
Feststellung soll nicht heißen, dass es nicht auf der Text- bzw. der (indivi-
duellen) Verwendungsebene auch zuweilen Unterschiede geben kann. aber
die Grundbedeutung der Redeeinleitungsformel, das sei hier schon vorweg-
genommen, ist im ganzen Alten Testament dieselbe.
Die Anordnung der Belege innerhalb der einzelnen Kapitel folgt nicht
konsequent dem Prinzip, Buch für Buch oder erst ältere. dann jüngere Be-
lege zu besprechen; in jedem Kapitel werden zunächst Belege angeführt. an
denen sich die Problemstellung besonders gut veranschaulichen lässt. sol-
che, die sich m.E. klar deuten lassen bzw. solche, die eine zentrale Stellung
in der Argumentation einnehmen.

6.2.2 kf kö 'ämar-Formeln

Die Untersuchung der kf kö 'ämar-Formeln in den erzählenden Büchern


hatte das Ergebnis erbracht. dass es sich bei dieser Variante der kö 'ämar-
Formel um eine Zitatformel handelt. Es ist nun zu zeigen. dass die kf kö
'ämar-Formeln in den prophetischen Büchern mit dieser Grundfunktion
ebenfalls befriedigend erklärt werden können. Das Grundverständnis der ki
ko 'ämar-Formel als Zitatformel ist dabei allerdings nicht unretlektiert von
den Erzähltexten auf die prophetischen Texte zu übertragen, es soll in je-
dem Einzelfall erörtert werden, ob sich diese Interpretation als sachgemäß
erweist und welche Besonderheiten in den einzelnen Texten zutage treten.
Insbesondere wird auf den Unterschied zu achten sein, ob sich die Bekannt-
heil des nach der ki kö 'ämar-Formel Angeführten auf das dem Leser Be-
kannte bezieht (Modell Jos 7,13, vgl. Kap. 5.3.3) oder ob der Text inner-
textweltlich die Voraussetzung macht. dass zitiertes Material angeführt wird
(Modell Am 7.11, vgl. Kap. 5.3.3). Ein wichtiger Zielpunkt bei der Analyse
der schriftprophetischen kf ko 'ämar-Formeln ist die Frage. welche interpre-
tatorische Rolle die kf kö 'ämar-Formeln bei der Rekonstruktion des Pro-
phetenverständnisses spielen.
Zunächst werden Belege aus dem Amosbuch analysiert; sie sind aus-
führlicher erörtert. weil hier ein (zumindest bei einem Beleg) auf Amos zu-
rückzuführender Gebrauch zu finden ist, der m.E. den Anfang der propheti-
schen kf kö 'ämar-Formelgeschichte darstellt.

4 Man kann hier an einzelne Wörter dc:nken (also dic:jenigen lexikalischc:n Einhc:iten.
die in c:inem Wönerbuch verzeichnet sind). an Wongruppen. syntaktische Erscheinungen etc.
Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 209

Am 5.1-5 ="~n~~ .,.~ :-trp q·~~ ~~i ·~i~ ~~~ :-t!::t .,;w-i\1$ w~w;.;
"~:t?: :-:~1~ =Y'
~·o;.-.-~? ~~:;:~ 2
=~r;"~~ ~--~ ;,~Qlt5-~.t: ~~~~

1
~~~" ":'iN i!';N ~j "~ 3
...... " ·-.·':''6f•}
~~~~
.... ,:;."·· •:............
I
..... ~.;...; - _.,...
~·~ i! ..,~ I } I J/!1."1

:'?~:t?: r.·:;)~ :-Tl~~ -,·~~i:1 :-t~r; ~~i'::tl


: 1'ii1 'J!',tJi"T .,~.,t:J· ;"\'::::l'? ~i:-t' iQ~ ;,j ':l 4
,.,::.~m ~" ·~:::J6 .,~;, ~~~~- ~-,··s~.,;;,, -,~-·.,.!! ~t:;"-,,.,--,~, s
·· =n·~~ :1:~: .,~-A-~, :17·~~ ·;s~ S~7~6 ':;l • •· -•
V./ Hiirt diese.1 Wort, das ich anhebe über euch als Totenklage/ied. Haus Isra-
el!
V.2 Gefallen ist- nicht steht sie mehr auf- die Jungfrau Israel. Sie liegt hin·
gestreckt auf ihrem Boden. keinerhilft ihr auf
V.3 Denn m hat mein Herr Jal11rt'' gesprochen: Die Stadt. die mit Tmtsend I im
Feld) zieht. behält hundert iibrig. und die mit Hundert (ins Feld) :ielrt. behält
zehn übrig. Betrifft das Haus Israel."
VA Denn so hat Jah11·e ge.1prochen :um Haus Israel:
Sucht mid1. (und lebt/) dann 11·erdet ihr leben!
V.5 I Und) Aber sucht nicht Bet-El und nach Gi/ga/ geht nicht und nach Beer-
Scheba geht nicht hiniiber. denn Gi/ga/ ll'ird im ExiiiH'ggefiihrt 11·erden und
Bet-E/ wird~~~ Unhei/1rerden.

Am 5 bildet nicht nur rein äußerlich die Mine des Amos-Buches, sondern
auch einen inneren Kern der Buchkomposition. 7 Die Überschrift in Am 5,1
(Hört dieses Wort, das ich anhebe über euch als Totenklagelied, Haus Isra-
el!) ist wohl in Entsprechung zu Am 3,1 (Hört dieses Wort, das Jahwe ge-
gen euch geredet hat, ihr Israeliten!) gestaltet, lenkt die Aufmerksamkeit
allerdings anders als Am 3,1 nicht auf ein Wort Jahwes, sondern auf das
Wort des Amos (zum Problem der Überschriften in Am vgl. Kap. 6.2.5.6).
Die Überschrift von Am 5,1 wirft nun ein Problem auf: Einerseits wird
hier der Text nach V. I bzw. mit/durch Am 5.1 als betonte Ich-Rede des

' Das Versländnis von ·~1~ (in der Verbindung mil Jahwe) isl umslrinen. Vgl. d~zu
Gesenius/Kaulzsch. Hebräische Grammalik. §87g. 252 und §I 35q. 462; Eissfeldl. pi~ ·~i~
(ThW AT I). 62-78. Ich überselze nach HAL I. IJ; Gesenius. Handwönerbuch. 17 und Cli-
nes. Diclionary. 135: mein Herr Ja/11re. so auch: Willi-Piein. Won. 43 Anm. 22: vgl. auch
Rösel. Adonaj, 75.
" Zur Überselzung von V .3 vgl. Jeremias. Amos. 59.
7 Vgl. Jeremias. Amos. 62. der Am 5 als den .. innerslen Kern der Komposilion" im
.. Autbau des älleren Amosbuches" ansieht: neben dem äußeren Rahmen (Am 1-2: 7.1-9.6)
umschlossen im äheren Amosbuch s.E. Am 3.9-4.3 und Am 6 (beide vereinl die Konzenlra-
lion auf die Vergehen Samarias) das Kap. 5. ln der Endgeslah des Buches sind zwar noch
einige Tex1e hinzugekommen. die die: FeinslrukiUr modifizien haben. doch bleib! die zenlrale
SielJung von Kap. 5 bzw. bes. der Komposilion Am 5.1-17 immer noch deullich erkennbar.
Vgl. dazu auch Zenger. Einleilung. 487. der Am 5.18-:!7 und 6.1-14 ..gewissermaßen" als
.. Explikalion" von Am 5.1-17 belrachlet.
210 Die J.:ö 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Amos gestaltet," andererseits operiert der Text ,.an entscheidender Stelle""' -


z.B. in VV. 3 und 4 mit ki kö 'ämar yhwh eingeleitet -mit Gottesworten.
Wie erklärt sich dieser Widerspruch?
Die Verse Am 5,2-5, 10 der unmittelbare Kotext von V.3 und V.4. bilden
den ersten Redeteil der größeren Komposition Am 5,1-17 (s.u.); für die
Komposition von Am 5,1-17 gilt, was an Am 5,1 schon zu beobachten war:
es liegt eine betonte Ich-Rede des Propheten vor. Bestandteil des ersten
Teils dieser Amosrede sind die beiden mit ki kö 'ämar-Formeln eingeleite-
ten Jahweworte V.3 und V.4-5; in V .16 folgt ein weiteres Jahwewort. mit
läken kö 'ämar angeschlossen (vgl. dazu Kap. 6.2.3). Die Amosrede Am
5,1-17 enthält somit drei explizit auf Jahwe zurückgeführte Teilstücke.
Die Komposition Am 5,1-17 ist Teil des von der Überschrift Am 3.1
bzw. 5,1 bis zum Ende von Kap. 6 reichenden Blocks. bevor mit den Visi-
onen ein neuer Buchteil anfängt. Auf die Überschrift (Am 5,1) folgt mit V.2
ein parodistisches Leichenlied über die gefallene Jungfrau Israel; V.2 wird
- auf der Ebene der vorliegenden Komposition von 5,1-17 - durch die bei-
den folgenden mit ki kö 'ämar eingeleiteten Jahweworte begründet." Diese
Funktion entspricht dem Gebrauch der ki kö 'ämar-Formel. wie er in den
Erzähltexten beobachtet wurde (und in den anderen prophetischen Büchern
noch zu beobachten sein wird). Die ki kö 'ämar-Formeln stehen nicht am
Anfang des Textes, sondern nach einer ersten Texteinheit, auch dies ent-
spricht dem sonstigen Gebrauch der Formel. In den meisten anderen Bele-
gen des AT ist dabei der voranstehende Textteil. an den sich eine mit ki kö
'ämar eingeleitete Begründung anschließt, ein DIREKTIVER Sprechakt
(vgl. Kap. 5.3.3). In Am 5,2 steht zwar kein durch Imperativ oder Jussiv
angezeigter DIREKTIV, aber doch eine funktionsadäquate Äußerung: die
rhetorische Figur einer Parodie als indirekter DIREKTIV; letztlich soll der
Hörer durch die hintersinnige Rede von V.2 zur Besinnung gerufen werden:
,.Amos will seine Hörer aufrütteln. daß sie ihre Lage als hoffnungslos er-
kennen. indem er sie als schon Tote behandelt:'!! Insofern entspricht V.2

• Jeremias. Amos, 63 hat die Frage festgehalten. ob die Überschrift ..(in einem nicht
mehr rekonstruierbaren Stadium des mündlichen Vortrages) einmal speziell dem Leichenlied
in V.2 und dessen Begründung in V.J gegolten hat" oder ob sie ..für Kap. 5...(> insgesamt" erst
geschaffen wurde. für die sie im gegenwärtigen Text jedenfalls gelten will. Mir scheint hier
die wahrscheinlichere Lösung. dass die Überschrift zur Buchkomposition gehört. aber dazu
später (s.u. Kap. 6.2.5.6).
'' Jeremias. Amos, 61.
111 Mit Jeremias u.a. ist V.6. der von der Jahwerede in VV.4-5 in eine Rede über Jahwe

wechselt. als Fonschreibung zu beuneilen: .. Der kommentierende Charakter von V.6 ist
evident und seitlangem erkannt. V.6 greift die positiven Aspekte der voranstehenden Gottes-
rede auf. übenrägt sie in Prophetenrede [... ) und gestaltet sie zu einer ultimativen Warnung.
indem an die Begrifnichkeit der Völkersprüche angeknüpft und Jahwe (in seinem Zorn) als
gefahrlieh fressendes Feuer vor Augen gemalt wird[ ... ]." Jeremias. Amos. 67.
11 Auf den Charakter als Begründung verweist auch Deissler. Hosea.Joei.Amos. III.
11 Jeremias. Amos. 64.
Gestalt und Funktion der kä 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 211

einem indirekten DIREKTIV." Von ihrer Kotextbezogenheit her zeigen


sich die ki ko >ämar-Formeln in Am 5,3 und 4 - auf der Ebene der Kompo-
sition von Am 5,1-17 - in die Verwendungskonventionen eingebunden.
wie sie auch sonst im AT zu beobachten sind.
Wie ist Am 5,1-5 zu gliedern? Jeremias will innerhalb von Am 5,2-5
(nach V. I als Überschrift) die Verse 2-3 und 4-5 als eigene (amosische)
.. rhetorische Einheiten" trennen.•• VV.2-3 und VV.4-5 sind für ihn wegen
einer Dopplung der Begründung (V.3 einerseits, V.4 andererseits) und ihrer
selbständigen Form als eigene Einheiten zu behandeln.'; Man kann den Ab-
schnitt Am 5,2-5 auch als chiastisch aufgebaut verstehen (a-b-b'-a'):
V.2 V.3 (mit ki ko 'ämar-Fonnel)
V.4 (mit kf ko 'ämar-Fonnel) V.5
Die Komposition von zwei Amosworten (nach Jeremias) in Am 5,2-5(ff)
geht auf die Arbeit der Redaktoren (von Am 5, 1-17? Vorformen?) zurück,
sie bildet eine Binnen(rede)komposition innerhalb des konzentrischen Auf-
risses von 5,1-17 (vgl. dazu S. 214). Ob diese Gliederung allerdings in ih-
ren Einheiten VV.2-3 und VV.4-5 auch die kleinsten (ursprünglich selb-
ständigen?) Bausteine der Komposition ausweist, ist nach meinem Dafür-
hallen fraglich. Insbesondere V.3 ist von seiner Entstehung her anders zu
beurteilen, als Jeremias das tut: V.3 stand ursprünglich wohl nicht in einer
Einheit mit V.2. Wie sich gleich zeigen wird. birgt der Text Am 5,2-5
Spannungen, die auf die verwendeten Bausteine und Redaktionsvorgänge
schließen lassen, die bei der Komposition von Am 5,2-5 (bzw. 5, 1-17) eine
Rolle gespielt haben; einer dieser Bausteine (VV.4-5*) dürfte dabei auf
Amos zurückzuführen sein.
Anzusetzen ist zunächst bei der Parallelität von V .3 einerseits und
VV.4-5 andererseits. Die zweimalige Verwendung der ki ko ,ämar-Formel
in V.3 und V.4 stellt dabei eine Doppelung dar- eine doppelte Begründung
für das Leichenlied in V.2- und darf als Indiz für eine Spannung zwischen
V.3 und V.4 gelten; diese Doppelung legt es nahe, V.3 und VV.4-5'• als je
eigene Einheiten zu sehen. Auch inhaltlich gibt es Unterschiede: V.3 the-
matisiert das Problem einer vollständigen Vernichtung bzw. den übrig blei-
benden Rest; VV.4-5 dagegen haben die Bedingungen des Überlebens zum
Gegenstand." Nicht zuletzt findet sich in der Formel von V.4 eine Anrede
als Formelbestandteil, im Unterschied zur Formel von V.3, was ebenfalls

'' Zu indirekten Sprechakten vgl. Wagner. Sprechakte. J6--44: 24J-251.


•• Jeremias. Tod und Leben. 226.
'; Zur Doppelung und einer alternativen Deutungsmöglichkeil s.u. in diesem Kap.
•• VV.4-5 bilden aus inhaltlichen Gründen im hier vorliegenden Text eine Einheit: zur
Fragt: der Entstehung von Am 5.4-5 vgl. unten in diesem Kap.
" Zur Frage der Spannungen von V.J und VV.4-5 zu V.2 s.u. in diesem Kap.
212 Die kö 'ämar-FonneJn bei den sog. Schriftpropheten

eine Unterscheidung nahe legt. So ergeben sich für Am 5,1-5 folgende Ein-
zelelemente: ·~
V.I Überschrift
V.2 Leichenlied f- V.3 Begründung I
f- VV .4-5 Begründung II
Die neuere Forschung plädiert relativ einhellig dafür, Am 5,1-17 als nicht
amosische, sondern als spätere Komposition aufzufassen. Umstritten ist da-
bei allerdings, inwieweit ursprüngliche Amos-Texte eingearbeitet wurden.
So ist etwa die Zurückführung der Verse Am 5.3 und Am 5,4-5 auf Amos
bestritten worden. Besonders Fleischer hat in neuerer Zeit gegen eine amo-
sische Verfasserschaft dieser Verse Einspruch erhoben.''' Das gewichtigste
Argument, auf das er- im Rahmen des Kotexis Am 5,2-5 - hinweist, gilt
dabei für beide Einheiten nach V.2:~" V.3 wie auch VV.4-5 verändern die
deutliche und einschränkungslose im Qina-Metrum vorgetragene bildhafte
Gerichtsansage aus V .2 dahingehend, dass nun nicht mehr totales Gericht
erfolgt. sondern ein "Rest" übrig bleibt (V.3~') bzw. unter bestimmten Be-
dingungen Leben in Aussicht gestellt wird (V.4-5). Die Spannung zwi-
schen V.2 einerseits und V.3 und VV.4-5 andererseits ist nicht in Abrede
zu stellen, besonders die Spannung von V .2 und V .3 ist zu beachten. die ge-
gen eine Einheit von V.2 und V.3 spricht. Es ist aber zu prüfen, ob man die
skeptische Einschätzung Fleischers bezüglich einer möglichen Rückführung
von Am 5.3 und Am 5,4-5 auf Amos teilen muss. Am 5,4-5 ist m.E. doch
als amosischer Baustein in Am 5, I ff zu deuten. Mit der Beurteilung von
Am 5,3 dagegen dürfte Fleischer Recht haben.
Die Rest-Vorstellung aus V.3 erschließt sich nicht auf Anhieb. Zuerst ist
zu konstatieren, dass hier in V.3 der Terminus Rest nicht auftaucht, sondern
von dem übrig bleibenden Zehntel die Rede ist; dieses Zehntel stellt aller-
dings sachlich einen Rest dar. Die Bedeutung der Aussagen über einen
Rest, über ein übrig Bleibendes, ist ambivalent. Dieser Rest kann als Zei-
chen des Gerichts aufgefasst werden.~~ aber auch (im Rückblick) als ..Trä-
ger des Heils" gelten.~' Letzteres würde auf eine eher späte, sicher nach-

•~ Die hier ausgewiesenen Einzelelemente können auch als eine (von dem Vorschlag von
Jeremias abweichende) Textgliederung auf der Endtextebene verstanden werden. Die: ver-
schiedenen Gliederungsprinzipien müssen auf der Textoberfläche nicht als Alternativen be-
handelt werden: dass es zu sich überlagernden Strukturen innerhalb von literarisch dichten
Texten kommt. ist keine Seltenheit, vgl. Diehi/Diesei/Wagner. Ps 29. 480-481.
1'' Vgl. Aeischer. Sozialkritik. 94-130 .

.!tl Vgl. Fleischer. Sozialkritik. 104: .. [ ... ] unbedingtem Unheil [V.2] steht eine bedingte
Lebenszusage in V 4b gegenüber[ ... ]." Auch V.3 slellt eine Einschränkung der unbedingcen
Unheilsansage aus V.2 dar.
~· Vgl. die Diskussion bei Wolff. Joel und Amos. 27 I: vgl. auch Ronzoll. Studien. 222.
der Am 5.3 für eine zum Uramosbuch gehörige Aklualisierung auf dem Hincergrund der
mililärischen Katastrophe von 72211 hält
1 ~ Schmidt verweis! auf Jes 1.8: 17 .3.5f; 30.14.17: Am 3.12. vgl. Schmidl. Glaube. 249.

~· So Schmidt mit Verweis auf Esr 9.2. vgl. Schmidt. Glaube. 249.
Ge;:stah und Funktion der ko 'ämur-Formeln be!i de;:n Schriftprophe;:ten 213

amosische, Entstehung weisen. Da sich von dieser Ambivalenz her alleine


keine klare Beurteilung von V.3 ergibt, ist nach weiteren Argumenten Aus-
schau zu halten. Die von Fleischer diskutierte Frage, ob ein Leichenlied
(V.2) mit einer Jahwe-Rede verbunden sein kann. führt nicht weiter; eine
sokhe Verbindung ist zwar ungewöhnlich. aber auch nicht prinzipiell bzw.
durch die Beobachtung. dass Am 5.2-3 der einzige Beleg im AT wäre.
auszuschließen (zumal die Jahwe-Rede V.3 ebenfalls im Qina-Metrum
steht)Y Es bleibt zum einen das konkrete Bild der militärischen Katastro-
phe. das den Verdacht weckt, von anderen Amos-Stellen beeinflusst zu sein
und eine (nachträgliche) Konkretisierung der unspezifizierten Unheilsvor-
stellung von V.2 zu bieten. Und es bleibt zum anderen der Hinweis auf die
Entsprechungsstelle in der konzentrischen Komposition Am 5,1-17. näm-
lich Am 5,15b, die ebenfalls den Restgedanken thematisiert und die erst im
Zuge der (nachamosischen) Komposition von Am 5,1-17 entstanden ist:
Vielleicht wird Jahwe [der Gott der Heerscharen/ gnädig sein dem Rest Jo-
sefs! Von der Beobachtung der Entsprechung her legt sich nahe, dass V.3
erst im Zusammenhang mit V.l5b entstanden ist und in die Komposition
Am 5.1-17 eingefügt wurde. VV.I4-15 nehmen bis in den Wortlaut hinein
Bezug auf die Diskussion der Schuld Israels in VV.7.10-12:!' .. Es geht in
V.l4f. nicht um Lebensmöglichkeit allgemein, sondern um eine Lebens-
möglichkeitangesichts des Todesurteils Gottes [Am 5,1-2] aufgrund des
Rechtsbruchs Israels [Am 5,7]. Anders ausgedrückt: Die Verse 14f. sind nie
[ ... ] ein Einzelwort gewesen; sie sind nicht älter als die Ringkomposition
selber. sondern sind deren Scharnier, insofern sie des Amos Unheilsbot-
schaft und seine Lebensverheißung aufeinander beziehen und so nach dem
Ganzen der Verkündigung des Amos fragen."!" Im Zusammenhang der Ein-
fügung von VV.I4f in den Text Am 5.1ff* ist nun auch V.3 eingebaut wor-
den. der in Entsprechung zu Am 5,15 die Einschränkung des totalen Ge-
richts schon vorwegnimmt, gleichzeitig die Unheilsvorstellung von V .2 kon-
kretisiert und der konzentrischen Komposition am entsprechenden Ort Ge-
nüge tut.!'
Die Unklarheit, wie von V.2 mit seiner Unheilsvorstellung herkommend
V.3 zu verstehen ist, löst sich auf der Ebene der Ringkomposition zum posi-
tiven Verständnis eines übrig bleibenden Rests auf, wenn man bei V .15 an-
gekommen ist - bis auf den Vorbehalt des .. vielleicht" jedenfalls. Man ver-

!• Vgl. Fleischer. Sozialkritik, 98.


!' Vgl. Jeremias. Amos. 71.
!• Jeremias. Amos, 71.
!' Auf die Unterschiede von Am 5.3 und 5.4-6 und das Gegenüber von Am 5.2 einer-
seits und Am 5.3 und 4-5 andererseits rekurriert im Anschluss an Ronzoll. Studien. 217-218
auch Schart. Entstehung. 74-75: Schart wie Rollzoll sehen das Thema Rest aus Am S.J/1
S.l5b innerhalb der Gesamtstruktur von Am 5.1-17 als ein eigenständiges an. Auch Kratz.
Worte hält VV.2-J und VV.4-5 für je t:igene Einheiten. sieht VV.2-J aus ehemals selbstän-
digt:n amosischen (!)Sprüchen zusammengesetzt: den Rest-Gedanken thematisiert er nicht.
214 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

gegenwänige sich die konzentrische Struktur von Am 5,1-17 und den On


von V.3 (B) in seiner Entsprechung V.l5b (B'): 1'
A Am 5,1-2: Überschrift+Totenklage
B Am 5.3: der Rest
C Am 5.4-6: Suchen und Leben
D Am 5,7: Mischpat im Tor
E Am 5.8-9: Gott stürzt die Umstürzer um
D' Am 5,10-13: Rechtsbeugung im Tor
C' Am 5,14-15a: Suchen und Leben
B' Am 5.15b: Vielleicht ein Rest'?
A' Am 5,16-17: Untergangsklage
Es gibt ein weiteres Argument für den sekundären Charakter von V.3: Die-
ser Vers ist kaum als ursprünglich selbständiger Vers entstanden; ange-
sichts der Spannung zwischen V.2 und V.3 müsste V.3 abgekoppelt von
dem als selbständig denkbaren V.2 gesehen werden; dann wäre aber V.3 ein
Won. das mit einer ki ko 'ämar-Formel eingeleitet ist und keinen überge-
ordneten Bezugspunkt hat; eine bezuglos mit einer ki ko 'ämar-Formel
eingeleitete Äußerung ist aber nach allem, was sich zu den ki ko 'ämar-
Formeln in der vorliegenden Untersuchung gezeigt hat. nur schwer vor-
stellbar.
Auch die Konkretisierung von V.2 durch V.3 kann als ein Hinweis auf
das sekundäre Gepräge von V .3 gehen: Das Thema der militärischen Kata-
strophe aus V.3 ist auf der Buchebene nicht singulär und kommt schon vor
Am 5 vor; Jeremias stellt Am 5,3 inhaltlich in die Nähe von 3.11 und 4,2f
(sowie 5.27 und 6,7f.l4).1'' Von diesen Belegen aus dürfte der Anstoß für
den Einbau von Am 5.3 gewonnen sein. V.3 ist hinsichtlich der Einleitung
mit einer ki ko 'ämar-Formel in Analogie zu VV.4-5 (s.u.) gestaltet wor-
den. Der Text von V.3 nach der ki ko 'ämar-Fonnel (Die Stadt, die ... ) stellt
dabei ein Parömium dar, das die von der Redaktion gewünschten inhaltli-
chen Züge (Konnotation des Krieges) zum Ausdruck bringt, aber kaum eine
Schöpfung eigens für den Text von Am 5,1-17 sein dürfte; eher legt sich
bei diesem Versteil der Eindruck eines aus anderem Zusammenhang stam-
menden Spruches nahe (vgl. Jes 5,10), der hier (analog zu Am 5,4) mitleis
einer Zitateinleitungsfonnel an V.2 angefügt wurde. Zeitlich ist diese An-
fügung am ehesten unter dem Eindruck der (militärischen) Katastrophe von

1" Zur konzenlrischen S1ruk1ur von Am 5.1-17 vgl. Waard. Chiaslic SlruciUrc!; Tromp.

Amos V: Jeremias. Amos; Rouzoll. SIUdien. 217-218; Schan. Enlslehung. 74-75. Zu Verän-
derungen gegenüber den Enlwünen von Waard bis Jeremias s. vorige Anm.
2'> Vgl. Jeremias. Amos. 64. Allerdings wenel er die Dezimierung als ..Indiz für eine ka-
laslrophale Niederlage", nichl als Zeichen der Hoffnung.
Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 215

722 v.Chr. denkbar;)() sie dürfte das Werk einer Redaktion des Amosbuches
aus judäischer Perspektive sein.' 1
Die Modifikation der unspezifizierten Unheilsvorstellung aus V.2 durch
V.3 lässt also auf sekundäre Zusammenstellung bzw. auf spätere Nachträge.
Zusammenfassungen, Weiterbildungen im Komplex Am 5,2-5 schließen.
V.3 füllt aus seiner Perspektive das Vakuum, das V.2 mit der implizit vor-
handenen Frage nach der An des Unheils hinterlässl.
Die VV.4-5. die ebenfalls eine Begründung zu V.2 darstellen, stehen in
einem ähnlich spannungsvollen Bezug zu diesem Vers wie V.3. Allerdings
ist in VV.4-5 -anders als bei V.3- mit amosischem Material zu rechnen.
Besonders Wolffund Jeremias haben herausgearbeitet, dass in der Kompo-
sition von Am 5,1-17 Überlieferungen der Amos-Tradition verwendet wur-
den; dies gi 1t besonders für die VV .4-5* / 2 wofür sich folgende Gründe
anführen lassen:
Wolff hat betont, dass beide Verse ob ihrer formalen Geschlossenheit
wohl einmal eine eigene (auf Amos zurückzuführende'') Einheit gebildet
haben und erst durch "literarische Verknüpfung" in den jetzigen Kotext ge-
kommen sind."' Indizien für die Einfügung sind die schon benannten Span-
nungen zu V.2 und V.3 und der sekundäre Charakter von V.6. Man kann
das Argument der Geschlossenheit von Am 5,4-5* noch verstärken, wenn
man die in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitete besondere
Funktion der ki ko 'ämar-Formeln als (begründende) Zitatformeln bedenkt.
die in der Regel in Kombination mit einem DIREKTIV auftreten: Aus der
Perspektive der Formelverwendung ergibt sich für Am 5,4-5* eine abge-
schlossene, regelgemäße'j und als selbständiger Text vorstellbare Einheit
aus DIREKTIV (V .5*) und Begründung (V.4)."' Für den Kotext von Am
5,1-17 wurden die VV.4-5* neben V.3 als zweite Begründung zu V.2 ge-

" Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangen auch Rollzoll. SIUdien. 286. der den Vers
der ..judäischen Redaklton von 72211" zuweis!. und Fleischer. Sozialkritik. 207.209.286. der
an die Zeit ersler Gebietsverluste 733 oder nach 722 v.Chr. denk!.
11 Möglicherweise lässt sich aus dieser Perspektive auch der Zusatz Betrifft dm Hau.~ /.{-

rae/ erklären, der dann nicht von V.3 abzukoppeln wäre (gegen Jeremias. Amos. 59-60).
sondern der auf der gleichen redaktionellen Ebene wie V .3 lieg!.
' 1 Der angesprochene Zug nach Bc:er-Scheba in V .5a. der in den Unheilsworten von
V.5b sowie in der vergleichbaren Stelle Am 4.4 fehl!. ist eine spätere Erweiterung.
" Vgl. Wolff. Joel und Arnos. 278-279.
•• Wolff. Joel und Amos. 272. Fleischer geht m.E. zu weit. wenn er aus der Beobach-
IUng. dass VV.4-5 nicht für den vorliegenden Kotext geschaffen wurden. sofort auf einen an-
deren Verfasser schließt, vgl. Fleischer. Sozialkritik. 119.
" Vgl. zur regelhaften Stellung einer ki /Jj 'ümar-Formel im Zusammenhang mit einem
DIREKTIV Kap. 5.3.3 und das Ende dieses Kapitels.
"' Die VV.4-5 standen im ursprünglich selbständigen Text möglicherweise in der Rei-
henfolge V.5 ~ V.4; denkbar wäre aber auch eine vom sonstigen Gebrauch im AT abwei-
chende Stellung schon im selbständigen Text (also V.4 ~ V.5); der Stellungsaspekt ist dabei
weniger entscheidend als die Kombination der beiden Elemente DIREKTIV und Begrün-
dung.
216 Die ko 'amar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

stellt (und V.5 erweitert).'7 Inhaltlich gesehen kritisiert Am 5,4-5* (ein-


schließlich der kf ko 'ämar-Formel) ein verfehltes Suchen nach Jahwe (vgl.
auch Am 4,4-5; 5,7.21 ): .,Das Gottesvolk hat seinen Gottesdienst vom All-
tag gelöst und übt kultische Aktivität an den Wallfahrtsheiligtümern zur
Selbstbeschwichtigung aus."'8 Diese Beobachtung weist deutlich in die Zeit
des Amos;''' Amos kritisiert diese Praxis mit dem Wort VV.4-5*.
Jeremias hat im Gefolge von Warmuth hervorgehoben,.o dass V.4 als
.,Mahnwort mit Verheißung"•' analogielos im Amos-Buch ist und damit ein
eher amosunspezifisches Element darstellt, das vermutlich als ein Zitat aus
der Tradition zu begreifen ist: sowohl .,weisheitliche[n] (Spr 4. 4; 9. 6; 15.
27; 21. 21 u.ö.)" als auch .. priesterliche[n] Tradition (Lev 18, 5; Ez 18. 9ff.;
20, II ff. u.ö.)" kennen ..die Zusage des Lebens bei Erfüllung bestimmter
Bedingungen"} 2 Der Zitat-Charakter lässt sich mit dem in dieser Arbeit
über die kf ko 'ämar-Formei Gesagten noch einmal unterstützen: Wenn die
kf ko 'ämar-Formel als Zitateinleitungsformel dient. dann will das Nachfol-
gende auch als Zitat verstanden sein. Aus dem mit kf ko 'ämar eingeführten
Zitat ist vom Propheten eine konkrete Ableitung, Anwendung. Applikation
getroffen worden. Das kf der Formel ist daher nicht als redaktionell. son-
dern als zum ursprünglichen Wort VV.4-5* gehörig zu werten}'
Die Argumente für ein Amoswort in Am 5,4-5* lassen sich folgender-
maßen zusammenfassen: (a) die Abgeschlossenheil von VV.4-5* als Kom-
bination aus DIREKTIV und mit kf ko 'ämar eingeleiteter Begründung.
diese Verbindung aus DIREKTIV und Begründung ist als selbständiger.
zweiteiliger Text zu werten; (b) dieser abgeschlossene Text ist sekundär in
den Kotext Am 5,1-17 eingebaut worden, was an der Spannung zu V .2 und
der Doppelung zu V.3 erkennbar ist; die Spannungen weisen auf nachträg-
lichen Einbau und nicht auf eine Neukomposition im Rahmen von Am
5,1-17; (c) die inhaltliche Intention des Textes ist am ehesten für die amo-
sische Zeit denkbar; (d) im Amoswort ist die nach ki ko 'ämar eingeführte
Begründung als Zitat zu verstehen. auf das Amos zurückgreift und das er
aktualisiert.

H Für eine zweifache Begründung plädierl auch Jeremias. Amos. 65. gegen die konzes·
sive Deutung von Rudolph. Joel. Amos. 190.
•• Jeremias. Amos. 66.
''' Vgl. Albertz. Religionsgeschichte. 267-275.
"'' Vgl. Warmuth. Mahnwort. 28-29 .
• , Mit Mahnwort ist natürlich nur das nach der ki kö 'ämur-Formel stehende Wor1 ge-
meint; zum Mahnwort/Mahnspruch vgl. Michel. Israels Glaube. 238-239; Kaiser. Einleitung.
303-304 (im Kontext der Prophetie); 374-376 (im Kontext der Weisheit). Hier haben wir den
Fall. dass ein Mahnwort mit einer ki kö 'ämur-Formel eingeleitet an einen vorausgehenden
Bezugstext angeschlossen ist; auch ein Mahnwortl-spruch selbst kann [z.B. Jer 4.1-.~(4). s.u.]
durch ein Wort. das mit einer ki kci 'ämar-Formel eingeleitet ist. erweiterl werden.
• 2 Jeremias. Amos. 65.
•• Gegen Fleischer. der das ki für redaktionell hält. vgl. Fleischer. Sozialkritik. I04.
Gt:stalt und Funklion der ko 'ämar-Formeln bt:i den Schriftpropheten 217

Liegt mit Am 5,4-5* ein ursprüngliches (selbständiges) Amoswort vor.


das schon eine ki ko 'ämar-Formel enthält, dann finden wir hier eine (oder
sogar ..die") Keimzelle für den Gebrauch der ki ko 'ämar yhM'h-Formeln im
prophetischen Kontext; eindeutig ältere ki ko 'ämar yhM'h-Formeln gibt es
nicht.
Die Verse Am 5,4-5* sind in die Komposition von 5,1-17 hineinge-
nommen. um nach Am 5.2 Gründe aufzuzeigen, warum Amos Israel als
gefallen beklagt; die falsche Orientierung an den Heiligtümern. die im ur-
sprünglichen Amoswort kritisiert wurde (V .5*), wird sekundär als Erklä-
rung der Leichenklage herangezogen; indem aber das ganze Amoswort auf-
genommen wurde, entstand durch die bedingte Lebenszusage aus V.4 die
benannte Spannung zu V.2. Diese Spannung scheint aber aufgrund der im-
mer wieder greifbaren Kontinuität im Verhältnis zwischen Jahwe und Israel
auch nach den Katastrophen 722 bzw. 587 nicht als unerträglich empfunden
worden zu sein.
Jeremias dürfte also Recht haben. wenn er beide ki ko 'ämar-Formeln in
Am 5.1-17 - wie es sich bei Zitatformeln nahe legt - vergangen übersetzt
(denn so hat Jahwe gesprochen).~ Dieser Vorgang. dass ein aus der Tradi-
tion überliefertes Gotteswort zitiert und aktualisiert und dabei die Folge-
rung durch die ki ko 'ämar-Formel explizit begründet wird, ist als theologi-
sche Arbeit zu werten und muss. was die prophetische Tätigkeit bzw. den
prophetischen Vorgang anbelangt. weitab von einem in Analogie zum Bo-
tengeschehen verstandenen Offenbarungsvorgang gesehen werden. 4 ' So ist
also das prophetische Wort Am 5.4-5 als ein theologisch erarbeitetes Wort
zu verstehen. indem es ein vorgegebenes Wort (V.4) interpretiert (V.5).4<>
In der Komposition von Am 5.1-17 wird der Eindruck der explizit theo-
logischen Argumentation noch verstärkt. indem das Argumentative durch
die zweifach verwendete ki k6 'ämar-Formel in V.3 und V.4 sehr stark in
den Vordergrund gerückt ist. Wenn Amos in der Ringkomposition vorge-
führt wird als der gegen das Haus Israel auftretende Prophet, dann wird er
.. nicht" gezeigt als ..Trichter, in den Gott fertig formulierte Gottesworte ein-
gießt";' sondern als ein Prophet, der seine im kühnen Bild auf ..den Staat"
übertragene Leichenklage mit schon ergangenen und als Zitate eingeführten

•• Vgl. Jeremias. Amos. 59-60_


'' Ich folge bei der Einordnung dkses Vorgangs als theologischem der Begriffsbestim-
mung. die Smend vorgeschlagen hat: er hat als .. Kennzeichen von Theologie'' im AT das
.. Denken in und [die) Bildung von größeren Zusammenhängen·· genannt sowie ..ein Denken.
das sich bei den religiösen Aussagen verstärk! bestimmter Begriffe bedien!. das Sätze bildet.
die dahin tendieren. Lehrsätze zu sein. das argumentiert und das gegebene Texte illleiJ>re·
rien--!Herw>rhebwrgen von A.W.J. Smend. Theologie. II I: aufgenommen hat Smends Defi-
nition in neuester Zeit Hennisson. Theologie. 16. Vgl. zu dieser Problematik auch unten Kap.
n.
•• Zu dieser Problematik vgl. den Schlussabschnill dieses Kapitels und Kap. 7.2-7 .:. .
., Jeremias. Amos. 64.
218 Die kö 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Gottesworten begründet; Amos erscheint somit auf der Ebene der Ring-
komposition 5,1-17 deutlich als argumentierender Theologe, der, um in sei-
ner Gegenwart zu predigen, aus der Tradition stammende Jahweworte mit
Hilfe von kf kö 'ämar-Formeln - Zitatformeln - aufnimmt."'" Diese Charak-
terisierung ist keine Erfindung der Redaktoren von Am 5,1-17. Wie die in-
haltliche Verkündigung des Amos aufgenommen und von den Späteren
fortgebildet wurde, so auch die theologische Argumentationsweise. die sich
schon in Am 5,4-5* findet.
Das Entscheidende bei den ki kö 'ämar-Formeln ist nicht die Tatsache.
dass andere Gedanken, Worte, Anspielungen etc. aufgenommen werden -
diese Prozesse sind vielfältig beobachtbar -, sondern dass dieser Vorgang
durch die Verwendung der Formel explizit gemacht wird; explizit hinsicht-
lich der Rückführung eines Wortes auf Jahwe und explizit hinsichtlich der
Tatsache, dass es sich nicht um ein direkt zum Sprecher geoffenbartes Wort
handelt, sondern dass hier Tradition in Form von Text aufgegriffen wird.
Mit diesen Überlegungen löst sich auch das am Anfang des Abschnitts
zu Amos angesprochene Problem einer betonten Ich-Rede des Amos auf
redaktioneller Ebene, in der an entscheidender Stelle Gottesworte eingefügt
sind: Hier wird der Theologe Amos vorgeführt. dessen Wort sich nicht aus
einer irgendwie geheimen Offenbarung speist. sondern der explizit mit den
ki kö 'ämar-Formeln vorhandene Jahweworte aufnimmt und auslegt; die
Gottesworte sind als zitiene Gottesworte zu verstehen, die in die Argumen-
tation des Amos als Bausteine aufgenommen nicht im Widerspruch zu ei-
nem Wort des Amos stehen.
ki kö 'ämar-Formeln finden sich auch bei anderen Schriftpropheten. Die
Funktion der ki kö 'ämar-Formeln, das Zitieren von Material und die Be-
gründung von DIREKTIVEN, entspricht dabei dem bisher Gesagten, wobei
jede Formel im spezifischen Kotext einer einzelnen Belegstelle in den idi-
ographischen Aussagewillen eingepasst ist. Gerade bei Nachträgen, die sich
auf Bekanntes beziehen, wird sich zeigen, dass die Redaktoren auf die ki kö
'ämar-Formeln zurückgreifen. um Anfügungen bzw. Aktualisierungen und
Zitiertes zusammenzuschließen.

"'" Insofern liegt hier ein Unterschied der Amosredaktion gegenüber an Propheten inte-
ressierten dtn.-dtr. Redaktoren vor. die im Propheten den wortgelreuen Verkünder des Wort.:s
Jahwes sehen (Dtn 18.18). vgl. auch Kap. 7.2.2.2 (7).
Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 219

Jer·U 1... 1 :nt.:ii;~ ·'?~ ;"'l);"'l~-c~~ .,~l~~ ::n~>;~-c~ 1


1:1-,~~i·-,~ ;"''i~;"!· o•MS. ;"'!~;"'!· iQM ;"'!::>-·::;> 3
·- · :c·~ip-~t$ ll'l~~:_-,~1 ~-~ c':t? ~i·~
o'?~~i~
·:;;~'1 ;"'!"P~~ o·~ c:;?:t~7 ;"'i.,l-? ~i:;>:J! ;"'15;"'1' ?
~.,b::r 4
:c:~t'f.7-PO 11'1 '~=;!Q ;"'1~~9 1'~1 ;"'!lP,;1 'i}9q t:i~:( M~i:n~
V./ Wenn du umkehrst. Israel. Spruch Jah1res. dann sollst du :.u mir umkehren
[... ]. V.3 Denn .w hat Jahore gesprochen zu einem jeden in Juda und Zll Jen/Sa-
/em: Brecht (für euch) einen Neubruch und säet nicht in Dornen! V.-1 Be-
sc/meidet fiir Jahwe und entfernt die Vorhäute eures Her:.ens. jeder in Juda
und (ihr) Bewohner Jerusalems. damit nicht orie Feuer meine "h>mesglut aus-
bricht und .{ie brenne 1111d keiner da ist. der angesidrts der Schlechtigkeit eurer
Taten lii.Kht.

Jer 4,1 weist darauf hin, dass eine mögliche Umkehr Israels eine Umkehr zu
Jahwe sein solL An V.l, der als Aufruf (DIREKTIV) zu verstehen ist (Ziel-
punkt der Aussage: Israel, du sollst dich zu mir kehren), schließt der mit ei-
ner ki kö 'ämar-Formel eingeleitete und eine Begründung anführende V.3
an; somit findet sich die für die ki kö 'ämar-Formel typische Struktur: ki kö
'ämar nach einem DIREKTIV. Unter Umständen greift das ki aus V.3 noch
weiter zurück (dann läge eine Art double duty Funktion des ki vor), nämlich
auf den DIREKTIV von Jer 3,22, ein Vers. der wie Jer 4,1 das Thema Um-
kehr/umkehren (::11tti)~• zum Gegenstand hat.'O Das Stück Jer 4,1-4 korres-
pondiert thematisch mit dem Ende von Jer 3. in dem die VV .21-25 von
einer in die Zukunft verlegten Umkehr des Volkes reden und Jer 4.1 daran
anknüpft.
Um den Charakter der Umkehr als einer. die nicht oberflächlich sein
darf. zu unterstreichen, ist das Wort in V.3 vom Brechen des Neubruchs an-
gefügt.'' Der Grundbestand des Wortes aus V.3 (Brecht einen Neubruch!)
scheint aufgrund seiner formalen Geschlossenheit und Prägnanz ein für sich

~·' Auf das Thema :nt:i innerhalb von Jer 3.1--4.2 weist auch (im Anschluss an Rietz-
schel. Urrolle. 31; Levin. Verheißung. 153.158 und Odashima. Beobachtungen. 270-289)
Schmid. Buchgestalten. 276 hin. Jer 4.3f versteht er als Fortschreibung: .Jer 4,3f dürfte eine
Fortschreibung von 3.1--4.2 darstellen. die insbesondere gegenüber den von einer Metamor-
phose des Herzens durch Jhwh sprechenden Stellen 24.6: 31.33: 32.39 unter Aufnahme des
als dictumprobans verwendeten Belegs Dtn 10.16 festhält. daß dc:swegen Umkehr gleich-
wohl nötig sei [ ... ]." a.a.O. 277 Anm. 359. Auf die Parallelität zu Hos 10.12 (s.u.) geht
Schmid nicht ein.
~· Möglicherweise ist auch das ~p~-t:~~ aus V .I ein Hinweis darauf. dass bereits in Jer
4.1 ein Zitat oder eine Wiederaufnahme ·(von.Jer 3.22?) vorliegt. und V.3 sich anreihend an
das zilierte Wort aus V.l anschließt (vgl. ähnliche Reihungen in Jer 29. s.u.). Wildberger. Je-
saja. 640 hat eine solche Zitatfunktion von ;"'!p~-1:1~~ in Jes 17.6 angenommen; Andersen/
Freedman. Amos. 895 sehen in ;"'!p~-o~~ ein .. multipurpose formula". Für eine sekundäre
Anreihung spricht auch. dass der Adressiu von V .I (Israel) zu V .3 (Juda und Jerusalem)
wechselt
'' Den Charakter der Anfügung sieht auch Weiser; er betont. dass in VV.3-4 besonders
Juda angesprochen isl. V gl. Weiser. Jeremia (I fO. 40--41.
220 Die ko 'amar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

fest gefügtes Wort, eine Art Sprichwort oder Schlagwort. darzustellen; dar-
aufdeutet auch die wörtliche Parallele in Hos 10.12 hin:~~
Hos 10,12 i'~ 0~., ~i·: ( ... ) Brecht einen Neubruch [ ... )
Jer 4,3 i·~ 0~~ '\i·~ (... ) Brecht einen Neubruch [ ... )
Die Parallele Hos I 0,12 zeigt. dass das Wort auch bei Hosea prophetisch
besetzt wird; dort wird das Sprichwort ebenfalls aufgenommen~· und auf die
Jahwesuche gewendet weitergeführt:
Hos 10.12 ii;)r;r-·~~ 1i~j:' :1P,"'!~~ ::::l~';l 1.!r)t 12
;"'11;"'1·-~ itiiii., i\lli ;·~ 0~., ~;·~
. ' :~-~"( ?~~ :1l~1 Ki:J:_:~~~ .
V./2 Siiet 1/iir euch) (/rimidrtlicll) {dciqci aus. dann erntet ihr entsprechend
!rll!sll!d!~~ Brecht 1/iir euch) einen Neubruch.' (Und) e.1 i.H Zeit. Jalru·e ;u m·
clren. biJ dass er kommt und $ll!da•q fiir euch regnm lii.ut.

Es ist also zu beobachten, dass in Jer 4,3 mit Versatzstücken aus der Tradi-
tion gearbeitet wird, entweder mit einem Rückgriff auf ein auch schon Ho-
sea vorausliegendes Wort oder mit einem deutlichen Bezug zu Hos 10,12.
Ähnliches gilt für V.4, der zudem Motive aufweist, die nicht nur in der
Prophetie verbreitet sind (zur Beschneidung vgl. Dtn 10,16; 30,6; Jer 9,25;
zum Ausbruch und Brennen des Zornes Jahwes: Jer 21,12, das identisch ist
mit Jer ~,4b; Jes 1,31 ); Thiel sieht hier dtr. Sprache (z.B. Cl7Q1i~ ':;)~'V
:111:1~ t:r~ wie in 2.Kön 23,2);'~ auch das Begriffspaar Juda und Jerusalem
ist nicht singulär und kommt sowohl häufig in Jer vor (Jer 4.3; 19.7; 27.20
[.21 ]; 29,2; 40,1; 52,3) als auch in anderen Prophetenbüchern Jes 1.1; 2.1;
3,1; 36.7; Joel 4,1; (Sach 2,2); 14,21; Mal 3.4 (außerdem über 20 Belege im
ChrG)."' Diese motivische Weite könnte darauf deuten. dass V.4 einen noch
späteren Nachtrag zu V.3 darstellt; die Vorstellung von der Beschneidung
des Herzens präzisiert das allgemeinere Bild des Neubruchs.
Wird Jer 4,1-3(4) auf Jeremia zurückgeführt. wie etwa Seybold es tut,"
dann wäre hier wie in Am 5,1 ff die Praxis zu greifen, einen prophetischen
Aufruf durch Rückgriff auf Tradition zu begründen; spricht man den gan-
zen Text oder VV.2-3(4) der Redaktion zu, dann läge eine redaktionelle
Praxis vor. So oder so bleibt festzuhalten, dass mit der ki ko 'ämar-Formel
unter Rückgriff auf Tradition Begründungen für ein Mahnwort angefügt
wurden.

~~ Das Verb j•J II. ein ••en.·i/derte.f Land urbar madrm. vgl. Gesenius. Handwörter-
buch. 503. kommt nur hier in Jer 4.3 und in Hos 10.12 vor. das Substanliv i•: II. Neubruch
außer in diesen beiden Stellen nur noch in Prv 13.23: vgl. Backhaus/Meyer. Jeremia. 420.
" Es wäre natürlich auch denkbar. dass Hosea das Wort geschaffen hat: gegen diese
Möglichkeit spricht m.E. der geprägte. schlagwortartige Charakter dieses Wortes.
~· Zu $'dciqa und ~ll!sll!d vgl. Michel. SÄDÄQ-SEDAQA: ders .. ~a·strd ,,·cr'"'mcrt.
~· Vgl. Thiel. Redaklion (Jeremia 1-25). 95. Ähnlich Wanke. Jeremia. 57.
"' Vgl. Stipp. Konkordanz. 57.
' 7 Vgl. Seybold. Jeremia. 112.
Gestalt und Funktion der ko 'amar-Formeln bei den Schriftpropheten 22 I

Jer 1o.18 :ii~9~ "'il~~· 1D.;'P rltS~ ·~~ 11


~fi} t:l.P;l~ )"lt$;:t ·::~t;~;·-il!S .r-1'?.ii' -~~i} ;,p~ i~ ;,:,-·~ 18
:'l~~rt ;.vri? ::~;::r7 ·;:~ii~::)1
V./7 Sammle deine Habe. ll'eg wm der Erde. die du in Bedrängnis sit;:t! V./8
Denn .w hat Ja/ure gesprodrm: /dr bin im Begriff. die Bewohner des Landes
dieses Mal hinv•egzus,·hleudenr. und ich bedränge sie. damit sie (miclr .')finden.

Wiederum wird hiereine Aufforderung (DIREKTIV) von V.l7 in V.l8 mit


einem durch ki ko 'ämar eingeleiteten Vers begründet. Da aber in V. I 8 von
anderen Stellen her vertrautes Material anklingt [ l.Sam 25,29 (fortschleu-
dern); Jes 22,17 (Jahwe wird dich in hohem Bogen wegschleudem), dort
allerdings nicht l.l'?p, sondern ,iO; die Wendung r"1.~i'J ·~tqi• (,~) kommt
im deuterojeremianischen Gut häufig vor (Jer 1,14; 13,13; 25,29.30; 47,2~''),
außerdem in Num 33,52; Jos 2.24; 7 ,9; 9,24; Joel 1,2.14; 2, I; Zeph 1,18; Ps
33,14], ist zu erwägen, ob nicht wiederum eher ein zitierender Rückgriff als
ein speziell für die Begründung der Aufforderung von V. I 7 empfangenes
Wort vorauszusetzen ist. Aufgrund des teilweise deuterojeremianischen Ma-
terials. könnte man einen nachjeremianischen Verfasser erwägen. Plausibel
wäre aber auch eine jeremianische Aktualisierung des oben angesprochenen
Jesaja-Wortes aus Jes 22,17; darauf weist das hinzugefügte dieses Mal, das
den Vorgang des Hinwegschleuderns auf die von Jeremia erwartete Ver-
treibung bezieht und klarstellt, dass es sich dieses Mal nicht um die Ver-
treibung von einzelnen Gestalten wie Schebna (vgl. Jes 22,15- I 9) handelt.
sondern dass es um die Vertreibung der Bewohner des Landes geht.
Jes _,0. ·;:t~'l CTP.~ it;;lY.-L:l.P1 CQ~ rpL;l-L;l.p Cl:;li;l:( ~i:J :-:t;~.p 8
<8-9.JI5f c•u.ir;tf, c:n~ ~'1;'1 ·"19 ::J.P ·~ 9 :c'(i.rri.p -:.p7 1i-:::)~ ::::i•(
1... 1:11:1· :'i!in ~iotd ~:Jt;n~? c·J~
V.B Jetzt gelr und schreibe t'.f auf eine Tafel bei ihnen und in ein Buclr uidrne
es. damit es bleibe fiir einen späteren Tag bis zur Ell'igkeit. V. 9 Denn ein
v•iderspenstiges Volk iJt es. verlogene Siilrne. die nicht hiiren 1ro/len die Wei-
sung Jahwes. [... ) [Texl von VV.I2-14 s.u. Kap. 6.2.3)
L:ltr1~~ ilii-:i? ;,p~ ·~,~ iQt$"71:, ·~ 1s
:ci)·:;l~ ~?1 C~i;l!'l::~ ;"T:;:T~ ;"TiJ~:;l;'l op~0:; p.!.1~~"l ili':q} ;'1~10~
110'1Ji;l p-'?.p O'IJ~ O'lo-L;l.p ·~~? '1ir,:l~M1 16
:c~·~l""~ '~'P-: p-L:l.p ::lfl~ L:lp-L:l.v:
V./5 Denn so hatmein Herr Jahu-e, der Heilige Israels. gesproclren:
Dun·Jr Umkelrr und Ru/re hället ihr gereilet n·erden kiinnen. in Ruhigsein und
Vertrauen lrälle eure Kmftliegen kiinnen. doclr ihr n·ol/tet niclrt.
V./6 Und ihr sagtet: Nein. demrlfiin.-alrr( .) ~~~ Ross ll'l>ilen wir fliehen. Darum
mii.ut ihr fliehen. Und auf einem Seimellen (Reillier) 1ml/en n·ir reitm. Darwn
n·erden eure Verfolger Kirne// uin.

'" Hier isl mildem Qere zu lesen [slall Kelib: 'il::lO'], da Jerusalem angesprochen isl.
''' Vgl. S1ipp. Konkordanz. 65.
222 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

In Jes 30,15 bezieht sich die mit einer kf kO 'ämar-Formel eingeleitete Be-
gründung auf die Aufforderung von Jes 30,8, es in ein Buch aufzuschrei-
ben, damit es für künftige Tage bleibe; mit es ist der Inhalt jesajanischer
Verkündigung gemeint (wie umfangreich. ist nicht klar), der als erhaltens-
wert beurteilt wird und für künftige Generationen bewahrt werden soll.'" Zu
V.8 war allerdings schon eine erste Begründung in VV.9-II angeführt:
Denn ein widerspenstiges Volk ist es, !'erlogene Söhne [... ]. Nachdem in
V.l2 mit läken ko 'ämar yhwh eingeleitet eine zweite Begründung erfolgt
ist (s. dazu u. Kap. 6.2.3), bringt nun V.I5 eine dritte Begründung für die
Aufforderung aus V.8; sie illustriert noch einmal mit anschaulichem Mate-
rial, warum das Volk als widerspenstig, die Söhne als verlogen bezeichnet
wurden. VV.I5 und 16 greifen dabei u.a. auf Material aus Jes 7,461 und 28.
12.16•~ zurück. 61 Ebenso knüpft der Ausdruck der Heilige Israels an den
näheren Kotext (Jes 29,19.23; 30,11-12.15; 31.1) an,"' zudem ist die Be-
deutung dieses Ausdrucks für den Zusammenhalt der drei Großteile des
Jesajabuches zu bedenken. Offensichtlich wird also auch hier zitiert.•' Von
Schülern Jesajas?116
Kaiser erörtert für Jes 30,15, ob hier empfangenes Botenwort oder Theo-
logenwort vorliegt. 67 Seine Argumentation ist insoweit weiterzuführen, als

60 Die Diskussion über eine mögliche jesajanische Urheberschaft dieses Verses muss

hier nicht geführt werden, vgl. dazu Kaiser. Jesaja ( 13-39). 231-237; Barthel. Prophetenwort.
391-427: Becker, Jesaja. 245-257; Beuken.lsaiah 30.
61 Auch Becker. Jesaja. 246 und 256 weist auf diesen Zusammenhang hin; freilich muss
man den Unterschied zwischen der kii 'ämar-Formel in Jes 7.7 und der ki k(; 'cimar-Formel in
Jes 30.15 beachten; die Zitatformel als dritte Begründung in Jes 30.15 spricht neben den
Argumenten. die Becker anführt. ebenfalls stark für einen redaktionellen Charakter dieses
Textes.
•~ Nach Kaiser. Jesaja ( 13-39). 187 gehören Jes 28.12 und 16 zum Grundbestand einer
Sammlung von Jesajaworten aus den Jahren 703-70 I. die allerdings durch einen Schüler
bearbeitet wurde. Auch Wildberger. Jesaja. 1184 verweist auf den Zusammenhang von Jes
30.15 mit Jes 28.12.
6 ·' Beuken verweist weiterhin auf das Themawort :n~. das in Jes 1-39 häufig vorkommt

(Jes 1.27; 6.10; 9.12; 10.21-22; 19.22; 29.17; 31.6; 35.10). vgl. Beuken. lsaiah 30,375.
""' Auf die Bedeutung des Heiligen luaels innerhalb der Kap. 28-33 hat bes. Stansell.
Biest. 87 hingewiesen.
M Barthel sieht hier eine Komposition. die ein früheres Jesaja-Wort einbezieht. vgl. Bar-
thel. Prophetenwort. 410; insofern votiert also auch Barthel für Materialaufnahme nach der ki
k(; 'ämar-Formel; doch die Tatsache. dass hier eine dritte Begründung angehängt ist. spricht
m.E. eher flir eine vollständig sekundäre Komposition.
116 Dies nimmt Kaiser an: .. [ ... ) 30.(8)9-17 [ist) jedoch überhaupt sein [eines Schülers!

Werk [ ... 1." Kaiser. Jesaja (13-39). 187. Kaiser schließt das aus den Fugen zwischen VV.8
und 9. II und 12 sowie 14 und 15. vgl. a.a.O. 233. V.8 hält Kaiser wie auch etwa Vermeylen
(Vermeylen, lsa·ie I. 412) für jesajanisch. anders Becker. der V .8 als .. die Ätiologie de.< Je.<·
Buche.< auf der Ebene der Ungelwrsam.<-Redaktion" wertet. Becker. Jesaja. 254.
67 Kaiser. Jesaja ( 13-39). 236: .. Die feierliche Gottesprädikation weist auf den ganzen

Ernst des folgenden. wiederum Jahwe in den Mund gelegten Wortes hin. Bei dem Gedanken.
daß der sich hier zu Wort meldende Theologe kaum in der Weise eines der alten Propheten
Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 223

in Jes 30,15 keine .,Botenformel" vorliegt. sondern eine ki ko 'ämar-For-


mel. Offen bleibt bei Kaiser auch, woher wir etwas über den Willen Gottes
wissen. Auch dazu kann man aber m.E. durchaus etwas sagen: Nimmt man
die Beobachtungen zur ki ko 'ämar-Formel ernst, so ist mit Blick auf die
besprochenen Stellen festzuhalten. dass die Verfasser und Redaktoren der
alttestamentlichen Texte. sofern sie die ki ko 'ämar yhwh-Fonnel gebrau-
chen. auf religiöse Tradition bzw. auf bereits vorliegende (als offenbart gel-
tende?) Texte zurückgreifen. wenn sie theologische Begründungen für von
Menschen getroffene Aussagen suchen. Die kf ko 'ämar yhwh-Formel er-
scheint so einmal mehr als eine theologische Argumentationsfonnel, wenn
Aussagen im Namen Gottes getroffen werden sollen; ein Botschaftsemp-
fang wie bei der .,Botenfonnel"-Konzeption ist dabei nicht vorauszusetzen,
entsprechend sollte man auch die ki ko 'ämar-Fonnel nicht als .. Botenfor-
mel" bezeichnen. Das entscheidende Kriterium für die Bestimmung des
.. Willens Gottes" ist dabei der Rückgriff auf vorliegende Texte, auf Tradi-
tion. Mit der ki ko 'ämar yhwh-Formel wird die angeführte Aussage der
Autorität Gottes unterstellt, mit ihr spricht der Text im Namen Gottes.
Jer 33.17- [V./4 Siehe. es werden Tage kommen ·Spruch Ja/m·es ·da eifiille ich das gute
18 Wort. das ich geredet habe iiber das Haus Israel und iiber das Haus Juda.
V./5 ln jenen Tagen und jener Zeit lasse ich ftir Dm•id einen {däqci·SpmSJ
sprießen und er (macht =J sorgt ftir Recht und f'däqä im l.nnde] [... )
;"'!1;"'!'
" :
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- "
;"'Tj-•:;, 17
0

:L;~~:n~:-.,·; ~:;;~::;>~.P ::l!P.' o·~ ,n'? .,!.~:-~?


;"'T'?il' ;"i~~Q ·~~'?o ~·~ .,!.~:-~? i::l"!";';:t ~·~::!:,71 ts
:l::to:;:~-L;~~ n~! ;"'!4/l>l ;"'TIJ~r;l i't:lP.Q'~
V./7 Denn so hat Jahll'e gesprochen: Es 11·ird David nicht fehlen an einem
(Mann =J Nachkommen. der auf dem Thron des Hauses lsrac>l .fill/. V./8 Und
(auch) für die Ievitischen Priester soll es nicht fehlen an einem (Mann =J
Nachkommen. der vor mir ein Brandopfer auffteigen lässt und der c>in Speise·
opferräuchert und der ei11 Schlachtopfer bereitet alle Zeit.
In Jer 33,17 wird die Heilsankündigung VV.I4ff mit einer Begründung ver-
sehen, die durch eine ki ko 'ämar-Formel eingeleitet ist; 1111 auffälligerweise
steht kein DIREKTIV voran; nimmt hier die KOMMISSIVE Heilsankündi-
gung eine vergleichbare Stellung ein? Die Begründung geschieht mit expli-
zitem Rückgriff auf die Tradition der Heilszusagen an das Geschlecht Da-
vids; diese finden sich sowohl innerhalb des Großkotextes Jer 30-33 (Jer
30,9.21) wie auch außerhalb des Jeremiabuches (z.B. 2.Sam 7). Schmid

zwanghaft inspiriert war. sondern seine Botschaft glaubendem Denken verdankte. wird man
so wenig an der Verwendung der Botenformel Anstoß nehmen dürfen wie wenn heute der
Pfarrer im Namen Goues spricht. Ob ein Wort wirklich Wort Goues ist. entscheidet sich nicht
an der An des seelischen Vorgangs. in dem es im Menschen entsteht. sondern an seiner Über·
einstimmung mit dem Willen Goues."
"" Am Ende des Textes in V.25 findet sich eine weitere (unerweiterte) kö 'ämur-Formel;
ein weiterer Nachtrag?
224 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

weist darauf hin, dass Jer 33,14-18 auch parallel zu Jer 31,27-34 (Thema:
neue Saat und neuer Bund) steht;"' doch ist Jer 33,14-18 nicht nur als Pa-
rallele. sondern als Spezifizierung oder Präzisierung der Heilszusagen an
das Geschlecht Davids aus Jer 30.9.21'" und des Bundesgedankens von Jer
31.27-34 anzusprechen: Der Bund in Jer 33,14-18 wird zunächst im Sinne
eines Davidsbundes interpretiert (V.l7). mit einer entsprechenden Bezug-
nahme auf die auch in 2.Sam 7 u.a. greifbare Verheißung an David: in ei-
nem zweiten (späteren?) Schritt wird dann in V.l8 dem Davidsbund auch
noch eine Art Levibund an die Seite gestellt. 11
Jer 33,14-26 gehört zum Sondergut der (gegenüber der LXX-Fassung
späteren, zum ChrG zeitgleichen?) hebräischen Überlieferung des Jeremia-
Textes.71 Es handelt sich um einen typischen späten Text,l' der schriftausle-
gend verfährt;u ein Indiz dafür ist neben den aufgezeigten kotextuellen Be-
zugnahmen z.B. die variierend-interpretierende Aufnahme der VV. Jer
23,5f hier in VV.l4-16. 7j Der Text bedient sich dabei der ki ko 'ämar-For-
mel. um eine Begründung für die Hoffnung auf den gerechten Spross einzu-
führen. Schmids Wertung ist daher zuzustimmen: "Vielmehr erklärt sich
33,14-26 als Fortschreibungstext, der sich durch Aufgreifen vorgegebener
Überlieferung legitimiert und konstituiert."'"
Im Jeremia-Buch finden sich noch weitere mit ki ko 'ämar angeschlos-
sene Begründungen: Jer 6,6; 77 20.4;'" 28, 14; 70' 31.7?; 33,4?; 42.18; 48.40;

'" Vgl. Schmid. Buchgestahen. 49-50.


7n Vgl. Schmid. Buchgestahen. 54. der auf die Divergenzen dieser .. Herrschererwartun-

gen"" hinweist: ..Gegenüber 30,9 fälh jedoch auf. daß 30.21 den Davidstitel vermeidet. [ ... ]in
:U.I4-17 [ ... ] wird die Wiedererrichtung der Da~·iddynastie verheißen."" Diese Beobachtun-
gen sind wichtig. denn nur. wenn Jer 33.14-18 über Jer 30.9.21 hinausgehende Aussagen
macht. ist eine Spezifikation wie Jer 33.14-18 überhaupt erst sinnvoll.
71 Ähnlich wenet Jones die Passage: ..There are quotations or echoes of passages already

in the tradition. while the linking of the Levites so closely with the Messiah in vv. 17-21 may
weil be thought to point to a date later than the rest of the material."" Jones. Jeremiah. 419.
71 Vgl. Seybold. Jeremia. 19: Lust. text forms. ]I; Backhaus/Meyer. Jeremia. 408.
1 ' Lust. teltt forms. 44--45 plädiert für eine Entstehung zu Beginn des 3. Jh.v.Chr.: ..The

addition may have originated in a period close tothat of Zech 12 and of Ben Sirach"s grand-
father. The Hebrew text of Sirach 45 shows many affinities with Jer 33:14-26. Also. in the
time of Sirach the priests seem to have been the Ieaders of the people. Their i1'i:::J is compa-
red with that of David. This hypothesis confirms the view of P.M.Bogaert according to whom
the edition of the Ionger teltt must have been accomplished at the beginning of the 3'" century
BC.""
7• Für Jer 33.14-16 vgl. nun im Anschluss an Fishbane. Biblical Interpretation. 471 f mit

ausführlichen Begründungen Schmid, Buchgestalten, 61-63: zu den in Jer .\3.14-26 zugrunde


liegenden ..sources"" vgl. auch Lust. teltt forms. 36-44.
'j Vgl. dazu auch Ferry, Juda, 76--77.
'" Schmid, Buchgestahen, 61.
77 Holladay verweist auf Dtn 20.19-20 als Hintergrund für Jer 6.6. vgl. Holladay. Jere·

miah. 207.
Gestall und Funktion der ko 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 225

49.12; 51,33."" Eine Zuweisung der Formeln zu einer der beiden Grundre-
zensionen des Jeremiabuches (hebräische und griechische Fassung) ist bis-
her ebenso wenig vorzunehmen wie die Zuweisung zu einer bestimmten
Überarbeitungsschicht."'
Jer 29.5-14 =1:l~n"'~ ~~::;~: ni~~ l!J't~1 ~::JQi :::·1;1~ ~J~ 5
o~·t::~iJ:p'11~1 c·Q~ q·;.~'? ~ni?~ ni:~~ o·~;1 n·'?i;"'l1 o·q)~ ~;"''i? 6
~itiTn 1 :'\0~91:1...,~1 :::Ji;h:::ll~ ni:~~ o·~;1 ;"'ln"m: o·q)~~7 m~
-',~ :1"'!~~ ~"'7~i;~i}1 ~9~ 0~~ ·0·7.~::: i~~ j•~:;t :::Ji.,~:t~
:o~'~ =~~ :-r:~~ ;,rri~~:; --~ ~Y,~
.,~"")~: ·::r..,~ ii'iN~~ ;"'lj;";~ iQ~ ;"'!j ·~ 8
o~+"":i?~~9~ c~·~·~~ =~7 ~·~~-',~
:o•o7r:ro ot)~ i~~ o~·m?~-.,~ ~!19~1'\--,~: q·~9?i
:;"'lp~-o~~ 0'8'77~ ~? ·o~:; o:r,7 o·~;~ OiJ iP,Q~ ·:;l 9
0::?,~ ipi;)~ ;"'!~~ 0' .\)~Q .,~~7 ~?9 •i;l'7 '=;l ;"'lj;"'l~ iO~ ;"'1::"-•::;l I 0
:;"''m cip9;:r--,~ u=?.~ ::J'q):J7 ::J~;:r ·-9T~ o:?,·'?.~ ·i}bp;:n
;"'!J;"'l~-o~~ C:?,''?.~ ::JQM ·~j~ i~~ n:li~~90-~ '81?1: •:;l)~ •=;l II
:;"'lli?Dl ii'!~~ ==?.7 iit::~'? ;"'l~"'l7 ~?: oi.,~ ni:~r:ro
:o:?,·'?.~ 't:ll:'QQ1 ·7~ on,77~;:'0":t1 o~::;7;:J1 ·~ o~"'lP.~ 12
:o:r,~~7--,:r~ -~~-ni} '=;l o~~~~ ·~ :::J~QP-~~ t3
'l'\~~P.1 O:?,i;l~:::l~/O:?,i;l':i.;i-~ '8~Q1 ;"'!J;"'l~-:::~~ o~'( ·~~9;1 14
oVj 0:?,~ ·1:1~'T.! i~~ iii~iP90--,~0~ o:~~;:r-?~~ 0:?,~
:o~o cq~ ·0·'?.~0-i9~ oip9;:r-.,~ :::J~~ 'D:Jq);::! ;ip~-o~~
V.5 Baut Häuser und •whnt (darin). Und tiflan:t Gärten und e.ut ihre Frucht.
V.6 Nehmt Frauen und zeugt Söhne und Tiichter. Und nehmt für eure Sii/me
Frauen und eure Töchter gebt an Männer. und so werden sie gebären Siihne
und Töchter. Und mehrt euch dort rmd 1rerdet nicht weniger. V. 7 Und .tucht
den Schalom der Stadt. •mhin ich euch wegfiilrren ließ. Und betet für .tie :u
Jahl\·e. denn in ihrem Sdralom wird Sdra/om für euclr sein.

'" Dazu McKane. Jeremiah. 466: ..lt has already been argued that 20.4-6 are tobe under-
stood as an exegesis ofc:•::JO~) i1;Q [... ]. and are consequently a secondary expansion of v.
~."
"' Bezieht sich auf Jer 27.5-6. vgl. Jones. Jeremiah. ~58.
'" ln der Vision von den zwei Feigenkörben (Jer 24) stehen im zweigeteilten Deuteteil
eine /..i kö 'ämar- (V.8) und eine kti 'änrar-Formel (V.5): beide sind auffallig parallel ge-
braucht: Stipp. Jeremia 24 diskutiert zwar die Formel aus V.S ausführlich (a.a.O. 156-157).
nicht aber die Formel aus V.8; er unterstreicht aber die Parallelität der Abschnitte VV.S-7
und VV.8-IO. Auch in Jer 4.27 folgt eine ki kri 'änrur-Formel auf eine visionäre Schau.
Behrens. Visionsschilderungen. I ~5-I ~6 verweist für Jer 24,8ff auf Dtn 28.1 Sff als Vorlage.
" Stipp. messenger formulas. 78-79. unterscheidet nicht zwischen ki kö 'ämur- und kti
'cimur-Formeln; doch auch innerhalb der einheitlich als kö 'ämar-Formeln aufgefassten Grup-
pe beobachtet Stipp keine signifikante Unterscheidung zwischen der hebräischen und der
griechischen Textform; deutlichere Unterschiede gibt es nur hinsichtlich der Zahl der vorfind-
liehen Gottesepitheta (im hebräischen Text finden sich wesentlich mehr als im griechischen).
226 Die kö 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

V.8 Denn so hat Jahwe Zebaoth. der Gou Israels. gesprochen: Nicht .wl/en
euch eure Propheten täusd1en. die in eurer Mille sind. und eure Wahr.wger.
Und nicht sollt ihr hiiren auf eure Trllume. die ihr träumt. V. 9 denn in Lüge
weissagen sie euch in meinem Namen. ich habe sie nicht gesandt. Sfmlt'h
Jahwes.
V./0 Denn so hat Jah1re gesprochen: Füm·ahr: Erst 11·enn voll sind fiir Babel
70 Jahre, werde ich euch heimsuchen und aufrichten in Bezug auf euch mein
gmes Wort. nlimlich dass ich euch an diesen Ort zurückbringe. V./1 Dt'lln id1
kenne die Plllne. die ich über euch plane. Spruch Ja/ures. Pläne des Schahnn
und nicht des Unheils (sind es). dass ich euch gebe Zltkwift und Hoffnung. V./2
Und ruft ihr mich an und geht ihr und betet ::.u mir. so 11·erde ich etKh hiiren.
V./3 Und sucht ihr mich. so werdet ihr (mich) finden: wenn ihr mich sud1en
11·erdet mit eurem ganzen Herzen. V. f.l so ll'erde ich mich finden la.uen (hin-
sichtlich =)von euch. Spruch Jalm·es. Und ich 11·ende eure Gefangemchaft {so
Ketib: i1':JW Gefangenschaft/feuer Geschick I so Qere: rn:JW Geschick/ und
ich .tammle euch von allen Villkern und von allen Orten. wohin ich euch !•er-
stoßen habe. Spruch Jah1res. Und ich bringe euch zuriick zu dem Ort. vtm dem
ich euch wegfiihren ließ.
In Jer 29 werden die beiden mit ki kö 'ämar eingeleiteten Begründungen
(VV.S-9; VV.l0-14) für die Aufforderungen in VV.5-7"1 schon länger als
sekundäre Teile des Briefes des Jeremia angesehen."' nämlich als ,.Wendun-
gen, die aus anderen Zusammenhängen bekannte sind".~~-~ Auch die Tatsa-
che, dass zwei Begründungen vorliegen (Doppelung) weckt den Verdacht
eines redaktionellen Nachtrags. Die häufige Setzung von :11ii~-o~~ kann als
weiterer Hinweis gelten, dass es sich hier um einen späteren. Text handelt;
der auffällige Gebrauch ist vor allem aus Texten der exilisch-nachexili-
schen Zeit bekannt.•~
Wahrscheinlich liegt hier ein zweistufiges Wachstum vor, wobei beide
Male die Nachträge als Begründung und unter Rückgriff auf woanders
herstammendes Material mittels einer ki kö 'ämar-Formel eingeleitet sind:
VV.S-9 verbinden den Jeremia-Brief mit dem Kotext (Kap. 27-28). der um
das Thema der falschen Propheten kreist. VV.l0-14 verfolgen dagegen ein
anderes Thema: eine Heilsankündigung für die Exilierten. Thiel hat auch
hier dtr. Gestaltung nachzuweisen versucht."" Schmid hat die Nähe von Jer
29,10-14 zu dem späten Text (s.o.) Jer 33,14-26 herausgestellt; die beiden
Texte sind durch das Thema der Herrscherverheißung verbunden. beide ge-

" 1 Ähnlich gliedert auch Smelik diesen Text; er sieht in V .8aa und IOaa jeweils .. intro-
ductions" zum zweiten bzw. dritten Teil einer ersten Prophetie in Jer 29. die s.E. von Jer
29.4-14 reicht. Vgl. Smelik, Letters. 292; allerdings unterscheidet er nicht H kti 'clmar-
Formeln und (unerweiterte) k6 'ämar-Formeln. sondern registriert nur ..kö 'ämar-Formeln" in
Jer 29; vgl. a.a.O. 284.
"' Vgl. Thiel, Redaktion (Jeremia 1-25). 255f; ders .. Redaktion (Jeremia 26-45). 11-17.
~~o~ Herrmann, Heilserwartungen. 186.
•~ Vgl. Vetter. C~~ (THAT). 2-3; Meier. Speaking. 314.
"" Vgl. Thiel. Redaktion (Jeremia 26-45), 11-17. Er verweist z.B. auf i:::l, :::l'i'i1 aus
V.JO. das schon Nothals vorzugsweise dtr. erkannt hat (vgl. Noth, Könige. 2761.
Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 227

hören auch - Jer 33,14-26 ganz. 29.10--14 größtenteils - zum masoreti-


schen Sondergut.M7 Auf unterschiedliche Entstehungszeiten von VV.S-9 und
VV .I 0--14 weist auch der Gebrauch von :1~:1·-:n~=- In den VV .I 0--14 tindet
sich wesentlich häufiger :1~:1~-=~~ als in VV :s-ei,'
zudem steht :1)i:~-:::J~~ in
VV.I0--14 nicht als ,,Endformel", sondern als .Zwischenformel".""
Im Jeremia-Buch kommen mehrere Texte vor, in denen zwei oder drei
ki ko 'ämar-Formeln nacheinander gebraucht werden: 16,3.5.11; 22,6.11;
27, 19.21; 30,5.12; 32,15.42. Hier scheinen die Doppelungen der mit ki ko
'ämar-Formeln eingeleiteten Äußerungen ähnlich anreihend zu sein wie in
Jer 29.
Auch bei Deuterojesaja und Ezechiel finden sich ki kO 'ämar-Formeln;
bei der Diskussion der einzelnen Texte will ich auch hier nicht eine Ge-
samtauslegung der Texte in den Vordergrund stellen. sondern es soll vor
allem das eine deutlich werden: dass es bei den mit ki ko 'ämar eingeleite-
ten Äußerungen immer wieder um Zitate, um zitiertes Material geht.
Jes 45.18 {V./4 So spricht Jahwe: (... }Sie (Ägypter. Kuschiterund Sabäer)( ... } u·erden
sich z.u dir nieder.,.•erfen und :u dir beten: Nur in dir ist Gott. und somt üt kein
Gott mehr. V./5 Fiinrahr. du bist ein \'erborgener Gott. Gott /o~rael.1. ein Ret-
ter. V./6 Sie sind beschämt. auch u·urden alle zuschanden. alle :.:usammen
gehen sie in Schimpf dahin. die Giit~enbildner. V./7 Israelwird gerettet durch
Jalnre mit Rettung fiir Ewigkeiten. nicht u·erdet ihr beschämt und nicht u·erdet
ihr zuschanden fiir immer und e1rig. ""J
i1~l11 r"1.1$;:t i~' O':},~;:t N~, ~~~0 ~"1i!l ii},~""iQI$ ii;, ':;> 18
:,ill r~1 iip~ ·;~ C:""Ff ;-gvJ7 Cll$"')=;l ~iirn~' CT;~i~ ~~ii
V./8 Denn .w /rat Ja/ure geo~pmchen. der den Himmel geschaffen/rat. er i.1t der
Gott. der die Erde geformt und o~ie gemacht hat. er u·ar e.1. der o~ie gegründet
/rot. niclrt als Wiiste hat er sie geKhaffen. :um Wolmen hat er o~ie geformt: Nur
ich bin Ja/n,·e und e.1 gibt o~mm keinen!'., {V./9 kh habe nicht im Verborgenen
geredet ... /

VV.I4-15 sind ein Wort an Zion'' 1 mit einer sich anschließenden Anrede an
Jahwe; VV .16-17 sind als eine in sich abgeschlossene Heilszusage an Israel
als Nachtrag zu werten; hier wird in 3. Pers. über Jahwe geredet und ausge-
führt, was VV.I4-15 in der Anrede an Jahwe angesprochen hauen: die
Reuung Israels durch Jahwe:•!

" Stipp. Sondergut 1:15-1:16 ist allerdings bei der Frage einer Verbindung zwischen Jer
.B.I4-26 und Jer 29.10-14 skeptisch.
" Die Ausdrücke Endformel und Zwischenformel für :':iii'-:~: stammen von Wildber-
ger. Jahwewon. 54. ' ' ··.'
,., Für die Übersetzung von V.l5-17 vgl. Hermisson. Deuterojesaja. 29.
Zur Übersetzung vgl. Michel. Jahwe. 8.
'" Vgl. Hermisson. Deuterojesaja ..B.
··: In der Literatur ist die literarkritische Analyse des Abschniues VV.I4-17 umslriuen.
Westerntann etwa grenzt sich von Posilionen. die in den VV.I4-17 eine Einheit sehen wol-
len. ab: er selbst vermutet. dass hier einzelne Fragmente (VV.I4. 15. 16-17) zusammen-
gestdlt sind. Mit V.l8 lässt er einen neuen Abschnitt VV.I8-19 beginnen. der seinerseits als
228 Die ko 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

In V .18 ist m.E. ein weiterer Nachtrag angehängt, formal als Begrün-
dung für die Heilszusage (VV.16-17.''' vgl. Jer 33.17); V.l8 ist nach der
Anrede an Jahwe in V.l5 und der Erläuterung in 3. Pers. in VV.I6-17 als
Jahwerede gestaltet.""' So ergibt sich die Abfolge:
V.l4 Jahwewort
V .15 Wort an Jahwe
VV.I6-17 Erläuterung in 3. Pers.
VV.I8(-19) Jahwewort.
Die Heilszusage (V.I7) ist als indirekter DIREKTIV zu verstehen. weil sie
als eine Aufforderung zum Trost, zur Beständigkeit gemeint ist; danach
kann, wie in diesem Kap. schon an anderen Stellen gezeigt wurde (vgl. z.B.
oben zu Amos), eine mit ki k6 'ämar eingeleitete Aussage zur weiteren
Erläuterung/Begründung angehängt werden.''j
V .18 bringt nun das Thema Schöpfung ein; dieses Thema. das in der
Jahweprädikation der ki k6 'ämar-Formel in V .18 ausgeführt wird (vgl.
auch Kap. 6.3.1 }, ist eines der prominentesten bei Deuterojesaja und in
keiner Weise singulär,''" kann daher ohne weiteres von einer späteren Re-
daktion aufgegriffen sein. Auch der wenig umfängliche Inhalt des Wortes
nach der ki ko 'ämar-Fonnel ist auffällig; es handelt sich um die mehrfach
belegte Verbindung 1il' i'~l i1~i1~ ·;~ (Jes 45,5.6. vgl. auch Jes 45.21 und
Jes 43.11 ); sie stellt in einer Jahwerede noch einmal unmissverständlich
klar. dass es sich bei dem in V.l4 angesprochenen Gott um Jahwe handelt.
Durch den Rekurs auf den Schöpfer Jahwe wird die in V.14 angesprochene
Einzigartigkeit Jahwes auf sein Schöpfungshandeln zurückgeführt.
V.19 nimmt ein Thema aus V.l5 auf; er will klarstellen, dass der ver-
borgene Gott aus V.l5 nicht im Verborgenen redet; mit VV.20ff (V.20
bringt einen Anredewechsel, nun sind die Entronnenen der Völker ange-
sprochen) beginnt eine neue Einheit, allerdings auch wieder wie VV .18-19
in Form einer Jahwerede. So spricht vieles bei V.18(-J9Y7) für einen sekun-
dären Nachtrag, der sich der ki k6 'ämar-Forme1 bedient und deuterojesaja-
nisches Gut als Zitat aufnimmt, um VV.J4--15 präzisierend zu erläutern.

Einleitung für das Folgende fungien: vgl. Westermann. Jesaja. 137ff. Kratz plädien ebenfalls
für .. nicht einheitlich··: er sieht V .16f (im Anschluss an Hermisson) der ..Götzen-Schicht"" zu-
gehörig. vgl. Kratz. Kyros. 99-100.
''' Dafür plädiert Hermisson. Deuterojesaja. 54: .. Die begründende Partikel '::l knüpft
nicht an V.15. sondern an die sekundären [ ... ] Verse 16 und 17 an."
.,. Vgl. Kratz. Kyros. 59-64.
'" Hermisson hält das 1.:i von V .18 für sekundär. weil es in der LXX fehlt. vgl. Her-
misson. Deuterojesaja. 51-52.
'"' Vgl. Preuss. Deuterojesaja. 58-60.
'' 7 Kratz. Kyros. 65. hält V .19 mit VV .24f zusammen für einen weiteren Nachtrag. der
V .18 (und 220 schon voraussetzt
Gestalt und Funktion der ko 'ämar-Formeln bc:i den Schriftpropheten 229

Eine weitere kf ko >ämar-Formel findet sich in Jes 49,25.


Jes 49.25 [V.24 Ka1111 IIWII (voll) eiuem Starken die Beute entreißen oder ka1111 eiuem
Mädrtigen''" ein Gefaugeuer entri11ne11?1
:1):-t~
ir;ll$ ;,::-·~ 25
~7.rr r'!-? ;-;ip";'r;l1 r.~: ii:l~ ·~t:l-c~
:.p'Qi~ ·~JI$ T;~-~1 ::J'!I$ ':;lJI$ l:;)'T-~1
11i~t;i~ o~"! o·op1 ::J"')~:r:itS T~;o-~ 'i'l7~t:r:q 26
::?~:: i':;l~ l'7~J11.ltQio :-tp~ -~~ ·~ i~~-',:f 1.!1\:1
V.25 Fünmhr./Defl/1 .w hat Ja/m·e gespmchefl: Auch der Gefat~gefle eitles
Starken ll"ird entrissen 1rerde11 1md die Beute eines Gen·aluärigen n·ird en11·in·
nen. Und mir deiuem Bestreiter streite iclr und deine Siihne befreie iclr. V.26
Und ich lasse deifle Uurerdriicker ihr (eigeues) Fleisch essen und n·ie Most
werde" sie ( ilrr) Bllll triflken. Ut1d dat111 ll"ird alles Flei.Kh erkennefl. da.u iclr
Jah~re bin. der dich gereuer /rar und der diclr ausgehist /rar. der Starke Jakobs.

Im Anschluss an die Frage von V.24 beginnt in V.25 die Antwort; daher ist
das kf aus V.25 möglicherweise deiktisch zu verstehen.'" Versteht man Fra-
gen als DIREKTIVE, läge die übliche Abfolge DIREKTIV - kf ko ,ämar-
Formel vor. 111' Im Hintergrund der Frage von V.24 steht das Geschick Isra-
els im Exil. .,Wir sind die Beute eines Mächtigen geworden, so müssen die
Israeliten im Exil denken, und da ist nichts mehr zu machen, nichts mehr zu
hoffen." 101 Auf diese Frage findet sich nun in VV.25 und 26 eine Antwort.
Von den Grundeinsichten deuterojesajanischer Theologie (vgl. Jes 40,4;
42,14-16; 43,1-4; 44,1-4.6-8 u.a."'~) her kann man die Frage aus V.24, was
die Gesamtrichtung anbelangt, nur so beantworten, wie es VV.25-26 tun.
Wenn Jahwe der Löser ist, wenn er der Herr der Geschichte ist und keiner
sonst. dann muss auch Unmögliches möglich sein, dann muss auch die Beu-
te dem Gewalttätigen entrissen werden können. Wiederum ist diese Aussa-
ge, die ganz von der Grundbotschaft Deuterojesajas herkommt, nicht unbe-
dingt auf eine (spezielle) Offenbarung zurückzuführen; Deuterojesaja oder
einer seiner Fortschreiber kann dies alles von der Grundbotschaft her (vgl.
die oben genannten Stellen) formulieren. Der Text greift dabei zurück auf
Elemente, die uns aus anderen Zusammenhängen bekannt sind: Wester-
mann verweist für die angekündigte Vernichtung der Feinde auf Klagepsal-
men (Ps 35,1; 74,22); 10 ' auffällig ist daneben der Rückgriff auf den Starken
Jakobs (Gen 49,24), der auch in Jes 1.24 vorkommt.

''" I c Qumran. vgl. BHS zur Stelle.


'"' Vgl. zu den Funktionen von ki Kap. 5.3 ..1.
"" Vgl. Wagner. Sprechakte. 239-240.
1" 1 Westerrnann. Jesaja. 180.
111 ~ Nach Kratz sind dies im Übrigen alles der Grundschicht zuzuweisende Belege. vgl.

Kratz. Kyros. 217.


111 ' Vgl. Westerrnann. Jesaja. 17.
230 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Jes 523.4 [... ] •i• ..


' •
'~T'
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'0:., ...~':l1
• 0 • •
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=~q~: .,~~ ii.t1 1 :;:~:: :oro;· ~" ':;l


t:i?~~i~ ·:;:~ 'r,)~i' i~~~ '!~~~~ 2
qi·~-;-o :1::;19 11~~~ '1~'.r. ~~~-~i;i~~~
:~,~~;:\ l:")t;f:?,:; ~?1 Oö)i,;>~~ ::ip :11:1~ iQ~ ;,::,-·:;l 3
i~)7 :11G:i~!:;: 'Q~ri!: o:!~r.l ;,p~ ·~"l~ 'ir;l~ ;,:; ·~ 4
;,1;,~-c~~ ;,5:)-·'?-;,~ :iQ.!tl s :ip~~ o~~~ ii~~1 :::JQ
_,~ i'r;l~1 ;,p~-~~~ ::~·~·;:)~ ro•,·'(~b :l~i! 'Q~ n~7-·~
~~;,0 ::~i·~ P"? ·q~ ·q~ i1!~ P'? 6 :r~~~ ·~ oi•;::
: ·~~.:-:: i~ !90 ~~;-;-·~~-·:;l
V./ Wach auf. wach auf. :ieh deine Stärkt an. Zitm [... ] denn es u·ird kein Un·
besdrnillener und kein Unrtintr mehr :u dir kommen. V.2 Sdriillle dich los
vorn Staub, erhebe (didr). gefangenes Jeru.wlem. iiffirt> deine Hal.ife.ueln. ge-
!(angene Tochter Ziem!
V.3 Denn so hat Jalnre gt>SfJrodren: Umsonst wurdet ihr ''erkauft und nicht um
Silber "·erdet ihr ausgelcüt!
V.4 Denn so hat mein Herr Jahu·e gesprochen: Nach Ägyptt'll ~og mein Volk
am A11/a11g hinab. um sidr dort al.r Gast auf:.ulralten. Und A.uur hat es grwrd-
los bedriickt. V.5 Und mm. was erlebe ich hier? Spruch Jahwes. Ja. mein Volk
ll'urde genommen (um nichts =J ohne zu be:ahlen. seine Beherrscher (jtdoc/r)
riihmen sich, Spruch Ja/nre.r. und immerfort. jeden Tag ll'ird mein Name ge-
lästert. V.6 Darrun soll mein Volk meinen Namen erkennen. damm, an je11em
Tag. dass ich es bin. der redet: Da bin ich.

In VV.I-2 wird Zion aufgerufen, aufzuwachen, sich auf seine Stärke zu be-
sinnen. seine Mutlosigkeit abzuschütteln; die Zeit der Unbeschnittenen und
Unreinen, der Fremden, ist vorbei. Auffällig ist die Gestaltung als Weckruf
mit der Imperativ-Repetition wie in Jes 51,9 und 17 (vgl. auch Jes 40, I).
Dem Weckruf folgen mit Jes 52,3 und 4-6 zwei mit ki ko 'amar-Formeln
eingeleitete Begründungen. Die parallelen Weckrufe in Jes 51,9.17 .""' die
ohne Begründungen stehen, zeigen, dass die Gattung Weckruf nicht
zwangsläufig bzw. aufgrund formaler Konvention nach einer Begründung
verlangt; VV .3-6 gehören daher auch nicht zwangsläufig zu VV .1-2.'"'
Mit den beiden mit ki ko 'amar-Formeln eingeleiteten Textteilen werden
Gründe für den Aufruf aus V .I angeführt. V .3 und V .4 liegen dabei nicht
auf derselben Ebene: 1011 V.3 rekurriert auf ein Thema, das in Jes 40-55

11 ~ Analog zu den weiteren femininen Imperativen dieses Verses ist mit dem Qere zu le-

s.:n [statt K.:tib: ,ni'\~i'\;'i).


111 ' Nur das Qere ist kongruent mit dem folgend.:n V.:rb [Ketib: ,.,Or.].
11 "' Sie sind mindestens formal gleich. wenn auch in Jes 51.9.17 nicht Zion angen:det ist.

in Jes 51.17 aber immerhin Jerusalem: vgl. auch Jes 28,23. Zu den Imperativen vgl. Diehl.
Fonführung des Imperativs. 108-110.
107 Schon Köhler, Deuterojesaja. 47 hält die VV.J~ für nachgetragen.

Hili VV.I-3 unterscheidet auch Jeppesen. Molher Zion. 118 von VV.4-6: in V.4 .. Yahweh
speaks of .my people'", in V.J dagegen spricht er ein ... you· in the masculine plural" an.
Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 231

durch das Stichwort '?~)/erlösen (vgl. Jes 43.1; 44.22. wo eine Zusage des
Erlösens erfolgt ist 11") angeschlagen ist; hier in V.3 wird betont. dass Jahwe
Israel umsonst!C~r} verkauft hat. d.h. ohne einen Preis zu verlangen. dass er
es aber auch wieder ohne Geld auslösen kann; allein Jahwe ist das bestim-
mende Subjekt für diesen Vorgang. sein Handeln ist nicht von einer Gegen-
leistung abhängig. V.3 nimmt das Erlösungsthema aus Jes 43,1 und 44.22
auf und erläutert einen bestimmten Aspekt dieses Geschehens, das Auslö-
sen ohne Geld;' 10 V.3 haftet dadurch etwas Nachgeordnetes an. er führt fort,
was vorher schon gesetzt war; so scheint V.3 ein nachgetragener Text zu
sein. der den Weckruf aus Jes 52.1-2 erläutert und Verbindungen knüpft zu
dem ersten Teil von Deuterojesaja. V.3 bedient sich der ki ko 'ämar-Formel
als formalem Anknüpfungselement;"' der mit dieser Formel eingeleitete
V.3 steht nach dem DIREKTIV von Jes 52.1. womit die nun schon vielfach
beobachtete Zweiheit aus DIREKTIV und nachfolgender. mit ki ko 'ämar
eingeleiteter Begründung. gegeben ist.
VV.4-6 schlagen gegenüber VV.I-2 und V.3 ein neues Thema an: Be-
drückung Israels in der Vergangenheit (als Fremdling in Ägypten. Bedrü-
ckung durch die Assyrer) und der Gegenwart (Unterdrückung durch Baby-
Ion). alle Bedrückungen erfolgten umsonst!C~r}; außerdem unterscheiden
sich V.3 und VV.4-6 in der Bezeichnung Jahwes (V.3: il!il~. V.4: 't'i~
~!;"';~); verknüpft sind V.3 und VV.4-6 u.a. über das Stichwort :J~r:T um-
sonst."2 Auch die VV.4-6 bedienen sich der ki ko 'ämar-Formel als An-
knüpfungselement nach dem DIREKTIV von Jes 52, I. Sie stellen aus einer
wohl sehr späten Perspektive das babylonische Exil in eine Reihe mit den
früheren Bedrückungen; eine Schuld des Volkes ist hier überhaupt nicht
mehr im Blick. Jahwe erscheint hier als der. der mit den Völkern ringt; am
Ende steht das Erkennen des Namens. Auch die Häufung von il,il.-O~:J/
Spruch Jahwes' 11 und die Formel tfl:i:J :Ji~~/an jenem Tag"• w~is~n ~t;r
späte Redaktionsstufen.

"" Vgl. Wagner. Sprechakte. 296-JOO.


"" V.J betrachtet das Auslösen als einen noch bevorstehenden Vorgang: in diesem Punkt
dient V 3 geradezu der Disambiguierung von Jes 43.1 und 44.22. die hinsichtlich ihres
Sprechaktcharakters als DEKLARATIV (so wohl im frühesten deuterojesajanischen Text)
oder als KOMMISSIV (neue Deutung bzw. Umdeutung der DEKLARATIVA im Zusam-
menhang mit messianischen Weissagungen in nachexilischer Zeit. vermutlich innerhalb des
Entstehungsprozesses eines Prolo-. Deutero- und Tritojesaja umfassenden Buches) verstan·
den werden können. Vgl. Wagner. Sprechakte, 299-JOO.
111 Die Formel kann also auf gar keinen Fall weggelassen werden. wie Westermann. Je·

saja. :!00 das vorgeschlagen hat.


II! Vgl. Westermann. Jesaja. 200-201.
"' Vgl. Westermann. Jesaja. 201. Vgl. auch das oben zu Jer 29 Gesagte.
'" Vgl. Michel. Micha. II und 53-54.
232 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Ez 14.21 {V.6 Aufforderung :.ur Abkehr I'Oil den Giit:.en: W. I 2-20 Nur der u·irkliclr Ge-
rechte emgeht dem Gericht.}
-~~~ n.p;:~-·~ ~~ :1):-:~ -;"i~ ir;l~ :1~ ·~ 21
~~!~0~ ~~~~,~~~ ";:1G7~ i~11 :i~! ~~r:t1 :s;-:1 =~~ ::"~!:::
::n~ c·~~'lo;:t :-:;'?.!il
~;-:-:l>;~t :1~:::! 22 ::-:9:::::;n 01~ :·q9~
~:ii~"'-,JJ-:'"\N, C~~T~ :;,"Ni~ ::"..,N :"N::;i" 0~~ ;ii=:~
1' • al •,•: ' : • •,• '," ' : '." •••I ': 1'' 7

itq~-',~ ~ ~'(~,i~--,.p ·~:;;::r i~~ :-:.vl;:r--,.P 0:)9iJ!!


o~;-,·~~-~1 c~l"!-~ ~:0-·~ c~~ 'lOQ~i 23 :;:r·7,;; ·~:;;0
Cl;l '0"~.\)-i~~-'::=? ~ "0'~-V ::J~i} ~? ·~ 0~!?"'!"1
::1):-t~ "t'l~ 0~~
V.2 I Delln .w /rat mein Herr Jalnl't' gespmd1en: Doch 11·ellll iclr meille 1•ier
schlimmen Gerichte schicke. Schll'ert und Hunger und u·ilde Tiere Ulld Pest
:.1tlgegen Jerusalem, um daraus :u tilgen Memd1 und Vieh. V.22 (und) .üelre.
dann bleiben in ihm Entronnene iibrig. die Irinausgeführt u·erdell. Siilme und
Tiiduer. siehe. sie sind Hinaus:iehmde :.u euch. Ulld ihr seht ihreil Weg und
ihre Tateil und ihr triistet euch iiber das Biise. dm iclr 01!( Jermalem kommeil
ließ. alles 1ras ich kommm ließ iiber e.~. V.23 Und sie triistl'll euch. 1renll ilrr
ihreil Weg seht ulld ihre Taten Ulld ihr 1rerdet erkellnell. da.H ich nicht grund-
los getall habe. alles. u·m iclr getall habe all ilrm. Spmclr meines Herrn Jalnre.

Pohlmann hat sicher Recht, wenn er hervorhebt. dass die VV.21-23 Stel-
lung nehmen zur Frage. die sich von VV.I2-20 her (These dieser Verse:
Nur die Gerechten entgehen dem Gericht) stellt. der Frage nämlich, ob die
(der Katastrophe von 587) Entronnenen aus Jerusalem als Gerechte einzu-
stufen sind .. und ihnen daraufhin ein besonderer Rang zuzuerkennen war"
oder nicht.''~ Der Text wertet die Entronnenen stark ab, sieht sie nur als
Trost für diejenigen. aus deren Perspektive der Text spricht. wohl den zehn
Jahre zuvor nach Babylonien Weggeführten. Pohlmann weist auch darauf
hin. dass sich VV.21-23 starkam Material von VV.I2-20 orientieren; er
hält die Verse für spät. weil sie ..deutlich schon auf diese Katastrophe" zu-
rückblicken.'" und für redaktionell. weil sie besonders die VV.I2-20 auf-
nehmen. in einer bestimmten Weise korrigieren und die Texte Ez 14.1-11.
12-20 mit Ez 15 verknüpfen:
.. Die Anknüpfung der redaktionell erstellten Einheit 14,21-23 an den vorgegc:-
benen Text 14,1-11.12-20 gelingt mit Hilfe der Wiederaufnahme der in 14,12-
20 vorgestellten Unheilsmächte .Hunger, wildes Getier, Schwert und Pest'
(V .13.15.17 .19) in V.21. und zwar in abweichender Reihenfolge ,Schwc:rt. Hun-
ger. wildes Getier und Pest' deswegen, weil so anders als im vorausgehc:nden
Kontext stringenter die Katastrophenabfolge für Jerusalem Krieg/Belagerung
und die entsprechenden Auswirkungen deutlich zu machen war. [ln einc:r An-
merkung dazu schreibt Pohlmann: Vom Hunger ist häulig in Verbindung mit
Schwert und Pest als Unheilsmächten die Rede:: vgl.: .Schwc:rt. Hungc:r. Pc:st'

Pohlmann. Hesekiei/Ezechiel. 205.


11 '

Pohlmann. Hesekiei!Ezechiel. 204. Auch Zimmerli hal VV.22b-2Ja als N;ll'hinler-


11 "

prelalion gewenel. Vgl. Zimmerli. Ezechiel. .~2J.


Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 233

(so die verbreitetste Abfolge) in Ez 6,11: 12.16: vgl. Jer 14.12: 24,10: 28.8;
29.17: 32,14:42.17:44.13 u.ö.: .Schwert. Pest. Hunger' in Ez 7.15: andere Ab-
folgen in Ez 5,12 (,Pest, Hunger. Schwert. Zerstreuung'; vgl. Lev 26.23-33): Ez
14.13ff. (,Hunger, wilde Tiere. Schwert. Pest'): 14.21 (,Schwert. Hunger, wilde
Til!re, Pest'): 33.27 (.Schwert. Tiere. Pest'): vgl. noch Jer 5.12: 11.22: 14.13
(.Schwert, Hunger'); Jer 15.2 (,Tod. Schwert. Hunger, Gefangenschaft').) Es
wird sich zeigen, daß auch Ez 15.6-8 Bestandteil des golaorientierten Bezie-
hungsgeflechts ist und auf die gleiche redaktionelle Hand zurückgeht. die so-
wohl in 14,21-23 wie auch in 33.21 ff. (vgl. besonders V.27ff.) greitbar ist und
dort speziell in buchkonzeptioneller Hinsicht das besondere eigene Aussagean-
1iegen der Go1afavorisierung durchsetzt. " 117
Der Verfasser von VV.21-23 knüpft entweder formal an Ez 14,6 (DIREK-
TIV) an oder er bezieht sich auf die Rede 14,12-20. die zum Orientieren an
den Gerechten auffordert und zu der er eine Begründung nachliefern will:
so oder so bleibt auf der Textoberfläche der (textgrammatisch) korrekte Zu-
sammenhang gewahrt. Der Verfasser leitet die Begründung mit einer ki ko
'ämar ( ... ) yhwh-Formel ein. die den Nachtrag als Wort Jahwes ausweist.
Ähnliche mit einer kf ko 'ämar (. .. ) yhwh-Formel eingeleitete Nachträge
finden sich in Ez 16,59;m 23.28; 11 '' 23.46;' 10 25,6;' 11 26,19;' 11 34,11' 1 'P

Jes 56.4 ;"TP,l~ 1b~~ ~~t;iQ 1i~~ :"l);"':~ iQI$ iÜ:l I


:ni?p7 ·;:-.;:n~1 ~i:~7 ·;:-..v1o~ :-r;ii?.-·~
Cl~ p·r::r~ c11n:;f1 ~~-:-r~~r oiJ~ ·1~~ 2
:l1T?~ :-.itv.P,~ ii: i~izi1 i?'?r:r~ :i~Q i~t:i
ib~'?. :-:p~-.,~ :-r 17~::t -q~:n~ ir;~·-.,~~ 3
=iD~: r-P ·;~ F! o·"')9::t iQK·-?~ 1 i~.P ?.p~ ;iJ:-r~ -~~·1:;~ ?1:;J::t
'i}i:i~Q-~ 1i9t;.i~ ii;i~ 0'0'"19'? ;'1):1~ ir;ll$ ;'ij-·~ 4
:';:'\'i:f~ ::·p·r;::Q1 'i'\~~r:r it;/~:; 1i;:J~1

1 ' 7 Pohlmann. Hesekiei/Ezechiel. 206.

'" Vgl. Fuhs. Ezechiel. 87: .. Das Wort [Ez 16.59-6J) stammt nicht von Ez. Es greift zu-
rück auf den Gedanken der Wende (420 und entfalle! ihn unter dem Aspekt des neuen Bun·
des."
11 '' Vgl. Fuhs. Ezechiel. 124: .. Das in sich abgeschlossene begründete Drohwort wirkt wie

ein Nachtrag. Es faßt noch einmal die Vergehen Israels zusammen. [... ] Die Drohung ent-
spricht inhahlich gerafft der Gerichtsansage in 22-27."
1101 Vgl. Fuhs. Ezechiel. 126: .. Der Verfasser dieses Stückes ist weit entfernt vom Geist

des Propheten. Ihm geht es darum. überkommenes Prophetenwort für den Alltag nutzbar zu
machen. Dazu verwendet er auf eigentümliche Weise Motive aus [Kap.] 16 20 und D."
111 Greift zurück auf Ez 6.11 ff.
111 Ez 26.19 enthält vergleichbares Material wie in Ez 28.8: J 1.15-18: J2.17-J2: Jes

14.9-11.15. Vgl. Zimmerli. Ezechiel. 612.


11 ' Enge Berührung von Ez J4.11 ff mit Jes 40.11.
11 ' Nicht ganz klar sind Ez 29. D und J2.11.
234 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

[... ) ::Jio C~) i: ·~irr:;n ';}':;)~ ::l:J'? ';:1;}~1 s


:C'I;).!.J;:t-"~'7 ~~~: :-i'p:;li;1-:i'~ ';}'; ':;> [... ) 7
V. I So spricht Jahn·e: Bewahrt Ret·ht und tut ~· dciqci (Redlila I). denn nahe ist
meine Hilfe. l.ll kommen. und meine ~· dciqä. sich ~~~ emhiillen.
V.2 Gliicklidr der Mann. der dieses tlll. der Mensch. der daran festhält. indem
er den Sabbat bell"ahrt, ilm nicht ~rt mnreilren. indem er seine Hartd bell'ahrt.
kein Biises Zll tun.
V.3 Und nicht sage der Fremdling. der sich Jalm·e angeschlossen hat: Ge11"i.ls
11'ill Jah1re mich abtrennen 1'1111 seinem Volk.' Und nicht sage der Verse/mille·
ne: Fürwahr. ich bin ein abge.Horbener Bartm. VA Denn .w hat Jalm·e ge·
sprachen: Was die Versdrnillenen angeht. die meine Sabbate halten und die
em·ählt haben. II"O.t mir gefällt. rtnd die Jenhalten an meinem Brtnd · V.5 ihnen
gebe ich in meinem Horts rtnd in meinen Martern Hand I Denkmal) rtnd einen
besseren Namen[ ... ) V.7 [... ]denn mein Hau.t ll"ird .Haus des Gebe/J· genannt
fiir alle Viilker.

VV.I-8 bilden den Anfang von Tritojesaja. 11~ VV.I und 2 thematisieren da-
bei grundsätzliche Bedingungen. wie man in einem rechten Verhältnis zu
Jahwe steht. Steck denkt an "Heilsteilhaber aus Israeliten (56, I in Aufnah-
me von 46, 12f)" und ,,Nichtisraeliten (56,2!)", der Rekurs auf beide Grup-
pen diene als zweiteilige Exposition zum Folgenden. 116 M.E. ist es keine
echte Alternative, hier V.I als Bucheinleitung von den folgenden VV.2-8
zu separieren (so Koenen 12'). oder VV.I-8 insgesamt als Bucheingangstext
zu werten (so Steckux); an einer .. Distinktion" von V. I (gegenüber den fol-
genden Versen) ist auch dann festzuhalten (gegen Steck!.!''). wenn man
VV.I-8 insgesamt als "Redaktionstext" mit Brückenfunktion (besonders
mit Blick auf Jes 46; 55 und Protojesaja einerseits und nachfolgenden Tex-

11 ~ Vgl. Steck, Studien, 244 u.ö.


11" Vgl. Steck, Studien. 244.
117 Die Position. dass etwa V .I aufgrund d!!r Einleitungs-Funktionen dieses V!!rses für
das ganze Buch Tritojesaja stärker von VV .2-8 abzusetzen sei als bei Steck. findet sich z.B.
bei Koenen. Ethik, 12; vgl. auch Smith. Rhetoric. 66 u.ö.
11 " Steck. Studien, 244.

I .!'I Steck will- im Gegensatz zu Koenen- auf .. Distinktionen innl!rhalb [Jes 56.1-8 als]

ein!!s R!!daktionstextes" verzichten. weil er. wie oben kurz beschrieben. V.l und V.2 als dop-
pelte Exposition sieht. Steck. Studien. 244. Aber m.E. schenkt diese Ansicht Stecks den Un-
terschi!!den von V .I und V .2 zu wenig Beachtung: V.2 ist weniger gleichgewichtig zu denken
als die Rede von einer doppelten Exposition nahe! legt; dass V .2 gegenüber V.I nachgeordnet
ist. zeigt m.E. schon die Tatsache. dass Sabbat halten nur eine der in V .I möglichen Rechtta-
ten ist. also eine Präzisierung von V .I darstellt und somit eine viel geringere begriffliche
Extension hat. Auch der formale Unterschied ist zu beachten: V .I ist als Jahwerede gestaltet.
V.2 als 'i~-Spruch; ob die Bezüge zwischen V.2 und V.l über das Demonstrativpronomen
~t und das Suffix i1- so klar sind, wie manche meinen (vgl. die Diskussion bei Koenen.
Ethik. II ). ist zumindest für ~t nach der Untersuchung von Ehlich, Deixis in Frage zu stel-
len: nach Ehlich sind die hebräischen Demonstrativa durchweg kataphorisch. weisen somit
nicht zurück. Das Jahwewort von V .I reicht also in mehrerlei Hinsicht weiter als der Spruch
aus V.2. der ein bestimmtes Verhalten im Blick hat.
Gestall und Funktion der ko 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 235

ten in Jes 56,9ff. andererseits 110 ) sieht. Man darf die Gedankenfolge in Jes
56.1-8 selbst nicht außer Acht lassen; 111 und innerhalb dieses Textes lassen
sich eben doch verschiedene Distinktionen treffen, auch wenn sie nicht In-
dizien einer literarkritischen Scheidung sind. Dass der Text insgesamt die
von Steck beschriebenen Funktionen hat. liegt auf einer anderen Ebene.
Bei der Frage nach der Funktion der ki ko 'ämar yhwh-Formel in Jes
56,4 ist nun jedoch gerade der Gedankenentwicklung innerhalb des Textes
von V. I bis V.8 große Aufmerksamkeit zu schenken. Die Denkrichtung des
Textes hat schon Michel als von V. I ausgehend beschrieben: Michel sieht
V. I als am weitesten reichendes Jahwewort, V.2 als Auslegung dieses Wor-
tes und VV.3-7(8) als situationsbezogene Anwendung dieser Auslegung. 11 !
Konkretisierende Aussagen zum Jahwewort und zur Auslegung (aus VV.
1-2) werden gemacht, indem eine aktuelle Forderung formuliert wird (V.3);
diese wiederum wird begründet. eingeleitet mit einer ki ko 'ämar-Formel.
wobei in der Begründung nicht nur auf fern liegendes Material zurückge-
griffen wird, sondern vor allem auf den unmittelbaren Nahkotext (V.2);
seine Aussage. dass derjenige Heilsteilhabe hat. der den Sabbat hält, wird
hinsichtlich der Adressatengruppe zugespitzt: V.3 fordert den Fremde~~ und
den Verschnittenen auf. sofern sie sich Jahwe angeschlossen haben. sich

1 ~'
Vgl. Steck. Studien. 244-248.
111 Zuweilen hebt auch Steck hervor. dass Jes 56.1-8 auf einer anderen. eigenen ..literari-
schen Ebene" liegt als Jes 55. dass er nicht die .. ursprüngliche Fortsetzung" von Jes 55 ist.
Steck. Beobachtungen. 170. So muss man diesen Text aber auch in seiner Eigenständigkeil
wahrnehmen.
l1! Vgl. Michel. Eigenart. 191-192. Ähnlich resümiert Lau. Schriftgelehrte Prophetie.
265: .. V.2-7 ist eine .prophetische Thora'." [mit Lit. !I .Jes 56.1 wird schließlich dem Ganzen
als Überschrift (wohl zu 56-66 insgesamt) - mit vielen Textbezügen -vorangestellt worden
sein." A.a.O. 279. Allerdings ist m.E. die Wertung als Thora vage: auch der Einschnill zwi-
schen V.2 und VV.3-7 ist wohl stärker zu betonen als bei Lau. vgl. a.a.O. 266-279. Warum
sich Lau der Wertung von Jes 56.2-7 als schriftgeiehrte Prophetie enthalten will (.. Die .pro-
phetische Thora· [gemeint ist: Jes 56.2-71 kann kaum als Schriftgelehrte Prophetie bezeichnet
werden." a.a.O. 279). ist mir nicht ersichtlich. Die Thora. wenn man die Bezeichnung hier
anwenden will. ist. was die VV.4-7 angeht. doch gerade aus V.2 heraus entwickelt (Gedan-
kengang: Wenn der Mann glücklich zu preisen ist. der den Sabbat hält. dann kommt es auf
das Sabbathalten an. Wenn es auf das Sabbathalten ankommt. müssen andere Merkmale wie
Verschnillenheit oder Fremdheit in den Hintergrund treten. dann dürfen die Gruppen. die von
diesen Merkmalen betroffen sind. nicht deswegen aus der Jahwegemeinschaft ausgegrenzt
werden). Koenen. Ethik. 15-27 betont die Bedeutung von V.2 als Klammertext (ähnlich wie
Jes 57 .I f und 57.20(): ein weiterer Klammertext liegt mit VV --~-8 (zusammen mit Jes
66.18-22) vor. Alle Einheiten von Jes 56.1-8 stammen nach Koenen vom selben Verfasser
(dem Redaktor). Trotz dieser möglichen Verklammerungswirkungen mit dem größeren Text-
ganzen bis Kap. 66 bzw. mit noch größeren Bezügen bis in den Bereich von Protojesaja.
wenn man Steck. Studien. 247-248 folgt. bleibt aber der Prozess der konkretisierenden Aus-
legung im Binnentext von VV.I-8 beobachtbar.
236 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

nicht zu separieren; er stellt (mit den folgenden Versen) eine Abrogation


von Dtn 23.2-7 dar.'" VV.4ff liefern dazu eine ausführliche Begründung:
a) VV .4 und 5 rekurrieren auf den in V .2 schon thematisierten Sabbat.
der seit dem Exil als Bekenntniszeichen in den Vordergrund gestellt wurde.
Wird er gehalten, ist er als Zeichen der Zugehörigkeit zur Jahwe-Gemeinde
ein gewichtigeres Kriterium als die Frage nach der Zugehörigkeit zum Volk
oder nach dem Verschniuensein. Das Nämliche gilt für den Bund und alles,
,.was Jahwe gefällt"; Smith weist darauf hin, dass hier eine an Jes 55,3 an-
schließende Spezifizierung des Bundesgedankens vorliegen könnte.''•
b) V.7b dürfte in Zusammenhang stehen mit I.Kön 8.41-43. Insgesamt
findet sich hier die typische (vgl. die anderen Belege für diese Formel in
diesem Kapitel) Konstellation für die kf ko 'ämar-Formel, indem sie an
einen DIREKTIV (V.3) anschließt und eine Begründung für die Aufforde-
rung liefert.
Durch die Nahverflechtung (Rückbezug von VV.4 und 5 auf V.2; dort
Rückbezug auf V .I) ist der Auslegungscharakter des Textes deutlich er-
kennbar. Dieser Auslegungscharakter kommt nicht erst durch die Verwen-
dung der kf ko 'ämar-Formel zustande. Auf diese Art wie in Jes 56,1 ff.
kann in etlichen späten Texten des AT Auslegung geschehen.''~ Interessant
ist nun, dass in diesem Auslegungsprozess eine kf ko 'ämar-Formel zur An-
wendung kam. Sie beseitigt durch die Rückführung der Aussage auf Jahwe
jeden Zweifel, dass hier eine Aussage unter der Autorität eines Jahwewor-
tes getroffen werden sollte; sie macht die Autoritätsstrukturen im Ausle-
gungsprozess explizit klar, indem sie durch den Rückbezug auf V.2 (Sab-
bat) die von V.3 vorgenommene Konkretisierung auch in der Begründung
aufnimmt und sie derselben Dignität unterstellt wie V.2 (der mindestens im
jetzigen Kotext nach V .I und nach dessen Einleitung als Jahwewort aufge-
fasst werden kann). Die Funktion der Formel ist hier also im Vergleich zu
anderen, bei denen der Zitiervorgang stärker im Vordergrund steht, dass die
auslegende Konkretisierung (wie sie schon in V.3 erkennbar i~t) in das Zitat
(von V.2 Sabbathalten gewährt Heilsteilhabe) hineingenommen ist (Sabbat-
halten gewährt Heilsteilhabe auch für Fremde und Verschnittene).
Für die zeitliche Einordnung des Textes Jes 56.1-8 ist der Gedanke ent-
scheidend, dass insgesamt die Heilsteilhabe an das Verhalten bzw. das Hal-
ten des Sabbatgebotes etc. geknüpft ist und nicht an eine Volkszugehörig-
keit o.ä. Koenen denkt bei der Datierung an einen Redaktor der tritojesaja-
nischen Textsammlung, der in der Zeit Esras und Nehemias gegen deren

'" ln diesem Text wird .. Eunuchen und beslirnmten Fremdlingen der Zutritt zur Gc:mein·
de verwc:hrr·. so Koenen. Ethik. 30. Zur Abrogation von Dtn 23 vgl. Donner. Jesaja LVI.
81-95.
"• Vgl. Smith. Rhetoric. 64; dies im Anschluss an Koenc:n. Ethik. 229-230; Steck. Bc:-
obachtungc:n. 170 und ders .• Studien. 230. die: beide noch einmal besonders auf den Zusam-
mc:nhang von Jes 55 und 56 hingewic:sc:n haben.
'" Vgl. Fishbanc:. Biblicallnterpretation.
Gestalt und Funktion der kn 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 237

ausländerfeindlichen Kurs Stellung bezogen hat: .,Diese Texte [darunter


56, 1-8] stammen von einem Redaktor aus der zweiten Hälfte des 5. Jahr-
hunderts. In einer Zeit. in der die von Nehemia und Esra betriebene Aus-
ländervertreibung zu einer Spaltung in der Gemeinde führt, macht er sich
zum Sprecher der schwächeren. ausländerfreundlichen Gruppe."'"' Steck
geht mit der Datierung des Textes weiter herab; er sieht einen Zusammen-
hang von Jes 56,1-8 mit Jes 63.7-64. II aus dem letzten Textblock des Bu-
ches. einem Text. den er in Verbindung mit der .,ersten Zeit konsolidierter
Ptolemäerherrschaft in Palästina" bringtY 7 So kommt man auf die Zeit um
ca. 300 v.Chr.
Jes57.15 :'Q.ll TTV~ -,ii.:i=?Q 'lr.'!~ l1T1~;l 1?o-,?= iQ~) 14
iD~ ~i.,P.1 -:.p ~~ö ~Üi~! :r: i~~ :-;j ·~ 15
r'!1i--,;l~1 ~fTi'tS)li~~~ ~i"1P,) Oii'T
:0'19l~ :::'?. r:i•q;:r'71 o·'?~~ r'!1i ni'i1::r'?
V. J.l Und er sag/: Schiillel auf. schiillel auf. bahne/ einen Weg. hebl auf den
Answß 1•om Weg meines Volkes. V. I 5 denn so hal der Hohe und Herausra·
gende gesprochen. der eu·ig 1mh111 und dessen Name heilig isl: Jn der Hiihe
und als Heiliger 1mhne ich und bei dem Ver:aglen und dem demiiligen Sinnes.
um den Sinn der Demiiligen :u beleben und das Her: der Ver;:aglen :u bele·
ben.

V.l4 rekurriert ohne Zweifel auf Jes 40,3,''x allerdings wird hier der Sinn
abgewandelt: es geht nicht mehr um eine Bahn in der Wüste. die den Exi-
lierten Heimkehr ermöglichen soll, sondern um den Weg, auf dem Jahwes
Hilfe kommen soll.
Der Text entspricht mit den durch die Imperative in V.l4 indizierten
DIREKTIVEN Sprechhandlungen und einem nachfolgenden, mit einer kf
ko >ämar-Formel eingeleiteten Textstück. dem geläufigen Muster der Texte
mit einer kf ko >ämar-Formel.
Auffällig ist das in V.l4 vorangestellte i0~1Y'' In Rekurs auf Jes 40,3
könnte es sich auf die dort sprechende Stimme beziehen. Bezieht man es
auf den Sprecher des vorausgehenden Textes. dann führt es hier eine Jah-
werede fort; für diese letztere Auffassung spricht auch die Bezeichnung des
Volkes als mein Volk, was wohl Jahwe als Sprecher voraussetzt.
Ist der Sprecher von V.l4 Jahwe, besteht eine Doppelung gegenüber der
dann nochmaligen Sprechereinführung durch die ki ko >ämar-Formel in
V.l5. Was leistet diese Formel hier?
V.l4 knüpft an Jes 40,3 an. allerdings handelt es sich ja nicht um ein
wörtliches Zitat. sondern um eine zwar deutliche. aber eben nicht wörtliche

''• Koenen, Ethik. 239-240.


1n Steck. Studien. 242.
''" Vgl. Koenen. Ethik. 53-54; Steck. Studien. 208; Lau. Schriftgelehne Prophetie. 119;
Smith. Rhetoric. 88.
"'' Vgl. die Diskussion bei Koenen. Ethik. 48-49.
238 Die kö 'ämur-Fonneln bl!i den sog. Schriftpropheten

Bezugnahme. Neu bzw. gegenüber Jes 40,3ff. variiert ist in Jes 57.14 die
Frage des Anstoßes auf dem Weg des Volkes. der aufgehoben werden soll.
Worin besteht dieser Anstoß? Die Antwort kann nur in VV.I5ff gesucht
werden; VV .15ff bringen eine Begründung/Erklärung, die mit einer kf kiJ
'ämar-Formel eingeleitet ist; sie bringt das oben angesprochene Problem
der doppelten Absenderangabe mit sich, weil sie VV.I5f (erneut) als Wort
Jahwes einführt. Doch muss die Tatsache. dass hier ein Jahwewort (V .14)
durch weitere Jahweworte (VV .15ft) erklärt wird, auf der schriftgeiehrten
Ebene, auf der dieser Text arbeitet. nicht verwundern. Der Text versucht.
das von Jes 40,3ff her aufgenommene Jahwewort durch andere auf Jahwe
zurückgeführte/zurückzuführende Gedanken zu erklären, um durch die
Kombination zu einer Neuaussage zu kommen. Um die Aufnahme von an-
derem Jahwegut explizit zu machen. gebraucht der Text die kf ko 'ämar-
Formel.
Die Aufnahme von Traditionsmaterial braucht nur am Beispiel von V.l5
gezeigt zu werden, da sich das Verfahren im weiteren Text nicht ändert.
Der Vers hebt hervor. dass Jahwe auch bei den Verzagten (~~'1) und De-
mütigen (i11i-'?;Jtq) ist; dabei gebraucht er Wendungen. die auch bei sach-
verwandten Texten des AT zu finden sind. vgl. z.B. Ps 113,5-9 ('?"1.
1i'=?t$ ); 51,19 (i1l;ltq~ i11i, i1~\~l i;l~;-:::17. ); Jes 61,1 <=n;~. ::J7.-·"'1~t;); );
66,2 ('~~. i11i-i1:;:m u.a. Wenn auch nicht in jedem Fall klar ist, ob die ge-
nannten parallelen Texte älter sind. so zeigen sie doch, dass die in Jes 57.15
aufgenommenen Gedanken nicht singulär sind; und sicher liegt es hier nä-
her, statt eines geoffenbarten (und mit einer ,.Botenformel" eingeleiteten)
Wortes einen (durch kf ko 'ämar explizit gemachten) Rekurs auf Bekanntes
anzunehmen.
Einen Hinweis auf den gesuchten Anstoß von V.l4 gibt m.E. wiederum
die kf ko 'ämar-Formel aus V.l5: sehr auffällig (und an Deuterojesaja erin-
nernd. vgl. unten Kap. 6.3.1) ist die lange Prädikation (hier anstelle des
Namens Jahwe): denn so hat der Hohe und Herausragende gesprochen, der
ewig wohnt und dessen Name heilig ist. Diese Formulierung hat infolge
ihrer Länge und der Vermeidung des Namens eine hohe Signalwirkung.
Auffälligerweise unterscheidet sich dann der Inhalt des nachfolgend in V .15
zu Jahwes Sein Gesagten von der Prädikation in der Formel: dort kommt
zur mit der Prädikation der Formel sinngleichen Beschreibung ln der Höhe
und als Heiliger wohne ich eine weitere Aussage hinzu: und bei dem Ver-
zagten und dem demütigen Sinnes. In diesem gegenüber der Prädikation in
der ki ko 'ämar-Formel Überschüssigen dürfte die Spitze der Aussage lie-
gen: Jahwe ist nicht nur in der Höhe. sondern auch - hier ist das koordinie-
rende wa»./und des Textes nicht zu übergehen! - bei den Verzagten und
denen demütigen Sinnes. Der Anstoß lag also darin. dass Jahwe nicht auch
bei den Verzagten, sondern nur in der Höhe gedacht wurde. Dieses von
Menschen aufgebaute Hindernis sollte nun auch wiederum von Menschen
Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 239

behoben werden. So dürften durch die Imperative aus V.l4 nicht .. himmli-
sche Wesen".'-~<' sondern doch eher die .,Volksführer"'•' angesprochen sein;
wird die Aufforderung von V.l4 befolgt, dann gilt: Friede, Friede fiirfem
und nah! (V.I9).
Jes 66.12 {V./0 Freut euch mil Jeru.wlem (... ))
:1p~ ir;l~ :1:-·~ 12
'l~itz.i .,~J;::r~ :i.,~ i;:TP ::r·~~-:-Ti;J ·~rr
:wtij~tlj~ c:~:::;:-'.v: ~t:7~1;1 ,~...,.P CQ?,r! c:i~ ,;::lf
V./2 denn so hat Jahll·e gnpmchen: Ich bin im Begriff zu ihr hin aus:.ubreiten
~rie einen Stmm Frieden und •rie einen striimenden Bach Reich111m der Vii/ker.
Und ihr ,,·erdet saugen. ihr uudet auf der Seite (Hiifte) getragen und auf bei-
den Knien ll'erdet ihr liebkost. {V./3 Wie jemand. den uine Muuer triistet . .w
triiste ich euch. und in/an/durch Jerusa/em u·erdet ihr getriistet. 1
V.l2 steht als Begründung nach dem Aufruf in V.IO. V.l3 nimmt Material
auf. wie es ähnlich auch in Jes 49.15 u.a. vorkommt (Vergisst etwa eine
Frau ihren Säugling, ohne sich des Sohnes ihres Mutterleibes zu erbar-
men?). Bedeutsam für Jes 66,12 ist auch Jes 48,17-19; den bildliehen Ver-
gleich von Strom und Frieden gibt es nur in diesen beiden Stellen.'•! Wie-
derum dient hier die ki ko 'ämar-Formel dazu, eine Aufforderung zu be-
gründen mit Gedanken, die durch die Formel explizit als Jahweworte aus-
gewiesen werden, die aber nicht aus einer speziellen Offenbarung, sondern
aus anderen, vorwiegend deuterojesajanischen Texten stammen.

Biindelung und Folgerungen: In Kap. 5.3.3 wurde ein Zugang zu der ki ko


'ämar-Formel von ihrem Vorkommen in den erzählenden Texten des AT
her gesucht; Erzähltexte geben mehr Hinweise zum Verständnis der Situa-
tion. in der ein Wort, das mit einer ki ko 'ämar-Formel eingeleitet wird,
angesiedelt ist. Aus der Untersuchung dieser Fälle ergab sich, dass man die
ki kö 'ämar-Formel am treffendsten als Zitatformel verstehen kann. Außer-
dem war eine Kombination aus DIREKTIV und einer nachfolgenden und
mit einer kf ko 'ämar-Formel eingeleiteten Begründung zu beobachten. Zi-
tieren und Begründen stellen dabei keine Alternativen dar, sondern sind
Ausdruck der Multifunktionalität der Formel (vgl. Kap. 3.3.4 und 3.3.9).
Die in der Schriftprophetie vorkommenden ki ko 'ämar-Formeln konn-
ten nun hinsichtlich ihrer Stellung im Text und ihrer Grundfunktion ähnlich
beurteilt werden wie diejenigen in der erzählenden Literatur:

''"' Koenen. Elhik. 54.


"' Sleck. BeobachiUngen. 172.
••! Vgl. Zimmerli. Sprache. 217-2.U: Lau. Schriflgelehne Prophelie. IJ I. Carr sieh! -
auf den Pfaden von Sleck. Sludien. 257-262 u.ö.- Jes 66.12 als einen Bauslein in den Kapi-
leln Jes 65-66, die ..a s1ra1egic. seleclive presenlalion of cenlral lhemes from lhe lsaiah lradi-
lion" darslellen. vgl. Carr. Reading lsaiah. 214. ln Korrespondenz mil Jes I slellen sie damil
..lhe linal word on lhe lsaiah lradilion" dar (a.a.O. 214).
240 Die ko 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

- Auch die ki ko 'ämar-Formel bei den Schriftpropheten kommt nicht


selbständig und nicht in Erststellung in einem Text vor; sie steht nach ei-
nem DIREKTIV und sie hat begründende Funktion. 1•' In diesen Punkten ist
der Gebrauch der Fonnel im AT also einheitlich.
- Ebenfalls ist deutlich, dass von den besprochenen schriftprophetischen
Belegen her die Funktion der ki ko 'ämar-Formel die einer Zitatformel ist.
Zitate sind dabei an einigen Stellen durch teilweise wörtliche Entsprechun-
gen aufgewiesen worden (Jer 4,3//Hos I0,12), in der Regel aber sind Zitate
nicht als wortwörtliche Wiederholungen zu verstehen, sondern als Wieder-
aufnahmen von Gedanken, Inhalten. geprägten Wendungen. Sprichwörtern.
früheren Prophetenworten etc .. die einerseits am Zitierten (fonnal oder in-
haltlich) so stark anknüpfen, dass der Zitatcharakter noch erkennbar ist, die
aber andererseits das Zitierte schon abwandeln und für die beabsichtigte
Neuaussage zuschneiden, Aktualisierungen einfügen u.ä. Fonn und Inhalt
des zitierten Materials sind nicht einheitlich; weder gibt es bestimmte The-
men oder Topoi, die besonders gerne zitiert werden, noch folgt das Zitierte
einer bestimmten Fonn/Gattung.
Eine zentrale Frage ist diejenige nach der zeitlichen Einordnung der ki
ko 'ämar-Fonnel. Gebrauchen schon die großen vorexilischen Propheten
die ki ko 'ämar-Formel oder liegt eine rein redaktionelle Erscheinung. eine
Technik erst der prophetischen Prophetenauslegung vor? - Letzteres ist
m.E. zu verneinen. Die Analyse von Am 5,4-5 hat ein Amos-Wort als den
möglicherweise ältesten Beleg eines Textes mit ki ko 'ämar-Fonnel gezeigt;
doch steht dieses Wort nicht allein; schon die Redaktion, die analog zu dem
Wort Am 5,4-5 bei der Komposition von Am 5,1 ff Am 5,3 eingefügt hat,
zeigt ein Aufgreifen dieser Praxis und ist selbst ja ein Werk der vorexili-
schen Zeit. Eine weitere wichtige Belegstelle in diesem Zusammenhang
dürfte einmal mehr Amos 7 ,II sein. Die darin enthaltene ki ko 'ämar-For-
mel wurde von der bisherigen Forschung auch nie als später nachgetragene
Fonnel verdächtigt, da sie ja zum Urgestein dieser Erzählung gehört. So
kommen wir auch mit dieser zentralen Stelle in die Zeit relativ bald nach
Amos; Rollzoll denkt an Schüler des Amos noch vor der judäischen Re-
daktion von 722 v.Chr.; 1•• Jeremias geht davon aus, dass Am 7,10-17 zu
den (älteren) Amostexten gehört, die im Jahrhundert des Propheten Jeremia
.,kombiniert wurden, um sich gegenseitig zu deuten".'"~ Auch die bespro-
chenen Texte des Propheten Jeremia weisen z.T. in die vorexilische Zeit.
vgl. Jer 10,18, vielleicht auch Jer 4.1-3. Die Formel dürfte also bereits in
der Zeit der späteren großen vorexilischen Propheten geläutig gewesen
sein. Die ki ko 'ämar-Formel ist fast ausschließlich im prophetischen Kon-
text (53 Belege im Bereich der Schriftprophetie, 6 Belege in den Erzählbü-

"·' Zu Jes 49.25 vgl. oben.


1.., Vgl. Ronzoll. Studien. 286.
1•·' J«!remias. Amos. XXI.
Gestalt und Funktion der kfi 'ämar-Forrneln bei den Schriftpropheten 241

ehern in prophetischem Kotext. vgl. Kap. 5.3.3) bzw. nur mit Jahwe als
Subjekt belegt.'-~<~ Sie ist weiterentwickelt aus der kö >ämar-Formel und ge-
hört damit zu denjenigen Sprachformen. die von den Propheten und den Be-
arbeitern der prophetischen Tradition des 8./7. Jh.v.Chr. aufgenommen und
umgeprägt worden sind. Als Zitatformel entwickelt sich die ki k6 >ämar-
Formel zu einer Formel. die von späteren Redaktoren und Schriftauslegern
benutzt wird. wenn sie Texte auslegen (Bsp. Jer 29.1 0-14; Tritojesaja; Jer
33 ).'• 7 Einzelnen Schichten lässt sich diese Formel nicht zuweisen.
Beim Gebrauch der ki k6 >ämar yhwh-Formeln sind zwei Hauptfunktio-
nen erkennbar:
a) Die ki kö >ämar-Formeln werden herangezogen. um auf der Grundla-
ge von zitierten Überlieferungen neue Aussagen zu machen. Der Gedanken-
weg dürfte ungefähr so nachzuzeichnen sein: Materialer Ausgangspunkt ist
das nach der ki kö >ämar yhwh-Formel Gesagte und die Analyse und Aus-
einandersetzung mit einem (zeitlich. lokal o.ä.) neuen Kontext durch den
Sprecher; aus diesem Zusammenspiel von überliefertem Wort. Kontext des
Sprechers und der Sprecherintention dürfte sich die Aufforderung, die vor
der ki kö >ämar yhwh-Formel steht. ergeben bzw. nachvollziehbar sein; aus
dem schon als autorisiert geltenden Material kann so etwas Neues erschlos-
sen werden. das dann Anteil an der Autorität des Materials aus der Tradi-
tion gewinnt. Ein idealtypischer Fall für diesen Vorgang ist das ehemals
selbständige Wort Am 5,4-5* (s.o.); unter der Anwendung eines traditio-
nellen Jahwe-Wortes schafft Amos durch den Bezug auf seine Gegenwart
und um seine Kritik an der Kultpraxis auszudrücken ein neues Wort; das
Wort erfährt seine Legitimation durch den Rückgriff auf das Jahwezitat. die
durch Amos neu hinzugefügte Aufforderung bzw. Applikation zielt auf sei-
ne Gegenwart und ist Ausdruck der Aktualisierung des ihm vorliegenden
Wortes.
b) Des Weiteren dienen durch ki kö >ämar yhwh-Formeln eingeleitete
Texte dazu, durch weitere zusätzliche Begründungen zu bestehenden DI-
REKTIVEN neue Akzente zu setzen. um Weiterführungen, Präzisierungen.
Aktualisierungen vorzunehmen. Dies ist ein häufig bei redaktionellen Nach-
trägen angewandtes Verfahren, ein typisches Beispiel dafür ist Jer 29. Gera-
de bei diesem zweiten Anwendungsfall tritt zuweilen das Problem auf. dass
sich die ki kö >ämar-Formel bezüglich ihres Bedeutungsgehaltes (will sa-
gen: Bekanntes anzeigend) stark auf den Leser richtet; es ist. wie auch bei
manchen erzählenden Texten (vgl. Jos 7,13. Kap. 5.3.3). dann so. dass nicht
innerhalb des Plots einer Erzählung bzw. eines kleineren Textes auf etwas

,•• Nur zwei weitere Belege gibt e~. die nicht Jahwe als eigentlichen Sender haben (Am
7 .II und Jes 36.16); beide stehen allerdings auch in prophetischem Kotext.
1• 7 Das ChrG kennt den Gebrauch dieser Formel merkwürdigerweise nicht.
242 Die kö 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Bekanntes gezielt wird, 1"" sondern auf der Text-Leser-Ebene die Verknüp-
fungsleistung des Lesers stärker beansprucht wird; auf der Grundlage der
Kenntnis größerer Kotexte hat er Zitiertes parat zu haben, auf das dann im
Text Bezug genommen wird; 1 ~·· dies mag besonders für Beobachtungen bei
Tritojesaja gelten, die die Lektüre des Prolo- und Deuterojesajabuches vor-
aussetzen.
In beiden Fällen a) und b) ist nun der entscheidende Punkt, dass der
Vorgang des Zitierens durch die Formel explizit gemacht wird. Das unter-
scheidet diese Stellen von vielen anderen, in denen - ohne dass es explizit
ausgewiesen wäre - ebenfalls Zitate vorkommen oder in denen auf Be-
kanntes angespielt wird; 1 ~ man sollte hier von impliziter (Anspielung auf
Texte ohne Markierung) und expliziter Intertextualität (mit der kf ko 'ämar-
Formel eingeführte Zitate) sprechen. 1 ~ 1 Die explizite lntertextualität setzt
bewusst und für jeden erkennbar Texte miteinander in Beziehung; sie ist
daher, sofern es sich um religiöse Texte handelt, mit der Begrifflichkeil von
Smend gesprochen, Zeichen von Theologie, von theologischer Reflexion im
AT. 1 ~! Die häufige Verwendung dieses theologischen Reflexionsmittels im

1"" ln Am 7,10-17 z.B. funktionien die ki kö 'änrur-Formel ganz innerhalb des Gesche-

hensplots: Dem Leser wird vor Augen gefühn. dass Amos nach Ansicht des Amazja Ver-
werfliches verkündigt hat. in Am 7.II wird - auf der Erzählebene gedacht - ein Amoswon
zitien (unabhlingig davon. ob es historisch echt ist). Der Leser jedenfalls muss nichts von der
Verkündigung des Amos wissen. um die Formel zu verstehen. er wird durch die Erzählung
dahin gefühn. dass ein mit ki kö 'iinrur eingeleitetes Zitat im Kotext von Am 7.10-17 sinnvoll
ist.
1 ~" D.h .• das Erkennen einer sinnvollen Verwendung der ki kö 'ämur-Zitatformel wird er-

leichtert durch die Kenntnis des Zitienen. ln diesem Prozess ist somit das Wissen des Lesers
gefragt. der stlirker in das Entschlüsseln der sprachlichen Elemente eingebunden ist als bei
einem Text wie Am 7.10-17.
I)() Zitate gibt es natürlich auch ohne ki kö 'änrar-Formel; doch kommt es darauf in unse-

rem Zusammenhang, innerhalb dessen nach der Bedeutung von kli 'iimur-Formeln gefragt
wird. nicht an. ln die Gesamtüberlegung. dass bei den Propheten und Redaktoren insgesamt
zitien. aufgenommen. abstrahiert. zusammengefasst und umgeformt wird. müssen solche
Überlegungen allerdings einbezogen werden: dies wäre aber ein eigener Untersuchungsge-
genstand.
1 ~ 1 Man könnte hier auch mit Assmann von Ansätzen eines hypoleptischen Diskurses. ei-

ner anknüpfenden Aufnahme. sprechen. in dem auf Texte aus der Vergangenheit in der Form
einer kontrollienen Variation Bezug genommen wird; durchaus wird mit den ki kö 'ämur-For-
meln an vergangene Texte angeknüpft. vgl. Assmann. Gedächtnis. 282-289. Es spielt dabei
keine Rolle. ob diese Texte schriftlich oder mündlich vorliegen. entscheidend ist. dass sie im
Medium der Schrift oder im Medium der Oralilät im Gedächtnis bewahrt wurden: in einer
zeitlich .. zerdehnten Sprechsituation" (Ehlich. Text. 32) zu ihnen. in einem neuen situativen
Rahmen kann dann auf ihr Sinnpotential zurückgegriffen werden. Dieser hypoleptische Dis-
kurs spielt sich noch vor bzw. in der Kanonwerdung ab. Im Vergleich zu großräumigen hypo-
leptischen Prozessen wie der Herausbildung klassischer philosophischer oder dichterischer
Texte in der griechischen (oder abendländischen) Kultur sind die hypoleptischen Prozesse.
die über die kf kö 'iinrar-Formeln zu greifen sind. wesentlich kleinräumiger.
1 ~ 1 Auf die oben schon einmal angefühnen und durch Smend benannten .. Kennzeichen

von Theologie" im AT sei hier noch einmal verwiesen: Das .. Denken in und [die) Bildung
Gestalt und Funktion der kö 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 243

Bereich der Prophetie ist einer der Gründe, die zur These von der Prophetie
als Theologie geführt haben.
Diese explizite Intertextualität lässt sich nun bis in die Zeit der Schrift-
Propheten zurückverfolgen (Amos, Jeremia, vorexilische Redaktionen im
Amos-Buch). Diese explizite lntertextualität konvergiert mit einem schon
häufiger beobachteten Phänomen: Die Propheten greifen mit Vorliebe frem-
de Gallungen auf, prägen diese um, parodieren. imitieren, adaptieren sie
(vgl. Kap. 2.4). Auch diese Vorgänge sind Formen der Intertextualität, Wil-
pert spricht von .. Großformen" der lntertextualität; 1 ~' gemeinsam ist allen
Formen der Intertextualität das Anknüpfen an etwas Gegebenes. das pro-
duktive Weiterbearbeiten von schon Bestehendem. Diese in verschiedener
Form gepflegte Intertextualität kann m.E. als ein (ein, nicht das!) Charakte-
ristikum israelitischer Prophetie angesprochen werden; außerdem ist solche
Intertextualität auch zu den Kennzeichen von Theologie im AT zu zählen;
sie ist Ausdruck eines dem Bild vom Propheten als Boten völlig entgegen-
gesetzten Denkmusters. nämlich Ausdruck einer produktiven und kreativen
lntellektualität, die im reflektierten theologischen Prozess zu Aussagen im
Namen Golles kommt, ohne eine spezielle Wortoffenbarung an den Pro-
pheten vorauszusetzen.
So wird man sagen können, dass die Epoche der Prophetie nicht nur
durch ein einziges Mitlei gekennzeichnet ist. wie die Propheten zu ihren
Aussagen kommen; Westermann (s.o. Exkurs I) vor allem halle dies ja an-
genommen mit seiner Vorstellung. dass die Epoche der Prophetie gekenn-
zeichnet ist durch die besondere Offenbarungsweise der vermitleiten Of-
fenbarung: Goll spricht zu den Propheten. die als Boten Goues das empfan-
gene Wort den Menschen weitersagen. Aber genauso wenig, wie die Epo-
che der Prophetie nach hinten abzugrenzen ist. wenn man das Weiterwach-
sen der prophetischen Bücher als nicht weniger prophetisch ansieht als die
auf die historischen Propheten zurückzuführenden Texte - diese Position
kommt ja in den Begriffen der prophetischen Prophetenauslegung bzw. der
Tradenten-Prophetie (Steck, s.o. Kap. 2.3.3.1) zum Ausdruck -. genauso-
wenig ist die Epoche der Prophetie aufgrund der Vorstellung einer eigenen
Offenbarungsart der Propheten nach vorne abzugrenzen: Wenn einige der
großen vorexilischen Propheten bereits neues Jahwewort auch durch Ausle-
gung - explizit aufweisbar durch die ki ko 'ämar-Formeln - gewinnen,
dann reicht die Epoche der Auslegung bis in die Epoche der Prophetie hin-
ein. dann kann auch diese Art. zu Aussagen im Namen Goues zu kommen.

von größeren Zusammenhängen" sowie .. ein Denken. das sich bei den religiösen Aussagen
verstärkt bestimmter Begriffe bedient. das Sätze bildel. die dahin tendieren. Lehrsätze zu sein.
das argumenliert und das gegebene Texte interpretiert". so Smend. Theologie. II I. Es wäre
wohl hilfreich. in diesen Prozess die Aufnahme von Bild- und Motivgut einzubeziehen; auch
hier zeigen sich Aufnahmen und Umprägungen. vgl. Keei/Uehlinger. Miniaturkunst. 19-23.
1" SWL (Art. lntertextualitäl). 417.
244 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

nicht zur Epochenabgrenzung herangezogen werden (vgl. Kap. 7 und Ex-


kurs 4).

6.2.3 läken ko 'ämar-Formeln

Die läken ko 'ämar-Formeln sind gegenüber den ko 'ämar-Formeln durch


das Element läken erweitert; dieses Element bringt - wie das ki bei der ki
ko 'ämar-Formel - eigene Bedeutungsaspekte in die Formel ein. läken setzt
sich zusammen aus ken/so und der Präposition 1'; 1 ~· der beste Übersetzungs-
vorschlag lautet: darum. In syntaktischer Hinsicht kann läken satzeinleitend
sein."' läken steht als Näherbestimmung der Satzaussage. hat daher adver-
bialen Sinn; 1 ~ außerdem bezieht sich läken inhaltlich zurück auf das Vorhe-
rige; man kann es daher am besten als Pronominaladverb 1 ~ 7 auffassen. 1" Ins-
gesamt stellt es also eine explizite Verknüpfung des Folgenden mit dem
Vorherigen her, die das Folgende als eine Konsequenz des Vorherigen er-
scheinen lässt.
Wie die Übersicht in Kap. 6.1 (S. 206) zeigt. kommen läken ko 'ämar-
Formeln in der Schriftprophetie häufig vor, wesentlich häufiger als in den
erzählenden Büchern des AT ( vgl. Kap. 5.3.5). Die Funktionen der läken ko
'ämar-Formel sind vielfältiger als die der kf ko 'ämar-Formeln. Bei der
Analyse dieses Formeltypus ist - wie bei den kf ko 'ämar-Formeln - ein
Vorverständnis zu vermeiden, das durch die Interpretation der unerweiter-
ten ko 'ämar-Formeln als "Botenformeln" gekennzeichnet ist und dazu füh-
ren könnte, dass die läken ko 'ämar-Formel aufgrund des ko 'ämar-Teils
der Formel in den Zusammenhang eines Botenvorgangs gestellt wird. Da-
her soll wiederum jeder Beleg möglichst unvoreingenommen auf die Funk-
tion der Formel hin untersucht werden.
Beginnen will ich mit Belegen aus dem Amos-Buch:

1,. Vgl. HAL II, 504. Andere gehen von einer Kombination von keu und ..deiktischem
Iu" aus. vgl. Gesenius, Handwörterbuch. 351.
1 ~'lcike11 findet sich mehrlach in der transphrastischen Verbindung yu'u11-läke11.
1'• Den adverbialen Sinn bringt die Komponente ke11 als Demonstrativadverb mit sich: zu
ke11 vgl. Gesenius. Hebräische Grammalik. 306: Meyer. Hebräische Grammalik. [LU]: Joü-
on/Muraoka. Grammar. 332: vgl. auch Mosis. Wiederherstellung. 252-254.
1' 7 Zu dem Begriff vgl. LSW (Art. Pronominaladverb). 615.

I<X Die hier vorgetragenen Überlegungen zur Bedeutung von leikeil gehen zuerst für den
vorliegenden Verwendungszusammenhang (/äke11 mit folgendem Verbalsatz): die Frage. ob
leikeil in anderen Kotexten noch andere Funktionen haben kann. bleibt einer alle Verwen-
dungsfälle umfassenden Grammatik von lcike11 vorbehalten.
Gc!stah und Funktion dc!r J.:ö 'ämar-Fonneln bei den Schriftpropheten 245

Am ·'·9-11 ~i'?~~ C~l~r;l rl~~ iliJ'?"l~-"~1 i~"lt7~~ iliJQ"l~-"~ lll'r;l~;:t 9


c·p~qjP.1 :1:ti.i::;l ili::! ilb1:ir,l ~-,~ 1iir,ltv ''1:-;r-"~ ~::li:?~0
itD1 09r;1 c·!~i~::r :·q;;~-c::~~ :1r;1:,rn~t:JP. ~.lJ\:""N?1 10 :;,~-,i'~
rl~::r ::·::;:9~ .,~ ;;!;;~ ·~.,~ iQ~ :t:;, p~ 11 :c:r;::-.iJ~?"l~~
=Ti;li~Q"l~ H=:!~11!~ 1~Q ,"")i:·q
V. 9 Lasst es hiiren iiber den Palä.Jtell in Asdod tmd iiber den Palä.Jten im Land
Ägypten und sprecht: Saumreit euch auf den Bergen Samarios und selrt die
wh/reichen Unruhen in ihm und die Unterdriid.:ungen in seiner Mille. V./0
Und sie verstehen nidll. das (Gerade =J Re,·hte :.u tmt. Spruch Ja/ures . .Jie
hliufen an Ge1•·alllat und Umerdriickung in ihren Palästen. V./1 Darum: So
spricht mein Herr Jahn·e: Eiu Feind ll"ird das Land umzingeln.'~'' und er reißt
deine Macht 1'1111 dir hemlller..w dass deine Palä.~te geplündert ll"erden.

Die Verse Am 3.9-4,3 führen exemplarisch aus. was in Am 3,1-2 als all-
gemeines Unheilswort zusammengefasst ausgedrückt war: Am 3,9-11 the-
matisiert die Unterdrückung in Samaria, Am 3,12-15 und 4,1-3 ..die Men-
ge der Häuser" und die vornehmen Frauen von Basan. 1110
Zunächst ist festzuhalten. dass die läken ko 'ämar-Formel hier nicht zu
Beginn eines Prophetenwortes steht. sondern nach einer Situationsschilde-
rung. In dem Text Am 3.9-11 folgt im Anschluss an die Situationsschilde-
rung eine aus der Analyse dieser Situation gezogene Konsequenz. Die For-
mulierung der Konsequenz beginnt mit der läken ko 'ämar-Formel; sie
knüpft mit dem Element läken explizit an das Vorherige an und weist den
nachfolgend formulierten Schluss als Jahwewort aus; wie die weiteren Be-
lege zeigen werden. ist dies typisch für läken kö 'ämar-Formeln.
Interessant ist hier der Ablauf des Textes: In VV.9-11 werden in einer
Art Heroldsinstruktion fremdländische Völker (Asdod. Ägypten) aufgefor-
dert."' sich ein eigenes Urteil über die Verhältnisse in Samaria zu bilden.
Wie Jeremias hervorgehoben hat. benutzt der Text hier - wie in Am 3,2 -
das Verb l.11' ... um die Offensichtlichkeit von Verstößen gegen das Recht
hervorzuheben; man wird ihrer auch ohne Kenntnis spezifisch biblischer
Rechtstraditionen gewahr".' 61 Das Unrecht in Samaria ist also so groß, dass
es sogar die Nachbarvölker erkennen können. Wenn das Unrecht nun aber
für die Nachbarvölker so augenfällig ist. dazu von Am 3.2 her schon klar
ist. dass alle Verfehlungen von Jahwe geahndet werden, bedarf es dann ei-
ner - wie Gunkel meinte. s.o. Kap. 2.1 - geheimen Offenbarung (an den
Propheten). wie die Einleitung durch läken kö 'ämar yhwh vermuten lassen
könnte, um den Schluss von V.ll zu ziehen? Kann man die Konsequenz

'''' Zur Übersetzung vgl. BHS (zur S1elle) und Jeremias. Amos. 37.
""' Vgl. Jeremias. Amos _,-6, 152.
'" Vgl. Jeremias. Amos. 39.
"~ Jeremias. Amos. 40.
246 Die ko 'ämar-Fonndn bei den sog. Schriftpropheten

nicht aufgrund der Kenntnis des Tun-Ergehens-Zusammenhangs ziehen?'"'


Auf einen solchen Zusammenhang weist das Leitwort Paläste. das durch
sein Vorkommen sowohl in der Situationsschilderung als auch in der Straf-
ankündigung anzeigt. dass der Ort der Schuld auch der Ort der Strafe sein
wird. dass sich also das Ergehen nach dem Tun richtet.'"' Dann ist die
Funktion der läken ko 'ämar-Formel nicht die. eine besondere Offenbarung
einzuführen, sondern die Formel dient dazu. den Schluss. der aufgrund der
Kenntnis der Situation und des theologischen Bewertens der Situation (un-
ter implizitem Rückgriff auf Tradition?) gezogen wurde. als durch Jahwe
autorisiert darzustellen. Als Gotteswort wird dann durch diese Formel be-
zeichnet. was aufgrund theologischer Reflexion als Wort/Willen Gottes er-
kannt wurde.' 6~ Da der mit der läken ko 'ämar-Formel eingeleitete Schluss
so geformt ist. als sei er aus der Situation gezogen. die unmittelbar davor
thematisiert ist, dürfte das 'ämar aus der Formel präsentisch zu verstehen
sein.
Ähnlich wie in Am 3.11 ist die läken ko 'ämar-Formel in Am 5.16 zu
sehen:
Am5.16- ·~'1~ n~:;J~ ·:::;'?~ :-tp~ i~-;,:> p7 16
17 i:-t-i:-t ~i~~· ni~1ii_.,::r:t1 ,~Q ni::JMT"~:;.
:•;:t~ '.!t;i•--,~ i;lyQ1 ":;;~--,~ if~ 1K!f?1
=:-tJ:-t~ i~ 1 ~:P~ i:;~tr·~ ,~9 Q o·Q:~"""':t=t1 11
V./6 Darum: So spricht Jahwe. der Gott der Heersdwren. mein Herr: Auf
allen Pllit:.en ist Klage. auf allen Straßen schreit man: Weh' Weh! Und man
ntft den Ackersmann zur Trauer und (:.ur) Klage die des Klagegemngs Kwrdi·
gen. V./7 Und in allen Weinbergen i.!T Klage. denn ich 11·ill durclr deine Mitfe
schreiten. sagt Jalr-...·e.

Am 5.1-17 (s.o.) ist geprägt von einer Totenklage im Qina-Metrum in V.2f.


nachdem schon Am 5,1 explizit auf die Totenklage hingewiesen hat; der
Text setzt also das Faktum der Totenklage voraus. das nun in V.16 erneut
aufgenommen wird. Dazu ist wiederum keine besondere Offenbarung not-
wendig. Gegenüber dem Anfang wird hier unterstrichen. dass die Totenkla-

16 ' Zum Tun-Ergehens-Zusammenhang vgl. Michel. Israels Glaube. 22~-251; Rad. Weis-

heit und Preuss. Weisheitsliteratur. jeweils mit Lit.! Für die neuere Diskussion vgl. Janowski.
Tat: Oorschot. Weisheit.
'"' Darauf hat schon im Anschluss an Wolff Jeremias. Amos. 40. verwiesen.
'"' Es ist schwer zu sagen. ob hier ein Wort des Amos oder ein späterer Nachtrag vor-
liegt. Der Rückgriff auf die Ganung der Heroldsinstruktion spricht m.E. eher für Amos. da es
für Amos bzw. alle großen Propheten durchaus typisch ist. vorgegebene Ganungen aufzuneh·
men und in den Dienst ihrer Verkündigung zu stellen: auch ist die inhaltliche Nähe zu Am .~.2
auffällig. Andererseits weist Jeremias. Amos. ~9 Anm. 9 auf folgenden Sachverhalt hin: .. Bei
3.9-11 fällt die im Amosbuch ungewöhnliche Häufung an Abstraktbegriffen auf. so daß die
Einheit auch als überschriftartige Einleitung der Samariaworte gebildet sein könnte (Flei-
scher>:·
Gestalt und Funktion der kö 'ämur-Formeln bei den Schriftpropheten 247

ge .. schlechterdings umfassend" ist 11"' und sich all das Geschilderte nicht in
Abwesenheit Jahwes ereignet. sondern deshalb, weil ich [Jahwe] durch die-
ne Mitte schreiten will. Die Assoziationen. die sich bei dieser Aussage ein-
stellen. hat Jeremias bereits genannt: Das Exodusgeschehen einerseits, die
3. und 4. Vision des Amos andererseits. Auch auf die nochmalige Abrun-
dung als Jahwewort hat Jeremias schon verwiesen und damit seinem Emp-
finden Ausdruck gegeben. dass der Text VV .16-17 eher resümierenden
Charakter hat. 167 Dies passt zur konzentrischen Struktur von Am 5.1-17. die
- linear gedacht - im letzten, periphersten Teil des Textes kaum die Haupt-
aussage vermuten lässt. Die Formulierung des Schlussstücks Am 5.16-17
als Jahwewort, von einer Iaken kö 'ämar yh»·h-Formel ein-, durch ein
'ämar yhwh ausgeleitet, soll nur wiederum die vorgetragenen. von der Tra-
dition (Exodus) und dem Kotext (Visionen) bestimmten Erkenntnisse als
Jahwewort autorisieren, ohne dass eine bestimmte Wortoffenbarung bzw.
Botensituation vorauszusetzen wäre; auch liegt eher eine Art Reflexionstext
vor. der als resümierendes Schlussstück [und konzentrisches Gegenstück zu
V.(l)-2) in den Textablauf von Am 5,1-17 eingebaut ist. vielleicht sogar
eigens für diesen Text komponiert wurde; die umgekehrte Entstehungsfol-
ge. dass also etwa Am 5,2 als prophetische Predigt aus Am 5, 16-17 entwi-
ckelt wurde, scheint mir aufgrund der Eigenständigkeil und Aussagekraft
von Am 5,2 bzw. des wiederholenden, resümierenden und traditionsaufneh-
menden Charakters von Am 5.16-17 nicht wahrscheinlich.
Die Funktion der läken kö 'ämar yhwh-Formel in Am 7,17 liegt auf
einer ähnlichen Linie wie die Funktion derjenigen in 3,11 und 5,16:
Am ;,p~-i:;l") lJQTJl :-Ti;I.P1 16
7.16-17
:pry~~ n·~~.P ='1'~0 ~;l '?~'")~~-'?.p ~:;:~~;:1 ~; iQ~ :1t;l~
;,;~i:l i',?~ ii;i~~ ;,p~ iQ~-;,::, p'( 17
P7;:tt:' '?~ry; 1:;'ll;l"1~1 'I'?~~ ~liJ~ i'~J:;'I 1'~:;1'1
=t"'\Ql~ '?.PQ :17.r ;,;~ .,~'"!~~, .-w~i;\ ;"l~Q.~ :1r;ll~...,.P :ii;\~1
V.l6 Und jetzt. hiire das Won Jalnres: Weil du gesagt hast: Trill nicht als
Prophet auf gegen Israel und geifere nicht gegen das Haus lsaak. V.l7 darum:
So spricht Jalnn•: Deine Frau u·ird in der Stadt zur Hure u·erden. deine Siihne
und Tiichter u·erden durdrs Schu·ert fallen. dein Boden u·ird mit der Me.u-
sclmur ••erteilt 1rerden. und du •rint 01!{ unreinem Boden sterben und Israel
mus.t ins Exil, ll"eg 1'11/1 seinem Boden.

Mit V.l6 beginnt die eigentliche (Signal: ii~.Pl> Erwiderung des Amos auf
Amazja; nach der Redeeinleitung bzw. der Aufforderung. das Wort Jahwes
zu hören, folgt zunächst ein Nominalsatz, der die Sachlage. die Situation
angibt, an die Amos anknüpft; mit V.l7 schließt sich als Folgerung ein
Wort Jahwes über Amazja an. Bei dem Nominalsatz handelt es sich um

'"" Jeremias. Amos. 73.


,., Vgl. Jeremias. Amos. 73.
248 Die kö 'ämar-Forme1n bei den sog. Schriftpropheten

eine Nominale Mitteilung' .. mit den obligatorischen Gliedern ir;;~ (inde-


terminiertes Glied, Chabar. in Zweitstellung) und ;'i~~ (determiniertes
Glied, Mubtada, in Erststellung); der Verbalsatz (Tritt nicht als Prophet auf
gegen Israel und geifere nicht gegen das Haus /saak) steht als Objektsatz
zu ir;;~. Die Satzteilfolge des Nominalsatzes ist hier die eines abhängigen
Satzes. es liegt ein Temporalsatz vor."" der dem läken ko 'ämar yhwh aus
V .17 vorgeordnet ist; der Temporalsatz dürfte hier als Begründungssatz ste-
hen. daher die Übersetzung mit weil. V .16 gibt die Situation an. aus der
V.l7. eingeleitet mit der läken ko 'ämar yhwh-Formel. die Konsequenz
zieht.
Diese Konsequenz ist in engem Anschluss an den Gesamtkotext von
Am 7,10ff. formuliert. Die angekündigten Leiden zu Beginn von V.l7 (öf-
fentliche Schmach der Frau; gewaltsamer Tod der Kinder; Verlust des
Grundbesitzes) "sind nur Vorspiel für das denkbar härteste Geschick eines
Priesters: Tod auf unreinem Boden. d.h. im Land der Gottesfeme, in dem es
keine Möglichkeit zu kultischem Gotteskontakt gibt (vgl. genauer: Hos
9.3ff.)"; doch .. ist dieses harte Geschick nur herausgehobene Erfahrung des-
sen. was ganz Israel treffen wird", 11" die Wegführung ins Exil. wie sie in
V .17 an den Schluss der Fluchworte 111 gesetzt ist. Durch die syntaktische
Konstruktion Temporalsatz (V.I6) + läken ko 'ämar yhwh mit dem Jahwe-
wort über Amazja (V .17) wird dieses Jahwewort über Amazja eng auf die
Problemkonstellation von Am 7 ,I~ 17 bezogen; es ist daher kaum unab-
hängig von diesem Kotext zu denken. Hinzu kommen weitere Verknüpfun-
gen wie die Wiederholung von V.IIb in V.I7. So ist V.17 aufgrundseiner
Verflochtenheit mit dem Kotext kaum als ursprünglich selbständiger Amos-
Vers zu deuten, sondern dem Verfasser von Am 7.1~17 zuzuschreiben
(zur Datierung von Am 7.1~17 s.o.). 171

1"" Vgl. zur hier vorausgeseczcen Nominalsalllheorie Michel. Jahwe: ders .. Probleme des

Nominalsaczes: Wagner. Sprechakle. DS-140: Michel. Grundlegung 2.


11'' Zum TemporalsalZ vgl. Kuhr. Hypolaxe: Diehi/Diesei/Wagner. Ps 29. 472-175: Mi·

chel. Grundlegung 2 passim.


17" Jcremias. Amos. II I.
111 Den Anklang an ahoriencalische Flüche hal schon Wolff gesehen. vgl. Wolt'f. Jocl und

Amos. 363-364.
m Terminologisch klingen hier 2.Kön 17.D (iA' ;,-p~~ ~~\~ ?~r;;l .,~:~· "'n
:i!.0 i::~';'J) und 2.Kön 25.21 (1~\~ ?,?r,) :i)~:"i~ ?~'))an. was auf einen Zusammenhang
mil diesen Texcen weisen könnle. Doch isc ein zeillicher Bezug schwer herzuscellen. Werlicz.
Amos. 248-249 plädien ebenfalls für eine Enlslehung .. in der Nähe der deuceronomiscischen
Theologie" (a.a.O. 249): ..einem Schüler des Amos aus dem 8. Jh. v. Chr." will er den Texl
nichc zuschreiben. dagegen sprechen s.E. zum einen Beziehungen zum Deuleronomismus.
zum anderen die .. Komplexiläl" der Erzählung (a.a.O. 250). Auch wenn Werlicz Reche mil der
Beobachcung hal. dass die exilisch-nachexilische Zeil als eine .. Phase enormen cheologischen
Retlekcierens" (a.a.O. 250) zu wercen isl. so kann doch der früheren Zeil nichl grundsäczlich
die Möglichkeil zum komplexen Retlekcieren abgesprochen werden. Dies scheine mir also
kein schlüssiges Argumenc gegen die Annahme eines vorexihschen Amosschülers zu sein.
Gestalt und Funktion der kii 'amar-Formeln bei den Schriftpropheten 249

Im Micha-Buch gibt es nur einen Beleg mit läken ko 'ämar (Mi 2.3):
Mi:U [... ) i:l~~::l~~r;-?~ l'l .,~5:)~ n~-·:;:;t?n ·;;"!
[... 1 ~~~;1 i:l'i'\:;~ ~"m :ii"'T~ ~,9iJ1 2
:-:p~ ir;l~ :1:::, p'? 3
:~·;:r :1-\'l ii-l/ ·::p [... ) :"1-\'l ~~0 :":i'J~7il0-'?~ ::lQh ·~p
V./ Weh· die Unheil (eninnen} planen und Biises tun auf ihren Lagern[ ... ).
V.2 Sie begehren Äder und reißen (sie} an sich. und Häuser. und sie nehmen
(sie} [... ). V.3 Darum: So spricht ( '} Jahwe: Ich bin im Begriff gegen diese
Sippst·haft Biises zu ersinnen [... ]denn es ist eine biise Zeit.
Zunächst findet sich hier die von den Amos-Belegen her bekannte Struktur:
Situationsschilderung (V .I Weheruf und V.2 Erläuterung). dann mit läken
ko 'ämar eingeleitete und als Jahwewort formulierte Konsequenz (V.3). 17 '
Hinsichtlich der Verhältnisbestimmung von Situationsschilderung und
dem mit läken ko 'ämar eingeleiteten Textteil gibt es m.E. drei Verstehens-
möglichkeiten:
i) Führt man den Text auf Micha zurück und setzt man hier ein empfan-
gen gedachtes Wort bzw. ein Offenbarungserlebnis voraus. das in V .3 sei-
nen Niederschlag gefunden hat. dann könnte Micha in erläuternder Absicht
den Weheruf vorangestellt haben. 1H So würde sich jedenfalls der Umstand
erklären. dass nur V.3 durch die Einleitung mit der läken ko 'ämar yhwh-
Formel als Jahwe-Wort ausgewiesen ist. nicht aber V. I und 2; V.3 mit sei-
ner eher allgemeinen Drohung wäre so durch VV.I-2 konkretisiert und auf
die angesprochenen sozialen Vergehen bezogen.
ii) Eine zweite Verstehensmöglichkeit wäre die Annahme. dass der Text
Mi 2.1-3 ohne speziellen Wortempfang zu sehen ist. Dem Text könnte fol-
gender Gedankengang zugrunde liegen: Weisheitlieh denkend wird gese-
hen. dass das Vergehen des Menschen (Weheruf). gemäß dem Tun-Erge-
hens-Zusammenhang (s.o.). ein korrespondierendes Vergelten durch Gott
hervorbringt; diese Vergeltung ist nach läken ko 'ämar als Jahwewort for-
muliert. Solchermaßen weisheitlichem Denken entsprungen wären der We-
heruf und die läken ko 'ämar-Formel sozusagen gleichursprünglich. Das
könnte sowohl für Micha als Verfasser wie für einen Späteren gelten. Ge-
gen diese Deutung spricht allerdings die Form von V.l f. der als Weheruf
eine in sich abgeschlossene und mit einer bestimmten Bedeutung aus-
gestattete Form darstellt und so eine Spannung zur Konsequenz (V.3) mit
sich bringt (Wolff. s.u. iii). Bei einer gleichzeitigen Entstehung beider Teile
des Gedankenkomplexes (Vergehen und Vergelten) hätte eine solche Span-
nung leicht vermieden werden können. 17 '

'" Vgl. zur Textabgrenzung von Mi 2.1-] und zum Aufbau Kessler. Micha. 112-114.
17 •Nach dem Denkmodellzur Prophetie von Schmidt. Zukunftsgewißheil (Studien).
1 " Poetische Gründe für eine solche. dann gewollte. Spannung sind nicht zu erkennen.
250 Die kö 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

iii) Der Textabschnitt Mi 2.1-3 kann als Parallele zu Am 5 gesehen


werden: Mi 2,1 beginnt mit einer Wehklage, ähnlich wie Am 5.2 mit einer
Leichenklage; in beiden Texten wird dem Hörer/Leser (durch die Einlei-
tung in Am 5,1. Qina-Metrum in Am 5.2. durch 'i:1!Wehe bei Micha) sug-
geriert. dass er als Toter beklagt wird. obwohl er noch lebt. 17h Das im ange-
fügten Gotteswort angekündigte Unheil (Mi 2.3: Ich bin im Begriff gegen
diese Sippschaft Böses zu ersinnen bzw. denn es ist eine böse Zeit) kann so
das bereits Gesagte eigentlich kaum mehr überbieten. Wolff formuliert da-
her: ..Im »Wehe« nimmt Micha die Untergangsdrohung vorweg. die ihm
nach 3f. aufgetragen ist." 177 Da ansonsten in der Prophetie Weherufe auch
verwendet werden. ohne dass ein (läken) ko 'ämar yhwh folgt (Bsp. Am
5,18; 6,1; Jes 1.4; 29,1; Hab 2,6 u.a.), könnte man von dieser Beobachtung
ausgehend annehmen, dass das Gotteswort hier erst nachträglich hinzu-
komponiert wurde.
Inhaltlich wäre ein Nachtrag nachvollziehbar. da über das Stichwort
:li.:in ein Zusammenhang zwischen den bösen Plänen der im Weheruf Ge-
scholtenen und einem entsprechenden Planen Jahwes hergestellt wird; aus
dem Text wird so ein Paradigma für Böses planende Menschen. denen ein
entsprechendes und das Böse vergeltendes Handeln Gottes gegenüberge-
stellt wird. 17"
Als weiteres Argument für die Deutung von Mi 2,3 als Nachtrag. der
mit einer läken ko 'ämar-Formel angeschlossen ist, sei auf eine parallele
Formulierung bei Jesaja hingewiesen; auch in Jes 10.24 findet sich nach
einem Weheruf ein solcher Nachtrag:',.,
Jes 10.24- {V.5 Wehe- Asmr. dem Stock meines Z11ms ... j
26 i~o~~ 1i'~ ::::~" ·o~ ~Ti'\_.,~ ni~~~ :1!:":~ ·~-:~ iQtF-::;, i:;?~ 24
0~9 ii.Ir·~ 2s ==::~r.: Tn:;;l -:r'?..\r~tt: ~:"ii;ir;~:-i=i:;?: =~Q:;.
ii~~+ ;,p~ ,.7.1? i"'1i.lJ1 26 :~;:-.·'?:ti}-'?~ ·~~1 ~~t :-:~~1 i-\)\1;l
i~~; i:\Q ii~r;l=f Oiili
[... ] :::l"'1"•l1
V.24 Darwn: So spridlt mein Herr Jahu·e Zt>baoth: Fürchte dich nicht. mein
Volk, das Zion beu·olmt. vor A.uur. das did1 mit dem Stod .tchlägt und uinen
Stab gegen dich erhebt nach der Weise Ägyptens. V.25 Denn noch rin gan:
klein ••·enig. dann ist der Grimm 1•oriiber und mein Z11m (richtet sich) auf ihre
Vernichlllng. V.26 Und Jal111·e ZebcuJ/h u·ird gegen es die Geißel sdnl'ingen
ll'ie der Schlag Midiall.! am Rabrnfe/Jen [... (.

'" Vgl. Hardmeier. Texttheorie passim: Wagner. Sprechakte. J00-307: Kessler. Micha.
112-IIJ (Lit.!).
177 Wolff. Micha. 47.
17" ln die Richtung eines paradigmatischen und sehr artifiziellen Textes zielen auch die

Überlegungen von Ben Zvi, Wrongdoers und Dempsey. Micah 2-3.


,,., Vgl. auch z.B. die unten besprochenen Ezechiei-Belege. in denen die mit Ieiken kti
'cimar eingeleiteten Passagen ebenfalls Nachträge darstellen. wenn auch nicht nach Wehe-
rufen.
Gestalt und Funktion der kn 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 251

In Jes 10,24-26 steht ein mit läken kö 'ämar yhwh eingeleiteter sekundärer
Komplex nach einem Weheruf (VV.I0.5ff.); Jes 10,20 und 27 weisen sich
durch die Einleitung mit ~i:1:j oi~~ :1:iJi deutlich als Nachträge aus;'""
das Thema ist dabei unterschieden von dem der Situationsschilderung Jes
10,5ff. aus der Jes 10,24-26 die Konsequenz zieht: Geht es in Jes 10,5ff um
die Vermessenheit Assurs, will Jes 10,24-26 das Gottesvolk ,.angesichts
des erwarteten Ansturms der Weltmacht" beruhigen.'"' So dürfte es sich in
Jes 10,24 also um einen Nachtrag handeln, der mit Hilfe der läken kö 'ämar
yhwh-Formel formal einen Anschluß an ein voranstehendes Wehe-Wort
herstellt; das Wehe-Wort bildet dabei den Ausgangspunkt für die mit der
läken kö 'ämar yhwh-Formel angeschlossene Konsequenz; vom Weheruf in
VV .5ff über das Zuchtinstrument Assur ob seiner Vermessenheit ist es
nicht weit zu dem Gedanken. vor Assur bald keine Angst mehr haben zu
müssen. Der nachgeordnete Charakter des durch läken kö 'ämar yhwh ein-
geleiteten Gotteswortes als Ausgangspunkt der Denkbewegung tritt hier
also deutlich hervor. Da in Jes 10.5.24-26 und Mi 2,1-3 die Abfolge von
Weheruf und läken ko 'ämar yhwh dieselbe ist, könnte die Jesajastelle auch
eine analoge Analyse von Mi 2.1-3 nahelegen, nämlich von dem Wehe-
Wort aus zu denken und den mit läken kO 'ämar yhwh angeschlossenen Teil
als nachgeordnet zu betrachten. Diese Analogie einschränkend muss aller-
dings auch festgehalten werden. dass die Indizien für eine nachjesajanische
Komposition in Jes 10 deutlicher sind (~i:1i} oi~~ :1:iJi im Umfeld der
Formel, weiter auseinanderliegende Stellung von Wehe-Wort und mit läken
kö 'ämar yhwh angeschlossenem Teil) als in Mi 2,1-3.
Kessler hat für Mi 2.1-3 die Feststellung getroffen, dass es ein ,.verdich-
teter Text" ist, der keinen ..Einzelfall" aufgreift, sondern eine ..gesellschaft-
liche Tendenz" aufdeckt;'"~ dieser die Micha-Verkündigung resümierende
Charakter des Textes wäre durch die Möglichkeiten ii) und iii) am besten
erklärbar; bei ii) wäre die Korrespondenz von Unheil planen/tun und Ver-
gelten ins Allgemeine gewendet und durch die Form Weheruf/Jahwewort
ausgedrückt; bei iii) wäre ein möglicherweise auf eine konkretere Situation
gemünzter Weheruf (VV.l-2) durch die nachträgliche Ausformung des
korrespondierenden Jahwe- Verhaltens (V .3) erweitert worden; V .3 hätte
zudem einen resümierenden Zug eingebracht mit den deutlichen Hinweisen
auf die ..gesellschaftliche Tendenz" (denn es ist eine böse Zeit).

'"'' So auch Becker. Jesaja. 206. der den Text Jes I0.24-26 ebenfalls als auf Jes I0.5-15*
bezogenen Fonschreibungstext wenet.
1x 1 Kaiser. Jesaja ( 1-12). 232.
1 x~ Kessler. Micha. 119.
252 Die ko 'ämar-Fonneln bei den sog. Schriftpropheten

Jes '?~'"lt?~ \:iiiP, ir;~ :-::;, p7 12


30.12-14
;;r: i:;:1:; o~Q~;l w:
:1'7.;' ~JP,Qi:\1 Ti'?~1 pt;?ll=;! ~ili;):;ll"•1
:-r!::t 1,-;>:::J ~~7 :-r::r P7 13
i!~~t?; ii;Jin=;! i!~~~ .,~J rl~f
:;:!'")~~ ~t:J: 11~'7 :::l~i;l~-i~
'?brr ~? m.,~ ::·!~i· '?~~ i~Qf ;,'1~~~ 14
t:nr:r
i.il;-.~~~ ~::;;~~-~?1
=~~~Q =~~ =-;t1ry~1 ,~p~o o~ >lii"';:t"c
V.l2 Dartun: So spricht der Heilige /Jraels: Weil ihr dieses Wort 1•erachtet
habt und vertraut auf Bedrückung und Irrtum und euch darauf stüt:::t. V./3
darum 11·ird diese Schuld fiir euch sein ll'ie ein Ri.u. der sich senkt und vor-
schiebt an einer hohen Mauer. die von einem Augenblick ::.um anderen :::um
Einstur::. kommt. V. J.l Ihr Einstur::: ist 1rie da.! Zerbrechen wm irdenem Ge-
schirr. urseillagen ohne Mitleid und man findet in seinem Zerschlagenen keine
Scherbe, 11111 Feuer vom Herd(/tuer) :::11 holen und 11111 Wasser au.1 einem Teich
lll schiipfen.

In den Text Jes 30,8-17 (vgl. zu diesem Text auch oben Kap. 6.2.2) ist zwi-
schen die Aufforderung, "es aufzuschreiben" (V.8), die in VV.9-JJ be-
gründet wird, und zwischen eine weitere. durch ki kO 'amar eingeleitete Be-
gründung VV .15-17, in den VV .12-14 ein durch Ieiken ko 'amar yhwh ein-
geleitetes Wort eingeschoben. Der Text VV .12-14 (nach der einleitenden
Formel) erscheint als eine in sich geschlossene Einheit. denn er besteht aus
Scheltwort (V.J2) und Drohwort (VV.J3-14) und ist daher nicht von dem
Scheltwort aus den VV.9-JI abhängig. Dies stellt eine Besonderheit dar,
denn in anderen Fällen, etwa Jes 28,16, ~") leitet eine Ieiken ko 'amar yhwh-
Formel meist das Drohwort ein; dass hier nach einer Iaken ko 'amar yhwh-
Formel Schelt- und Drohwort stehen, ist singulär. Daher kann hier auch
nicht geschieden werden zwischen prophetischer Ankündigung und einer
Jahwe zugeschriebenen Drohung; Erkenntnis des Vergehens und Strafe bil-
den eine Einheit, die der Autorität Jahwes unterstellt wird. Da sich der Text
VV.J2-14 eng an den unmittelbaren Kotext anlehnt (das angesprochene
Wort aus V.J2 bezieht sich auf V.9 zurück; vgl. außerdem Stichwortver-
knüpfung über den Heiligen Israels zwischen V .II und 12). haben etliche
Ausleger hier eine literarische Bildung vermutet. 1 ~ Kaiser vermutet denn

IK.' Nach Kaiser, Jesaja (13-39). 199 stellen VV.I4-15 und 16aa.l7b.l8 ein ursprüngli-
ches Jesajawort dar; Barthel häll den Text auch für jesajanisch. nimmt allerdings die Heilsan-
kündigungen aus VV .16--17 als authentisch hinzu. denn: .. Das Unheil ist nicht Vorstufe oder
Voraussetzung. sondern Kehrseite des Heils ... Barthel. Prophetenwort. 326. Für dieses Wort
gilt für die Funktionsweise der läken kri 'ämar yh~<·h-Formel Ähnliches wie das für Am 3.11
Gesagte (s.o.); auch hier hat man den Eindruck. dass das Drohwort aus dem Schellwort ent-
wickell ist: .. Das Drohwort besteht inhalllich in einer einfachen Umkehrung der Aussagen des
Schellwortes. wobei fast ein chiastischer Aufbau des Ganzen entsteht." (Kaiser. a.a.O. 20 I).
1"" Vgl. Kaiser. Jesaja (13-39). 233: Becker. Jesaja. 255.
Gestall und Funktion der kri 'ämar-Formeln bei den Schriftpropheten 253

auch. dass es sich hier .. um ein Stück Prophetentheologie handelt, das, im


Rückblick auf die Katastrophe des Jahres 587 formuliert, den Zusammen-
bruch als Erfüllung der Worte Jesajas erscheinen lassen will"; oder ,.soll
man die V.l3f. und 16ff. in die Zeit zwischen 597 und 587 einordnen"?'''
So oder so, entscheidend in unserem Zusammenhang ist jedenfalls, dass
eine nachgetragene und durch ,.Prophetentheologie" gewonnene Erkenntnis
in die Form eines Jahwe-Wortes gekleidet wird, das durch läken ko 'ämar
yhwh eingeleitet ist. Jes 30,12-14 wird somit der Autorität Jahwes unter-
stellt. ohne dass die läken ko 'ämar yhwh-Formel hier ein empfangenes
Gotteswort voraussetzt; das deutlichste Indiz dafür ist die Kombination von
Schelt- und Drohwort nach der läken ko 'ämar yhwh-Formel.
Eine weitere läken ko 'ämar yhwh-Formel findet sich in Jes 29,22. ei-
nem Fortschreibungswort, das in den Kreis mehrerer Heilsworte in Jes
28-32 gehört."'" Diese Texte weisen sich dadurch als Fortschreibungen aus,
dass sie sich ganz stark ..auf den Kontext der Unheilsworte [aus Jes 28-32]
beziehen, dabei aber ein positives Gegenbild der dort geschilderten Zustän-
de entwerfen"Y7 Für Jes 29,17-24 erwägt Barthel eine Entstehung in ,.der
nachexilischen Zeit", denn es ,.treten die sozialen Probleme der nachexili-
schen Zeit hier stärker hervor (V .19-21 )"; außerdem vermutet er aufgrund
der rhetorischen Frage von V.l7 .. bereits ein Wissen der Hörer um die un-
mittelbar bevorstehende Heilswende [ ... ], das sich aus dem vorgegebenen
Jesajabuch speist".•~<~~ Kaiser denkt angesichts der genannten Gruppierungen
an die hellenistische Zeit als Entstehungszeit.""'
Jes 29.22 [V./7 Ist es nicht .w: noch eine kleine Weife und der Libanon u·ird :.um Frucht-
garren (... ).}
o;:tl:;~-~ :11~ i~~ ::~p~: .,.~--,~ ;,p~ iQI$-;,~ p? 22
=~i1iJ: ,.~~ :1i;l.V ~?1 ::!?~: ~;::::~ ;,r;.,v-~?
V.22 Darum: So spricht Jalru·e. der Abraham befreit hat. zrrm Haus Jakob: Ja-
kob soff sich jem nicht .tdrämen wrd sein Angesicht .wfl jem nidrr erblassen.

Der Text Jes 29,17-24 ist in gewisser Weise ein analog dem Schema von
Schelt- und Drohwort gestaltetes Heilswort: in einer prophetischen Situati-
onsschilderung (VV.I7-21) wird der erwartete Heilszustand ausgeführt. be-
vor V.22 ein durch läken ko 'ämar yln..-!1 eingeleitetes Jahwewort (VV.
22ff.) folgt; es steht anstelle eines Drohwortes im Unheilsspruch. Von der
positiven und zukünftigen Situationsschilderung her, die sich in VV.I7ff.

"' Kaiser. Jesaja ( 13-39). 233-234.


'"" Barthel rechnet folgende Texte zu diesem Kreis: Jes 29.17-24: 30.18-26: .~2.15-20:
28.5f. vgl. Barthel, Prophetenwort. 259.
" 7 Barthel. Prophetenwort. 259.
'"" Barthel. Prophetenwort. 262.
'"'' Vgl. Kaiser. Jesaja ( 13-39). 221. Becker. Jesaja. 245 beobachtet in Jes 29.17-24 ..eine
(mehrphasige) heilsprophetische releaure (. .. 1. die in einer besonderen Nähe zu dtjes. Vor-
stellungen steht".
254 Die kö 'ämar-Formeln bei den sog. Schriftpropheten

ausspricht, muss man schließen. dass für die Gegenwart. die V.22 im Blick
hat (;";~,P jetzt), diese Situation noch nicht besteht (sonst müsste sie ja nicht
erwartet werden); in dieser gegenwärtigen - nicht heilvollen - Situation
wird in V.22 nun gesagt, dass Jakob sich nicht schämen muss- obwohl es
wohl Grund genug gehabt hätte, sich zu schämen. Wie es typisch ist für
Texte nach läken kö 'ämar yhwh, wird in V.22 nach dieser Formel eine
Konsequenz gezogen: nämlich Trost für die Gegenwart aus der Zukunfts-
hoffnung. Die (positive) Zukunftshoffnung speist sich aus der Erkenntnis,
dass Jahwe, der Abraham befreit hat. der somit schon früher in der Ge-
schichte verlässlich und heilvoll handelte, dass dieser Jahwe auch jetzt - in
der Zeit des Textverfassers oder bald danach - wieder heilvoll handelt.''"'
Wird er in diesem Jetzt heilvoll handeln, so muss die Zukunft, wie VV. 17ff
dies schildern. positiv sein.
Der Text führt also das Thema der Selbigkeit Jahwes aus: Jahwe ist zu
trauen. in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; der Beweis, der in dem
auf Jahwe folgenden Relativsatz greifbar wird, liegt dabei in einem Rekurs
auf schon geschehenes Heilshandeln. Auf der Erfahrungs- und Erinnerungs-
Grundlage der Befreiung Abrahams und eingedenk der Vorstellung. dass es
immer derselbe am Menschen handelnde Jahwe ist, ist das Gedankengerüst
des Textes gewonnen. Die Bausteine dieses Gerüsts (vgl. z.B. Gen 12.10ff.;
Gen 20) sind dem Textverfasser aber aus der- zu seiner Zeit sicher schon
schriftgewordenen -Tradition bekannt.''"
Sach 1.16- {W.B-15: Die Reiter am Himmelstm·. erstes Nachtgesidll/
17 ;-r~:i~ ~o~-:1:, 1:;7 I6
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